Januar 23 2022

Gendern? Eine Selbstkritik!

photo of cowboy bar signage Lesedauer 7 Minuten

Es ist jetzt fast 30 Jahre her, dass ich ein Baby auf meinem Unterarm zu liegen hatte und ich mir schwor, bis zum Letzten für die Freiheit dieses Kindes, meiner in diesem Augenblick 3 Minuten jungen ersten Tochter zu kämpfen. Vier Jahre später wiederholte ich diesen Schwur. A priori lagen da ganz neutral zwei Wesen in meinem Arm. Das Geschlecht war mir in diesem Moment vollkommen egal. Ich selbst habe mich in diesen drei Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht verändert. Heute sehe ich hinter jeder Erscheinung, die sich mir präsentiert, ein Wesen, welches nicht mit den Augen zu erfassen ist. Doch diese Herangehensweise kann ich nicht von anderen einfordern. Es ist mehr so eine spirituelle Sichtweise.

Der junge Mann, Vater, von damals, ist Geschichte. Er hatte sich wenig mit den Nachteilen für Frauen auseinandergesetzt. Erst Recht nicht mit Sprache und Formulierungen, die eine lange Entwicklungsgeschichte spiegeln. Eine Geschichte, die bis in die Antike zurückreicht, von Religionen und einer Unmenge historischer Prozesse geprägt wurde. Unsere Sprache ist eine Momentaufnahme und gleichsam temporäres Ergebnis des Prozesses. In zweihundert Jahren wird unsere Sprache nur noch von Leuten verstanden werden, die sich mit alten Kulturen auseinandersetzen. Wer mit dem Anspruch lebt, das Alte zu bewahren, hat bereits im Ansatz verloren. Die Geschichte hat gezeigt, dass das nicht funktioniert. Stets lautet die Frage: Wo wird die Reise hingehen?

Die Feststellung meiner Töchter, dass zum Beispiel das generische Maskulinum nicht ohne Grund existiert, ist völlig korrekt. Somit ist auch der nachfolgende Gedankengang, ob man diese Gründe weiterhin akzeptieren muss, sie überholt sind, somit eine Änderung anzustreben ist, zulässig und zwingend. In Mitteleuropa existieren nicht mehr von Anführern geleitete Stämme und Sippen, die Fränkisch, Alemannisch, Slawisch, u.a., sprechen. Die patriarchalische Kirche hat ausgedient. Auch die Hexenverbrennungen sind vorbei. Die lange dauernde männliche Vorherrschaft ist für die Zukunft nicht mehr tauglich.

