Dezember 9 2019

Betroffenheit oder Heuchelei?

Lesedauer 4 Minuten

Trauer, Betroffenheit, Anteilnahme, Empathie. Sämtlich große Worte, mit viel Ethik, Moral, Anspruch. Objektiv betrachtet sterben sekündlich Menschen auf diesem Planeten. Auf der Internetseite https://www.worldometers.info/de/ kann jeder in Echtzeit nachvollziehen, wie viele sterben und geboren werden. In manchen Gesellschaften ist der Tod stets gegenwärtig. Krisengebiete, Kriegsschauplätze, Dürren, Hungersnöte, was auch immer, machen es dem Gevatter Tod einfach.

Der Tod gehört einfach zum Leben dazu. Theoretisch wissen wir das. Praktisch verdrängen wir dies, um so besser es uns geht. Viele orientieren sich an Statistiken. In der Regel erwarten deutsche Frauen und Männer den Tod erst einige Jahre nach dem Renteneintritt. Eltern gehen davon aus, dass die Kinder nach ihnen sterben. Irgendwo las ich letztens, dies wäre die natürliche Gegebenheit. In einer Wohlstandsgesellschaft mag das eventuell die Regel sein, für alle anderen Gesellschaften gilt das nicht.

Im Wohlstand gerät vieles aus dem Ruder.

Die Menschen glauben, mit Medizin, Ernährung, Sicherheitsmaßnahmen, Herrscher über das Schicksal werden zu können. Dabei geht es um Wahrscheinlichkeiten und Risiken. Mit Statistiken kann ich mir ausrechnen, welche Risiken Rauchen, Alkohol, Drogen, Schichtdienst, Teilnahme am Straßenverkehr, mit sich bringen. All das Genannte wird hinfällig, wenn ich auf eine Haushaltsleiter steige, um eine Lampe zu wechseln. Statistisch gesehen, befinde ich mich in einer lebensgefährlichen Lage.

Stirbt eine oder einer im hohen Alter, sehen wir dies recht gelassen. Damit war zu rechnen. Geht einer mit 50, ist er viel zu früh gegangen. Das passt einfach nicht in die Vorstellungswelt. Erst recht nicht, wenn der Tod einen gewaltsamen Hintergrund hat. Dann werden die Menschen ungemütlich. Wie beschrieben, ist dies weltweit ein Luxus. Gewaltsam zu sterben, ist in vielen anderen Regionen der Standard, und ein “natürliches” Sterben eher ein Glücksfall.

Rein logisch und genau genommen auch ethisch betrachtet, ist es vollkommen egal, welcher Mensch, mit welchen Hintergrund, Erfolg, Alter oder was auch immer stirbt. Denen im unmittelbaren Umfeld wird er unter Umständen fehlen. In unserer Gesellschaft trauern wir um den Toten. Auch das ist nicht überall der Fall. Mitteleuropäer sind etwas irritiert, wenn sie lachende und freudige Menschen bei einer buddhistischen Zeremonie sehen. Es ist einfach eine spirituelle Frage.

Doch in unserer Gesellschaft wird das unmittelbare Umfeld erweitert. Sei es, dass die oder der Verstorbene weit über seinen Kreis bekannt war, oder eben gewaltsam ums Leben kam. Warum dies den einen oder anderen trifft, sei jedem selbst überlassen. Aber ich finde, es sagt eine Menge über denjenigen aus, wie es ihn trifft, wie die Äußerungen dazu klingen und welchen Rahmen dies einnimmt.

Politiker treten vor Mikrofone und verlautbaren die Floskel: “In Gedanken sind wir bei den Angehörigen!”

Sind sie nicht. Aber es wäre schädlich für ihr Ansehen, wenn sie es nicht täten. Das wird einfach erwartet und gehört zur Jobbeschreibung dazu. Andere, ebenfalls aus dem politischen Umfeld, erzählen etwas von einer eigenen Trauer, machen unsinniger Weise den politischen Konkurrenten verantwortlich und ziehen ihr Parteiprogramm aus der Schublade. Eins mit dem angeblich alle Risiken auf null reduziert werden. Zusätzlich werden ganze Gruppen zum Außenfeind erklärt, damit die Wähler ihr Kreuz an der gewünschten Stelle machen.

Im Mittelalter zogen Moritaten Sänger über die Dörfer. Sie berichteten dem zusammenlaufenden Volk mithilfe von Bildtafeln über Schauergeschichten, Raub, Mord, Totschlag, Ketzerei und was sonst noch unterhaltsam war. Heute haben wir dafür die Journalisten aus den passenden Ressorts. Wenn man sie denn, als Journalisten bezeichnen will. Es gibt diejenigen, welche die Geschehnisse um uns herum ein wenig durchschaubarer machen und den Mächtigen auf die Finger schauen. Andererseits gibt es jene, die mit der Sensationsgier, der erzürnten Volksseele und den uns eigenen niederen Instinkten ihr Geld verdienen. Der Pöbel will unterhalten werden. Das Motto, welches ich ganz oben auf meiner Seite zu stehen habe. Bekommt der nackte Affe nichts zu spielen, wird er bösartig.

Die Frage, welche mich bei diesen Leuten umtreibt, lautet: “Inwieweit haben sie eine Verantwortung für die Dinge, die sie lostreten?”

Trauer? Betroffenheit? Die spreche ich ihnen ab. Sie sind Profis in Sachen Schrecken, Gewalt, Mord, Totschlag. Würden Sie jeden Tag trauern, wären sie nach einer Woche nicht mehr arbeitsfähig. Andersherum sind die meisten reine Schreibstubenhengste, die selten in die Verlegenheit kommen, echte Lebensrisiken einzugehen. Das Problem bei einer Gewalttat oder Unfall, an dem ein anderer beteiligt war, ist die Mehrseitigkeit. Die Seite des Opfers, des Umfelds, der Gesellschaft und die des Täters bzw. Verursachers. Endet ein Leben, leben andere mit der Erinnerung an das Geschehen weiter.

Die Menschheit hat sich über tausende von Jahren darüber Gedanken gemacht. Nahezu in allen Religionen und philosophischen Ansätzen wird die Fehlbarkeit des Menschen anerkannt, die jeden betrifft. Es muss eine Option geben, mit einem Fehlverhalten weiterzuleben, weil es jeden putativ treffen kann. Den angesprochenen Journalisten ist das egal. Es ist die alte Geschichte aus dem Wilden Westen. Im Saloon sitzt einer am Tresen, der die anwesenden Gäste aufwiegelt, woraufhin die einen Cowboy Lynchen. Nachts geht er dann daher, schneidet den Galgenstrick in Stücke und verkauft sie als Glücksbringer. Er selbst hat nichts getan, außer Öl ins Feuer zu schütten.

