Dezember 24 2021

Mythen, Urbane Legenden, Desinformation, Propaganda

art coffee business money Lesedauer 9 Minuten

Früher, kurz bevor die Digitalisierung richtig Fahrt aufnahm, waren sogenannte “urbane Legenden”, “urban legends” o. “hoaxes”, mein Steckenpferd. Es faszinierte mich, woran Zeitgenossen glauben, glauben wollen, welche Funktion diese Erzählungen haben und wer sie sich ausdachte. Manche dienen der Propaganda u. Desinformation. Hier lässt sich meist mit der Frage nach dem Nutznießer die ungefähre Quelle ermitteln. Andere haben einen schlicht bösartigen Charakter, während einige die Funktion der guten alten Schauergeschichten am Lagerfeuer haben. Damals gab es dieses Buch “Die Spinne aus der Yucca Palme”. Allerdings muss man einräumen, dass ausgerechnet die namensgebende Geschichte ein wenig Wahrheit in sich hatte. Immer mal wieder tauchen zumindest in Bananen – Kiste beachtliche Krabben – Spinnen auf. Und wer hätte sich jemals gewagt zu behaupten, dass eines Tages fehlgeleitete Kokain – Pakete im Discounter landen könnten! Und auch, wenn es auch Schauergeschichten sind und waren, haben sie durchaus das Potenzial geschäftsschädigend zu sein.   

Sei es nun die Story, in der Kinder aus dem Bällebad bei IKEA von osteuropäischen Banden entführt werden, auf Marlboro – Schachteln mehrfach der Buchstabe “K” versteckt ist, was Einflüsse des Ku-Klux-Klanes beweisen soll oder Warsteiner im Besitz von Scientology ist, über alles werden die betroffenen Firmen nicht erfreut sein. Gleiches gilt für Pizza – Lieferdienste, bei denen männliche Angestellte angeblich zum Spaß auf die Pizzen ejakulierten. Anmerkung: Letztere Erzählung wurde mir sogar einmal von einem Polizisten präsentiert, der behauptete, die Vorschicht hätte eine Pizza ins Labor gesandt, wo sich dieses bestätigte. Warum indessen die Polizeitechnische Untersuchungsstelle plötzlich innerhalb von wenigen Stunden Ergebnisse lieferte, während sie in Strafverfahren mehrere Tage brauchte, erschloss sich dabei nicht.

Manchmal erfahren die Geschehnisse ein bemerkenswertes Eigenleben. Vor vielen Jahren kursierte ein “Witz”, in dem es darum ging, wie heutzutage Textaufgaben formuliert werden. Inhaltlich ging es um eine Aufgabe, in der ein “Ali” mit einem Dealer über den Preis verhandelte. Vor wenigen Tagen tauchte bei Twitter der Tweet einer empörten Lehrerin auf, in dem sie beschrieb, dass eben genau so eine Textaufgabe an einer Schule aufgetaucht wäre. Eine Legende? Oder hatte sich vielmehr ein Lehrer an den alten Witz erinnert und ihn passend zum Denken einiger Rechtsaußen tatsächlich in einer Mathematik – Klausur umgesetzt? Schwer zu sagen! Ein Hinweis von mir, dass es sich auch um eine Legende handeln könnte, führte erwartungsgemäß zu Entrüstungen. Ohne konkrete Nachfragen an der Schule lässt sich das nicht klären. Rechte könnten dies in Umlauf gesetzt haben, um ein “Seht ihr!”, wo unsere Schulen mittlerweile stehen, unterzubringen o. Aktivisten auf der anderen Seite könnten so den Finger heben und sagen: “Schaut, wie rassistisch es in deutschen Schulen zugeht.” Klar ist, dass Social Media anders funktionieren. Je nach eigener Position wird das Eine oder das Andere als gegeben und bewiesen behauptet.  