Bei anderen Begriffen sieht es ähnlich aus. Bei der Verwendung von Worten bin ich kein Chorknabe. Dabei ist mir ein Gedanke gekommen. Ich mache dies nicht unbedarft, sondern bewusst und zielgerichtet. Dies ist nur möglich, weil es eben durchaus nicht egal ist, welche Wörter ich verwende. Sage ich zum Beispiel “Fräulein”, will ich vorsätzlich herabsetzen. Es ist so gemeint und ich will es in diesem Moment auch so verstanden wissen. In anderen Bereichen funktioniert dies ebenfalls. Jahrelang hatte ich keinerlei Problem damit, Salafisten als “Teppichflieger” zu bezeichnen. Dies wird sich auch nicht ändern. Ich bringe damit meine Verachtung für religiöse Fanatiker zum Ausdruck. Die Betonung liegt dabei auf Fanatiker. Für “Verstrahlte Eso’s” gilt dies ebenso, wie christliche Ultras, Nonnen, die bei mir unter “Pinguin” laufen. Ja, ich gestehe mir diese Verachtung zu, wie ich gleichsam anderes mit Achtung betrachte.
Allerdings würde ich niemals behaupten, mir nicht bewusst zu sein, was ich da in diesem Moment tue. Jede/r, die/der sich konsequent maskuliner Begriffe bedient, kann dies gern tun und damit Haltung zeigen, aber darf im 21. Jahrhundert nicht erwarten, dass das als frei von Vorsatz erachtet wird. Es kann hierzu keine Verbote geben. Entscheidend sind Kontext und Zielsetzung. Wenn Kabarettisten/innen bewusst “verpönte” Worte benutzen, ist dies absolut zulässig. Geht es um Behörden, denen dies nicht zusteht, sehe ich eine andere Sachlage. Doch für jeden anderen gilt, das Recht sich mittels Äußerungen darzustellen, wenn sie wegen meiner auch direkt ins gesellschaftliche Abseits führen. Dies muss man aushalten oder schweigen. Insbesondere gilt dies für alle, die das Publikum suchen. Leider ist es mittlerweile Usus auf Liebesentzug weinerlich zu reagieren. Wer schreibt, Kunst jeglicher Art produziert, sollte dies meiner Auffassung nach niemals in Abhängigkeit vom Zuspruch machen. Entweder, ich habe etwas in mir, was herausmuss oder nicht. Ansonsten wird Kunst zu einem Konsumgut. Begleitet wird dies von einer Digitalisierung, die von diversen Leuten dazu benutzt wird, eben jenen Kontext auszublenden. Zusätzlich ist eine Zeit einer bisher nie dagewesenen Propaganda angebrochen. Der Kontext gilt für mich auch bei alten Texten und Büchern. Ich bin ein absoluter Gegner von nachträglichen Veränderungen. Es sind Zeitdokumente, die die damalige Epoche spiegeln. In Erwägung zu ziehen ist, ob man einigen Autoren/innen mit Hinblick auf ihr Lebenswerk eventuell posthum einen Gefallen tut, in dem der Text in ihrem Sinne lektoriert, wird. Dabei denke ich zum Beispiel an Astrid Lindgren und den mehrfach diskutierten Negerkönig bei Pippi Langstrumpf.
Ob nun Gendersternchen die richtige Methode ist, darf trefflich diskutiert werden. Allerdings habe ich persönlich keine Alternative parat. Doch die Intention dahinter ist absolut nachvollziehbar. Eventuell könnte eine Rückbesinnung auf die individuelle Ansprache, weg von abstrakten Verallgemeinerungen, sein.


Früher schaute ich mit Skepsis auf die teilweise radikale Vorgehensweise der Aktivisten und Aktivistinnen. Mein Argument bezog sich stets darauf, dass es keinen Zweck hat, den Leuten vor den Kopf zu schlagen, weil ich damit Abwehrreaktionen erzeuge. Meine Skepsis wurde von der Entwicklung überholt und ich hatte schlicht unrecht. Die Diskussionen und Debatten, die all diese Themen ins Licht gezerrt haben und viele Gedanken anstießen, wären ohne die vornehmlich radikalen Frauen niemals zustande gekommen. Und was denn tatsächlich radikal ist, entscheidet ohnehin die Geschichte. Die Suffragetten am Beginn des 20. Jahrhunderts galten als radikale, durchgeknallte Terroristinnen. Was sich damals allein wegen eines Wahlrechts abspielte, können wir heute nicht mehr begreifen. Gleichsam gilt für mich immer das erwähnte Wesen hinter der Erscheinung. Auch die Frauen unterscheiden sich dabei. Aktuell tobt eine Auseinandersetzung zwischen eher “verhärmten” Dogmatikerinnen wie Alice Schwarzer, die skeptisch auf Transsexuelle schauen. Dazu kann ich nur sagen, dass ich einen Kollegen kennenlernte, der Hermaphrodit geboren wurde, als Kind zur Frau operiert wurde, später seiner inneren Stimme folgte und sich für eine Hormontherapie entschied. Dies war am Ende mehr eine Notwendigkeit, denn der tatsächliche Wunsch. Eigentlich wäre er gern im ursprünglichen Geburtszustand geblieben. Aber die Zeit war noch nicht gekommen und die Biografie endete einsam mit einem Suizid. Insofern gilt für mich, dass ich die Hardlinerinnen lieber meide. Die Auseinandersetzung könnte unschön enden. Wenn ich alles korrekt verstanden habe, steht die biologische und neurologische Forschung noch am Anfang.