Aufgrund meiner Biografie interessiere ich mich besonders für Geschichten, in denen Polizisten ein Fehlverhalten zur Last gelegt wird. Im buddhistischen Pali Kanon, gibt es dazu eine interessante Passage.

Buddha soll seinen Schülern empfohlen haben, sich auf der Suche nach Erleuchtung von allem fernzuhalten, was negative Einflüsse auf das Karma haben könnte. Sie sollten sich verhalten, wie ein reicher Reisender, der gefährliche dunkle Wege und Stellen für Hinterhalte meidet. Die Schüler fragten nach, wie sie sich in Situationen verhalten sollen, in denen eine negative Aufladung unumgänglich ist. Er soll geantwortet haben, dass sie dies denen überlassen sollen, die ohnehin einem Beruf nachgehen, der das Karma negativ belastet. Schlächter, Soldaten, Polizisten, Geldverleiher, pp..

Ich finde, dies trifft im übertragenen Sinne auf unsere Gesellschaft zu. Die Mehrheit möchte sich nicht das Gewissen belasten und überlässt den Job Polizisten und Soldaten. Genau an dieser Stelle überkommt mich der Zorn. In der alten indischen Gesellschaft herrschte eine gegenseitige Akzeptanz. Die Schüler wussten sehr genau, dass das Ausüben der “schlechten” Berufe notwendig ist, und die anderen nahmen hin, dass sie im aktuellen Leben keine echte Chance haben, sich aber mit der Unterstützung der Schüler wenigstens ein paar Punkte für das nächste Leben holen konnten.

Die “braven” Bürger und Journalisten wähnen sich in der Lage der Schüler, sind jedoch weit davon entfernt. Im buddhistischen Sinne ist ihr Karma mindestens genauso verdreckt, wie das jedes anderen. Aber sie maßen sich an, mit der Mistgabel Dreck auf die zu werfen, die von Berufswegen her, recht schnell in Schwierigkeiten kommen können, weil sie eben nicht die dunklen Wege vermeiden, sondern dazu berufen sind, auf ihnen gegen Bezahlung zu wandeln.

Gegen den Zorn hilft eine andere buddhistische Logik. Alles hat ein Gegenteil und spiegelt sich. Die sich aufzeigenden Reaktionen, geben mir die Möglichkeit anders heranzugehen. Dafür sollte ich dann wiederum dankbar sein. Ich bin jedenfalls nicht wegen jedem Todesfall in tiefer Trauer und Anteilnahme. Das ist eine Angelegenheit des nahen Umfelds und geht mich nichts an. Mir wäre es unangenehm, wenn das Schicksal meiner mir nahen Menschen durch die Presse gezogen werden würde. Gleiches gilt für mich selbst. Informationen über mein Ableben und wie es geschah, sollte im kleinen Kreis bleiben.

November 22 2019

Im Wendekreis des Zwiebelfisches

Lesedauer < 1 Minute

Teil I meines Buchprojekts ist abgeschlossen. Das vorläufige Manuskript steht. Immer wieder neu auf eine Fehlersuche zu gehen, bringt nichts mehr. Ich habe mein “Baby” ein paar Leuten zum Lesen gegeben und erwarte von denen noch ein Feedback. Danach werde ich auf die hoffnungsvolle Suche nach einem Lektorat und einem Verlag gehen. Wer etwas passendes kennt, darf sich gern – bitte – bei mir melden.

Vorab stelle ich den vorläufigen Prolog online, der eine Auskunft gibt, worum es geht. Ich ziehe nach dreissig Jahren Kriminalpolizei aus mehreren Perspektiven Bilanz. Darüber hinaus beschreibe ich, wie ich nach diesen Jahren, als gelernter Polizist, die Welt, die Gesellschaft und den weitere Werdegang von beiden einschätze. Für die berühmten Zeilen dazwischen habe ich mir das Ziel gesetzt, einen Einblick in das Innenleben eines Berliner Kriminalbeamten im Jahr 2019 zu geben. Mir geht es dabei weniger um die Auffassungen, sondern mehr um die Tatsache, dass bei der Polizei durchaus nachgedacht wird. Weit über die üblichen Klischees hinaus.

Wer meinen BLOG schon ein paar Male besucht hat, weiß um mein Fremdschämen, wenn sich Polizisten in merkwürdige politische Law & Order Positionen hinein begegeben, stets neue Gesetze, Techniken und Überwachungen einfordern. Eins kann ich vorab kund tun: Es sind keine Interna zu erwarten, die unbefugte Personen unnötig schlau werden lassen oder Anlass für neugierige Fragen geben könnten. Solche Aktionen überlasse ich Ausschüssen, Gewerkschaftlern und Personalräten. Dennoch gehe ich auf Dinge ein, die bereits an unterschiedlichsten Stellen beschrieben wurden. Da ich aber viele Hintergründe kenne, habe ich eigene Interpretationen. So genug der Ankündigungen von dem, was alles noch nicht online ist. Ich lasse lieber meine Worte sprechen.

Bereits beim Prolog bin ich für jeden Kommentar und kritische Auseinandersetzung offen. Denn hierfür habe ich dieses Buch geschrieben. Wie es weiter geht, wird sich noch zeigen.

zum Prolog =>

Juni 4 2019

Sicherheit für den Chef … die Ohren

Lesedauer 9 Minuten

Immer  wieder gern höre ich den Podcast der beiden Reporter Axel Lier und Peter Rossberg. Für jemanden der an sicherheitspolitischen Fragen in Berlin interessiert ist, ein empfehlenswertes Format. Vorweg muss ich sagen, dass ich der BILD und B.Z. weiterhin voller Skepsis gegenüberstehe. Aber die beiden diskutieren oft mit viel Hintergrundwissen und sind nicht immer auf einer Linie. Das ist spannend und macht Spaß. Im aktuellen Beitrag luden sie sich ihren «Chef» Julian Reichelt in die Sendung ein.

Warum sie dies taten, erschloss sich mir nicht. Insgesamt wurde es ein fast einstündiger Ritt durch alle möglichen Themen. Organisierte Kriminalität in Verbindung mit den Clans, G20, journalistische Ethik, Ausrichtung der BILD, Sicherheitspolitik in Berlin, Fußball, Hooligans, Polizeigewalt, der tödliche Verkehrsunfall mit Beteiligung eines Polizisten, Grundrente und persönliche Statements.

