Dezember 5 2021

Cop – Accounts

Lesedauer 6 Minuten

Die Bezeichnung Cop – Account ist mit den Sozialen Medien entstanden. Gemeint sind Angehörige unterschiedlichster Beschäftigungsbereiche der Polizei, vom uniformierten Schutzpolizisten, zum in Zivil tätiger/n Beamtin/Beamten oder Polizeiangestellten, ist da alles dabei. Unberücksichtigt lasse ich die, bei denen der Verdacht besteht, dass sie nur vorgeben bei der Polizei beschäftigt zu sein. Aber hinzu gehören Accounts von Gewerkschaften, Vereinigungen, Selbsthilfegruppen, Interessengemeinschaften mit Polizeibezug.

Was sich auf den Sozialen Medien diesbezüglich abspielt, war bis zu deren Entstehen völlig undenkbar. Zuvor gab es versierte Journalisten, die sich ein Netzwerk von, heute würde man sagen, Whistleblowern, unterhielten. Absolute Ausnahmen veröffentlichten ein Buch über ihre Erlebnisse und häufig wurde dies sehr kritisch gesehen, weil stets die Befürchtung bestand, dass die “andere Seite” Informationen aus diesen Veröffentlichungen ziehen könnten. Wurde bekannt, dass eine/r zu viel quatscht, beispielsweise um sich auf einer Party aufzuspielen, gab es was hinter die Ohren. Niemand kann bei professionellen Ermittlungen Leute mit Selbstdarstellungsbedürfnis gebrauchen. Ich kenne auch noch diesen Satz: “Wenn einer herausbekommt, was sich hier abspielt, wird es übel.” Seitens der Behördenleitungen gab es hierzu immer die Direktive: “All dies ist intern zu abzuhandeln, im Zweifel um Schaden von der Behörde abzuwenden.” Die Polizei unterliegt in allen Teilen dem sogenannten Linienführungsprinzip.

Ich denke, man darf sich bezüglich der Selbstdarstellung nichts vormachen. Es ist eine Tatsache, dass aus verschiedenen Gründen das Ansehen der Polizei, nachvollziehbar oder aus eher schrägen Eigenwahrnehmungen deutscher Bürger, abgenommen hat. Insbesondere gilt dies für die Jüngeren und damit geraten junge Vollzugsbeamte in eine für sie unbefriedigende Situation. Auch sie haben ein Geltungsbedürfnis und wollen nicht in der Ecke des “doofen Bullen”, erst Recht nicht in der Schublade “Rechter” landen. Ältere landen eher selten mit Polizeithemen in den Strudel der Plattformen.

Die Veränderungen der letzten drei Jahrzehnte vollzogen sich rasant und radikal. Polizei ist heutzutage öffentlich, wie sie es noch nie gewesen ist. Gleichzeitig haben radikale Teile der Gesellschaft und Minderheiten Publikationsmöglichkeiten, die mit alten Zeiten nicht im Ansatz zu vergleichen sind. Zum Beispiel traf noch in den 90ern die autonome Szene bei Straßenschlachten aufeinander, man ging auseinander, in der Zeitung wurde in den Wochen danach eine Spielkritik veröffentlicht, aber sonst hatte beide nichts miteinander zu tun. Jeder schmorte in seiner Wut und auch Hass in der eigenen Ecke, bis man wieder aufeinanderprallte. Heute ist dies anders. Nicht nur die Ereignisse werden dokumentiert, sondern die Protagonisten treffen auf den Plattformen aufeinander. Da es aber nicht um eine simple Hauerei geht, sondern bisweilen beidseitig mit äußerster Brutalität ausgetragene regelgerechte Schlachten, mit allen miesen Tricks, die man sich ausdenken kann, sind, ist der Graben entsprechend tief. Negative Konflikte sind davon geprägt, dass sich die Kontrahenten sogenannte Kombattanten suchen. Allen könnte man zurufen: Macht mal kurz eine Pause und denkt nach! Es geht nämlich gar nicht um die, welche sich da auf der Straße oder in einem Wald prügeln.

