September 16 2022

Schnell, schnell!

time lapse photography of brown concrete building Lesedauer 12 Minuten

Statt zu sagen: Sitz nicht einfach nur da – tu irgendetwas, sollten wir das Gegenteil fordern: Tu nicht einfach irgendetwas – sitz nur da.

Thích Nhất Hạnh, buddhistischer Mönch und Schriftsteller

Es ist eine banale Erkenntnis, dass das Leben in westlichen Industriestaaten deutlich schneller getaktet ist, als dies z.B. noch vor 100 Jahren vor sich ging. Die Verheißung hieß einst: Maschinen übernehmen die Arbeit der Menschen und die können sich dann um andere Dinge kümmern. Wobei sich da bereits die Frage eröffnet: Was sind denn diese anderen Dinge?
Schaue ich im eigenen Leben zurück, lebte ich gefühlt um ein Doppeltes schneller, denn ich es heute tue. Und schon wieder bin ich in einer Formulierungsfalle gelandet. Leben ist Leben! Man kann es nicht schneller leben. Präziser formuliert, will der Mensch, innerhalb der gleichen Zeitspanne mehr erledigen, wahrnehmen, verarbeiten, gestalten, kommunizieren. Begleitet wird das von der Überzeugung, dass ein Mensch dazu imstande ist. Ist das so?
Seit geraumer Zeit stehen uns technische Möglichkeiten zur Verfügung, die uns dabei unterstützen. Was war zuerst da? Der Wille mehr in eine Zeitspanne packen zu können oder die Technik? Ich denke, es war der Wille. Bei Wille denke ich sofort an Motivation. Die alte Phrase: “Zeit ist Geld!” wird allgemein Benjamin Franklin zugeschrieben, weil er diese Worte 1748 in einem Ratgeber für junge Kaufleute niederschrieb. Etwas tiefer schürfende Texte führen einen auf eine weitere Fährte. Allgemein werden die Worte zum Antreiben benutzt. Wer im Akkord arbeitet, kann viele Produkte herstellen, welche wiederum veräußert werden können. Ganz anders sieht die Interpretation aus, wenn man die Worte auf die Texte des Römers Seneca anwendet. Er fordert dazu auf, Zeit mit Geld gleichzusetzen. Eine Schatztruhe mit Münzen kann sich jeder vorstellen. Ist sie gut gefüllt, sind Ausgaben leicht. Oftmals ist man dazu geneigt, jedenfalls wenn man nicht geizig ist, das Geld auch für Dinge auszugeben, die absolut unnötig sind. Leert sich die Kiste allmählich, wird man bedächtiger. Die Wertschätzung wird immer mehr zum Thema. Seneca setzt die Münzen mit der Lebenszeit gleich. Ständig veräußern wir Sekunden, Minuten, für irgendwelche Aktionen. Wenige Menschen wissen den Schlaf zu schätzen, obwohl er der Gesundheit dient. Tatsächlich geben wir damit einige Stunden für unseren Körper aus. Unterhalten wir uns, geben wir Lebenszeit aus und kassieren gleichzeitig die Zeit eines anderen Menschen. Denken wir über etwas oder einen anderen nach, stellt dies eine Ausgabe dar. An der Stelle kritisiert Seneca, wie oft Zeit für Smalltalk ohne Inhalt verschwendet wird oder wie wenig Wertschätzung die Menschen für die Zeit aufbringen, die andere für sie investieren. Auch jetzt in diesem Augenblick gebe ich Zeit aus. Wenn ich den Text fertig habe, wird Zeit vergangen sein und was da am Ende herauskommt, ist ein Produkt, aber keins, welches ich gegen Geld verkaufen kann. Hieraus ergibt sich wiederum, dass ich dabei andere Aspekte heranziehen muss. Was hat für mich einen derart großen Wert, dass ich bereit bin, hierfür Lebenszeit zu veräußern? Andersherum investiert ein anderer Mensch beim Lesen Zeile für Zeile Lebenszeit. Eine Ausgabe, die ich wertschätzen sollte.

Klassische Produkte besitzen in der Regel die unangenehme Eigenschaft der Vergänglichkeit oder wir verlieren sie mit absoluter Sicherheit beim Sterben. Noch spannender wird es beim Thema Geld. Geld an sich, also gegenständlich, hat absolut keinerlei eigenen Nutzen. Der Nährwert eines Geldscheins ist nicht sonderlich hoch. Auch wenn ich Scheine verbrenne, komme ich nicht weit. Papier brennt schnell ab und ist für eine längerfristige Wärmeabgabe vollkommen ungeeignet. Münzen bestehen immerhin noch aus Metall, welches sich zu nützlichen Dingen umfunktionieren lässt. Erst durch die Ausgabe, den Tausch Ware-gegen-Geld, erfährt das Geld einen Wert. So lautete jedenfalls der Grundgedanke. Geld, welches nur noch digital existiert, sprengt alles. Ich treibe die Überlegung mal auf die Spitze. Bei uns ist ein großer Teil des Lebens ist davon bestimmt, dass für Geld gearbeitet wird. Vollkommen anders zu sehen ist die Zeit, welche für Arbeit an etwas verausgabt wird, was man selbst nutzt und in den Händen hält. Die Arbeitszeit, welche mit Geld entlohnt wird, führt im Prinzip zu einer Transformation. Schaue ich auf das Geld, sehe ich meine dafür benutzte Lebenszeit. Liegt das Geld auf dem Konto, schaue ich auf die Tage, Wochen, Monate oder bisweilen Jahrzehnte, die ich dafür hergab. Erst, wenn ich etwas kaufe, erfolgt eine weitere Umwandlung. Betrachte ich die neu gekaufte modische Jacke, ist dies u.U. jene Zeit, die ich nicht mit meinen Kindern verbrachte, mir nicht dafür nahm, um mich selbst zu regenerieren oder einfach mal alles baumeln ließ. Doch auch hier gibt es einen Haken. Manche Leute bekommen als Gegenleistung für einen halben Tag, gerade mal eine warme Mahlzeit und andere einen Betrag, mit dem sie sofort eine Luxuslimousine kaufen könnten.

Konsequent muss die Erkenntnis lauten: Bei dieser Konstellation hat die Lebenszeit des einen weniger Wert, als die eines anderen.

Theoretisch kann sich jemand, der für wenig Lebenszeit viel Geld bekommt, entspannt zurücklehnen und es sich leisten, nicht alles gleichzeitig zu machen. Nicht von ungefähr sagt man auch: Der oder die lässt das Geld für sich arbeiten. Gleichsam könnte sich so ergeben, dass finanziell gut gestellte Zeitgenossen genügend Zeit haben, sich über all die Aspekte des Lebens Gedanken zu machen, zu denen die anderen nicht kommen. Meinem Eindruck nach funktioniert dies nicht. Ganz im Gegenteil! Häufig sind es die, welche hart für jeden EURO arbeiten und erheblichen Zeitaufwand betreiben müssen, um über die Runden zu kommen, diejenigen mit den weiseren Aussagen. Wo ist der Haken? Mir scheint, dass es etwas mit der Wertschätzung zu tun hat. Eine Betrachtung, die auf dem direkten Weg in die Tiefen des menschlichen Daseins führt.

Ohne die Kooperation ist der Mensch nichts und wäre nicht einmal ansatzweise so weit gekommen, wo er heute steht. Angefangen bei der Horde, die einst durch die Gegend streifte, und später bei der ersten Arbeits- und Wissensteilung. Damit ist die gegenseitige Hilfe, Unterstützung, Kommunikation, voneinander Lernen, sehr weit oben angesiedelt. Dies gilt selbst beim Plündern. Was habe ich davon, wenn ich mir gewaltsam etwas aneigne, dessen Funktion ich nicht verstehe? Nur Völker, die dies verstanden, konnten sich weiter entwickeln. Griechen, Römer, Theben, Phönizier, Perser, Karthager, Makedonier, gründeten in der europäischen Antike große Reiche und machten sich darüber Gedanken. Nicht anders sah es in anderen Teilen der Welt aus. Immer schwang dabei auch die Überlegung mit, was einem mehr einbringt. Der Krieg oder der Frieden? Lange friedliche Phasen brachten stets Entwicklungsschübe mit sich. Und dazu gehörte auch, über das Dasein, das Wesen des Menschen, die Art und Weise, wie man die begrenzte Lebenszeit zufriedenstellend nutzt, nachzudenken. Schlicht, weil der Mensch in der Evolution etwas entwickelte, was er selbst als Denken bezeichnete. Rückschlüsse aus dem ziehen, was gesehen, gehört, gerochen und gefühlt wird. All diese Denkprozesse werden als Verstand definiert. Man nimmt seine Umwelt wahr und wertet sie passend aus. Hinzu kommt die Fähigkeit, nicht sinnlich Erfassbares anzunehmen, logisch abzuleiten oder für die Zukunft zu prognostizieren. Jenes nennen wir die Vernunft.

Aber welchen Wert bemessen wir diesen existenziellen Fähigkeiten bei? Vor allem, wie will man sie anwenden, wenn dafür gar keine Zeit bleibt? Wäre es nicht zweckmäßig, für die Fähigkeiten, welche den Menschen von anderen Spezies unterscheidet, Lebenszeit zu verwenden? Was unterscheidet uns sonst von einem Bonobo-Schimpansen, der den Entwicklungsstand eines vierjährigen Menschen erreichen kann? In einer dekadenten Wohlstandsgesellschaft komme ich grundsätzlich mit wenig Benutzung von Vernunft und Verstand durch. Bei sehr vielen Vorgängen verstehe ich überhaupt nicht, was da gerade passiert. Ich kann stundenlang auf einen modernen Motor starren und werde trotzdem nicht nachvollziehen können, was da in diesem kunstvoll zusammengeschraubten Wirrwarr aus Gummi, Metall, Kunststoff, vor sich geht. Erst recht nicht, wie dieser Laptop vor mir funktioniert, aus welchen Bestandteilen das Ding im Einzelnen besteht und wie es möglich ist, dass das Geschriebene im Internet landet. Ich benutze es einfach, ohne es zu verstehen. Die Überlegung ist simpel. Träte jetzt im nächsten Moment eine Dystopische Situation ein und ich wäre auf mich alleine gestellt, würde sich zeigen, über welche Fähigkeiten ich wirklich verfüge. Kann ich ein Feuer machen? Nahrung herbei schaffen? Mich mit anderen zusammen tun? Wäre ich vernünftig, empathisch, kooperativ genug, um in einem Zusammenschluss mit anderen Menschen agieren zu können?

Doch die Überlegungen gehen darüber hinaus. Welchen Wert bemesse ich persönlich meinem Dasein über den Tod hinaus bei? Ist es mir wichtig, wie die Menschen danach über mein Wirken denken oder es bewerten? Möglicherweise ist es mir egal. “Nach mir die Sintflut!”, wie einige sagen, denken und vor allem handeln. Oder was ist meinem Wirken in der Gegenwart? Erfüllt es mich oder gibt es mir eine Befriedigung, wenn ich in meinem Sinne Einfluss nehme? Einfluss nehme ich immer, dagegen kann ich mich nicht wehren. Egal was ich tue, es hat eine Wirkung, fraglich ist nur, wie es vonstattengeht und inwieweit ich eine Kontrolle darüber habe. Bin ich aggressiv unterwegs, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Aggression über mehrere Stationen fortsetzt. Maule ich die Kassiererin oder den Kassierer im Supermarkt an, wird das Folgen nach sich ziehen. Ich lege auf dieses immer mehr Wert. Was genau bewirke ich jetzt gerade?

Für diese Überlegungen benötige ich Zeit, die ich mir nehmen muss. So wie ich sie mir gönnen musste, um überhaupt auf diesen Stand zu kommen. Schenke ich dem Augenblick keinerlei Beachtung, werde ich auch nicht erkennen, was gerade passiert. Wer schnell “lebt”, reiht eine ganze Kette von Handlungen aneinander, ohne sich der Wirkung bewusst zu sein. Gleichzeitig kommt es zu jeder Menge Fehlern beim Denken. Das Gehirn erzählt sich innerhalb von Sekunden lauter kleine Geschichten, die immer weiter miteinander verkettet werden. Gern werden dabei Umstände miteinander verbunden, die objektiv nichts miteinander zu tun haben. Nimmt man sich die Zeit, nachträglich nochmals alles sauber auseinanderzunehmen und zu analysieren, nennen wir diesen Prozess “Nach/denken”, woraufhin eventuell andere Ergebnisse zustande kommen. Das meiste, was wir bei Mitmenschen als Dummheit bezeichnen, ist die Folge vom falschen Zusammenziehen mehrerer Ereignisse zu einer Geschichte, die schlicht unstimmig ist, aber leider die Basis für weitere Handlungen darstellt. Im Ergebnis steigt aufgrund der Schnelligkeit, dem übermäßigen Füllen eines Zeitraums mit Handlungen, die Gefahr Dummes zu tun oder verbal abzusondern. Dem lässt sich nur mit Nachdenken begegnen, ein Vorgang, wenn er sich auf das bezieht, was wir den lieben “langen” Tag so anstellen, als Selbstreflexion bezeichnet wird. Ich will davon nicht zwingend ableiten, dass hektische Menschen, Leute, die alles gleichzeitig machen wollen, sich stets “busy” geben, dumm sind. Aber die Wahrscheinlichkeit steigt an. Parallel wird es unwahrscheinlich, dass sich die Menschen selbst reflektieren.

Warum sie sich nicht die Zeit nehmen, steht auf einem anderen Blatt.

Bei einigen ist es die Gier. Andere sehen sich verpflichtet, von anderer Seite her gestellte Aufgaben bzw. Anforderungen zu erfüllen. Vielleicht sind es subjektive Existenzängste oder oftmals tatsächlich bestehende Gefahren, weil man z.B. sonst seinen Job verliert. Ebenso kann es das Heischen nach Anerkennung sein oder eine angenommene moralische Verpflichtung. Als Mensch komme ich nicht daran vorbei, ein gesundes Verhältnis zur Ausgabe meiner Lebenszeit zu finden. Unter gesund verstehe ich dabei eine dem Leben zuträgliche Taktung, mit anderen Worten zu einem Zustand der Ausgeglichenheit führt. Schaue ich in die Wildnis, kann ich eine ganze Menge ableiten. Prädatoren sind auf Effizienz angewiesen. Eine Löwin kann es sich nicht leisten, unzählige halbherzige Versuche zu unternehmen. Jeder neue Ansatz erfordert immense Energie und zu viele erfolglose führen zum Tod. Zur Steigerung der Chancen tun sie sich im Rudel zusammen. Im gewissen Sinne wird vorher genau überlegt und im Fall des Scheiterns ausgewertet. Die meisten kleinen, hektischen Lebewesen werden nicht sonderlich alt. Die ältesten Lebewesen des Planeten sind eher behäbig. Tiere in Gefangenschaft, die ausreichend und ihrer Art angepasst versorgt werden, sind vom nervenaufreibenden Beschaffen von Nahrung befreit, werden oftmals älter als ihre Artgenossen in der Wildnis. Dies gilt auch für diejenigen, welche kaum Fressfeinde zu fürchten haben. Verkürzend wirkt sich allerdings die Verkümmerung aus, wenn sie nicht wie gewohnt agieren können oder in Interaktion treten können. Auch für letzteres benötigen sie und auch wir: Zeit!

Zeit ist ein kostbares Gut, nicht komprimierbar und im Fall des Daseins eine unbestimmbare Größe. Was habe ich davon, wenn sie auf meinem Konto in Form einer Zahl dargestellt wird und ich die Transformation, die eigentlich eine Art bestimmungsgemäße Rückführung darstellt, zu einem Zeitpunkt in die Zukunft verschiebe, den ich u.U. gar nicht erlebe? Oder was ist mit der Zeit, die ich in Produkte investiere, von denen die Gesellschaft, in die ich hineingeboren wurde, behauptet, dass sie wichtig sind, während ich andere Prioritäten setze?
Letztens hatte ich darüber mit einer Frau einen interessanten Austausch. Unser Einstieg war die Frage nach dem Sinn eines Lebens und die Gefahr eines Suizids, wenn man eben diesen nicht mehr sieht. Vorab: Für mich gibt es keinen fremdbestimmten Sinn eines Lebens. Würde ich dies akzeptieren, müsste ich auch irgendjemanden die Definitionshoheit zugestehen. Was mache ich, wenn ich diese Definition nicht erfülle? Ist mein Leben dann sinnlos? Kann ich es dann nicht auch beenden? Meiner eigenen Vorstellung nach, ist keine Existenz, wie auch immer sie sich darstellt, aus dem Gesamten zu entfernen. Gäbe es nichts, was ich als böse ansehe, würde auch alles Gute wegfallen. Alles Negative, ist gleichzeitig geeignet, eine positive Gegenreaktion auszulösen. Selbst ein früher Tod erinnert andere Menschen an die mögliche Kürze des Lebens. Bei allem gilt: Es steht nicht in meiner Macht, hierüber die Kontrolle zu haben. Mir bleibt tatsächlich nur der Versuch, eventuell mit der eigenen Lebensart über die Gesetze der Wechselwirkung eine von mir erwünschte Richtung, Struktur, zu begründen. Ein Suizid setzt für andere eine Lösung in die Welt. Aber er wird nichts daran ändern, was mich mein Leben als nicht lebenswert empfinden ließ. Wenn ich den anderen zeigen will, dass es so ist, bitte, aber dies ist ohnehin bereits allgemein bekannt. Ergo, kann ich es auch lassen und weiter leben, um anderes auszuprobieren. Richtig kompliziert wird es bei Schmerzen. Beispielsweise wird im Buddhismus der dem Tod vorangehende Schmerz als eine Zeit für die Vorbereitung des nächsten Lebens betrachtet, während der plötzliche Tod eher unglücklich ist, weil der oder die Betroffene, das Leben nicht bewusst zu Ende brachte.

All diese Gedankengänge setzen voraus, dass ich in einem Leben mehr sehe, als wirtschaftliche Produktivität, Mehrung des allgemeinen materiellen Wohlstands, Erfüllung vorgefertigter gesellschaftlicher Vorgaben oder Ansprüchen, die andere an mich richten.