Vor dem nachstehenden Text möchte ich eins klar und deutlich herausstellen. Manche teilten meine Beiträge zu den nachstehenden Themen mit dem Hinweis auf eine bei mir gezeigte Neutralität. Das mag gut gemeint sein, aber sie besteht nicht. Ich bin befangen! Allein der Umstand, dass ich mich selbst in der einen oder anderen Lage befand, verhindert dies. Wenn Journalisten in ihren Artikeln darauf hinweisen, dass man einem Polizisten bei über 90 Kilometern in der Stunde eine bedingte Tötungsabsicht unterstellen kann, fühle ich mich im Nachgang dessen Beschuldigt. Ich habe zigfach im Dienst über diesem Wert gelegen und ich stehe dazu. Heute würde ich es nicht mehr tun. Doch Entscheidungen sind an dem Kenntnisstand und der Situation vor dem Ereignis zu messen. Danach sind wir alle schlauer. Wer bei mir im BLOG Neutralität erwartet, wird enttäuscht werden. Abstand? Ja, den kann man von mir erwarten.


Suff – Cop – sie können es nicht lassen …

Ich blieb bei Minute 24:32 gekennzeichnet mit dem Begriff «Suff – Cop» hängen. Ich schrieb hierzu bereits etwas in meinem BLOG. Mein erster Gedanke war: Sie können es nicht lassen. Boulevardpresse hin oder her, es gibt für mich keinerlei Rechtfertigung für die Prägung dieses Schlagworts und die Herstellung einer Verbindung zu einem Menschen. Seitens Axel Lier wurde kritisch hinterfragt, inwiefern die hauptsächlich aus Polizeikreisen geäußerte Kritik am Umgang mit dem Thema gerechtfertigt sei.

Herr Reichelt offenbart bei diesem Thema einiges über seine Denkweise. Der betreffende Polizist habe sich in den Social Media in einer « … nicht gerade rechtsstaatlich anmutender Form präsentiert.» Hieraus leitet er die Zulässigkeit eines Verdachts bezüglich einer durch nichts belegten alkoholisierten Einsatzfahrt ab. Danach schwenkt er um.

Es gehe ihm weniger um die Person, denn mehr um die aufwendige und die raffinierte Vertuschung seitens der Polizei.

Die Fakten sehen wie folgt aus. Der Polizist postete diverse provokante Schwarz/Weiß Fotografien von sich und anderen. Unter anderen eins, bei dem er sich eine Waffe an den Kopf hält. Warum? Nun, dahinter steckte schlicht ein künstlerischer Anspruch, ausgerichtet auf eine spezielle Szene, die solche Fotografien mögen und damit ihrer Lebensart Ausdruck verleihen. Das Werk eines Künstlers völlig isoliert zu betrachten ist ein gewagtes Unterfangen. Das Motiv ist nicht einmal besonders originell. Es gibt diese Pose von vielen Berühmtheiten. Vom Regisseur Quentin Tarantino sogar als Poster.

Ich wollte ursprünglich als Titelbild für diesen Beitrag ein entsprechendes Bild nehmen. Leider kosten die zahlreichen Bilder eine Menge Geld – so viel dazu!

Menschen geben bei Aussagen immer eine Auskunft über sich selbst.

So wie es aussieht, besteht im Bewusstsein von Herrn Reichelt die Verknüpfung: Schräg aussehender Mann, tätowiert, ambitionierter Hobby Fotograf für die Metal – Szene, unverantwortliche Lebensweise, Alkohol, betrunkener Autofahrer. Auf keinen Fall darf so einer, Polizist sein. Bundesweit hätten damit diverse Fahndungsgruppen, SEK und MEK Einheiten ein Personalproblem. Denn dort sehen aus Gründen viele so aus.

Rechtsstaatlichkeit ist für Herrn Reichelt auf einem Foto erkennbar. Gut, wenn einer auf einer Demonstration den Hitler – Gruß zeigt, stimme ich ihm zu. Aber von sich ein Foto machen zu lassen, in dem man sich symbolisch eine Waffe an den Kopf hält, ist allgemein nicht verboten. Der Aufnahmeort könnte interessant werden, wenn es sich um eine in Deutschland verbotene Waffe handelt. Ist die Aufnahme beispielsweise in den USA entstanden, gäbe es nicht einmal bei einer hier verbotenen Waffe eine Beanstandung.

In seinen Ausführungen unterstellt er den ermittelnden Polizisten eine Vertuschungsabsicht, die er auch noch als raffiniert bezeichnet.

De facto wurde von den Verletzten am Ort des Geschehens keine Blutprobe nach forensischen Kriterien und Bedingungen genommen. Diese erfolgte erst im Zusammenhang mit der medizinischen Behandlung. Ab hier wird es undurchsichtig. Auf diversen Internetseiten wird darauf hingewiesen, was dabei alles schief gehen kann. Meiner Kenntnis nach, weiß bisher auch noch niemand, mit welcher Motivation der festgestellte Blutwert das Krankenhaus, entgegengesetzt der ärztlichen Schweigepflicht, verließ. Es gibt wenig öffentlich Bekanntes, woran sich ein konkreter Verdacht festmachen lassen könnte. Außer, dass man einem solchen Typen alles zu traut. Die BILD! Zeitung des nach Sensation heischenden kleinen Bürgers.

Herr Rossberg ging ebenfalls auf die aus der Berichterstattung hervorgegangene Kontroverse ein.

Dabei wies er auf die massive Kritik – u.a. von mir – an der Form der Darstellung hin. Ich vermeide bewusst das Wort Bericht. Spätestens mit der Verwendung des Begriffs «Suff – Cop» hat jeder Text nicht mehr diesen Anspruch verloren, und landet in der Schublade “Schmierfink”.

Er empfand die Kritik einiger, als Scheinheiligkeit, weil der Tod der jungen Frau in den Hintergrund geriet. Die Logik erschließt sich mir nicht. Es geht meiner Auffassung nach um mehrere scharf voneinander abzugrenzende Sachverhalte.

Da wäre die Fragestellung bezüglich der Sinnhaftigkeit von Einsatzfahrten mit überhöhter Geschwindigkeit (hierzu habe ich mich vom Saulus zum Paulus entwickelt!), der damit in Verbindung stehenden Risikobewertung und die sich anschließenden ethischen Betrachtungen.
Dann steht die Verfahrensweise an Unfallorten mit Beteiligung von Polizisten zur Diskussion. Das ist richtig und vollkommen zulässig. Und ganz am Ende kommt für mich die Frage: Wie weit die Boulevardpresse im Umgang mit einem Menschen gehen darf. Nicht rechtlich, sondern unter ethischen Gesichtspunkten. Rechtlich nahezu unendlich, wenn man sich nicht an den selbst gegebenen Pressekodex hält oder in Straftaten abgleitet.

