März 26 2022

Der Anfang vom Ende?

chimpanzee on a rock Lesedauer 4 Minuten

Vermutlich kann man als Mensch nicht anders, als die eigene Epoche als etwas Besonderes zu empfinden. Seit wir nicht mehr wie andere Primaten in Truppen durch den Dschungel ziehen, folgten auf Kriege wieder Friedenszeiten. Und immer wenn Krieg herrschte, verloren die Menschen das Vertrauen in die Zukunft. Bisweilen dauerten die Epochen so lange an, dass sie im Krieg geboren wurden und bis zum Tod niemals etwas anderes kennenlernten. Doch war der Krieg vorbei, kam wieder die Hoffnung auf, dass nun endlich die Lektion sitzen würde. Bisher trat dies nie ein. Der Dreißigjährige Krieg, die eiserne dunkle Zeit, hinterließ ein langes Trauma. Dennoch folgte weiteres furchtbares Abschlachten mit immer perfekteren und gleichsam abartigeren Waffen. Wie in diversen anderen Bereichen kennen Teile der Spezies Mensch keine Grenzen. Alfred Nobel soll nach der Erfindung des Nitroglycerin gesagt haben, dass er eine derart furchtbare Waffe geschaffen hat, die niemand ernsthaft einsetzen will, weil sie die Vernichtung bedeuten würde. Einstein wird mit den Worten zitiert: “Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.” Immerhin war Einstein so zuversichtlich, dass noch jemand zum Kämpfen übrig bleibt.

Ich finde die aktuelle Entwicklung nicht überraschend. Wenn ich nicht konsequent meine Verhaltensmuster verändere, werde ich auf kurz oder lang wieder da landen, wo ich gestartet bin. Eine Regel, die jeder Süchtige kennt. Nach einem Zusammenbruch kann ein Entzug kurzfristig ein Leben ohne Droge, Not und Elend ermöglichen. Doch werden nicht die Verhaltensmuster verändert, die in die Sucht führten, geht alles von vorne los. Meinem Empfinden nach änderten sich nach 1945 nicht die grundlegenden Basics. Hier der Westen, dort der Ostblock! Reiche Staaten, die wie Dealer dafür sorgen, dass ärmere Staaten von ihnen abhängig bleiben. Ein unablässiges Tüfteln an Waffensystemen, mit denen es vielleicht doch noch irgendwie eine Option gibt, den Gegner zu vernichten, bevor der mit Nuklearen Waffen reagieren kann. Ein ganz wichtiger Punkt! Dieser Patt und das damit verbundene Remis hat denen, die sich für visionäre Führer und Führerinnen der Menschheit halten, niemals behagt. Seit Hiroshima wird alles dran gesetzt, einen Spielzug zu finden, mit dem ein Gewinn doch noch möglich ist. Krieg und alles, was damit in Verbindung steht, ist der Affe in uns. All die dekorierten Generäle, die Uniformen, die Einheitlichkeit der Soldaten, die Aufgabe des Individuums und Bildung einer bewaffneten kämpfenden Armee, unterscheiden sich in den Prinzipien nicht von Affenhorden. Im Prinzip waren Brettspiele wie Go oder Schach der einzig vernünftige Schritt in die richtige Richtung. Die Transformation des Bedürfnisses nach Kampf auf ein harmloses Spiel. Auch die Idee, nationale Stellvertreter und Stellvertreterinnen mit Spielregeln in Stadien gegeneinander antreten zu lassen, hat einen gewissen Charme. Johlend, schreiend, springend, Kampfschreie ausstoßend, kann sich der Affe auf der Tribüne austoben, während sich die Jungtiere einen Vergleich in körperlicher Leistungsfähigkeit liefern. In irgendeiner Form wird dies aus guten Gründen weltweit betrieben.

Im Grunde genommen werden wir alle mit nahezu gleichen Voraussetzungen geboren. Ein Wesen, mit Anteilen, die wir als animalisch bezeichnen und einem Organ, das Großhirn, welches zumindest die Voraussetzungen mit sich bringt, dieses Animalische zu kontrollieren oder gar zu überwinden. Wir können es, aber ob wir es auch wollen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Zu etwas fähig zu sein, bedeutet lange nicht, diese Fähigkeiten anzuwenden. Verstand ist die Möglichkeit, das konkret Wahrgenommene einzuordnen, weitere Folgen abzuschätzen und passende Handlungen einzuleiten. Ich stehe vor etwas, sehe, höre, fühle und treffe eine Entscheidung. Vernunft geht noch einen Schritt weiter. Obwohl etwas abstrakt ist, kann sich das Gehirn damit auseinandersetzen und den Verlauf eines Prozesses unter Berücksichtigung von Logik, Wahrscheinlichkeiten, Erfahrungen, analysieren.

