November 22 2019

Im Wendekreis des Zwiebelfisches

Lesedauer < 1 Minute

Teil I meines Buchprojekts ist abgeschlossen. Das vorläufige Manuskript steht. Immer wieder neu auf eine Fehlersuche zu gehen, bringt nichts mehr. Ich habe mein “Baby” ein paar Leuten zum Lesen gegeben und erwarte von denen noch ein Feedback. Danach werde ich auf die hoffnungsvolle Suche nach einem Lektorat und einem Verlag gehen. Wer etwas passendes kennt, darf sich gern – bitte – bei mir melden.

Vorab stelle ich den vorläufigen Prolog online, der eine Auskunft gibt, worum es geht. Ich ziehe nach dreissig Jahren Kriminalpolizei aus mehreren Perspektiven Bilanz. Darüber hinaus beschreibe ich, wie ich nach diesen Jahren, als gelernter Polizist, die Welt, die Gesellschaft und den weitere Werdegang von beiden einschätze. Für die berühmten Zeilen dazwischen habe ich mir das Ziel gesetzt, einen Einblick in das Innenleben eines Berliner Kriminalbeamten im Jahr 2019 zu geben. Mir geht es dabei weniger um die Auffassungen, sondern mehr um die Tatsache, dass bei der Polizei durchaus nachgedacht wird. Weit über die üblichen Klischees hinaus.

Wer meinen BLOG schon ein paar Male besucht hat, weiß um mein Fremdschämen, wenn sich Polizisten in merkwürdige politische Law & Order Positionen hinein begegeben, stets neue Gesetze, Techniken und Überwachungen einfordern. Eins kann ich vorab kund tun: Es sind keine Interna zu erwarten, die unbefugte Personen unnötig schlau werden lassen oder Anlass für neugierige Fragen geben könnten. Solche Aktionen überlasse ich Ausschüssen, Gewerkschaftlern und Personalräten. Dennoch gehe ich auf Dinge ein, die bereits an unterschiedlichsten Stellen beschrieben wurden. Da ich aber viele Hintergründe kenne, habe ich eigene Interpretationen. So genug der Ankündigungen von dem, was alles noch nicht online ist. Ich lasse lieber meine Worte sprechen.

Bereits beim Prolog bin ich für jeden Kommentar und kritische Auseinandersetzung offen. Denn hierfür habe ich dieses Buch geschrieben. Wie es weiter geht, wird sich noch zeigen.

zum Prolog =>

Oktober 21 2017

Stimmen im Kopf

Lesedauer < 1 Minute

Autorenlesung

Ort: Café Lutetia, Jüdenstr. 10, Berlin – Spandau

Zeit/Datum: So, 22.10., 18:00 Uhr

Ich stelle einen speziell für die Lesung geschriebenen Text vor, der später Bestandteil meines neuen Buchprojekts werden wird.

Ein Mix aus Politik, Provokation, Sarkasmus, Zynismus und Weckruf für die mittlerweile angekommenen ehemaligen Streiter gegen Rechts und Gleichgültigkeit. Es darf geraucht, getrunken, gebuht, gelacht und geklatscht werden.

Bis denne …

Juni 8 2017

… die richtigen Fragen.

Lesedauer 7 Minuten

«Und hast Du in Deinem Buch komplett ausgepackt?» Den Mann, der diese Frage an mich richtet, kenne ich fast solange, wie ich beim Verein bin. Wir sitzen uns in einer großen Stadt bei einem Bier gegenüber. Seltsamerweise stellen mir in den letzten Tagen diese Frage einige alte Kollegen. «Nein!», antworte ich. «Vieles habe ich nur angedeutet.» Er blinzelt mich gegen die Sonne schauend an. Einer der alten Haudegen, der nun wirklich alles mitgemacht hat, was in diesem Verein geht. «Warum nicht?»