Der von der Gesellschaft ausgehende Druck ist immens. Hinsichtlich des Zeitmanagements bestehen Vorgaben, deren Erfüllung erwartet werden und wer sich dagegen stellt, muss dafür Kraft aufbringen. Hierfür ein alltägliches Beispiel. Wer einen Supermarkt betritt, soll darin Zeit verbringen, die irgendwann in Konsum mündet. Das ändert sich schlagartig, wenn die Sachen auf dem Laufband landen. Geschwindigkeit und Länge sind kein Zufall, sondern ein ausgetüfteltes Forschungsergebnis[1]https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/der-deutsche-testmarkt-das-hassloch-experiment-1.907694. Spätestens wenn das Geld von A nach B transferiert wurde, ist der oder die Kunde/in uninteressant. Die Leute sind darauf konditioniert. Hungrig nach Befriedigung hineingehen, Beute machen, befriedigt sein, bezahlen, schnell weg. Es ist interessant, wer in kleineren Märkten lautstark als Erstes die Öffnung einer weiteren Kasse fordert. Entweder es sind von ihren Kindern genervte Eltern oder Zeitgenossen mit oder nur Spirituosen im Einkaufswagen. Die einen wollen den Nachwuchs ruhig stellen und die anderen haben die tägliche Dosis schon vor Augen. Schwierig wird es, wenn ältere Leute, die noch auf die alte Taktung konditioniert sind oder körperlich nicht schneller können, ins Spiel kommen. Richtig übel sind Kandidaten, wie meine Wenigkeit. Registriere ich allzu ungehaltene Personen, die auch noch pöbeln, kommt bei mir die Rebellion zum Vorschein. Es ist nicht verboten, seinen Einkauf zu Dritteln und einzeln zu bezahlen oder lange das Kleingeld zu zählen, um dann doch mit Karte zu bezahlen. Schon dem Druck standzuhalten, bereitet mir Vergnügen.

Ähnliches lernte ich in letzter Zeit über Onlinebanking. Ein Konto eröffnet man heutzutage sehr einfach. Mit wenigen Klicks ist alles erledigt. Zack, Zack, hat die Bank Geld verdient. Um so komplizierter wird die Auflösung. Mich würde mal interessieren, wie viele Senioren aufgeben, nachdem sie sich stundenlang im Dschungel der Untermenüs verirrten. Auch das ist Druck. Es ist nahezu unmöglich, sich all der Onlineportale, Apps, Digitalisierung zu entziehen, die einzig einen Zweck erfüllen: Beschleunigung! Um so schneller und einfacher sich zum Beispiel eine Ratenzahlung abschließen lässt, desto unüberlegter wird die Ausgabe nebst ihrer langfristigen Folgen. Wer sich nicht übers Ohr hauen lassen will, muss ständig auf der Höhe der Entwicklung bleiben.

Entschleunigung, Achtsamkeit, Bewusstes Leben

All die oben genannten Begriffe haben in der breiten Gesellschaft einen zweifelhaften Ruf. Das geht bei esoterischer Spinnerei los, zumeist als Modeerscheinung abgetan und spült viel Geld in Kassen von Therapeuten/innen. Gut, wenn es sich dabei nicht um Scharlatane handelt. Aus meiner Haltung und Sicht auf die Gesellschaft heraus ist dies nicht verwunderlich. In einer Zeit, die von Zahlen, Geld, Statistiken, Daten, bestimmt ist, sind diese Begriffe die Bezeichnungen für Schadprogramme. Machen wir uns nichts vor. Selbst mit Burnout-Patienten/innen, Depressiven, psychosomatischen Erkrankungen, lässt sich ein gutes Geschäft machen. Erst recht gilt dies für alles, was entweder beschleunigt oder die Grenzüberschreitung des dem Menschen möglichen Tempos ermöglicht. Die Grauzone zwischen illegalen “Drogenmissbrauch” (der in dem Fall streng genommen nicht einmal ein Missbrauch ist) und Medikamenten-Behandlung ist riesig. Jede Menge therapeutische Maßnahmen sind mehr Perversion, als wirklich hilfreich. Wie sonst sollte man die Aufforderung zu meditieren verstehen, damit man im Sinne der Gesellschaft mehr leisten kann? Wie viele Ärzte, Psychiater, Psychologen, versuchen Menschen zur Geschwindigkeit kompatibel umzugestalten?

Passend zum Thema Geschwindigkeit, tobt in Deutschland eine Debatte über ein Tempolimit, welches selbst US-Medienvertreter zum Staunen bringt. Was genau passiert eigentlich mit dem oder der Fahrer/in bei einer hohen Geschwindigkeit? Geht es wirklich um das schnellere Ankommen? Dies lässt sich überprüfen und das Ergebnis ist reine Mathematik. Selbst bei halsbrecherischer Fahrt, sind die Zeitgewinne nicht der Rede wert und ob ein Meeting zehn Minuten früher oder später stattfindet, ist objektiv egal. Wenn überhaupt Geschwindigkeit eine Rolle spielt, dann bei den Hochgeschwindigkeitstransfers im Finanzwesen. Etwa innerhalb des Intervalls zwischen 100 und 120 km/h steigt der normale untrainierte Mensch aus und Technik, Zufall, Glück, übernehmen. Es macht Klack im Kopf und der/die Fahrer/in schaltet ab. Befragte nennen dies oftmals Entspannung. Eine Alternative wäre, den Zug zu nehmen. Prompt sitzen viele dort vor einem Laptop und “nutzen” die Zeit, um Geschäftliches zu erledigen. Ich nehme für mich in Anspruch, dabei ein wenig mitreden zu können. Schlicht, weil beides Bestandteile meines Lebens waren. Was das bei mir verursachte, wird mir erst danach immer mehr bewusst. Alles passierte, mein Gehirn speicherte, der Körper speicherte, aber kaum etwas davon, drang wirklich in das mir zugängliche Bewusstsein vor. Dennoch ist, wie ich im Nachgang feststellte, alles da. Kaum befand ich mich in einer längeren, vom Körper erzwungenen Ruhephase, ging es mit den Flashbacks los. Mal in Form von plötzlich auftauchenden Erinnerungen, manchmal nur Bilder, Emotionen, die nicht im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Geschehen standen oder körperlichen Reaktionen, die unpassend bzw. zusammenhanglos erschienen. Wer nicht auf solche Selbstexperimente steht, sollte rechtzeitig die Notbremse ziehen.
Man muss es nicht gleich übertreiben, aber ich möchte anmerken, dass es im ZEN – Buddhismus eine schöne Betrachtung gibt. Wie lange dauert ein Leben? Exakt einen Atemzug. Der Mensch, welcher dazu ansetzte, ist beim Ausatmen ein anderer. Nach dieser Betrachtung ist ein Mensch, der sich am Tag nur einige Minuten Zeit des Bedenkens zugesteht oder meditativ den Synapsen ein wenig Ruhe gönnt, hektisch. Bedenkenswert ist ebenso, ob eine/r, die/der einfach nur dasitzt und denkt, wirklich untätig ist. Der vorhergehende Doppler ist gewollt. Folge ich den Vorgaben der Gesellschaft, in der ich lebe, müsste ich von Faulheit, Untätigkeit, ausgehen. Doch wie bewerte ich dann das Verhalten von Gläubigen, wenn sie längere Zeit beten oder buddhistische Mönche, wenn sie mehrfach am Tag stundenlang meditieren? Ist das auch Faulheit? Wie wäre es mit einem Vergleich zu jemanden, der sich 1,5 Stunden lang einen mehr oder weniger belanglosen Film ansieht? Ich sehe da Unterschiede.

Je enger das Leben getaktet wird, hektisch zu geht, Versuche unternommen werden, die Zeit zu komprimieren, um so mehr Lebensqualität, Bewusstsein, gehen verloren und Dummheit breitet sich aus. Mal ganz davon abgesehen, dass damit körperliche und geistige Krankheiten, Drogenkonsum und Aggressionen, gefördert werden. Wie bereits beschrieben, könnten all die tollen technischen Innovationen der Entschleunigung dienen. Tun sie aber nicht, weil eine andere Vorgabe herrscht. Ich sehe in der stetig zunehmenden Geschwindigkeit einen von mehreren Sargnägeln der Zivilisation. Sich seiner Handlungen bewusst zu sein, sich selbst zu sehen und einordnen zu können, sind unabdingbare Voraussetzungen des Einzelnen, um Mensch zu sein. Viele Einzelne bilden dann eine Gesellschaft, in der Vernunft, Verstand, Kooperation, Kommunikation, Bewusstsein, verantwortliches Handeln, einander ergänzen und erzeugen, was als Kultur und Zivilisation bezeichnet wird. Eine funktionierende Menge an Individuen, die nach funktionalen Regeln zuverlässig, produktiv, zusammen agieren, erinnert mich eher an einen Insektenstaat. Zumindest für mich selbst, strebe ich jeden Tag an, ein wenig mehr Tempo herauszunehmen. Einfach ist das nicht, da ich mich leider immer wieder in einem Kontext bewege, innerhalb dessen mir anderes aufgedrückt wird. Aber es ist besser geworden.



September 2 2022

Die letzte Schlacht wird keiner gewinnen

unrecognizable ethnic hacker typing on laptop at table Lesedauer 8 Minuten

Krieg ist schon lange nicht mehr nur das gegenseitige Abschlachten. Längst hat sich alles auf den Cyberraum erweitert. Musste früher noch mühselig Propaganda in die Reihen des Feindes gebracht, für Desinformation, Demoralisierung, gesorgt werden, geht dies in der Digitalisierung erheblich einfacher. Gleichfalls bedurfte es einst gefährlicher Selbstmordkommandos, bestehend aus Abenteurern und Patrioten, die hinter den feindlichen Linien für Sabotage sorgten, während dies heute von einem Hacker von einem sicheren Ort erledigt werden kann. Ich denke, wir stehen da erst am Anfang. Doch die Entwicklung ist rasant. Bereits jetzt kann kaum noch ein Normalbürger sagen, was am Geschehen real bzw. ein chaotischer Ablauf ist oder mittels Instrumentarien gesteuert wird. All dies trifft auf eine Gesellschaft und politische Struktur, die nicht mal ansatzweise darauf vorbereitet ist.

Aktuell ist ein beinahe als Amoklauf zu bezeichnendes Verhalten der als konservativ betrachteten politischen Kräfte zu beobachten. Kein hingeworfener Brotkrumen ist ihnen zu vergammelt, um ihn nicht aufzugreifen und in eine desaströse Kampagne einzubauen. Es geht nicht um konstruktive Opposition, sondern ums primitive Zerstören des politischen Gegners, um die Macht zu übernehmen. Wenn dies erfolgreich passiert ist, kann man sich immer noch dem eigentlichen Gegner zuwenden, nämlich Angreifern, wie aktuell dem faschistischen Diktator Putin. Ein äußerst gewagtes Spiel, mit einem unkalkulierbaren Ausgang. Putin unternimmt alles, um ein geeintes russisches Volk in einem nationalen Kampf gegen einen Feind zu führen. Jeder Widerstand wird innerhalb des Landes brutal und kompromisslos bekämpft. In der Ukraine setzt er auf Schrecken und Vernichtung, wie es einst ein Franco bei seinem Marsch durch Spanien tat. Parallel zieht er seine Verbündeten zusammen und lässt sie der restlichen Welt ihre militärische Bereitschaft präsentieren. Diesem Gebaren hat die moderne, vermeintliche deutsche Linke nichts entgegenzusetzen. Mit Vernunft, Verstand, der Erkenntnis, dass Krieg immer in eine Katastrophe führt, ist der ausgeklügelten Vorgehensweise des Faschismus nicht beizukommen. Allein schon deshalb nicht, weil sie ehemals genau hierfür, zur Überwindung des als schwächlich empfundenen intellektuellen Weges entwickelt wurden. Mussolini, der Namensgeber des Faschismus, kam anfangs aus dem anarchistischen, sozialistischen Lager. Er hatte Ideen und Ziele, bei denen er dachte, sie mit diesen Ansätzen umsetzen zu können. Als er merkte, dass dies nicht funktionierte, entwickelte er neue. Nämlich welche, die beides überwinden sollten: Den Kapitalismus, wie er ihn kennenlernte und die Ansätze, welche seiner Auffassung nach, der Überwindung im Wege standen. Das Individuum mag zufrieden, frei und glücklich sein, aber nur eine geschlossene, wie eine Maschine funktionierende Gesellschaft ist in der Lage, andere Nationen niederzuringen. In einer Weltlage, die sich dahingehend entwickelt, dass bei unverändertem Vorgehen der Menschheit, die Ressourcen verknappen, große Regionen des Planeten unbewohnbar werden, nahezu alles, was das Leben überhaupt ermöglicht, zur Mangelware wird, um die man kämpfen muss, ist dies zumindest eine Option. Rette sich, wer kann, und zwar mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.
Der andere Ansatz wäre die theoretisch machbare Einigung aller Völker, welche dann an einem Strang ziehen. Dem stehen viele Hindernisse entgegen, an deren Beseitigung wenige glauben und vermutlich in großer Zahl nicht einmal interessiert sind. Am Ende sitzen doch alle auf ihrem Affenfelsen.

Das Bittere an allem ist der sich abzeichnende Ausgang einer langen Geschichte. Vom Verstand und der Vernunft her, mit all den technischen Möglichkeiten, dem kollektiven Wissen der Menschheit, wäre ein friedliches Zusammenleben und die Lösung der entstandenen Probleme durchaus machbar. Dass es nicht geschieht, liegt an den Kräften, Eigenarten, die dagegen wirken. Es ist die Geschichte, die Menschen schon seit langer Zeit in Erzählungen verpacken. Gott gegen den Teufel, Buddha gegen Mara, Himmel oder Hölle, Erleuchtung oder fortwährendes Leiden. Habgier, Hybris, Übermaß, gegen Einklang, Harmonie, Fortbestand, Frieden, Freiheit. Und daran hat jeder Einzelne einen Anteil. Hass, Gewalt, Gier, setzen sich über Wechselwirkungen genauso fort, wie Liebe, Genügsamkeit, Respekt gegenüber allen Lebewesen. Es ist eine Frage der Struktur. Wird sie so gestaltet, dass sie dem einen oder eben dem anderen Verhalten Vorschub leistet. Wir haben uns in großen Teilen der Welt für eine Struktur entschieden, die den zerstörerischen Faktoren entgegenkommt.

Ein erster kleiner Schritt wäre der Versuch einer Einigung, die auf Verstand, Vernunft, ethischen Betrachtungen und Übereinkünften basiert. Manche Denker der Vergangenheit stellten die These auf, dass eines Tages der Wohlstand dies möglich machen würde. Noch in den 70ern sahen sie eine Zukunft, in der selbst die damals die ärmsten Länder ein Level erreichen, auf dem alle genug zu essen bekommen, medizinisch versorgt sind und ein Auskommen ohne luxuriöse Spitzen haben. Als größte Gefahr sahen sie einen atomaren Krieg zwischen den Großmächten. 2022 wissen wir, dass sie sich irrten. Der materielle Wohlstand entwickelte sich partiell, um dann in einen Überfluss überzugehen, der auf Kosten der innerhalb der Kolonialzeit materiell und sozial ruinierten Länder ging. Jetzt, in einer Zeit, wo der Überfluss in Gefahr gerät, steigt exponentiell die Gefahr eines Atomkriegs.
Deutschland ist neben anderen Ländern, eins der Überflussländer, die auf Kosten der anderen leben. Den alten Theorien nach, hätte es die Chance gegeben, befreit von Not und Elend, eine innere Einigkeit, Gerechtigkeit und neue Modelle zu entwickeln.

Leider widerlegt die Realität diese Theorien. Ein Umstand, den sich die andere Seite zunutze macht. Innerhalb des Wohlstands besteht ein Ranking. Unbenommen lebt ein finanziell schlecht bedachtes Gesellschaftsmitglied in Deutschland immer noch auf einem deutlich höheren Niveau, als beispielsweise auf dem russischen Land. Wenige leben in absoluter Dekadenz und verfügen über finanzielle und materielle Werte, die alles übersteigen. Die Masse befindet sich innerhalb eines Intervalls irgendwo dazwischen. Innerhalb der Struktur ist alles auf das Finanzielle und das Materielle ausgerichtet. Es stellt sich damit nicht die Frage, ob die mit dem Übermaß glücklich und zufrieden sind oder wenigstens eine in sich ruhende gesunde Persönlichkeitsstruktur aufweisen. Auf der Ebene darunter wird argwöhnisch nach links und rechts geschaut. Wer hat mehr Krumen bekommen? Warum? Wie kann man selbst an mehr herankommen? Ganz unten herrscht das vor, was schon immer existierte. Alles ist auf den Kampf ums Überleben ausgerichtet. Da bleibt keine Zeit für philosophische Überlegungen, wie die Struktur aussieht. “Erst kommt das Fressen, dann die Moral.” Aus alledem ergeben sich Spannungen, negative Konflikte, Unzufriedenheiten, Frustrationen. Ein Eldorado für PR Spezialisten, Nachrichtendienstler, feindliche Agenten, Angreifer, usw.

Bedauerlicherweise ist in der Struktur auch festgelegt, welche Charaktere, Ideen, Anschauungen, sich bis nach oben durchsetzen und so die Macht innehaben. Das Eine bedingt das Andere. Als Helmut Kohl sich anschickte, die politische Macht zu übernehmen, schlicht, weil er nach ihr gierte und nicht, weil er andere politische Ideen zur progressiven politischen Entwicklung Deutschlands hatte, wurde Herbert Wehner zum Propheten. Er sah eine neue Zeit anbrechen, in der Politiker*innen um jeden Preis die Machtübernahme anstreben und die politischen Ziele sekundär werden. Primär wäre aktuell eine Einigung, das gemeinsame Entwickeln von Strategien und Taktiken notwendig. Hierfür müssten Machtinhaber*innen sich nicht als alleinige Ausführer sehen, sondern vielmehr zu Koordinatoren werden und diejenigen, welche bisher gierig nach der Macht griffen, müssten sich besinnen, um eine Mitarbeit an Lösungswegen zu ermöglichen.

Dass die deutsche Politik dies seit einigen Jahren nicht mehr vermag, ist einem Putin mit dem ihm zur Verfügung stehenden Geheimdienst besser bekannt, als irgendeinem Mitarbeiter des BND oder BfV. Ich will mir gar nicht vorstellen, wo die überall ihre Leute installiert haben. Immerhin ergaben sich allein aus dem Niedergang der DDR jede Menge freie Leute, die man übernehmen konnte. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich dies gegenüber den “Five Eyes” als echter Vorteil erwies. Das Mittel schlechthin, welches die Struktur anbietet, die wirtschaftlichen Sanktionen, wirkt unangenehm zweiseitig. Am Ende stellt sich die Frage, wer die entstehenden Schmerzen besser aushalten kann. Der Westen, hier Deutschland, oder auf der anderen Seite Russland und Verbündete. Die breite Masse der Deutschen kann schon lange nicht mehr so klaglos Mangel ertragen, wie es die auf der anderen Seite seit Jahrzehnten tun. Die Zeiten nach dem Krieg, die Berliner Blockade, sind lange vorbei. Mir drängt sich dabei das Bild eines Boxers auf, der seine Gagen verkokst, verfressen und versoffen hat und noch einmal in den Ring steigen will.

