März 31 2022

Verantwortungsvolles Führen und die Folgen

Lesedauer 6 Minuten

“Führen bedeutet, andere erfolgreich zu machen.”

Führungsgrundsatz, unbekannte Quelle

Ich habe vergessen, wann mir der genannte Führungsgrundsatz erstmals begegnete, auf jeden Fall hat er mich über Jahre hinweg beschäftigt und ich gebe zu, erst mit Mitte 50 verstehe ich ihn in seiner vollen Tragweite. Führung in einer betrieblichen Hierarchie wird häufig als etwas verstanden, was am Ende das Unternehmen erfolgreich machen soll. Selbst wenn der Anspruch besteht, ein angenehmes Betriebsklima zu schaffen, basiert der auf der Erkenntnis, dass zufriedene Beschäftigte effizienter arbeiten, als ständig frustrierte.

Menschen-Führung begegnet einem nicht ausschließlich im Beruf. Da wäre zum Beispiel an die politische Führung eines ganzen Landes, oder aber auch an die Führung durch einen Therapeuten, Weisen, Meister, Lehrer, zu denken. Selten, aber es kommt vor, begegnet einem eine Kombination, in der sich eine betriebliche Führung durch einen Vorgesetzten oder einer Vorgesetzten gleichsam zur Lebensführung entwickelt. Mir wurde das letztens bei einem Telefonat bewusst. Einem Kollegen, der mir gegenüber nicht weisungsbefugt war, fielen in meinem Verhalten negative Entwicklungen auf, die nicht dazu passten, wie er mich jahrelang erleben durfte. Er beriet sich mit meinem Vorgesetzten, der mich daraufhin aus dem Augenwinkel heraus beobachtete und da er mich selbst seit Jahrzehnten kannte, für eine Beurteilung durchaus kompetent war. Beiden ging es nicht um meine Effizienz, die reichte immer noch vollkommen aus, sondern um mein allgemeines Auftreten. Es führte zu einem Gespräch, in dem der Vorgesetzte sagte: “Zieh die Notbremse! Du bist durch!” Nachdem ich mich in der Folgezeit mit den Themen Burnout, Depressionen, Traumatisierungen eingehend beschäftigte, weiß ich, wie gut mich die beiden damals erkannten. Ich selbst hatte längst den Punkt überschritten, an dem ich selbst die Kraft für eine Veränderung aufgebracht hätte. Meine innere Kapitulation war in ein passives Warten auf den letzten großen Knall, der entweder ein Ende bedeutete oder das lange innerliche Sterben einleitete, übergegangen. Ich denke, das war, was die beiden nicht mehr sahen: Mich! Es gibt die Redewendung: “Ein Schatten seiner Selbst zu sein.”

Überhaupt eine Grundregel, die ich mir in vielerlei Lebensbereichen zu eigen gemacht habe. “Es ist wichtig, hinzusehen und Schlüsse zu ziehen. Doch oft ist es weniger das Offensichtliche, welches die relevanten Informationen liefert, sondern all die Sachen, die erfahrungsgemäß oder einer Logik folgend vorhanden sein sollten, aber nicht sichtbar sind.”

An sich ist dies ein sehr alte Logik. Es gehört zur Überlebensfähigkeit in der Wildnis, die plötzliche Stille als Warnzeichen zu erkennen. Andersherum ist es ebenso eine uralte Taktik, mit etwas Sichtbaren vom Verborgenen abzulenken. Vorgesetzte sollten dies ebenfalls berücksichtigen. Wo nicht gelästert wird, untereinander und im Besonderen über die Führung, stimmt etwas nicht. Mitarbeiter, die gar keine Ausfälle wegen Beziehungsproblemen, Familie usw. haben, verbergen unter Umständen sehr große Probleme, wie Isolierung, Vereinsamung, Ehekrisen, die sich traumatisch auswirken können und der Arbeit nicht zuträglich sind. Vorgesetzte, die alles und ständig kontrollieren, sollten darüber nachdenken, warum sie nahezu immer stimmige Sachen zu sehen bekommen. Mitarbeiter sind nicht doof und ständige Kontrolle ist die Aufforderung zum kreativen Vorspielen einer Perfektion.