Was hat zum Beispiel das Verhalten des Unfallfahrers bei einer dienstlichen Einsatzfahrt mit seinen Veröffentlichungen in den Social Media zu tun? Nüchtern gesehen: Gar nichts! Die Recherchen ergeben keinerlei Sinn, es sei denn, ich will den Mann in zweifacher Hinsicht diskreditieren, nämlich als Mensch und in seiner Funktion Polizist.

Herr Reichelt sagt dazu, dass die BILD eine Story an der Person entlang erzählt.

OK! Auch wenn es nicht meinem Geschmack entspricht, lasse ich mich darauf ein. Zur Person gehört für mich auch, dass da einer ist, der jahrzehntelang seinen Dienst bei der Polizei geleistet hat. Wo er das tat, wurde nicht berichtet. Ich weiß es mittlerweile, werde es aber nicht preisgeben. Für den Tod eines Menschen verantwortlich zu sein, brennt sich gerade bei Polizisten tief in die Seele.
Wurde hierzu etwas erwähnt? Nein! Gab es einen Bericht über die Gefahren und Risiken von Einsatzfahrten in einer Großstadt? Wurden hierzu die stets in Artikeln erwähnten «gut unterrichteten Quellen» befragt? Nein!
Ich unterhielt mich mit einem Journalisten. Seine ersten Worte waren: «Das er viel zu schnell war, steht völlig außer Frage!» OK! Mag sein! Besonders vor dem Hintergrund des Unfalls. Doch sonderlich ungewöhnlich war die Geschwindigkeit nicht. Die wird in der Stadt häufiger gefahren besonders von Zivileinheiten. Dem Erzählen nach, nicht mehr ganz so verrückt, wie ich es erlebte, aber es reicht.

Ja, dies kann kontrovers diskutiert werden. Da gibt es das Ereignis, wo der Polizist hinfährt, es besteht ein Risiko für einen oder mehrere Unbeteiligte/n, den Streifenpartner und sich selbst, und den Anspruch der bevölkerung, an die Polizei. Ich habe in meinem BLOG keinen Hehl daraus gemacht, dass ich beschlossen habe, die Fragen des Lebens buddhistisch anzugehen. Heute ergibt sich für mich ein Ursache – und Wirkungsprinzip. Wofür auch immer ich mich entscheide, es wird nicht ohne Wirkung bleiben. Wäre ich noch im Dienst, würde ich mich 2019 für eine langsame Anfahrt entscheiden. Was da am Ereignisort stattfindet ist nicht meine Saat und ich werde sie nicht zu meiner machen. Von 1992 – 2017 dachte ich darüber anders. Ich ersah aus meiner Mitgliedschaft in einem Mobilen Einsatzkommandos eine Pflicht, schneller, professioneller und risikofreudiger zu fahren, denn es eine “normale” Streifenwagenbesatzung” tun würde. Frei nach dem von einem ehemaligen Leiter des MEK Berlin formulierten Mottos: Wo MEK drauf steht … ist auch MEK drin!”

Scheinheiligkeit! Das trifft für mich auf Leute zu, die mit dem Finger auf andere zeigen und selbst nicht besser sind. Ich wünsche niemanden etwas Schlechtes, aber bekanntermaßen werden wir gerichtet, wie wir andere richten. (Das nennt sich christliche Leitkultur!)

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch gemessen werden.

Matthäus 7,1-5

Ein junger Mensch ist gestorben, für andere geht das Leben irgendwie weiter. Für mich gibt es da einen eklatanten Unterschied zwischen einem vorsätzlichen Töten und einem Unfall. Es würde für mich sogar einen Unterschied machen, ob jemanden einen Angehörigen von mir vorsätzlich tötet oder alles eine Folge eines Unfalls war. An einem Unfall kommt keiner vorbei. Jeden Tag sterben Menschen. Doch sie sind nicht mehr da.

Wie gehen wir mit den Überlebenden um?

Man muss einen Menschen nicht physisch töten, um ihn zu zerstören. Das geht auch anders. Nicht ohne Grund ist in vielen Kulturen der Suizid das Mittel der Wahl, um der Schande zu entgehen. Ist es das, was die an der Berichterstattung beteiligten Journalisten, besonders die Urheber von «Suff – Cop», erreichen wollen? Will die bürgerliche Gesellschaft dieses? Will ich das?

Wenn ich am Straßenrand stehe und ein Polizeiwagen mit Blaulicht an mir vorbeifährt, denke ich mir mittlerweile: «Wisst ihr, was ihr da tut?» Aus meinen zurückliegenden Zweifeln ist Gewissheit geworden. Das Risiko ist es nicht wert. Am Ende werden möglicherweise zwei Menschenleben zerstört. Das Fremde und das Eigene. Egal was am Einsatzort stattfindet, es befindet sich in der Verantwortung eines Täters. Am Ende bist Du, der Polizist, immer der Dumme. Bisweilen kommt es mir vor, als wenn der Umstand, dass eine Tat nicht verhindert wurde, schwerwiegender ist, denn die Tat selbst. Aber aus der Nummer kommt man psychologisch noch heraus. Da kann man sich als Betroffener an den Kopf fassen und sich sagen, dass manche Teile der Gesellschaft den Knall nicht gehört haben. Bei einem selbst verursachten tödlichen Unfall sieht das anders aus.

Kürzlich diskutierte ich das Thema mit einem ehemaligen Kollegen. Er sagte, was ich selbst jahrelang predigte. Wenn Du hier bist, musst Du das Risiko in Kauf nehmen. Sie machen Dich fertig, wenns schief geht. Aber darauf darfst Du nichts geben. Machst Du Dich davon abhängig, was bestimmte Teile der gesellschaft von Dir wollen, kannst Du gehen. OK … das war gestern und ein anderes Leben. Mir ist aber bewusst, dass Menschen mit der Sozialisation eines Journalisten nichts davon wissen können. Ich drücke es mal sehr polemisch aus … mit den bösen Jungs abhängen, macht einen noch nicht zum Bullen – dazu gehört mehr.

Die BILD wirkt der Radikalisierung der Bürger entgegen.

Ich blieb beim Zuhören noch bei einem weiteren Thema hängen. Herr Reichelt formulierte im Sendebeitrag eine steile These. Die Berichterstattung, wie sie seitens der BILD praktiziert wird, vermittelt den Bürgern das Gefühl nicht allein gelassen zu werden, weil es immerhin noch die Presse gibt, welche Missstände aufzeigt. Ei oder Huhn? Diese Frage schoss mir sofort durch den Kopf. Bei dem Ritt durch die Themen, fielen auch die Stichworte «Kotti», «Organisierte Kriminalität» und «Clans».