Traditionell sind Deutschland und Österreich eher träge und die Konservativen, vornehmlich außerhalb der etwas größeren Städte, setzen sich stur durch. Ohne Radikale würde die deutsche Gesellschaft auf der Stelle treten. Der Sturz der männlichen Vormacht ist, wie bereits bemerkt, mehr als überfällig. Gut wäre es, wenn die Folge nicht ein Machttausch ist. Beides, Patriarchat und Matriarchat, sind alte, überholte Modelle. Ja, es mag Unterschiede geben, die teilweise sogar von Neurochirurgen nachgewiesen sind, doch wir benötigen das gesamte Spektrum. Ich räume ein, dass es mir schwerfällt, mich anzupassen. Aber die Einsicht ist vorhanden. Im deutschsprachigen Raum betreten wir zumindest bei der Sprache Neuland. Alle die Englisch sprechen haben es da einfacher. Immer wenn ich schummle und mir bei Übersetzungen von einem Übersetzungsprogramm helfen lasse, stelle ich dies auf ein Neues fest.

Gegner, so auch ich ehemals, bringen stets vor, dass nicht die Sprache, sondern die Haltung bzw. die Handlungen ausschlaggebend sind. Also ganz simpel der Macho, Chauvinist, welcher sich hinterhältig “gendern” zu eigen macht, aber im Kopf nichts ändert. Der Gedanke ist zu kurz! Da wird etwas angestoßen, was in einigen Jahrzehnten fruchten wird. Ich werde es nicht mehr erleben, dass ein junger Mann wegen seiner erlernten Sprache gar nicht mehr anders denken kann. Aber es wird passieren. Alles fängt eines Tages an. Dann gäbe es noch die, welche hier etwas Diktatorisches mutmaßen. Leute, werdet wach. Strategen/innen aus der Werbung, PR-Agenturen, die Politiker/innen pushen, Meinungsmacher/innen, Influencer/innen, machen dies jeden Tag und ihre Ziele sind häufig nicht einmal ansatzweise gesellschaftlich förderlich. Im Ernst – beim “Gendern” ist Eure Grenze erreicht? Dies ist schlicht albern. Ich habe keine Ahnung, wie oft ich es bereits in meinem BLOG schrieb: Immer wenn es irrational wird, die Vernunft und der Verstand in den Hintergrund geraten, ist es Zeit auf die Suche zu gehen. Irgendjemand hat Angst seine Vormachtstellung zu verlieren oder gute Gründe keine Verantwortung zu übernehmen.

Jeder, der meine Töchter befragt, wird erfahren, dass ich ein Fossil bin. Nachdem ich als Junge “High Noon” gesehen hatte, war mein Lebensweg vorgezeichnet. Zum Leidwesen meiner Mutter manifestierte sich mein Rollenverständnis zusehend. Binärer, als mein Denken, ging kaum noch. Bis mir das Schicksal das Glück zweier Töchter bescherte. Meine Ex-Frau formulierte es anders: Es ist ein großes Glück, dass Du keinen Sohn hast. Heute stimme ich ihr zu. Ich musste lernen, dass Frauen komischerweise alles können, was ich an mir selbst als erstrebenswert betrachtete. Dem Typen, der seine angenommene Pflicht erfüllend die Straße entlang lief, die “Schwachen” beschützend, während die eingeblendete Uhr sich dem Showdown mit den Bösen näherte, wuchsen plötzlich Brüste. Trotz ihrer Weiblichkeit entpuppten sie sich nicht als reine von Östrogen gesteuerte emotionale Wesen. Mir wurde auch klar, dass ich meine Mutter ein wenig falsch eingeschätzt hatte. Anders formuliert, ein chauvinistischer Vater, der sich seinen Töchtern wirklich sehenden Auges stellt, bekommt über die komplette Rundenzahl voll auf die 12. Kurzum, ich war einer Erzählung aufgesessen und wurde eines Besseren belehrt. Mit Verlaub, da wird über “Gendern” nachdenken, ein Flohbiss.


