April 1 2022

Autos sind schlicht out!

Lesedauer 7 Minuten

Als sich mein 18ter Geburtstag näherte hatte ich nur eins im Kopf: Ich wollte unbedingt einen Führerschein machen. Das war der erste richtige Schritt ins Leben eines Erwachsenen. Dachte ich jedenfalls. Kaum hatte ich die Pappe in der Tasche, fuhr ich stolz mit einem Käfer Bj. 1972, ein Geschenk meiner Eltern, durch die Gegend. Ich liebte den Wagen und bastelte nach Möglichkeiten daran herum. Bis uns beide eines Tages eine Vergaservereisung trennte. Nun, dies kommt mir mittlerweile vor, als wäre es in einem anderen Leben geschehen. Andere Autos folgten und über zwei Jahrzehnte verbrachte ich dienstlich mein Leben mehr oder weniger in den unterschiedlichsten, meist hochmotorisierten Fahrzeugen, auf der Straße.

Parallel dazu fuhr ich leidenschaftlich Fahrrad. Als Jugendlicher sogar in einem Radsportverein. Später fuhr ich zeitweilig jeden Tag über 25 km bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zum Dienst. Außerdem habe ich die Strecke Berlin – Hannover nonstop absolviert. Ich behaupte, dass ich mich mit beiden, dem Fahrrad und Auto, ziemlich gut auskenne. Mit beiden bin ich oftmals jenseits aller Verkehrsregeln gefahren. Eine Lehre, die ich daraus gezogen habe, lautet: “Verlasse Dich weder auf die Einhaltung der Regeln, noch auf das Können anderer Verkehrsteilnehmer.” Ein großer Teil ist im Verkehr und mit dem, was gerade benutzt wird, vollkommen überfordert oder überschätzt sich famos. Außerdem gibt es im deutschen Straßenverkehr einige ungeschriebene Regeln:

  1. Alle befinden sich im Recht, kennen ihre Rechte, pochen darauf, und sind bereit dafür einiges zu riskieren. Im Ausland kann dies zu extrem gefährlichen Situationen führen. In Italien und Südfrankreich ist es völlig in Ordnung, wenn ein Freak halsbrecherisch innerhalb einer Schlange überholt. Kommt ihm einer entgegen, wird eine Lücke aufgemacht und er kann einscheren. Nicht, wenn ein deutscher Urlauber dabei ist. Der ist empört und macht die Lücke dicht, woraufhin es zu einem schweren Unfall kommen kann.
  2. Um die 80 % aller deutschen Autofahrer machen keinerlei Anstalten bei einem querenden Fußgänger, vor allem wenn dieser die Frechheit besitzt nach Gutdünken dafür eine Stelle zu wählen, langsamer zu werden.
  3. Wer in einer deutschen Stadt den Blinker zum Einordnen oder Ausscheren setzt, hat verloren. Es ist eine Unverschämtheit, sich vor einen anderen zu setzen. Also wird prompt beschleunigt.
  4. In jedem Deutschen schlummert ein Verkehrserzieher. Amüsant wird dies, wenn man sich selbst in einem Zivilfahrzeug der Polizei befindet und gerechtfertigt Verkehrsregeln ignoriert. Es ist erstaunlich, was Leute alles anstellen, um einen zu stellen und anzupöbeln. Ich fragte mich immer nach dem Plan. Wenn einer mehrere rote Ampeln überfährt, ist es entweder die Polizei oder ein Straftäter. Was soll die Aktion bei einem Straftäter bewirken? Ein 65-jähriger Verkehrserzieher steht dann unter Umständen vor einem 30-jährigen Räuber. Eine interessante Konstellation.
  5. Viele Radfahrer leben und fahren in einer anderen Realität. Weder verfolgen sie den Verkehrsfluss, noch sehen sie die Notwendigkeit, das Verkehrsgeschehen vorauszusehen oder Autofahrern Fehler zuzugestehen. In Berlin hat man bisweilen das Gefühl, dass das Einlegen des Rückwärtsganges ein heimliches Signal für Kohorten von Radfahrern ist, hinter dem Wagen lang zufahren.
  6. Weist man Radfahrer darauf hin, dass es dem Überleben wenig zuträglich ist, gegenüber einem oder einer mittelmäßigen Autofahrer/in auf die Rechte zu pochen, wird man sofort auf eine Täter/Opfer – Umkehr hingewiesen. Sollen sie machen, aber meiner Kenntnis nach ist es Bestattern egal, ob sie im Recht waren. Rein vom Gesetz her mögen sie richtig liegen, aber wirklich schlau erscheint mir dies nicht.
  7. Der Straßenverkehr wird oft zur Wildnis und Primaten kämpfen gegen Primaten.