Ich finde, überall wo Vorgesetzte eine Rolle spielen, sollten sich die mit der Führung Beauftragten, ihrer zweigleisigen Verantwortung bewusst sein. Der, die sich aus dem Arbeitsverhältnis gegenüber dem Auftraggeber ergibt und jene, die sich aus dem Sozialverhalten eines Primaten, der in Herden lebt, ableitet. Allzu häufig reduziert es sich auf den Arbeitsprozess. Zum Beispiel gibt es die Leute, welche durch übermäßige Arbeitsleistung persönliche Defizite kompensieren wollen. Wer das auch noch fördert, nimmt billigend in Kauf, dass Betroffene eines Tages zusammenklappen und aussortiert werden. Speziell wird es, wenn Vorgesetzte dies tun, weil sie ähnliche Defizite aufweisen. Irgendwann sagte mal einer: “Mir reicht es völlig aus, wenn ich Führungskräfte habe, die niemanden demotivieren.”

Willst Du einen Menschen kennenlernen, mach ihn zu Deinem Vorgesetzten!

Kurt Tucholsky

Ich durfte drei Kategorien von Vorgesetzten kennenlernen. In jeder Hinsicht bemerkenswerte Persönlichkeiten, die ernstzunehmende “Menschenführer” waren oder hoffentlich noch sind. Dann einige, die ich heute als Psycho – o. als Soziopathen bezeichnen würde und zusätzlich welche, die vollkommen unfähig, aber gleichzeitig harmlos waren. Der ersten Kategorie bin ich dankbar für gute Zeiten und zum Ende hin, für eine gute Wendung in meinem Leben. Wobei ihre größte Aufgabe darin bestand, mir meine zuvor gemachten Erfahrungen zu widerlegen.
In diesem BLOG – Beitrag steckt zwischen den Zeilen ein leises “Danke!” Im Nachhinein kann ich nur bestätigen, dass es auf der Kippe stand. Aus der etwas unglücklichen Verkettung mehrerer suboptimal verlaufender Prozesse, wäre ich allein nicht mehr herausgekommen. Doch hauptsächlich möchte ich mit meiner Offenheit etwas anderes erreichen. Verantwortungsvolle Vorgesetzte, vor allem auch jene Beauftragten, die für die Auswahl zuständig sind, können maßgeblich Biografien beeinflussen. Eine Angelegenheit, die weit über den Bereich eines Betriebes, einer Behörde oder sonst welche Einrichtungen, hinaus geht. Und ein alter Spruch lautet: “Ein Mensch lebt nicht für sich allein!” An jedem hängen noch weitere hinten dran.

Bei alledem ist hervorzuheben, dass es fast niemals um Vorgaben, Ratschläge oder Anweisungen geht. Vielmehr sind es die richtigen Fragen und das Erkennen der Stärken. Wer fragt, führt das Gespräch und was die Leute alles nicht können, interessiert mich wenig. Interessant ist, worin sie gut sind und wo in welcher Lebensphase sie sich gerade befinden. Alles hat seine Zeit.


Letzteres ist mir ebenfalls wichtig. Der Mensch durchläuft mehrere, teilweise eher individuelle und gleichzeitig Phasen, die jeder durchmachen muss. Ich kann jetzt sagen: Meine ganz persönliche Phase, Dienst für die Gesellschaft als Kriminalbeamter, war vorbei und andere sind angebrochen. Angeschlossen hatte sich an eine Findungsphase nach der schulischen Ausbildung und begleitet wurde sie von der Lebensphase als Familienvater. Wir leben in Deutschland in einer überalterten Gesellschaft. Mir wurde noch ganz altbacken beigebracht, vor dem Alter Respekt zu haben. Besser gesagt: Es wurde versucht! Meine Antwort lautete stets: “Von jungen Doofen ist nicht zwingend zu erwarten, dass sie alte Schlaue werden.” Eine Zeitlang durfte ich den Status eines sogenannten “Silberrücken” genießen, der sich aus einer langen Zugehörigkeit ergab. Damit hatte ich einen gewissen Kredit an Respekt. Um so unangenehmer, wenn man merkt, dass man aufgrund von Schwierigkeiten, den Kredit aufbraucht und vom “Silberrücken” – Ansehen nicht mehr viel bleibt.

Ich möchte Menschen, die sich in meinen Worten teilweise wiedererkennen, etwas sagen, was vielleicht zu ihnen passt. Es heißt: Man lernt nie aus! Ich finde, dieses Lernen bezieht sich nicht auf das, was wir im Allgemeinen unter neuen Erfahrungen verstehen. Ich habe einen Bekannten, der ziemlich empfindlich auf ungenaue Formulierungen reagiert. Er würde sagen, dass die folgenden Worte letztlich auch auf einer Erfahrung im eigentlichen Sinne beruhen. Ein gewisser Teil von Lebenserfahrungen ist irgendwann erschöpft. Ab und zu kommt mal ein Highlight dazu, aber vieles wird vorhersehbar. Mich hat es quasi in ein neues Leben geworfen. Plötzlich ist es weniger bedeutsam, welche Erfahrungen ich gesammelt habe, sondern Jüngere schauen darauf, welche Rückschlüsse ich daraus ziehe und auf Basis dessen mein Leben gestalte. Mit alten Geschichten muss ich denen nicht kommen. Die verschaffen mir maximal eine gewisse Glaubwürdigkeit. Viel interessierter sind die daran, was ich aktuell tue oder unterlasse. Das ist neu und völlig entgegengesetzt zu meiner vorhergehenden beruflichen Sozialisation.

