Mai 9 2022

Das Ende von Kriegen

Lesedauer 7 Minuten

Wann endet ein Krieg? Mit dem letzten abgegebenen Schuss? Wenn er endgültig nur noch in Geschichtsbüchern eine Rolle spielt? Oder die letzten Hinterlassenschaften bereinigt sind? Diese Gedanken und einige mehr anlässlich des 8. Mai.

Die Frage stellte ich mir bei Fotografieren des Panzers. Er steht in Ho-Chi-Minh-Stadt im Vietnam Kriegsmuseum. Dort kann sich der Besucher alle Perversionen ansehen, die sich Waffenkonstrukteure bis in die 70er einfielen ließen. Und vieles davon liegt oder hängt noch im Dschungel von Laos, Kambodscha und Vietnam herum. Besonders gefährlich sind die kleinen Bomben in Form kleiner Metallbälle, die von den Streubomben jeweils über das Areal eines Fußballfelds verteilt wurden. Kinder spielen damit, infolgedessen ihnen die Arme weggefetzt werden oder Bauern entweder Opfer werden, weil sie in einer Hütte über einem Blindgänger eine Feuerstelle errichteten, oder sie im Reisfeld bei der Arbeit darauf stoßen. In Bäumen hängen heute noch Minen mit Fühlern aus Draht, die von unvorsichtigen Menschen oder Tieren ausgelöst werden.[1]Auf der Seite des Cope Visitor Centers wird die “Wiedergutmachungsarbeit” dargestellt.http://copelaos.org/.

Was ist mit den Folgen in den Köpfen? All die Traumatisierten geben durch ihr Verhalten den Krieg an die nächste Generation weiter. Neue Feindschaften entstehen zwischen den Menschen, die dann auf anderen Schlachtfeldern ausgetragen werden. Oder wie steht es mit den anderen Hinterlassenschaften? Tausende gesunkener Schiffe aus dem II. Weltkrieg verrotten auf dem Meeresboden und die Tanks werden langsam marode, sodass eine gigantische Ölkatastrophe bevorsteht. Hinzu kommt die versenkte Munition, die nach und nach giftiges Trinitrotoluol (TNT) in die Meere abgibt.[2]u.a. hier nachzulesen: https://nomennominandumdotblog.wordpress.com/2021/05/22/und-das-meer-weinte-schwarze-tranen/. Im Krieg werden nicht nur Menschen getötet, sondern die gesamte Flora und Fauna gleich mit. So gesehen ist der Zweite Weltkrieg noch lange nicht vorbei. Es folgten Napalm, radioaktive Munition, Fassbomben, weiterentwickelte Phosphorbomben. Die letzten Schüsse mögen gefallen sein, aber der Krieg dauert an. Ich sehe da auch nicht die Richtigkeit eines Begriffs, wie Kriegsfolgen. Eine Vielzahl von Waffen wird dazu konzipiert, die Bevölkerung durch Verstümmelungen zu terrorisieren. Und wenn heute Kinder, Frauen und Männer von den eingesetzten Waffen verstümmelt werden, machen sie genau, wozu sie konstruiert wurden.