Wie häufig im Leben wäre es angezeigt, gegenseitiges Verständnis, Rücksicht und eine gute Portion Gelassenheit, kombiniert mit sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen, an den Tag zu legen. Auf den Straßen tummeln sich alle möglichen Typen. Tante Frieda, Doreen, die Fahranfängerin, die knallharte Frau Schmidt, der angeblich wichtige Herr Meyer aus dem Vorstand, der 21-jährige Testosteron- Container, Opa Karl-Heinz und der Arbeitslose Herr Müller. Alle haben ihren eigenen Fahrstil und eigenes Talent zum Fahren. Aber wie erwähnt sind natürlich alle im Recht und selbstverständlich die besten Kraftfahrer/innen.

Da sind noch gar nicht Umstände, wie Stress, schlechte Laune, Restalkohol, Emotionen, Aussetzer und einiges andere berücksichtigt. Ich habe keine Ahnung, was meine Landsleute ständig umtreibt, wenn sie ständig von irgendwelchen Ideal – und Wunschvorstellungen ausgehen. Das darf man nicht, macht man nicht und ist vollkommen falsch. Ja! Aber leider sitzt da ein Homo sapiens am Steuer oder auf dem Fahrradsattel. Da ist grundsätzlich mit allem zu rechnen. Ich persönlich gehe grundsätzlich davon aus, dass es sich bei den anderen um Doofe handelt, die leidlich fahren können. Vom Gegenteil können sie mich immer noch überzeugen.

Von alledem abgesehen, kommt bei den Autofahrern noch etwas anderes in Spiel. Das Thema Auto wird seit der ersten Serienproduktion von Propaganda begleitet, die sich jahrzehntelang in die Gehirne gefressen hat. Anfangs protestierten die Bürger noch, weil ihnen nach und nach die Straßen weggenommen wurden und sie ihre dominante Vormachtstellung an das Automobil verloren. Noch in den 60ern wurden im Fernsehen Filmchen gezeigt, in denen es als unerhört dargestellt wurde, wenn ein Fußgänger die Frechheit besaß, allein die Straße zu queren, anstatt zu warten, bis sich eine Gruppe gesammelt hat, damit der Fluss nicht unnötig gestört wird. Obwohl die wenigsten ein Sicherheitsfahrtraining absolviert haben oder Erfahrungen mit dem Rennsport vorweisen können, wird seitens der Hersteller suggeriert, dass grundsätzlich jeder locker 180 km/h fahren kann und das Fahrzeug unter Kontrolle hat. Im Ergebnis brettern 60 – 70-jährige alte Männer mit 200 km/h im Vertrauen auf Gott und die Errungenschaften der Fahrzeugtechnik über die Autobahnen. Gleichsam wird auf nächtlichen Landstraßen mindestens die erlaubte Geschwindigkeit als ein Muss betrachtet. Was soll schon passieren, der Mensch hat Vorrang und alle anderen Lebewesen des Planeten haben sich dem unterzuordnen. Einfach mal mit 60 km/h durch das Waldstück zu fahren, kommt kaum jemanden in den Sinn. Hierfür müsste das Großhirn aktiv werden. Heutzutage ist mit einem Fahrzeug alles Mögliche verbunden. Status, Freiheit, Selbstbewusstsein, Ego, Selbstinszenierung, Freizeitgestaltung, Kreativität – für all das haben die Konzerne gesorgt. Dazu kommen noch die Kandidaten, welche ihr Fahrzeug zum Stressabbau benutzen. Über 170 km/h sitzt hinter dem Steuer der oder die Besitzerin eines Großhirns, welches mit der notwendigen Verarbeitungsgeschwindigkeit völlig überfordert ist. Es blendet sich aus und überlässt alles Weitere den tiefer liegenden Regionen. Es wird nicht umsonst von einem Geschwindigkeitsrausch gesprochen. Jede/r, die/der mal längere Zeit mit hoher Geschwindigkeit unterwegs war, kennt den Effekt bei der Abfahrt, bei dem einem 100 km/h plötzlich vorkommen wie 50 km/h. Spätestens bei einer Notfallbremsung klärt sich der Wahrnehmungsfehler. Ich hab schon mal auf dem Dach gelegen. Trotz zigfachen Sicherheitsfahrtraining. Physik ist eine komische Angelegenheit.