Ich überlege einen Augenblick. «Das war meine Familie, ich habe nicht vor, alles und jeden in die Pfanne zu hauen.» Für einen Bruchteil der Sekunde überlege ich, ob dies der Wahrheit entspricht. Ist es nicht einfach nur die Angst vor den Konsequenzen? Aber stellt sich immer auch die Frage: Was soll das bringen? Ich will nur in dem einen oder anderen Kopf neue Gedanken erzeugen. Was geschehen ist, ist geschehen, es läßt sich nicht mehr ändern. Aber einige werden noch sehr lange etwas zu sagen haben. Sie werden neue Opfer finden. Manch einem kann nicht mal Vorsatz unterstellt werden, sie wissen es einfach nicht besser. Andere haben nur ihre Chance zu nutzen gewusst, die ihnen die Hierarchie gegeben hat.

Es sind auch sehr feine Unterschiede zu berücksichtigen. Vieles ist durch Prozesse entstanden, die hoch komplex sind und dem Individuum innerhalb des Systems nicht vorzuhalten sind. Laurence J. Peter und Raymond Hull, schreiben 1970 in der Widmung zum Buch “Das Peter – Prinzip o. die Die Hierarchie der Unfähigen:

Dieses Buch ist all denen gewidmet, die auf ihrer Stufe der Unfähigkeit arbeiten, spielen, lieben, leben und sterben und damit das Forschungsmaterial für Entstehung und Entwicklung der Hierarchologie, der rettenden Wissenschaft, bereitstellen.

Sie retteten andere, sich selbst konnten sie nicht helfen.

Die schon 1970 aufgezeigten Prozesse gnadenlos zu ignorieren, ist einer der eklatanten Fehler. Der ehemalige General und Politiker Jörg Schönbohm schilderte anlässlich eines Treffens mit Polizisten folgendes: “Wenn ich am Frühstückstisch sitze und die Meldungen durchgehe, steht dort: Wir haben alles im Griff, alles ist gut! Taucht mein Sohn auf, der ebenfalls Soldat ist, schildert er mir ein ganz anderes Bild. Nach oben hin wird alles solange schön geschrieben, bis vom Ursprung nichts mehr übrig ist.

Notwendig wäre eine echte Fehlerkultur, in der nicht das “Ducken” favorisiert wird um die Persönlichkeitsstörungen von Narzissten zu bedienen, sondern konstruktive Kritik muss gefördert werden. Gerade die Polizei muss einer selbstgefälligen sich selbst generierenden Politischen Klasse die Stirn bieten. Klare Botschaft: Ihr gebt uns nichts, dann können wir auch nur leisten, was ihr bezahlt habt.

Gewerkschaftler sind am Verzweifeln. Kämpfen sie für Überstundenabbau, plädieren für Liegevermerke und Auftragsablehnung, maulen sofort die ersten, weil sie selbst die schlecht bezahlten Überstunden zum Überleben brauchen. Am Ende entsteht innerhalb der Polizei die “DDR” neu, mit all den hinreichend bekannten Auswirkungen. Eine ist ist davon sicherlich auch, dass Menschen mit einem bestimmten Sozialverhalten in Führungsetagen landen.

«Das ehrt Dich, aber ich hätte bei Dir und Deiner Biografie gedacht, dass Du die Karten offen legst.» Es klingt beinahe ein wenig danach, als wenn er zu denen gehört, die sich das wünschen. Endlich mal einer, der die Themen angeht.

Aber wo sollte ich da anfangen? Im Buch «Die Wanderung Vol. II» legte ich den Schwerpunkt auf den menschlichen Faktor. Was passiert mit dem Menschen in dieser Hierarchie und welche Dinge werden ausgelöst. Überschriften gibt es da viele. Alleine der Ausspruch «Die einzige Bestrafung, die ein Täter bekommt, ist unsere Festnahme!» umfasst ein riesiges Feld. Der drohend hingeworfene Satz eines Verdeckten Ermittlers: «Am Ende bin ich da draußen immer alleine und Du wirst das nicht ändern!» Oder die frustrierte Feststellung: «Wir legen jeden Tag Leute auf’s Kreuz und lassen uns von dem da vorne verarschen?», könnte ein ganzes Buch füllen.