Aktuell wird davon gesprochen, dass Russland den Krieg nicht gewinnen darf. Was ist ein Gewinn? Das seitens Putin angestrebte Ziel? Wie auch immer es konkret aussehen mag: Ist die vollständige Zerstörung der Ukraine ein Gewinn? Oder geht es um die Kontrolle? Haben nicht längst alle verloren? Wir, die Ukraine, Putin, Russland? Ganz abgesehen von der menschlichen Katastrophe, die durch das aktuelle Kriegsgeschehen stattfindet, sind die Auswirkungen von einem bisher nie dagewesen Ausmaß. Der Krieg wurde zu einem Zeitpunkt angezettelt, an dem sich die Industriestaaten ganz anderen Problemen widmen sollten. Am zurückliegenden 4. Mai hatte Deutschland ein Tag vor Frankreich den Erdüberlastungstag. Ab jetzt lebt die Nation hinsichtlich der vorhandenen Erdressourcen auf Pump in der Zukunft.[3]https://www.t-online.de/nachhaltigkeit/id_92123660/erdueberlastungstag-von-heute-an-lebt-deutschland-auf-pump.html. Im Hinblick auf den Krieg interessiert dies aber niemanden ernsthaft. Anstatt das wir erst einmal mittels Aufarbeitung und Beseitigung die vorangegangen Kriege beenden, wird einfach weiter gemacht. Selbst die Atomkraft mit dem hinreichend bekannten Entsorgungsproblem gerät wieder in den Fokus. Die Big-Player Russland, China, USA, EU, zeichneten sich bereits in der Vergangenheit nicht sonderlich durch ein Bewusstsein für das ökologische Geschehen aus. Es erscheint mir wie eine hanebüchene Veralberung, wenn beim Fracking ein Chemie-Cocktail in die Erde gepumpt wird, während seriöse Brunnenbohrer die Auflage bekommen, Bohrlöcher zu Vermeidung einer Verseuchung des Wasserleiters mit Mikolit (Ton-Pellets) abzudichten. Ein wirtschaftlich zerstörtes Russland wird einen Pfifferling auf die Vermeidung von Emissionen, Einbringen von Giftstoffen und Müll geben. In der Sowjetzeit entsorgten sie ihren Atommüll in die Arktis.[4]https://www.mdr.de/nachrichten/welt/osteuropa/politik/klimawandel-arktis-atommuell-russland-100.html Dabei sollte auch nicht verschwiegen werden, dass eine Menge deutscher strahlender Müll nach Russland verschoben wurde. Frei nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Der Ukraine-Krieg wird sehr lange dauern. Im klassischen und im erweiterten Sinne. Mir erscheint es, als wenn die letzte Chance zum Abmildern der sich bereits zeigenden globalen Katastrophe, verursacht von den Industriestaaten (Klima, Armageddon der Arten, Verseuchung des Planeten, Burnout der Erdressourcen), pulverisiert wurde. Harald Lesch sagte einmal, es gäbe keine Alternative zum Prinzip Hoffnung. Aber worauf sollen ich und andere hoffen? Wer soll sich der Dynamik entgegenstellen? Da helfen weder stabile Demokratien, noch tun es einzelne Personen. Überall geht um es Handlungszwänge. Die oder der hat dies veranstaltet, hieraufhin müssen die reagieren und den nächsten Zug machen. Ich erinnere mich an eine Fahrt in einem alten Wartburg mit Lenkradschaltung. So sehr ich mich auch bemühte, ich bekam bei der Karre keinen Rückwärtsgang hinein. Jeder Versuch brachte mich einen Meter weiter in Richtung einer Wand. Irgendwann gab ich auf. Ich stieg aus und schob das Ding rückwärts. Glaube ich daran, dass alle aussteigen und gemeinsam rückwärts schieben? Eher nicht!

Es wurde viel über die NATO, zurückliegende Kriege, Manipulationen, etc., diskutiert. Dies sind alles nette Analysen und Spekulationen. Den meisten ist vorzuhalten, dass sie behaupten zu wissen, welchen Verlauf eine andere Entscheidung bewirkt hätte. Wenn es darum geht, dass die USA ebenfalls Dreck am Stecken hat, kann ich dem nur zustimmen. Aber was bringt uns dies weiter? Jetzt findet die einzige Realität statt und es gilt eine allumfassende Mobilmachung zur Bekämpfung der genannten Katastrophen einzuleiten. Wegen meiner soll die komplette Weltgemeinschaft Russland den Hahn zudrehen, danach aber bitte sofort weitere Handlungen folgen lassen. Zum Beispiel der Weltgemeinschaft die Möglichkeit zu geben, stante pede gegen jeden Abweichler konsequent vorzugehen. Dazu gehört auch die sofortige Abschaffung aller Atomwaffen. Wenn sich auch nur ein Schritt in diese Richtung abzeichnen würde, hätte ich Hoffnung. Doch spätestens, wenn dümmliche Moderatorinnen und Moderatoren fragen, ob man eine Ökodiktatur haben will, schwindet sie. Bei einer Diktatur gibt es immer einen oder eine Gruppe, die Vorteile daraus ziehen. In dem Fall ist es aber das komplette Ökosystem der Erde. Rein theoretisch ist vieles machbar. Aber leider setzen die Industriestaaten weiter auf Kriege, deren Fortdauer nach Einstellen der aktiven Kampfhandlungen und Grundstrukturen, die noch aus grauer Vorzeit stammen, welche stetig in neue Katastrophen münden.
Wir setzen auf eine Konstruktion, die nachweislich kontinuierlich unbrauchbare, schädliche Gülle ausspuckt. Aber weil es nicht sein darf, dass seit Jahrzehnten Irrwege beschritten werden, wird aus der Gülle per Interpretation ein herrlicher nützlicher Dünger, mit dem das Wachstum gefördert werden kann, welches uns das Heil bringen wird. Nichts da! Gehen wir auf dem Pfad weiter, ist Sense. Irgendwann gibt es einen Krieg zu viel und ich glaube, der Ukraine-Krieg ist es. Keine Ahnung, wie es anderen geht. Aber ich schwanke derzeit zwischen Resignation, hysterischen Lachen und Defätismus. Vermutlich ist es besser, mich der Fraktion anzuschließen, die sich mit allem abgefunden hat und sich an Volksbelustigungen wie modernen Gladiatorenkämpfen von Fußball, Football, Rugby, Leichtathletik, erfreut. Alternativ, sich über einen gefallenen Nationalhelden Gedanken macht, dessen einziger Verdienst darin bestand, einen 56 bis 59,4 Gramm schweren Ball über ein Netz zu schlagen.