Die Polizei ist nicht umsonst die Exekutive. Als Institution handelt sie im Auftrag. Dies gilt für die Kripo ein wenig abgewandelt, weil sie für die Staatsanwaltschaft arbeitet, die Schutzpolizei handelt hingegen hauptamtlich im Auftrage der anderen staatlichen Institutionen. Leider halten sich daran einige Personen nicht. Zum Beispiel missbrauchen Gewerkschaftsfunktionäre wie Rainer Wendt mitsamt seiner Entourage ihre Gewerkschaft regelmäßig zur Selbstdarstellung und Kompensation eines auf Macht orientierten Ich. Im öffentlichen Diskurs kommt da selten etwas Gutes bei heraus. Da geht es dann nicht mehr um die Polizei und dem Geschehen, sondern sie wird zu einem Thema gemacht, mit dem man sich profilieren kann. In diesem Sinne betrachte ich auch den Gegenpart Oliver von Dobrowolski, welcher im besten Fall von einer Mission getrieben ist, im schlechten Fall für seine Mitarbeiter, einen Weg gefunden hat, dem unliebsamen Alltagsdienst zu entkommen, aber auf jeden Fall für sich alles richtig gemacht hat. Ein Aspekt, den jeder erfahrene Polizist respektiert. “Sieh zu, dass Du hier rechtzeitig wegkommst oder aufsteigst!”, habe ich bei der Polizei ähnlich häufig gehört, wie: “Ist noch Kaffee da?” Noch eine Stufe höher sind diejenigen, welche noch nie im Leben einen Tag Polizeidienst absolviert haben, aber jede Menge darüber zu sagen haben bzw. Bücher schreiben. Nun warum nicht? Sportreporter kommentieren Fußballspiele, ob wohl sie nie selbst einen Ball getreten haben.

Der “normale” Polizist, Schutzpolizei oder Kriminalpolizei, handelt in der Regel auf Anweisung und wird versuchen sich den Rücken freizuhalten. Besondere Dienststellen, in denen eine gewisse Anarchie herrscht, existieren, aber sie haben nichts mit der Normalität zu tun. Vor allem sind die den oberen Etagen stets ein Dorn im Auge, weil sie sich nicht an die Spielregeln halten und alles durcheinander bringen. Dazu muss man das Spiel “Hierarchie” verstanden haben. Jahrelang die Klappe halten, bis man selbst endlich mal darf. Aber gut, ein anderes abendfüllendes Thema, was bei Polizei, Bundeswehr, zu sehr viel Heiterkeit mit viel Alkohol führt.

Zurück zu den Accounts. Es ist kaum möglich, das Milieu, den sozialen Alltag eines Polizisten oder Polizistin, zu beschreiben, man muss es wirklich erlebt haben. Was dann mit diesen Accounts passiert, ist nochmals spezieller. Da treffen Leute, vereint unter der Überschrift Polizei, aber aus vollkommen unterschiedlichen Erlebniswelten aufeinander und erklären sich für sie ungewohnt, jenseits aller Dienstgrade, die Welt. Und Dienstgrade sind normalerweise wichtig. Da beschimpfen sich u.U. Hauptkommissare mit Obermeistern, oder ein Angestellter legt sich mit einem Oberrat an. Mir bereitet dies einen bösen Spaß, aber Außenstehende verstehen überhaupt nicht, was da los ist. Bei den meisten Accounts habe ich persönlich eine ganz gute Vorstellung, wer da unterwegs ist, aber viele vergessen dies im Eifer des Gefechts. Grätschen dann noch Externe, die sich explizit als Radikale kennzeichnen, in die Nummer hinein, ist alles vorbei. An der Stelle möchte ich betonen, dass ich persönlich radikal niemals negativ interpretiere. Ich mag Leute, die wissen, wo sie stehen, eine Überzeugung haben und danach handeln. Dies gilt bei mir selbst bei Rechtsradikalen. Dann weiß ich, wen ich vor mir habe und muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich passend zu meinem Denken reagiere. Furchtbar sind diese Heuchler, die rechts abbiegen, aber auf Bürger machen.

Vor gar nicht langer Zeit, hätte ich diese Polizei – Accounts sehr kritisch gesehen, weil sie dem Ansehen der Polizei schaden. Heute sehe ich das anders. Die breite Menge soll sich ruhig selbst ein Bild machen, was da los ist. Gut, ich bin mittlerweile auch dafür, dass 1:1 umgesetzt wird, was sich aktuelle Politiker ausdenken. Es gibt ein Spiel, welches früher im Sportunterricht gespielt wurde. Einem, einer, wurden die Augen verbunden und ein Partner musste den/die blinde Partnerin mit einfachen Kommandos durch die Sporthalle steuern. Das könnte lustig werden. Autonome prügeln sich mit von Spekulanten beauftragten Rockern, in Berlin macht die Bruderschaft mobil gegen das restliche Milieu, private Schlägertrupps der Konzerne holen Baumbesetzer aus dem Wald, die bewaffnen sich, die Übermacht der Geimpften macht die Ungeimpften platt, Reiche bringen verzweifelt ihre Schwarzgelder in Sicherheit, während die albanischen Zuhälter ihre verpeilten Söhne in Bordellen als Geiseln nehmen und auf Twitter liegt der Hashtag #Polizeiproblem auf Platz 1. Ja, ist gut, ich bremse meine Gewaltfantasien.

