August 16 2022

Warum – ein wichtiges Fragewort!

question marks on craft paper Lesedauer 7 Minuten

Meiner persönlichen Erfahrung nach ist die Frage „Warum?“ ein mächtiges Instrument. Dabei geht es mir weniger um die den Menschen antreibende Neugierde und den Wissensdurst. In unserer Gesellschaft ist es unmöglich nicht Sachverhalten, Regeln, Anweisungen, Vorgaben zu begegnen, bei denen sich die Frage quasi aufdrängt. Ist man nach einigen verständigen und vernünftigen Überlegungen in der Lage eine Antwort zu finden, ist alles gut. Kommt man nicht alleine darauf, besteht die Möglichkeit, nachzufragen. Folgt eine nachvollziehbare Erklärung, stellt sich ebenfalls so etwas wie eine Zufriedenheit ein. Doch allzu häufig kommen Antworten, die da lauten: „Das ist halt so! Ich mache hier nur meinen Job! Das haben wir schon immer so gemacht. Man kann nicht alles ausdiskutieren. Natürlich ist das verboten, ist doch klar. Wir haben Sie aufgefordert, dies auszufüllen, also machen Sie das jetzt.“ In mir formuliert sich bei an mich gerichteten Fragen häufig eine Gegenfrage. „Warum willst Du oder wollen Sie das wissen und was gedenken Sie oder Du mit der Information anzustellen?“ Gefällt mir das Motiv oder ist für mich nachvollziehbar, dass die Auskunft benötigt wird, werde ich antworten. Anderenfalls lasse ich es und verweigere die Antwort. Dies führt immer mal wieder zu Irritationen. Die meisten Menschen sind von Kindesbeinen darauf gedrillt worden, Fragen zu beantworten und empfinden eine ausbleibende Antwort als unfreundlich. Behörden, Institutionen, Firmen haben diesbezüglich einen besonders hinterhältigen Move in der Hinterhand. Es steht einem theoretisch frei, die Fragen nicht zu beantworten, aber dann schalten die im Gegenzuge auf stur. Spätestens nachdem Geld in ihre Richtung geflossen ist, machen die gar nichts mehr, ohne dass man einen Mehrwert, nämlich Daten abliefert. Doch dies nur am Rande.

Meistens stellt sich die Frage nach einem Grund oder Motiv, wenn entweder eine Handlung abgefordert oder untersagt wird. Dies kann u. a. durch eine Anweisung oder ein Verbot passieren. In unserem Staat bin ich zunächst einmal ein freier Mensch, dessen Freiheit durch die Grenzen eines anderen beschränkt werden. Das ist logisch und basiert auf uralten Erkenntnissen. Bisweilen gilt es dabei Kompromisse einzugehen und wenn sich die Leute nicht einig werden, rufen sie eine Instanz an, der sie eine Regelung zubilligen und zutrauen. Allerspätestens diese Instanz wird sich die Frage nach den Gründen für die Entscheidung stellen lassen müssen. Sind die Gründe vollkommen abwegig, kommt es zu einer absolut nicht nachvollziehbaren Bevorzugung einer Partei, kommt der Verdacht auf, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht – gibt es Stress! Hier kommt der Begriff Macht ins Spiel. Einige ich mich mit einem anderen alleine, ziehen wir an einem Strang, sind alle dazu fähig, verständig und vernünftig zu handeln, wird keine Machtposition benötigt. Damit ist Macht per se nichts Schlechtes. Geht sie einher mit Kompetenz, Empathie, Weisheit, natürlicher Autorität, wird sich vieles zum Guten wenden. Dennoch wird man nicht daran vorbeikommen, Machtinhabern*innen für Zweifelsfälle oder bei der Konfrontation mit unvernünftigen, unverständigen Menschen, Machtmittel zur Verfügung zu stellen. Im Idealfall sind die Entscheidungen, Handlungsaufforderungen, Verbote, so transparent dargestellt, dass die Intervention mit den Machtmitteln nicht notwendig wird. Selbstverständlich sind da einige Hürden.

Einerseits kann ich es mit Leuten zu tun haben, deren Verstand und Vernunft durch unterschiedliche Faktoren benebelt sind. Denen kann ich noch so schlüssig erklären, warum etwas notwendig ist, aber ich werde scheitern. Des Weiteren kann es sein, dass sich die Machtposition verselbstständigt hat. Sie wird dann auf den eigenen Vorteil achten. Oder die Machtposition verfolgt eine eigene, wie auch immer motivierte Agenda, die sich rationalen Überlegungen entzieht. Mächtige mit Sendungsbewusstsein, spirituellen, moralischen Motiven, die im Gegensatz zur Ethik temporär und abhängig vom Zeitgeist sind, verdienen stets eine Absage. Leider wird dies selten beherzigt.

Schaue ich mich in den Kreisen der aktuellen Politikergeneration um, entdecke ich viele Persönlichkeiten, die ihre übergebene Machtposition für eben die genannten Punkte missbrauchen. Fairerweise muss ich zugeben, dass sie damit dem Zeitgeist entsprechen. In Behörden, Konzernen, größeren Betrieben sieht es nicht anders aus. Schlimmer noch, in der gesamten Bevölkerung machen sich Gruppierungen breit, die versuchen Macht über den Rest zu erlangen. Heutzutage spricht man von der sogenannten Deutungshoheit, gemeint ist aber die gute alte Moral und die Macht, sie anderen aufzuzwingen. Entscheidend ist die Wirkung meines Handelns. Wenn ich mich selbst verletze, gar selbst töten will, ein Mitmachen verweigere, meine Wahrnehmung oder das Leistungsvermögen mit natürlichen oder chemischen Substanzen verändere, mich fortbilde oder das Lernen verweigere, Leistungen erbringe oder verweigere ist das alles meins und niemand hat sich dabei einzumischen.
Allerdings muss ich auch die Folgen für mich selbst in Kauf nehmen. Für das Gröbste haben wir ein Netz gespannt. Es basiert auf dem Wissen, dass wir alle fehlbar sind. Darüber hinaus gibt es noch einige Wechselwirkungen. Es ist eine künstliche Idee des Großhirns, dass es so etwas wie einen individuellen Besitz oder Eigentum an den Dingen gibt, ohne die ein Leben gar nicht möglich ist. Grundsätzlich gehören die grundlegenden Nahrungsressourcen, Wasser, Luft und Boden jedem Lebewesen zu gleichen Teilen. Jean Jaques Rousseau schrieb hierzu:

„Der Erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir« und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: »Hütet Euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört«.“

Nun, wenn wir uns schon nicht an diese Maxime halten, halte ich es für legitim, dass wir wenigstens jedem eine Grundversorgung, Hilfe bei Gesundheitsproblemen, auch denen, die sich selbst schädigen, zukommen lassen. Völlig anders sieht es mit allem aus, was eine Außenwirkung auf andere hat. Die Luft, Boden, Wasser, aus Unachtsamkeit oder ökonomischen Gründen zu verpesten, billigend aus egoistischen Motiven das Aussterben anderer Lebensformen voranzutreiben, unfassbares Leid zu verursachen, künftigen Generationen ein defektes Ökosystem zu hinterlassen, strahlenden, tödlichen Müll zu deponieren und vieles mehr, sollte regelmäßig die vernünftige, verständige Machtposition ins Spiel bringen. Im Gegensatz zum abwegigen Gewäsch von Neoliberalen, Konservativen, Faschisten, handelt es sich nicht um ein Machtmissbrauch, sondern um eine unabdingbare Notwendigkeit. Es ist keine Frage der Moral, wenn zum Beispiel der Mensch Landschaften mit Autobahnen durchtrennt und aus puren egoistischen Motiven anderen Lebewesen das Leben schwer bis unmöglich macht. Hier geht es um Ethik. Welche Berechtigung besitzt der Mensch, die eigenen Belange über die Existenz aller anderen Lebewesen zu stellen? Die Antwort: Weil der Mensch die vermeintliche Krönung der Schöpfung ist oder das Abbild eines imaginären Gottes; oder wenn es nach dem Humanismus geht, weil der Mensch im Zentrum des Lebens auf der Erde steht, ist nicht rational und sollte somit nicht die Argumentationsbasis einer Machtposition sein.

Tatsächlich passiert dies täglich. Manche erheben sich über andere und verbieten ihren Mitmenschen selektiv und willkürlich die Einnahme von Substanzen. Mit welcher rationalen Legitimation? Andere versuchen anderen Aussagen zu verbieten. Ich bin kein Freund des Begriffs „Volksverhetzung“. Da gibt es mehrere Seiten. Die Hetzer, jene, welche sich aufhetzen lassen und diejenigen, denen in der Gesellschaft die Aufgabe zuteilwurde, ausreichend Bildung des Geistes und der Persönlichkeit zu installieren, die dieses Treiben ins Leere laufen lassen. Volksverhetzung ist nichts anderes als eine speziell ausgerichtete Propaganda oder moderner ausgedrückt, eine PR Strategie. Die installierten Machtpositionen bedienen sich dankbar der Möglichkeiten der PR Techniken und hegen insofern kein Interesse an wirkungsvollen Gegenstrategien. Sie beschränken sich auf das Verbot unerwünschter Propaganda. Allgemein gegen jegliche Propaganda vorzugehen bleibt bei engagierten Personen unterhalb der Machtebene liegen. Knallhart betrachtet, erscheint derzeit die Hetze gegen politische und wirtschaftliche Flüchtlinge, Migranten, vornehmlich vom afrikanischen und asiatischen Kontinent, für etablierte Parteien wie die CDU, CSU, FDP, sogar einigen Mitgliedern der GRÜNEN und SPD, legitim. Zur illegitimen Hetze wird es erst, wenn es sich um Menschen mit einer mosaischen Weltanschauung handelt.
Gleichfalls in Ordnung ist das Pressen in ein Leben, welches auf Konsum, Heranschaffen von Gütern um jeden Preis, fremdbestimmtes und zumeist entfremdetes Arbeiten bis ins Grab, einhergehend mit der Diffamierung aller Menschen, die dies – was eigentlich gesund ist – nicht vermögen oder aus Gründen heraus ablehnen. In einem wirklich freien Land sollte es auch jedem Individuum möglich sein, sich nicht einer Gruppenmoral unterzuordnen oder gar nicht erst einzusortieren lassen, ohne dass es von Menschen mit anderen Lebensvorstellungen und Machtmitteln gegängelt wird.

Die Rolle des “Warum” in der Krise

Warum? Diese Frage führt in die Freiheit, sie kann einsam machen und lässt einen den Grad der eigenen Freiheit erkennen. Warum tue ich, was ich gerade unternehme? Basiert das Verhalten auf echten, eigenen Wissen? Hörensagen? Habe ich jemals über die Vertrauenswürdigkeit der Quelle nachgedacht? Warum vertraue ich ihr? Warum darf ich dieses oder jenes nicht unternehmen? Warum wurde es mir und vor allem von wem verboten? Welche Motive bestehen für das Verbot oder die Handlungsaufforderung?
Doch die Antworten führen auch zur Einsicht. Deutschland, Europa, die Welt, gerät mit rasanter Geschwindigkeit in multiple Krisensituationen. Erfolgreich lassen die sich nur mit Solidarität, gegenseitiger Hilfe und auch Verzicht bewältigen. Für eine handlungsfähige Mehrheit muss erkennbar sein, an wen welche Forderungen gestellt werden, wer Hilfe und Begünstigungen benötigt, warum und wieso an der einen oder anderen Stelle Freiheiten beschränkt werden müssen. Derzeit passiert dies nicht. Die Machtpositionen erwecken zumindest den Eindruck, dass sie einigen wenigen Privilegien einräumen, während sich die große Masse solidarisch zeigen soll. Dabei entsteht der Verdacht, dass wieder einmal Gewinner hervorgehen sollen, während sich der Pöbel durchquält. Dies wird zu Unruhen mit ungewissem Ausgang führen. Oftmals sind es die kleinen Funken, die am Ende für den Flächenbrand sorgen. Warum darf ein Golfplatz, ein Tennisplatz oder ein Fußballfeld bewässert werden, während an anderen Stellen gespart wird? Es bedarf hierzu einer schlüssigen Antwort. Wenn irgendwo nachts die Lichter brennen, bedarf es einer plausiblen Begründung. Warum können manche Konzerne einen Reibach machen, während alle anderen den Gürtel enger schnallen? Wer wird in der Krise in welchem Umfang zur Kasse gebeten? Solange die Menschen halbwegs genug haben, interessiert sie das Warum nicht. Dies kann sich schnell ändern. Mit einem politischen Establishment, welches vor lauter Hybris kaum noch gehen kann, irrational an einem neoliberalen Glaubenskonzept festhält, wird das nichts werden. Bitter amüsant ist dabei, dass die Vordenker, Gurus, die Handlungsfähigkeit bzw. die Fähigkeit komplexe Sachverhalte günstig zu beeinflussen, dem Menschen absprachen und deshalb auf die sich selbst generierenden Regeln eines Markts setzten. Nun ist es aber so, dass sich der Mensch de facto in den Mittelpunkt gestellt hat, u.a. mit der menschlichen Erfindung eines Marktes, eben genau dieses unternimmt und grandiosen Schiffbruch erleidet. Das Marktkonzept bedient alles, was dem Lebenssystem Erde nicht guttut. Gier, Horten, Wachstum, Konkurrenz, statt Maß halten, mit dem natürlichen System im Einklang leben, Solidarität über die Grenzen hinaus und untereinander leben, die Menschheit als etwas Ganzes auf dem Planeten zu begreifen bzw. sogar als einen Teil des kompletten Lebenssystems.

Theoretisch wäre ich selbst bei einigen dabei und zu vielen bereit. Aber spätestens, wenn die wieder alle anfangen in nationalen Grenzen und Märkten zu denken, multinationale Konzerne alle veralbern, sich über den Globus verteilte Anleger die Hände reiben, gehen bei mir die Rollläden herunter. Gleiches gilt, solange symbolische Figuren wie ein Christian Lindner, Markus Söder oder Friedrich Merz nebst ihrer Befürworter ein Gebaren an den Tag legen, welches ich als asozial empfinde. In einer Gesellschaft, die solchen Leuten Macht in die Hände geben, rette ich mich lieber selbst und versuche dabei möglichst geringen Schaden zu verursachen. Beteiligen werde ich mich nicht an Demonstrationen, die Leute inszenieren, denen lediglich an Zerstörung gelegen ist, aber keine Antworten für ein danach haben.

August 16 2022

Nachts an der Haltestelle

Lesedauer 3 Minuten

Letztens stand ich nachts an einer Haltestelle und wartete auf meinen Bus. Hinter mir lag ein langer Tag mit vielen Zwischenhalten von Hannover über Hamburg nach Berlin. Am Rathaus-Spandau, Berlins größter Bushaltestellenanlage, schniefte ein Typ auf ziemlich unangenehme Art seinen Rotz auf den Boden. Ein alter Mann mit Rollator und einigen Plastiktüten, in denen er seine Habseligkeiten aufbewahrte. Obdachlos, am Ende seines Lebens, einer, der gescheitert ist. Schlurfend pendelte er zwischen den Mülleimern hin – und her. Er suchte Pfandflaschen oder etwas, was andere wegwarfen und andere nicht mehr brauchten. Ich selbst saß auf einer Böschung. Er machte mich aggressiv. „Alter, warum rotzt Du da hin? Und wie oft willst Du Dir die Mülleimer noch ansehen?“
Ich musste auf meinen Bus noch warten. Also kam ich ins Nachdenken! Was machte mich eigentlich aggressiv? Der arme Kerl war völlig harmlos. OK, unter dem Gesichtspunkt Hygiene, war er für einiges gut. Aber das konnte es nicht sein. Jeder erlebnisorientierte Jugendliche rotzt heutzutage auf die Straße. Hielt er mir einen Spiegel vor die Nase? Ich hatte viel Glück im Leben. Da war einiges, was hätte schiefgehen können. Ich musste an die Worte eines buddhistischen Mönches denken. Wenn Du einen alten Mann siehst, solltest Du immer daran denken, dass das Deine Zukunft sein könnte. Wie gesagt, ich hatte einen langen Tag hinter mir und mit Sicherheit mehr Geld ausgegeben, als er in einem halben Jahr schnorren konnte. Der Typ konnte alles sein. Vom entlassenen Pädophilen, der nach 20 Jahren Knast nichts mehr auf die Reihe bekam bis hin zu einem Mann, der im Leben einfach kein Glück hatte. Beim Nachdenken dämmerte mir, dass es dabei nicht um ihn ging. Sein Leben war sein Leben und meins halt das meinige. Gerade in meinem Bezirk suchen immer mehr am oder im System Gescheiterte ihre Platte. Ich glaube beinahe, Spandau hat unter Obdachlosen einen guten Ruf. Ich bin ein Musik-Mensch. „Waltzing Mathilda“ oder auch „Tom Taubert’s Blues“ fiel mir spontan ein. Die wenigsten wissen, worum es in dem Song geht. Einsam geht jemand seinen Weg und sucht einen Schlafplatz “Waltzing Mathilda“, auf Deutsch, Platte machen. Meine Ex-Frau schrieb mal einen Artikel über die Berliner Bettel-Linie U7 und die Nöte der Menschen, die es geschafft haben und sich fragen, wie sie mit all dem Elend umgehen. Geben oder nicht? Wie oft hab ich in meinem Leben ohne Folgen mit einigen Promille auf einer Bank gesessen und kämpfte mich durch die Nacht? Nach und nach kam ein anderer Zorn in mir hoch. Zorn auf all die vermeintlichen Gewinner, welche anderen Menschen die Welt erklären wollen. Nein, ich musste dem mit seinem Rollator nichts erklären und vor allem nicht sauer auf ihn sein. Der hatte und hat mehr Probleme als ich.
Ich griff in die Tasche und zog meinen letzten Zehner aus der Tasche. Der Kerl schaute mich verwundert an. Mit einem Zehner hatte er um die Uhrzeit nicht gerechnet. Ich kaufte mich frei. Damit war ich wieder auf der Seite der Guten und konnte beruhigt in meinem Bett schlafen. Für zehn EURO, umgerechnet zwei Bier oder eine Schachtel Zigaretten, befand ich mich wieder auf der sicheren Seite. Eine armselige Beruhigung des Gewissens und keine Abkühlung des Zorns. Doch auch dabei muss ich mir immer sagen: Dein Leben, Dein Spiegel, Deine Gedanken! Hab ich etwas dagegen getan? Nein! Geht es auch auf mein Konto, dass Typen aus der FDP, CSU, CDU. AfD, sagen können, was sie halt von sich geben? Ja! Wahrscheinlich ist dies der Grund für die Aggression. Dieses Gefühl, nicht genug getan zu haben. In solchen Momenten des Lebens hadere ich damit, wider besseres Wissen nicht genug Widerstand und Kraft aufgebracht zu haben. Tief im Innern spüre ich, dass der Kampf vorbei ist. Die haben gewonnen! Die Hybris, die Arroganz, die Gier, alles was ich ablehne. Für mich bleibt nur noch zu nehmen, was ich erreicht habe und bekommen kann. Da unterscheiden sich der alte Mann, mit dem Rollator und ich, in keinem Punkt. Wir spielen keine Rolle mehr. Und dennoch gibt es unübersehbare Unterschiede! Ich gehe in einem weichen Bett schlafen und koche mir morgens einen Kaffee. Wenigstens den Luxus der Demut kann ich mir erhalten. Wahrscheinlich läuft es darauf hinaus. Sein Ding machen zu können, als Mensch, ohne am Ende ein Arschloch gewesen zu sein.