Ob es nun in den vergangenen Tagen diese “Winnetou” – Nummer, insbesondere die infantilen Reaktionen der Konservativen und des Bürgertums waren, oder es um die ursprünglich seitens Russlands gestartete Kampagne gegen Baerbock, die PR-Kampagne der Atom-Lobby oder der aktuell innerhalb der Struktur zu erwartende sprunghafte Anstieg der Benzin-Preise ist, den sich die russische Propaganda nicht entgehen lassen wird, alles gehört mit zum Krieg. Wobei sich vermutlich noch nicht alle Teilnehmer offen gezeigt haben. Ein wenig beschämend ist die grenzenlose Naivität, mit der wir noch durch die Gegend tappen und vor allem, wie sehr sich die deutsche politische Elite willfährig am Nasenring herumführen lässt. Es scheint beinahe, als wenn die UNION plant, aus dem Desaster als autoritäre Kraft hervorzugehen, um dann endlich unter ihrer Führung die lang geplante Konservative Revolution umzusetzen, nach deren Vollendung sich Deutschland in den national geeinten Kampf ums Überleben in der Klimakrise stürzen kann. Dumm gelaufen ist alles, wenn sich einige Hacker in die Infrastruktur einklinken, ein AKW an die Wand fahren, Blackouts inszenieren oder einige Chemie-Unfälle in die Wege leiten. Spielarten gibt es da viele. Und Dank der UNION und FDP wird sich daran auch wenig ändern.

Dem Beobachter ohne Einfluss bleibt nur das Zusehen oder sich rechtzeitig auf eine Flucht vorzubereiten. Ich entsinne mich, dass ich dieses Szenario bereits einmal mit Freunden zum Ende der 80er hin durchspielte. Wohin? Es ergab sich schnell, dass es weniger die Suche nach einem angenehmen politischen System, sondern eine rein geostrategische Überlegung ist. Wo sind welche Militärbasen? Welche Länder können nur mit einer technisierten Infrastruktur existieren? Welche sind aufgrund ihrer Einfachheit uninteressant? Wie sind die zu erwartenden Klimaverhältnisse unter Einbeziehung der anstehenden Veränderungen? Da bleiben nicht allzu viele übrig. Bei den meisten handelt es sich um Inseln in geschützter Lage und ausreichend hohen Flächen, die nicht überflutet werden. Wie auch immer, irgendwie muss man sich derzeit entscheiden. Entweder platzt einem beim Zusehen der Kragen oder man nimmt es gelassen. Jeder wurde in die Struktur hineingeboren. Man kann in ihr leben und für sich das Beste herausholen oder man beschließt, sich außerhalb zu bewegen. Sich dagegenzustellen, ist eine blöde Idee. Darauf ist sie vorbereitet. Die Lektion bekam ich im Kleinen. Behörden sind ein perfektes Abbild der Struktur oder vielleicht besser ausgedrückt, ein wesentliches Instrument. In ihr den einen oder anderen Sabotageakt zu vollziehen, ist durchaus machbar. Man kann sich dann kurzfristig daran erfreuen. Ändern wird man damit nichts. Wer sich gegen die Behörde stellt, wird verlieren.

Wie beschrieben muss sich ein Angreifer von außen her nur ansehen, wie sie funktioniert und die Schwachpunkte ermitteln. Nichts anderes tun Hacker. Haben sie den Schwachpunkt gefunden, brechen sie ein und hinterlassen ihre Schadprogramme. Die müssen nicht sofort wirken. Die können auf Eis liegen, bis ein bestimmtes Programm aufgerufen wird oder ein bestimmter Zeitpunkt gekommen ist. Zum Beispiel sind sogenannte Schläfer nichts anderes. Im Hintergrund wissen Taktiker genau, wie sie deren Identitäten anzulegen haben, damit sie an der angestrebten Stelle in der Struktur landen. Auf einem anderen Gebiet arbeitet die Kriminalpolizei nach dem gleichen Prinzip. Kriminelle Strukturen analysieren, Schwachpunkte ermitteln, Leute in Stellung bringen, infiltrieren, zuschlagen. Rennen in der Struktur lauter Typen herum, die sich eifersüchtig nicht den Schmutz unter den Fingernägeln gönnen, Narzissten, schwache Persönlichkeiten, die nach jeder Anerkennung heischen, Frustrierte, Gierige, ist es ein einfaches Spiel. Und sei eine Struktur noch so abgeschottet und dicht, irgendwann braucht sie etwas von außerhalb. Dienstleistungen, Material, Personal, Nachwuchs, Fachleute, all dies sind Einfallstore.
Tja, diese Erfahrungen lege ich auf das Bild, welches gerade Deutschland abgibt. Wirklich kompliziert erscheint mir der Job der feindlichen Dienste derzeit nicht. Zumindest in der Politik, war das bis in die 70er hinein, noch eine große Kunst. Doch selbst unter den erschwerten Bedingungen leistete das MfS ganze Arbeit. Wie Markus “Mischa” Wolf später einräumte, ein wenig zu gut. Die Installation des Kanzlerspions war ein zu großes Risiko, weil die Gefahr bestand, genau die Falschen zu destabilisieren. Am Ende ging der Schuss nach hinten los. Der FSB, nunmehr unter national-faschistischer Führung, muss sich diese Frage nicht mehr stellen. Die progressiven Kräfte haben europaweit ohnehin schon verloren und diejenigen, welche auf Konfrontation gehen wollen, sind angreifbar bzw. brauchen nur ein wenig Unterstützung, damit sie alles zerlegen können. Gewinnen wird keiner. Letztlich gehen alle gemeinsam in den Abgrund. Ich persönlich gehe davon aus, dass wir im Spätsommer 2023 deutlich klarer erkennen können, wo die Reise hingeht. Wer davon ausgeht, dass ein von Russland verlorener Ukraine-Krieg unter Umständen alles zum Guten wenden wird, verrechnet sich meiner Auffassung nach gründlich. Dann geht es erst richtig los. Vernunft, Verstand, die Entwicklung der Menschen zu etwas, was mit dem natürlichen System kompatibel ist, hat bereits jetzt verloren. Dies zeigte uns der Kalte Krieg. Ab jetzt wird alles dem Konflikt untergeordnet, da ist kein Platz mehr für Ökologie, Transformation, Umdenken. Putin und andere kamen zur Auffassung, dass sich dieses Thema ohnehin erledigt hatte und beschlossen zu handeln. Einer von ihnen musste den Anfang machen.

August 19 2022

Sofortbestrafung – Nein!

Lesedauer 3 Minuten

Langsam werde ich sauer. In meinem Freundeskreis und bei mir war es immer erklärtes Ziel unseren Kindern die Möglichkeit zu geben, ein eigenständiges, kritisches Denken, zu vermitteln und ihnen vorzuleben, sich einzumischen, wenn etwas nicht richtig ist. Nun mögen manche trefflich darüber streiten wollen, was denn dieses „richtig“ ist. Meiner Auffassung nach merkt dies ein Mensch mit einer gesunden Persönlichkeitsstruktur ganz alleine. Es gibt da einige Dinge, die schlicht und ergreifend in uns verankert sind.
Teile der jüngeren Generation sorgen sich um ihre Zukunft. Ich kann das nachvollziehen. Man muss schon ausgesprochen ignorant sein, wenn man die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Diskussionswürdig ist, welche Maßnahmen Veränderungen herbeiführen können. Simple logische Überlegungen führen mich persönlich zum Ergebnis, dass all die Vorgehensweisen, Konstrukte, Verhaltensweisen, welche in die Misere führten, nicht aus ihr herausführen können. Es braucht Alternativen. Die Theorie des notwendigen Wachstums, das Setzen auf technische Entwicklungen, der Neoliberalismus, haben sich als Irrwege erwiesen. Beim Kommunismus und Sozialismus hat sich gezeigt, wie schnell damit ein Nährboden für Cliquen erzeugt wird, die zügig einen nicht weniger schädlichen Staatskapitalismus installieren. In der Konsequenz muss alles auf den Tisch gelegt und radikal neu betrachtet werden. Die Gestalter*innen des Grundgesetzes waren keine unfehlbaren Götter. Ihre Entscheidungen und Vorgaben beruhten auf den bis zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Informationen und Erfahrungen aus der zurückliegenden Geschichte. Ihre Intentionen finden sich zwischen den Zeilen.

Wie auch immer: Manche setzen sich auf die Straße, andere verzichten zugunsten eines Protestes auf das Recht zur Schule zu gehen, andere stellen sich denen entgegen, die eine Anschauung der Welt innehaben, die große Teile der Weltbevölkerung bereits einmal ins Verderben schickte. In Anbetracht dessen, dass sie unsere Zukunft sind, die Menschen wie ich, eventuell noch als alter gebrechlicher Mann erleben werden, ist es ein schwerer unverzeihlicher Fehler, nicht mit ihnen zu sprechen, sie zu ignorieren oder sie zu diffamieren. Wenn es noch eine Chance der Veränderung gibt, dann durch sie. Bisher wählten sie den friedlichen Weg. Sie leisten bei den Blockaden keinerlei Widerstand, lassen sich weh tun, anschreien und reagieren bemerkenswert ruhig. Das ist ihre Seite!
Die andere Seite wird teilweise von einem hasserfüllten oder wenigstens wütenden Mob gestellt, der Teil der gelenkten Massengesellschaft ist. Ebenfalls zugehörig sind Volksvertreter, denen per demokratischer Wahl die Macht zuteilwurde und in insofern über Machtmittel verfügen. Angewendet werden diese auftragsgemäß von der Polizei. Die betreibt etwas, was auch intern bei der Polizei als Sofortbestrafung vor Ort bezeichnet wird.

Die Haltung dazu ist recht simpel: Die einzige Bestrafung die der oder die Täter*in bekommt, ist die von der Polizei, weil die realitätsfremde Justiz nicht passend reagiert.

Ich machte nie einen Hehl daraus, dass ich Handlungen verstehen und nachvollziehen kann, was aber keinesfalls einer Billigung gleichkommt oder ein richtig so bedeutet. Wenn Polizisten auf Personen treffen, die eine besonders verstörende Tat begingen oder sich in dieser Richtung verhalten, können bei einem Menschen die Sicherungen durchbrennen. So ist das nun einmal, wenn ich keine Maschine vor mir habe.
Bei der Auflösung der Sitzblockaden geschieht etwas anderes. Die dort aktiven Personen unternehmen nichts Verstörendes, sind nicht brutal oder machen sonst etwas Passendes. Wenn Vollstreckungsbeamte*innen Schmerzgriffe anwenden, völlig unnötige Verletzungen verursachen, steckt da Ratio dahinter. Sie sind frustriert und erwarten eine Gerichtsentscheidung, mit der die Personen in ein Gewahrsam genommen werden können, womit ein erneutes Hinsetzen verhindert werden könnte. Aus diesem einzigen Grund wählen sie eine andere, absolut unzulässige Taktik. Aber sie ist nicht nur unzulässig, sondern sie wird nicht ohne Folgen bleiben. Niemand darf sich wundern, wenn wir in nächster Zeit wieder Straßenkämpfe wie in den 80ern erleben. Machtlos ausgeliefert zu sein, erzeugt Ohnmacht, die wiederum ein gefährlicher Nährboden ist.
Jeder sollte sich bewusst sein, dass da die Töchter und Söhne von jemanden sitzen. Menschen wie ich, die ihre Kinder dazu aufforderten sich der Ungerechtigkeit entgegenzustellen, nicht mit der Masse mitzulaufen – weil wir exakt dieses schon einmal hatten. Ein Mensch lebt nicht für sich alleine. Und jede/r Polizist*in, mit der Intention einer selbst beschlossenen Sofortbestrafung, sollte sich bewusst sein, dass das Handeln weit über den Moment hinaus geht.

April 19 2022

Pazifismus

Lesedauer 13 Minuten„Der klügste Krieger ist der, der niemals kämpfen muss.“

Sun Zi
Chinesischer General, vermutl. 543 v. Chr. – 495 v. Chr.

Eine Weltanschauung, wie der Pazifismus, hat derzeit keinen leichten Stand. Da hilft es es auch nicht, wenn die Christen zu Ostern die Auferstehung eines Heilands oder den Sohn Gottes feiern. Wobei sich in den letzten Tagen wieder einmal zeigte, wie wenig Christen ihre eigene Religion verstehen. Sich Gott als eine Figur vorzustellen, daraus einen Mann, einen Vater zu machen, am besten noch als einen alten Mann mit weißen Haaren und dann darüber auch noch eine Gender-Diskussion anzustreben, ist freundlich ausgedrückt ziemlich simpel. Auf diese Art brachte man damals seitens der katholischen Kirche dem einfachen Volk die christliche Weltanschauung bei. Gott ist abstrakt, ein Neutrum und Sohn bedeutet im eigentlichen Sinne, dass sich das Abstrakte in Menschengestalt manifestierte. Michelangelo war ein Genie, aber bei den Bildern im Kopf, auch Kind seiner Zeit. Dieser Exkurs nur am Rande zur Darstellung, wo sich Teile der Gesellschaft derzeit befinden.

Das dialektische Gegenteil oder auch Antonym des Pazifismus ist der Bellizismus. Einmal die Ablehnung des Krieges und auf der anderen Seite die Befürwortung. Die vollkommene Ablehnung von Gewalt, auch in einer Notwehr – oder Nothilfesituation, ist eine Spielart des Pazifismus. Wie immer, wenn Gedankengänge unter einem einzigen Begriff zusammengefasst werden, wird es unscharf. Also worum geht es denn eigentlich?
Seit tausenden von Jahren machen sich Menschen Gedanken über Krieg und Gewalt. Lao Tze soll beispielsweise gesagt haben: “Ich kann nicht viel voraussagen, aber wer die Gewalt bevorzugt, wird eines gewalttätigen Todes sterben.” Ich bleibe an der Stelle die Quelle schuldig. Es steht irgendwo im “Tao des Lebens”. Er und diverse andere, inklusive Buddha und Konfuzius, wiesen stets auf die Wechselwirkung hin. Bin ich gewalttätig, löse ich weitere Gewalt aus. Das ist logisch nachvollziehbar und bedeutet in der Konsequenz, dass ich für den Fall, dass ich keine Gewalt haben will, selbst keine ausüben darf. In einem idealen theoretischen Gedankenmodell, endet die Gewalt, wenn sich alle daran halten. Nicht mehr oder weniger besagt der Pazifismus. Fraglich ist, wie ich mich verhalte, wenn ich angegriffen werde, also ein anderer die Wechselwirkung nicht berücksichtigt. Selbst Sun Zi, der General und Schöpfer des Werks “Die Kunst des Krieges” hatte einen gesunden Respekt davor. Doch er sah auch die Notwendigkeit, unter Umständen in den Krieg zu ziehen.

Folge ich der Logik, erfolgt durch die Wechselwirkung weitere Gewalt. Nehme ich mir einen gedanklichen Nullpunkt, startet die Gewalt also nicht mit dem Pazifismus, sondern mit dem Bellizismus. Es ist ein sich verzweigendes Ablaufdiagramm, bei dem an der obersten Position zwei Entscheidungen möglich sind. Entscheide ich mich zusammen mit allen anderen für den Pazifismus, endet damit auch schon alles und jeder lebt in Frieden. Der Bellizismus wird sich über eine lange Strecke nach unten weiter verzweigen. Demnach kann der Pazifismus bis hierin für friedliebende Menschen die einzig richtige Entscheidung sein. Aber verpflichtet mich diese Haltung zum Verzicht auf eine Gegenwehr?

In jeder Religion stößt man dabei schnell auf Widersprüche. Zum Beispiel ist für Buddhisten das jetzt geführte Leben lediglich eine Art Episode, somit eine flüchtige Begebenheit innerhalb eines größeren Zusammenhangs, innerhalb derer, wie auch in allen anderen vorhergehenden und noch kommenden, das Karma geformt wird. Solange, bis man es salopp gesagt: Endlich verstanden hat! Jeder kennt die sagenhaften Kampfkünste der Shaolin. Alles was sie tun ist auf Verteidigung ausgerichtet. Sie haben nicht die Ursache gesetzt, aber sind durchaus in der Lage sich zu verteidigen. Doch wäre es nicht konsequent für das eigene Karma auf eine Gewaltanwendung, zu verzichten, um dann in der nächsten “Episode” auf einem neuen höheren Level, weiterzumachen?
Im christlichen Glauben sieht es nicht viel anders aus. Einerseits soll man nicht töten und im Zweifel die andere Wange hinhalten, andererseits ist die Rede von Auge um Auge, Zahn um Zahn. Im alten Testament ist eine Menge legitime Gewalt geschildert. Hauptsache, Gott hatte sie irgendjemand befohlen. Dann ging es immer richtig zur Sache. An sich eine schlüssige Konzeption. Was man auch bei ein paar tausend Jahren Entwicklungszeit erwarten darf. Töte ich konsequent alle, die sich nicht an die Vorgabe Pazifismus halten, setze ich alles wieder auf Null. Sollte ich es als Laie in Sachen Christentum richtig verstanden haben, läuft es in der Bibel darauf immer hinaus. Beim Propheten Hesekiel spricht Gott von all dem Gräuel und fordert, dass alle, die damit ein Problem haben, gekennzeichnet werden sollen und alle ohne Zeichen im Nachgang erwürgt werden müssen. Warum nicht alles belassen, wie es ist und den Job Satan in der Hölle überlassen. Ja, ich weiß, die Hölle ist eine recht späte Erfindung des Christentums und der Teufel, Luzifer, der gefallene Engel, noch später. Wie einfach hatten es da doch die Wikinger? Ein ordentlicher Tod im Kampf war eine gute Sache. Die Griechen setzten auf die Nachkommen. Bei der Erzählung über die Irrfahrten des Odysseus tröstet Achilles den Helden in der Unterwelt mit dem Hinweis, dass die Lebenden respektvoll über ihn sprechen. All dies scheinen mir Ideen von Typen zu sein, die irgendwie den Krieg, den keiner wirklich wollte, schmackhaft zu machen. Da fand ich die Episode bei Sketch History, in der Alexander der Große versucht seine Armee zu motivieren, während die nicht so richtig wollen, ziemlich amüsant. Machen wir uns nichts vor, wenn um Dich herum die ersten Leichen verwesen, Leute mit heraushängenden Gedärmen unter Stöhnen verrecken, gehen Achilles die Argumente aus.

