Kurze Gedanken #7

city man person people
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Eine Besucherin sagte mir bei einem Spaziergang etwas, was mich seitdem beschäftigt: „Diese Dinge kommen in meiner Welt nicht vor!“ In diesen Worten steckt mehr, als es scheint. Dieses Abbild der „Welt“ in uns bestimmt nahezu alles. Im Prinzip ist es wie Ausschnitt, den wir mit einem Fotoapparat aufgenommen haben oder oftmals auch eine Skizze bzw. Gemälde, die der Geist auf eine innere Leinwand zeichnete. Mal ist es eine bewusste Entscheidung, welchen Ausschnitt wir wählen, ein anderes Mal geschieht es eher unbewusst. Oder wir sind gezwungen von Geschehnissen eine Aufnahme zu machen, die wir eigentlich lieber bleiben lassen würden. Besagte Besucherin hat einige Übung darin, eine gezielte Auswahl zu treffen und alles andere auszublenden. Dies habe ich insbesondere bei Leuten mit Traumatisierungen schon öfter erlebt. Ein Schutzmechanismus! Irgendwann im Leben wurden sie gezwungen, etwas auf der inneren Leinwand abzubilden, was sie nicht wollten. Warum es nochmals zulassen? Wozu sich mit Dingen, Ereignissen, Abläufen beschäftigen, die einen weder unmittelbar betreffen, noch sonderlich gute Gefühle bereiten?

Wie auch immer wir uns entscheiden, niemals sollten wir vergessen, wie dieses Bild entstand, wie eng oder weit gefasst der Ausschnitt ist und wer in uns die Entscheidung traf, hinzusehen, aufzunehmen und es auch noch abzuspeichern. Alles danach folgende basiert auf diesem Ausschnitt. Manche streben an, den Ausschnitt großzügig zu gestalten, auch die hässlichen Dinge abzubilden. Andere haben Gründe dafür, eben genau dieses zu unterlassen. Wiederum andere haben niemals ein Bewusstsein dafür entwickeln dürfen, sich eben dieser Entscheidung im Klaren zu sein. Vielleicht wurde ihnen auch suggeriert, dass einzig das ihnen präsentierte Bild, welches sie dann zum Eigenen machten, die korrekte Abbildung ist. Die Naturwissenschaften nehmen hierbei eine Sonderrolle ein. Sie liefern eins, welches die derzeit nach menschlichen Ermessen objektive Realität darstellt. Bis zu dem Tag, an dem der Gegenbeweis erbracht wird. Bei manchen Zeitgenossen erzeugt dies Vertrauen, wie es wiederum auch Misstrauen hervorrufen kann. Bin ich gewohnt, meine Aufnahme als etwas Objektives zu bewerten, was ich nicht von anderen diskutieren lassen will, werde ich Wissenschaftlern nicht vertrauen. Denn dies ist Teil der Vorgehensweise. Aufnehmen, präsentieren und interpretieren lassen. Fotografiere ich ein Haus, wird man mich fragen, ob ich auch die Rückseite berücksichtigt habe.

Eine andere Annäherung wäre die Situation eines Entscheiders, der sich einer Aufklärung bedient. Die Späher werden, je nach Ausbildung und Fähigkeiten, unterschiedliche, ähnliche und gleiche Ergebnisse liefern. Es ist die Aufgabe des Entscheiders, alles zusammenzuführen, ein Bild zu erzeugen, was der Realität möglichst nah ist und darauf das Handeln abzustimmen. Für meinen Teil wünsche ich mir manchmal ein Filter mit der Bezeichnung „Gefühl“, den ich bei Bedarf vor die Linse schieben kann. Vielleicht auch noch jemanden in mir, der mich dabei bremst dort hinzuschauen, wo ich eigentlich nicht hinsehen will. Einer der mir sagt: „Du hast genug schlechte Bilder in Deiner Sammlung, konzentriere Dich mal lieber auf die Blumen!“ Aber was nicht ist, kann werden. Ein wenig schizophren wird es, wenn ich Mitmenschen auffordere, sich doch ein wenig mehr die schmutzigen Ecken anzusehen, während ich anderen den ungebetenen Rat gebe, sich lieber Hundewelpen anzusehen, statt ständig das Hässliche abzubilden. Es ist ein wenig, als wenn man sich mit einem Aktfotografen und einer Kriegsberichtfotografin auseinandersetzte. Wer von beiden hat sich für die richtige Form der Fotografie entschieden? Ich vermag es nicht zu sagen.

Selbst fühle ich mich immer noch als Fotograf, der über ein Kriegsgeschehen berichtet, aber eigentlich auf Tierfotograf umsatteln will. Im nächsten Atemzug erkennt, dass er vermutlich nicht im Streichelzoo landen würde, sondern in Borneo das traurige Schicksal der Orang-Utans dokumentiert. Doch es gelingt mir immer mehr, anhand des skizzierten Vergleichs zu erkennen, welche Art der Fotografie, Malerei, andere gewählt haben oder ihnen zugeteilt wurde. Es hilft ungemein zu verstehen, was ich sonst nicht verstehen könnte.

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