Juli 16 2022

10.000 Dinge und ein Rucksack

Lesedauer 20 Minuten

Ich schrieb bereits über das Ereignis, welches ich nochmals aufgreifen möchte. Kaum etwas prägte mich in den letzten Jahren, wie die Tage auf einer Insel in einer kleinen Bambus-Hütte. Ich landete da nicht zufällig. Mein Inneres suchte danach und mehr oder weniger unbewusst näherte ich mich jeden Tag ein wenig mehr. Im Nachhinein kommt mir alles schlüssig vor. Bevor ich dort den ersten Tag nächtigte, schwirrten in meinem Kopf viele Schlagwörter und Fragen herum. Achtsamkeit, bewusstes Leben, Selbstbestimmung, Befreiung von Manipulationen, Rückbesinnung und die mich quälende Frage: „Was benötigst Du in Deinem Leben tatsächlich?“
Mir ist bewusst, dass das ein exklusives Erlebnis ist. Aus unterschiedlichsten Gründen können sich wenige einfach den Rucksack überwerfen und auf den Weg machen. Aber wenn nichts wirklich dagegen spricht, kann ich jedem empfehlen mal darüber nachzudenken. Es ist eine Option von vielen anderen.

Ein kleiner Vorlauf: Im Oktober 2018 entschloss mich, mit der Transmongolian Bahn von Moskau in die Mongolei zu fahren. Von dort reiste ich über China nach Südostasien, wo ich von Hostel zu Hostel zog. Bis es mich dann auf eine kleine Insel im Süden von Thailand verschlug. Eigentlich gab es zwei Hütten. Die eine bewohnte ich im Norden von Laos, inmitten einer Selbsthilfe-Organisation der indigenen Hmong. Rückblickend entwickelte sich unterwegs ein Prozess, innerhalb dessen die beiden Hütten zwei markante Punkte sind, welcher heute noch andauert.


Reich
Arm

Verlust, Verzicht, Notwendigkeit, Bedürfnis – Freiheit

An der erwähnten Frage hing mehr, als mir in dem Moment, in dem sie mir erstmals gestellt wurde, bewusst war. Wer ständig das Gefühl hat, etwas vorenthalten zu bekommen, ist unweigerlich frustriert. Indirekt ergibt sich auch die Überlegung, was man tun muss, damit sich dies ändert. Weiterhin erfordert die Antwort eine eingehende Analyse, inwieweit die Ansprüche ans Leben in einem selbst entstanden oder sie von den unterschiedlichsten externen Positionen suggeriert wurden.
In diesen Tagen wird in Deutschland viel über Verzicht gesprochen. Ein Despot versucht der restlichen Welt seinen Wille aufzuzwingen. Sein Plan beinhaltet unter anderen den seiner Analyse nach dekadenten im Überfluss lebenden Industriegesellschaften im wahrsten Sinne des Wortes den Hahn abzudrehen. Er geht davon aus, dass diese nicht ohne ihr luxuriöses Leben bestehen können und es zu Unruhen kommt, die wiederum politische Anführer dazu zwingen einzulenken. Nach anfänglichen Solidaritätsbekundungen bestehen gute Chancen für einen Erfolg. Seit 1945 versprach jede Regierung dem prosperierende Bürgertum eine Steigerung der Wirtschaftskraft und Mehrung von Eigentum. Solange sie dafür sorgten, wurde ihnen eine Generalvollmacht ausgestellt. Sie durften zum Einhalten des Versprechens mit jedem auf der Welt, inklusive Despoten, korrupten Regierungen, Verbrechern, lukrative Geschäftsbeziehungen eingehen. Bis heute war das ungefährlich, weil niemand die Idee verfolgte und über die Mittel verfügte, das eigene Land anzugreifen. Alle restlichen Folgen konnten stets mit ein wenig Makulatur übertüncht werden. Man zahlte Entwicklungshilfe, die mehr oder weniger wieder den Despoten zu Gute kamen oder nahm ein paar Flüchtlinge auf. Oder wie im Falle der Industrienation Deutschland geschehen, wurde an andere Geld überwiesen, damit die sich um die lästigen Folgen kümmern. Im gleichen Zuge praktizierten einige ein uraltes Ritual. Bis zur Zerstörung des Jerusalemer Tempels wurde sinnbildlich ein Ziegenbock mit den Sünden des Volks beladen und in die Wüste geschickt. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte ist es bösartig, dass ausgerechnet die deutschen Juden selbst zum Sündenbock wurden, mit dem von den Nationalsozialisten innere Einigkeit hergestellt werden sollte. Nachdem die Gastarbeiter ihren Job erledigt hatten, übernahmen sie die Funktion des Außenfeindes, der die innere Einigkeit des Bürgertums wieder herstellte. In den letzten Jahren mussten die Flüchtlinge dafür herhalten.
Aus mir noch nicht ganz nachvollziehbaren Gründen, passte den Industriestaaten das imperiale Gebaren Putins nicht ins Konzept. Ich denke, dass im Hinblick auf die von der Klimakatastrophe ausgelösten territorialen Veränderungen die Claims absteckt werden und sich Russland entgegengesetzt zu alten Absprachen zu weit bewegt. Darauf folgt wie im Wilden Westen die passende Antwort und ganz nebenbei kann auch noch von vielen Versäumnissen abgelenkt werden, die die uns bekannte Welt an den Abgrund bringt. Zeitenwende kann so oder so interpretiert werden. Für mich gab es eine Zeit des Handelns, die aus Gründen nicht für die notwendigen Weichenstellungen, sondern zum Stillen des gerade akuten Hungers, genutzt wurde und nunmehr eine, in der mit den Folgen des Unterlassens gelebt werden muss.

All dies betrifft eine Mehrzahl an Menschen. In der Hütte war ich alleine und betrachtete mich als Individuum, welches für einige Tage aus der Menge herausgefallen war. Jeder unterliegt dem Druck der Gesellschaft in der er oder sie lebt. Es ist eine Gruppendynamik auf oberster Ebene. Jede Gruppe entwickelt nach und nach ein Gruppendenken und eine Gruppenmoral. Das einzelne Mitglied macht dabei mit oder wird zum Außenseiter. Eine Rolle, die kaum jemand aushält. Meist finden sich die Außenseiter schnell zu einer neuen Gruppe zusammen. Das kapitalistische System ist perfekt darin, diese Gruppen zu managen. Kaum haben sich die Außenseiter zusammengefunden, werden sie analysiert und bekommen die passenden Produkte angeboten. Mit Plaketten, Motto-Shirts, vermeintlicher Underground-Kleidung, lassen sich Millionen verdienen. Freiheit, ist eins der vielfach verwendeten Stichworte in der sich selbst als solche getauften “Freien Welt”. Theoretisch ist es möglich sie zu erreichen, doch die meisten scheitern am dafür notwendigen Kraftaufwand. Über zwanzig Jahre arbeitete ich in Teams. In dieser Zeit lernte ich viel über die genannten Effekte. Gute Führungskräfte holen sich mindestens eine/n ins Team, die/der “anders” ist und geben der/demjenigen ausreichend Raum und Schutz. Wie frei eine Gesellschaft wirklich ist, zeigt sich daran, wie einfach es denjenigen gemacht wird, die vom Mainstream abweichen. Ich persönlich halte die Bezeichnung “Querdenker” für Humbug. Schaut man sie sich genauer an, sind sie letztlich die Starrsten in der ohnehin schon trägen Gesellschaft. Sie wollen, dass alles beim Alten bleibt und voller Hass reagieren sie auf jene, welche neue Wege gehen oder zumindest Veränderungen und die Notwendigkeit einer Reaktion erkennen. Veränderungen und Ereignisse zu ignorieren ist kein “Querdenken” im Sinne einer abweichenden Überlegung inklusive anderer Bewertung der Fakten. Eher würde ich dieses Verhalten freundlich formuliert als eine Angstreaktion bezeichnen und Angst, Stress, Panik, machen bekanntlich dumm, weil sie das Großhirn ausschalten.
Bemerkenswert sind auch die Reaktionen auf den “offenen” Brief, welcher in der Zeit mit dem Titel “Waffenstillstand Jetzt!” veröffentlicht wurde. Zwischen den Zeilen wird eine klare Sicht auf den Zustand der Welt ausgedrückt. Die industrialisierten Staaten handelten während ihrer gesamten Existenz noch nie nach ethischen Maximen. Wachstum, Wohlstand und Überfluss waren und sind die Ziele, für die alles geeignete unternommen wird. Insofern sind alle Bekundungen, dass es bei den Reaktionen auf den Krieg in der Ukraine, der längst erweitert geführt wird, um ethische und moralische Aspekte geht, albern. Doch wer will sich dieser Tatsache stellen, wenn man es gewohnt ist, sich irgendwie ins rechte Licht zu stellen. Entwicklungshilfe, Befriedung von Failed States, Kampf gegen den Terrorismus, Hilfszahlungen, werden als kollektiver Altruismus verkauft. Selbstverständlich hat alles nichts mit der eigenen Wirtschaft, Ressourcenbedarf, Wohlstand, zu tun. Entsprechend wütend sind die Reaktionen auf den Brief. Krieg ist der ultimative negative Konfliktverlauf. Am Ende des Verlaufs steht der gemeinsame Sprung in den Abgrund. “Wenn ich schon sterbe, nehme ich noch ein paar meiner Gegner mit.” Wir stehen bereits nur noch mit einem Bein am Rand, das andere befindet sich über dem gähnenden Schlund. Wer den Konflikt verursacht hat, werden vielleicht mal die Überlebenden analysieren.


Verzichten kann ich nur, wenn ich eine Wahl habe. Mir ist etwas zugänglich bzw. steht mir zur Verfügung und ich nehme es mir oder ich verzichte. Benötigen, kommt aus einer anderen Richtung.
Entweder geht es um Gegenstände, die ich für erforderlich erachte oder mir widerfährt etwas, dem ich für mein Leben eine Notwendigkeit beimesse. Ich kann nicht auf Lebensnotwendiges verzichten. Tue ich es, werde ich zugrunde gehen. Etwas weniger gravierend wäre das Notwendige für eine Handlung. Steht es mir nicht zur Verfügung, werde ich keinen Erfolg erzielen. Dabei finde ich bemerkenswert, dass in Deutschland verzichtet werden kann. Logischerweise muss dann mehr vorhanden sein, als nötig ist. Nun gut, oftmals geht es nicht um das Lebensnotwendige, sondern jene Aspekte, die einen befriedigen oder glücklich sein lassen.
Sämtliche Bedürfnisse, die über ausreichend Nahrung, Trinken, sichere Obdach im Schlaf, vor der Witterung schützende Kleidung und soziale Kontakte hinausgehen, gehen über die Lebensnotwendigkeit hinaus, womit sie von unserer Haltung abhängig sind. Je höher ich die Latte hänge, um so mehr steigt die Wahrscheinlichkeit unzufrieden bzw. unbefriedigt zu bleiben. In Videos von Vera Birkenbühl[1]https://vera-birkenbihl.de/ lernte ich, wie wichtig es sein kann, sich Worte, vor allem wenn sie zusammengesetzt sind, genauer anzuschauen.
In [unzu]frieden und unbe[fried]igt geht es um den inneren Frieden. Demnach steigt die Chance hierfür, desto weniger un[nötige], also Bedürfnisse, die mich beim Ausbleiben der Erfüllung nicht in Not bringen, anmelde. Unsere Gesellschaft ist davon geprägt, dass bei uns mittels Manipulation alle paar Meter Bedürfnisse erweckt werden. Praktischerweise ist auch gleich jemand zur Stelle, der sie gegen Geld befriedigen kann. Oder es wird von Politikern*innen versprochen, dass sie uns im Falle einer Wahl glücklich machen werden. Ob sie dies tatsächlich bewerkstelligen können, ist unsicher.
Meistens stellt sich heraus, dass das ganze Gerede der Opposition rein desaströs angelegt war und ausschließlich der eigenen Wahl diente. Für alles andere müssten sie von der Grundlinie der Politik abweichen. Das System und der Aufstieg der industrialisierten Staaten basiert auf Gier. Ein ethisch korrektes Handeln ist darin nicht vorgesehen bzw. gar nicht möglich. Um den Rohstoffbedarf zu decken und geostrategische Vorteile zu sichern, müssen an Despoten, korrupte Politiker, Ausbeuter, Konzerne mit eher fraglichen Konzepten, Zugeständnisse gemacht werden. Robert Habeck musste kleinlaut einräumen, dass Qatar mit Sicherheit kein idealer Ressourcen-Lieferant ist, aber immerhin nicht Putin heißt. Ohne billige asiatische Arbeitskräfte, ausgebeutete Bergleute, die die notwendigen Rohstoffe für die Elektronik aus der Erde holen, Kriege, in denen bei uns produzierte Waffen oder ihre Bauteile verbraucht werden oder Länder, die rücksichtslos Erdgas, Erdöl, Rohstoffe, fördern, steht bei uns alles still. Hinzu kommt, dass das Dogma Wachstum nur über stetigen Konsum, Verbrauch, umzusetzen ist.
Ich schrieb, dass das Versprechen Glück lautet. Ist Glück an materielle Befriedigung gekoppelt? Für, Haus, Fahrzeug, Urlaub, Wohnungs- oder Hausausstattung, Gartengestaltung, exklusives Essen, muss gearbeitet werden und oftmals müssen Kredite herhalten. Die wenigsten produzieren etwas, womit sie sich identifizieren können. Alles Vergängliche ist halt eines Tages unbrauchbar, verbraucht oder plötzlich uninteressant, aus der Mode gekommen. Demnach lautet das Versprechen anders: Wir werden alle notwendigen Weichen stellen, damit eine Stabilität gebende Menge die Gier befriedigen kann und die weniger verdienenden nicht allzu hungrig sind. Bei den Liberalen heißt das anders. „Wir wollen Anreize schaffen, damit sich Leistung wieder lohnt.“ Letztlich eine Form der Dressur. Wer „Männchen“ macht, bekommt vom Dompteur ein Leckerli. Angeblich sollen Deutsche um die 10.000 Gegenstände besitzen. Das klingt erstmal sehr viel, kommt aber schnell zusammen. Ich wollte immer mal nachzählen, aber nach knapp 1000 gab ich auf. So oder so, es ist definitiv zu viel. Hingegen war der Inhalt meines Rucksacks, der mich immerhin durch Russland, die Mongolei, Laos, Kambodscha, Thailand, Malaysia begleitete, ziemlich überschaubar. Das meiste überflüssige war den verschiedenen Klimazonen geschuldet. Außerdem hatte ich für Notfälle ein kleines Zelt, Isomatte und Schlafsack dabei.

Armut, relative Armut, Reichtum, Glück, Überfluss, Dekadenz

Erst während ich an diesem Beitrag hier schrieb, fielen mir die Klippen dieses Beitrags auf. Ich lernte in der Vergangenheit, was es bedeutet, wenn der Monat noch sehr lang ist und das Konto nichts mehr hergibt. Ebenfalls kenne ich die Situation, wenn man den Kindern als Familienvater alles ermöglichen will. Was ich nicht selbst erfuhr, lernte ich in der Rolle eines Elternsprechers. Mich schockierte mehrfach, wie unmäßig die Forderungen gut situierter Eltern im Vergleich zu denen wirkten, die kaum die Schulbücher und Kleidung der Kinder zahlen konnten. In meinem Text könnte unbeabsichtigt die Botschaft gelesen werden, dass denen mit weniger unter Umständen etwas Gutes widerfährt. Weniger ist ziemlich relativ zu sehen. Ich denke, es gibt ein zu wenig und ein zu viel. Nicht ganz unerheblich ist dabei die Freiwilligkeit. Außerdem hängt vieles davon ab, was man für das Geld und all den Besitz leisten muss. Wie auch immer, die Gefahr der Arroganz ist immer gegenwärtig. Hierzu ein Beispiel: Die Kinder der Hmong können Dank der Einrichtung eine Schule besuchen. Sie verfügen über kein Papier, Ordner, Mitschriften oder ähnliches. Wie früher bei uns, schreiben sie auf Schiefertafeln, die am Ende wieder gesäubert werden. Sie spielen und reparieren teilweise mit Macheten Gegenstände, die bei uns auf dem Müll landen. Die Folgen sind eine phänomenale Merkfähigkeit und eine faszinierende Kreativität. Zur Geschichte gehört aber auch, warum sie dort sind. Ihr Volk unterstützte einst die US-Army im Vietnam-Krieg und fiel damit bei den regierenden Kommunisten in Ungnade. Dieser Krieg wurde, wie alle anderen Kriege, ebenfalls nicht aus den vorgeschobenen Gründen geführt. Die Kinder sind Waisen, weil ihre Eltern an bei uns lapidaren Infektionen verstarben. Trotz allem wirkten sie auf mich sehr glücklich. Armut, relative Armut, Genügsamkeit, Bescheidenheit, Reichtum, Glück, finanziell gut aufgestellt oder Überfluss, Dekadenz, sind in Anbetracht der Ungerechtigkeiten auf der Erde schwierig zu klärende Begriffe. Relative Armut? Welche Relation nehme ich? Die innerhalb eines Nationalstaats oder einer Region auf der Erde? Oder ist Armut nur dann gegeben, wenn nicht ausreichend zum Überleben da ist? Mit Sicherheit gibt es Millionäre, die sich für bescheiden halten, weil sie sich statt einer Villa ein gängiges Einfamilienhaus bewohnen. Andere sprechen von Genügsamkeit, wenn sie nicht jeden Tag Fleisch konsumieren oder einen Urlaub im Ausland auslassen und zur Ostsee fahren. Zu diesem Thema führte ich in Vientiane, der laotischen Hauptstadt, mit einem Australier und einem Inder einen interessanten Dialog. Beide verwiesen auf zahlreiche Beispiele, in denen Menschen mit dem, was in einem “reichen” Land wie Deutschland unter Armut läuft, ein sehr glückliches erfülltes Leben führen. Am Ende einigten wir uns darauf, dass wir bei einer globalen und philosophischen Betrachtung die nationale relative Armut verwerfen müssen. Viel wichtiger ist es, den Menschen an sich, tatsächliche Notwendigkeiten, die daraus resultierenden Bedürfnisse und die Folgen, welche sich aus der Übererfüllung ergeben, zu betrachten.