Die «Organisierte Kriminalität» besteht wahrlich aus weit mehr, denn nur aus den Clans. Ohne harte Zahlen benennen zu können, gehe ich persönlich davon aus, dass die nicht einmal die größten Umsätze machen. Aber sie sind sichtbar und laut, womit sie das viel zitierte subjektive Sicherheitsbedürfnis des Bürgers beeinträchtigen. Damit haben sie im Lauf der Jahre erst den russischen und vornehmlich aus Serbien stammenden Banden, später den Rumänen, Bulgaren und Vietnamesen, den Rang abgelaufen. Andere Gruppen, wie die Italiener oder andere Asiaten, hielten sich schon immer traditionell im Hintergrund. Hierüber wird selten im Boulevard berichtet. Der Fokus liegt beim für jedermann Sichtbaren. Ein Missstand? Ich denke schon.
Die Berichterstattung in Bezug auf terroristische Aktivitäten sind seitens der BILD/ B.Z. in der Regel auch nicht wirklich tiefgreifend, sondern eher hysterisch. Man könnte auch sagen, dass die Sicherheitsbehörden von der Boulevardpresse vor sich her getrieben werden. Immerhin geht es um Wähler und Macht. Beides möchte man ungern verlieren.

«Kotti» und der meistens damit in Verbindung genannte «Görli» sind ein Paradebeispiel für das Bedienen der kochenden Volksseele. Beide Gebiete stehen in einem engen Zusammenhang mit der Drogen – und Sozialpolitik. Es werden keine Lösungen dafür gesucht, sondern es wird in andere Stadtbereiche verdrängt. So lange, bis beides aus der Sicht des Bürgers verschwunden ist und sich endlich dort sammelt, wo es hingehört: In die Siedlungen am Stadtrand. Was in Paris und Marseille funktioniert hat, muss doch in Berlin auch möglich sein.

Alle die verzweifelt auf der Suche nach Alternativen sind, werden vom Springer Verlag hart angegangen. Berlin – West war einst die Hochburg des Heroin Konsums. Dies ist nicht mehr der Fall. Das liegt aber nicht an der Polizei oder gar der Politik, sondern an einer Veränderung der Drogenszene.

Es gehört zu den Eigenarten des Menschen, dass er sich erstens auf das bewegliche Sichtbare stürzt und vom Gesehenen auf das Allgemeine schließt. BILD/B.Z. sind moderne Moritaten – Sänger. Damit erfüllen sie eine alte gesellschaftliche Funktion. Vom Hause Springer aus, ging damit schon immer die Einflussnahme auf die Politik zur Unterstützung des unteren Bereichs des Bürgertums, einher. Die wollen in der U – Bahn nicht lesen, inwieweit die Immobilienbranche in die OK eingeflochten ist.

Sie wollen auch nichts von komplizierten Geldwäschegeschäften, der in Wilmersdorf und Charlottenburg ansässigen russischen Gruppen wissen. Ein italienischer Mafiosi hat schwarze schmalzige Haare, eine Lupara im Auto und spricht schlechtes Deutsch. Shisha Bars, dicke Autos, sich beknackt aufführende «libanesische Kurden (es sind keine!)», schwarze Männer, die Drogen an Kinder verkaufen, besoffene Polizisten und zottelbärtige Terroristen machen da einfach mehr her. Ebenso interessieren sie nicht taktische Geplänkel zwischen Innensenator Geisel und anderen Senatorinnen. Sie wollen sich darüber empören und die BILD liefert das passende Material. Hohe Bälle annehmen und flach abspielen ist nicht ihre Spielart.

Das soll auch alles sein – aber sich zum Bewahrer vor der Radikalisierung aufzuschwingen – halte ich für gewagt. Dies sollte man eher den investigativen Journalisten überlassen. Ab und wann holt man Herrn Schupelius von der Currywurstbude weg und der schreibt, was der Mann von der Straße denkt und gut ist. So sehr ich auch manch einen Artikel in der B.Z. bezüglich der kriminellen Vorgänge in Berlin schätze, Herr Reichelt hat mich erneut in Sachen SPRINGER ent/täuscht. Anders gesagt: Die Täuschung ist zu Gunsten einer klaren Sicht, entschwunden.

Herr Reichelt lieferte Dank guter Fragen noch einen kleinen Gaumenschmaus. Die beiden fragten ihn nach seiner Meinung zu Pyrotechnik in Fussballstadien. Bei der Antwort zierte und drehte er sich. Am Ende kam bei heraus: Die Stimmung ist schon geil … Ja, da war wieder das Spiel mit den bösen Jungs. Kaum war er fertig, warf er den Außenborder an und ging in den Rückwärtsgang. So habe ich diesen Typ Mensch immer kennengelernt.

Juni 2 2019

Geschichte beginnt nicht gestern …

Lesedauer 2 MinutenDen nachfolgenden Link mit einem Interview des Tibetologen, Ethnologen und Sozialforscher Thierry Dodin aus 2013  kann ich jedem empfehlen, der auf der Suche nach Antworten für die Eskalation der Gewalt in Myanmar und Sri Lanka, mit Beteiligung buddhistischer Mönche ist. Besonders spannend finde ich seine Ausführungen bezüglich des Kolonialismus, der sich absolut mit meinen Erfahrungen in Malaysia und mit den Hmongs im Norden von Laos decken.

https://info-buddhismus.de/Burma-Gewalt-im-Namen-des-Buddha.html

Die Konflikte sind nicht religiös motiviert
TP: Sind denn die gegenwärtigen Konflikte z. B. in Burma überhaupt religiös motiviert? Fast alle Medien haben das bisher suggeriert.
TD: Nein, das sind keine primär religiös motivierten Konflikte, sie sind ganz klar ethnisch-sozial motiviert. Nach dem nationalen Selbstverständnis der Mehrheit sind Burmesen Buddhisten. Bist du kein Buddhist und lebst du ganz anders, dann kannst du dich sehr schnell ausgeschlossen fühlen – zu Recht oder zu Unrecht. In Burma gibt es nicht nur Konflikte mit den Muslimen, sondern auch mit anderen Minderheiten, die eher christlich (oder animistisch) orientiert sind. Diese schwelen schon lange und verschärften sich durch die Einführung des Christentums unter den sogenannten Hill-Tribes, den Bergstämmen, die auf einem Großteil der Landesfläche im Norden leben. Um sich von den Buddhisten abzugrenzen, haben sie sich dem Christentum der britischen Kolonialherren angeschlossen.