Der Dialog: «Sie können das Ganze aus Ihrer Perspektive nicht überblicken, da müssen sie ihren Vorgesetzten mit dem geheimen Führungswissen schon vertrauen.» «Ach ja? Sie meinen die Sache mit dem Tellerrand? Es gibt aber auch Menschen, die sind soweit vom Teller, das sie diesen gar nicht mehr sehen können!», könnte eine ganze Analyse des Führungsgebarens diverser Herrschaften aus dem Höheren Dienst nach sich ziehen.

Oder welche Botschaft vermittelt ein Kommissariatsleiter, wenn er sagt: «Die Behörde orientiert sich schon lange nicht mehr an der Kriminalität, sondern nur noch an Zahlen. Wir verwalten hier die Kriminalität. Wenn da draußen eine Woche lang keine Straftaten stattfänden, wir würden es nicht merken, weil wir uns in dieser Zeit mit uns alleine beschäftigt haben.»

Die Presse liefert dank des Vorpreschens des Innensenators eine Steilvorlage nach der anderen. «Priorisierung erfüllt faktisch den Tatbestand einer Strafvereitlung im Amt!», sagt ein Pressevertreter und gibt damit wieder, was Kollegen völlig frustriert nach außen kolportieren. An dieser Stelle kann ich nur sehr böse in mich hineinlachen. Ich erinnere mich an eine junge engagierte Kollegin, die einer Gruppe von bundesweit und international agierenden Tätern auf die Spur gekommen war. Sie erbat eine Freistellung von anderen Ermittlungen, stattdessen wurde ihr von «oben» her nahe gelegt, die Ermittlungen nicht fortzuführen. Als sie bockig wurde, wurde sie zusammen gebrüllt. Am Ende folgten eine Versetzung für sie und ein mündlicher Verweis an den Vorgesetzten. Das ist bereits 10 Jahre her, da hat es nur niemanden interessiert. Sachbearbeiter müssen sich bei größeren Verfahren Gedanken über die zu erwartenden Kosten und Länge des Verfahrens machen. Warum? Ich lasse die Frage offen.

Im Zusammenhang mit AMRI wird immer von Aktenbelastung gesprochen. Wie viele Akten, Anfragen, Telefonüberwachungen, Dolmetscher usw. hat denn so ein Sachbearbeiter eigentlich zu bewältigen? Wie hoch ist die Belastung in den Sachgebieten der OK und Rauschgiftkriminalität? Und bitte nicht schummeln! Die Frage galt den Einzelverfahren, nicht den Sammelakten oder nach Personen.

Immerhin unterstellte Herr Ströbele Faulheit! Wie hoch war die Anzahl von Verdachtsfällen eines Dienstvergehens in den letzten Jahren, bei denen der Verdacht bestand, dass der Beamte in Akten/Vorgängen “absoff”. Wurden die Beamten irgendwie betreut? Oder wurden sie nur als Täter behandelt? Gab es Konsequenzen auf der Vorgesetztenebene? Es wird von einem hohen Krankenstand bei der Berliner Polizei gesprochen. Gibt es da Zahlen zu? Haben die sich alle einen Arm gebrochen? Oder gibt es anonymisierte Zahlen darüber, wie hoch der Krankenstand verursacht durch psychische Erkrankungen ist? Wie hoch ist die Anzahl der an Depressionen erkrankten Beamten – eine Kennzahl für ein Burnout Syndrom?

Es wird doch zu fast allem eine Statistik geführt. Darüber auch? Gibt es eine Ursachenforschung? Besteht eine ausreichende Versorgung mit einer professionellen Supervision? In welchen Altersklassen setzen diese eventuell vorhandenen Erkrankungen ein? Welche professionellen routinemäßigen Vorbeugungen werden zur Vermeidung von Traumatisierungen betrieben? Und in welchem Umfang geschieht dieses? Wird dieses nur im Rahmen von Fortbildungsmaßnahmen betrieben oder geschieht dieses auch “niedrigschwellig” durch extern professionell ausgebildete Beamte, die auf belasteten Dienststellen vorhanden sind.