Mit weniger glücklich zu sein, ist bei uns in Deutschland nicht gerade populär. Ich erlebte dies einmal anders. Ein Vorgesetzter sagte dem versammelten Team: „Ich kann ihnen alles wegnehmen. Aber ich sage ihnen voraus, dass sie trotzdem herausfahren werden, im Zweifel mit dem eigenen Fahrrad. Warum? Weil sie für die Sache leben!“ Seine Worte kamen uns nicht wie eine leere Drohung vor. Von einem anderen hörten wir: „Immer wenn Sie mehr fordern, sollten sie mir zunächst beweisen, dass mit mehr Ausstattung auch bessere Arbeit geleistet wird.“ Eine perfide Rhetorik.
Der andere appellierte an ganz andere Triggerpunkte. Wir waren stolz darauf, mit wenig den maximalen Erfolg zu erzielen. Auch das passt ins aktuelle Zeitgeschehen. Ich hörte bisher von keiner/m Politiker*in: „Herr Putin, und wenn es noch so kalt wird und wir kein Gas haben, weichen wir nicht von unserer Haltung ab. Sie haben keine Ahnung, wie viel Jacken und Decken es bei uns gibt.“ Stattdessen ergehen sich alle in Beschwichtigungen oder Gejammer. Angeblich befindet sich Europa im Konflikt mit einem gefährlichen Despoten. Da passt es nicht recht, wenn der die Butter rationiert und alle schreien, als wenn es demnächst nicht einmal mehr Brot gäbe.
Ich denke, ein großes Thema ist die Ungerechtigkeit. Manche könnten durchaus mit dem zur Verfügung stehenden zufrieden sein, wenn nicht andererseits eine finanzielle Oberschicht im Übermaß lebte. Nach dem, was Verhaltensforscher bisher über Menschen wissen, ist uns der Gerechtigkeitssinn angeboren. Dazu gehören auch die negativen Verhaltensmuster gegenüber denen, die über mehr verfügen. Evolutionär ist dies recht zweckmäßig. Im Gegenzuge müssen die mit mehr bedachten ständig Begründungen finden, warum sie dies verdienen. Dazwischen schwingt immer noch der Zustand “glücklich”, der definitiv nichts mit mehr als notwendig zu tun hat. Inwiefern der Zustand mit der Verteilung korreliert, bin ich mir persönlich unsicher. Man kann die Ungerechtigkeit für sich selbst ausblenden, aber funktioniert dies auch, wenn man Menschen begegnet, die erheblich weniger als das Lebensnotwendige zur Verfügung haben, während sich andere für 500 Dollar ein Wässerchen gönnen, dessen irrer Preis über die mit Swarovsky-Steinen besetzte Flasche bestimmt wird?


Architekt des eigenen Lebens

Bis zur Zeit in der Hütte fühlte ich mich wie ein Flipperball, der von einer Bande an die nächste prallte und immer mal wieder einen neuen Kick bekam, der wieder zurück ins Spiel beförderte. Wahrscheinlich war das auch so. Aber nur, weil ich mich dafür hergab. Dass ich alleine der Architekt meines Lebens bin, war noch nicht zu mir vorgedrungen. Blicke ich zurück, tat ich das meiste, weil ich es von anderen übernahm. Ich erzog meine Kinder, in dem ich ihnen sagte und verdeutlichte, was mir als korrekt und richtig verkauft wurde. Es war ein gutes Gefühl, als Familienvater für eine Familie finanziell zu sorgen. Das streichelte mein Ego. Mit 20 Jahren lebte ich den Traum, dass man für eine Verbesserung der deutschen Gesellschaft lediglich die CDU/CSU, FDP, politisch in die Defensive drängen müsste. Der Rest würde sich dann nach und nach von alleine ergeben. Ich gebe zu, dass das ziemlich naiv war und diverse Faktoren aussparte. Doch ohne diese Haltung wäre es mir sicherlich nicht eingefallen, in den Staatsdienst zu treten. Da war dieser Glaube an eine eher sympathische Mehrheit in der deutschen Gesellschaft. Mit der Polizei stand ich nach meinem Dafürhalten auf der richtigen Seite. Meiner Vorstellung nach trat ich für die „Schwachen“ gegen die „Stärkeren“ an und verschaffte ihnen bei Ungerechtigkeiten Genugtuung. Wobei ich niemals ernsthaft über schwach und stark bzw. woher ich die passende Interpretation her hatte, nachdachte. Keinesfalls wäre ich auf die Idee gekommen, oftmals das willfährige Werkzeug der Macht, also der Stärkeren zu sein. Eine Menge hat das mit den unterschiedlichen Aufgabenbereichen der Polizei zu tun. Heute noch bin ich davon überzeugt, dass Skrupellosigkeit, Gewaltbereitschaft, Gier, Respektlosigkeit, Egoismus, einen starken Gegenpart benötigen.
Erfolgreich blendete ich dabei aus, wie stark ich dabei einem Wahrnehmungsfehler unterlag. Bei einem Räuber, der mit einer Machete eine junge Kassiererin in einem Drogeriemarkt bedroht, ist alles klar. Selbst wenn sich der Typ in einer Notlage befindet, rechtfertigt dies nicht die Traumatisierung der jungen Frau. Bei einem skrupellos handelnden Miethai, der das Gesetz hinter sich weiß, was wiederum andere Gierschlünde verzapften, sieht es anders aus. Ähnlich verhält es sich mit all den Leuten, die in die Politik gingen, um ihre Hybris gegenüber anderen auszuleben und sich in Lebensbereiche einmischen, in den sie nichts zu suchen haben. Schwierig sind all die Regeln, die uns im Leben begegnen. Mir fällt dabei spontan die Situation an einer Ampel ein. Leuchtet sie rot, darf man bekanntlich die Straße nicht queren. Eine durchaus zweckmäßige Regel. Doch wie verhält es sich mit dem Fußgänger, der nächtens an einer verwaisten Kreuzung steht? Kümmert er sich nicht um die Ampel, handelt es sich um einen Verstoß. Aber sie einzuhalten, erscheint nicht wirklich intelligent. Sie zu befolgen, wird zu einer Prinzipienfrage. Dazu gibt es einen netten Witz: „Stehen nachts in Bangkok zwei sich fremde Männer an einer roten Ampel. Sagt der eine zum anderen: << Na, auch Deutscher?>>“ In den letzten Tage schrieb ich einige BLOG-Beiträge zum Thema Cannabis. Warum sollte ich mich als Erwachsener irgendwo völlig alleine sitzend an das Verbot halten? Und was ist mit dem Polizisten, den es wider Erwarten doch in meine Nähe verschlagen hat? Wenn er alles richtig machen will, muss er handeln.
Ein weiterer Aspekt ist die Komplexität der Prozesse in man eingebunden ist. Es ist schwierig die eigene Rolle oder die Folgen der Handlungen einzuordnen. Was weiß der Buchhalter eines Konzerns darüber, welche Folgen seine Unterschrift nach sich ziehen wird? Vielleicht ist sie ein kleiner Baustein dafür, dass an einer fernen Stelle ein indigener Stamm von Söldner zusammengeschossen wird. Wenn man bereits einfach ermitteln kann, dass das eigene Handeln zum Bestandteil eines miesen Geschehens wird, ist vorher schon einiges falsch gelaufen.

Jeder halbwegs verständige und vernünftige Mensch weiß, dass es unklug ist, alles zu machen, was nicht verboten ist. Wer sich nicht umbringen will, kommt nicht auf die Idee aus dem Fenster zu springen, nur weil es nicht verboten ist. Um das Cannabis-Thema nochmals aufzugreifen: Das Essen von Pflanzen ist grundsätzlich nicht verboten. Jeder darf Tollkirschen, Fliegenpilze, Eisenhut oder Engelstrompete züchten und einmalig essen. Es gibt hierfür keinerlei Verbote. Hierfür bedarf es keiner Regeln, weil die meisten Menschen um die Schädlichkeit wissen. Aber warum folgen die Menschen Leuten, die nach dem Prinzip handeln: Alles, was nicht verboten ist, darf gemacht werden. Sollten sie nicht fragen, ob ihr Handeln sie selbst oder andere schädigt, unabhängig davon, ob es in einer Regel oder Gesetz verboten ist? Investmentbanker, Konzerne, Finanzspezialisten, Erdölförderer und diverse andere stellen genau diese Frage nicht. Nicht selten steht dahinter: Heute nützt es, schädlich wird es erst morgen und wer weiß schon, was in der Zukunft passiert.

Richtig kompliziert wird es, wenn man selbst zur Überzeugung kommt, dass sich die Gesellschaft in einer Art und Weise verändert, die ein größtes Unbehagen bereitet, und man in der Rolle des Polizisten ausgerechnet gegen die antreten soll, welche einem aus der Seele sprechen.
Allgemein wird Polizisten*in eine Neutralität abgefordert. So wie ich das sehe, funktioniert dies nur, wenn alles mit rechten Dingen zugeht. In einer Schieflage muss sich der selbstbestimmte Mensch entscheiden. Das Dasein als Mensch steht weit über der des Polizisten. Abgesehen von der deutschen Geschichte, zeigt sich dies weltweit immer wieder. Seien es Cops in den USA, russische Polizeieinheiten, chinesische Polizisten oder wo auch immer, sie alle folgen einerseits einem beruflichen Ethos und anderseits werden sie unter Umständen die Handlanger von Schurken. In der sich aktuell abzeichnenden internationalen Lage muss sich jeder in dieser Tätigkeit und damit verwandten Berufen genau hinterfragen, wo er oder sie steht. Ich erinnere nochmals daran, dass weltweit Menschen verdursten, während sich andere für 500 Dollar eine simple Flasche Wasser einverleiben.


Spuren am Strand

Vor den Tagen in der Hütte sah ich vieles, was mir dieses besagte Unbehagen bereitete. Der letzte Tropfen war ein Erlebnis auf einer griechischen Insel. Dort lief ich zunächst am Strand entlang und sah die Überreste von Schlauchbooten und überall im Gebüsch hingen Rettungswesten, zumeist in Kindergrößen. Danach schaute ich mir ein altes Gebäude an. Es stellte sich heraus, dass es ein altes Verwaltungsgebäude war. Der Innenhof des quadratischen Gebäudes versank im dunklen Schatten. Trotzdem war gut ein großer Haufen mit Schuhen zu erkennen. Neugierig sah ich genauer hin. Da entdeckte ich die Besitzer der Schuhe. Sie saßen dicht gedrängt auf dem Boden von Verliesen und schauten stumpf durch die Gitter. Ausnahmslos handelte es sich um dunkelhäutige Männer. Die Rettung wäre ein Kamerateam und ein Regisseur gewesen, der „Cut“ ruft. Dann wäre es eine Filmszene aus einem Historienfilm gewesen, in dem die dunkle Vergangenheit des Sklavenhandels aufgegriffen wurde. Aber nichts davon war gegenwärtig. Was ich da sah, war die bittere Realität und ich konnte nicht mehr sagen, dass ich nichts von alledem wusste. Aus einem anderen Land zu stammen, brachte mich auch nicht weiter. Immerhin hat Deutschland seinen Anteil am Geschehen. An diese Szenerie denke ich immer, wenn ich irgendwo diese widerlichen Kommentare von Landsleuten lese, in denen sie davon schreiben, dass man schließlich nicht die Welt retten könne. Dies berechtigt niemanden dazu, dieses anderen unschuldigen Lebewesen anzutun. Ich schreibe bewusst nicht Menschen, weil ich es auch bei anderen Lebewesen nicht vertreten kann und nicht zu den Humanisten gehöre, die den Homo sapiens ins Zentrum von allen Geschehen stellen.
Seither habe ich anderen Flüchtlingen aufmerksam zugehört und mir ihre Geschichten erzählen lassen. Mir ist das Stanford-Experiment bekannt und ich kann mir gut erklären, wie es zu verschiedenen Prozessen kommt. Doch ich bin nicht der Einzige und diverse Verantwortliche stünden in der Pflicht, den Effekten entgegenzuwirken. Tun sie es nicht, ist dies mehr als bedenklich und geht in die Richtung von Hannah Arendts „Die Banalität des Bösen“, die ich bereits bei der Komplexität und dem Buchhalter bemühte.
Ich hörte mir auch die Prahlereien der Täterseite an. Für mich sind sie am Ende auch nur Opfer eines sich immer mehr verselbständigenden Systems. Eins, in dem Habgier, Prahlerei mit toten Gegenständen, Ellenbogen-Mentalität, Rücksichtslosigkeit, Anspruchsdenken, Identifikation über Besitz und nationaler Zugehörigkeit, Körperkult, sowie die Betrachtung von allem als Produkt, gegenüber allem anderen favorisiert wird, wenn nicht sogar anderes Verhalten der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Das Werteverständnis ist vollkommen zu dem verschoben, was allgemein als Ethik bezeichnet wird. Ich kenne genügend Leute, die durchaus anders leben, doch im gleichen Zuge entgeht mir nicht, wie sie seitens Politiker*innen, Publikationen und Mainstream veralbert werden.

Hierzu gehören für mich alle Aktivisten*innen, die sich bei FFF, Letzte Generation, engagieren ebenso dazu, wie auch alle, die auf den Meeren Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten. Folgen diese Menschen ihrer Überzeugung, der nach vieles nicht verbotenes gemacht wird, was aber extrem schädlich ist, Menschen ertrinken zu lassen, ein Verbrechen ist, komme sie nicht daran vorbei, selbst Regeln zu brechen. All die Gegenkampagnen und Empörungen geben Aufschluss darüber, wo das Problem liegt. Fadenscheinig werden Schwangere, die nicht rechtzeitig ins Krankenhaus gelangen, Rettungsfahrzeuge, die im Stau stecken bleiben oder Arbeitnehmer, die nicht rechtzeitig zur Arbeit kommen, vorgeschoben. Ich weiß: Alles und jeder ist wichtig! Diesen Lebensmodus lebte ich selbst lange genug. Faktisch passiert überhaupt nichts, wenn jemand zu spät zur Arbeit kommt und eine nachvollziehbare Begründung vorbringen kann. Im schlimmsten Fall kommt es zu Verzögerungen. Meine jüngste Tochter wollte auch nicht warten und wir landeten im Stau, bis der Taxifahrer auf den Bürgersteig auswich, nur damit ich lernte, dass Kinder nicht herausfallen. Ich bin über 20 Jahre mit Sonder- und Wegerechten durch Berlin gefahren. Deshalb maße ich mir an, jedem/r schimpfenden Rettungswagenfahrer*in ein paar Fragen zu stellen, wenn er/sie nicht in der Lage ist, einem Stau auszuweichen oder kreativ die volle Straßenbreite zu nutzen. Was ist dies alles im Verhältnis zu dem, wofür die Aktivisten*innen kämpfen? Das Kind der Schwangeren wird keine angenehme Zukunft erwarten, wenn nicht umgehend etwas passiert. Die Lage ähnelt der eines Schülers, welcher bis kurz vor dem Abitur nicht lernte und sich drei Wochen vor den Prüfungen mächtig ins Zeug legen muss. Einfacher wäre es gewesen, kontinuierlich zu arbeiten. Aber drei Wochen vor Ultimo bringt ihn diese Lebensweisheit auch nicht mehr weiter. Da ist dann vorbei mit Party, Gaming und wichtige Probleme mit den Kumpels wälzen.

Zu Werten gehört die Betrachtung, was einem wichtig ist. In meinem Leben waren jede Menge Sachen wichtig. Rechtzeitig zum Tatort zu gelangen, eine Zielperson, die möglicherweise einen Terroranschlag plant, nicht aus den Augen zu verlieren, mehrere Kilogramm Rauschgift aus dem Verkehr zu ziehen, informiert zu sein, die E-Mails gelesen zu haben, die Steuer zeitgerecht abzugeben, den Dienstausweis oder die Schlüssel nicht zu verlieren, die Übergabe an das nächste Team, pünktlich trotz Übermüdung zum Dienst zu erscheinen, sich um die Probleme der Kollegen und Kolleginnen zu kümmern, usw., usw.. Als 2011 von Tim Bendzko „Nur noch kurz die Welt retten!“ veröffentlicht wurde, fragte ich mich, woher der Typ mich kannte.


Irgendwie bin ich spät dran
Fang schon mal mit dem Essen an
Ich stoß’ dann später dazu
Du fragst: „Wieso, weshalb, warum?“
Ich sag: „Wer sowas fragt ist dumm.“
Denn du scheinst wohl nicht zu wissen was ich tu
‘ne ganz besondere Mission
Lass mich dich mit Details verschonen
Genug gesagt genug Information

[Refrain]
Muss nur noch kurz die Welt retten
Danach flieg ich zu dir
Noch 148 Mails checken
Wer weiß was mir dann noch passiert
Denn es passiert so viel
Muss nur noch kurz die Welt retten
Und gleich danach bin ich wieder bei dir


Perfide Rhetorik

Vieles von dem, was ich oben schrieb, manifestierte sich in meinem Kopf, während ich dort in der Hütte meine Zeit verbrachte. Ich bin dankbar, dass ich die Lektion anders erteilt bekam, wie es vielen anderen widerfuhr. Trotzdem ist der Schaden groß genug. Im Nachhinein weiß ich es besser und vor allem habe ich gelernt, die wirklich wichtigen Dinge von anderen zu unterscheiden. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern und nur um das Verständnis bitten, dass ich es nicht besser wusste. Was ich damals noch nicht sah, waren die Folgen für den weiteren Lebensweg. Leute mögen es nicht, wenn man die Dinge, die ihnen wichtig sind, weniger beimisst, als sie es tun. Der Respekt, genügt in der Regel nicht, sie wollen eine Zustimmung und häufig auch, dass man sich dazu passend verhält.

Gerade ich bin einer der Ersten, die das verstehen. Immerhin forderte ich ständig die Anerkennung ein, dass ich mich für furchtbar wichtige Angelegenheiten hergebe und dass dabei Opfer nicht ausbleiben. Und alles, was mich und meine Umtriebe betraf, sah ich auf einem anderen Level. Wenn ich heute den Begriff „systemrelevant“ lese, überkommen mich gemischte Gefühle. Kein Mensch ist eine Insel und kann für sich alleine betrachtet werden. Auch die Kinder, die oder der Lebenspartner/in, Freundschaften, gehören zum System. Zu den Pflegekräften, Polizisten, Feuerwehren, Soldaten*innen, Lehrer*innen, Kassierern*innen, gehört jeweils ein Umfeld, welches sie beeinflussen.
Im Zuge der Corona-Pandemie meldeten sich einige Wortführer, die darauf hinwiesen, dass diejenigen welche weit über ihre Grenzen hinaus gehen, ungewollt die perfide Politik unterstützen. Ohne sie ginge es nicht und alles würde kollabieren. Durch ihre Mehrarbeit ermöglichten sie die Einsparungen und Gewinnmaximierung. Ich kenne diesen Effekt von der Polizei sehr gut. Wenn die Gewerkschaften die Überstunden kritisieren und Forderungen nach gesetzlichen Regelungen stellen, melden sich zügig diejenigen, welche auf die Stunden, wenn sie auch mies bezahlt werden, angewiesen sind. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass alles zusammenbricht, wenn die Stunden nicht geleistet werden. Dies könne man doch nicht wollen, denn es ginge um Leben, Kriminalität und ein mögliches Chaos. Dies funktioniert auch mit den Tafeln, Quartiersmanagement, Pflegediensten, ehrenamtliche Arbeit usw.. Gingen alle gezahlten Steuern an allgemein akzeptierte Bedarfsträger, gäbe es eine gerechte Steuerlast, und bereicherte sich niemand an Kranken, Alten und Schwachen, gäbe es damit weniger Probleme. Dann könnte man von einer Kompensation ausgehen, weil nicht genug Mittel vorhanden sind. Die Realität sieht bekanntlich anders aus. Tatsächlich kompensieren alle Genannten die übermäßige Entnahme einer kleinen Gruppe und ermöglichen denen dies. Ich bin schon vor langer Zeit zur Überzeugung gekommen, dass es an der Zeit ist, dies endlich an die Wand zu fahren. Es würde kurzfristig Opfer geben. Doch wie sollte sich sonst etwas ändern? Für mich bedeutet dies, dass ich nichts zur Rettung beitragen werde. Ich darf nichts dazu beitragen, aber ich bin nicht verpflichtet, es zu verhindern. Die Zeiten sind vorbei. Bis auf die gesetzliche Pflicht, die Vorbereitung eines Angriffskriegs, gemeingefährliche Handlungen, insbesondere das Freisetzen ionisierender Strahlen, anzuzeigen, ist nichts geblieben.

