Kurze Gedanken #3

Lesedauer 2 Minuten

Letztens las ich, dass Konfuzius geschrieben haben soll:

Wir haben zwei Leben. Das zweite beginnt, wenn wir verstehen, dass wir nur das eine Leben haben.

Konfuzius

Wir werden an einem irgendeinen Ort in ein vom Zeitgeist geprägtes Gesellschaftssystem hineingeboren. Von Kindheit an, wird uns gesagt, was im Leben wichtig ist und wie wir uns innerhalb der Gesellschaft richtig zu verhalten haben. Dies geht weit darüber hinaus, was an jedem Ort, zu jeder Zeit, in jeder menschlichen Gemeinschaft gültig ist. Es wird uns gesagt, was in unserer Gesellschaft Erfolg ist. Welche Dinge wichtig sind und wir im Leben Schwerpunkte zu setzen haben. Gleichsam wofür es sich lohnt zu kämpfen, zu sterben, sich aufzuopfern. Es gibt Regeln, die zu befolgen sind, Strukturen, in die wir uns einfügen sollen und Rollen, die wir zu akzeptieren haben. Damit besteht bereits mit der Geburt eine grobe Ausformulierung dessen, was unser Leben sein wird oder sein soll.

Aber wenn wir tief in uns hinein horchen, spüren wir, dass da mehr ist. Wer mal die Gelegenheit hatte in eine Urne zu schauen, wird festgestellt haben, dass von einem Menschen nicht viel übrig bleibt. Die Wissenschaft konnte bereits vieles erklären, aber eine Frage ist offen: Was bringt einige Kohlenwasserstoffmoleküle und Mineralien dazu, sich zu etwas zusammenzufügen, was wir Leben nennen. Selbst der lebende Organismus wirft Fragen auf. Die Sinnesorgane liefern mehr oder weniger unzuverlässige Informationen an das Zentrale Nervensystem, das Vegetative Nervensystem und das Großhirn, welche dort verarbeitet werden, was zu Gedanken und Handlungen führt. Es ist nicht notwendig, an einen Gott oder wie Buddhisten es tun, an ein den vergänglichen Körper überdauerndes Wesen zu glauben, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass alles ein wenig komplexer ist, als wir es erfassen können.

Im Gegensatz zu vielen anderen Lebensformen auf der Erde, besitzen wir die Fähigkeit über diese Dinge nachzudenken und die Möglichkeit, insofern uns niemand einsperrt oder fesselt, über unser Schicksal zu bestimmen. Verdient dann ein willfähriges Einpassen in die bei der Geburt vorgefundene Ordnung, das Agieren innerhalb des als zulässig erachteten Verhaltensspektrums, das Befolgen der Vorgaben, Übernahme der Traditionen, das systemkonforme Funktionieren, die Bezeichnung „Menschliches Leben“? Ist es nicht, wie Konfuzius es ausdrückt? Erst wenn wir, warum auch immer, all dieses infrage stellen und quasi beginnen, einen zweiten Lebensabschnitt einzuleiten, anfangen unser Leben zu führen und es als dieses zu erkennen?

2 Kommentare zu „Kurze Gedanken #3

  1. Ein interessantes Thema, das mich immer wieder beschäftigt … ich komme aber zum Schluss, dass wir nicht bloss zwei Leben haben, sondern mehrere. Konfuzius muss ziemliches Glück gehabt haben, dass er sozusagen auf einen Schlag von einem ersten in sein zweites Leben eintauchen konnte. Bei mir dämmert das nur ganz langsam, und es scheint nicht aufzuhören. Jedesmal, wenn ich eine neue wichtige Erkenntnis habe, beginnt bei mir sozusagen ein neues Leben. Und das am Anfang jedes menschlichen Lebens, was wir gemeinhin als gute oder eben schlechte Erziehung bezeichnen, sehe ich letzten Endes als eine ziemlich radikale Gehirnwäsche, die nur die wenigstens von uns im Verlauf ihrer Entwicklung ganz loswerden … Es wäre zu schön, ganz frei zu sein 🙂
    Übrigens: Danke für’s Teilen deiner Gedanken. Sie regen zum eigenen Denken an. Jedes Mal.

    1. Danke, für das Feedback. Die Zahl 2 ist ja eher symbolisch. Ich denke, er meinte den einen „Knackpunkt“, das eine Ereignis, die Erkenntnis, nach der/dem sich alles aus einer neuen Perspektive betrachten lässt. Etwa wie beim Gleichnis mit der Münze, die zwei Seiten hat, man stets nur eine sieht, bis man begreift, dass es eine andere Seite gibt, sie vielleicht sogar sieht u. realisiert, daß beide trotzdem zur selben Münze gehören.

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