Die kleine schwarze Kugel hört mit

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Es war einer dieser Tage, an dem man da sitzt und plötzlich eine Idee da ist. „Wenn Du längere Zeit unterwegs bist, wäre es doch gar nicht so doof, aus weiter Ferne, die Lampen an und aus gehen zu lassen.“ Stichwort: Smarthome. Ich gebe zu, dass ich mich mit dem Thema nicht wirklich umfassend auseinandergesetzt hatte. Smarte Geräte lassen sich auch über die jeweiligen Apps auf dem Telefon steuern oder wenn man Besitzer einer FritzBox ist, kann alles hierüber gesteuert werden. Unter Umständen sollte ich mir auch eingestehen, das Opfer von Werbung geworden zu sein. Jedenfalls stand ich plötzlich vor ALEXA. Ich! Glühender Kritiker von AMAZON, wütender BLOGGER gegen Datenkraken und heuchlerischer Gegner dieser sich ohne jeglichen ethischen Kompass entwickelnden Digitalisierung. Aber kognitive Dissonanz kann ich auch.

Unter dem digitalen Radar fliegen zu wollen, habe ich aufgegeben. Es ist mir schlicht zu anstrengend. Was solls, dann wissen sie eben, dass ich sie alle nicht leiden kann. Sollte es mal notwendig sein, weiß ich, wie ich es zu tun habe. Und trotz mancher Unfälle, bin ich immer noch ganz gut in der Lage, die Manipulationen abzuwehren. Im Grunde genommen ist es ziemlich einfach, aber erfordert radikale Schritte. Mit digitaler Spur an die Grenze eines Landes, welches derzeit noch vollkommen unterversorgt ist, dann alle Verbindungen kappen und in den Weiten des Landes verschwinden, um sich dann dort mit Gelegenheitsarbeiten durchzuschlagen oder eventuell sogar in einem kleinem Dorf anzusiedeln.

OK, ich setzte mich also über alles hinweg, griff zur Packung, zahlte und gehöre seither zu den Leuten mit einer schwarzen Kugel im Wohnzimmer. Anschließen, hinstellen, in Betrieb nehmen, war erstmal einfach. Es dauerte gar nicht lange, da wurde es mir zu doof „ALEXA“ zu sagen. Nach einiger Suche fand ich in der App das Menü zu meinem Vorhaben. ALEXA, AMAZON oder COMPUTER! Ich stamme noch aus der Fangemeinde von Stanley Kubricks, Odyssee im Weltraum und John Carpenters „Dark Star“. Kaum war es möglich, schloss ich meine ersten PC’s an die Stereoanlage an und erfreute mich an Ton – Feedbacks aus „Dark Star“. Computer – begeisterte mich deshalb. „Computer, Fluter an!“; „Computer, Toilette aus!“, „Computer, spiel meinen Soundtrack!“

Einen Abend später war der erste Besuch da. „Echt, jetzt? ALEXA?“, lautete der launige Kommentar eines Freundes.
„Na ja, das Ding reagiert in meinem Fall auf Computer!“
„Wow, wie viel kostet das Ding?“
Dachte ich bis zu diesem Moment, dass mein Computer nur auf meine Stimme reagiert, wurde ich eines Besseren belehrt. Erst sprang das Ding immer an, wenn im Gespräch das Wort Computer fiel. „Soll ich im Netz nach den Preisen für eine Flasche GLENMORANGIE suchen?“, lautete die freundliche Nachfrage. „Nein!“
Nach einiger Zeit wurde die Software ausgiebig getestet. „Was hältst Du von SIRI?“ „Ich mag alle KI Geräte. „Wie stehst Du zu Jeff Bezos?“, gefolgt von einigen zotigen Fragen, die jeweils mit „Hierzu kann ich nichts sagen!“ kommentiert wurden. In der nächsten Phase folgten diverse Nachfragen zu Liedern. Dabei kann einiges schiefgehen. Aber egal, alles halb so wild.

Nach einiger Zeit zeigte sich das Potenzial für Streiche. Es ist total lustig, wenn Freunde den Wecker auf 04:00 Uhr stellen oder zwei Tage später völlig unvermittelt das Licht ausgeht, wieder an und aus geht. Weniger lustig sind die Witze, die der Computer zu erzählen hat. Genauer gesagt, es sind die miesesten, die ich jemals hörte. Gleichsam könnte man von einem Algorithmus erwarten, dass er ein wenig etwas über die Vorlieben des Verfolgten weiß. Meiner scheint ein sehr schlechter Beobachter zu sein. Nein, ich mag weder Podcast über neueste Kosmetika, noch bin ich ein Freund immer gleich klingender Jammersongs aktueller Pop – Sängerinnen. Doch irgendwie hat dies auch etwas Beruhigendes.