Ich schaute auf meinen Rucksack, in dem sich alles befand, was ich zum Leben benötigte. Hätte die Notwendigkeit bestanden, für meinen Lebensunterhalt zu arbeiten, wäre noch Werkzeug hinzugekommen. Viel Arbeit wäre es nicht gewesen. Die Hütte war sehr günstig und das Essen inklusive Getränke kostete ebenfalls nicht viel. Mit einfachsten Arbeiten hätte ich das Geld schnell aufgebracht. Bei über 35 Grad im Schatten benötigt man auch nicht sonderlich viel Kleidung und waschen im Meer reichte völlig aus. Wozu lagen bei mir zu Hause 25 Messer, Gabeln und Löffel? Zwei Services mit allem Schnickschnack? Zig Jacken, Hosen, Hemden, T-Shirts, Schuhe, unzählige Bücher, die ich seit Jahren nicht mehr anfasste, Urkunden aus allen Lebensabschnitten, die Aufzählung ist lang. Wie waren all diese Sachen nach meiner Scheidung, bei der zeitweilig nicht mehr übrig geblieben war, als was in einen Bettbezug passt, zu mir gekommen? Beim Versuch einiges wieder loszuwerden, erscheint es mir komplizierter, wie sie anzuhäufen. Den überwiegenden Anteil kauft niemand mehr, Spenden kommt auch nicht infrage, weil die wenigsten den Kram gebrauchen können, aber zum Wegwerfen ist vieles zu schade, weil es weder kaputt noch lädiert ist. Es ist kompliziert und ziemlich luxuriös.

Doch auch wenn es Gedanken aus einer begünstigten Position heraus sind, sehe ich Allgemeingültiges. Selbstverständlich richtet sich das Notwendige danach, wo ich mich befinde. Was soll ich in Nähe des Äquators mit einer warmen Jacke? Ebenso kann ich mein Mobiliar auf das Mindeste reduzieren, wenn sich das Leben weitestgehend außerhalb stattfindet. Da lernte ich einiges von den Nomaden in der Mongolei. Auch in den Jurten gibt es Dekoration. Doch jedes Teil will gut überlegt sein, wenn man nach einem Monat alles abbauen muss. Lese ich von Leuten, die sich darüber auslassen, dass genug individuell ist und manche halt mehr benötigen um Zufriedenheit zu erlangen, denke ich mittlerweile: “Ihr Narren, habt nichts verstanden. Ihr denkt freie Menschen zu sein, dabei seid ihr an totes Material festgekettet. Die Krux ist dabei die natürliche Begrenztheit, in deren Folge die Mehrheit durch Eure Gier unterversorgt ist. Vollkommen unnötig, weil dieser Überfluss objektiv nicht einmal den Nutznießern etwas bringt.”
Hierzu abschließend noch eine kleine Begebenheit. Über einen Musiker, den ich in einem Hostel traf, landete ich auf einem Konzert in einem Luxushotel. In einer Pause traf ich beim Rauchen auf den Besitzer einer dänischen Fischverarbeitungsfabrik. Die Übernachtung kostete ihn pro Tag 350 EUR. Das Hotel lag nicht direkt am Meer, weshalb er zusammen mit seiner Ehefrau zum Strand den Shuttleservice benötigte. Alternativ gab es natürlich einen Pool. Das Buffet sollte der regionalen Küche ähneln, wirkte aber mehr wie der übliche internationale Standard. Auch wenn er versuchte seinen , Neid zu verbergen, triggerten ihn meine 15 EUR mit Meeresblick und 10 Meter bis zum Wasser inklusive 5 EUR für frische regionale Küche. Das nach ihm suchende Luxusgeschöpf mit Brillant-Collie verbesserte es nicht. Vermutlich muss ich nicht beschreiben, dass mir in diesem Augenblick die Rolle des abgerissen gekleideten Abenteurers und Badguys gefiel.

Aktuell gehe ich es anders an, als ich es zuvor tat. Eine meiner ersten Handlungen zu Hause war das Wegwerfen von wahrlich fraglichen Gegenständen. Ehrlicherweise war trotzdem immer ein wenig Trennungsschmerz dabei. Die Erinnerungen von einem Gegenstand abzulösen ist gar nicht einfach. Die pure Logik, dernach die Erinnerungen im Kopf stattfinden und mit dem Gegenstand nicht verschwinden, ist dabei nicht hilfreich. Damit hörte ich bis auf Weiteres auf. Nunmehr sortiere ich die Sachen, die ich für funktional wichtig erachte. Ich glaube, dass mir dann die Trennung von den übrig gebliebenen Sachen einfacher fällt. Mal sehen! Auf keinen Fall gibt es für mich ein weiter so wie bisher.


Quellen/Fußnoten

Juli 9 2022

Kompliziert statt einfach

close up photo of cannabis plant Lesedauer 4 Minuten

Als in den USA am 15.12.1933 die Prohibition endete, saß ein Barkeeper neben einem Telefon und wartete auf einen Anruf. Kaum klingelte das Telefon, goss er sich einen Highball ein und trank legal Alkohol. Jedenfalls wird die Geschichte so erzählt. Fortan konnte man in den Bars, wo ohnehin illegal getrunken wurde, wieder legal trinken. Fertig!
2022. Sogenannte Experten, selbsternannte Fachleute, Psychiater*innen, Psychologen*innen, Politiker*innen, die zu allem ihren Senf dazu geben müssen, Lobbyisten*innen, sie alle debattieren wild darüber, wie man denn eine Legalisierung von Cannabis hinbekommt. Die Textbausteine lauten: Studien A-X hätten ergeben, der Jugendschutz muss gewährleistet werden, der Schwarzmarkt muss unterbunden werden, die Verbraucher müssen vor Beimengungen geschützt werden und ganz besonders wichtig ist die Reglementierung des THC-Gehalts. Lese und höre ich das alles, bekomme ich Kopfschmerzen. Was da erzählt wird, ist ein Schauermärchen. Eins, in dem Cannabis-Konsum ein sich neu verbreitender Trend wäre. Guten Morgen! In Deutschland wird spätestens seit den frühen Siebzigern Cannabis, damals noch zumeist in Form von Haschisch konsumiert. Ab Anfang der 80er wurden in jedem besseren Tabakladen die notwendigen Utensilien wie Longpapers, Bongs, Grinder, pp. verkauft. Dies mit Sicherheit nicht als Dekoration. Wer Cannabis raucht, kann in der Regel gut einschätzen, wie viel er/sie raucht und welche Wirkung er oder sie haben will. Ist es zu viel, geht es ab ins Bett und Schlafen ist angesagt. Kein Übergeben, kein Zoff mit anderen Leuten, kein Getorkel nach Hause, einschlafen auf Parkbänken oder ähnliche Auswirkungen, die beim Alkohol eine Rolle spielen. Ja, man kann es übertreiben und es werden sich langfristig Folgen einstellen. Wie dies halt mit Substanzen so ist, die man sich dauerhaft zuführt. Jugendliche schlucken heutzutage Pillen, probieren LSD (ACID) aus und schlucken Pilze (Magic Mushrooms), versuchen es mit Tramal (besonders gern, wenn sie Leistungssport betreiben), Tilidin, oder trinken alle im Handel erlangbaren Spirituosen (bevorzugt Wodtka, Captain Morgan, Bier). Jugendliche finden immer einen Weg.
Ich bete es in jedem Beitrag zum Thema wie ein Mantra: Wer einen vernünftigen Umgang mit Drogen erreichen will, muss zwei Dinge leisten. Eine ehrliche und aufrichtige Aufklärung ermöglichen und an die Faktoren herangehen, die besonders Jugendliche Drogen nehmen lässt. Dies gilt insbesondere für die, welche erheblich ins Bewusstsein eingreifen. An die Umsetzung des zuletzt genannten glaube ich nicht. Denn die Faktoren sind nahezu identisch mit denen, die Erwachsene tablettensüchtig, alkoholabhängig werden lassen bzw. psychosomatische Krankheiten verursachen. Bleibt am Ende die Aufklärung! Ich bin ja nun auch schon über die 50, aber eins weiß ich ziemlich genau. Kein Jugendlicher oder Heranwachsender lässt sich von einem Polizisten, einem gealterten Sozialpädagogen, oder spießigen Apotheker etwas über Drogen erzählen. (Bitte wahlweise die Frauen einsetzen). Gealtert deshalb, weil wir alle wissen, wie es läuft. Wer nicht mehr an der unmittelbaren Front unterwegs sein kann, wird auf die Tour durch die Schulen geschickt.
Die Illegalität des Cannabis hatte nicht nur Nachteile. Rund herum ist eine Subkultur entstanden, die sich mannigfaltig von der Kultur der klassischen deutschen Alkohol-Kultur unterscheidet. Cannabis-Raucher sind eher selten in konservativen Studentenverbindungen, klassischen Eckkneipen, in Weinstraßen oder auf Bierfesten anzutreffen. Ich befürchte, dass da das Problem liegt. Es ist nicht uninteressant, wer sich da im Bundestag, wie äußert. Schnaps, Champagner, Bier sind in Ordnung, weil sie der „Leitkultur“ entsprechen, während diese ganzen vermeintlichen Exoten nebulös und gefährlich sind. In dieser Art und Weise kann aber nur jemand denken und sprechen, der früh aus der Lebensrealität der restlichen Zeitgenossen separiert wurde. Willkommen im Ablauf einer deutschen politischen Karriere, vor allem wenn sie in der Union oder bei der FDP, SPD, stattfindet.
Ich bleibe dabei: Zweckmäßig ist einzig und allein eine unkomplizierte sofortige Legalisierung, die schlicht und ergreifend eine Reaktion auf die tatsächlichen Verhältnisse in der Gesellschaft darstellt und sich nicht an den Wunschvorstellungen von Leuten orientiert, die sich in einer Blase befinden. Keine Droge ist harmlos! Aber auf die Gefahren mit Verboten zu reagieren, ist absoluter Humbug. Wie sollte man dies konsequent durchziehen? Fliegenpilze im Wald vernichten? Alle Gläser in der Küche prüfen, ob da auch wirklich harmlose Pilze drin sind? Tollkirsche? Die Tabletten von Mama in der Schublade? Farben? Klebstoff? Mir fallen noch ein paar mehr ein, aber ich will niemanden auf blöde Ideen bringen. Wird es nicht konsequent durchgezogen, muss eine Begründung erfolgen, warum diese Substanzen verboten sind und andere wiederum nicht. Bei Cannabis geht es um eine an sich völlig harmlose Pflanze, den Hanf, welche auch noch sehr nützlich und ansehnlich ist. Alkohol selbst zu brennen, bringt einige Risiken mit sich. Es beginnt mit einer explodierenden Destillationsapparatur und geht weiter mit Fusel bzw. Methanolanteilen, die blind machen. Was auch immer ich mit der Hanfpflanze anstelle, abgesehen von Schnapsherstellung, bleibt es ungefährlich. Beim Konsum kommt noch die Alkoholvergiftung dazu. Das Suchtpotenzial ist auch höher. Also bei meiner Prüfung müsste der Alkohol verboten werden. Dass das nicht funktioniert, wissen wir. Aber wie kommt man dann auf die Idee, dass es bei Cannabis klappt? Bisher bin ich auch noch nicht auf die Idee gekommen, das Personal der Apotheke meines Vertrauens nach dem besten Grappa, Whiskey oder Rotwein zu befragen. Gleiches gilt für Zigarren!

Wie verhält es sich mit dem Jugendschutz? Gibt es neuerdings Aufklärung über die Folgen und Gefahren von Hochleistungssport? Oder bezüglich dessen, was sich junge Männer in Fitnessstudios antun und 20 Jahre später Orthopäden und Physiotherapeuten beschäftigt? Warum sind eigentlich so viele Heranwachsende bis über beide Ohren verschuldet? Wie sieht es mit den Ursachen für Essstörungen, Selbstverletzungen und Suiziden aus? Oder wann hört man jüngeren Engagierten endlich mal zu, wenn sie von ihren nicht unberechtigten Ängsten vor einer Zukunft mit Extremwetterereignissen, Artensterben und Verpestung der Erde sprechen? Warum werden die nicht vom Establishment zum Gespräch eingeladen? Habe ich bei Corona und notwendigen Ausbau der Schulen mit Belüftungsanlagen etwas verpasst? Nein, liebe Leute, ihr ergeht Euch im Bundestag in Phrasen und die wenigen, welche wirklich an das glauben, was sie von sich geben, sind mehr als naiv. Unter dem Strich geht es, um was es immer geht! Geld, Business, Vermarktung! Bei großen Teilen einer Generation, die Politikern*innen nicht einen Zentimeter über den Weg trauen, ist dies kontraproduktiv. Doch es gibt ja auch noch die anderen, die bereits angekommen sind. Nun, um die muss sich keiner Sorgen machen. Jedenfalls noch nicht jetzt. Kokain, Alkohol und psychosomatische Kliniken kommen bei denen erst später.
Die Legalisierung von Cannabis ist wahrlich nichts Weltbewegendes. Mit Flüchtlingsströmen, gesellschaftlichen Umbrüchen, sich immer mehr verdichtende Krisen, eine Welt, die sich völlig neu sortiert und dabei extrem gefährliche Spannungen erzeugt, ein Ökosystem Erde, welches künftig vom menschlichen Design abhängig sein wird, kann Cannabis nicht konkurrieren. Aber mal vorsichtig nachgefragt: Wenn ihr dabei schon eine schlechte Figur macht, wie wollt ihr den anderen Kram stemmen?

Noch ein kleiner zynischer Nachtrag. Cannabis hat schon vielen traumatisierten Veteranen gut geholfen. Davon wird es in nächster Zeit mehr geben. Hinzu kommen traumatisierte Grenzbeamte, die die Festung Europa verteidigen müssen und mit dem Elend nicht klarkommen. Da tun sich doch ganz neue Optionen auf.

Juli 5 2022

Vorbei?

sea turtle swimming underwater Lesedauer 8 Minuten

Vorab: Ich habe ein sehr schwieriges Verhältnis zu Beerdigungen. Zumindest gilt dies für hiesige Bräuche. Jetzt mögen sich Mitleser des BLOG fragen, wer denn ein gutes hat. Ich weiß es nicht. Mir fällt hierzu nur der alte Kultfilm „Harold und Maude“ ein, in dem sich die betagte Maude und Harold, der exzentrische junge Mann, bei ihren regelmäßigen Besuchen von Beerdigungen kennenlernen. Für mich beginnt es bereits mit den begleitenden Formulierungen. „Jemanden wird die letzte Ehre erwiesen!“ Oder: „Wir nehmen hier Abschied von …!“ Dass den „Hinterbliebenen“ wildfremde Menschen, aufrichtiges Beileid zuteilwerden lassen, macht es nicht besser.

In erster Linie sind Beerdigungen Veranstaltungen für die Lebenden. Gleiches gilt für Gräber und ihre Gestaltung. Der oder die Verstorbene hat mit alledem nichts mehr zu tun. Damit sind sie auch eine Auskunft an die restlichen Teile der Welt über einen selbst. Jeder muss sich überlegen, wie er oder sie mit dem Tod umgehen und welche Form sie im Umgang mit der Zeit danach finden. Mich dabei in ein Korsett der Erwartungshaltung anderer pressen zu lassen, ist mir zuwider. Gerade in den zurückliegenden Tagen hörte ich wieder einmal zu oft: „Das macht man so, dies gehört sich so und dies ist eben unsere Kultur!“ Meine Herangehensweise ist eine völlig andere. In der heutigen Zeit habe ich die Möglichkeit Ideen, Vorstellungen, Philosophien, einer kompletten Erdbevölkerung kennenzulernen. Also kann ich mir aus alledem das mir am schlüssigsten Erscheinende heraussuchen und auch übernehmen. Menschen errichteten früher riesige Steingräber. Andere verbrannten ihre Toten auf Flüssen oder Schiffen. Über lange Epochen hinweg mussten gleich die noch lebenden Frauen und das Gefolge sterben. Jetzt wühlen Heerscharen von Archäologen in der Erde und buddeln aus, was die Vorfahren mühsam unter Steinen verdeckten. Gäbe es Zeitreisende aus diesen Epochen, würden die das bestimmt nicht lustig finden. Zeitweilig besuchte ich gern Friedhöfe. Dort stehen monumentale Grabanlagen mit Statuen und prunkvollen Mausoleen. Botschaften an die Nachwelt, die besagen: „Schau, ich war ein toller, wichtiger Mann oder Frau und konnte mir dies hier leisten.“ Dumm nur, dass selbst längere Recherchen zu diesen Personen, keinerlei Ergebnisse liefern. Mit dem Wirken war es also weit weniger gut gestellt, als mit dem zusammengerafften Vermögen. Andere, die zu Lebzeiten arm waren und eher bescheidene Gräber bekamen, sind heute noch bekannt.
Schau ich mir frische Gräber an, fallen mir stets als Erstes die Trauerkränze und die Blumen auf. Auf den bereits nach zwei Tagen unansehnlich aussehenden Schleifen stehen die Namen der Leute, die ihre Trauer bekunden wollen. In meiner Wahrnehmung steht da: „I was here! 2022!“ Wozu? Warum muss ich anderen Leuten mitteilen, dass ich dort am Grab stand oder nicht vergessen habe rechtzeitig beim Blumenhändler einen Kranz zu bestellen? Ich war da oder nicht, das muss ich mit mir selbst ausmachen. Selbst wenn ich nicht da war, sagt dies noch nichts über mein Verhältnis zu dem – oder derjenigen aus, dessen/deren Körperreste entsorgt werden.
Bei Christen hält ein/e Geistliche/r eine spirituelle Rede. Sie soll den Lebenden Trost spenden. Das klappt aber nur, wenn die Zuhörer auch Christen sind. Weil dies viele erkennen, werden nunmehr häufig Reden von professionellen Grabrednern/innen gehalten. Da die zuvor nichts mit den Verstorbenen zu tun hatten, sind sie auf die Informationen angewiesen, die ihnen zugespielt werden. Im Ergebnis halten sie eine Rede darüber, wie die Informanten sich wünschen, dass die Verstorbenen in Erinnerung bleiben. Ob dies im Einklang mit dem steht, was die zu Lebzeiten selbst wollten, kann niemals geklärt werden. Umgehen kann man dies nur, in dem man seine eigene Grabrede verfasst, die dann verlesen wird. Die wenigsten haben die Gelegenheit dazu. Ich könnte heute eine schreiben und sie hinterlegen. Doch was weiß ich darüber, was in den nächsten Jahren, wenn es für mich gut läuft, noch alles passieren wird? Wenn ich senil bin oder mein Kopf von Schmerzen benebelt ist, kommt auch nichts Wünschenswertes bei heraus. Außerdem ist es ziemlich egal. Was ich in 56 Jahren nicht gesagt habe oder gehört wurde, macht auf dem letzten Meter auch nichts mehr aus. Hinzu kommt die alte Grundregel, dass es mir als Mensch nicht gegeben ist, den Eindruck bei anderen zu hinterlassen, den ich mir wünsche. Jeder macht aus mir in seinem Kopf, was er oder sie für richtig halten. Womit sich auch ergibt, dass da der Körper, die Hülle eines Menschen, verabschiedet wird, dessen Bedeutung für jeden der Anwesenden eine andere war.