Ich habe mir zu diesen Ungereimtheiten meine eigene These zu Recht gelegt. Buddha soll zu seinen Schülern gesagt haben, dass sie die Letzten wären, welche seine tatsächlichen Worte zu hören bekommen. Später werden sie aufgeschrieben werden und jeder fügt seine Interpretation hinzu oder ergänzt im eigenen Sinne. Selbst wenn er es nicht gesagt haben sollte, hat der Urheber dieser Worte Wahres gesprochen. Immer, wenn etwas nicht mit der Grundidee zusammen passen will, besteht der Verdacht einer nachträglichen Änderung. Selbst Buddha, der Lehrer, war nicht frei von Zwängen. In einem hinduistisch geprägten Gesellschaftsgefüge radikal alles auf den Kopf zu stellen, wäre äußerst unklug gewesen. Seine Botschaften wären in Empörung untergegangen.

Die Nummer mit dem Sterben, vor allem im Krieg, und den Religionen ist ohnehin eine eher zweifelhafte Angelegenheit. Wenn es mir zu Lebzeiten dreckig geht, alldieweil sich eine wenige ein gutes Leben gönnen und dafür über Leichen gehen, wird mir unterdessen eine bessere Zukunft im Jenseits vorausgesagt, während der sündige “Brutalinski” oder “Despot”, nach seinem Tod in der Hölle schmort, riecht verdächtig nach einer Konstruktion, die von Typen erfunden wurde, welche zu Lebzeiten unbehelligt andere ausbeuten wollten. Im Ursprung nachvollziehbar. Wenn ich als Sklave (Hebräer/Ägypten) geboren werde, brauche ich irgendetwas, woran ich mich hochziehen kann. Später kam dies einigen sehr entgegen (Absolutismus/Katholische Kirche).
Der Buddhismus erscheint einem auch erstmal ziemlich suspekt. Nichts zu besitzen, soll besser sein als Reichtum? Klingt erst einmal nach Christian Lindner & Friends, weil sie damit dem unvermögenden Pöbel die Lebenssituation attraktiv machen wollen, während sie sich mit kreativen Wirtschaftsmodellen bedienen. Wenn man etwas tiefer einsteigt, wird es logisch. An vergänglichen Dingen festzuhalten und das Leben an ihnen auszurichten, führt zwingend zu einer Frustration (Leid), die spätestens mit der konkreten Erkenntnis, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, eintritt.
Hinzu kommt, dass viele Kulturen in Abwandlungen die Weisheit “Wer Wind sät, wird Sturm ernten!”, kennen. In Asien heißt es: “Wer einen Mangobaum pflanzt, darf keine Bananenstauden erwarten.”

Der Übeltäter mag ja glücklich sein, solange er nicht erntet, was er gesät hat, aber sobald es ans Ernten geht, übermannt ihn der Kummer. Der Gute mag ja leiden, solange er nicht erntet, was er gesät hat, aber sobald es ans Ernten geht, übermannt ihn die Freude.
buddha mudra mara
Siddhartha Gautama, Buddha
Aus dem Dhammapada

Voreilig auf Pazifisten zu schimpfen ist demnach ein unüberlegter Schnellschuss aus der Hüfte. Spirituell wird es zu einer ziemlich komplizierten Angelegenheit. Zu welcher Überzeugung kommt man? Einen feuchten Dreck darauf, wenn mich jemand tötet? Wir werden sehen, was danach passiert? Hat jemand mit einer spirituellen Einstellung, jenseits der Griechen, Römer, Wikinger u.a., auf das richtige Pferd gesetzt, ist Putin sozusagen richtig am Arsch. Entweder hat er in der nächsten Episode innerhalb des Universums eine richtig miese Zeit oder in der Vorstellung eines Hieronymus Bosch, eine sehr lange BDSM-Nummer vor sich, die ihm wenig Spaß bereiten wird.

Im  Krieg zu sterben, gewalttätig, vor Ablauf der natürlichen/schicksalhaften Ablaufzeit, kommt immer mit der Erklärung eines Sinns daher. Auch eins dieser Wörter, mit denen ich ein wenig hadere. Im Besonderen gilt dies für den Sinn des Lebens. Wer soll darüber bestimmen, was einen Sinn stiftet und was nicht? Und wird meine Existenz sinnlos, wenn ich mit meinem Leben nicht den Vorgaben entspreche? Ein wenig griffiger ist der Zweck. So oder so müssen Kriege seitens desjenigen, welcher in den Krieg ziehen will, begründet werden. Man stirbt für die Freiheit, um einen oder eine Wahn|sinnige zu stoppen, einen Irr|sinn zu beenden oder das eigene Volk gegenüber einem anderen Volk zu verteidigen (anders: eine Gemeinschaft von x-Mitgliedern der Spezies Homo sapiens gegen eine andere Gemeinschaft von x-Mitgliedern derselben Spezies). Ganz abstrakt wird es, wenn das Vaterland und Schutz desselben herangezogen wird. Ein Gedankenkonstrukt, welches meiner Auffassung nach, vollkommen daneben ist. Es stammt noch aus der Zeit, in der der besetzte Boden die Einnahmequelle für Klerus und Adelige war. Ob nun durch Zufall oder eine Fügung des Universums in Verbindung mit angenommen inneren Regeln, habe ich mir die Geburt an einer konkreten Stelle des Planeten Erde nicht ausgesucht. Erweitert gesehen, gilt dies auch für den Planeten.

Der Erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen: “Das gehört mir” und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Morde, Kriege, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand seine Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: “Hütet Euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren,
wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemanden gehört.”


Jean-Jaques Rousseau, * 26.6.1772 in Genf; † 2.7.1778
französischsprachiger Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher

Rousseau gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der Französischen Revolution. Heutzutage würden sie ihn als Linksextremisten einordnen. Die “Heilige Schrift” des Kapitalismus, Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, wurde noch zu Lebzeiten Rousseaus von Adam Smith 1776 veröffentlicht. Es ist interessant, wie weit einige am Vorabend der Revolution waren und wem am Ende zugestimmt wurde.

Was scheren mich die Interessen eines Kaisers, Königs, Diktators oder des Managers eines Konzerns? Nehmen wir an, dass der Ukraine-Krieg sich ausweitet und der Dritte Weltkrieg ausbricht, wofür sollte ich kämpfen? Für die Freiheit? Werde ich getötet, hat sich das Thema für mich ultimativ erledigt. Für die Freiheit der anderen? Erstens, was hab ich damit zu tun und zweitens, haben große Teile ohnehin merkwürdige Vorstellungen von Freiheit. Für die Freiheit meiner Nachkommen? OK, da ist eine Klippe. Fraglich ist, ob mein Kampf wirklich zu Freiheit führt oder einfach nur einigen anderen, die auch nichts davon halten, Vorteile verschaffen.

Der Krieg, derzeit noch in der Ukraine, bringt existenzielle Fragen mit sich. Wir schauen auf einen Diktator mit imperialistischen Ideen. Ein Thema, das nie vom Tisch war. Nicht nur Putin trauert einem Imperium nach. Konservative Briten sind traurig, die Franzosen ebenso, mongolische Rockbands sinnieren in Texten darüber, was eigentlich schiefgelaufen ist, Chinesen aus der politischen Führung hätten gern ihr altes Reich in Gänze zurück, die USA, ehemals selbst Kolonie, würden gern, wenn es nach den Republikanern geht, ihren Großmacht-Status behalten, die Türken, insofern sie Anhänger von Erdogan sind, trauern ebenfalls, und bei einigen Deutschen bin ich mir nicht sicher. Zumindest bin ich mir nicht klar darüber, ob es eine gute Idee anderer europäischer Staaten ist, von Deutschland eine Führungsrolle einzufordern. Von der grundlegenden Mentalität her können wir das. Allein schon sprachlich und via Sprachmelodie (Schwaben ausgenommen) sind wir militärisch klar im Vorteil. In keiner anderen europäischen Sprache klingen Befehle so überzeugend, wie auf Deutsch. Aber gleichzeitig ist Deutsch eine sehr präzise Sprache. Was einem bei Befehlen entgegenkommt. Paradox ist dabei, dass sie damit auch der Philosophie zuträglich ist.

Imperialismus ist aktuell eine durchaus nachvollziehbare Idee. Die Ressourcen werden knapp, der Hunger nach Energie steigt ins Unermessliche und um innerhalb der sich abzeichnenden Klimakatastrophe überlebensfähig zu bleiben, braucht es Technologie, Rohstoffe, Energie und profane Landgebiete, die entweder ausgebeutet werden können oder sichere Transportwege für kostbare Güter gewährleisten. Die Alternative wäre eine sich einig werdende Weltgemeinschaft. Ich nehme an, den Glauben haben nahezu alle aufgegeben. Allerdings muss ich für mich sagen, dass ich hierfür tatsächlich zur Waffe greifen würde. Für das, was sich aktuell abzeichnet, eher nicht.

Ferndiagnosen funktionieren in der Regel nicht. Aber man kann es trotzdem versuchen. Zumindest ist es nicht verboten. Putin ist ein Mensch mit einem Großhirn. Also, was geht da vor? Pazifist ist er schon einmal nicht. Die Antwort hat er gegeben. Ich denke, er glaubt an eine globale Lösung so wenig wie ich. Ich gehe davon aus, weil er ein intelligenter Mann ist, gibt er nichts auf diese ganzen Klimaleugner. Ist er ein spiritueller Typ? Glaube ich persönlich nicht. Eher sieht er Religionen, spirituelle Betrachtungen als etwas für Leute an, die sich nicht der Lebensrealität stellen wollen. Ich denke, er gibt auch nicht sonderlich viel auf das Leben anderer Menschen. Jeder, der sich zur verfügbaren Masse machen lässt, ist in seinen Augen selbst schuld. Jetzt in diesem Moment habe ich ihn gerade als nackten Mann, ohne all den ganzen Mist, den man ihm unvorsichtig in die Hand gab, vor Augen. Denn das ist Krieg. “Arschloch, Du willst mich umbringen? Zeig mal, was Du drauf hast!” Das ist die Dschungel-Lage! Versuch ich Kontakt aufzunehmen? Werden wir uns irgendwie einig? Oder geht es wirklich nur ums gegenseitige Töten?

Menschen ist in solchen Momenten seit Urzeiten eine Menge durch den Kopf gegangen. Was ist die beste Strategie? Lange, hat bestimmt funktioniert: “Alter, ich will auch nur leben!” An der Front in der Ukraine passiert dies mit Sicherheit auch. Aber nicht bei einem Biden, einem Putin oder einem Xi Ping. Die leben in einer anderen Welt, die ihnen das Großhirn suggeriert. Jeder Schritt nach weiter oben bedeutet mehr Abstand vom anfassbaren Leben. Blut hat einen Geruch, Leben, was aus den Augen weicht, kann man sehen, Schreie kann man nicht ignorieren, den vorwurfsvollen Blick, der bedeutet, was machst Du mit mir, wird man nie wieder los. Es sei denn, man hat zugelassen, dass ein paar Aspekte, die den Menschen ausmachen, abgeschaltet wurden. Aber dann sei die Frage erlaubt, ob man dann noch die Bezeichnung “Mensch” verdient?

Ich persönlich bin dem Bundeskanzler, den ich nicht gewählt habe, für seine als zögerlich betrachtete Haltung dankbar. Eskaliert alles in einen konventionellen Krieg, was nicht realistisch ist, würde er nicht darin kämpfen. Kommt es zu einem nuklearen Krieg, stirbt er ein paar Monate nach dem gemeinen Volk. Steht einem ein Homo sapiens gegenüber, der das Großhirn nicht übermäßig nutzt, ist grundsätzlich der erste Schlag eine gute Idee. Trage ich die Verantwortung für ein ganzes Volk, sollte ich einen Gedanken mehr verschwenden. Denn dann gehen eine Menge Menschen in den Tod, die ich nicht einmal kenne. Putin hat sich von den Möglichkeiten des Homo sapiens verabschiedet. Er wird seine Gründe haben. Spirituell muss ich mir von ihm nicht aufs Auge drücken lassen, wo ich stehe. Dies gilt auch für die Ethik. Hätte ich die Möglichkeit, Gelegenheit und eine 9 mm zur Hand, gäbe es für mich auf seine Person bezogen kein Problem. Aber was kann Andrej, 25 Jahre, russischer Bürger, dafür?

In den letzten Tagen melden sich vehement diejenigen zu Wort, die es angeblich schon immer besser wussten. Putin wäre schon immer ein Potentat, Diktator, Despot, mit imperialistischen Zielen gewesen, und die “Dummen” hätten dies nur nicht erkannt. Es sei ein Fehler gewesen, mit ihm Verträge im Sinne der von Kanzler Schmidt geprägten Worte an Jimmy Carter:  “Wer miteinander Handel treibt, schießt nicht aufeinander!”, einzugehen. Rückblickend sei bereits die Ost-Politik von Kanzler Willy Brandt ein Schritt in die falsche Richtung gewesen.
Allen, die da so reden, unterläuft ein Gedankenfehler. Zu jeder Entscheidung gibt es sogenannte alternative Pfade. [1]Rolf Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens, 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen, dtv-Verlag, 2014, S.57, der Rückschaufehler, engl. hindsight bias Niemand kann auch nur ansatzweise mit Sicherheit sagen, wohin andere Entscheidungen geführt hätten bzw. wohin die alternativen Pfade geführt hätten. Die Kritiker setzen sich rückwärtig in die Position eines perfekten Prognostikers oder Propheten. Die damaligen Entscheidungen waren getragen von der Hoffnung, dass sie Gutes bewirken und schlechte Verläufe, wie einen erneuten Krieg, verhindern. Keiner kann sagen, ob andere Optionen nicht bereits vor 20 Jahren in einem Weltkrieg gemündet wären. Unter Umständen hätte es keine Wiedervereinigung gegeben? Oder die Wirtschaft hätte sich vollkommen anderes entwickelt. Die einzige existente Realität findet jetzt in diesem Moment statt. Selbstredend gilt dies für ebenfalls für die NATO-OST Erweiterung und die damit in Verbindung stehenden Verträge. 

Aus guten Gründen lassen sich Zukunftsforscher und ganz nebenbei auch gute Einsatzleiter nicht auf Prognosen ein, sondern Szenarien, in denen die wahrscheinlichsten Ergebnisse aufgestellt werden. Für den Ukraine-Krieg habe ich dazu auf der Seite des stark von der Spieltheorie geprägten Zukunftsinstituts 8 mögliche Szenarien gefunden. [2] Future War: 8 Szenarios über den Ausgang eines unvorhersehbaren Krieges, https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/szenarien-ukraine-krieg-matthias-horx/ , . Interessant ist dabei, dass im Netzwerk des Instituts Prof. Christian Riek mitwirkt, dessen YouTube-Channel “Spieltheorie” ich in meiner Link-Liste habe. [3]https://www.youtube.com/channel/UCSExr_QUT6h-4sGW5hGjrCA Vor dem Ukraine-Krieg kam er zum Ergebnis, dass Putin den Krieg nicht führen wird, weil der Krieg ein “dummer” Spielzug ist. Allerdings wurde er damit nicht zum Scharlatan, da er immer wieder betont keine Prognosen zu erstellen, sondern Szenarien analysiert.

Im März analysierte er die öffentlich übelst bepöbelte Aussage des Philosophen Precht, in der er die Aufgabe der Ukraine als eine Option darstellte. Es ist und bleibt ein denkbares Szenario. Aber rational ist es nur bei zwei Annahmen zu favorisieren. 1. Russland gewinnt auf kurz oder lang den Krieg. 2. Bei einer Kapitulation lässt Putin die Bevölkerung in Ruhe. Im Falle eines sich anschließenden Terrorregimes (wovon ich persönlich ausgehe), scheidet die Kapitulation aus.

In die Kategorie Denkfehler fällt für mich auch die Aussage, dass “Schwere Waffen” zu einer Provokation führen, die Putin zum Anlass für einen Atomschlag nehmen könnte. Nicht seine Gegner bestimmen, was eine Provokation ist, sondern er ganz alleine. Fraglich ist, wie er sie anderen in seinem Umfeld überzeugend verkauft. Ob ein Justizminister Buschmann, FDP nach rechtlicher Prüfung meint, dass die Lieferung der Waffen völkerrechtlich gedeckt ist oder nicht, geht einem Putin am bekannten Allerwertesten vorbei. Wie seine Haltung zu Völkerrecht ist, hat er brachial bewiesen. Zumindest ist zu Bedenken, dass die Lieferung als ein möglicher Anlass geeignet ist. Allerdings kann genauso gut angenommen werden, dass Putins Masterplan ohnehin die Eskalation in einen Atomkrieg ist oder blufft. Wir wissen es nicht.

Das Gebaren einiger Politiker finde ich nicht sonderlich hilfreich. Die Situation ist kein Brettspiel zur Unterhaltung gelangweilter Vorstädter in Einfamilienhäusern. Überall läuft alles auf Hochtouren. Die Nachrichtendienste, ihre Berichterstatter, Analysten, arbeiten Rund-um-Uhr. Ein Heer von hoch qualifizierten Beratern aus den militärischen Bereichen, den Think-Tanks, erarbeiten verschiedene Szenarien und versuchen zu ermitteln, wie man hierauf am erfolgreichsten reagieren kann. Wer glaubt, dass ein Kanzler oder andere Regierungsführer einsam und alleine ihre Ideen umsetzen, ist naiv. Dem normalen Volk sei dies zugestanden, aber nicht Politikern und schon gar nicht, die Manipulation für irgendwelche Machtspielchen. Keiner von den Gegnern Putins ruft ihn einfach mal an und reist ohne Absprachen nach Russland. Gleichsam trifft Deutschland die Entscheidung über die schweren Waffen nicht ohne Absprache mit den NATO-Partnern. Was wäre, wenn die für den Fall eines Übergriffs auf andere Staaten in den Vorhalt genommen werden? Jeder, der mal in einem Führungsgeschehen involviert war, weiß um die Rollenverteilungen. Eine pöbelt, ein anderer macht auf verbindlich, die nächste gibt die Verständnisvolle, alles orchestriert für ein gemeinsames Ziel. Wenn Scholz weniger Präsenz zeigt, wird dies Gründe haben.

