Juni 30 2022

Alles gesagt

white ceramic sculpture with black face mask Lesedauer 5 Minuten

Mir erscheint die aktuelle Zeit immer mehr davon geprägt zu sein, dass Debatten über Unvermeidliches und Offenkundiges geführt werden, obwohl alles gesagt ist. Ob es nun die Klimadebatte, die notwendigen einzuleitenden Maßnahmen, die erwartbaren Folgen, die Debatte um die Legalisierung von Cannabis, der Zustand der industrialisierten Gesellschaften mit den einhergehenden Veränderungen und einiges weitere, sind.
Ich denke, die beste Bezeichnung hierfür ist Unvernunft. Leute ignorieren die Tatsachen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die sich aufzeigenden Zusammenhänge, weisen sich selbst Rollen zu, die ihnen nicht zustehen. Die große Frage ist dabei, warum sie dies tun. Ist es das Belohnungssystem des menschlichen Gehirns? Es wird in vielfältiger Art und Weise aktiviert. Manchmal ist es nicht offensichtlich, andere Male springt es einen förmlich an. Der reine Konsum ist banal. Überall wenden Leute, die den Auftrag annehmen, ein Produkt zu bewerben, Methoden an, welche das Belohnungssystem aktivieren. Das beworbene Produkt macht freier, schöner, jünger, stiftet Identität, suggeriert anderen den vermeintlichen eigenen Erfolg, lässt einen angeblich liebreizender, attraktiver, begehrenswerter, werden. In den Social Media sind es die Klicks, die Verbreitung des eigenen Kommentars, welche die Ausschüttung der Hormone zuverlässig auslösen. Aber hier kommt noch der soziale Faktor hinzu. Im Prinzip stehen alle auf einem Marktplatz, schreien ihre Meinung über das Areal und erhoffen Gleichgesinnte zu finden. Frei nach dem Zitat von Oscar Wilde: „Warum erzählen wir anderen Menschen von unserer Meinung? Schlicht weil wir Angst habe, mit ihr alleine dazustehen.“ Es gibt diesen Versuch, bei dem Studenten in einer Stuhlreihe vor zwei auf dem Boden liegenden unterschiedlich langen Schnüren sitzen. Jeder wird gefragt, ob sie gleich lang sind. Während von fünf Studenten vier eingeweiht sind, ist einer oder eine unwissend. Bei diesen Versuchen zeigte sich, dass sich die Unwissenden trotz erheblicher Abweichungen der Mehrheit anschlossen. Dies änderte sich erst, wenn einer oder eine vor ihnen den Umstand der Ungleichheit laut erwähnte.

Wenn also die Unvernunft die Oberhand gewinnt, ist meistens eine der Eigenarten des Menschen im Spiel. Jeder halbwegs informierte Mensch weiß, dass alle fossile Brennstoffe benötigende Prozesse schädlich und am Ende vernichtend sind. Wenn nicht auf dem direkten Weg, dann indirekt über Kriege und Ausbeutung. Gleichermaßen sieht es mit allen Produkten aus, die nicht rückstandslos dem natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden können oder über die vom Ökosystem benötigten Mengen, CO₂ entstehen lassen. Ebenso wissen wir, dass die Kernenergie lebensfeindliche Rückstände generiert, die der heutige Mensch einem Lebewesen hinterlässt, welches in 10.000 Jahren leben wird. Auch dies ist eine Eigenart des Primaten Mensch. Auf diesem Planeten gehören wir einer der wenigen Spezies an, die Einsicht in das Handeln und die fatalen Folgen hat, aber dennoch gegensätzlich handeln. Hierzu passend gibt es im Buddhismus den Leitsatz, dass es völlig unlogisch ist, ein für andere Lebewesen schädliches Leben zu führen, wenn man andererseits mit dem gleichen Aufwand ein zumindest neutrales führen könnte. Denn das erzeugte Leid und der Schaden trifft nicht nur die anderen, sondern auch einen selbst. Diese Logik der Wechselwirkung und Möglichkeit des Handelns erkannten Menschen bereits vor 3000 Jahren!
Wir wissen über die Eigenarten unserer Spezies ganz gut Bescheid. Aber leider ziehen wir daraus die falschen Konsequenzen. Ich weiß, dass die Unterscheidung zwischen richtig und falsch nicht einfach ist. Falsch in meinem Sinne ist alles, was unnötiges Leid und irreversible Zerstörung zur Folge hat. Als unnötig ersehe ich alles, was nicht zum Leben an sich gebraucht wird. Etwa wie eine Daunenjacke im Rucksack, während man durch einen tropischen Dschungel läuft. Und davon haben wir im Überfluss.

Wenn ich mit Leuten über die notwendigen Reaktionen auf die stattfindende Klimakatastrophe spreche, bekomme ich stereotype Aussagen zu hören. Alles müsse für die Menschen attraktiv gestaltet werden. Das ist typisch für deutsche Bürger. Ehrlich? Wenn die sich nicht alle darauf besinnen, dass um ihren eigenen Hintern geht, haben sie es auch nicht besser verdient. Sie wollen sich nicht über die Feuerwehrleiter retten lassen, weil es zu anstrengend ist und sie nicht höflich genug darum gebeten wurden. Aber leider trifft es alle und nicht nur sie. Ein paar Leute haben es verstanden und schreiten zur Tat. Gedankt wird es ihnen nicht. Sie werden als Sektenmitglieder, Irre und Spinner diffamiert. Geistig retardierte Hitzköpfe zerren sie von der Straße, um die Blockade der Straße, die sie mittels ihrer bloßen Körper errichten, aufzulösen. Im Internet zerreißen sie sich das Maul und ergehen sich wie üblich in den üblen Fantasien eines Lynchmobs. Auch nicht ungewöhnlich für das deutsche Bürgertum, eher ein Standard. Dabei kann das Bürgertum Anbetracht der Lage noch dankbar sein. Wenn das selbstherrliche, gierige, bräsige Bürgertum des Jahres 2022 auf eine Bewegung wie ehemals die 68er träfe, sähe der Protest anders aus. Ich weiß nicht, wie lange das noch gut gehen wird.