Der Tod ist eines der existenziellen Themen, wenn nicht sogar das Thema, des menschlichen Daseins. Er ist zusammen mit der Geburt der einzig sichere Eckpunkt des Lebens. Alles, was dazwischen stattfindet, ist unsere Biografie. Mit 21 Jahren schaute ich bei einer Obduktion zum ersten Mal auf eine Leiche. Der Anblick wirkte irreal. Schaue ich in mich hinein, ist davon das Detail geblieben, wie der Pathologe an den Rippenbögen herumschnitt. Mein Kopf blendete aus, dass da ein menschlicher Körper lag und schaltete auf Rinderrippen um. Es folgten diverse weitere in unterschiedlichsten Situationen. Einige Male sah ich auch Menschen sterben. Eines Tages begriff ich, welches Geschenk mir damit gemacht wurde. Im Gegensatz zu anderen, die dies alles niemals sahen, musste ich mich mit dem Tod unmittelbar auseinandersetzen. Beruflich bedingt blieb es nicht aus, dass ich die unterschiedlichsten Verwesungsstadien kennenlernte. Dabei bekommt man eine Lektion über die Vergänglichkeit. Seltsamerweise fällt einem dies beim Anblick eines menschlichen Leichnams deutlicher auf, als beim Anblick eines toten Tieres. Ich muss dabei an eine Geschichte denken, die über Buddha übermittelt wird. Einigen Mönchen verdrehte eine junge, schöne Frau den Kopf. Sie starb früh an einer Krankheit und wurde im Innenhof ihres Hauses aufgebahrt. Buddha soll einen der Mönche aufgefordert haben, ihn zu begleiten. Doch er verschwieg, dass die Frau bereits einige Tage tot war. Vermutlich geschockt stand nun dieser Mönch im Innenhof. Buddha machte ihm anhand der verwesenden Leiche klar, wie töricht es sei, sich in den vergänglichen Körper zu verlieben.
Anhaften an vergänglichen oder flüchtigen Dingen, Ereignissen, ist im Buddhismus der Dreh- und Angelpunkt der Lehre. Jeder, der sich an diesen Sachen orientiert, anhaftet, wird eines Tages durch den Verlust Leid erfahren. Deshalb gilt es, sich davon zu lösen und sich auf das Ewige und Bleibende zu konzentrieren. Immer, wenn ich einen toten Körper sah, kam in mir eine Frage auf. Was führt dazu, dass die Moleküle, Mineralien, Stoffe, aus denen der Körper besteht, nicht nur zusammen halten, sondern uns als etwas Lebendiges erscheinen?
Hierzu möchte ich noch ein anderes Gleichnis, welches mich in diesem Zusammenhang seit Jahren beschäftigt, anbringen. Wenn ich in einen Tonkrug hineinschaue und darin nichts entdecken kann, werde ich ihn als leer bezeichnen. Doch genau genommen, ist dies nicht der Fall. Immerhin befinden sich darin Unmengen an Molekülen, die ich mit meinen Sinnen nicht wahrnehmen kann. Selbst der Tonkrug an sich ist trügerisch. Physikalisch gesehen ist alles, einschließlich meines Körpers, eine Ansammlung von Energiefeldern mit fließenden Übergängen. Allerdings sprengt dies unsere Vorstellungskraft. De facto ist der Krug ein Versuch, etwas aus dem Ganzen zu separieren und in ihm zu deponieren. Versuch, weil es logisch betrachtet nicht funktioniert. Alles, inklusive jedes Menschen, ist ein Teil vom Ganzen und damit ist das Ganze auch ein Bestandteil von jedem Einzelnen. Zerstöre ich den Tonkrug, verteilt sich, was sich zuvor in ihm befand, aber es ist nicht weg. Warum soll ich den Körper eines lebenden Wesens nicht mit dem Tonkrug vergleichen? Ist das, was den Körper leben ließ, weg, weil er zerfallen ist? Wie verhält es sich mit der Idee, die überhaupt zur Herstellung des Krugs führte? Die Leere machte den Krug erst zu dem, was er war: ein Gefäß!


Was ist überhaupt Leben? Wir sind technisch dazu in der Lage Maschinen zu bauen, die über Sensoren mindestens so viele Informationen erlangen können, wie wir es mittels unserer fünf Sinne tun. Mittels Programmen können sie dazu befähigt werden, diese Informationen für Handlungen zu benutzen. Der Dalai Lama Gyalwa Rinpoche hat zum Thema Leben einmal gesagt, dass alles diese Bezeichnung trägt, was sich aus einem eigenen Antrieb heraus bewegt. Die Maschine hat diesen Antrieb nicht. Die Programmierer haben es vorgegeben. In einem Lebewesen passiert mehr. Triebe, wie Hunger, Fortpflanzung, das Bestreben zu überleben und Emotionen bestimmen das Verhalten. Und all dies ist bei jedem Individuum unterschiedlich ausgeprägt. Ich stelle mir dies wie eine Art die Zeiten überdauernde Formel vor, die immer weiter entwickelt wird und deren temporäre Ergebnisse für uns als lebender Körper sichtbar werden. Dabei ist mir ziemlich egal, wie das bezeichnet wird. Auf jeden Fall überdauert es den Körper. Im Buddhismus gibt es dazu das Bild der Kerze. Man nimmt eine neue Kerze und entzündet sie an einer fast heruntergebrannten. Wenn man sich dieses Bild visualisiert, bekommt man ein Verständnis dafür, was mit Inkarnation gemeint ist.
Gräber und Beerdigungen sind für mich irrelevant, wenn überhaupt sind für mich ein symbolischer Platz oder Ereignis für ein Zwiegespräch im Innern. Mich vom Anhaften an einen vergänglichen Körper zu befreien, war ein wichtiger Schritt in meinem Leben, der mir völlig neue Gedanken ermöglichte. Er war das, womit es mir einfacher gemacht wurde, das Wesen wahrzunehmen. Gleichsam verstellte er mir auch den Blick auf das wirklich relevante. Egal, um wen es dabei geht, immer ist entscheidend, welchen Teil des Wesens ich für mich in Anspruch nahm. Mal ist es der Freund, die Freundin, die Lebenspartnerin, die Mutter oder der Vater. Jeder der Genannten ist unendlich viel mehr gewesen und wird sein, als mir möglich ist zu sehen oder sah. Kürzlich starb meine Mutter. In meiner Weltanschauung endet damit die existenzielle Rolle, die sie in meinem Leben einnahm. In meinem Geist bleibt sie existent. Außerdem bleiben die Prägungen und Veränderungen, die wir gegenseitig erfuhren. Das, was ich hier als Wesen bezeichne, bleibt und wird noch lange Zeit in diesem Universum wirken. In welcher Form und Gestalt, kann ich nicht wissen. Im Prinzip hat sich nicht viel verändert. Anderen erschien sie bisher als Kollegin, Freundin, Ehefrau, Nachbarin, Beraterin, usw.

Nocheinmal zurück zu Beerdigungen. Was da zelebriert wird, ist mir definitiv zu körperlich und wird nicht ansatzweise einem Lebewesen gerecht. Es ist eine gruselige Vorstellung, dass Eheleute nebeneinander liegen und einen langen friedlichen Schlaf geniessen. Ähnlich verstörend finde ich die christliche Aussicht, an einem imaginären himmlischen Platz alle wieder zu sehen, die ein gutes christliches Leben führten oder gegenteilig an einen Ort zu gelangen, wo sich alle herumtreiben, die eben dieses nicht taten. Dabei erinnere ich mich an Odysseus, der in der Unterwelt auf die frustrierten Kämpfer von Troja trifft. Wer braucht denn so etwas? Mal ganz davon abgesehen, dass da diverse logische Fehler eine Rolle spielen. Was ein guter Platz ist, dürfte sehr individuell sein und wer den verdient, erscheint ebenfalls subjektiv. Sorry, Moses, Griechen, Römer, Ägypter, ehemalige Bewohner des Gebiets von Euphrat und Tigris, ich kann da nicht folgen. Was sich Konfuzius, Lao Tze und Buddha zurecht legten, erscheint mir einleuchtender.


Bei aller Trauer darüber, nicht mehr unmittelbar mit meiner Mutter sprechen zu können, spürte ich, wie bei der Beerdigung dennoch ein Lächeln über mein Gesicht glitt. Ich durfte das alles Überdauernde einen Zeitabschnitt lang in der Rolle eines Sohnes erleben. Kurz war ich versucht, mal wieder Zugeständnisse zu machen, um anderen nicht die Veranstaltung madig zu machen. Doch ich denke, es gibt wenige Ereignisse im Leben, die so persönlich sind, wie der Tod unmittelbarer Angehöriger, insbesondere wenn es um eigene Kinder oder die Mutter geht. Mit einigem Abstand betrachtet, saß ich da inmitten von Freundschaften, Bekannten und Menschen, die sie sich auserwählt hatte. Ich, der Sohn, war der oder das Einzige, was sie sich nicht aussuchen konnte, sondern ein Produkt ihrer selbst. Einer Bekannten schrieb ich: “Wenn Du als überzeugter Buddhist einer mitteleuropäischen Beerdigung beiwohnst und Dich auch noch zu erkennen gibst, läufst Du schnell unter dem Verdacht, ein verstrahlter Hippi zu sein, der zu Hause mit Joints und Räucherkerzen um sich wirft.” Einen Buddha stellen sich viele gern in den Garten. Doch fragt man die Aufsteller nach Inhalten und der tiefergehenden Logik, kommen wenige Antworten. Wie auch, wenn die Statue in einem Garten vor einem Einfamilienhaus steht, welches die Bewohner in Besitz genommen hat, während sie glauben, dass es genau anders herum ist. Als ich in einer schwierigen Lebenspahse feststeckte, sagte meine Mutter zu mir: “Junge, bewahr Dir Deinen Glauben und orientiere Dich daran.” Wir sprachen niemals intensiver darüber, aber ich denke, dass sie gut verstand, welche Haltung in mir herangereift ist.
Am Ende folgte ich dem Weg und vermied es, dem Vergänglichen noch mehr davon hinzuzufügen. Wenn wir eine schöne Blume sehen, gibt es die Möglichkeit, sie zu pflücken und sie damit dem Verfall zuzuführen oder wir lassen sie an Ort und Stelle, damit wir sie dort bewundern können. Meine Mutter war keine Freundin von Schnittblumen. Ich brauchte eine Weile, bis ich dies genauso sah und verstand. Auch habe ich mir erspart, meinen Namen auf einer Schleife prangen zu sehen, die ein paar Tage später auf dem Müll landet. Ein Symbol gönnte ich mir. In einigen buddhistischen Ausrichtungen symbolisiert die Schildkröte den Begleiter in die neue Erscheinung. Jetzt sitzt neben ihren körperlichen Überresten eine Nachbildung und stellt meine Hoffnung dar, dass sie eine ein wenig unbeschwertere sichtbare Hülle und Dasein erfährt und ein Teil von ihr, lebt in mir weiter.

Juli 5 2022

Moderne Welt

white skeleton figurine on black laptop computer Lesedauer 7 Minuten

Mein Vater ist seit kurzem Witwer und teilt das Schicksal vieler Männer der bürgerlichen Nachkriegsgeneration. Zeitlebens verließ er sich auf das kaufmännische und buchhalterische Können seiner Frau. Computer, Digitalisierung, die neuesten rückwärts eingesprungenen Rittberger bei Bankensicherungssystemen zogen in den Jahren an ihm vorbei. Ihm genügte es, seine EC-Karte in einen Automaten zu stecken, eine vierstellige Nummer einzugeben und das Ding gab ihm Geld. Bei allen anderen Sachen musste er halt zu Hause vorstellig werden. Wie er mit der Haltung in den 80ern und 90ern durch die Polizei kam, ist mir ein Rätsel. Vielleicht nicht ganz. Ich habe noch die Rufe meiner ehemaligen Kollegen im Ohr. „Trölle!“, hieß es dann immer mit einem leicht verzweifelten, dezent aggressiven, Unterton. An irgendeiner Stelle war mal wieder jemand an einem Rechner oder Drucker gescheitert. Auf die Art und Weise kann man auch viel über die angeblich widerlegte Frustration-Aggression-Theorie lernen.
Bereits seit längerer Zeit betrachte ich das Meiste in diesem Zusammenhang als ein groß angelegtes Spiel. Von meinem Vater kann ich das nicht verlangen. Bereits in der Jugend faszinierte es mich, wie er verrenkt unter der Decke klebend eine persönliche Beziehung zu einer Schraube aufbauen konnte, die ein sadistisch-perverser Designer für eine Deckenlampe vorgesehen hatte. Dies ist nur eins von vielen Beispielen für die Dinge, die nachhaltig meine Lebenshaltung prägten. Aus unerfindlichen Gründen neigen Mitglieder moderner industrialisierter Gesellschaften dazu, sich das Leben maximal zu verkomplizieren. Alles muss versteckt sein, möglichst unsichtbar montiert werden und darf das Auge mit der Existenz nicht stören. So als ob es einem peinlich wäre, dass man dem Universum wieder einmal eine Ausgeburt des Großhirns unterwuchtete. Egal, vielleicht gibt es ja tatsächlich Designer, die abends am Tresen sitzen und sich stundenlang darüber amüsieren, wie weltweit Handwerker an ihren Konstruktionen verzweifeln. Bei den Konstrukteuren von Motoren bin ich mir sicher. Warum sollten sie sonst stets neue unzugängliche Plätze für Zündkerzen finden?
Zurück zu den Problemen der neuen Welt oder besser gesagt, in die Zeit der „Digitalen Revolution“. Bisher konnte ich meinen Vater nicht davon überzeugen, dass der Mensch Computer jenseits der Wissenschaft ausschließlich einsetzt, um Probleme zu lösen, die wir ohne sie nicht hätten. Beispielsweise entdeckte ich auf seinem Rechner ein Finanzmanagement-Programm. Ich gebe zu, dass ich so etwas auch mal hatte. Es dauerte eine Weile, bis ich die Hintergründe verstand. Haushaltsbücher gelten als antiquiert. Ich fand mal eins meiner Großmutter. Oben stand, wie viel mein Großvater in der Lohntüte nach Hause brachte, darunter folgten simple Eintragungen über die Ausgaben. Miete, Strom, Milch, Butter, Brot, Belag, Getränke, fertig. Keine Aktien, Depots, Abschreibungen, Sonderausgaben, Werbungskosten, Außenstände bei der Krankenkasse, Rücklagen oder ähnlich verwirrende Dinge. Das Buch ist weder sexy, hip, noch cool. Also machten sich Programmierer ans Werk. Theoretisch kann jetzt jeder mit diesen Programmen nachvollziehen, wie viel Prozent die Nahrungsmittel, das Vergnügen, die Toilettenartikel, ausmachen. Es ist auch nachvollziehbar, wie sich das über das Jahr entwickelte. Oder man kann bestimmen, welche Ausgaben steuerlich relevant sind. Mal ganz abgesehen davon, dass sie dies beim Normalbürger nie sind, weil in der unteren Mittelschicht kaum einer über die Pauschalbeträge kommt. Aber man darf träumen. Genau genommen sind diese Programme zeitraubende PC-Spiele. Etwas philosophischer formuliert, liefern sie eine grafische Darstellung des inneren Zustands „Haben“. De facto benötigt er dieses Programm wie eine singende Einhorn-Figur aus rosafarbenen Plüsch. Leider sperrte es aufgrund einer Fehlbedienung den online-Zugang für die Bank.
Man mag meinen, dass dies kein gravierender Vorgang ist. Tausende geben jeden Tag eine falsche PIN ein. Eben! Damit gehen sie den Banken auf den Zünder. Kaum freuten sich all die Dagobert Ducks über die fantastischen Kostenersparnisse, die sich aus der Freisetzung der teuren Angestellten ergaben, begannen die Kunden online zu nerven. Immer wieder bewundere ich die Genialität Douglas Adams. Im „Anhalter durch die Galaxis“ zeigen sich die Gorgonen verwundert, weil die Erdbewohner nicht rechtzeitig Widerspruch gegen Zerstörung der Erde einreichten. Parallel kämpft einer der Protagonisten um die Unversehrtheit seines Hauses, welches für eine Umgehungsstraße geopfert werden soll. Mitgeteilt wurde dies mittels eines Aushangs im Keller des Rathauses, hier wiederum in einem verschlossenen Raum, für dessen Öffnung ein Antrag notwendig ist. Webpräsenzen von Banken sind ähnlich strukturiert. Alles was verkauft werden soll springt einen an. Mit drei Tasten und zwei Klicks ist der Deal abgeschlossen. Will man einen Kontakt herstellen, wird es schwieriger. Zur Auswahl standen der telefonische Support, ein WhatsApp-Kontakt (extrem bedenklich), eine KI, die den Namen nicht verdient, da sie nur FAQ beantworten kann und einige Formulare, die seltsamerweise nur auf den Kauf weiterer Produkte bezogen sind.
Zunächst rief er selbst bei der Bank an. Sie, die Beraterin und er, der Mann aus der Zeit vor der Digitalen Revolution, sprachen sauber aneinander vorbei. Hilfreich wäre die Klärung gewesen, von welcher Art Gerät jeder spricht. Am Ende war der Zugang wieder dicht. Ich kenne nicht den Masterplan der Sparkasse Berlin, aber am Geld der Senioren scheinen die Verantwortlichen nicht interessiert zu sein. Ich weiß! Sie sind am Geld, richtig formuliert an den Datensätzen, die Geld darstellen, interessiert, aber nicht an diesen lästigen verfallenden Blutsäcken, die nichts mehr generieren, sondern nur noch empfangen. Demnächst, jedenfalls wenn es nach den Ferengis (Mein Vater weiß natürlich nicht, was ein Ferengi ist, aber ohne es zu wissen, kennt er sie doch, weil man Politiker*innen der CDU/CSU/FDP, nicht besser darstellen kann) geht, wird das Geld für die Rente treubrav an Blackrock übergeben. Der Investment-Gigant, soll dann mit einer weiteren europäischen Rentenkasse spielen dürfen.
Also machte ich mich an die Angelegenheit. Ich selbst bin bei einem anderen Institut. Mir fällt es leicht, mit den entsprechenden Apps auf dem Smartphone zu agieren. Aber kann ich das von einer älteren Generation erwarten? Ich denke nicht. Weil ich mir nicht ganz sicher war, was die eigentlich in Sachen online-Banking auf dem Portal wollten und außerdem das richtige Gerät benötigte, stellte ich mich in die Schlange vor der Sparkassen-Filiale. Jedem, der ein wenig Zeit hat, kann ich diese Erfahrung empfehlen. Mit mir zusammen standen dort in der prallen Sonne ca. 20 mehr oder weniger verzweifelte Rentner und Rentnerinnen. Ich bereitete mich innerlich auf erste Wiederbelebungsmaßnahmen vor. Vor uns stand ein typischer Berliner Sicherheitsmann. Schwarzes Hemd, schwarze Jeans, Schuhe von einem bekannten Sicherheitsausstatter und rudimentär der Sprache mächtig, die die Rentner vor ihm sprachen. Immer mal wieder grüßte er knutschend junge kräftige tätowierte Männer, die an allen vorbei zu den EC-Automaten gingen. An den Schaltern spielten sich menschliche Tragödien ab. Es ist nicht schön, wenn man alte Männer in Tränen ausbrechen sieht, weil sie mit dem Humbug überfordert sind. Grotesk wird es, wenn man dabei den Kontrast an den Automaten beobachtet, wo sich merkwürdige Gestalten ihr Geld holen.
Endlich an der Reihe nickte der Angestellte nur mitleidig. Was ich schilderte, war sein täglich Brot. Allerdings konnte er mir nicht das passende Gerät verkaufen. Hätte er dies getan, ergäbe sich daraus für die Bank ein Haftungsanspruch, deshalb müsse man es online kaufen. Über die App, zu der ich keinen Zugang habe, würde sich das Ding ganz leicht kaufen lassen. Zwischenzeitlich rief mich mein Vater an. Bei einer großen Bank in seiner Nähe böten sie ihm einen Seniorenberater an. Zu meiner Begeisterung beschloss er dorthin umzuziehen.
Doch da wäre noch die Sache mit den Konto-Auszügen. Eigentlich simpel, wenn man sich in Berlin befindet und einen Berliner Automaten benutzt. Weilt man in einer anderen Stadt, mögen einen die Sparkassenautomaten nicht. Jetzt ritt mich der Teufel. Auf einem Samstag, zur Primetime, also nachdem alle Hundebesitzer nochmals ihre Lieblinge ausgeführt hatten, 5 Minuten nach Beginn des traditionellen deutschen 20:15 Uhr Fernsehprogrammbeginn, zu der Zeit, in der die Wasserbetriebe die geringste Auslastung haben, rief ich die Hotline an. Es dauerte 30 Minuten, bis sich eine freundliche Dame meldete. Ihr schilderte ich mein hochkomplexes Anliegen, welches manche Absolventen der Betriebswirtschaftslehre nicht regeln können: „Können Sie bitte meinem Vater, Inhaber des Kontos xy, einen Ausdruck des letzten Monats übersenden?“ Theoretisch wäre dies möglich, aber über das online-Banking sei dies viel einfacher. Yeap! Aber nicht, wenn es gesperrt ist. Also bot sie mir die Entsperrung an. Mein müsste hierfür nur eine seiner letzten Abhebungen oder Zahlungen, auf den Cent genau und mit Nennung der Transaktionsnummer benennen. Außerdem noch Geburtsdatum, Kartennummer, Schuhgröße, Essgewohnheiten der Großmutter … Was folgte, war eine kleine Eskalation. Da half auch nicht die Erklärung, dass die arme Frau auch nur ein Opfer der Ferengis und der Digitalen Revolution ist.
Ich schrieb bereits, dass mich der Teufel ritt. Unabhängig vom Anruf hatte ich bereits eine online-Lösung gefunden. Dachte ich! Die Sparkasse hat zwischenzeitlich eine eMail gesandt, dass sie leider Anfragen dieser Art nicht bearbeiten kann, weil sie den Absender nicht verifizieren können. Grundsätzlich wäre das kein Thema, weil sie ja einen Brief absenden. Aber sie wären kein Geldinstitut, wenn sie für den Ausdruck nicht satte 5 EUR berechnen würden.

