Mai 17 2022

Mein Kumpel Sidi

Lesedauer 6 Minuten

Ich trage eine Kette mit einer Buddha-Figur als Anhänger. Deshalb werde ich immer mal wieder gefragt, ob ich Buddhist wäre. Ganz einfach ist die Antwort darauf nicht. Wäre ich einer, müsste ich nach den Regeln leben und davon bin ich weit entfernt. Da es im Buddhismus nicht so etwas wie eine Taufe gibt, damit man kein Heide ist, sondern sich letztlich alles über die Lehre ergibt, ist man meiner Auffassung nach, streng genommen, kein Buddhist, wenn man sich nicht daran hält. Ich weiß, dass das in keinerlei Hinsicht eine offizielle Sichtweise ist. Aber um meine Haltung ein wenig zu beschreiben, schildere ich mal, wie ich mich dem Buddhismus genähert habe.

Bei historischen Persönlichkeiten stelle ich mir stets die Zeit vor, in der sie lebten. Unter welchen Umständen verbrachten sie ihren Tag? Wie haben sie gewohnt, gegessen, getrunken, geschlafen? In was für Häusern lebten sie? Gab es Toiletten? Wie lange benötigten sie, wenn sie von einem Ort zum nächsten mussten? Außerdem sind mir die sozialen Zustände, das Gesellschaftswesen und noch einiges mehr wichtig. Gelernt habe ich dies von meinem Kunstlehrer. Wenn wir ein Bild analysierten, beschäftigten wir uns auch mit dem Maler und seinen Lebensumständen. Hat man vor Augen, dass z.B. ein Rembrandt stetig mit seinen Finanzen jonglierte, zeitweilig seine Kinder als Witwer durchbringen musste und deshalb neben den Sachen, die er wirklich malen wollte, auch zu Auftragsarbeiten und zur Ausbildung mittelmäßig talentierter Sprösslinge reicher Familien gezwungen war, erschließt sich, warum einige Gemälde nicht der Qualität entsprechen, die man von ihm kennt. Oder wie muss sich ein Michelangelo gefühlt haben, als er über vier Jahre hinweg, hockend und über Kopf malend, im Schein einer Öllampe die Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle erstellte? In der Moderne ist es faszinierend, wie sich zum Beispiel ein Picasso durchs Leben schlug. Was muss das für eine Truppe gewesen sein? Jacob, Modigliani, Apollinaire, Picasso, alles junge Künstler, in einer Art WG, die im Winter zum Heizen Bilder von Picasso verfeuerten.

Ich sehe keinen Grund, warum ich mich in dieser Art nicht auch Philosophen, Religionsstiftern, nähern sollte. Bereits als ich das erste Mal mit dem Buddhismus in Berührung kam, verwarf ich für mich die Bezeichnung Buddha und betrachtete den Mann Gautama Siddhartha, welchem ich eines Tages den Kurznamen Sidi gab. Überträgt man seine Lebensgeschichte auf Heute, ergibt sich folgendes Bild. Er wuchs als Sohn einer vermögenden Fürstenfamilie auf. Aber ein indischer Fürst dieser Zeit lebte nicht in dem Prunk, den sich Mitteleuropäer wegen ihrer eigenen Vergangenheit vorstellen. Insofern dürften all die Geschichten, den nach Sidi vollkommen von der restlichen Welt abgeschottet im Palast aufwuchs, Legenden sein. Er wurde verwöhnt und musste sich nicht um normale alltägliche Arbeiten kümmern. Als Hindu und Angehöriger der Kshatriya-Kaste war es seine vorbestimmte Aufgabe für das Wohl der Gemeinschaft zu sorgen, politische Entscheidungen zu treffen und sich um die Armen zu kümmern.