Zusätzlich werden ständig neue Begriffe gefunden. Einst sprach man von Moritaten o. Schauergeschichten, die von reisenden Erzählern auf den Dorfplätzen erzählt wurden. Vieles hatte eine gesellschaftliche Funktion, gleichsam in einer Welt ohne Fernsehen, Radio, einen erheblichen Unterhaltungswert. Sollte etwas Politisches erreicht werden, war es Propaganda oder Desinformation. Eine Waffe, die bereits vor tausenden Jahren begleitend zu Kriegen eingesetzt wurde. Gegner werden dämonisiert, entmenschlicht, verunsichert, getäuscht. Aus Propaganda wurde irgendwann Public Relation. Heute wird von Fakenews oder alternativen Fakten gesprochen. Gemeint ist immer das Gleiche. Geht es nicht um die reine Unterhaltung, handelt es sich um zielgerichtete vorsätzliche Manipulation. Die absolute Perfektion ist erreicht, wenn die Menschen nichts mehr glauben können, vollkommen desorientiert sind und alles auch ganz anders sein kann. Dies ist die Sternstunde moderner Nachrichten – u. Geheimdienste im Kampf um die Hoheit über Gesellschaftssysteme. In diesem Augenblick ist es möglich zwischen alledem den gezielten Subtext zu implementieren, der als die Wahrheit erscheint. Ganz vorn sind bei diesem “Spiel” die großen Player USA, China, Indien und Russland. Heutzutage findet kein größeres Ereignis statt, ohne dass passende Offensiven gestartet werden.  

Naturwissenschaftliche Fakten, tatsächliche, theoretisch mit eigenen Augen erfassbare Situationen oder Zustände, bedrohen die Erzählungen und bedürfen daher Gegenmaßnahmen. Interpretationen, Benennung und Erschaffen einer vermeintlichen Beweislage für die Ursachen, Erzeugung von Illusionen, die das eigene objektive Fehlverhalten relativieren bzw. erträglich machen, usw. Die Erderwärmung und die damit in Verbindung stehende Klimakatastrophe, das Artensterben, die Reduzierung der Lebensvielfalt, die steigende Gefahr von Pandemien, das aggressive aufeinander zu treiben der in Nationen organisierten Massengesellschaft, können tatsächlich nur mit alles gravierend verändernden Maßnahmen, die völlig entgegen zur Entwicklung der letzten 300 Jahre liefen, verhindert werden. Etwas, was als Unmöglichkeit angesehen wird. Bestehende Machtverhältnisse, Theorien über die Organisation von Staaten, das bisher entstandene Denkmodell bezüglich Eigentum, Besitz, Wirtschaft, alles würde zusammenbrechen. Man stelle sich vor, es würde über hunderte Jahre eine Maschine gebaut werden, die immer wieder neu konfiguriert wurde, Blutzoll abforderte, Unsummen von Geld kostete und dann am Ende zwecklosen oder gar schädlichen Schrott produziert. Wäre man bereit, sie als einen gescheiterten Versuch, einen grandiosen Irrtum zu betrachten? Eben jenes müssten die Menschen weltweit tun. Einfacher ist es, mittels Propaganda, um den alten Begriff zu benutzen, den Schrott zu etwas dennoch Nützlichen zu deklarieren.

Ich finde nicht, dass bezüglich all der Prozesse, die mit den genannten Begriffen beschrieben werden, etwas schlimmer geworden wäre oder neue Dimensionen erreicht sind. Alles wurde nach und nach perfektioniert und zum anderen hat jeder einmal gestartete Prozess irgendwann Folgen, die Anfangs aufgrund der Komplexität, nicht vorausgesehen werden konnten. Niemand konnte im Altertum wissen, was aus der Idee Münzen zu benutzen werden würde. Unsere Vorfahren, die Sachsen lehnten Geld lange ab. Silbermünzen anderer Völker, z.B. der Franken, zerstückelten sie und orientierten sich am verwertbaren Silber. All die Tüftler, die sich mit der Kraft von Wasserdampf beschäftigten, konnten nicht erahnen, dass sie die Wegbereiter der Industrialisierung sein würden, die maßgeblich ursächlich für die Klimaveränderungen ist. Ebenso wenig war sich ein Edward Bernays, der Urvater der modernen Propaganda bewusst, welches Ausmaß dies alles nehmen würde. Allerdings dürfte ihm spätestens mit der Propaganda von Goebbels bewusst geworden sein, wie katastrophal sich dies entwickelte. Doch er schloss daraus, dass die Techniken der Public Relation, wie er es nannte, auch gegen die Faschisten eingesetzt werden könnte. Interessant wäre, ob er selbst die Ergebnisse der Jetztzeit für notwendig erachten würde. Ich befürchte es. Soweit ich ihn verstanden habe, hielt er nicht viel von der breiten Masse, sondern legte Wert auf die Steuerung durch eine Elite.   