Ich lehne mich mal weit hinaus. Bei mir ist ein abgebrochenes und ein abgeschlossenes Studium, jahrelange EDV-Erfahrung, diverse Zusatzausbildungen für computergesteuerte Spezialtechnik im Hintergrund. Im Gegenzuge wirft mir kein Installateur Werkzeug und ein Handbuch an den Kopf, damit ich meinen Kram alleine erledige und verlangt auch noch Geld von mir. Ich schrieb hier von Rentnern und Leuten, die sich jenseits der 70 bewegen. Das ist nicht fair und trifft auch nicht die Realität. Viele sind mit alledem überfordert. Hinzu kommen die, welche nicht darüber reden wollen und so tun, als ob sie klar kämen. Eines schönen Tages wird alles sehr simpel sein. Und damit wird es dann richtig gefährlich. Nur noch Insider wissen dann, was im Hintergrund passiert. Damit gibt es dann gar keine Chance mehr sich gegen die eine oder andere Sauerei zu wehren. Vermutlich gebe ich mich einer Illusion hin. Was da wie und warum passiert, weiß ich nicht. Jetzt in diesem Augenblick schreibe ich auf einem Laptop, der über ein WLAN online ist und mit dem ich einen Text schreibe, der aussieht wie früher auf der Schreibmaschine, tatsächlich aber eine Ansammlung von kryptischen Codezeichen ist, von denen ich nichts verstehe. 70 % von dem, was auf dieser Seite geschieht, verstehe ich nicht. Ich bin nicht einmal dazu in der Lage Werbung so einzublenden, dass ich damit Geld verdienen könnte.
Bei Geld bin ich ohnehin raus. Bitcoins, Aktien, Börsenkurse, Finanzprodukte, Tagesgeldkonten, haben mich niemals interessiert und heutzutage will ich damit nichts mehr zu tun haben. Ich weiß, dass da eine Menge Dinge passieren, die nichts Gutes erbringen. Dieses Wissen reicht mir völlig aus. Ich hege einen bösen Wunsch. Meiner Erfahrung nach, gehen alle hochkomplizierten Prozesse eines Tages böse schief, während einfache recht zuverlässig funktionieren. Wie schön wäre es doch, wenn den Freaks irgendwann alles um die Ohren fliegt. Es gäbe dann bedauernswerte Opfer, aber die Überlebenden und nachfolgenden Generationen wären die Gewinner. Im alten Chaplin Film gerät der Protagonist zwischen die Zahnräder einer Maschine. Die Revolution der mechanischen Maschinen ist Vergangenheit, jetzt haben wir es mit der Digitalisierung zu tun. Erich Fromm beschrieb die Moderne als eine Zeit, in der die Menschen alles tote und seelenlose lieben, während sie das Lebendige vernachlässigen. Er sagte dies vor ca. 50 Jahren. Ja, ich kann dem nur zustimmen.

Juli 2 2022

Immer noch illegal

shallow focus photography of cannabis plant Lesedauer 8 Minuten

In Sachen Cannabis ist die aktuelle Ampel-Koalition mit einem großen Wählerversprechen angetreten: Wir werden Cannabis legalisieren. Allerdings scheint bisher nicht einmal eine Entkriminalisierung in Sicht zu sein. Ich erwartete nichts anderes. Ein Land, in dem sich selbst der Verkauf gängiger Schmerzmittel kompliziert gestaltet, tut sich schwer damit. Wenn ich in Polen an einer Kasse stehe und dort Aspirin neben Ibuprofen liegen sehe, frage ich mich stets, ob deutsche Zeitgenossen und Genossinnen mit politischen Gestaltungswillen, ihre Mitmenschen für besonders dämlich halten, oder sie ihre Rolle ein wenig zu erzieherisch anlegen.
Ich kann mich seit meiner Jugend an keine Zeit erinnern, in der Drogen nicht irgendwie eine Rolle spielten. Auf den Partys wurde mit der Pubertät Alkohol getrunken und die ersten Joints gingen herum, als ich um die 16 Jahre war. Mit Mitte der 80er kombinierten die ersten Freunde Kokain, MDMA, XTC, Alkohol und Cannabis. Jetzt wo ich nochmals die Zeit Revue passieren lasse, fällt mir ein, dass zwei Mitschüler bereits in der 7en Klasse Klebstoff schnüffelten. So viel ich weiß ist einer von beiden „abgedriftet“ und der andere wurde später Drogenberater. Einige Grundregeln lernte ich in all den Jahren: „Nicht die Droge sucht sich den Konsumenten, sondern es läuft andersherum.“ Gleichsam gilt: „Ob jemand süchtig wird, ist in der Persönlichkeit begründet und hat sekundär etwas mit der Substanz zu tun.“ Nunmehr bin ich Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Aus Überzeugung heraus begann ich bei beiden recht früh mit einer offenen Aufklärung über Drogen. Mir war dabei immer bewusst, dass diese Verbotsfaselei im günstigsten Fall unbeachtet verhallt; im schlechtesten kontraproduktiv ist. Ich sagte ihnen Dinge wie: „Ihr werdet Alkohol trinken, das ist sicher. Aber wenn ihr trinkt, gebt dem Zeug eine Chance für die Wirkung. Ein Glas, warten, kurzer Body – u. Gehirnscan, dann kann es weiter gehen. Wenn ihr andere Drogen nehmt, bleibt dabei niemals alleine und Finger weg von den Sachen, die ein Chemiestudent im 4en Semester zusammen kocht.“ So weit ich noch einen Einblick in ihr Leben habe, scheint mein Plan aufgegangen zu sein. Ich halte nichts von Wunschvorstellungen, die sich jenseits der realistischen Verhältnisse befinden. Insofern es mir möglich war, beschrieb ich ihnen die Wirkungen der in unseren Breitengraden kursierenden Drogen. Mir wurde in der Jugend eine Menge Humbug erzählt. Cannabis, LSD, Captagon, XTC, Kokain, Heroin, wurden zum bösen Einheitsbrei, während Alkohol, kontrolliert eingenommen, durchging. Erst mein Onkel, schwer heroinabhängig, sagte mir eindringlich: „Alles begann mit dem ersten Bier!“ Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, vielleicht der Reiz einer Welt jenseits des als spießig empfundenen Elternhauses, ein Eindruck, der oftmals aus dem Versteckspiel gegenüber den Kindern resultiert, die Flucht vor einem Leben, welches einem seitens der Gesellschaft aufgedrückt wird, aber ziemlich unmenschlich wirkt, sind beim Einstieg die wichtigen Faktoren. Aber auch die Frusttoleranz, die Fähigkeit, mit Kummer, Trauer, Liebe, Emotionen, umgehen zu können, gehören dazu.

Das Einnehmen von Drogen unter Strafe zu stellen, ist ein bemerkenswertes Konstrukt. Immerhin schädigt sich jeder mit der Einnahme ausschließlich selbst. In allen anderen Gesetzen geht es immer darum, mittels Strafandrohungen Schaden von anderen abzuwehren oder bereits entstandenen zu sühnen. Nun gut, das passt zur Geschichte des Verbots. Nachdem religiöse Eiferer im Schulterschluss mit Industriellen am Alkoholverbot gescheitert waren, erschien plötzlich eine komplette US-amerikanische Behörde gegenstandslos. Der Alkohol minderte aus Sicht der Industrie-Bosse die Arbeitskraft der armen Männer und Frauen, die unter heute inakzeptablen Verhältnissen schufteten. Die Fanatiker sahen die Gottesfürchtigkeit gefährdet. Aber ein Al Capone begriff, dass das ein Kampf gegen die menschliche Natur werden würde und machte ein Geschäftsmodell daraus. Doch, wenn die kollektiv schwer in ihrer Persönlichkeit gestörten amerikanischen Evangelikalen und Rechts-Konservativen schon nicht den Alkohol verbieten konnten, gab es immerhin noch dieses böse Kraut, welches all die rauchten, die quasi den Gegenentwurf lebten. Wie immer in solchen Fällen wurde eine gigantische Propaganda-Kampagne gestartet. Bis heute wirkt sie nach. Cannabis-Raucher/innen sind faul, langsam, desinteressiert, vergesslich und sind schwer für Anstrengungen zu begeistern. Mit anderen Worten, der Albtraum des kapitalistischen Bürgertums. Während bei den Trinkern und Trinkerinnen die Werbebranche beidbeinig ins Geschäft sprang und den Alkohol zu einem Elixier des Erfolgs, Genussmittel und angeblichen Kulturgut werden ließ, dämonisierte man Cannabis. Die jährliche Krönung einer Cannabis-Königin, Messe-Verköstigungen mit aufgedonnerten Hostessen und Männern in abgewetzten Anzügen, sonst Alkoholiker, an der Stelle dann Hardcore-Bong-Raucher, die die Vorzüge der frischen Ernte anpreisen, sind schwer vorstellbar. Die Pflanze passt einigen anderen über das Rauschmittel hinaus nicht ins Konzept. Sie ist ein Multitalent und greift in mehrere Geschäftszweige hinein. Die Fasern sind in diversen Anwendungsbereichen synthetischen Produkten ebenbürtig und darüber hinaus kein schädlicher Eingriff in die Ökologie.
Ich denke, beim Verbot gehen einige miteinander Hand in Hand. Da wären die Missionare und Missionarinnen, welche davon beseelt sind, dem Rest der Welt ihre Vorstellungen aufzudrücken. Sie sind in die Politik und in die Ämter gegangen, um hierfür die notwendigen Machtmittel zu bekommen. Ich habe noch nie verstanden, was Menschen antreibt, die sich in die ureigensten Belange anderer einmischen. Solange jemand mit seinen Handlungen bei sich bleibt, kann sie/er tun und lassen, was sie/er will. Relevant wird es erst, wenn ein/e zweite/r involviert ist. Wer Drogen nehmen will, soll es tun und wer sich das Leben nehmen will, kann dies auch machen. Alledem geht eine lange Geschichte voraus.

Drogen lassen sich niemals getrennt von den gesellschaftlichen Prozessen betrachten. Noch heute ist es in vielen Kreisen ein Zeichen von Stärke, wenn man große Mengen Alkohol verträgt. Alkoholkonsum ist an der Stelle ein Spiel. Mitspieler sind die Trinkenden, das Barpersonal und die kritisierenden Mitmenschen. Man trifft sich, trinkt, baut Mist, der später als lustige Suffgeschichte verkauft wird, erwacht und holt sich den Ärger der Leute ab, die einen verkatert ertragen müssen. Oder es handelt sich um das ungezwungene Gespräch nach dem strengen Protokoll, bei dem endlich mal Tacheles gesprochen wird. Wer keinen Alkohol trinkt, wird schräg angesehen. Im Gegenzuge habe ich noch keine „Kiffergelage“ erlebt, bei dem ein Wettstreit über die Anzahl der gerauchten Joints oder Bongs ausbrach. Kokain taucht meistens in Kombination mit Alkohol auf. Es ermöglicht ein Trinken weit über das normale Limit hinaus. Das passt wunderbar zum Lifestyle der Hedonisten. Schneller Erfolg, hartes Business, schnelles Geld, keine Moral oder Ethik, immer auf der Autobahn unterwegs. Am besten noch mit dem Laptop im Zug schnell die Präsentation vorbereiten, die Aktienkurse verfolgen, sich bei der Frau entschuldigen, schnellen unkomplizierten Sex mit Gleichgesinnten, eben alles, was in einigen Kreisen als Erfolgsnummer gilt.

Wenn man sich mit Befürwortern der Drogenkontrolle unterhält, lohnt es sich, sie ein wenig intensiver auszuleuchten. Warum sehen sie sich dazu berufen, eine Unterscheidung vorzunehmen und auch noch unter dem Deckmantel andere schützen zu wollen, ein Verbot erlassen? Ein Verbot, welches Geldstrafen, Haftstrafen, jede Menge Ärger, Beschädigung des Images, Zerstörung beruflicher Laufbahnen und Biografien, nach sich zieht. Ganz nebenbei auch Verbote, die erst einen Anreiz bedingen. Ist dies alles wirklich ein Schutz? Wenn ich einem Jugendlichen, dem ich das Rauchen verboten habe, eine Ohrfeige gebe, erreiche ich dann etwas? Wäre nicht die Frage, warum es dazu gekommen ist und welche Motive den Antrieb gaben, viel besser? Und ist die verbietende Person Abstinenzler? Ich erlebte mal Michel Friedman bei einem Vortrag vor Freimaurern. Das Thema lautete: Angst! Er sagte dort: „Meine Angst vom Rauchen Krebs zu bekommen, wird von der Angst übertroffen, wie ein Nichtraucher zu werden.“ Die Haltung kann ich nachvollziehen. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber oftmals neigen die zur Intoleranz und einem penetranten Sendungsbedürfnis. Kaum einer lebt in einer industrialisierten Gesellschaft ein wirklich dem menschlichen Wesen und seiner Gesundheit zuträgliches Leben. Da mische ich mich bei denen auch nicht ein.
Menschen sind in der Regel nicht echte Altruisten. Aus allem, was wir tun, ziehen wir in irgendeiner Form unsere Befriedigung. Sei es nur, dass ich einem anderen Menschen helfe, um mich damit besser zu fühlen. Ich kann es aber auch lassen und mir damit suggerieren, was ich doch für ein harter Hund bin, der emotional über den Dingen steht. Die sich da ihn Verboten ergehen, wollen sich auch die Befriedigung für ein Bedürfnis einholen. Gleiches gilt für Regulierungen. Bereits die Option, dies überhaupt tun zu können, setzt sie ein bis zwei Etagen über die anderen. Meiner Erfahrung nach, ein ziemlich starker Antrieb. Insofern die Notwendigkeit besteht, weil es das soziale Leben zu regeln gilt, lasse ich mir das gefallen. Aber nicht, wenn es um das pure Selbst geht. Mir wäre neu, dass sich diese Leute um andere Belange ähnlich umfassende Gedanken machen. Die Entfremdung, die immer komplizierte werdende Suche nach einer Identität, dem tatsächlichen Wirken in der Gesellschaft, die Reduzierung von Stress, der ernstgemeinte Ansatz, die Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten anzugehen, welche Millionen von Menschen in ein Leben treiben, welches als äußerst ungesund zu bezeichnen ist, sparen sie aus.

Prohibition funktioniert ausschließlich über Macht, Machtmittel, Gewaltausübung, willkürlicher Auswahl, und mittels Zeitgenossen, die bereit sind, damit zu arbeiten. Deshalb muss ich mir beide Seiten anschauen. Es erscheint mir fraglich, ob diejenigen, welche sich dazu berufen fühlen, frei von bedenklichen Störungen sind. Wären sie es, gelte ihr Anspruch einer Überzeugungsarbeit, der Veränderung der bedingenden Faktoren und der realistischen Hinnahme der menschlichen Natur. Drogenkonsum zu verbieten kommt einem Gesetz gleich, in dem bei Strafe die Onanie untersagt wird. Dabei auch noch ausgerechnet den wahrlich schädlichen Alkohol und Nikotin zu erlauben, ist schlicht absurd.
All die ganzen Studien zum Thema Drogen sind meiner Auffassung nach Müll. Ein voll entwickelter Mensch weiß um die Schädlichkeit von Giften. Bereits Paracelsus formulierte die berühmten Worte: “Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift.” Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.” Sei es nun Cannabis oder Alkohol, von einer völligen Unschädlichkeit auszugehen, passiert vermutlich sehr wenigen Menschen. Oftmals sind bei Drogen Doppelwirkungen bekannt. Mal wünscheswerte positive bzw. u.U. heilende Wirkungen, andererseits schädliche die Gesundheit gefährdende. Auch ohne Arzt oder Wissenschaftler zu sein, vermute ich einen schwierigen Nachweis, was denn nun im Leben eines Menschen zum Beispiel konkret eine Psychose auslöste oder den Nährboden bereitete. Rein subjektiv betrachtet erscheint mir der Alkohol als eine der übelsten Drogen. Ob legal oder illegal, ist er recht schnell verfügbar und bietet beim Missbrauch, schnell die erwünschte Wirkung an, die relativ einfach aufrecht erhalten werden kann. Kurz: Je nach Problemfeld schießt er die Leute zuverlässig ab. Heroin bedarf einer gewissen Überwindung und die Wirkung ist zeitlich ziemlich begrenzt, so dass ein neuer Schuß notwendig wird. Aber wie auch immer geht es beim Missbrauch stets um das ausklinken. Ein Therapeut fragte mich mal, ob mir mal die Ähnlichkeiten zwischen einem Säugling und einem Alkoholiker aufgefallen sind.
Sich mit Cannabis völlig aus dem Rennen zu nehmen, ist eher schwierig und wäre nicht meine erste Wahl. Dabei fällt mir bei Cannabis-Konsumenten immer wieder die hohe Anzahl Intellektueller, hervorragend ausgebildeter Leute und die damit verbundene Empathie auf. Doch auch bei Cannabis sollte man wissen, was man da tut. Etwas schräg ist die offizielle Bewertung im Verhältnis zu Alkohol. Mir ist die egal. Jugendliche Trinker sind mit absoluter Sicherheit in jeder Hinsicht gefährdeter, abgesehen von anderen aufputschenden Drogen, als alle anderen. Was sie in Gefahr bringt, der Verkehr, die Aggressivität, die Enthemmung oder die toxische Wirkung ist dabei irrelevant. Verbote bringen weiterhin eine Dynamik mit. Ganz praktisch erlebte ich das in Malaysia. Die Underground-Szene der Jüngeren, welche sich durch die restriktiven Bedingungen der muslimisch geprägten bürgerlichen Gesellschaft, exzessiv Drogen zu wenden, bevorzugen i.d.R. Cannabis. Durch die Verfolgung kommt es entweder zu einem Mangel oder sie weichen aus Angst vor gezielten Urin-Kontrollen auf andere Drogen aus, die nicht getestet werden. Oftmals ist dies ein Cocktail aus heimischen Pflanzen, Pilzen und Medikamenten. Der Weg zum Heroin ist dann nicht mehr weit. Therapieeinrichtungen existieren fast gar nicht und wenn doch, wird meistens die Droge durch religiösen Fanatismus eingetauscht. Zwischen Drogenmissbrauch und dem genannten reiligiösen Fanatismus ist ein schmaler Grat. Begründet ist dies in der Ursache für den Missbrauch. Die Religion soll Antworten geben und den Druck aus der Seele nehmen.