Vielleicht hatte der Mann, den ich in einer Klinik traf, doch Recht. Er saß in der Sonne auf einer Mauer und sah einem Schmetterling zu. Dazu sagte er mir: “Wir beide haben so viel Dreck gesehen, es ist an der Zeit den Rest des Lebens mit den schönen Sachen zu verbringen. Wir dürfen uns herausnehmen und es den anderen überlassen.” Ich fragte: “Und wenn die sich nicht darum kümmern?” Als er antwortete, sah er nicht einmal auf. “Soll nicht mehr unser Thema sein. Wir haben unser Ding gemacht und dabei gelernt, was wirklich wichtig ist. Jetzt sind die dran.” Nun ja, die Tatenlosigkeit der anderen muss ich halt aushalten lernen. Dazu gehört auch, dass jede Menge Frauen und Männer, auch in meinem Umfeld, über Waffenlieferungen, Kampf, Krieg, Tod, sprechen, die nicht einmal eine Waffe in der Hand hielten, geschweige denn für irgendetwas ihr Leben ins Spiel geworfen haben. (Anmerkung 9.5.: Es sind im Zusammenhang mit Kriegen sehr unterschiedliche Menschen involviert. Die Waffenentwickler, die Produzenten, die Arbeiter, welche die Waffen herstellen, politische Entscheidungsträger, welche allgemein über den Einsatz entscheiden, eine Bevölkerung, die Soldaten ins Feld schickt und eben die letzten in der Kette, die tatsächlich töten. Es verhält sich, wie mit der Todesstrafe. Einer oder eine muss am Ende die individuelle Schuld/negatives Karma auf sich nehmen und töten. Nach meiner Lebenshaltung töte ich entweder selbst oder lasse es. Andere damit zu beauftragen, halte ich für eine schwierige Angelegenheit. Würden in Kriegen konsequent alle eine Waffe in die Hand nehmen müssen, sähe unsere Welt anders aus. Für meinen Teil kann ich sagen, dass ich ein- bis zweimal an der Schwelle stand, mit meiner Waffe jemanden zu erschießen, so wie ich mir auch nicht sicher war, lebend aus der Nummer wieder herauszukommen. Ein Scheißgefühl!)


Wo geht denn die Reise hin? Diese Frage würde ich mir stellen, wenn ich in der Ukraine in der Deckung stände.