Vieles sind lediglich Abwandlungen alter Erzählungen. QAnon, lässt sich auf einen anonymen Account mit der Bezeichnung Q auf der Imageplattform 4chan zurückführen. Q veröffentlichte ab 2017 dort Sachen, die verdächtig an den älteren von zwei amerikanischen Playboy – Autoren veröffentlichten Illuminatus – Mythos erinnern, dem noch Mythen um Skulls&Bones, Bilderberger – Verschwörung und andere US-amerikanische Fiktionen beigemengt wurden. Die Digitalisierung ermöglicht völlig neue Reichweiten. Alles um Covid-19 gab es ähnlich bereits beim Auftauchen der ersten AIDS – Fälle in Mitteleuropa. Hier mutmaßten einige, dass die Mythen bezüglich einer Züchtung des Virus in amerikanischen Laboren, von russischen Geheimdiensten lanciert wurden. Ein Gegenbeweis liegt bisher nicht vor.

Ich denke, bei all den kursierenden Erzählungen dürfen die gegeneinander arbeitenden Geheimdienste niemals außen vor gelassen werden. Die Destabilisierung des Konkurrenten, war immer ein erklärtes Ziel. Einen anderen Anteil haben Regierungen nach Ausgestaltung, wie sie in Indien zu beobachten ist. Dort hat die Regierung eine eigene Social Media Plattform aufgebaut. Eine große Zahl bezahlter Akteure haben den ganzen Tag nicht mehr zu tun, als “Witzbilder”, die Muslime lächerlich machen sollen, dort und in Messenger Dienste einzuspeisen, mal mehr oder weniger wahre Ereignisse zu pushen oder Regierungsbotschaften zu verbreiten. Oftmals werden diese dann auch in Abwandlungen in die hiesigen Plattformen eingespült.  

Wie gesagt, die absolute Perfektion ist gegeben, wenn nichts mehr glaubhaft ist. Wie soll eine Regierung handlungsfähig bleiben, wenn nichts mehr von einem Mindestvertrauen getragen ist? Einiges hat sich Politik selbst zuzuschreiben. Nicht nur, dass sie sich selbst der Mittel der Propaganda exzessiv bedienen, sondern auch oftmals realen Anlass für Misstrauen lieferten. Seit geraumer Zeit schaufeln die großen Parteien zusammen mit den Newcomern aus dem Lager der Faschisten das Grab der Demokratie, in dem sie mit immer weniger Hemmungen PR Beratern die Wahlkämpfe überlassen.

Mir hat sich schon immer eine weitere Frage gestellt. Erzähler sind die eine Seite, die Zuhörer und Gläubigen, befinden sich auf der Empfängerseite. Warum sind sie bereit auch noch der abstrusesten, absolut haarsträubenden Konstruktion zu folgen? Ein Aspekt ist sicherlich, dass jede halbwegs annehmbare und zur eigenen Auffassung passende Geschichte als eine Art Beweis für den eigenen Intellekt und der damit verbundenen Haltung gesehen wird. Manches eignet sich als Erklärung von Geschehnissen, die eigentlich nicht nachvollziehbar sind oder das Tatsächliche nicht sein darf. Hierzu fallen mir spontan Einzelereignisse bei Terroranschlägen, wie zum Beispiel beim NSU Prozess oder auch Breitscheidplatz ein. Können vermeintlich versierte Ermittler wirklich so unbedarft oder dämlich sein, dass sie derart eklatante Fehler machen, wie z.B. bei der Sicherstellung des Wohnmobils der beiden bisher bekannten Haupttäter der NSU? Ist es wirklich möglich, dass eine Behörde trocken und an ökonomischen Gesichtspunkten orientiert, bei Terror, äußerst sparsam mit Personal umgeht und dabei darauf setzt, dass nichts passiert? Frei nach dem Motto: Wenn wir 10 Jahre Personal einsparen, in dieser Zeit nichts passiert, dann im 11. Jahr etwas geschieht, befinden wir uns ökonomisch auf der Haben – Seite. Wenig hilfreich ist es, wenn z.B. die Berliner Grünen ihr eigenes Süppchen kochen und vollkommen jenseits der Spur behaupten, dass das gesamte Mobile Einsatzkommando vor einem “Besetzten Haus” eingesetzt wurde. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass kein informierter Politiker ernsthaft dieser Meinung ist, also reden wir hier von PR Strategien.