Ich habe bei Putin einen Eindruck, der den Pazifismus gegenstandslos werden lässt. In meinen Augen ist er kein politisch denkender Mann, sondern mich erinnert er an einen Schwerkriminellen. Was wäre zum Beispiel, wenn er tatsächlich Anschläge initiierte, bei denen russische Bürger starben und die dann den Tschetschenen untergeschoben wurden? Was, wenn die Welt es bei Putin mit einem Psychopathen zu tun hat, der keinerlei Skrupel, Hemmungen oder irgendetwas in dieser Richtung empfindet? Da bleibt jedem von uns nur noch die spirituelle Sicht und die sich daraus ergebende Frage: Was lade ich auf mich, wenn ich töte?
Einem Politiker kann man mit Geld, Staatsbankrott, die Aussicht auf die Vernichtung des eigenen Volkes kommen. Doch was war z.B. mit Adolf Hitler? Der war vom Volk enttäuscht und kam zum Ergebnis, dass es dann auch keine Überlebensberechtigung hat. Es sind keine einfachen Zeiten angebrochen. Am Ende bleibt dem “normalen” Menschen nur das hilflose Zusehen und darauf zu hoffen, dass nicht das 8te Szenario [4]Das Ende der Welt oder: Das UnvorstellbareEin lang anhaltender Mehrfrontenkrieg bricht aus, der sich atomar hochschaukelt.Große Teile des eurasischen Kontinents und Amerikas werden … Continue reading eintritt.
Zumindest sollte man dies berücksichtigen.

Quellen/Fußnoten

Quellen/Fußnoten
1 Rolf Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens, 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen, dtv-Verlag, 2014, S.57, der Rückschaufehler, engl. hindsight bias
2 Future War: 8 Szenarios über den Ausgang eines unvorhersehbaren Krieges, https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/szenarien-ukraine-krieg-matthias-horx/ ,
3 https://www.youtube.com/channel/UCSExr_QUT6h-4sGW5hGjrCA
4 Das Ende der Welt oder: Das Unvorstellbare
Ein lang anhaltender Mehrfrontenkrieg bricht aus, der sich atomar hochschaukelt.
Große Teile des eurasischen Kontinents und Amerikas werden verwüstet,
200 Millionen Menschen sterben sofort, weitere 300 Millionen an Hunger
und den Folgeschäden. Trotzdem stirbt die Menschheit nicht aus, Afrika
und Südamerika, China sowie die pazifischen Räume sind weitgehend
verschont geblieben. Im Jahr 2035 eröffnet Elon Musk die erste Aussiedler-Stadt auf dem Mars mit dem Namen Newkrainehttps://www.zukunftsinstitut.de/artikel/szenarien-ukraine-krieg-matthias-horx/ , abgerufen am 19.4.2022, 23:00 Uhr
April 11 2022

Schweigendes Beobachten

Lesedauer 5 MinutenEs gibt einen Typen, den ich seit Jahren immer wieder in einem meiner bevorzugten Lokale treffe. Wir beide kennen uns bereits aus der Schulzeit. Ich hab ihn immer als einen Sonderling wahrgenommen. Letztens änderte sich dies. Ich war losgezogen, weil mir die Decke auf den Kopf fiel. All die Nachrichten, das Geschehen um mich herum, trieben mich heraus. Der Laden war voll und er konnte sich nicht an seinen Stammplatz setzen. Dort sitzt er jeden Abend nach seinem Feierabend. Er arbeitet in einer Pflegeeinrichtung für Leute mit geistigen Einschränkungen und Menschen, die mit einer Trisomie 21 (Down-Syndrom) geboren wurden. Der Eindruck Sonderling bezieht sich darauf, dass er nahezu nicht spricht. Meistens sitzt er schweigend mit seinen drei bis vier Weizen am Tisch. Einmal gelang es mir in all den Jahren ihn aus der Reserve zu locken. Aus einem Gespräch mit anderen Leuten ergab sich, dass er einen Verwandten erwähnte, der über Jahrzehnte hinweg einen kleinen festen Kreis mit Marihuana versorgt hatte, bis eines Tages die Kripo vor der Tür stand. So oft kommt es nicht vor, dass richtig alte “Kiffer”, die sich quasi seit den 70ern gegenseitig versorgen, in Schwierigkeiten geraten. Zerknirscht musste ich zugeben, dass ich bei der Aktion beteiligt war. Nicht unbedingt eine meiner Sternstunden. Mit taten die Typen damals leid. Außerdem fühlte ich mich äußerst deplatziert. Deshalb konnte ich mich an die Geschichte erinnern. Sie gehört zu den kleinen Bausteinen eines Gesamtbilds, was mich an einigen Sachen zweifeln ließ. Jedenfalls taute er auf und ich bekam die Geschichte hinter der Geschichte zu hören.m

Zurück zu dem Abend. Ich weiß nicht, was es war. Aber irgendetwas in seinem Blick, mit dem er die anderen Gäste beobachtete, berührte mich. Plötzlich verstand ich all seine Schweigsamkeit. Quer durch den Raum trafen sich unsere Blicke. Es war einer der Momente, wo man ganz genau weiß, was der andere gerade denkt. Eigentlich wollte ich es dabei belassen. Ich setzte mich zu einigen Leuten an den Tisch, die ich mehr oder weniger flüchtig kenne. Nach einer Weile setzte sich ein Paar an den Tisch, die ich bis dahin nicht kannte. Das Gespräch kam auf Corona und der Unbekannte meinte, dass viele die Quarantäneregelung ausnutzen würden und sich eine Art Urlaub verschafften. Ich fragte ihn nach seinem Beruf. Ausnahmsweise hatte ich es nicht erahnt. Es lag vermutlich an der Umgebung, die früher eher nicht von Polizisten privat besucht wurde. Kurz um: einer von der Kripo. Ich ließ ihn nicht auflaufen und sagte ihm, dass ich pensioniert wäre. Gleichzeitig hielt ich ihm entgegen, dass jeder mein vollstes Verständnis hat, wenn er diese Karte zieht. Zumal ich es noch so kenne, dass sich die meisten halbtot zum Dienst schleppen und dann alle anderen anstecken. Das Thema wechselte schnell. Eine junge Frau beklagte sich über einen Nachbarn, der sich daneben benimmt und außerdem dealt. Sie wohnt nicht gerade in der besten und teuersten Gegend. Es ist mehr eine dieser Hochhaussiedlungen, in der sich mehrere hundert Jahre Knast zusammenfinden. Bereits früher vertrat ich den Standpunkt, dass es mit den Mengen und dem Geschäftsmodell nicht weit her sein kann, wenn ein Dealer dort wohnt und am besten noch mit einem Auto unterwegs ist, welches an der nächsten Ecke auseinanderfällt. Deshalb fragte ich nach, ob sie es wirklich für eine gute Idee hält, einen Polizisten, der privat unterwegs ist, damit zu belagern. Zumal sie äußerlich auftritt, als wenn sie normalerweise nicht wirklich etwas gegen Leute hat, die sich mit Kleinkram über Wasser halten.

Ich suchte mir einen anderen Platz. Im Laden war ein anderer aufgetaucht, den ich einen Winter zuvor kennengelernt hatte. Ein Italiener, der sich nach einer harten Zeit zeitweilig als Straßenmusiker und später als Lagerarbeiter durchschlug. Langes schwarzes Haar, jede Menge Nieten und eine Lederjacke, der klassische Heavymetal Fan. Zu ihm hatte sich ein schwäbischer Straßenmaler gesellt. Eigentlich hatte er gute Sachen zu sagen. Doch leider tat er dies in der typisch nasalen aufgeklärten Art, die jeden weniger “Aufgeklärten” zum Rennen bringt. Ich fragte ihn, wie er als älterer gestandener Straßenmaler mit internationaler Erfahrung auf diese neue 3D-Techniken reagieren würde. Darüber war er erstaunt, weil ihn dies wohl noch niemand außerhalb der Szene gefragt hatte. Dabei fand ich die Überlegung naheliegend. Davon zu leben ist ohnehin hart, aber dann kommen die Youngsters daher und machen es noch schwerer. Aber man kann das wohl recht zügig erlernen, weil es dafür in Quadrate aufgeteilte Vorlagen gibt, an denen man sich orientieren kann.

Auch dieses Gespräch verlief sich irgendwie. Wie auch immer es kam, stand ich später neben meinem schweigsamen Bekannten: “Sag mal, Du siehst jeden Tag eine vollkommen andere Lebensrealität, als die Menschen, die sich hier sammeln und dennoch gibt es viele Gemeinsamkeiten. Die hier verpacken alles anders, aber letztlich sind sie genauso unterwegs, wie die von Dir betreuten. Dann kommst Du her, siehst Dir den Zirkus an und denkst Dir einfach Deinen Teil. Warum sprechen? Sie würden es ohnehin nicht kapieren, oder?” Seine Antwort war ein Grinsen. In diesem Moment überkam mich beängstigender Gedanke. Ich sah ihn an und fügte hinzu: “Ich habe echt Sorge, genauso zu werden.”
Ich ließ den Blick nochmals schweifen. Als ich vor Corona in Südostasien unterwegs war, ging es mir gut. Ich traf auf Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und vor allem Biografien, Sichtweisen, Ansätzen, die wohltuend anders waren. Im Prinzip stellten sie dar, was mir mal unter dem Begriff alternative Pfade begegnete. Man wählt unter mehreren möglichen Wegen einen aus. Wo einen die anderen hingeführt hätten, kann man erahnen, aber nicht wissen. Bei der Auswahl orientiert man sich häufig an den Beschreibungen, Warnungen, Prophezeiungen anderer. Und je mehr die alternativen Strecken als schlecht, unwegsam, oder als Irrwege dargestellt werden, die einen nicht dort ankommen lassen, was als das richtige Ziel erachtet wird, um so geringer wird die Vielfalt.
Gleichsam hat es mit einer Risikobewertung zu tun. Manchmal ist es das, was den Unterschied zwischen einem Kriminellen und einem “rechtschaffenden” Bürger ausmacht. Eine Straftat, die einen lukrativen Gewinn verspricht, kommt stets mit einem Risiko daher. Komme ich durch, habe ich in kürzester Zeit soviel Geld ergaunert, wie ich mit 15 Jahren ehrlicher Arbeit nicht verdienen werde. Kriegen sie mich, komme ich eventuell nie wieder auf die Beine. Meinem Erleben nach ist es häufig mit der Moral nicht weit her. Lange Zeit habe ich Leute gefragt, warum sie nicht stehlen. Meistens lautete die Antwort: “Weil es verboten ist!” Sehr selten kamen moralische oder ethische Erwägungen. Ich erinnere mich auch an die Sympathien, die einem Arnold Funke, besser bekannt unter dem Namen “Dagobert” entgegenschlugen. Ich gebe zu, dass ich auch Favoriten habe. Die Typen, welche damals die Rohrpost der Spielbank anzapften und niemals geschnappt wurden, hatten echt Stil.
Es ist auch der Unterschied zwischen einem jungen Mann oder Frau, die/der sich für eine Beamtenlaufbahn entscheidet. Jahrzehntelang geregelte Armut, mit der Aussicht nach hinten raus auf der sicheren Seite zu sein oder sich zum Beispiel selbstständig zu machen und eine Chance zu haben, damit den großen Wurf zu landen.
Von dort aus, wo ich stand, sah ich nur Menschen, die auf einem Weg unterwegs waren. Manche am Anfang, die meisten irgendwo auf halber Strecke, wenige am Ende.

Sie glauben alle an ihre Unterschiede. Manche sehen sich als Rebellen, die alles ganz anders machen. Dabei ist das eine Falle. Am Anfang dieses Weges gehört das Auflehnen dazu. Nicht zu heftig, weil dann das Risiko ansteigt. Aber was soll schon mit ein wenig provokativen Aussehen, einem Motto-Shirt, ein wenig Körpermodifikation und Rezipieren von ein wenig Untergrundkultur passieren?  Später kann man sich damit brüsten, nicht immer ein etabliertes Leben geführt zu haben, sondern wie alle anderen, die in der Jugend etwas auf sich hielten, dagegen gewesen zu sein. Genau genommen haben sie nicht bemerkt, dass diese Rebellion für andere ein Geschäftsmodell ist, welches sie ein Leben lang begleiten wird. Wo sind die großen Unterschiede zu denen, die sich in ihrer Einfachheit nicht in die großen theoretischen Rechtfertigungen und Erzählungen ergehen können? Es bleibt ein betreutes Leben auf einem vorgezeichneten Weg.

Ich kritisiere dies nicht. Da stände ich mit meiner Biografie auf verlorenen Posten. Aber ich kann Menschen respektieren und bisweilen auch die bewundern, die einen anderen Weg gehen oder gingen. Wobei ich dabei genau hinschaue, wofür und warum jemand die Risiken eingegangen ist. Doch so oder so, ist es ein Ausbruch aus der Betreuung, das Suchen eines anderen, jenseits des breiten asphaltierten Weges, den die breite Masse geht. Viel zu viele Menschen lassen sich in vorbereitete Gruppen pressen, in denen sie schnell Opfer des Gruppendenkens und der Gruppenmoral werden. Den eingangs erwähnte Bekannten hat das Leben, mehr oder weniger ohne sein Dazutun, außerhalb der ganzen Gruppen gestellt. Deshalb erkennt er, wie sie alle zu Mitgliedern geformt werden, während ausgerechnet seine Schützlinge bedingt durch ihre speziellen Voraussetzungen das Individuelle leben können oder dürfen?

Februar 6 2022

Geht doch erst einmal arbeiten!

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Lesedauer 4 MinutenWenn aktuell in Deutschland Protestaktionen gegen das ausbleibende Umdenken bezüglich des Umgangs mit der Klimakatastrophe und dem Armageddon der Arten auf dem Planeten Erde stattfinden, folgt auf allen Kanälen wütendes Geschrei. “Nicht die richtige Form, falsche Zeit, falscher Ort!”
Hinzu kommen noch Beschimpfungen, die einer alten deutschen Tradition folgen. “Die sollen erst einmal arbeiten gehen, dann würden sie anders drauf sein. Immer diese Ökofaschisten.” In den 60ern – 80ern klang dies ähnlich. In dieser Zeit hieß es: “Diese langhaarigen Gammler sollen mal arbeiten gehen. Wenn es ihnen hier nicht passt, können sie ja zu ihren Kommunistenfreunden rübergehen.” Der Tenor hat sich erhalten. Die früher herum pöbelten, sind meistens bereits Geschichte. Heute sind es ihre Geisteskinder. Manch eine/r mag sich damit unangenehm angefasst sehen, weil sicherlich welche darunter sind, die niemals werden wollten wie ihre Eltern. Dumm gelaufen!

Für mich gibt es drei Positionen.

  • A) Jemand bejaht, dass die aktuelle Entwicklung auf der Erde eine Klimakatastrophe darstellt. Gleichfalls sieht, mit welch rasanter Geschwindigkeit ein Aussterben der Arten vor sich geht und wie desaströs sich die bisherigen Konzepte entwickelt haben. Dennoch besteht eine letzte Hoffnung, mit weltweiten radikalen Veränderungen wenigstens den Prozess deutlich zu verlangsamen, damit auf lange Sicht das planetare System eine Chance bekommt.
  • B) Jemand sieht dies alles, aber schätzt die weltpolitische Lage und die Dominanz der schädigenden Konzepte für derart übermächtig ein, dass sich nichts mehr ändern wird und am Ende in einem Clash mündet, bei dem niemand wissen kann, wie es danach weitergeht. Die Folge ist Resignation.
  • C) Jemand leugnet aus welchen Motiven heraus auch immer den Prozess oder zieht sich alternativ darauf zurück, dass tatsächlich alles passiert, es aber nichts mit dem menschlichen Wirken zu tun hat.

Wer die Position A einnimmt, kann gar nicht anders, als alle Hebel in Bewegung zu setzen und radikale Forderungen zu stellen. Die Zeit für gemäßigte, abwiegende, Verhandlungen und Kompromisse, ist verstrichen. Jeder kann die globale Diskrepanz zwischen Bekundungen und tatsächlichen Handeln sehen. Die Weltmeere werden immer noch kontinuierlich als Müllkippe für Plastikabfälle, Abwässer, Chemikalien und radioaktive Abfälle benutzt. Diese Verunreinigungen kommen zu den bereits bestehenden Altlasten aus den vorhergehenden Jahrzehnten hinzu. Auf dem Festland passiert das Gleiche. Überall wird weiterhin auf die Industrialisierung gesetzt. Insbesondere gilt dies in der Agrarindustrie, was wiederum Zerstörungen durch Pestizide nach sich zieht.
Überdeutlich zeichnet sich ab, dass große Nationen einen globalen Verteilungskampf um die verbliebenen Ressourcen, vornehmlich Fossile, aber auch Bestandteile, die für neue Energiequellen benötigt werden, eröffnet haben. In mehreren Ländern werden längst Pläne erarbeitet, in denen es nur noch darum geht, mit den nach und nach eintretenden Ereignissen der Klimakatastrophe klarzukommen. Hierzu gehört auch das Verlegen von Millionenstädten ins Landesinnere. Letzteres ist ein Argument für die Position B.

Für die Kritiker der Protestaktionen bleiben B und C übrig. Position B hat aufgegeben und will das eigene Leben so gut es geht zu Ende bringen. Das finde ich legitim. Nicht in Ordnung finde ich es, wenn man dann junge Leute beschimpft, die für ihr eigenes noch länger andauerndes Leben kämpfen. Sich über eine Autobahnblockade oder eine Baumbesetzung zu mokieren ist äußerst kleinlich und engstirnig. Ich setze diese Aktionen mal in Relationen zum weltweiten Geschehen. Mitteleuropäer fordern von Südamerikanern einen sorgsamen Umgang mit dem Regenwald, sehen sich aber selbst nicht in der Lage auf ein paar Tonnen Braunkohle zu verzichten. Gleichzeitig konsumieren sie hemmungslos die Produkte, welche auf den Rodungsflächen entstanden. Ganz abgesehen davon, dass die Leute nicht roden, um zu Millionären zu werden, sondern letztlich auch nur leben wollen.
Afrikaner und Inder werden aufgefordert, einen Artenschutz zu betreiben. Faktisch kann eine Elefantenherde die Lebensgrundlagen mehrerer Dörfer mit hunderten Menschen zerstören. Kaum jemand möchte in seinem Vorgarten eine Begegnung mit einem bengalischen Tiger oder einem Leoparden haben. Den Indern muten Europäer dies zu, während zum Schutz niedersächsischer Familien Wölfe abgeschossen werden. Bären und Wisenten ergeht es nicht anders. Sie passen laut Rhetorik nicht in die Kulturlandschaft.
Aktivisten kämpfen auf den Weltmeeren mit allen Mitteln gegen Fischereikonzerne, die mittels gigantischer Schleppnetze alles Lebende töten und am Meeresboden toten Boden hinterlassen. Andere liefern sich regelgerechte Seeschlachten mit illegalen Walfängern, die ebenfalls behaupten, irgendwie überleben zu wollen. Es gäbe noch diverse andere Beispiele. Wir fordern von anderen, vor allem deutlich Ärmeren, sehr viel. Doch wenn es ans Eingemachte geht, ist der Spaß vorbei. Die alte Weltordnung soll weiterhin Bestand haben. Wir, die reichen Mitteleuropäer, leben weiter, wie gehabt und wie üblich sollen die Armen unsere Wäsche waschen. Was ist ein Stau auf der Autobahn im Verhältnis zu dem, was weltweit passiert? Nichts! Und so hart wie es klingt, selbst ein paar tausend Arbeitslose sind nichts im Verhältnis zu Millionen Menschen an Küstenstreifen, die jeden Tag zusehen müssen, wie die Existenzgrundlage zerstört wird. Ebenso nichts gegen Hunderttausende, die ihre Lebensgrundlage, den Fischfang verlieren.