Mir erscheint eine gesellschaftliche Analyse und Behebung der den Missbrauch bedingenden Misststände deutlich zielführender, als Repression und Prohibition. Sag mir, welche Drogen in einer Gesellschaft bevorzugt konsumiert werden und ich erzähle Dir, wie der Zustand des jeweiligen Systems aussieht. Ein gewisses Maß an Konsum wird es immer geben. Leider gibt es kaum Anzeichen dafür, dass über eine Analyse hinaus auch Änderungen angestrebt werden. Viel einfacher ist die Repression und Geld lässt sich damit auch ganz gut verdienen. Ebenso wachsen in unserem Gesellschaftssystem stetig Charaktere heran, die sich mangels natürlicher Autorität und Überzeugungskraft, über institutionell vergebener Macht definieren und sich durch die beschriebenen willkürlichen Verbote, über andere erheben. Ehrlicherweise muss ich anfügen, dass ich mittlerweile davon überzeugt bin, dass ein beklagenswerter Zustand eingetreten ist, der Änderungen äußerst gefährlich werden lässt. Große Anteile der Gesellschaft haben sich daran gewöhnt und verlernt, anders zu leben. Was nicht verboten wurde, ist erlaubt und kann nicht schädlich sein. Über Jahrzehnte hinweg wurde in beiden deutschen Staaten auf unterschiedliche Art und Weise alles an die Institutionen und deren Verwaltungen übergeben. Parallel wirkt auf alle seit Jahrzehnten ein Kanon von Manipulationen ein. Aber gut, meine Haltung zum Kapitalismus und den Auswirkungen ist jedem, der ab und zu hier mitliest, hinreichend bekannt.

Die Cannabis-Lobby setzt auf den Kapitalismus. Ich bin da skeptisch. Bei einer Legalisierung verdienen Neue und alte Alte erfahren Einbrüche. Letztere werden sich zu verteidigen wissen. An der Prohibition hängt weltweit ein riesiger Apparat, der über Jahrzehnte gewachsen ist. Der gibt nicht einfach kampflos auf.

Juni 30 2022

Alles gesagt

white ceramic sculpture with black face mask Lesedauer 5 Minuten

Mir erscheint die aktuelle Zeit immer mehr davon geprägt zu sein, dass Debatten über Unvermeidliches und Offenkundiges geführt werden, obwohl alles gesagt ist. Ob es nun die Klimadebatte, die notwendigen einzuleitenden Maßnahmen, die erwartbaren Folgen, die Debatte um die Legalisierung von Cannabis, der Zustand der industrialisierten Gesellschaften mit den einhergehenden Veränderungen und einiges weitere, sind.
Ich denke, die beste Bezeichnung hierfür ist Unvernunft. Leute ignorieren die Tatsachen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die sich aufzeigenden Zusammenhänge, weisen sich selbst Rollen zu, die ihnen nicht zustehen. Die große Frage ist dabei, warum sie dies tun. Ist es das Belohnungssystem des menschlichen Gehirns? Es wird in vielfältiger Art und Weise aktiviert. Manchmal ist es nicht offensichtlich, andere Male springt es einen förmlich an. Der reine Konsum ist banal. Überall wenden Leute, die den Auftrag annehmen, ein Produkt zu bewerben, Methoden an, welche das Belohnungssystem aktivieren. Das beworbene Produkt macht freier, schöner, jünger, stiftet Identität, suggeriert anderen den vermeintlichen eigenen Erfolg, lässt einen angeblich liebreizender, attraktiver, begehrenswerter, werden. In den Social Media sind es die Klicks, die Verbreitung des eigenen Kommentars, welche die Ausschüttung der Hormone zuverlässig auslösen. Aber hier kommt noch der soziale Faktor hinzu. Im Prinzip stehen alle auf einem Marktplatz, schreien ihre Meinung über das Areal und erhoffen Gleichgesinnte zu finden. Frei nach dem Zitat von Oscar Wilde: „Warum erzählen wir anderen Menschen von unserer Meinung? Schlicht weil wir Angst habe, mit ihr alleine dazustehen.“ Es gibt diesen Versuch, bei dem Studenten in einer Stuhlreihe vor zwei auf dem Boden liegenden unterschiedlich langen Schnüren sitzen. Jeder wird gefragt, ob sie gleich lang sind. Während von fünf Studenten vier eingeweiht sind, ist einer oder eine unwissend. Bei diesen Versuchen zeigte sich, dass sich die Unwissenden trotz erheblicher Abweichungen der Mehrheit anschlossen. Dies änderte sich erst, wenn einer oder eine vor ihnen den Umstand der Ungleichheit laut erwähnte.

Wenn also die Unvernunft die Oberhand gewinnt, ist meistens eine der Eigenarten des Menschen im Spiel. Jeder halbwegs informierte Mensch weiß, dass alle fossile Brennstoffe benötigende Prozesse schädlich und am Ende vernichtend sind. Wenn nicht auf dem direkten Weg, dann indirekt über Kriege und Ausbeutung. Gleichermaßen sieht es mit allen Produkten aus, die nicht rückstandslos dem natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden können oder über die vom Ökosystem benötigten Mengen, CO₂ entstehen lassen. Ebenso wissen wir, dass die Kernenergie lebensfeindliche Rückstände generiert, die der heutige Mensch einem Lebewesen hinterlässt, welches in 10.000 Jahren leben wird. Auch dies ist eine Eigenart des Primaten Mensch. Auf diesem Planeten gehören wir einer der wenigen Spezies an, die Einsicht in das Handeln und die fatalen Folgen hat, aber dennoch gegensätzlich handeln. Hierzu passend gibt es im Buddhismus den Leitsatz, dass es völlig unlogisch ist, ein für andere Lebewesen schädliches Leben zu führen, wenn man andererseits mit dem gleichen Aufwand ein zumindest neutrales führen könnte. Denn das erzeugte Leid und der Schaden trifft nicht nur die anderen, sondern auch einen selbst. Diese Logik der Wechselwirkung und Möglichkeit des Handelns erkannten Menschen bereits vor 3000 Jahren!
Wir wissen über die Eigenarten unserer Spezies ganz gut Bescheid. Aber leider ziehen wir daraus die falschen Konsequenzen. Ich weiß, dass die Unterscheidung zwischen richtig und falsch nicht einfach ist. Falsch in meinem Sinne ist alles, was unnötiges Leid und irreversible Zerstörung zur Folge hat. Als unnötig ersehe ich alles, was nicht zum Leben an sich gebraucht wird. Etwa wie eine Daunenjacke im Rucksack, während man durch einen tropischen Dschungel läuft. Und davon haben wir im Überfluss.

Wenn ich mit Leuten über die notwendigen Reaktionen auf die stattfindende Klimakatastrophe spreche, bekomme ich stereotype Aussagen zu hören. Alles müsse für die Menschen attraktiv gestaltet werden. Das ist typisch für deutsche Bürger. Ehrlich? Wenn die sich nicht alle darauf besinnen, dass um ihren eigenen Hintern geht, haben sie es auch nicht besser verdient. Sie wollen sich nicht über die Feuerwehrleiter retten lassen, weil es zu anstrengend ist und sie nicht höflich genug darum gebeten wurden. Aber leider trifft es alle und nicht nur sie. Ein paar Leute haben es verstanden und schreiten zur Tat. Gedankt wird es ihnen nicht. Sie werden als Sektenmitglieder, Irre und Spinner diffamiert. Geistig retardierte Hitzköpfe zerren sie von der Straße, um die Blockade der Straße, die sie mittels ihrer bloßen Körper errichten, aufzulösen. Im Internet zerreißen sie sich das Maul und ergehen sich wie üblich in den üblen Fantasien eines Lynchmobs. Auch nicht ungewöhnlich für das deutsche Bürgertum, eher ein Standard. Dabei kann das Bürgertum Anbetracht der Lage noch dankbar sein. Wenn das selbstherrliche, gierige, bräsige Bürgertum des Jahres 2022 auf eine Bewegung wie ehemals die 68er träfe, sähe der Protest anders aus. Ich weiß nicht, wie lange das noch gut gehen wird.

Bisher geht noch alles relativ glimpflich über die Bühne. Fridays for Future wurde tot gelobt. Greta, als Führungsfigur, erhielt Einladungen und bekam ein Podium, wo sie heuchlerisch beklatscht wurde. In Deutschland stampft unterschwellig die Propaganda-Maschine. Eine Schmutzkampagne folgt der nächsten. Es ist unfassbar, welche Energie hierfür aufgebracht wird, anstatt sie für passende Kampagnen zu verwenden, die den Weg bereiten könnten. Die Aktivisten, welche einen aussichtslosen Kampf gegen einen unverantwortlich handelnden Energieriesen, der unter dem Schutz der Landesregierung steht und deshalb Hilfe von der Polizei bekommt, werden dämonisiert. Wenn ich Bilder und Videos sehe, in denen die Institution, der ich einst aktiv angehörte, missbraucht wird, platzt mir regelmäßig der Kragen. Da hilft es auch nicht, dass ich voraussagen kann, wie die heute jungen Polizisten und Polizistinnen in ein paar Jahren darüber denken werden.

„Alle finden es ‚Scheiße‘, aber alle machen es mit!“, heißt es im Lied „Testament“ von Sarah Lesch. Deutsche mokieren sich über die Abholzung des Regenwaldes, prangern das Töten afrikanischer Wildtiere an und echauffieren sich über Flüsse angefüllt mit Müll. Im Gegenzuge haben weder der Wolf, Wisente noch Bären eine echte Überlebenschance. Zusammenhängende Wälder gibt es schon lange nicht mehr und die Holzplantagen fallen den Folgen der Klimakatastrophe zum Opfer. Unüberwindliche Barrieren durchschneiden in Gestalt von Autobahnen und Landstraßen die Gegend. Die Blechlawine rollt durch die verdichteten Städte, in denen sich die Wärme staut. Eine Steinöde reiht sich an die nächste. Wer kann, stürzt sich in die Schuldenfalle, um sich in den Vorstädten ein Haus zu kaufen, um dann über den mangelnden Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs zu jammern. Dies genügt dann, um auf die wenigen Widerständler loszugehen. Gleichzeitig findet in den Städten der soziale Verfall statt, gegen den die Polizei als Dämmmaterial eingesetzt wird. Alles ist gesagt und jede Entwicklung überrascht nur noch, wenn sie sich schlimmer gestaltet als angenommen.

Letztens „entschuldigte“ sich der 1949 geborene UN-Generalsekretär António Manuel de Oliveira Guterres dafür, dass seine Generation nicht alles unternommen hat, um die Ozeane zu schützen. Mit dem entschuldigen ist das so eine Sache. Niemand kann sich selbst von Schuld freisprechen. Dies können nur die Richter und Richterinnen, im konkreten Fall die nachfolgenden Generationen. Wenn ein Täter in der Lage ist, die Folgen einer Tat abzusehen, dennoch nicht von seinem Handeln ablässt, sprechen Juristen von einem Vorsatz. Die Tatbestände sind sämtlich erfüllt, somit blieben noch Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgründe. Ich kann keine moralischen oder ethischen erkennen. Waren wir betrunken? Standen wir unter Drogen? Gab es eine kollektive geistige Umnachtung? Ich bin nicht bereit, die menschliche Gier als solche hinzunehmen. Alles zusammen ergibt ein erstklassiges: Schuldig, im Sinne aller Anklagepunkte. Ich selbst nehme mich dabei nicht aus. Viel zu lange war ich besoffen und habe alles mitgemacht. Wenn ich es richtig beobachtete, ist das deutsche Bürgertum samt dem Rest der Privilegierten nicht Willens und bereit auf Guterres zu hören, der zum Ende des Lebens Bilanz zieht. Tja, schade eigentlich für ihn. Mit so viel Zugeständnissen in eine Machtposition gekommen, um zu erkennen, wie falsch alles war. Dabei mag man bei ihm noch gnädig sein. Ich denke, den größten Vorwurf müssen wir den Männern und Frauen machen, welche nach 1945 in der Stunde Null die politischen Geschicke in der Hand hatten. Unter dem Eindruck des II. Weltkriegs wäre es angezeigt gewesen, alles auf den Tisch zu packen und vollkommen neue Wege zu beschreiten. Stattdessen beließen sie alles beim Alten und setzten das Spiel mit anderen Konstellationen fort.

Kürzlich sagte mir ein Barkeeper, der selbst viel gereist ist, dass er die lange herumreisenden Typen als Menschen kennengelernt hat, die sich von allem distanziert haben und nicht mehr mitmachen wollen. In dem Falle ist distanziert ausnahmsweise korrekt. Es ist nur möglich, wenn man einen Standort verlässt, also einst dabei war. Ich merke, wie ich mich täglich ein wenig mehr distanziere. Der Zwischenraum füllt sich mit Verachtung für diejenigen, welche einfach immer weiter machen, sich dabei noch im Recht fühlen und die wenigen Widerständler anblöken.






Mai 24 2022

Die Logik des Habens

Lesedauer 8 Minuten

„Wir werden die Welt schon in Ordnung bringen! Wir sind ja schließlich keine Menschen!“

Oscar, Elefant

Die Konferenz der Tiere, Erich Kästner

Es gibt diese Sprüche, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Einer lautet: “Schließ mal Deine Augen, dann weißt Du, was hier alles Deins ist!” Zumeist ist es die Antwort für einen aufmüpfigen Teenager, der mit einer alterstypischen Anspruchshaltung auftrumpfen will. Aber ich finde, da steckt noch mehr drin.

Nichts zu haben, ist unserer Gesellschaft undenkbar. Wer nichts hat, ist auch nichts! Eben dies ist auch eine Botschaft an den pubertierenden Teenager. Gleich gefolgt vom Ausspruch: “Solange Du Deine Beine unter meinen Tisch stellst, wird hier gemacht, was ich sage.” Die Jungen sollen erst einmal arbeiten und sich damit etwas erschaffen. Ist ihnen dies erfolgreich gelungen, dürfen sie auch mitreden. In jene Richtung gehen auch all die Kommentare, welche zu den jungen Aktivisten abgelassen werden, die sich aus Protest gegen die zögerlichen bis hin ausbleibenden Maßnahmen zur Abwendung der bereits stattfindenden ökologischen Katastrophe. Neu sind solche Aussprüche nicht. Bereits in der Zeit der legendären 68er hieß es: “Sollen diese langhaarigen Gammler doch erst einmal arbeiten.”
Das Prinzip “Haben” infrage zu stellen, bringt einem schnell den Ruf eines gefährlichen Spinners ein. Selbst ganz große Künstler sind davor nicht gefeit.

Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man
Imagine all the people
Sharing all the world… You…

John Lennon, Imagin

Andererseits steht nirgendwo geschrieben, dass sich in unserer Demokratie Leute erst äußern dürfen, wenn sie etwas haben oder einer Arbeit im bürgerlichen Verständnis nachgehen. In den USA sieht es ein wenig anders aus. Ich bin immer wieder schockiert, wer dort alles nicht wahlberechtigt ist. Allerdings ist es historisch nachvollziehbar. Von Anfang an war die Verfassung darauf ausgelegt, dass nur Habende zu bestimmen haben. Die Gründer, vornehmlich vermögende Männer, hielten Habenichtse zum einen für unfähig und zum anderen für das eigene Vermögen gefährlich. Folgerichtig unterteilt beispielsweise Saul D. Alinsky die Einwohner der USA in Have und Not-Have. Immerhin ist es bei uns wenigstens gesetzlich festgelegt, dass mittellose Deutsche auf der gleichen rechtlichen Stufe stehen, wie alle anderen. Ob es tatsächlich der Fall ist, dürfte mehr als fraglich sein. Tatsächlich beginnt es bereits beim Rechtsbeistand. Objektiv betrachtet, sind die Chancen vor Gericht für Leute, die sich teure Honorare leisten können, deutlich besser. Nicht anders sieht es mit der Würde des Menschen aus. Wer wegen Krankheit oder Alter nicht mehr produktiv ist, verliert sie schnell in einem auf Profit ausgerichteten Krankenhaus oder Heim. An all die Mitmenschen, die keine Bleibe haben, über kein Konto verfügen oder sich illegal in Deutschland aufhalten, möchte ich beinahe nicht denken, doch so sieht nun einmal die Realität aus.

Schaue ich über die Grenzen hinaus, besserte sich in den letzten Jahrzehnten die allgemeine Situation für die Einwohner in den Industrieländern, während gleichzeitig der Abstand zu allen anderen Ländern größer geworden ist. Global gesehen, sind sie die “Not-Have”, womit sie auch wenig mitzureden haben. Gut zu beobachten ist das bei all den Klimakonferenzen und dem Tross der Konzernvertreter, die sich in den Windschatten ihrer Marionetten hängen. Die pure Existenz erzeugt keine Ansprüche, sondern es müssen Geld und Eigentum dazu kommen. Als Nebeneffekt sind Tiere und alle anderen Lebensformen aus Sicht des Menschen de facto ohne Rechte, denn sie besitzen nichts, sondern werden als Eigentum oder Besitz betrachtet. Wenn ich einem Bauern eine Kuh wegnehme, ist es ein Diebstahl und keine Entführung, bei der ich in ihre Rechte eingreife. Im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch steht dazu im § 90 geschrieben:

Tiere sind keine Sachen. Sie werden durch besondere Gesetze geschützt. Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden, soweit nicht etwas anderes bestimmt ist.

§ 90, BGB

Was sich in niemanden Eigentum oder Besitz befindet, ist quasi wertlos. Ein Vertreter eines Konzerns hat diesbezüglich zum Thema Wasser einmal gesagt: “Sauberes Trinkwasser ist ein Gut. Und wenn daran keiner Eigentum anmelden kann, wird es auch nicht geschätzt.” Gut, gleiches könnte auch von der Luft behauptet werden und da die Sache mit dem Wasser immer mal wieder zur Diskussion steht bzw. im gewissen Sinne in mehreren Regionen Konzerne das Wasser als Eigentum betrachten, halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass das bezüglich der Luft, konkret dem Sauerstoff passieren wird. Erst der Grund und Boden, dann das Wasser und zum Schluss die Atemluft.