Werden auf Dienststellen, die besonderen Belastungen ausgesetzt sind, Statistiken über Verletzungen bzw. Erkrankungen geführt und diese entsprechend ausgewertet? Wie hoch ist die Rate bei HWS – Schäden, insbesondere bei Beamten im Streifendienst? Oder bei Beamten in Spezialeinheiten, die über einen längeren Zeitraum besondere Schutzkleidung (besonders schwere Helme) tragen müssen. Gibt es Erkenntnisse bezüglich der Auswirkungen beim langen Sitzen in Fahrzeugen und dem gleichzeitigen Tragen einer Schusswaffe sowie einer Schussweste? Lassen sich Analogien zu Berufskraftfahrern herstellen? Wie verhält es sich mit Langzeitbelastungen durch “Tränengas”? usw., usw..

In der öffentlichen Verwaltung haben diverse Begriffe aus dem Management Einzug genommen. Hierzu gehören u.a. “Gender Mainstream”, “Corporate Identity”, “Balanced – Score – Card” und das “Work-Life-Balance”. Vermutlich wurden im Rahmen eines Controlling die notwendigen Kennzahlen, auch in Bezug auf die bestehende Anzahl der Sachbearbeiter ermittelt, und inwieweit sie in Balance zu den restlichen Kennzahlen stehen. Wie drückt sich dieses Verhältnis in Zahlen aus? Welche inneren Freizeitangebote – wie z.B. Saunen oder außerdienstlich nutzbare Sportstätten bestehen für ein Work – Life – Balance? Gab es diese Angebote?


Ohnehin reagieren Politiker und Journalisten nur auf die gerade stattfindenden Ereignisse. Interessant wäre es doch, die Fragen aufzuwerfen, die in jeder Kneipe bei vorgehaltener Hand gestellt werden. Fragen, die ein Polizist nicht stellen kann. Laufe ich durch meinen Bezirk, sehe ich eine Shisha Bar Neueröffnung nach der anderen. Ich kenne die Gewerbemieten in den Häusern. Woher haben die das Geld für die Miete? Es wäre ein einfaches Ding, mal nachzusehen, wie viel Publikumsverkehr dort stattfindet und ob mit dem Umsatz auch nur ansatzweise die Kosten gedeckt werden können. Was passiert da in den Spielhallen? Wer sind die Besitzer? Zahlen? Wie viele Lokalkontrollen wurden 2016 zusammen mit dem Ordnungsamt durchgeführt? Solche Fragen stellen sich in meinem Bezirk ganz normale Wirte.

Immobilien! Wer ist im Grundbuchamt eingetragen und können die Besitzverhältnisse stimmen? Warum haben Läden, die angeblich alle nichts miteinander zu tun haben, alle den gleichen Steuerberater? Zufall? Vielleicht! Warum tragen sich auf den einschlägigen Social Media Seiten dieser Shisha Bars jede Menge Mitglieder der großen 1 % MCs ein? Wie hoch sind eigentlich die Honorarvereinbarungen der üblichen Rechtsanwälte bei der Verteidigung von Clan – Mitgliedern und besteht eine erklärbare Gegenfinanzierung? Gibt es Rechtsanwälte, die in diesen Verfahren vermehrt auftauchen und “Querwissen” aus anderen Verfahren haben? Das müssten doch Journalisten herausbekommen können. Polizeiarbeit ist das nicht. Vielleicht ist ja auch alles ganz anders? Eventuell hat ja Paul Meyer die gleichen Chancen und die Beträge sind überschaubar. Ich meine die wenigsten der Zeitungsleser kennen sich mit solchen Dingen aus. Sind das Pauschalverträge, Tagessätze oder wird pro Verhandlungstag berechnet?

In welchen Umfang wurden in den Schwerpunktabschnitten “Allgemeine Standkontrollen” durchgeführt? Und wenn diese nicht stattfanden, warum nicht?

Jeder Beamte, der jemals Kontakt mit der Organisierten Kriminalität hatte, weiß eins: Das Milieu muss in Bewegung bleiben. Sie dürfen niemals zur Ruhe kommen. Die «Paten» müssen in den Lokalen vor Angst schwitzen. Irgendwo müssen sich zum Beispiel die ausländischen Einbrecher schließlich aufhalten oder ihre Hehler treffen. Sie brauchen sichere Wohnungen, die ihnen irgendjemand überlassen muss. Hat die Polizei für solche Ermittlungen ausreichend Sachbearbeiter und operative Einsatzkräfte? Vielleicht!