Ich bin nicht mehr 18 und wir schreiben nicht mehr das Jahr 1984. Zwei Dinge sind seitdem aneinander vorbeigelaufen. Die Propaganda der Autoindustrie, die mich damals in den Bann zog und die Realität des 21. Jahrhunderts. Die Zeit des Autos, des Verbrenners, aber auch diese Verirrung, dass Autos für Freiheit, Individualität, Potenz, Status usw., stehen, sind vorbei. Es ist Zeit für eine Umprogrammierung. Da braucht niemand aufzuschreien. Das zuvor war auch eine Programmierung. Einen Affen mit einem hoch entwickelten Gehirn in eine Maschine zu setzen, die er nur bedingt unter Kontrolle hat, war niemals eine wirklich gute Idee. Menschen hatten in der Vergangenheit viele Ideen, die sich als Irrweg erwiesen.
Oberschlaue kommen stets mit dem Hinweis auf Transport und Mobilität um die Ecke. Vielleicht kommt mal jemand auf den Trichter, dass wir ein Leben um das Auto herum gebaut haben. Erst damit war es möglich, seine Angestellten in die Walachei auszulagern, damit die brav 50 km täglichen Arbeitsweg absolvieren. Ohne die Existenz von Autos wäre auch keiner auf die Idee verfallen, alle Läden aus den Dörfern und Kleinstädten zu vertreiben, sodass alle in Großmärkten, errichtet auf günstigen Flurstücken, einkaufen müssen. Die Gestaltung unserer Städte ist der vollkommene Wahnsinn. Wobei ich einräume, dass es in Deutschland noch halbwegs geht. In Kuala Lumpur konnte ich mein Hostel sehen, musste aber ein Taxi nehmen, weil es keine Option gab, dorthin zu Fuß zu kommen, ohne mich in Lebensgefahr zu begeben. In einigen US-Bundesstaaten wird man als Fußgänger von der Polizei angesprochen, ob man in Schwierigkeiten steckt.

Alle Bestrebungen E-Autos zu bauen oder autonom fahrende Fahrzeuge zu entwickeln, sind irrationale Verlängerungen einer Fehlentwicklung, die einzig den Profiten dienen. Fahrräder sind eine kleine Rückbesinnung. Alles, was eingefleischte Autofahrer zum Thema Radfahrer zu sagen haben, ist meistens dummes Gewäsch. Auf Platz 1 haben die Fußgänger zu stehen, dann kommen die Radfahrer, hiernach kommt eine ganze Weile gar nichts und irgendwann die Autofahrer. Ich kann auch dieses Gerede über Radfahrer, die bei Rot über eine Ampel fahren, nicht mehr hören. Die gefährden in der Regel sich selbst. Ein/e Autofahrer/in, die den umhaut, muss sich erst einmal an die eigene Nase fassen. Statt des lebensmüden Radfahrers hätte es auch jederzeit ein Kind oder ein Betrunkener sein können. Mehr als ein Tonne auf vier Rädern ist ein gefährliches Ding und wer damit nicht umgehen kann, sollte es lassen oder sehr langsam und umsichtig fahren. Und ja, ich gebe zu, dies kommt von jemanden, der vom Saulus zum Paulus geworden ist. Ich hatte verdammt viel Glück. Aber Glück ist kein belastbares Argument.

Natürlich gibt es Leute, die auf ein Transportmittel angewiesen sind. Die stehen nicht zur Debatte. Hierzu gehören all die Handwerker, welche Maschinen, Material und Werkzeug zu transportieren haben. Aber seltsamerweise gibt es Frauen und Männer, die ihre Einkäufe mit den öffentlichen Verkehrsmitteln transportieren können und andere, die sich strikt weigern. So wie es die gibt, welche mit der Bahn pendeln und jene, die sich jeden Morgen brav in den Stau einreihen. Schaut man in die Fahrzeuge hinein, sitzen die da überwiegend alleine in ihrer Kiste. Bemerkenswert sind auch die Eltern, welche ihre Kinder wegen des hohen Straßenverkehrs mit dem Auto zur Schule bringen. Oha, müssten die “Kleinen” unter Umständen eine Stunde mit dem Bus zur Schule fahren? (Wir haben in der Zeit im Bus unsere Hausaufgaben abgeschrieben!) Morgens mag dies noch angehen, aber was soll mit den Anschlussterminen, Fußballtraining, Ballett, Klavierunterricht und Therapiestunde passieren? Ich rate als zweifacher Vater zu einer etwas weniger engeren Taktung, dann entfällt schon mal die Therapiestunde. Und es ist erstaunlich, was moderne Schulen für AG’s anbieten.