Im aktuellen Diskurs ist der Begriff “Zeitenwende” aufgetaucht. Meiner Auffassung nach wurde die nicht mit dem Ukraine-Krieg eingeleitet, sondern Putin, der Krieg und die Reaktionen sind Teil der Wende, die sich schon länger abzeichnet. Digitalisierung, Propaganda, Massengesellschaften, Globalisierung, Ressourcen-Kämpfe, die nahezu vollständige Abspaltung der Industriegesellschaften vom Rest der Weltbevölkerung, die fortschreitende Klimakatastrophe sind jeweils für sich alleine Auslöser. Die Geister scheiden sich an der Lebenshaltung, wie mit einer Zukunft zu verfahren ist, die man zwar mitgestaltet, aber nicht mehr selbst erlebt. Sollte ich so alt werden, werde ich mit ca. Ende 70 die ersten richtig bösen Auswirkungen erleben und dann schnell abtreten. Ich kann mich also für meine letzten 20 Jahre entscheiden, ob ich notwendigen Änderungen entgegentrete, sie befürworte, aktiv werde oder es den Jungen überlasse, oder mich schlicht und ergreifend vollkommen heraushalte. All meine Altersgenossen, die wieder ganz deutsch, in jedem zweiten Satz “Deutschland” unterbringen, aus diesem global betrachtet, Zwergstaat, erneut ein wichtiges Land machen wollen, auf ihre Freiheitsrechte in Form von Besitz eines SUV oder “Freie Fahrt für freie Bürger!” pochen, oder anders gesagt, primitives Denken mit Freiheit gleichsetzen, haben sich für einen Widerstand gegen das Notwendige und nach mir die Sintflut entschieden. Gleichermaßen sieht es mit denen aus, die Besitz, Vermögen, Geld, Status, als das Ziel und Motor betrachten. Befürworten bedeutet auch manchmal Nachsicht walten zu lassen und die grundlegenden Ansätze der jungen Engagierten zu unterstützen. Heraushalten ist, was ich stets versuche, aber nicht schaffe. Übersehen werden darf dabei nicht, dass sich in der politischen Führung ein Establishment etabliert hat, welches sich nicht ein Deut von der alten Führung unterscheidet. Selbst, wenn sie bisweilen seltsame Dinge sagen, sind es bekannte Charaktere. Die spannenden Leute treten kaum wirklich in die Öffentlichkeit. Was dieser meiner Meinung nach notwendigen Bewegung zur Transformation fehlt, sind charismatische Anführer/innen. Immer mal wieder gibt es Ansätze, aber die werden allzu schnell niedergemacht. Ich denke da beispielsweise an Kapitänin Carola Rackete, die das Zeug zu einer echten Ikone, wie vielleicht ehemals ein Paul Watson, hatte (hat?). Ja, es gibt Leute mit Potenzial, aber wo ist die Führung? Ich habe nichts gegen eine Louisa Neubauer, aber sie ist wirklich sehr jung und sie lebt in einer wohlbehüteten Welt. Konnte denn niemand verhindern, dass sich Janine Wissler in einer Partei engagiert, statt weiter außerparlamentarisch auf den Busch zu hauen?

However! Irgendwie muss mal langsam der Knoten platzen und Leute mit revolutionären Ideen und dem Vermögen, diese zu verkaufen, müssten mal in die Gänge kommen. Hier an der Stelle zeigt sich ein Dilemma. Normalerweise ziehen gute Leute andere gute Leute hinterher. Leider haben dies ausgerechnet die hinbekommen, denen alles nach 20 Jahren völlig egal ist. Die haben sich im Kondensstreifen der eigenen Karriere ein paar Leute mit Vaterkomplex installiert. Selbstkritisch muss man sagen: Das ist ein klares Versagen des eigenen Führungsverhalten! Klarer Fall von ganz dumm gelaufen.


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Veröffentlicht31. März 2022 von Troelle in Kategorie "Gesellschaft

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