Bei gewaltsamen Konflikten leiden Minderheiten natürlich in besonderem Maße. Das heißt aber nicht, dass die Minderheiten nichts zum Konflikt beigetragen haben. So sind die Rohingyas in Burma in bestimmten Wirtschaftsbereichen recht erfolgreich. Daraus resultiert zum einen, dass sie sich in gewisser Weise überlegen fühlen, und zum anderen, dass ihnen die Mehrheitsbevölkerung mit Neid begegnet. So haben sich die bislang schwersten Ausschreitungen in Burma am Fall eines muslimischen Goldhändlers entzündet, der einer verarmten buddhistischen Familie, die ihren Familienschmuck verkaufen wollte, einen Preis bot, mit dem sie nicht einverstanden war.

Nennen muss man in diesem Zusammenhang auch die Orthodoxierung des Islam, die im Zusammenhang mit dem Kolonialismus stattfand. In vielen Gegenden Asiens war der Islam bis ins 20. Jh. – und ganz im Gegensatz zu seinem heutigen Bild im Westen – eine durchaus flexible Religion, die es verstand, sich harmonisch dem lokalen kulturellen Umfeld anzupassen. Als aber Religionsschüler in den Mittleren Osten gingen und die dortigen Koranschulen besuchten, lernten sie eine strenge, deutlich intolerantere Version des Islams kennen. Diese wurde zum Beispiel von den Wahabiten vertreten, die den Anspruch erheben, den  authentischen Islam zu vertreten. Ihre Vormachtstellung geht übrigens auch auf Machtspiele der britischen Kolonialherren zurück. Unter dem Einfluss dieser rigiden Lehren haben die Muslime dann, wenn sie in ihre Heimat zurückkehrten, den lokalen Islam oft völlig transfiguriert. Man kann es sich kaum noch vorstellen, aber in vielen Gegenden Indonesien trugen bis zum 2. Weltkrieg viele Frauen keine Oberbekleidung.

Januar 30 2018

Was kann mir der Buddhismus geben?

Lesedauer 8 Minuten

Wer ab und wann in diesen BLOG hineinschaut, bekommt von mir in der Regel etwas politisch ausgerichetes, zumeist in Verbindung mit Polizeithemen , zu Lesen. Hier geht es mal um etwas vollkommen anderes, nämlich Philosophie und Religion und einer kleinen Brücke in Richtung Polizei.

Seit ich vor ca. 30 Jahren die indische Dichtung Siddhartha von Hermann Hesse las, ließ mich das Thema Buddhismus nicht mehr los. Ich kann heute noch sagen, was mich an der Geschichte faszinierte. Da zog ein junger Mann, der von seinem Vater gegen die böse Welt abgeschirmt wurde, in die Welt hinaus, um die Zusammenhänge der Welt zu ergründen. Der Typ bekam aber keine göttlichen Erleuchtungen von irgendwelchen nebulösen mythischen Mächten, sondern er dachte schlicht nach. Er schloss sich anderen Denkern an, versuchte es mit Askese, wurde Kaufmann, Spieler, ging eine Beziehung mit einer Prostituierten ein und suchte danach wieder die Einsamkeit.
Er bemühte sich redlich, ein guter Vater zu sein und erlebte den Trennungsschmerz, den einst sein Vater gefühlt haben musste. Kurz: Ein Mensch, dessen Schritte in sich logisch und nachvollziehbar waren. Aber es wurde für mich noch besser. Er trifft selbst auf einen Erleuchteten hört diesem zu, findet einen Schwachpunkt in dessen Philosophie und macht seinem Kumpel klar, dass er dem weisen Mann ruhig weiter folgen soll, er aber selbst einen anderen Weg nehmen muss.

Diversen christlichen Gläubigen ist der Buddhismus äußerst suspekt. Sie finden den Buddhismus im Gegensatz zum christlichen Glauben mit seinem Erlösermythos als zu hart und unnachgiebig. Auch da rastete ich ein. Im Gegenzuge sind mir nämlich Christen suspekt, wenn sie von einem Durchgangsstadium auf der Erde ausgehen, unter dem Strich die Sau raus lassen können, um dann am Ende Gnade zu erfahren. Ich war schon in meiner Jugend ein Gegner von Moral, die von einer Institution ausgeht und seltsamerweise hauptsächlich einer Machtclique namens Klerus Geld und Reichtum beschert.

Aktuell finden sich anlässlich der Vorgänge in Birma (Myamar) neue Kritiker, die frohlocken, dass der Buddhismus nicht so friedlich sein kann, wie er immer dargestellt wird. Keine Philosophie kann dafür verantwortlich gemacht werden, wie sich fehlgeleitete Anhänger verhalten. Zu den Buchreligionen gibt es einen klaren Unterschied. Wer sich streng an die Vorgaben des Bibeltextes, des Koran oder der Tora hält, wird nicht friedlich leben. In allen Büchern gibt es auch Anweisungen dazu, wie mit Andersgläubigen oder Abweichlern zu verfahren ist. Ein Mensch der die dem Buddhismus innewohnende Logik verstanden hat und es schafft, danach zu leben, wird keine Gewalt ausführen.

Hier sei angemerkt, dass es im ZEN – Buddhimus Klöster gibt, in denen Mönche meditierende Brüder schlagen. Da steckt ein tiefer Sinn dahinter. Erst wenn ich selbst zum Täter wurde, erkenne ich, wie sehr menschlich ich selbst bin und mich nicht von jedem anderen unterscheide. Auf der anderen Seite erkenne ich als Meditierender was passiert und kann dem anderen dankbar sein, dass ich diese Erfahrung auf diesem Wege mache und sie selbst keinem anderen mehr zufügen muss. Wieder so eine schwer verständliche asiatische Denkweise. Ich kann einem Menschen, der mir schlechtes zufügt, dankbar sein, da ich es selbst niemanden zur Vervollständigung meines langen Lernprozesses antun muss. Ich denke dieser Weg ist Geschmackssache. Der Mönch, der kir das erklärte, wechselte jedenfalls das Kloster nach einem Monat.

Eine Kernaussage des Buddhismus besteht darin, dass alles ein Teil des Ganzen ist und das Ganze damit auch zum Bestandteil des Teiles wird. Nichts kann betracht werden, ohne auch das Ganze zu berücksichtigen. Nehme ich eine Maschine und betrachte nur eine Schraube, wird sich mir die Funktion der Maschine nicht erschließen. Ohne die Schraube funktioniert aber auch die Maschine nicht, und ich werde nicht herausbekommen, wozu sie eigentlich konstruiert wurde. Ich möchte das Bild noch ein wenig anders gestalten. Stelle ich mir ein Gefäß mit einer Flüssigkeit vor, dann besteht diese Flüssigkeit aus lauter Molekülen. Jene setzen sich wiederum aus Atomen zusammen. Das kann ich immer weiter fortführen, bis ich den modernsten Bereichen der Physik lande, die immer mehr auf einer Energieebene landen. Gebe ich ein derartiges System einen Impuls, setzt der sich fort. Nehmen wir an die kleinsten Teile hätten die Wahl, was sie für Impulse hineingeben, dann könnten sie entweder positive oder negative Impulse abgeben. Jeder einzelne, der sich dazu entschließt einen positiven Impuls zu geben, erhöht die Chance, dass es für das gesamte System in diese Richtung geht, im Gegenzuge gilt dieses auch für die negativen Impulse. Mit jedem neuen positiven Impuls erhöhe ich auch die Wahrscheinlichkeit, selbst Nutznießer zu werden.