In allen nur erdenklichen öffentlichen Medien wird quasi 24 Stunden lang von selbst- ernannten Experten davon gesprochen, dass es eine Schnittstelle zwischen Organisierter Kriminalität und Terrorismus auf internationaler Ebene gibt. Das ist interessant! Gibt es denn in Berlin so etwas überhaupt?

Jeder der Kinder hat, weiß eines sehr genau: «Wenn es im Kinderzimmer zu leise ist, dann ist das kein gutes Zeichen!» Als Zeitungsleser stelle ich eines fest, entweder ist alles, was bis ca. 2010 Alarm gemacht hat ausgeflogen oder sie gehen tiefen -entspannt ihren Geschäften nach.

Das sind alles nur Fragen. Ich kenne die Antworten auch nicht, und wenn ich sie kennen würde, gäbe ich sie nicht preis. Aber als Spandauer und Berliner, darf ich mit offenen Augen durch die Straßen laufen und mir diese Fragen laut stellen. Ebenso wie ich mir als interessierter Bürger die Frage stellen darf, wie wahrscheinlich die Abwesenheit der großen Truppen in Berlin ist. 1991 sagte mal ein Kriminaloberdirektor der damals noch bestehenden Direktion Verbrechensbekämpfung Organisierte Kriminalität, kurz Dir VB O I: «Wenn eine große Anzahl Italiener in der Stadt sind, ist auch die Mafia zusammen mit der Camorra anwesend, wenn viele Chinesen da sind, sind auch die Triaden anwesend und wenn genug Russen da sind, ist auch die Tambowskaja – Malyschewskaja mit im Boot. Aber wir werden immer nur zugeben, dass sie da sind, wenn sie sich zeigen.» Aber diese Aussage ist Schnee von gestern, die Welt hat sich vollkommen geändert.

Nein, keine Angst, über diese Sachen habe ich nicht geschrieben. Das überlasse ich besseren Autoren, wie einem Jürgen Roth, der dazu berufen ist. Vieles ist ja auch alter kalter Kaffee. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Verhältnisse aus dem Jahr 1989, die der ehemalige Ermittler Rolf Ackermann unter dem Pseudonym Bodo Morstein in seinem Buch «Der Pate des Terrors» beschrieb, immer noch bestehen.

Mir geht es vielmehr darum, wie auf menschlicher Ebene mit Menschen umgegangen wurde, die sich genau diese Fragen stellten und versuchten Antworten zu finden, und wie es dazu kommen konnte, dass viele von ihnen kalt gestellt wurden bzw. sie aufgaben. Mal sehen, vielleicht reicht es ja noch für eine kleine Kurzgeschichte.

 

Mai 13 2017

:: Sag mal Emmes … ::

Lesedauer 8 MinutenLESEPROBE


Spandau

Berlin – Spandau, Montag Abend in einer Kneipe. Einem Berliner reichen diese Informationen. Sie sind kein Berliner? Dann brauchen Sie mehr Input. An einem Montag ist abends nahezu jeder Laden in Spandau leer. Und wenn Sie doch jemanden antreffen, ist derjenige ein Mann, irgendetwas zwischen 40–50 Jahre, unverheiratet und gelangweilt. Sie wissen nichts mit dem Bezirk – Spandau anzufangen? OK! Ich beschränke mich auf das Notwendige. Berliner bezeichnen sich meistens nur außerhalb des Stadtgebiets als Berliner.
Treffen sie sich untereinander, wird zumeist die Frage gestellt: «Wo kommste denn her?»
«Vom Wedding! Aus Prenzlberg! Ick bin Marzahner, aus Neukölln oder eben aus Spandau.»
Auf die Antwort Spandau folgt im Regelfall eine kurze Pause. Der «echte» Berliner entgegnet dann: «Ach so, Spandau, also nicht aus Berlin! Musste nicht bald nach Hause? Die Brücken werden bald hochgezogen?»