Alles steht und fällt damit, wie viel Abstand man bei der Betrachtung einnimmt. Sehe ich alles nur durch meine Windschutzscheibe o. begrenze mich auf meine Stadt, steigt der Blutdruck, erweitere ich den Blick, komme ich zu einem anderen Ergebnis, welches mich die Aktivisten ganz anders sehen lässt. Position C ist durchschaubar. Fett und rund in die Katastrophe, die Schäden für die Nachkommen sind egal. Die niedrigste Stufe des menschlichen Daseins. Für die Nachkommen nicht zu sorgen, ist eine Frage der Haltung. Mutwillig zum eigenen Nutzen deren Lebensgrundlagen zu vernichten, eine ganz andere Geschichte. Sie unterscheiden sich nicht einen Deut von der Mafia, wenn sie Chemiemüll auf illegalen Deponien entsorgt und billigend die Verseuchung des Bodens mit tausenden Opfern in Kauf nimmt. Womit Position C für mich zu einer kriminellen wird. Mich wundert überhaupt nicht, dass viele mit der Position C auch noch andere kriminelle Handlungen unternehmen.

Dezember 24 2021

Mythen, Urbane Legenden, Desinformation, Propaganda

art coffee business money

Lesedauer 9 MinutenFrüher, kurz bevor die Digitalisierung richtig Fahrt aufnahm, waren sogenannte “urbane Legenden”, “urban legends” o. “hoaxes”, mein Steckenpferd. Es faszinierte mich, woran Zeitgenossen glauben, glauben wollen, welche Funktion diese Erzählungen haben und wer sie sich ausdachte. Manche dienen der Propaganda u. Desinformation. Hier lässt sich meist mit der Frage nach dem Nutznießer die ungefähre Quelle ermitteln. Andere haben einen schlicht bösartigen Charakter, während einige die Funktion der guten alten Schauergeschichten am Lagerfeuer haben. Damals gab es dieses Buch “Die Spinne aus der Yucca Palme”. Allerdings muss man einräumen, dass ausgerechnet die namensgebende Geschichte ein wenig Wahrheit in sich hatte. Immer mal wieder tauchen zumindest in Bananen – Kiste beachtliche Krabben – Spinnen auf. Und wer hätte sich jemals gewagt zu behaupten, dass eines Tages fehlgeleitete Kokain – Pakete im Discounter landen könnten! Und auch, wenn es auch Schauergeschichten sind und waren, haben sie durchaus das Potenzial geschäftsschädigend zu sein.   

Sei es nun die Story, in der Kinder aus dem Bällebad bei IKEA von osteuropäischen Banden entführt werden, auf Marlboro – Schachteln mehrfach der Buchstabe “K” versteckt ist, was Einflüsse des Ku-Klux-Klanes beweisen soll oder Warsteiner im Besitz von Scientology ist, über alles werden die betroffenen Firmen nicht erfreut sein. Gleiches gilt für Pizza – Lieferdienste, bei denen männliche Angestellte angeblich zum Spaß auf die Pizzen ejakulierten. Anmerkung: Letztere Erzählung wurde mir sogar einmal von einem Polizisten präsentiert, der behauptete, die Vorschicht hätte eine Pizza ins Labor gesandt, wo sich dieses bestätigte. Warum indessen die Polizeitechnische Untersuchungsstelle plötzlich innerhalb von wenigen Stunden Ergebnisse lieferte, während sie in Strafverfahren mehrere Tage brauchte, erschloss sich dabei nicht.

Manchmal erfahren die Geschehnisse ein bemerkenswertes Eigenleben. Vor vielen Jahren kursierte ein “Witz”, in dem es darum ging, wie heutzutage Textaufgaben formuliert werden. Inhaltlich ging es um eine Aufgabe, in der ein “Ali” mit einem Dealer über den Preis verhandelte. Vor wenigen Tagen tauchte bei Twitter der Tweet einer empörten Lehrerin auf, in dem sie beschrieb, dass eben genau so eine Textaufgabe an einer Schule aufgetaucht wäre. Eine Legende? Oder hatte sich vielmehr ein Lehrer an den alten Witz erinnert und ihn passend zum Denken einiger Rechtsaußen tatsächlich in einer Mathematik – Klausur umgesetzt? Schwer zu sagen! Ein Hinweis von mir, dass es sich auch um eine Legende handeln könnte, führte erwartungsgemäß zu Entrüstungen. Ohne konkrete Nachfragen an der Schule lässt sich das nicht klären. Rechte könnten dies in Umlauf gesetzt haben, um ein “Seht ihr!”, wo unsere Schulen mittlerweile stehen, unterzubringen o. Aktivisten auf der anderen Seite könnten so den Finger heben und sagen: “Schaut, wie rassistisch es in deutschen Schulen zugeht.” Klar ist, dass Social Media anders funktionieren. Je nach eigener Position wird das Eine oder das Andere als gegeben und bewiesen behauptet.  

Zusätzlich werden ständig neue Begriffe gefunden. Einst sprach man von Moritaten o. Schauergeschichten, die von reisenden Erzählern auf den Dorfplätzen erzählt wurden. Vieles hatte eine gesellschaftliche Funktion, gleichsam in einer Welt ohne Fernsehen, Radio, einen erheblichen Unterhaltungswert. Sollte etwas Politisches erreicht werden, war es Propaganda oder Desinformation. Eine Waffe, die bereits vor tausenden Jahren begleitend zu Kriegen eingesetzt wurde. Gegner werden dämonisiert, entmenschlicht, verunsichert, getäuscht. Aus Propaganda wurde irgendwann Public Relation. Heute wird von Fakenews oder alternativen Fakten gesprochen. Gemeint ist immer das Gleiche. Geht es nicht um die reine Unterhaltung, handelt es sich um zielgerichtete vorsätzliche Manipulation. Die absolute Perfektion ist erreicht, wenn die Menschen nichts mehr glauben können, vollkommen desorientiert sind und alles auch ganz anders sein kann. Dies ist die Sternstunde moderner Nachrichten – u. Geheimdienste im Kampf um die Hoheit über Gesellschaftssysteme. In diesem Augenblick ist es möglich zwischen alledem den gezielten Subtext zu implementieren, der als die Wahrheit erscheint. Ganz vorn sind bei diesem “Spiel” die großen Player USA, China, Indien und Russland. Heutzutage findet kein größeres Ereignis statt, ohne dass passende Offensiven gestartet werden.  

Naturwissenschaftliche Fakten, tatsächliche, theoretisch mit eigenen Augen erfassbare Situationen oder Zustände, bedrohen die Erzählungen und bedürfen daher Gegenmaßnahmen. Interpretationen, Benennung und Erschaffen einer vermeintlichen Beweislage für die Ursachen, Erzeugung von Illusionen, die das eigene objektive Fehlverhalten relativieren bzw. erträglich machen, usw. Die Erderwärmung und die damit in Verbindung stehende Klimakatastrophe, das Artensterben, die Reduzierung der Lebensvielfalt, die steigende Gefahr von Pandemien, das aggressive aufeinander zu treiben der in Nationen organisierten Massengesellschaft, können tatsächlich nur mit alles gravierend verändernden Maßnahmen, die völlig entgegen zur Entwicklung der letzten 300 Jahre liefen, verhindert werden. Etwas, was als Unmöglichkeit angesehen wird. Bestehende Machtverhältnisse, Theorien über die Organisation von Staaten, das bisher entstandene Denkmodell bezüglich Eigentum, Besitz, Wirtschaft, alles würde zusammenbrechen. Man stelle sich vor, es würde über hunderte Jahre eine Maschine gebaut werden, die immer wieder neu konfiguriert wurde, Blutzoll abforderte, Unsummen von Geld kostete und dann am Ende zwecklosen oder gar schädlichen Schrott produziert. Wäre man bereit, sie als einen gescheiterten Versuch, einen grandiosen Irrtum zu betrachten? Eben jenes müssten die Menschen weltweit tun. Einfacher ist es, mittels Propaganda, um den alten Begriff zu benutzen, den Schrott zu etwas dennoch Nützlichen zu deklarieren.

Ich finde nicht, dass bezüglich all der Prozesse, die mit den genannten Begriffen beschrieben werden, etwas schlimmer geworden wäre oder neue Dimensionen erreicht sind. Alles wurde nach und nach perfektioniert und zum anderen hat jeder einmal gestartete Prozess irgendwann Folgen, die Anfangs aufgrund der Komplexität, nicht vorausgesehen werden konnten. Niemand konnte im Altertum wissen, was aus der Idee Münzen zu benutzen werden würde. Unsere Vorfahren, die Sachsen lehnten Geld lange ab. Silbermünzen anderer Völker, z.B. der Franken, zerstückelten sie und orientierten sich am verwertbaren Silber. All die Tüftler, die sich mit der Kraft von Wasserdampf beschäftigten, konnten nicht erahnen, dass sie die Wegbereiter der Industrialisierung sein würden, die maßgeblich ursächlich für die Klimaveränderungen ist. Ebenso wenig war sich ein Edward Bernays, der Urvater der modernen Propaganda bewusst, welches Ausmaß dies alles nehmen würde. Allerdings dürfte ihm spätestens mit der Propaganda von Goebbels bewusst geworden sein, wie katastrophal sich dies entwickelte. Doch er schloss daraus, dass die Techniken der Public Relation, wie er es nannte, auch gegen die Faschisten eingesetzt werden könnte. Interessant wäre, ob er selbst die Ergebnisse der Jetztzeit für notwendig erachten würde. Ich befürchte es. Soweit ich ihn verstanden habe, hielt er nicht viel von der breiten Masse, sondern legte Wert auf die Steuerung durch eine Elite.   

Vieles sind lediglich Abwandlungen alter Erzählungen. QAnon, lässt sich auf einen anonymen Account mit der Bezeichnung Q auf der Imageplattform 4chan zurückführen. Q veröffentlichte ab 2017 dort Sachen, die verdächtig an den älteren von zwei amerikanischen Playboy – Autoren veröffentlichten Illuminatus – Mythos erinnern, dem noch Mythen um Skulls&Bones, Bilderberger – Verschwörung und andere US-amerikanische Fiktionen beigemengt wurden. Die Digitalisierung ermöglicht völlig neue Reichweiten. Alles um Covid-19 gab es ähnlich bereits beim Auftauchen der ersten AIDS – Fälle in Mitteleuropa. Hier mutmaßten einige, dass die Mythen bezüglich einer Züchtung des Virus in amerikanischen Laboren, von russischen Geheimdiensten lanciert wurden. Ein Gegenbeweis liegt bisher nicht vor.

Ich denke, bei all den kursierenden Erzählungen dürfen die gegeneinander arbeitenden Geheimdienste niemals außen vor gelassen werden. Die Destabilisierung des Konkurrenten, war immer ein erklärtes Ziel. Einen anderen Anteil haben Regierungen nach Ausgestaltung, wie sie in Indien zu beobachten ist. Dort hat die Regierung eine eigene Social Media Plattform aufgebaut. Eine große Zahl bezahlter Akteure haben den ganzen Tag nicht mehr zu tun, als “Witzbilder”, die Muslime lächerlich machen sollen, dort und in Messenger Dienste einzuspeisen, mal mehr oder weniger wahre Ereignisse zu pushen oder Regierungsbotschaften zu verbreiten. Oftmals werden diese dann auch in Abwandlungen in die hiesigen Plattformen eingespült.  

Wie gesagt, die absolute Perfektion ist gegeben, wenn nichts mehr glaubhaft ist. Wie soll eine Regierung handlungsfähig bleiben, wenn nichts mehr von einem Mindestvertrauen getragen ist? Einiges hat sich Politik selbst zuzuschreiben. Nicht nur, dass sie sich selbst der Mittel der Propaganda exzessiv bedienen, sondern auch oftmals realen Anlass für Misstrauen lieferten. Seit geraumer Zeit schaufeln die großen Parteien zusammen mit den Newcomern aus dem Lager der Faschisten das Grab der Demokratie, in dem sie mit immer weniger Hemmungen PR Beratern die Wahlkämpfe überlassen.

Mir hat sich schon immer eine weitere Frage gestellt. Erzähler sind die eine Seite, die Zuhörer und Gläubigen, befinden sich auf der Empfängerseite. Warum sind sie bereit auch noch der abstrusesten, absolut haarsträubenden Konstruktion zu folgen? Ein Aspekt ist sicherlich, dass jede halbwegs annehmbare und zur eigenen Auffassung passende Geschichte als eine Art Beweis für den eigenen Intellekt und der damit verbundenen Haltung gesehen wird. Manches eignet sich als Erklärung von Geschehnissen, die eigentlich nicht nachvollziehbar sind oder das Tatsächliche nicht sein darf. Hierzu fallen mir spontan Einzelereignisse bei Terroranschlägen, wie zum Beispiel beim NSU Prozess oder auch Breitscheidplatz ein. Können vermeintlich versierte Ermittler wirklich so unbedarft oder dämlich sein, dass sie derart eklatante Fehler machen, wie z.B. bei der Sicherstellung des Wohnmobils der beiden bisher bekannten Haupttäter der NSU? Ist es wirklich möglich, dass eine Behörde trocken und an ökonomischen Gesichtspunkten orientiert, bei Terror, äußerst sparsam mit Personal umgeht und dabei darauf setzt, dass nichts passiert? Frei nach dem Motto: Wenn wir 10 Jahre Personal einsparen, in dieser Zeit nichts passiert, dann im 11. Jahr etwas geschieht, befinden wir uns ökonomisch auf der Haben – Seite. Wenig hilfreich ist es, wenn z.B. die Berliner Grünen ihr eigenes Süppchen kochen und vollkommen jenseits der Spur behaupten, dass das gesamte Mobile Einsatzkommando vor einem “Besetzten Haus” eingesetzt wurde. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass kein informierter Politiker ernsthaft dieser Meinung ist, also reden wir hier von PR Strategien.

Soll es wirklich so sein, dass ein Wirtschaftsberatungsunternehmen fragt, wie oft Gerätschaften zum Katastrophenschutz eingesetzt wurden und wegen der ausgebliebenen Katastrophe dann alles eingespart wurde? Die Gerätschaften, das Personal, die Strukturen, die dann plötzlich fehlen?
In welchem System lebe ich, der Betrachter, wenn Ökonomie, Statistiken, Ordnungsstrukturen, Haushaltstitel, ganz weit vor dem Menschen kommen? Oder stoisch Geschäftsanweisungen ohne Nachzudenken befolgt werden und Akten vernichtet werden, weil sie halt über dem Vernichtungsdatum sind und keiner Lust, Zeit, Engagement, besitzt, die nochmals alle auf irgendwelche Hinweise zu durchforsten. Was würde ich mir für wilde Geschichten einfallen lassen, wenn die Nummer in die Hose geht? Mir Leute lästige Fragen stellen?

So einfach kann es nicht sein, darf es nicht sein. Da ist es ergiebiger, rechte Strömungen auszumachen, dunkle Hinterzimmer zu wittern, in denen verschlagene Frauen und Männer des Deep State finstere Pläne aushecken. Manch ein “linker” Skeptiker würde durch einige Behörden laufen und nicht mehr die Welt verstehen. Selbst intern kann es dabei zu viel Skepsis kommen. “Ihr wollt mir erzählen, dass ihr konsequent an drei Tagen, immer zum Feierband die Zielperson aus den Augen verloren habt?” Tja, man mag es nicht glauben, aber solche Dinge passieren. Vielleicht ist vieles auch gar kein Rassismus, sondern schlichte Denkfaulheit und dem Umstand geschuldet, dass Akten schnellstmöglich vom Tisch verschwinden, damit es keinen Ärger gibt.

Drum herum Geschichten zu stricken befriedigt die eigene Vorurteilsstruktur, bestätigt, gibt einen Halt im Ungewissen. Wie hart wäre das Leben, wenn der größte Teil der Ereignisse schlicht und einfach passiert, ohne dass jemand bewusst und vorsätzlich die Finger im Spiel hat? Wie soll man das aushalten, wenn man in einer Gesellschaft aufwuchs, in der immer eine oder einer für etwas verantwortlich gemacht wird? Würden alle korrekt ihren Job machen, liefe alles kontrolliert und reibungslos ab. OK, das funktioniert nicht, aber wer will dies wissen? Oder wie blöd wäre es anzuerkennen, dass das eigene Leben, Wohlstand, die Gier, das selbst gewählte System, gleichzeitig für das Negative mitverantwortlich ist? Dann hätte man sich ja das eigene Grab geschaufelt. Wäre auch doof.

Nicht zu verachten ist die eigene Vorstellungskraft. Wäre ich an der einen oder anderen Stelle, würde ich dieses oder jenes tun. Ja! Du! Insbesondere bei Geschehnissen, die Behörden betreffen, wird ein technisches Verständnis, strategisches Denken und Kreativität unterstellt, die dort schlicht nicht anzutreffen ist. Jedenfalls äußerst selten. Immer wenn ich etwas für möglich halte, gebe ich damit eine Auskunft über mich selbst. Ich erinnere dabei an die auf Pizzen ejakulierenden Pizzaboten.

Es wird immer schwerer den Überblick zu behalten und gleichzeitig verlieren immer mehr Menschen die Widerstandskraft. Wem trauen? Was für unwahrscheinlich halten? Vor 20 Jahren hätte ich persönlich einige populär gewordene Akteure außerhalb einer Klinik oder wenigstens komplett sozial isoliert für unmöglich gehalten. Völlig wirres Zeug wird zu einer Meinung deklariert. Bücher mit schrägen Herleitungen landen auf Bestsellerlisten. Wie soll man zwischen Journalisten, die auf der Gehaltsliste von PR-Agenturen stehen von denen unterscheiden, welche ihren Beruf noch ernst nehmen? Wie kann man bei all dem Wahnsinn noch mit Sicherheit sagen, was eine “Urbane Legende” oder wirklich passiert ist?