Zum Abschluss möchte ich noch eine Geschichte erzählen, die ich vor langer Zeit erlebte. Mir wurde damals ein Anti-Stresstraining angeboten. Die Teilnehmer lernten dort viel über Stress, die Auswirkungen und inwiefern der hauptsächlich von einem selbst ausgeht. (Ich hätte da besser zuhören sollen!) Im Zuge dessen gab es auch Anleitungen, dem mit autogenem Training, aktiven Entspannungsmethoden und Überdenken der Verhaltensmuster, entgegenzutreten. Der Leiter war ein weiser Mann, der kurz vor seiner Pensionierung stand. Neben vielen anderen Dingen, machte er unmissverständlich klar, dass Zeit nicht zu komprimieren ist und Geschehnisse, wie Unfälle, Staus, Behinderungen, halt vorkommen. Entscheidend ist, was man daraus macht. Rote Ampeln nannte er Buddhas-Auge und Staus beschrieb er als gute Gelegenheit, den Körper und Geist zu entspannen. Prompt geriet die ganze Gruppe auf dem Rückweg nach Berlin in mehrere Staus. Alle machten sich einen Spaß daraus aufzuspringen, laut “Aaah” zu rufen, dem sich ein langes “Ooohm” anschloss. Heute noch, bestimmt 25 Jahre später, denke ich in Staus an diese Geschichte. Sie fällt mir auch ein, wenn ich die wichtigen Menschen im Zug beobachte, die während der Fahrt am Laptop arbeiten und Geschäftstelefonate führen. Sie wollen die Zeit komprimieren. Funktioniert nicht und rächt sich eines Tages. Was hat das mit Autofahrern zu tun?

Autofahrer/innen finden hunderte Gründe dafür, warum sie darauf unmöglich verzichten können. Sehr wenige hinterfragen dabei ihr Leben und den Stress, dem sie sich dabei aussetzen. Auch ist vielen nicht bewusst, was mit ihnen geistig und körperlich passiert, wenn sie mit hohen Geschwindigkeiten fahren. Bezüglich der Unmöglichkeiten kann ich bei Männern noch etwas anderes beisteuern. Sie stehen unter Termindruck, müssen unterwegs arbeiten, stets erreichbar sein, benötigen ihr Auto, um flexibel von einem Termin zum nächsten Hetzen zu können. Dies alles ändert sich mit einer jungen attraktiven Frau, die mit ihnen flirtet. Urplötzlich tun sich Zeitfenster auf, Umwege werden gefahren oder Autos sind schlagartig kaputt, Hotelzimmer werden angemietet, Funklöcher breiten sich über Deutschland aus. Alles ist eine Frage der Motivation und Einsicht.

Es geht nicht alles, aber sehr viel, wenn man will und einfach mal über den ganzen Propagandamüll im Kopf nachdenkt.


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Veröffentlicht1. April 2022 von Troelle in Kategorie "Gesellschaft

1 COMMENTS :

  1. By PS 60+ alias Bipo on

    Interessante Gedanken, die sich fast 1:1 auch auf die Verhältnisse in der Schweiz übertragen lassen, jedenfalls auf die in der Deutschschweiz. Ganz spannend wird es, wenn ich Ihre Gedanken so quasi als Layer über mein eigenes Fahrverhalten und meine Einstellung zum Privatverkehr lege, um Abweichungen sichtbar zu machen …
    Ich lebe seit einigen Jahren in Lateinamerika, in Panamá, um genau zu sein. Vieles von dem, was Sie beschreiben, gilt auch für die dortigen Verhältnisse, meist sogar noch viel extremer. Im Strassenverkehr gilt grundsätzlich das Recht des Stärkeren. Interessanterweise ordnen sich die Verkehrsteilnehmer diesem Primatengesetz ganz selbstverständlich unter …

    Ihr Bild „Affen mich einem hochentwickelten Gehirn in einer Maschine“ gefällt mir ganz besonders gut. Ich werde es mir künftig in Erinnerung rufen, wenn ich Gefahr laufe, mich im Strassenverkehr über das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer zu ärgern, was ich allerdings, seit ich in Panamá lebe, nur noch sehr selten tue – es bringt ja doch nichts … 🙂

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