Positiv und Negativ sind zwei schnell geschriebene Worte, aber was bedeuten sie denn? Gut und Böse sind zwei moralistische Begriffe, die unpassend sind. Hier wird es schwierig und vor allem sehr langwierig, so langwierig dass es laut Buddha mit einer einmaligen Erscheinung als Lebensform kaum zu ergründen ist. Und ich werde mir mit Sicherheit nicht anmaßen, die Behauptung aufzustellen, dass ich es im Ansatz wüsste. Aber darauf gehe ich noch weiter unten im Text ein.

Als Mitteleuropäer stoßen wir im Buddhismus schnell auf Stellen, die für uns kaum nachvollziehbar sind. Wir sind «Selbstoptimierer», neuerdings gibt es dafür sogar Armbänder. Unser Denken strebt immer auf das Individuum zu, ist es nicht dieses, dann doch wenigstens eine Gruppe oder unser Land, weiter kommen wir in der Regel nicht. Doch ich finde, es lohnt sich, es für den Anfang mit einigen Teilaspekten zu versuchen, man muss ja nicht gleich alles kapieren.
Buddha gab seinen ersten Schülern eine «Praxis» mit auf den Weg, eine Art «Denkanleitung», mit der sie dann selbst in die Lage kommen, den Rest zu verstehen. Wieder so ein Unterschied zum Christentum, der mir entgegenkommt. Es gibt einen Gott, einen Verhaltenskodex, dann bist Du eine guter Mensch und wirst ins Paradies kommen – eigenes Nachdenken ist da eher unerwünscht und führte bis vor kurzer Zeit noch auf den Scheiterhaufen oder zu einem gestörten Perversen, der sich Exorzist nennt.

Passend dazu wird «Unwissenheit» im Buddhismus als die Mauer vor der Erkenntnis schlechthin erkannt. Der 14. Dalai Lama, seine Heiligkeit Tenzin Gyatso wurde in einem Interview gefragt, wie man diese Unwissenheit überwinden könne. Seine trockene Antwort: Mittels Nachdenken! Diese Unwissenheit wird nebenbei in allen buddhistischen Richtungen benannt. Denn Buddhismus ist ein Sammelbegriff für mehrere Ausrichtungen, die aber die Suche nach einem gemeinsamen Ziel verbindet. Wenn ich mich persönlich mit dem Buddhismus auseinandersetze, versuche ich mir immer Texte des Pali Kanon, zugänglich zu machen, weil der am nächsten an den ursprünglichen Aussagen dran ist. Buddha selbst sagte seinen Schülern, dass sie die Letzten wären, die die ursprünglichen Worte hören. Danach kämen irgendwann Schriftgelehrte, die alles aufschrieben und ihre eigenen Interpretationen beifügen würden.
Deshalb wurden über diverse Jahrhunderte die Worte inklusive Betonungen, Sprechpausen und Intonation auswendig gelernt und mündlich innerhalb der Mönche weitergegeben. Die erkannten vor 2000 Jahren ein wesentliches Problem der Kommunikation, nämlich das Worte an sich, schon kaum einen komplexen Gedanken wiedergeben können und der Wegfall der restlichen Informationen beim Aufschreiben, für das Ursprüngliche nicht förderlich ist. Buddha verwendete  viele Aphorismen, die die passenden Bilder im Kopf erzeugen. Bei uns hat das lange Zeit gedauert, bis ein Nietzsche dies in unsere Philosophie wieder einbaute.

Ein Schüler fragte Buddha zum Beispiel, was passieren würde, wenn man seine «Praxis» falsch anwendet. Der fragte daraufhin, was passieren würde, wenn man eine Kobra an der falschen Stelle anpackt. Die Schüler stellten folgerichtig fest, dass die dann beiße. Buddha erläuterte, dass seine Vorgaben zu Denken der richtigen Vorgehensweise beim Fang der Schlange entspräche. Man müsse sie mit einem gegabelten Stock am Kopf fixieren und dort dann packen. Ebenso sollten seine Schüler mit ihrer Praxis verfahren.

Diese Wortproblematik zeigt sich noch an einer anderen Stelle. Für die im Pali Kanon verwendeten Worte haben wir in unserer modernen Sprache bzw. aus dem mittelhochdeutschen entstandenen Sprache keine passenden Übersetzungen. Im Prinzip ist dies ein Problem, welches der britische Autor Douglas Adams zusammen mit Gleichgesinnten erkannte. Wir haben Gefühlszustände, für die es kein passendes Wort gibt, deshalb versuchen sie (D. Adams selbst leider nicht mehr, R.I.P.) Neue Worte zu erfinden. Adams brachte mal als Beispiel den Zustand, in dem man sich im Wartezimmer zum Zahnarzt befindet, und plötzlich die Schmerzen verschwinden. Notgedrungen verwenden die Übersetzer die Wörter Leid, welches zu überwinden gilt und Nirvana für das zu erreichende Ziel. Was das tatsächlich meint, beschreibt zum Beispiel ein Georg Grimm im Buch «Die Lehre des Buddho» auf 400 Seiten mit Mikroschrift. (Grimm gründete 1921 die Altbuddhistische Gemeinde) Da werde ich hier nichts zu sagen, das kann bei Interesse jeder brav selbst nachlesen.
Schopenhauer brachte Leiden für Mitteleuropäer auf einen verständlichen Nenner. «Leiden ist gehemmtes Wollen.» Grimm führt dazu weiter aus: «Alles was meinem Wollen, meinen Wünschen zuwiderläuft, ist Leiden, und alles was sich zwar meinem Begehren gemäß, aber unter Widerständen vollzieht, ist insoweit ebenfalls Leiden.»