Es gibt auch im Gegensatz zu früheren Zeiten keine ethischen Richtlinien bezüglich des Habens und dem Erwerb. Was nicht explizit von Menschen mittels eines Gesetzes untersagt wurde, ist erlaubt und darf praktiziert werden. Wie und unter welchen Umständen etwas hergestellt wurde, welche Folgen aus der Produktion resultieren, wer damit was anstellt, ist (l)egal. Seien es Waffen, ihre Einzelteile, die erst zusammengesetzt werden müssen, billige Textilien, elektronische Geräte, produzierte Energie, Speichermedien, geförderte fossile Brennstoffe, Nahrungsmittel, die die Zerstörung kompletter Ökosysteme bedingen oder die Misshandlung anderer Lebewesen, wenn es nicht in einem Gesetz geregelt ist, ist alles erlaubt. Und zwar dem Lebewesen, welches Erfinder des Habens ist. Das Lebewesen, welches sich selbst über alle anderen Lebewesen stellte.

In unseren Gefilden ist das Haben allgegenwärtig. Die Auswirkungen zeigen sich nicht ausschließlich beim eigentlichen Haben, sondern auch darin, wie die Mitmenschen mit allem umgehen, was ihnen nicht selbst oder offensichtlich jemanden gehört. Die Stadt Berlin ist vermüllt, wo das Auge hinschaut. Nur wenige kämen auf die Idee, ihre eigene Wohnung, Garten oder Haus als Mülldeponie zu benutzen. Wer schmeißt schon seine Zigarettenkippen oder Kaugummis auf den Boden des Wohnzimmers? Oder ich würde ungern die Reaktion meines Nachbarn erleben, wenn ich meinen Sperrmüll auf sein Grundstück ablege. Im Park, im Wald, bei schwer einsehbaren Ecken, ist das etwas anderes. Bei der Überlegung, dass auch das allgemeine Stadtgebiet jemanden gehört, nämlich der Allgemeinheit, somit auch u.U. dem Müllentsorger, steigen die meisten aus. Gleichermaßen sieht es mit dem Wasser und der Luft aus.

Wie auch immer es gedreht und gewendet wird, das Prinzip “Haben” hat uns nichts Gutes eingebracht. Es hat sich ergeben und wir haben uns dem hingegeben, aber das ist keine solide Argumentation dafür. Wenn Leute zum Beispiel behaupten, dass niemand ein Interesse an Forschung, Innovation u.ä. entwickelt, wenn es den Anreiz des Verdienstes und dem damit verbundenen Haben nicht gäbe, ist dies eine Bankrotterklärung bezüglich menschlicher Daseinsqualität der Bewohner von Industriestaaten. Empathie, Solidarität, Tatendrang, Verwirklichung wären damit ausgeschlossen. Was war zuerst da? Der Mensch, welcher sich nur aufrafft, wenn es etwas zu verdienen gibt oder der, welcher den Antrieb der Verwirklichung innehat? Ist nicht die zuerst genannte Version ein vom System dazu erzogener Typ?
In der Gesellschaft wird nicht die Lebensleistung honoriert, schon gar nicht, wenn sie keine monetär sichtbaren Folgen nach sich zieht, sondern eben was am Ende an Haben hinten bei herauskommt. Wie will ich die Pflegeleistung aus der Sicht eines oder einer Gepflegten mit Geld bewerten? Die Freundlichkeit, den gezeigten Respekt, den Erhalt der Würde, ein wenig Glück trotz Schmerzen? Sind Zufriedenheit, das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, als Individuum erkannt und wahrgenommen zu werden für eine Transformation in Güter geeignet?

Ich schaue auf die sogenannte deutsche Nachkriegsgeneration. Teile von ihnen haben das nationalsozialistische Denken überwunden. Sie lernten, mit anderen Nationen in Frieden zu leben, alte Vorurteile abzubauen. Dank ihnen sind Deutsche nicht mehr die Barbaren, die weltweit gehasst werden. Es galt die Trauma ihrer Eltern zu überwinden. Während in den Zeiten davor alles Intellektuelle und Kulturelle, was nicht unmittelbar den Zielen der Nazis und davor dem Kaiser diente, unterdrückt wurde, setzten sich damit auseinander. Doch was bleibt im Sprachgebrauch? Wirtschaftswunder, die Trümmer beseitigt und alles wieder aufgebaut, ein eigenes Haus gebaut, Kredite abgezahlt. Das ist traurig und wird der eigentlichen Lebensleistung nicht im Ansatz gerecht. Nach und nach treten sie aus diesem Leben ab. Es gibt nichts mehr aufzubauen. Alles steht wieder! Doch damit es nicht langweilig wird, haben wir ja immer noch den Wachstumsgedanken. Panik bricht aus, wenn die Wachstumsraten stagnieren. Erste Wirtschaftswissenschaftler/innen warnen vor den sozialen Folgen. Erneut läuft es auf ein Armutszeugnis hinaus. Wahrscheinlich nicht einmal unberechtigt. Wenn ich Drogenabhängigen ihren Stoff wegnehme, werden sie aggressiv und wenden sich denen zu, die ihnen einen nicht enden wollenden Zustrom neuer Konsummöglichkeiten versprechen. An irgendeiner Stelle hätten kluge Menschen die Notwendigkeit einer Änderung im Denken erkennen müssen. OK, einige taten es, aber sie scheiterten an der Rhetorik der Dealer.

Im Buch “Haben oder Sein” beschreibt Erich Fromm ziemlich plastisch drei unterschiedliche Herangehensweisen. Er nennt einen Dichter, der über die Schönheit einer Rose schreibt, sie pflückt und sich erhofft, mittels Betrachtung und Untersuchung Erkenntnisse über das Leben, das Göttliche und die Zusammenhänge des Lebens zu gewinnen. Aber unter dem Strich tötet er sie. Ein andere nimmt eine unscheinbare Blume am Wegesrand wahr und beobachtet sie beim Wachsen, wie sie blüht, die Blüte vergeht und sie danach wieder von vorn beginnt. Als Letztes benennt Fromm Goethe, der die Blume ausgräbt, ihr einen idealen Standort spendiert und sich dort an ihr erfreut. Der erste Dichter verkörpert das Haben, die beiden anderen verfolgen Alternativen.
Die drei Beispiele verdeutlichen auch unser Verhältnis zur Welt. Wir wollen in Besitz nehmen, was nicht funktioniert, jedenfalls nicht ohne Zerstörung. Sprachlich wird von der Natur gesprochen, als wenn sie etwas von uns separat existierendes wäre. Doch wir sind ein Teil, insofern ist der Besitz in unserem Verständnis unlogisch. Genauso unlogisch wie Formulierungen, die lauten: “Mit der Natur leben!” oder “Die Umwelt schützen”. Sie sind Ausdruck einer Hybris. Es gibt keine Welt um den Menschen herum. Faktisch gibt es eine Welt, in der wir alle leben und von der sich jeder ein anderes Abbild, jeweils einen Teilausschnitt, ins Innere projiziert. Ebenso bin ich, jeder, ein verschwindend kleines, aber deshalb nicht unbedeutendes Teilchen, der Natur. Allein der Umstand, wie wenig politische Anführer/innen, selbst wenn sie eine philosophische Ausbildung genossen, darauf achten, lässt mich nicht mit der Überzeugung leben, dass sich etwas ändern wird. Erst recht nicht, wenn ich diese weltweite Ansammlung von Despoten, Ich -Darstellern, Neurotikern sehe. Ob einer/r von denen jemals schlafen geht und sich vor Augen hält, was sie, jenseits von Menschenleben, noch alles zerstört haben? Es ist Teil des Denkens von Menschen aus Industriestaaten, an die Zahl menschlicher Opfer zu denken. Indigene sind da anders unterwegs. Ich las von der Geschichte, in der ein Elefantenbulle zwei Stammesmitglieder töteten und NGO’s anboten, das Tier töten zu lassen. Der Stamm wollte das nicht. Sie wiesen darauf hin, dass Wilderer bei Rodungsarbeiten einen seiner Gefährten getötet hatten und er nun nachvollziehbar gereizt war.

Irgendwo war letztens ein Artikel, in dem ein Soziologe zur Überraschung der Verfasserin des Artikel meinte, dass der Mensch an sich ein gutes Wesen wäre. Ich las lediglich den Aufmacher, weil ich mir dachte: “Was denn sonst?” Gut und Böse sind ohnehin Produkte des Großhirns. Böse ist im Allgemeinen alles Schädliche. Wäre der Homo sapiens, der spärlich behaarte Affe mit trockener Nase von Anfang an schädlich gewesen, gäbe es uns schon lange nicht mehr. Indigene leben als Teil der Natur und betrachten die Erde als etwas, was ihnen zusammen mit anderen Lebewesen zur Verfügung steht. Sie reden dabei nicht von Eigentum! In ihrem Sinne hat der Homo sapiens eine ebenso wichtige Funktion, wie alle anderen Wesen. Wir, die Bewohner der Industriestaaten sind vorsätzlich, wissentlich, egoistisch, schädlich unterwegs. Wenn dies böse ist, soll es wegen meiner so sein. Zumindest fallen mir keine Rechtfertigungen oder Entschuldigungen ein.

In meiner Schulzeit gehörte das Buch von Erich Kästner, “Die Konferenz der Tiere” noch zum Standardrepertoire des Deutschunterrichts. Darin geht es um nichts anderes. Die politischen Anführer der industriellen Staaten werden quasi vor ein Tribunal gestellt. Bezeichnend ist dabei, dass Kästner die Tiere, Kinder als Druckmittel, verwenden lässt. Heute stehen die “Alten” vor ihren Kindern und werfen ihnen vor, dass sie als Jugendliche mit Smartphones, Markenklamotten zur Demo gehen und auch ansonsten recht kapitalistisch unterwegs sind. Eine Frage! Wer hat es ihnen vorgelebt, sie dazu geformt und zugelassen, wie ein System des Habens sie nach dem dem ersten Schrei eingliederte? Wie sagte mein Vater immer zu mir? “Scheiße bauen kann passieren, aber man muss dazu stehen!”
Der vermeintliche “Terror”, der angeblich von all den Aktivsten/innen, FFF, Extinction Rebels, Letzte Generation, ausgeht, ist nichts anderes als, mit dem berühmten Finger in der Wunde zu bohren und das Geschrei des Bürgertums, das laute Leugnen eines erwischten Kindes. Letztens fragte mich ein aktiver Polizist, wie viel ich denen durchgehen lassen würde. Ich lernte bei der Polizei etwas ziemlich Überzeugendes. Prüfe zuerst die sachliche und örtliche Zuständigkeit. Beides ist nicht gegeben. Doch ich kann für mich eine Prognose erstellen. Wenn es weltweit bei dem Kinderkram bleibt, werden sie nichts verändern. Und mich vor dem Hintergrund des Geschehens auf der Erde über eine blockierte Straße aufzuregen, wäre mir echt zu peinlich. Wenn schon, empöre ich mich darüber, dass sich die Alten nicht mit ihnen solidarisieren. Richtig dumm sind jene, welche kritisieren, dass die auf diese Art nicht ihre Ziele erreichen werden. Verstehe ich es korrekt? Die Verzögerung und Abmilderung der jetzt stattfindenden Katastrophe, bis wir eventuell doch noch die Reife erlangen, anders zu leben, ist deren alleiniges Interesse? Ah! Ich vergaß die Logik des Habens. Sie -haben- Interessen und müssen deshalb entsprechend agieren. Und die anderen -haben- andere Interessen. Verstanden! Äh, bedingt …

Mai 20 2022

Mitnehmende Bücher

Lesedauer 4 Minuten

„Der Unterschied zwischen Sein und Haben entspricht dem Unterschied zwischen dem Geist einer Gesellschaft, die zum Mittelpunkt Personen hat, und dem Geist einer Gesellschaft, die sich um Dinge dreht.“

Erich Fromm

Philosoph u. Psychoanalytiker

Es passiert nicht häufig, dass mich ein Buch derart in den Bann zieht, sodass es vermag mein Denken tiefgreifend zu verändern. Aber es passiert. Zum Beispiel geschah es beim Lesen des Buchs “Siddhartha – Eine indische Dichtung”. Seither las ich es mehrfach und bei jedem Mal las es ein anderer Mensch, in einem anderen Lebensabschnitt mit neuen Erlebnissen. Gleichsam beeinflusste mich Rupert Lay mit seinem Buch “Führen durch das Wort”. Jetzt gibt es ein Drittes. Bereits seit mehreren Jahren setzte ich mich mit den Aussagen von Horkheimer, Marcuse, Adorno und Erich Fromm auseinander. Leider ist es nicht ganz einfach deren Texte zu lesen. Bei einigen Philosophen frage ich mich stets, für wen sie ihre Gedanken niederschrieben. Allerdings gilt dies auch für einige andere Autoren. James Joyce ist einer dieser Kandidaten. Ja, der Mann war genial und ein Buch aus der Sicht der Protagonisten zu schreiben, wie im Ulysses geschehen, ist wahrlich ein spannendes Unterfangen, aber es raubt dem Leser den letzten Nerv. Oder besser: Meinen! Doch irgendwann konnte ich es abhaken. Bei Sartre packen mich Wutanfälle. “Hättest Du mir dies alles nicht bereits vor 100 Seiten in einfachen Sätzen sagen können?” Nun, es gibt Leute, die seine Bücher lasen und freundlicherweise Zusammenfassungen hinterließen. Hurra! Sartre hielt scheinbar nichts von Schopenhauer. Von dem stammt nämlich die Aussage, dass es keine Kunst ist, wichtige Dinge möglichst kompliziert zu beschreiben, sondern Kompliziertes möglichst einfach darzustellen. Und genau dies hat Erich Fromm im letzten Buch vor seinem Tod geschafft (1976). “Haben oder Sein”, von einigen auch als die Bibel der 68er bezeichnet.[1]dtv, ISBN 978-3-423-34234-6, in nahezu jeder Bücherei zu leihen. Ich will hier keine Rezension abliefern. Es gibt bereits genug davon und jede/r Interessierte kann sie nachlesen. Hier will ich kurz beschreiben, was der allererste Effekt war. Es geht darum, wie sehr unser Leben, Denken und Sprache von einem System welches auf Haben ausgerichtet ist, geprägt wurde, statt eines Seins. Wir eignen uns alles Mögliche an, obwohl dies genauer untersucht nicht funktionieren kann. Mir war nicht bewusst, wie weit das geht. Fromm bringt u.a. den Unterschied zwischen Angst haben und sich sorgen, ängstigen, befürchten. Es ist ein Prozess und keine Aneignung. Jedenfalls sollte dies nicht der Fall sein. Ähnlich sieht es mit Erfahrungen aus. Ich blicke auf Ereignisse zurück, vergleiche sie mit einem aktuellen Geschehnis und prognostiziere einen wenigstens ähnlichen zukünftigen Verlauf. Eine klassische Falle oder auch Denkfehler. Was sich in der Vergangenheit abspielte, war das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels diverser Faktoren. Nunmehr haben sich viele Parameter verändert und ob meine Prognose eintritt, ist stark von meinem Verhalten und meiner unbewussten Steuerung abhängig. Oftmals kommt es zu dem, was “self-fulfilling prophecy” genannt wird. Die Gefahr diesen Denkfehler zu machen, steigt immens, wenn ich Erfahrungen als einen unveränderlichen Besitz betrachte.
Zwar geht es bei Fromm um eine Systemkritik, ich sehe es als eine auf die Psychoanalyse gestützte Abrechnung mit all den Ideen, die im Zuge der Industrialisierung für das Zusammenleben von Menschen erdacht wurden, doch zog mich dieser Teilaspekt in den Bann. Ich las mir diverse Texte auf meiner Seite durch und erschrak, wie häufig ich dieser Sprache, der damit in Verbindung stehenden Praxis des Denkens, verfiel. Darauf auszuweichen, dass ich beim Schreiben ein Rooky bin, dessen Ausdrucksweise unter dreißig Jahren Einfluss von Amtsdeutsch leidet, entlastet mich dabei nicht.

Nein, ich bin in die Falle getappt und über Jahre hinweg nicht mehr herausgekommen. Die Aufgabe ist nunmehr einen Ausweg zu finden, oder um im Bild zu bleiben, einen Ausbruch hinzubekommen. Das ist gar nicht einfach. Mich erinnert dies an die Verwendung des Pronomen “man”. Daran vorbeizukommen ist schwer und auch nicht immer notwendig. Doch die Häufigkeit ist nicht nur überflüssig, sondern beschreibt ebenfalls eine gedankliche Struktur. Es ist viel einfacher, sich dahinter selbst zu verstecken, in dem der Redner, die Rednerin, sich mit dem allgemein Üblichen vor sich selbst und anderen rechtfertigt, ohne jemals einen eigenen Gedanken zu verschwenden (Man macht es halt so!), oder es liegt am Unbehagen konkrete Personen zu benennen. An der Stelle fällt mir eine Anekdote ein. Einer meiner Vorgesetzten besuchte ein Kommunikationsseminar. Dort wurde eben dafür sensibilisiert. Wieder bei uns, sah er sich genötigt, wiederum den nächst höheren Vorgesetzten bei jedem zweiten Satz darauf hinzuweisen. Der ließ sich das nicht lange bieten, unterbrach die Sitzung und klärte lautstark hinter einer verschlossenen Tür, für alle Anwesenden hörbar, die Unterstellungsverhältnisse. Dabei fiel prompt der Satz: “So etwas macht man mit seinem Vorgesetzten nicht!” Die Entgegnung lautete folgerichtig: “Man vielleicht nicht, ich schon!” Ganz großes Kino!
Hierauf zu achten, ist für mich eine echte Lebensbereicherung. Wer genau tut dieses oder jenes? Warum mache ich es auch oder unterlasse es? Von wem stammt eine Aussage? Gerade in einer Zeit, die von Manipulationen und Propaganda geprägt ist, finde ich das wichtig. Ich hoffe, eigentlich bin ich mir sicher, dass sich das mit dem Haben ähnlich gestalten wird.
Im Buch steckt noch viel mehr. Bei vielem war ich dankbar von einem renommierten Psychoanalytiker und Philosophen in meinem Denken bestätigt zu werden. Meinerseits eine absolute Leseempfehlung. Alles, was er dort schreibt, ist bedrückend aktuell. Gedacht war es 1976, vier Jahre nach Veröffentlichung des Berichts vom Club of Rome, als eine Aufforderung zum Ändern, bevor es zu spät ist und die Katastrophe, vor der wir nunmehr stehen, abzuwenden. Geändert hat sich nichts, alles entwickelte sich, wie er es voraussah. Vom Sein ist wenig übrig geblieben und das Haben, hat sich endgültig durchgesetzt. Bereits 1976 mühte sich sich Fromm damit ab, dem Lesenden vermeintliche Naturgesetze aus dem Kopf zu treiben. Vielleicht fällt es heute einigen im Angesicht der Auswüchse einfacher, seiner Logik und Praxis des Denkens zu folgen. Für Leute, die nicht offen sind und nicht bereit, den Schutt der vergangenen 45 Jahre aus dem Kopf zu schaufeln, ist das Buch nichts.

Quellen/Fußnoten

Quellen/Fußnoten
1 dtv, ISBN 978-3-423-34234-6, in nahezu jeder Bücherei zu leihen.