Soll es wirklich so sein, dass ein Wirtschaftsberatungsunternehmen fragt, wie oft Gerätschaften zum Katastrophenschutz eingesetzt wurden und wegen der ausgebliebenen Katastrophe dann alles eingespart wurde? Die Gerätschaften, das Personal, die Strukturen, die dann plötzlich fehlen?
In welchem System lebe ich, der Betrachter, wenn Ökonomie, Statistiken, Ordnungsstrukturen, Haushaltstitel, ganz weit vor dem Menschen kommen? Oder stoisch Geschäftsanweisungen ohne Nachzudenken befolgt werden und Akten vernichtet werden, weil sie halt über dem Vernichtungsdatum sind und keiner Lust, Zeit, Engagement, besitzt, die nochmals alle auf irgendwelche Hinweise zu durchforsten. Was würde ich mir für wilde Geschichten einfallen lassen, wenn die Nummer in die Hose geht? Mir Leute lästige Fragen stellen?

So einfach kann es nicht sein, darf es nicht sein. Da ist es ergiebiger, rechte Strömungen auszumachen, dunkle Hinterzimmer zu wittern, in denen verschlagene Frauen und Männer des Deep State finstere Pläne aushecken. Manch ein “linker” Skeptiker würde durch einige Behörden laufen und nicht mehr die Welt verstehen. Selbst intern kann es dabei zu viel Skepsis kommen. “Ihr wollt mir erzählen, dass ihr konsequent an drei Tagen, immer zum Feierband die Zielperson aus den Augen verloren habt?” Tja, man mag es nicht glauben, aber solche Dinge passieren. Vielleicht ist vieles auch gar kein Rassismus, sondern schlichte Denkfaulheit und dem Umstand geschuldet, dass Akten schnellstmöglich vom Tisch verschwinden, damit es keinen Ärger gibt.

Drum herum Geschichten zu stricken befriedigt die eigene Vorurteilsstruktur, bestätigt, gibt einen Halt im Ungewissen. Wie hart wäre das Leben, wenn der größte Teil der Ereignisse schlicht und einfach passiert, ohne dass jemand bewusst und vorsätzlich die Finger im Spiel hat? Wie soll man das aushalten, wenn man in einer Gesellschaft aufwuchs, in der immer eine oder einer für etwas verantwortlich gemacht wird? Würden alle korrekt ihren Job machen, liefe alles kontrolliert und reibungslos ab. OK, das funktioniert nicht, aber wer will dies wissen? Oder wie blöd wäre es anzuerkennen, dass das eigene Leben, Wohlstand, die Gier, das selbst gewählte System, gleichzeitig für das Negative mitverantwortlich ist? Dann hätte man sich ja das eigene Grab geschaufelt. Wäre auch doof.

Nicht zu verachten ist die eigene Vorstellungskraft. Wäre ich an der einen oder anderen Stelle, würde ich dieses oder jenes tun. Ja! Du! Insbesondere bei Geschehnissen, die Behörden betreffen, wird ein technisches Verständnis, strategisches Denken und Kreativität unterstellt, die dort schlicht nicht anzutreffen ist. Jedenfalls äußerst selten. Immer wenn ich etwas für möglich halte, gebe ich damit eine Auskunft über mich selbst. Ich erinnere dabei an die auf Pizzen ejakulierenden Pizzaboten.

Es wird immer schwerer den Überblick zu behalten und gleichzeitig verlieren immer mehr Menschen die Widerstandskraft. Wem trauen? Was für unwahrscheinlich halten? Vor 20 Jahren hätte ich persönlich einige populär gewordene Akteure außerhalb einer Klinik oder wenigstens komplett sozial isoliert für unmöglich gehalten. Völlig wirres Zeug wird zu einer Meinung deklariert. Bücher mit schrägen Herleitungen landen auf Bestsellerlisten. Wie soll man zwischen Journalisten, die auf der Gehaltsliste von PR-Agenturen stehen von denen unterscheiden, welche ihren Beruf noch ernst nehmen? Wie kann man bei all dem Wahnsinn noch mit Sicherheit sagen, was eine “Urbane Legende” oder wirklich passiert ist?