Eine Taktik könnte sich als nützlich erweisen. Der Schweizer Autor Rolf Dobelli schlägt in seinem Buch die “Die Kunst des digitalen Lebens” eine radikale Lösung vor: den kompletten Verzicht auf das Konsumieren der täglichen kleineren und größeren News und stattdessen eine Konzentration auf lang recherchierte zusammenfassende Leitartikel seriöser Zeitungen. News befriedigen eine Sucht, derer sich wiederum die Manipulatoren bedienen. In eine ähnliche Richtung geht die verstorbene Vera Birkenbihl, die die Fragestellung empfiehlt: Welche Bedeutung hat eine Nachricht für mich? Meistens nicht mehr, als dass in mir niedere Instanzen angesprochen werden. Nicht umsonst wird vieles mit bewegten Bildern unterlegt. Sie sorgen dafür, dass unser Gehirn auf Interesse umschaltet. News sind ein Geschäft, mit denen einige viel Geld verdienen. Welchen Wert haben die letzten Tage eines Wahlkampfs im Hinblick auf die Gesamtleitung einer Regierung? Was interessiert es mich, ob Annalena Baerbock ein gutes oder ein schlechtes Englisch spricht? Es genügt vollauf, wenn ich einen Artikel über die Gelbwestenin Frankreich gelesen habe. Die ständigen Videosequenzen bringen mich nicht weiter.

Alles, was in Boulevardzeitungen steht, ist inhaltsloser verblödender Konsum mit dem geistigen Nährwert eines Fast – Food Burgers. Es ist bezeichnend, dass manche Leute mehr Blut, Verbrechen und Einzelschicksale in der Tagesschau einfordern. Warum einer, eine, wen, wie und warum ums Leben gebracht hat, vergewaltigte, ist vollkommen irrelevant. Flüchtling, Deutscher, Migrant, Schwede oder Nordafrikaner, hat keinerlei Mehrwert für das eigene Leben oder Verhalten. Sollte es ein Außerirdischer sein, gut, dann wird es interessant. Gesetze, politische Linien, entstehen nicht von einem Tag auf den anderen. Um mich darüber zu informieren, reicht ein gut recherchierter Artikel.

So wie es mir frei steht, nicht jede Mode mitzumachen, jedem Trend zu folgen oder mir unnützes Zeug aufschwatzen zu lassen, kann ich auf die News, Legenden, PR Strategien verzichten. In fast jedem Laden werden Dinge präsentiert, bei denen theoretisch die Frage aufkommt: Wer braucht diesen Kram und wozu benutzt man es? Ich kann diese Frage aber auch sein lassen und werde nichts verlieren. Ist es mit den Geschichten, all den blöden Statements nicht genauso? Ob ich nun den Spitzenpolitikern zu höre oder es sein lasse, ist völlig egal. Da steht sowieso nur eine Frau oder Mann, die oder der mir einem Hausierer gleich, etwas aufschwatzen will. Wichtig sind die tatsächlichen Handlungen, Entscheidungen und langfristigen Wirkungen.

Dezember 7 2021

Menschen sind selten dumm

people at a party Lesedauer 4 Minuten

Dumm, blöd, verstrahlt, dämlich, bekloppt, all diese netten Bezeichnungen werfen sich derzeit die Leute an den Kopf. Ich bin kein Freund davon. Sehr wenige Menschen werden mit einem stark abweichenden Leistungsvermögen des Gehirns geboren. Sie kann durch übermäßigen Stress, Erkrankungen oder Alterungsprozess beeinträchtigt werden, aber grundsätzlich liegt bei den wenigsten dort das Problem. Letztlich geht es um die Praxis des Denkens. Aus evolutionären Gründen neigen wir dazu Denkfehler zu machen. Beispielsweise ist unser Gehirn darauf ausgerichtet, Kausalitäten zwischen unterschiedlichen Ereignissen und Wahrnehmungen herzustellen. Das Ergebnis sind dann Geschichten, die wir uns selbst bzw. sich das Gehirn selbst erzählt. Bekommen wir etwas überhaupt nicht einsortiert, wird das Gehirn unruhig und setzt auf Glauben oder auch Erklärungen, die uns andere geben. Kurzum, das Denken und der Umgang mit all den möglichen Fehlern will gelernt sein. Zur Beseitigung der Fehler bedarf es Disziplin, eine Selbstbeobachtung und vor allem auch die Akzeptanz, dass einiges mein Denken lenkt und ich nicht unfehlbar bin.

Es beginnt bereits mit der Überlegung, was ich denn tatsächlich weiß, weil ich es selbst sah und was mir lediglich erzählt wurde. Weiter geht es mit den echten eigenen Erfahrungen und überlieferten. In sehr vielen Lebensbereichen bin ich darauf angewiesen, Menschen, die behaupten von etwas Ahnung und Wissen zu haben, zu vertrauen und ihnen Glauben zu schenken. Jeder hat dabei eigene Präferenzen. Sympathie, vorzuweisende Abschlüsse, Auftreten, Funktion und noch einiges mehr, spielt dabei eine Rolle. Oftmals spielt das allgemeine Menschenbild und die Sicht auf Organisationen, Institutionen oder Firmen eine Rolle. Beispielsweise amüsiere ich mich stets darüber, was Leute den Nachrichtendiensten und deutschen Behörden im Allgemeinen alles zutrauen. Die können niemals dort gearbeitet oder Kontakte gepflegt haben. Allein wenn es um die Geheimhaltung geht, wird es abstrus. Alles woran mehr als fünf Wissende beteiligt sind, ist entweder nur kurzfristig geheim oder schlicht gar nicht. Gerade vor wenigen Minuten hatte ich auf Twitter eine Diskussion, die in die Richtung ging. Die/der Verfasser auf der gegenüberliegenden Seite geht von einer “behördlichen” Steuerung des Reichstagssturms durch “Querdenker”, die dann gar keine waren, aus. Hierzu müsste ein Masterplan bestehen, minuziös von einigen Beamten ausgearbeitet, und dann im Einsatzgeschehen auch noch via einem mit vielen Beamten besetzten Befehlsstab umgesetzt werden. Selbst große Autoren des Thriller – Genre dürften sich daran die Zähne ausbeißen.

Manchmal kann der Misstrauische auch versuchen, der Spur des Geldes zu folgen. Dann aber schlüssig! Eiskalt gedacht verdienen an der Pandemie einige Leute viel Geld. Gut! Daraus würde ein Interesse resultieren, sie so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Impfungen und Kontaktbeschränkungen sind dann eher kontraproduktiv. Vor der Pandemie riet ein Investmentdienstleister in einer Publikation davon ab, in ein Medikament zu investieren, welches den Krankenhausaufenthalt erheblich verkürzt, weil dieser erheblich mehr Profite abwirft. Überhaupt ist mit der kompletten Pandemie keinem wirklich gedient. Ergo verlaufen alle Mythen, die von “dunklen” Mächten im Hintergrund erzählen, im Sande oder widersprechen jeder logischen Überlegung.

Also sind Menschen, die daran glauben, dumme Menschen? Meiner Meinung nach nicht. Sie lassen lediglich in ihr Denken Aspekte einfließen, die sie zuverlässig aufs Glatteis führen. Es gibt so einiges, was einem guten Deutschen in einem zivilisierten, hoch entwickelten Industriestaat nicht widerfährt und wenn doch, muss jemand irgendwo etwas falsch gemacht haben. Epidemien, Naturkatastrophen, mit Millionenschäden, passieren anderswo, aber nicht bei uns. Meist folgt der Kommentar: Wo leben wir eigentlich mittlerweile? Ich würde mal behaupten auf einem Planeten, auf dem sich die Spezies Homo sapiens immer mehr in Massengesellschaften organisiert. Gleichzeitig spielen Entfernungen kaum noch eine Rolle. Hinzu kommt, dass der Mensch sich immer mehr rücksichtslos ausbreitet, vernichtet und versucht zu kontrollieren, was er am Ende nicht kontrollieren kann. Sich hierbei Deutschland als kleines gallisches Dorf vorzustellen, mag anheimelnd sein, funktioniert aber nicht. Jeder ist ein Teil des Ganzen und das Ganze ist damit auch Teil von jedem, dies gilt für die oder den Einzelnen, wie auch für ein Land auf der Erde, daran ändern auch nichts kleine bunte Linien auf der Karte.

Deutsche im 21. Jahrhundert sind es zu großen Teilen gewohnt, ungehemmt an der Spaßgesellschaft teilhaben zu können. Konsum wird nicht durch Vernunft reguliert, sondern mittels der vorhandenen finanziellen Mittel. Freiheit wird als etwas Grenzenloses gesehen, auf die jeder Anspruch hat und erfährt Beschränkungen durch Autoritäten, die Gesetze erlassen, die Pubertierenden gleich, ausgelotet, kreativ interpretiert und umgangen werden. Die Mehrheit benimmt sich tatsächlich wie kleine Kinder, die alles andere als dumm sind, aber es halt häufig noch nicht besser wissen können. Die Verbote der Erwachsenen sind gemein und unfair. Im Alltag sind es die staatlichen Institutionen oder neuerdings auch mal wieder die Wissenschaftler, die eigentlich nur die Verkünder schlechter Nachrichten sind.

Realistisch gesehen ist die aktuelle Pandemie ein kleiner harmloser Testlauf für das Kommende. Epidemien und Pandemien werden bedingt durch die Eingriffe in die natürlichen Prozesse begleitet von größer werdenden Massengesellschaften und auch damit einhergehender Slum – Bildungen zunehmen. Zum Denken gehört auch, zwischen Wunschvorstellungen und realistischen Einschätzungen zu unterscheiden. Sich letzteren nicht zuzuwenden ist nicht dumm, sondern Verdrängung, weil man dann unter Umständen unangenehm empfundene Konsequenzen ziehen müsste. Denen, die sich an den Fakten und am wahrscheinlichsten Verlauf der aktuell stattfindenden Prozesse, die teilweise bereits vor 200 Jahren in Gang gesetzt wurden, orientieren, wird gern apokalyptische Schwarzmalerei vorgeworfen. Auf der anderen Seite stehen die, welche dem aus einem Hochhaus gestürzten Mann gleichkommen, der auf Höhe jeder einzelnen Etage sagt: “Bis hierhin ist alles gut gegangen.” Man könnte sie auch als Traumtänzer bezeichnen. Zum Denken gehört auch das zu Ende denken, also die logischen Konsequenzen einer Handlung zu berücksichtigen. Dies ist nur möglich, wenn man die Folgen mental aushalten kann. Eben an dieser Stelle wird es vielfach schwierig und mündet im Zustand der kognitiven Dissonanz. Auch nichts Dämliches, sondern ein gut erforschter psychologischer Prozess.

Ich habe im Bekanntenkreis auch Leute, die sich selbst grandios überschätzen. Hierzu gehört ein Intensivpfleger, der sich einiges angelesen hat. Er rastete beim Thema Impfen beim Begriff “Gentechnik” ein und hängt dort immer noch fest. Auch er ist nicht dumm. Sein Fehler besteht darin, dass ein Trigger ein Verhaltensmuster auslöste, welches ihn bis heute darin hindert, sich mit den Prozessen, die aktuell zur Anwendung kommen, näher zu beschäftigen. Da er mental unter Dauerstress steht, wird sich daran auch nichts ändern.

Meiner Auffassung nach besteht das Problem darin, dass in unserer Gesellschaft Praktiken des Denkens impliziert wurden, die einer Wachstums-, Konsum – und Erlebnisgesellschaft, nützlich waren, aber für die kommenden Krisen denkbar ungeeignet sind. Worin dies endet, lass ich offen. Ich habe dazu eine Prognose, aber die behalte ich für mich. In dem Zusammenhang fand ich es bezeichnend, als in einer Talkshow zum Einsatz eines Generals beim Krisenstab gesagt wurde, dass Offiziere der Bundeswehr gewohnt wären, in schwierigen, auch emotional aufgeladenen, belastenden Situationen, rational, kühl und strategisch zu denken. Nebenbei ist dies auch das Anforderungsprofil für Polizisten. Persönlich hätte ich vermutet, dass dies auch von Spitzenpolitikern erwartet werden darf. Offensichtlich habe ich mich geirrt.

Oktober 31 2021

Die Randerscheinungen einer Pandemie

blue and brown cake on black table Lesedauer 5 Minuten

Ich lebe in der Großstadt Berlin. Tagtäglich sehe ich deutliche Zeichen dafür, dass eine Vielzahl meiner Zeitgenossen mit so ziemlich alles sind, aber nicht vernünftig und verständig. Warum sie diese beiden, dem Menschen grundsätzlich gegebenen Fähigkeiten des Großhirns, Verstand und Vernunft, nicht zur Anwendung bringen o. sie derer beraubt wurden, hat vielerlei Gründe. Doch darauf will ich gar nicht näher eingehen. Ob es sich nun um Verkehrsteilnehmer, Leute, die ihren Müll in Grünanlagen entsorgen oder Hundehalter, die zwar den Kot in eine Plastiktüte packen, aber sie dann an einen Zaun hängen.

Mit Sicherheit ist es zweckmäßig darüber nachzudenken, was da in der Gesellschaft vor sich geht, damit dagegen gesteuert werden kann. Wenn man denn will! Da habe ich meine Zweifel. Aber selbst, wenn der Wille bestände, muss jeder erst einmal mit dem Vorlieb nehmen, was die Realität ist. Mit diesem geistigen Zustand von Teilen der Bevölkerung müssen wir derzeit leben und einen Umgang finden. Dies gilt für notwendige Maßnahmen zur Unterlassung weiterer Eingriffe in die Natur und das Klima, gleichsam beim Weg durch die weltweite (dies scheint bei einigen nicht anzukommen) Pandemie.


In der Pandemie gibt es viel zu beobachten, was nicht unmittelbar mit der Krankheit zu tun hat. Da wären die Künstler, die naturgemäß narzisstische Tendenzen aufweisen und den Zuspruch eines Publikums benötigen. Es brauchte eine Weile, aber irgendwann zeigten sich Entzugserscheinungen. Weiterhin die Zeiterscheinung, Prominente in Interviews zu Themen zu befragen, die sich weit jenseits ihrer Kompetenzen bewegen. Da muss man einem Jürgen Klopp Respekt zollen, wenn er in einem Interview auf die Frage nach seiner Meinung über Maßnahmen in der Pandemie gefragt wird und den Reporter an Mediziner verweist. Dies wäre auch für einen jungen Fußballer, wie Joshua Kimmich ratsam gewesen. Ich käme nicht auf die Idee bei einem juristischen Problem einen Friseur nach Rat zu fragen.

Interessant hat sich beim Thema Impfen die Rhetorik entwickelt. Während sich bei einem Teil Freude und Begeisterung über einen Impfstoff breit machte, wurden andere von dem Begriff “Gentechnik” getriggert. Ich unterstelle, dass sich die meisten der hierdurch Empörten beim alltäglichen Einkauf nicht die Liste der Inhaltsstoffe auf der Rückseite der Verpackungen durchlesen oder die Nummern der Zusatzstoffe dekodieren, geschweige denn sich Gedanken über das machen, was die geschlachteten Tiere zu fressen und gespritzt bekamen. Dabei macht es einen logischen Unterschied, ob ich mich gegen die gentechnische Veränderung des Erbguts einer Pflanze oder eines Tieres wende, oder ich mich mit Viren, die nicht einmal Lebewesen sind, auseinandersetze. Jeder, der sich mit Impfen auseinandersetzt, müsste theoretisch ein wenig erleichtert sein, weil endlich die Risiken einer Verunreinigung durch die Zucht auf tierischen Material noch weiter minimiert werden können. Immerhin war dies über Jahrzehnte ein schwerwiegendes Argument von Impfgegnern.

Bürger von Wohlstandsstaaten sind Meister des Verdrängens. Die meisten Krankheiten, die in Ballungsräumen der Schrecken der Menschheit waren, sind im Wesentlichen unter Kontrolle. Pest, Cholera, Lepra, Kinderlähmung, Diphtherie, Tuberkulose u.a. sind aus dem Blickfeld der meisten Leute verschwunden. Gleichermaßen ist der Bezug zum Tod verschwunden. Er findet allzu häufig nicht zu Hause statt und wenn wird der Leichnam zügig entfernt. Wer, wenn nicht beruflich dazu gezwungen, macht sich schon ein Bild von Intensivstationen oder einem Hospiz? Langes Leben erscheint als das Normale und wenn eine/r vor dem Erreichen des theoretisch möglichen Alters von durchschnittlich ca. 80 Jahren stirbt, heißt es, dass der Tod zu früh eintrat. Ob dies nun eine Drehtür für die nächste Inkarnation (Buddhismus) oder der Weg, wahlweise Hölle oder Himmel ist (Christentum, Islam) oder schlicht ein absolutes Ende, ist eine Frage des Glaubens. Es gibt weder eine richtige, noch eine falsche Zeit für den Tod. Mit der Geburt eines Lebewesens beginnt das Sterben, welches dann mit Tod endet. Tatsächlich starben die Menschen mangels medizinischer Versorgung früher deutlich vor dem biologisch theoretisch machbaren Alter. Und Impfen hat daran einen großen Anteil. Insofern sind all die Debatten über vermeintliche Langzeitfolgen eher ein klassisches “I. Welt -Thema”.

In der Debatte tauchte auch ein Konstrukt auf, was sich “verdeckte Impfpflicht” nennt. Durch die Regeln und einem sozialen Druck würden die Bürger so oder so quasi gezwungen werden. Und wenn? Wer in Deutschland lebt, steht ständig unter einem sozialen Druck, der mit der Erziehung beginnt und sich später durch Werbung, Berechtigungen und Sozialleistungen im erwachsenen Alter fortsetzt. Impfen, ein solidarischer Akt, weil erst eine hohe Prozentzahl (weltweit!) Geimpfter wirksam diejenigen schützt, welche sich nicht impfen lassen können, ist nun der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt? Dies ist wahrlich grotesk. Der Philosoph Rüdiger Precht, betonte kürzlich in einem Podcast, kein Impfgegner zu sein, setzte aber diverse widersprüchliche “ABER” entgegen. Bis zu dem Zeitpunkt, wo sich nicht jeder impfen lassen konnte, weil schlicht nicht genug Impfstoff vorhanden war, wären die Regeln korrekt gewesen. Nun seien aber genug Impfdosen vorhanden und der Staat sei nicht dafür da, jeden vor sich selbst zu schützen. Ich finde es arg befremdlich, dass er geflissentlich übersieht, dass wir es mit einer weltweiten Pandemie und nicht mit einer Epidemie zu tun haben. Demnach muss ein wenig weiter gedacht werden.

