Mein Bruder Winnetou

teepee in desert under clear sky
Lesedauer 2 Minuten

Als Junge las ich alles, was Karl May geschrieben hatte. Der Umstand, dass er nie selbst in den USA war, sich mehr oder weniger alles aus den Fingern sog, wusste ich noch nicht. Ich las nicht nur Winnetou, sondern auch die angeblichen Reiseberichte des Kara ben Nemsi und einiges mehr. Ich denke, einiges davon prägte mich. Anstand, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Freundschaft, zugegeben alles verbunden mit dem Bild eines „richtigen“ Mannes. Heute würde dies nicht mehr durchgehen. Allerdings kann ich mich an keine Stelle in seinem Werk erinnern, in der er Frauen diffamierte oder sie in ein Klischee presste.

OK, er schrieb über Indianer, die heute vollkommen korrekt als Natives bezeichnet werden. Mit Sicherheit würden heute diverse Stellen unter „positiven Rassismus“ laufen. Doch interessant ist dabei, dass Karl May zu Lebzeiten aus ganz anderen Gründen der Zensur unterworfen wurde. Seine Schriften galten zeitweilig als jugendgefährdend. Würfe man 2022 den Vertretern und Vertreterinnen der postmodernen Moral seine Bücher auf den Tisch, wäre das Ergebnis vermutlich ein verzogenes Gesicht und man bekäme ein langgezogenes „Problematisch“ zu hören. Indianer, Häuptling, toxisches Männerbild, Kolonialismus, usw. Obwohl Old Shatterhand mit seiner Lebensart und seiner Einstellung alles andere als ein Rassist oder Freund der „weißen“ Kolonialisierung war. Erneut unterläge Karl May einer Zensur. Da kommt einem der bösartige Gedanke an Parallelen von damals zu heute.

2022 lesen Jugendliche, wenn überhaupt andere Bücher. Ich bin es im Kopf mal durchgegangen. Nach aktuellen Vorstellungen blieben vermutlich nur noch „5 Freunde“ übrig, da die wenigstens eine androgyne Person in der Bande hatten. Was damals als „guter“ Comic galt, z.B. „Tim und Struppi“ oder „Spirou&Fantasio“, ja selbst Asterix&Obelix (z.B. Trabantenstadt mit stereotyper Darstellung der Numidier), landet nach neuen Moralvorstellungen auf dem Index. Sie spielen Ego-Shooter, hören Rap, in dem die Bitches richtig ran genommen werden und die Interpreten ein bis zwei eklatante Probleme mit ihrer analen Phase gehabt haben müssen. 15-jährige Popsternchen singen davon, dass man sie doch bitte mit dem „Rythmen – Stick“ über den Teppich treiben solle. Dagegen waren Led Zepplin mit der musikalischen Verarbeitung eines Orgasmus beim Doggy – Stile, beinahe Chorknaben.

Wenn ich bei Twitter die ganzen Aufforderungen zum Gendern, einem anderen Umgang, oder die Aufforderung zur Rücksichtnahme lese, empfinde ich meistens Abscheu vor der Verlogenheit. Besonders, wenn eben mal im Vorbeigehen irgendetwas aus der Vergangenheit herausgegriffen wird. Wenn, dann bitte alles auf den Prüfstein legen und mal eine klare Ansage machen, was denn damit geschehen soll. Soweit ich das überblicke, entsprechen um die 60 – 70 Jahre, Rock’n Roll, Blues, Funk, Jazz, Disko – Pop, die komplette Literatur der Beat – Generation, US-amerikanische Literatur der 60er und 70er, nicht einmal große Werke wie der „Ulysses“, von James Joyce, und schon gar nicht die Comics aus dieser Zeit, den Postmodernen Moralvorstellungen. Aus den öffentlichen Büchereien entfernen? Ein Heer von Sozialpädagogik Studenten/innen, das Problem aufzeigende Abhandlungen schreiben lassen?

Oder machen wir es wie früher? Henry Miller durfte seine Werke lange Zeit nicht in den USA veröffentlichen. Ginsberg wurde wegen Pornografie vor das Gericht gezerrt. Mailer bekam auch so seine Probleme. Großbritannien verbot die Pop – Musik im Radio, woraufhin die DJ’s auf ein Boot außerhalb der Zuständigkeit zogen. Ich habe eine Weile versucht, offen an die Sache heranzugehen. Doch nunmehr überkommt mich das Gefühl, dass ich mich nachträglich mit den Moralwächtern der alten Zeit auf eine Stufe stellen würde. Selbstverständlich gibt es üble Veröffentlichungen, die kritisch zu sehen sind. Da ist auch eine ganze Menge Schund dabei. Aber wenn die Leser/innen und Hörer/innen mit alledem nicht mehr umgehen können, liegt das Problem auf deren Seite und am Intellekt.

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