Ich denke, die psychologischen Grundbedingungen beim Heranwachsen haben sich über die Jahrtausende nicht verändert. Damals war es üblich, dass sich die jungen Männer einen oder mehrere Weise suchten, bei denen sie eine Art Lehrzeit verbrachten. Sidi wird dies auch getan haben und setzte sich dabei mit seiner Herkunft auseinander. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sein Vater sonderlich begeistert war, als sich sein Sohn den Brahmanen anschloss. Mehr oder weniger mittellos auf der Suche nach Wissen in der Gegend herumzuziehen, klingt nicht danach, was sich ein Fürst von seinem Thronfolger erwartet. Mich amüsiert dabei die Vorstellung, wie er angeblich monatelang unter einem Baum meditierte und kaum Nahrung zu sich nahm. Andere gesellten sich zu ihm und lebten ebenfalls in Askese. Dann stand er plötzlich auf. “Sorry Leute, ich habe mich geirrt! Extreme sind nicht gut und bringen nichts. Ich gehe dann mal ordentlich essen, wasche mich und schau dann mal, wie es weiter geht.” Als Asket, der sich seinetwegen monatelang quälte, wäre ich ganz schön sauer gewesen.
Trotzdem brachte er es irgendwie fertig, eine Gruppe Zuhörer um sich zu scharen, denen er von seinen Ideen, Erkenntnissen und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen erzählte. Guru, Lehrer, Verführer, Menschenfänger, Anführer, Weiser, ich bin mir nicht sicher, was die richtige Bezeichnung ist. Ich denke, dass das stark vom Standpunkt des Betrachters abhängt. Heute würden sie ihn als gefährlichen Anführer einer Sekte bezeichnen. Eine Sekte innerhalb des Hinduismus, die zum Konsumverzicht, Bescheidenheit, Besinnung auf das Wesentliche, der Aufgabe von Bindungen jeglicher Art, fordert. Vornweg ein Obdachloser, der auf Kosten seiner Anhänger lebt. Der Umstand, dass er ursprünglich ein Hindu war, ist wichtig. Wenn er Gehör finden und sich nicht in Konflikte verstricken wollte, kam er an Zugeständnissen nicht vorbei. Daraus erklären sich einige Widersprüche, wie zum Beispiel die Diskriminierung der Frauen in einigen Ausrichtungen des Buddhismus und der Status der Mönche. Bhikkhuni, im übertragenen Sinne buddhistische Nonnen, müssen sich im südlichen Theravada-Buddhismus auch jüngeren Mönchen unterordnen, während sie in Taiwan, Korea und Vietnam eine große Gruppe stellen und als ebenso lange existent gesehen werden, wie die Mönche.