Bisher geht noch alles relativ glimpflich über die Bühne. Fridays for Future wurde tot gelobt. Greta, als Führungsfigur, erhielt Einladungen und bekam ein Podium, wo sie heuchlerisch beklatscht wurde. In Deutschland stampft unterschwellig die Propaganda-Maschine. Eine Schmutzkampagne folgt der nächsten. Es ist unfassbar, welche Energie hierfür aufgebracht wird, anstatt sie für passende Kampagnen zu verwenden, die den Weg bereiten könnten. Die Aktivisten, welche einen aussichtslosen Kampf gegen einen unverantwortlich handelnden Energieriesen, der unter dem Schutz der Landesregierung steht und deshalb Hilfe von der Polizei bekommt, werden dämonisiert. Wenn ich Bilder und Videos sehe, in denen die Institution, der ich einst aktiv angehörte, missbraucht wird, platzt mir regelmäßig der Kragen. Da hilft es auch nicht, dass ich voraussagen kann, wie die heute jungen Polizisten und Polizistinnen in ein paar Jahren darüber denken werden.

„Alle finden es ‚Scheiße‘, aber alle machen es mit!“, heißt es im Lied „Testament“ von Sarah Lesch. Deutsche mokieren sich über die Abholzung des Regenwaldes, prangern das Töten afrikanischer Wildtiere an und echauffieren sich über Flüsse angefüllt mit Müll. Im Gegenzuge haben weder der Wolf, Wisente noch Bären eine echte Überlebenschance. Zusammenhängende Wälder gibt es schon lange nicht mehr und die Holzplantagen fallen den Folgen der Klimakatastrophe zum Opfer. Unüberwindliche Barrieren durchschneiden in Gestalt von Autobahnen und Landstraßen die Gegend. Die Blechlawine rollt durch die verdichteten Städte, in denen sich die Wärme staut. Eine Steinöde reiht sich an die nächste. Wer kann, stürzt sich in die Schuldenfalle, um sich in den Vorstädten ein Haus zu kaufen, um dann über den mangelnden Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs zu jammern. Dies genügt dann, um auf die wenigen Widerständler loszugehen. Gleichzeitig findet in den Städten der soziale Verfall statt, gegen den die Polizei als Dämmmaterial eingesetzt wird. Alles ist gesagt und jede Entwicklung überrascht nur noch, wenn sie sich schlimmer gestaltet als angenommen.

Letztens „entschuldigte“ sich der 1949 geborene UN-Generalsekretär António Manuel de Oliveira Guterres dafür, dass seine Generation nicht alles unternommen hat, um die Ozeane zu schützen. Mit dem entschuldigen ist das so eine Sache. Niemand kann sich selbst von Schuld freisprechen. Dies können nur die Richter und Richterinnen, im konkreten Fall die nachfolgenden Generationen. Wenn ein Täter in der Lage ist, die Folgen einer Tat abzusehen, dennoch nicht von seinem Handeln ablässt, sprechen Juristen von einem Vorsatz. Die Tatbestände sind sämtlich erfüllt, somit blieben noch Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgründe. Ich kann keine moralischen oder ethischen erkennen. Waren wir betrunken? Standen wir unter Drogen? Gab es eine kollektive geistige Umnachtung? Ich bin nicht bereit, die menschliche Gier als solche hinzunehmen. Alles zusammen ergibt ein erstklassiges: Schuldig, im Sinne aller Anklagepunkte. Ich selbst nehme mich dabei nicht aus. Viel zu lange war ich besoffen und habe alles mitgemacht. Wenn ich es richtig beobachtete, ist das deutsche Bürgertum samt dem Rest der Privilegierten nicht Willens und bereit auf Guterres zu hören, der zum Ende des Lebens Bilanz zieht. Tja, schade eigentlich für ihn. Mit so viel Zugeständnissen in eine Machtposition gekommen, um zu erkennen, wie falsch alles war. Dabei mag man bei ihm noch gnädig sein. Ich denke, den größten Vorwurf müssen wir den Männern und Frauen machen, welche nach 1945 in der Stunde Null die politischen Geschicke in der Hand hatten. Unter dem Eindruck des II. Weltkriegs wäre es angezeigt gewesen, alles auf den Tisch zu packen und vollkommen neue Wege zu beschreiten. Stattdessen beließen sie alles beim Alten und setzten das Spiel mit anderen Konstellationen fort.

Kürzlich sagte mir ein Barkeeper, der selbst viel gereist ist, dass er die lange herumreisenden Typen als Menschen kennengelernt hat, die sich von allem distanziert haben und nicht mehr mitmachen wollen. In dem Falle ist distanziert ausnahmsweise korrekt. Es ist nur möglich, wenn man einen Standort verlässt, also einst dabei war. Ich merke, wie ich mich täglich ein wenig mehr distanziere. Der Zwischenraum füllt sich mit Verachtung für diejenigen, welche einfach immer weiter machen, sich dabei noch im Recht fühlen und die wenigen Widerständler anblöken.







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Veröffentlicht30. Juni 2022 von Troelle in Kategorie "Gesellschaft

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