Die Bezeichnung “alter weißer Mann” muss nicht als Beleidigung verstanden werden. Diese Entscheidung obliegt einem selbst. Sie bedeutet, dass man eine Biografie hinter sich hat. Kürzlich formulierte ich: “Jüngere messen nicht daran, was Du getan hast, sondern welche Schlussfolgerungen Du daraus ziehst und Dich dementsprechend verhältst!” Älter werden, ist bekanntlich keine Kunst. Maximal kann man anführen, was man schon alles überlebt hat. Nun, diesen Beweis müssen Jüngere erst einmal antreten. Aber was man aus den Jahren macht, ist eine vollkommen andere Nummer. Also … die Diskussion über “Gendern” ist konsequent und folgerichtig. Doch ein böser Hintergedanke steckt schon noch in meinem Kopf. Frau Alice Schwarzer lieferte sich, als das Fernsehen noch schwarz – weiß war, mit der provokativen Autorin Esther Villar “Der dressierte Mann” ein legendäres Duell, in dem sie der Autorin faschistische Tendenzen vorwarf. Villar wies auf die Nachteile des binären Denkens aus Sicht der Männer, hin. Krieg, Arbeiten bis zum Umfallen, kürzere Lebenserwartung, Aufopferung – dies passte Frau Schwarzer so gar nicht ins Konzept. Ein wenig geht dies in die Richtung der CSU Frontfrau Dorothee Bär, die sich darauf zurückzieht, dass Frauen die freie Wahl haben sollen, sich ins alte Rollenverständnis einzufügen. “Pulle voll, Frau besoffen!” – ist nicht. Wenn, dann ziehen wir in der Gesellschaft die Emanzipation durch. Dann hängen alle in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft mit drin. Werden zum Sterben für das Vaterland von irgendwelchen Schreibtisch – Bewachern an die Front geschickt (Ich nicht mehr, Ätsch!) und sterben sozial – verträglich vor Eintritt ins Rentenalter. Ich suche es mir aus, wie es Frau Bär möchte, ist für mich inakzeptabel. Ziehen wir das “Gendern” durch, sitzen wir alle in einem Boot.

Ich habe gelernt – alter weißer Mann – , dass Frauen deutlich rationaler sein können, denn es Männer jemals sein werden. Testosteron – Überschuss und Ratio stehen im deutlichen Widerspruch zueinander. Testosteron reduziert zuverlässig Risikobewertungen, verführt zum “legendären” Schwanzvergleich, bringt Männer zu irren Aussagen wie: “Schaffe ich!”, obwohl sie es besser sein lassen sollten. In diesem Kontext führe ich immer an: “Wie bringt man das männliche Mitglied einer Spezialeinheit zum Suizid? Ganz einfach. Sag ihm, dass er etwas nicht kann. Er wird versuchen eine 8 Meter messende Kluft zu überspringen.” OK, dies hat die Welt an den Abgrund gebracht. Ich habe “High Noon” erwähnt. Vielleicht ist der einen oder anderen der Fehler aufgefallen? Würden sich Frauen ohne Beteiligung von Männern auf diesen Unfug einlassen? Ich denke nicht! Nehmen wir an, die Bösen wären tatsächlich die Männer. Diese “Primitivos” wären komplett “Titten” fixiert und man könnte sie bequem von hinten abknallen. Also, worüber schreibe ich hier? Ukraine, ohne Männer, vorstellbar? Eher nicht! Putin? Mann! Alle Generäle? Männer! Uh, ich Kommunist, Du Kapitalist, ich Russe, Du Amerikaner, ich besser, ich schlauer – ich längeren Schwanz. Lasst uns einfach weltweit umschalten.


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Veröffentlicht23. Januar 2022 von Troelle in Kategorie "Gesellschaft

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