Da, wo ich lebe, liegt alles in Trümmern. Freiheit? Wessen? Meine? Wenn ich mir hier die nächste Kugel einfange, habe ich nicht viel davon. Die Freiheit von Europa? Am Arsch! Es wäre mir so etwas von egal, ob diese dekadenten Vögel in Freiheit leben oder nicht. Fraglich wäre auch noch, ob wir unter Freiheit etwas Ähnliches verstehen. Wer gewinnt am Ende? Einige, die sich vorher und auch nachher eine goldene Nase verdient haben. Wie heißt es immer so schön? Totalitäre Staaten sind immer ein Problem von denen mit einer anderen Meinung. In Deutschland hat ein geringer Prozentsatz überhaupt so etwas wie eine Meinung, für die es wert wäre zu sterben. Der da drüben, der die ganze Zeit auf mich ballert, weiß vermutlich auch nicht so richtig, warum er das macht. Ja, diese und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf.
Böse, wie es klingt: Der Ukraine-Krieg hat sich zu einem Hype entwickelt. Was hat denn der “arme” Putin getan? Wie jeder andere ordentliche Anführer einer Großmacht wollte er sich im Schnelldurchlauf um einen abtrünnig gewordenen Vasallenstaat kümmern. Seit 1945 ist dies ein gängiges, akzeptiertes Gebaren. Nicht, dass ich dies sonderlich toll finde, aber bisher hat dagegen kaum jemand etwas gehabt. Also, was ist diesmal anders? Es ist ein europäischer Krieg! Da gab es auch schon andere und warum hat der jetzt eine Sonderstellung? Ist es dieser Effekt, der bei Flugzeugabstürzen auftritt? 150 Passagiere sind tot, aber glücklicherweise war kein Deutscher dabei. Russland entwickelt imperiale Züge! Auch nichts Neues. Dass die damalige Sowjetunion, später reduziert auf Russland, ein fieser Staatskapitalismus mit imperialistischem Charakter ist, wussten schon die alten ukrainischen Anarchisten (Machnowschtschina) um Nestor Machno, bevor sie von Trotzki gemetzelt wurden.
Es muss etwas anders sein. Aber was? Verstanden habe ich dies noch nicht. Russische Oligarchen sind plötzlich böse Menschen. Was waren sie denn vorher? Honorige Besitzer von Fußballvereinen und Yachten? Es soll doch tatsächlich eine mit dem Staat verwobene russische Organisierte Kriminalität geben. Wurde dies bisher vorteilhaft ignoriert? Überraschenderweise soll es gar ein Agentennetzwerk quer durch alle Industriestaaten geben. Plötzlich werden die alle verfolgt. Dem FBI wusste bereits lange vorher, wer sich da alles im Trump-Tower versammelte. Putins Kontakte zu den russischen Bruderschaften sind ebenfalls hinreichend bekannt. In den 90ern wurde von einer “Weißen Mafia” und einer “Roten Mafia” gesprochen. Erstere waren ordentlich gelernte Schwerkriminelle und die anderen schafften Staatsgelder außer Landes. Besonders die Gruppe “Jelzin” tat sich dabei hervor. 1998 war Russland zahlungsunfähig und sah sich genötigt, private Konten einzufrieren. Die Nummer haben sie auch schon durch. Ich will gar nicht fragen, was die Machenschaften der russischen Oligarchen wesentlich von denen aus dem Westen unterscheidet. Oder was ist mit Erdogan? Ich finde nicht den Aufhänger, was am Überfall auf die Ukraine besonders ist. Möglicherweise ist es der Punkt, dass die russische Armee in den ersten Tagen versagte. Dass sich die russischen Soldaten aufführen wie eine Soldateska darf zumindest niemanden wundern, der den Abzug der Russischen Truppen aus Deutschland beobachtete. Es ist nun einmal eine Armee, die aus gebrochenen, kaputten Typen besteht. Spätestens im Tschetschenien Krieg war alles klar. Hat aber auch niemanden gekümmert. Irgendwo hat die Nummer einen Haken. Egal, da draußen fliegen die ersten Schmetterlinge.


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Veröffentlicht9. Mai 2022 von Troelle in Kategorie "Gesellschaft

1 COMMENTS :

  1. By Heiko on

    Lieber Trölle,
    vielen Dank für deine (wie immer) guten Ideen. Selbst beim zweiten Weltkrieg darf man sich ja fragen: Hat es sich gelohnt, dass die Länder Polen, Russland, Frankreich, England, … sich gewehrt haben. Dieses Wehren hat ja viele Millionen Tote zur Folge gehabt und die 6 Millionen toten Juden sind ja auch nicht verhindert worden. Hitler wäre ja auch nach einigen Jahren gestorben, oder eben doch einem Attentat zum Opfer gefallen – es ist ja schwer abzuschätzen, wie groß der Schaden ohne die Gegenwehr gewesen wäre – riesig auf jeden Fall. Aber wäre er größer als der Schaden, der durch den Krieg entstanden ist?
    Wie groß wird der Schaden durch den Krieg in der Ukraine sein? Wie groß wäre der Schaden ohne Widerstand der Ukraine gewesen? Wir wissen es nicht genau. Aber wir Menschen machen solche Abschätzungen ja nicht. Da ist die Ungerechtigkeit, die wir fühlen und gegen diese setzen wir viel aufs Spiel. Stolz und Ehre, viele Gefühle bestimmen unser Handeln.
    Erst hinterher sehen wir, was wir angerichtet haben.
    Heiko

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