Weltweit haben sich die Menschen sehr unterschiedlich entwickelt. Während die indigenen Völker, oftmals mangels Gelegenheit, auf einem Level verblieben, welches von Vernunft und Verstand geprägt ist, entfernten sich andere große Teile der Menschheit davon. Allzu häufig wird der Begriff Entwicklung alleinstehend benutzt. Dabei sagt er ohne eine Bestimmung des Ursprungs und wohin dies ging, nichts aus. Ihn ausschließlich auf wissenschaftliche Erkenntnisse, Technisierung, medizinisches, biologisches Wissen, anzuwenden, halte ich für deutlich zu eng gefasst. Überbevölkerung, Zerstörung der Lebensgrundlagen aller Lebewesen, die so weit geht, dass alle notwendigen Voraussetzungen für seitens der Menschen als Leben definierte Existenz, vom Planeten verschwinden, das fortwährende Quälen aller Wesen und die Bedrohung mit Waffensystemen, die auf einen Schlag den Planeten zu einem toten Gestirn werden lassen, sind Entwicklungen, aber zu nichts Erstrebenswerten. Gleichermaßen sieht es mit Begriffen wie Fortschritt und Wachstum aus. Ich bin z.B. nicht begeistert, wenn in meiner Umgebung der Abfallberg anwächst. Auch ein Verfall kann fortschreiten.

Das Großhirn mit all seinen Fähigkeiten kann uns zerstören oder retten. Wenn diejenigen, welche sich auf dem Weg der Fehlentwicklung in Richtung Zerstörung befinden, sich nicht baldigst hinterfragen und sich rationale Grenzen setzen, statt einfach ohne Vernunft und Verstand immer weiterzumachen, wird es uns zerstören. Wenn es auch utopisch ist, besteht eine Machbarkeit. Schlicht, weil die grundlegenden Fähigkeiten, wie die Möglichkeit Gedanken anderen mitteilen zu können, vorhanden sind. Alles Weitere ist Wollen, Motivation und eine Aufgabe, dies zu organisieren. Utopisch wird es durch das Unvermögen, die eher primitiv und animalisch strukturierten Persönlichkeiten in ihre Schranken zu weisen bzw. es zu unterlassen, ihnen selbstmörderisch Machtmittel in die Hand zu geben. Wir lassen Frauen und Männer, die in ihrer Struktur ziemlich nah an Bonobos sind, mit Atomwaffen hantieren. Im Gegenzuge bin ich mir sicher, dass es niemanden gelingen würde, den Anführer eines Stammes im brasilianischen Regenwald von der Notwendigkeit einer Massenvernichtungswaffe zu überzeugen.

Aktuell führt Putin der Welt den Status Quo vor. Jede/r Machtinhaber/in, die/der primitiv genug ist und über Nuklearwaffen verfügt, kann Schalten und Walten, wie sie/er es gerade will. Neben den unmittelbaren furchtbaren Folgen des Krieges kommen noch all die weltweiten desaströsen Nachwirkungen hinzu, die den grundlegenden Prozess der ohnehin schon stattfindenden Vernichtung des Planeten Erde nochmals beschleunigen. Ministerin Baerbock sprach von einer Zeitenwende. Ich befürchte, sie liegt damit richtig. Genau jetzt ist der Moment, in dem sich vieles entscheidet. Bisher sieht es danach aus, dass es der Auftakt zur Epoche ist, in der festgelegt wird, in welcher Art und Weise das Ende des Anthropozän stattfindet. Augenscheinlich haben sich diverse Führungen damit abgefunden, dass weder die katastrophalen Klimaänderungen, noch die Zerstörung der Lebensgrundlagen durch Vermüllung, Verseuchung und Eingriffe, abzuwenden sind. Also versuchen sie Fakten zu schaffen, dass von ihnen Auserkorene wenigstens jene sind, welche das Licht ausmachen. Uneigennützig kann man nur hoffen, dass das Lebensprinzip noch rudimentär bestehen bleibt und die Chance bekommt, mit Bakterien von vorn zu beginnen und etwas Besseres dabei herauskommt. Vielleicht etwas ohne Großhirn, weil es sich nicht durchsetzen konnte.


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Veröffentlicht26. März 2022 von Troelle in Kategorie "Gesellschaft

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