Ich will hier nur auf sehr wenig eingehen. Der Buddhismus misstraut zu Recht dem Zusammenspiel zwischen Sinnesorganen und dem Großhirn. Die Sinnesorgane selbst sind dazu in der Lage Informationen der Umwelt aufzunehmen und sind selbst bereits die erste Fehlerquelle. Dann kommen noch das limbische System und die Amygdala ins Spiel, bevor eine gigantische Filtermaschine namens Großhirn aus diesen Informationen etwas zusammenbastelt. Buddha wird vom Aufbau nicht viel gewusst haben, aber die Auswirkungen konnte er erkennen.
Zwei Leute befinden sich objektiv in derselben Situation, kommen aber zu abweichenden Auffassungen. Hieraus leitet sich u.a. auch die Erkenntnis ab, dass jeder immer nur ein Abbild im Kopf eines anderen Menschen ist, bei dem die geschilderten Faktoren wirken. Deshalb ist es nicht möglich, sich selbst so zu sehen, wie uns andere Wahrnehmen und wir haben ziemlich begrenzte Möglichkeiten auf unser Bild beim anderen Einfluss zu nehmen. Akzeptieren wir dieses nicht, landen wir wieder im Leiden.

Buddhismus ist eine Religion der Vernunft. Deshalb wird sehr viel Wert auf das gelegt, was da im Kopf passiert. In einem weiteren Gleichnis fragte Buddha seine Schüler, ob es einem Maler möglich wäre mit Farben und Pinsel ein Bild in die Luft zu malen. Selbstredend funktioniert dieses nicht. Deshalb forderte er die Schüler auf, es mit ihrem Inneren genauso zu handhaben. Er setzte Menschen, die versuchten die Schüler zu beleidigen oder Hass zu erzeugen, einem Maler gleich. Böten sie ihm innerlich keine Leinwand an, könnte nichts passieren, was sie von ihrer «Praxis» abbringt.

Bei diesen wenigen prägnanten Beispielen will ich es bleiben lassen. Anfangs sprach ich von einer kleinen Brücke zum Beruf des Polizisten. Ich erweitere das ein wenig. Ich meine damit weniger den Beruf selbst, sondern das Denken und die Fähigkeiten, die für diesen Beruf notwendig sind und über den aktiven Dienst hinaus gehen. Für Menschen, die sich tagtäglich mit den als negativ empfundenen Verhaltensweisen von Menschen auseinandersetzen müssen, ist es von besonderer Bedeutung nicht nur die einzelnen Ereignisse zu sehen, sondern auch einen Blick auf das Ganze zu haben.

Ich habe in meinem Kopf immer diese «Weltbühne», auf der sich eine Unzahl von Schauspielern, tummeln. Die Schauspieler sind alle Lebewesen (im Buddhismus lebt alles, was sich auf der Basis eines eigenen Willen bewegen kann – inklusive Einzeller) auf dem Planeten Erde und alles Gegenständliche ist die Kulisse. Es gibt keine uns bekannten Regieanweisungen, in einer rasanten Geschwindigkeit agieren alle miteinander und beeinflussen sich, so dass es zum nächsten Handlungsablauf (die eine Hälfte unseres Körpers besteht aus Körperzellen, die andere Hälfte aus Mikroben und Bakterien, da findet jede Menge Handlung jenseits unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten statt) kommt.
Niemand kann vorhersagen, was im nächsten Augenblick passieren wird, sondern kann lediglich eine Auskunft über sich selbst in einem sehr kleinen Moment geben (Ebenfalls nur stark eingeschränkt, deshalb wird im Buddhismus von dem eigentlichen ICH gesprochen, welches nichts mit unserer mitteleuropäischen Vorstellung von Persönlichkeit zu tun hat. Ich sehe es mehr als eine Art Information – aber das führt an dieser Stelle zu weit.).
Selbst die vergangenen Geschehnisse sind unübersichtlich. Es würde auch nicht helfen, wenn man die Bühne aus einem Zuschauerraum heraus betrachtet. Wie sollte man bei diesem Durcheinander erkennen, was im nächsten Augenblick passieren wird. Abhilfe könnte nur eine grundsätzliche Regieanweisung geben. Grundsätzlich würde es ausreichen, sie einem Akteur mitzuteilen und wenn jeder sie richtig weitergibt, würde es überschaubar werden. Vielleicht hat Buddha diese geheimnisvolle Regieanweisung erkannt, wer weiß das schon? Fakt ist aber, wenn einer oder mehrere auf der Bühne, die Sache in die Hand nehmen, kann es von Fall zu Fall zu gewünschten Abläufen kommen. Das wird aber nur funktionieren, wenn sie für jeden akzeptabel ist – und schon gehen die Probleme wieder los. Hatte er die notwendige Grundformel entdeckt, die jeden berücksichtigt?

Alle Menschen, die Regieanweisungen umsetzen müssen, bekommen auch den Unwillen anderer zu spüren, da sie eben nicht dieser universellen Notwendigkeit entsprechen. Aus Unwillen kann auch Frust werden, der sich wiederum als Basis für Wut, Hass und Beleidigungen erweisen kann. Doch war nicht etwas mit dem Maler und seiner Farbe? Keine Leinwand – kein Bild! Ich finde, es kann helfen, sich darüber mal in verschiedenen Berufen Gedanken zu machen. Gautama Siddhartha kam mit diesen Erkenntnissen nicht auf die Welt. Prinzipiell schon, aber er war sich dieser nicht bewusst. Es bedurfte diverser Stationen im Leben, um dieses Bewusstsein zu bekommen. Eine dieser Stationen war das Leben unter den Kindermenschen – so nennt sie Hesse in seiner Dichtung (an dieser Stelle ein dickes Dankeschön an meine jüngste Tochter für eine Ausgabe aus dem Jahr 1922).
Selbst wenn es arrogant klingt, viele «Ordnungshüter», die einige Jahre im Beruf zugebracht haben, treffen auf diese Kindermenschen, wenn sie sich selbst ein wenig Weisheit angeeignet haben. Letzteres ist allerdings eine Grundvoraussetzung, wenn man selbst nicht Kindermensch sein will.

Diese wenigstens in minimalen Anteilen zu bekommen, erfordert die Auseinandersetzung mit Denk-, Kommunikations- und Wahrnehmungsfehlern. Wie beschrieben, kann die Auseinandersetzung mit dem Buddhismus diesbezüglich viele Antworten und Anregungen geben. Insofern kann ich das jedem wärmstens empfehlen, deshalb muss man sich noch lange nicht Buddhist nennen, vielleicht wird es man einfach nur per Nachdenken.
Besonders empfehlenswert ist die Auseinandersetzung, wenn man mal wieder ohne Worte und Erklärungen vor den schrecklichen Auswirkungen menschlichen Handelns steht, und in einem ganz langsam der selbstzerstörende Hass auf diese Welt in die Glieder fährt, der sich dann zu einem weiteren Filter entwickelt, welcher fehlerhafte Wahrnehmungen produziert.

(Januar 2017, gewidmet D.S., der mich bis zu diesem Punkt ein paar Meter begleitete.)