Eine Taktik könnte sich als nützlich erweisen. Der Schweizer Autor Rolf Dobelli schlägt in seinem Buch die “Die Kunst des digitalen Lebens” eine radikale Lösung vor: den kompletten Verzicht auf das Konsumieren der täglichen kleineren und größeren News und stattdessen eine Konzentration auf lang recherchierte zusammenfassende Leitartikel seriöser Zeitungen. News befriedigen eine Sucht, derer sich wiederum die Manipulatoren bedienen. In eine ähnliche Richtung geht die verstorbene Vera Birkenbihl, die die Fragestellung empfiehlt: Welche Bedeutung hat eine Nachricht für mich? Meistens nicht mehr, als dass in mir niedere Instanzen angesprochen werden. Nicht umsonst wird vieles mit bewegten Bildern unterlegt. Sie sorgen dafür, dass unser Gehirn auf Interesse umschaltet. News sind ein Geschäft, mit denen einige viel Geld verdienen. Welchen Wert haben die letzten Tage eines Wahlkampfs im Hinblick auf die Gesamtleitung einer Regierung? Was interessiert es mich, ob Annalena Baerbock ein gutes oder ein schlechtes Englisch spricht? Es genügt vollauf, wenn ich einen Artikel über die Gelbwestenin Frankreich gelesen habe. Die ständigen Videosequenzen bringen mich nicht weiter.

Alles, was in Boulevardzeitungen steht, ist inhaltsloser verblödender Konsum mit dem geistigen Nährwert eines Fast – Food Burgers. Es ist bezeichnend, dass manche Leute mehr Blut, Verbrechen und Einzelschicksale in der Tagesschau einfordern. Warum einer, eine, wen, wie und warum ums Leben gebracht hat, vergewaltigte, ist vollkommen irrelevant. Flüchtling, Deutscher, Migrant, Schwede oder Nordafrikaner, hat keinerlei Mehrwert für das eigene Leben oder Verhalten. Sollte es ein Außerirdischer sein, gut, dann wird es interessant. Gesetze, politische Linien, entstehen nicht von einem Tag auf den anderen. Um mich darüber zu informieren, reicht ein gut recherchierter Artikel.

So wie es mir frei steht, nicht jede Mode mitzumachen, jedem Trend zu folgen oder mir unnützes Zeug aufschwatzen zu lassen, kann ich auf die News, Legenden, PR Strategien verzichten. In fast jedem Laden werden Dinge präsentiert, bei denen theoretisch die Frage aufkommt: Wer braucht diesen Kram und wozu benutzt man es? Ich kann diese Frage aber auch sein lassen und werde nichts verlieren. Ist es mit den Geschichten, all den blöden Statements nicht genauso? Ob ich nun den Spitzenpolitikern zu höre oder es sein lasse, ist völlig egal. Da steht sowieso nur eine Frau oder Mann, die oder der mir einem Hausierer gleich, etwas aufschwatzen will. Wichtig sind die tatsächlichen Handlungen, Entscheidungen und langfristigen Wirkungen.

Dezember 10 2021

Free Assange, Snowden!

person wearing black hoodie Lesedauer 5 Minuten

Ich habe mit dem, was ich tat, mein Leben bis auf den Boden heruntergebrannt. Aber ich würde es jedes Mal wieder genauso tun. Denn es liefert ja auch neuen, fruchtbaren Boden.

Edward Snowden

In meiner Jugend wurde mir eingetrichtert, dass die Amis die Guten sind. Sie haben uns befreit, beschützt und mit der Luftbrücke gerettet. OK, Danke! Auch Danke dafür, dass sie uns die Rote Armee vom Hals gehalten haben. Obwohl ein Kumpel, der bei der NVA diente, zu mir meinte: “Warum Berlin einnehmen, wenn man drumherum laufen kann?” Wenn es überhaupt noch dazu gekommen wäre, weil große Teile Deutschlands für den Fall der Fälle, wenn sich die Großen mit Raketen bewerfen, ohnehin nur Pufferzone sind.
Heutzutage sehe ich die USA längst nicht mehr so umfassend positiv, wie es mir vermittelt wurde. Die USA stehen bei mir auch für ein antiquiertes, unfaires, wenn nicht sogar undemokratisches Wahlverfahren. In einigen Bundesstaaten sind sie der Hotspot für christliche Fanatiker, Rassisten und Republikaner, die unverhohlen den Faschismus favorisieren. Also genau das wogegen einst die US Army kämpfte und hohe Verluste hinnehmen musste. Sie sind eine der Großmächte, die rücksichtslos mit allen Mitteln dem Rest der planetaren Bevölkerung ihr Ding aufdrücken und ihre Ressourcen absichern. Die moderne Geschichte der USA ist begleitet von Sauereien, die denen der anderen Mitspieler in nichts nachstehen. Im Innern wurden mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts alle Gegner des Turbo – Kapitalismus und der Regime – Change – Politik mit unterschiedlichen Mitteln bis zum langjährigen Gefängnisaufenthalt bekämpft. Auch wütende Bürgerbewegungen konnten daran nichts ändern. Nein, die USA sind auf Regierungsebene alles, aber keine Heiligen. Erst neulich zog ein republikanischer US-Senator in einem Interview zum Ukraine – Konflikt, den Angriff auf Militärbasen der Russen am Schwarzen Meer, bis hin zu begrenzten Nuklear – Schlägen, in Erwägung! Als Trump erstmalig antrat, sah ich mir die Vorentscheidung bei den Republikanern an. Drei! Kandidaten zogen ernsthaft einen Nuklearen Krieg in Betracht. Argument: Wozu haben wir die Dinger?