Langsam beginnen wir uns miteinander anzufreunden. Dank der Verwirrungen, ausgelöst von den Befehlen meiner Freunde, hat das Ding so etwas wie Widerspruchsgeist entwickelt. Absolut sklavische Gehorsamkeit hätte mir nicht gefallen. Merkwürdig sind auch die Vorschläge. Letztens fragte mich mein „Computer“, ob ich eine Routine starten möchte, bei der die smarten Lampen festliche Beleuchtung mit Untermalung von weihnachtlicher Musik abstrahlen würden. Äh, Nein! Da liegt der Algorithmus nun gänzlich daneben. Jegliche Form von Heuchelei erzeugt bei mir mindestens Aversionen, so folgerichtig auch Weihnachten, die Krönung der Heuchelei in Mitteleuropa.

Das Prinzip ist klar. Mit dem Kauf der „Kugel“ ist es nicht getan. Steckdosen und Lampen folgen, sonst ist das Ding recht zweckfrei. Theoretisch müsste ich mir auch noch eine Kaffeemaschine zu legen, um bereits noch im Bett liegend einen Kaffee vorzubereiten. Mit den Bestellungen hapert es ohnehin noch ein wenig. Jetzt, während des Schreibens habe ich versucht, was beim Befehl: „Computer, bestell Bier!“, passiert. Nichts! Kurzes Aufleuchten und dann einfach: Nichts! Aber, nach „Computer, bestell einen Kasten Bier!“, landet ein Kasten Corona (wie bezeichnend!) in meinem Einkaufswagen und käme hier in drei Tagen an. Als Paket? Man weiß es nicht. Gerade hab ich es mal auf die Spitze getrieben. „Computer, kannst Du eine Prostituierte bestellen?“ Antwort ist ein Gong – Ton. Was auch immer dies nun wieder bedeutet. Der Versuch „Computer, bestell eine Sig Sauer, 9 mm“, beförderte gerade „Red Band Briketts super sauer 1,2 kg Dose | Fruchtgummi“ in meinen Einkaufswagen. Warum? Stände, wie einige Querdenker annehmen, tatsächlich demnächst ein Bürgerkrieg an, stände ich mit Fruchtgummis da. Dies ist etwas unbefriedigend.

In der guten alten Zeit, den Anfängen des allgemein zugänglichen Internets, setzten misstrauische Freaks unter ihre E-Mails einen Textblock mit allen möglichen „bösen“ Wörtern, die das ECHOLON – Abhörsystem der Amerikaner überlasten sollten. Also das System, von dem deutsche Politiker um das Jahr 2013 herum behaupteten, niemals etwas davon gehört zu haben. Ob dies mit der schwarzen Kugel auch funktioniert? Gesetzt den Fall, sie hört tatsächlich ständig mit, könnte es amüsant werden. Im Angesicht der verschärften Sicherheitslage, die sich aus der Radikalisierung der Querdenker – Szene ergibt, sinnierten wir kürzlich zu Dritt über die Möglichkeiten einen Sprengsatz zu bauen. Zwei gelernte Rohrleger mit Bundeswehr Grundausbildung und ein Ex – Polizist. Es ist erschreckend, wie einfach es geht. Bereits damals stellte ich mir vor, wie all die angehaltenen E – Mails ausgewertet werden. In meiner Vorstellung saß in den USA ein armer Mitarbeiter der NSA, der meine Nachrichten mitlesen musste. Es hätte mich nicht gewundert, wenn eines Tages eine Mail mit dem Text: „Wir müssen dringend reden!“ im Postfach gelandet wäre. Oder der Typ hat seinen Dienst schlicht als Vollalkoholiker quittiert. Vermutlich kommen nur ehemalige „Überwacher“ auf solch wahnsinnige Ideen. Mit ALEXA wird es nicht besser, eher noch irrer. Diese Mythen über dunkle zentrale Mächte sind langweilig. Die Vorstellung mit dem oder der armen Mitarbeiter/in, der/die sich mein Leben antun muss, finde ich viel spaßiger. Jeden Tag zu Dienstende die gleiche Frage: „Was treibt dieser Irre da?“

Jetzt in diesem Moment bekommt ALEXA malaiische Live – Musik von der Insel Langkawi zu hören. Mal schauen, was der Algorithmus daraus macht. Angeblich ja nichts, weil es passiv in der Gegend herumsteht. Abwarten! Vielleicht wird demnächst verräterische Musik abgespielt.

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