Diejenigen, welche sog. Polizei – Accounts innehaben, befinden sich alle gemeinsam in einer Misere. Egal, wie sie sich aufstellen, sie haben keine Chance. Wir leben in dem System, in dem wir leben. Daran wird sich absehbar nichts ändern. Es ist ein Mama&Papa – System, mit Verboten, Erlaubnissen, Belohnungen, Autoritäten, den man, je nach Geschmack, folgt, sich gegen auflehnt oder auszieht. Manche sind im Glauben, es ginge antiautoritär, andere sagen, es geht nicht, weil sich da draußen zu viele Asoziale herumtreiben, die nur die Sprache der Gewalt verstehen. Andere sagen, gut, dann lasst uns etwas anderes als dieses Papa&Mama – System aufstellen. Ja, aber dann kommen die anderen um die Ecke, die eben genau dies nicht wollen, entweder weil sie ganz gut davon leben oder ihnen statt pures gegen Mama&Papa sein, plötzlich eigenes Handeln abgefordert wird. Gewinnen, im Sinne von Befriedigung, kann man nur als Zuschauer. Ich gebe zu, dies ist ein wenig unfair gegenüber den Schwachen, die sich nicht wehren können. Trotzdem, auf der Tribüne ist der beste Platz. Ich kenne welche, die sich völlig herausgezogen haben, deren Leben ist aber nicht jedermanns Sache.

Die da diese Accounts schalten, haben eine Message und vor allem eine Identität als Polizist/in. Ist immer die identische Frage, die sich stellt. “Wer bist Du, wenn Du nicht das bist?” Da kommen die meisten ins Schleudern. Das Internet hätte ihnen die Möglichkeit geboten, sich als dunkelhäutiger Travestie – Darsteller zu präsentieren oder als abenteuerlustiger Outdoor – Überlebenskünstler. Nein, sie haben den Beruf als Basis gewählt – ergo Message. Alle wollen eine “gute” Gesellschaft, unterscheiden sich aber im Weg dahin und wie die am Ende aussehen soll. Mir hat in meinem ganzen Leben noch kein Polizist, Autonomer, Kommunist, Soldat oder was auch immer überzeugend eine Lösung für Massengesellschaften, vor allem keine, die von Geld geprägt sind, erläutern können. Meine Weltsicht ist dabei recht simpel. In einer Gruppe darf es nicht passieren, dass die mit Grips, aber weniger Eiweiß im Oberarm verlieren und Schwächere haben immer Vorrang. Übernehmen die Asozialen und wenig Grips, die dieses Manko mit Arm kompensieren, lebt die Gruppe nicht lange. Ich weiß, dass das eine Menge Polizisten auf der Straße ähnlich sehen. Dafür muss man keine großen kriminologischen Abhandlungen schreiben. Aber ich weiß auch, dass das antiquiert ist.

Ich finde bei nahezu allen sogenannten Cop – Accounts etwas sympathisch. Sie alle glauben an etwas, doch sie streiten, wie sie dahin kommen. Da bin ich anders. Alle meckern? OK! Dann lasst die Spiele beginnen, schauen wir mal, wer am Ende gewinnt. Wäre es ein Fußballtipp, würde ich alles auf die russischen Banden setzen, bis sie sich gegenseitig zerlegen.


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Veröffentlicht5. Dezember 2021 von Troelle in Kategorie "Gesellschaft

1 COMMENTS :

  1. By PS 60+ alias Bipo on

    Interessant wie immer … ich hoffe allerdings, dass dir nach diesem Beitrag wegen dem Hinweis auf die albanischen Zuhälter oder die russischen Banden nicht Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit vorgeworfen wird.

    Übrigens, am besten hat mir dieser Satz gefallen: “Furchtbar sind diese Heuchler, die rechts abbiegen, aber auf Bürger machen”.

    Der Satz erinnert mich an das ZItat von Heinrich Heine: „Fatal ist mir das Lumpenpack, das, um die Herzen zu rühren, den Patriotismus trägt zur Schau, mit allen seinen Geschwüren.“

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