Heute wurde von einem Londoner High Court die Auslieferung von Julian Assange freigegeben. Letzten Endes in einem Staat, der zu den “five eyes” gehört, ein erwartetes Urteil. Doch als Bürger eines Staats, der Asyl für Assange und Edward Snowden ablehnte, kann ich mich nicht auf ein hohes Ross setzen. Beide Männer sind mittlerweile Symbol – Figuren. Sie haben es gewagt, einen Scheinwerfer einzuschalten, der der gesamten Welt zeigte, was im abgedunkelten Teil der Bühne für ein Schauspiel aufgeführt wird. Einigen Frauen und Männern ist viel daran gelegen, Krieg als ein hinnehmbares abstraktes Schauspiel darzustellen. Weg von Blut, zerfetzten Körpern, Verstümmelten, Regionen, die über Jahrzehnte vom Krieg geprägt sind, Elend, Gestank, Tod und Verderben; hin zum geruchlosen Videospiel, bei dem junge Frauen und Männer mit dem Joystick mittels Knopf über Leben oder Sterben entscheiden. Es ist die Kriegsführung der Reichen. Schon immer wurden Kriege durch die Überlegenheit der eingesetzten Waffensysteme entschieden. Selbst im Falle von Vietnam, haben die USA vielleicht nicht ihre Ziele erreicht, aber verloren hat die Bevölkerung. Bis heute haben sie unter den Hinterlassenschaften zu leiden. Assange hat uns u.a. gezeigt, wie der auch bei uns von der UNION viel gepriesene Drohnenkrieg hinführt. Das Ende ist noch lange nicht erreicht. Die mächtigen Staaten arbeiten mit Hochdruck an autonomen Waffensystemen, Schwärmen aus tödlichen Mini – Drohnen oder Kampfrobotern. Krieg wird durch die Minimierung der eigenen Verluste immer mehr eine Option, die ohne größere Bedenken ins Spiel gebracht werden kann.

Aber Assange hat mit Wikileaks noch andere Dinge in Gang gesetzt. Er hat die geheime Kommunikation der Macht inklusive versteckter Transaktionen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Assange ist nicht alleiniger Gründer von Wikileaks, aber mit Sicherheit die prominenteste Persönlichkeit aus dem Kreis der Beteiligten, von denen einige aus guten Gründen immer noch anonym sind. Cumex, Panama – Papers und diverse andere ans Licht gekommene Aktivitäten von Leuten, die das gesamte globale Geschehen desaströs beeinflussen, wären ohne Wikileaks u.U. nicht an die Öffentlichkeit gekommen. Dies hat nichts mit Verschwörungsmythen zu tun. Aufgedeckt wird ein Teilaspekt des weltweiten Geschehen und die Funktionen im Gesamtsystem, die bedingend sind. Folgerichtig zu seinen Fähigkeiten wendet Edward Snowden die Vorgänge und Kriterien eines digitalen Netzwerks auf gesellschaftliche und globale Zusammenhänge an. Wer ein digitales Netzwerk hacken will, muss die inneren Routinen und die Sicherungen kennen bzw. verstehen. Hierzu hat Assange einen wertvollen Beitrag geleistet. Verständlicherweise sind die Netzwerkadministratoren davon nicht sonderlich begeistert. Doch sollten nicht die Auftraggeber der/dem Admin auf die Finger schauen? Oder gebe ich ihr/ihm blind Geld für den Kauf einiger Rechner, Entwicklung eines Betriebssystems, welches ich nicht verstehe? Dann darf ich mich nicht wundern, wenn da lauter Hintertüren, Sicherheitslücken, eingebaut sind, die zu ihrer/seiner eigenen Bereicherung oder Freunde beiträgt. Schlimm genug, dass dies täglich beim Einschalten eines PC oder Benutzung eines Smartphones ohnehin passiert. Als Bürger denjenigen, der mir die Augen öffnete und mir gesagt hat, wer mich hinters Licht führt, gleichzeitig die mich betrügenden und manipulativen Drahtzieher weiter gewähren zu lassen, ihn auch noch an den gemeinsamen Feind (nicht die USA als Staat, sondern die konkret verantwortlichen Frauen und Männer!) auszuliefern, halte ich für die falsche Botschaft. Sie ist nicht nur falsch, sondern in einer Zeit, in der die Welt ohne Kompass und Kapitän durch die Digitale Revolution treibt, alles nimmt, wie es kommt, sehr gefährlich. Hierbei ist anzumerken, dass Snowden durchaus als ein Patriot handelte, der halt ein anderes Verständnis davon hat, wofür die USA stehen sollten. In den letzten Jahren scheint dies nicht Amerikanern so zu gehen.