Außerdem erneuert er die alte Argumentation, die in den 90ern seitens Impfgegner aufgebaut wurde. Die griffen in die Kiste mit den Krankheiten, deren Ursache noch nicht zufriedenstellend geklärt ist. Autismus, plötzlicher Kindstod, Pseudokrupp, Neurodermitis, wurden bei ihnen Langzeitschäden nach Impfungen. Beweisen konnten sie es nicht, aber dies war denen egal. Rüdiger Precht stimmt den “klassischen” Impfungen zu, doch mutmaßt nun mögliche Spätfolgen bei den neuen Impfstoffen. Hierzu sinniert er über die Risiken für das Immunsystem von Kindern. Exakt dies wird auch seitens der Gegner (zumeist Homöopathen/innen, Heilpraktiker/innen) bezüglich der anderen Standardimpfungen vorgetragen. Man wird dies auf einen längeren Zeitraum nicht klären können. Wie soll man 10 Jahre später eine Kausalität herstellen? Überdies kommen noch die zahlreichen Schadstoffe durch die Belastungen der Luft, Wasser, Boden, hinzu.

Fraglich ist, wie ich die Gefährlichkeit einschätze. Den weltweiten Berichten nach will man bei Coronanicht volle Packung bekommen. Aus nie geklärten Gründen hatte ich als Kind böse Hustenanfälle und hab das auch weitervererbt. Ich weiß, was es heißt, ständig zu husten und deshalb keine Luft zu bekommen. Aber gut, vor der Gefahr die Augen zu schließen ist äußerst menschlich. Obwohl man sich fragt, was Mediziner und Krankenhauspersonal noch tun müssen, um die Leute davon zu überzeugen, dass es sich nicht um einen harmlosen grippalen Infekt handelt. Hinter der Ignoranz und dem Verweis auf den sozialen Druck scheint ein Muster zu sein. Allem, was den Leuten nicht in den Kram passt, sie nicht mehr im Verhältnis zu vielen anderen Ländern auf diesem Planeten, nahezu obszönen Lebensstil pflegen lässt, wird damit begegnet. Klima, Energieverbrauch, Produkte, Müll, alles wird zur vermeintlichen Panikmache, religiösen Verhalten usw. Auch einer dieser Effekte, die ich zur Genüge aus meiner polizeilichen Vergangenheit kenne. “Ach, so schlimm wird es schon nicht kommen!” Also wird erstmal mit wenig Personal und Material begonnen, um dann richtig Schiffbruch zu erleiden. Die daraus gelernt haben, müssen dann Spott und Häme über sich ergehen lassen, wenn sie mit einem großen Aufgebot ausrücken und sich ausnahmsweise alles im unteren Level abspielt. Doch wie wäre es ausgegangen, wenn es doch geknallt hätte und zu wenige eingesetzt gewesen wären?


Bei der Pandemie stellt sich die Frage nicht. Jeder konnte die Auswirkungen in den Ländern verfolgen, die schlicht wenig unternehmen konnten. Bei den anderen genannten Sachverhalten stellt sich die Frage, vorausgesetzt man lässt sich nicht blenden oder verdrängt alles, weil man sich in der trügerischen Sicherheit eines reichen Landes wähnt, ebenfalls nicht. Alle Alarmsignale, auch die bezüglich nicht zu kontrollierender Kriege zur Sicherung von Ressourcen, stehen auf Rot. Eine kleine Provokation hier, da, ein kleiner Vorstoß, ein schwelender Cyberkrieg, dort ein noch begrenzter, aber unübersichtlicher Stellvertreter – Krieg. Dies lässt den Beobachter nicht wirklich ruhig bleiben. Und von einer Perversität kann man blind ausgehen. Die entsprechenden Strategen bei den Nachrichtendiensten haben mit absoluter Sicherheit die Reaktionen in den jeweiligen Ländern analysiert und ihnen die Schwachstellen der Gegner gezeigt. Teilbereiche der deutschen Gesellschaft lassen sich schon mit harmlosen Dingen zuverlässig instabil machen. Da geht noch einiges mehr und die Wirkung wird breiter werden. Wenn ich eine echte stabile demokratische Gesellschaft haben will, muss ich alles dran setzen, mündige und verständige Bürger zu sozialisieren. Bei uns passiert genau das Gegenteil. Habe ich nicht ausreichend davon, bleibt mir nur noch der soziale Druck, die Regulierung im Rahmen der geltenden Gesetze oder der manipulative Einsatz der üblichen Kampagnen im Zusammenspiel mit Prominenten. Doch leider sind die noch auf dem alten Trip, bei dem die Vernunft ausgeschaltet werden soll, in dem sie gegen Bezahlung irgendwelche Produkte in die Kamera halten.

August 6 2021

Das irrationale System

earth globe with googly eyes on gray background Lesedauer 7 Minuten

“Wir müssen zwischen Spiritualität im Allgemeinen, die darauf abzielt, uns zu besseren Menschen zu machen, und Religion unterscheiden. Die Annahme einer Religion bleibt optional, aber ein besserer Mensch zu werden ist wesentlich.”

Matthieu Ricard, Buddhistischer Mönch u. Molekularbiologe

Die Tatsache meiner Geburt, die Zeit und den Ort konnte ich mir wie alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten nicht aussuchen. Gleichsam ergab sich mit Zeit und Ort ohne mein Zutun vieles andere. Die medizinische Versorgung, die wirtschaftlichen Umstände und das System in dem ich künftig leben würde. All diese Voraussetzungen waren bereits da.

Genauso hätte es statt Deutschland oder der Kontinent Europa, Afrika werden können. Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismus, alles andere wäre auch möglich gewesen. Als Nachwuchs in einem indigenen Stamm, hätten mir meine Eltern beigebracht, wo und wie ich Nahrung finde, die Landschaft lese, mich orientiere und wie ich mit der Natur lebe, ohne zu sterben. Ich erinnere mich an einen Bericht des Survival – Experten Rüdiger Nehberg. Er schilderte, wie er mit einem Stamm im Dschungel unterwegs war und nicht mehr weiter konnte. Er kam sich ziemlich klein vor, weil ihm ein kleiner Junge den Weg zurück zum Dorf zeigen musste. Der konnte sich im Gegensatz zu ihm am Aussehen der Bäume orientieren.

In Deutschland müssen Eltern, Schule und Umgebung den Kindern andere Sachen beibringen. Teile davon nennen wir Sozialisation. Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele Menschen miteinander leben und damit das funktioniert, ist dem Ganzen ein System hinterlegt. Zumindest sieht so die Theorie aus. Auf jeden Fall basiert dieses System auf niedergeschriebenen und informellen Regeln und Sanktionen, die von Menschen erdacht und aufgestellt wurden. Damit ist schon einmal etwas Wesentliches klar: Menschen haben diese Regeln erdacht! Im Idealfall würden sie auf rationalen, logischen, verständigen und von Urteilskraft geprägten Aspekten beruhen.

Jeder junge Mensch wird eines Tages die Worte zu hören bekommen: “Das ist so, finde Dich damit ab und hör auf ständig zu diskutieren!”

Wer diese Lektion beherzigt befindet sich auf der sicheren Seite. Anderenfalls wird es kompliziert. In diesem bei uns uns installierten System lautet eine der mächtigsten und gleichzeitig gefährlichsten Fragen: “Warum ist das so und nicht anders?” In vielerlei Hinsicht genügt unser System eben nicht den oben genannten Kriterien. Es ist überall irrational und bedient niedere Instinkte, Motive und rudimentäre Verhaltensmuster. Wie wir immer mehr erfahren müssen, bringt uns dies an den Rand des Untergangs. Bereits in vergangenen Zeiten hatten dieses Problem mittlerweile untergegangene Hochkulturen. Doch bisher geschah dies aufgrund des technischen Entwicklungsstandes regional begrenzt. Wenn z.B. die Bewohner alter Millionen Städte zu sehr die Ressourcen ausbeuteten, verschwanden sie einfach und sind heute Betrachtungsgegenstand von Archäologen.

Autorität, einst eine Bezeichnung, die mit Weisheit, Wissen, Lebenserfahrung, Können, verbunden war, ist bei uns allzu häufig vom Konto – Stand, institutionell oder simplen Status durch Geburt ersetzt. Macht, früher die Akzeptanz anderer, dass eine oder einer versuchen darf Ideen durchsetzen, ist zum Selbstzweck geworden, bei dem es nur noch um das Herrschen über andere geht. Geld, welches das Leben durch den Ersatz des beschwerlichen Tauschhandels vereinfachen sollte, hat sich zu einem Fetisch entwickelt, der über den Menschen und seine Bedürfnisse gestellt wird. Das immer mehr haben wollen, über Jahrtausende hinweg in Religionen, Weisheitslehren, Riten, schlecht angesehen, verpönt, geächtet, zur Sünde erklärt, ist zur Basis des Systems gemacht worden. Dabei dachten sich unsere Vorfahren bestimmt etwas dabei. Wir können nicht einmal in Anspruch nehmen, dass das eben alles so ist und der Mensch diesen Verhaltensmustern ausgeliefert ist. Wäre es an dem, würden Angehörige indigener Völker, die Opfer unseres Systems sind, nicht Gegenteiliges leben und auf unseren Irrsinn hinweisen.

Die Behauptung, dass der Mensch zum Fortschritt und dem Streben nach immer mehr quasi verdammt ist, stellt kein Naturgesetz dar, sondern ist lediglich eine Aussage, die sich als unwahr erweist, wenn es nur einen einzigen Menschen gibt, der nicht danach lebt. Historisch und in der Gegenwart gab und gibt es ganze Völker, die anders leben. Womit die Behauptung widerlegt ist. Es besteht damit die Möglichkeit eine bewusste rationale Entscheidung zu treffen.

Einer Person, die die Autorität zur Entscheidung aufgrund von jahrelangem Opportunismus und gefälligen Entscheidungen zur Begründung ähnlicher Autorität höher gestellter Personen erlangt hat, zu folgen, ist absurd. Rational wird es, wenn dieser Person nach verständiger und vernünftiger Prüfung die Sach – und Fachkompetenz zur Lösung einer Aufgabe zugetraut wird. Bei uns läuft es anders. Eine der ersten Lektionen, die ein junger Mensch in unserem System erlernt. Eine weitere, nicht minder irrationale Lektion ist die weit verbreitete Maxime: “Alles ist erlaubt, was nicht in einem Gesetz verboten ist.” Sie ist das Ergebnis eines Prozesses, in dem innerhalb aller Lebensbereiche staatliche Institutionen mit Regulierungen beauftragt wurden. Der Verlust selbst verständig, vernünftig und verantwortlich zu handeln ist noch das geringste Problem. Die völlige Übertragung der Verantwortung auf gesetzgebende Institutionen legitimiert jeden Asozialen auf noch nicht regulierten Neuland schädlich zu handeln. Außerdem bedeutet es den Verlust der Freiheit. Wir spüren dies gerade in der Pandemie. Teile der Bevölkerung haben den Bezug zu echter Freiheit verloren. Das Tragen einer Maske oder eine Impfung sind rationale verantwortliche Entscheidungen, die für ein Zusammenleben notwendig sind. Anders: Mit allem, was nicht nur mich alleine betrifft oder schädigt, werde ich zum Teil der Allgemeinheit. Alles werde ich niemals vermeiden können und einiges muss hingenommen werden, weil der Mensch fehlbar ist. Doch Masken und eine Verweigerung der Impfung, insofern keine Prädispositionen vorliegen, ist ein vorsätzlicher asozialer Akt.

Ich möchte noch zwei weitere Beispiele für die Irrationalität des Systems anführen. Die Geschichte der atomaren Waffenentwicklung geht u.a. auf Physiker zurück, die genau wussten, welches Monster sie schufen. Wie so häufig in der Geschichte lautete das Ergebnis ihrer Überlegungen: Wenn wir es nicht tun, machen es andere. Unvernünftige schließen von sich auf andere und am Ende wird beschlossen, in die Vorlage zu gehen. Faktisch kommen sie an eins nicht vorbei: Sie waren die Ersten und kein anderer! Dabei ist es egal, ob die anderen es tatsächlich getan hätten. Im nächsten Zug erreichte das atomare Wettrüsten, dass der Einsatz des Waffenarsenals die Erde zigfach zerstören kann. Einmal würde völlig ausreichen. Mit Ratio hat dies nichts zu tun.

Weltweit produzieren Hersteller unter Freisetzung schädlicher Emissionen und immensen Energie – und Wasserverbrauch, was das natürliche Lebenssystem und damit die Grundlage von allem ebenfalls mannigfaltig schädigt bzw. zerstört, Produkte, die zu großen Teilen nicht zum Leben benötigt werden und nur von einem Bruchteil der Weltbevölkerung genutzt werden können. Wenn die Produkte nicht mehr funktionsfähig sind oder ihre Bestimmung verloren haben, werden sie nochmals schädigend entsorgt. Damit die Hersteller dies unterlassen wird entweder gefordert, dass der Verbraucher, oftmals vom Hersteller selbst in Richtung Konsum manipuliert, den Kauf/Verbrauch einstellt oder dem Hersteller für das Unterlassen von der Gemeinschaft Geld gegeben wird. Wenn irgendwo in einer Bar vier Schläger alles kurz und klein Hauen, ein paar Tage später zwei finster drein schauende Typen erscheinen und vor weiteren Belästigungen bezahlten Schutz anbieten, nennen wir dies eine Schutzgelderpressung. Im Falle der Hersteller, sprechen wir von Marktwirtschaft, Handelsabkommen, Wettbewerb und ähnlichen Humbug, dabei ist es simples irrationales globales asoziales Verhalten und jeder Beteiligte, ist Mittäter.

Neuerdings hat unser System einen neuen Dreh erfunden. Aus allem wird eins herausgegriffen. Das CO2, lediglich ein Teilproblem, soll reduziert werden. Der Energieverbrauch an sich wird nicht infrage gestellt. Die bestehende und künftig gesteigerte Energiebedarf soll aus der Elektrizität kommen, die mit das Klima nicht schädigenden Verfahren erzeugt wird. Ein Haken ist hierbei die Speicherung der erzeugten Energie. Die bisher vorhandenen Speicheroptionen sind alles andere als unschädlich. Hierzu muss man sich nur die Vorgänge in der Atacama Wüste ansehen. Wie die industrialisierten Staaten sich auch Drehen und Wenden volkstümlich gesagt wird mit dem Arsch eingerissen, was vorn gebaut wurde.

Was fehlt, ist die rationale Einsicht: Unsere Lebensart ist schädlich. Sie ist die Wurzel von allem Übel.

Immer wieder ist zu lesen, dass es dieses oder jenes früher auch schon gab und die Erde sich trotzdem weiter drehte. Die Entwicklung des Menschen, die irgendwann entstandene Dominanz der Siedler gegenüber den Nomaden, die Entstehung von Massengesellschaften, die Industrialisierung und die Kolonialisierung, das Atomzeitalter, sind Abschnitte eines Prozesses. Ich kann nicht von Geschehnissen vor 1000 Jahren auf die Auswirkungen eines späteren Abschnitts schließen. Wer dies unternimmt versucht sich zu beruhigen und verschließt die Augen. Auch das ist irrational. Wer mit 250 km/h über die Autobahn rast und sich damit beruhigt, dass bis zu diesem Zeitpunkt auch immer alles gut ging, vor allem wenn man zuvor einen VW Käfer mit 120 km/h Spitzengeschwindigkeit bei Rückenwind fuhr, hat einiges nicht verstanden.

Von Kindesbeinen an werden wir darauf getrimmt, das Irrationale als gegeben und richtig hinzunehmen. Doch damit wird es nicht rational und im Innern spürt jeder, das da etwas nicht richtig ist. Nur, wie soll man es ändern? Die Auswirkung ist eine instinktive Ohnmacht. Das Gefühl, dem ausgeliefert zu sein ohne etwas dagegen tun zu können. Die Folgen sind weitreichend und ziehen sich quer durch das gesamte gesellschaftliche Leben. Wie der oder die Einzelne dies kompensiert ist unterschiedlich, doch die Wurzel ist identisch. Besonders gut ist es bei den Jugendbewegungen zu beobachten. Vieles läuft auf die Frage hinaus: Was zum Teufel macht ihr Älteren da? Die Angesprochenen reagieren nicht mit rationalen Gegenargumenten, wie auch, wenn es keine gibt, sondern entweder mit dem Verweis auf den Fetisch Geld oder diffamierend. Leistungsverweigerer, Chaoten, Gören, Träumer, Naivlinge, Alternativ, linksversifft und ähnlich lauten die Bezeichnungen. Sie sollen erst einmal verzichten, dann könne man sie für voll nehmen.

Dabei gilt es festzustellen, dass der aktuelle Status des Planeten nicht denen anzulasten ist, sondern den Älteren. Gleiches gilt für das System inklusive der benannten Modalitäten, die es Herstellern möglich macht, die Verantwortung von sich zu weisen und dem Verbraucher aufzubürden. Weiterhin haben die Älteren sie bisher dahingehend sozialisiert und ihnen die “schöne” Welt des Konsums vorgesetzt. Außerdem haben wenige Ältere gegen die Manipulationen, die Bedürfnisse erzeugen, welche es ohne die Hersteller gar nicht geben würde, rebelliert. Ich denke, die meisten, welche heftig auf Neubauer, Thunberg, FFF u.a. reagieren, fühlen sich in ihrer Ohnmacht, mit der sie sich ein Leben lang irgendwie arrangierten, ertappt. Es ist eine ähnliche Reaktion wie nach dem Dritten Reich und Niedergang der DDR. Was kritisiert ihr uns? Ihr wart nicht dabei und könnt nicht sagen, ob ihr rebelliert hättet. Die Aussage ist korrekt! Rational ist sie jedoch kein Widerspruch gegen eine aktuelle Rebellion. Mit Sicherheit ist fraglich, ob die in voller Tragweite sehen, wo die Forderungen hinführen. Deshalb sind die Forderungen nicht falsch.

Utopie hat bei uns einen negativen Beigeschmack. Meiner Meinung nach völlig zu Unrecht. Utopien sind nichts anderes als die Ausformulierung von Zukunftszielen. Hingegen sind Dystopien Hochrechnungen für ein möglicherweise eintretenden Zustand, wenn keine Kurskorrekturen vorgenommen werden und alles seinen Lauf gelassen wird. Eine Utopie ist das Ergebnis einer rationalen Überlegung: Da wollen wir hin! Nun müssen wir schauen, wie wir dahin kommen. Sich einfach treiben zu lassen, sich ohne Kompass und Plan von technischen Innovationen in die Zukunft geleiten zu lassen, sich der Gier und den Manipulationen über das Belohnungssystem des Gehirns hinzugeben, kommt einem Kontrollverlust gleich und führt geradewegs ins von Naturwissenschaftlern prognostizierte Verderben.