Soweit ich das mit meinem Wissen überblicke, hat vieles im praktizierten Buddhismus nichts mit den Worten oder Idee Sidis zu tun. Zum Beispiel wurde der erste Dalai Lama von einem mongolischen Khan eingesetzt, weil der eine politische Struktur in Tibet aufbauen wollte. Obwohl die Annexion Tibets durch China nicht in Ordnung ist, kann nicht ausgeblendet werden, dass sich zuvor der Adel, gestellt von den Lamas, nicht gerade im Sinne des Buddhismus aufführte. Der Dalai Lama ist auch nicht, wie es viele in Europa glauben, der oberste Buddhist, sondern spiritueller und politischer Führer einer Untergruppe, die nicht nicht einmal wirklich groß ist.
Für mich bedeutet dies in der Konsequenz, dass es um den “Roten Faden”, die innere Logik in seinen Worten bzw. seiner Anschauung geht. Mit der hat er viele beeindruckt. Nietzsche und Schopenhauer wandten sich dem zu, Hesse schrieb Siddhartha – Eine indische Dichtung, Freud, Jung und Fromm, nahmen seine Denkrichtung auf. Dennoch sieht unsere westlich industrialisierte Welt völlig anders aus.
Aber auch in buddhistischen Ländern vermisst man die Auswirkungen seiner Lehre. Überall wo ich bisher war, buddhistische Tempel oder Klöster besuchte, setzte ich mich eine Weile hin und hielt ein Zwiegespräch mit meinem imaginären Kumpel Sidi. Mal haben sie ihn zu einer Art Erlöser gemacht, einem, der bereits einmal aus dem “Nichts” zurückkehrte und die wahre Lehre verkündete, und von dem man erhofft, dass er es nochmals tut, an anderen Stellen (z.B. Ulan Bator) ist er zu einem Schutzheiligen geworden, der über die Stadt wachen soll. Mit seiner Lehre, in der jeder Bestandteil des Ganzen ist und damit jeder Teil dessen ist, was als göttlich bezeichnet wird, hat dies wenig zu tun. In Thailand wundert sich der Besucher über einen buddhistischen König, der völlig durchgeknallt ist und dekadent in Saus und Braus lebt. Wer das laut ausspricht, wandert auf dem direkten Weg im Gefängnis. Wenn es Mönche, Frauen und Männer, gibt, die den Buddhismus leben, muss man in die abgelegenen ländlichen Gegenden gehen. In Myanmar kann es selbst dort schwierig werden. Der hetzende Mönch Ashin Wirathu ist eine bizarre Erscheinung, aber sein Einfluss reicht weit. Ich hab mal eine Rede von ihm gehört. Auch wenn ich kein Wort verstand, war klar, worum es geht. Einpeitschen, Aufhetzen und Gewalt!
Würden in buddhistischen Ländern Buddhisten tatsächlich nach der Lehre leben, sähen sie vollkommen anders aus.

Doch ist das mit irgendeiner anderen spirituellen Lehre oder Religion anders? Laotse und Konfuzius wären mit Sicherheit nicht Freunde der chinesischen Kommunistischen Partei, Jesus würde beim Anblick christlicher Länder sofort beidrehen und im Iran, Irak, Türkei, sowie diversen anderen muslimisch geprägten Regionen liefe ein Mohammed vor Wut schnaubend in der Gegend herum. Dabei gab sich Sidi zu Lebzeiten wirklich Mühe. Wissend, dass Wörter missverstanden werden können, fand er für nahezu alle Ausführungen Bilder und Gleichnisse. Da gab es wenig dran zu deuten. Ihm ging es auch nicht wie Konfuzius oder Laotse um ein unerreichbares Idealbild, welches trotz der Unerfüllbarkeit anzustreben sei. Sidi hat den Leuten unter dem Strich gesagt, welche Folgen diese und jene Verhaltensweisen logisch nach sich ziehen bzw. welche Gedankenfehler einem unterlaufen können. Wenn die “Erleuchtung” oder wenigstens ein halbwegs positives Karma ein Klassenziel ist, dürfen sich nach seinen Vorstellungen diverse Leute nicht wundern, wenn sie noch einige “Ehrenrunden” zu drehen haben.

Für mich ist der Buddhismus ein wenig mit dem Kater nach einer durchzechten Nacht zu vergleichen. Man wusste ganz genau, wie man sich am Morgen danach fühlen wird. Dennoch mussten es noch fünf Bier mit drei Schnäpsen sein. Mit dickem Kopf schwört man sich, nie wieder Alkohol zu trinken oder wenigstens deutlich weniger. Ein Vorsatz, der bis zur nächsten Party reicht. Wer weiß? Im Palast wird es auch Gelage gegeben haben. Vielleicht ist auch Sidi dabei einiges aufgegangen. Im Prinzip geht es beim Konsum, dem Anhäufen von Besitz, dem Festhalten immer ums Belohnungssystem des Gehirns. Da setzen Alkohol und Zigaretten auch an. Am Ende muss man zugeben, dass Sidi im Grunde genommen Offensichtliches aussprach, aber einem der naheliegende Spaß wichtiger ist. Trotzdem hat der Bursche immer recht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er neben mir steht und sagt: “Kann man so machen, sieht dann halt kacke aus!”

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Veröffentlicht17. Mai 2022 von Troelle in Kategorie "Gesellschaft

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