Snowden zeigt heute noch, wo die Reise in Sachen Überwachung und Manipulation der Massen mittels Digitalisierung hingeht. Ich fasse mir an den Kopf, wenn junge Leute von der UNION völlig unbedarft von Datenspeicherungen für die Strafverfolgung und Terrorismusbekämpfung sprechen. Alles wird passieren, aber ich werde mit Sicherheit keiner/m über den Weg trauen, die/der entweder naiv oder vorsätzlich mit Überwachung herumspielt. Was da ist, wird genutzt und wer heute etwas installiert, hat keinen blassen Schimmer, wer es übermorgen für welche Zwecke benutzt. Hätte mir vor 20 Jahren jemand erzählt, dass eine Partei, die von der “Neuen Rechten” durchsetzt ist und ich als den parlamentarische Arm dieser Bewegung erachte, in den Bundestag einzieht und auch den Vorsitz für den Innenausschuss bekommt, hätte ich dies nicht für möglich gehalten. Ich wage nicht für die kommenden 20 Jahre eine Prognose abzugeben. Da ist einiges im Topf. Gerade in Deutschland ist das individuelle Sicherheitsbedürfnis stark ausgeprägt. Überwachung entwickelt sich nicht plötzlich, sondern in Schritten von Stufe zu Stufe, die zumeist aufgrund eines oder mehrerer Ereignisse gemacht werden. Nach dem Erreichen des nächsten Levels, tritt eine kurze Pause ein, bis das nächste Ereignis eintritt. Hieraufhin kommt es zum Sprung auf das nächste Level. Die daran interessiert sind, handeln aus unterschiedlichen Motiven. Da sind die, welche daran Geld verdienen. Dann jene, welche Sicherheit vor Freiheit und Bürgerrechte stellen. Hinzu kommen politische Ideologen, die die Auffassung vertreten, dass Massengesellschaften einer Steuerung bedürfen, im Zweifel mittels gezielter Manipulationen, und die Überwachung die notwendigen Informationen liefert, um dies zu bewerkstelligen. Bereits das Wissen um die Möglichkeit einer Überwachung der privaten Kommunikation, die Ahnung über die Ausnahmeregelungen für Mächtige, Institutionen, Konzerne, oder Überwachung der Person ändert das Verhalten des Einzelnen sowie die gesamte Struktur innerhalb einer Gesellschaft.


Beide, Assange und Snowden, sind die Paradebeispiele der Jetztzeit für die Folgen, wenn man sich mit den Nutznießern des Offenbarten anlegt. Sie stehen stellvertretend für alle investigativen Journalisten und Whistleblower, die sich mit der Macht anlegen und zeigen, was nicht gezeigt werden soll. Mit aller Deutlichkeit wird gedroht und eine Botschaft ausgesandt. Dies betrifft nicht nur den Einzelnen, sondern Empfänger sind auch die Regierungen der Vasallenstaaten. Finger weg, sonst werden wir Euch zeigen, wo der Hammer hängt. Ganz nebenbei wird das im Völkerrecht verbürgte Asylrecht ausgehebelt. Spätestens mit dem Bekanntwerden der Pläne Assange zu liquidieren, greift es.