Dies bezieht sich darauf, dass Spandau an der Havel liegt und von Berlin aus nur über eine der 11 Brücken erreicht werden kann. Es ist typisch für Berliner, dass sie diesen Umstand für eine Besonderheit halten. Jedenfalls leben jenseits dieser 11 Brücken, die Spandauer. Aber es wird noch verrückter. Treffen nämlich zwei Spandauer aufeinander, die sich nicht kennen, also ein fast nicht anzunehmender Fall, wird eine weitere Aufteilung vorgenommen. «Kommste von der Buber, Kant, Bartning oder Carossa?» Hinter dieser Frage verbergen sich die Namen von Spandauer Schulen. Irritierenderweise kommt es dann zu Auskünften wie: «Nee aus Staaken, Neustadt oder Hakenkreuzfelde.»
Mit diesem Dialog werden für den Ureinwohner wichtige versteckte Botschaften ausgetauscht. Stellen Sie sich folgende Szene vor. Sie sind Spandauer und baggern eine junge Frau an. Sie erhalten die Antwort: «Buber!». Ihre zukünftige Ex – Freundin war irgendwann in ihrem Leben auf der Martin – Buber – Oberschule. Vorsicht! Viele der Absolventen waren anfangs auf einer anderen Schule, landeten dann dort, um einen halbwegs brauchbaren Schulabschluss zu bekommen. Das bedeutet, sie hat unter Umständen Geschwister, die auf anderen Schulen waren. Als Mann und Einheimischer sollten jetzt die Alarmglocken läuten. Die junge attraktive Frau vor Ihnen hat möglicherweise einen Bruder, den Sie kennen! Je nach Alter hatten sie unter Umständen etwas mit der Mutter oder Sie hatten mal in der Vergangenheit  mit dem Vater zu tun.
Die Antwort «Carossa», bringt sie eventuell in juristische Schwierigkeiten, weil der Vater Rechtsanwalt sein könnte. «Kant» bedeutet: «Freundeskreis und Familienstammbaum sind ein Kreis!» Als Außenstehender können Sie das selbstverständlich alles vergessen. Entweder die Frau ist dankbar, endlich mal einen Typen von auswärts kennenzulernen, was sehr wahrscheinlich ist, oder sie hat ohnehin kein Interesse an Ihnen.

Nach dieser groben Sortierung kommt das Feintuning. «Wo bist Du denn abends immer?» In Spandau gibt es eine überschaubare Anzahl von zentralen Einrichtungen, die man als Einheimischer kennen muss. Ich finde am ehesten können diese Einrichtungen als Institutionen bezeichnet werden. Irgendwo las ich, dass eine Institution etwas darstellt, wo Leute zusammenkommen und einen festen sozialen Ablauf erwarten können. Wenn das nicht auf eine Spandauer Kneipe zutrifft, dann weiß ich nicht weiter. Outet sich ein Einheimischer als Stammgast dieser Institutionen, wissen Sie über diesen Menschen mehr als Google, Verfassungsschutz und Krankenversicherung zusammen.

Ausländische Sender

In einer dieser Institutionen sitzt an diesem Montag Emmes. Kennen Sie nicht? Macht nichts. Sie werden ihn kennenlernen. Er ist einer der gelangweilten vier Männer am Tresen. Der mit der Mütze auf dem Kopf. Zu seiner Rechten trinkt der ebenso an einem Montag stets anwesende arbeitslose Maler Thomas, wie alle Thomas einfach nur Tom genannt, sein Bier aus einem Einliterkrug.

«Sag mal Emmes, hast Du schon einen neuen Dekoder?»
Emmes hebt unmerklich den Kopf. «Nö! Wieso?»
«Habe mich den ganzen Abend mit diesem Mist herum geschlagen. Das ist vielleicht ein Dreck.»
«Warum?»
«Bis ich alle Sender drin hatte, hat es eine Ewigkeit gedauert. Und Du bekommst nur unsere Sender rein.»
«Wieso willst Du denn noch mehr haben? Den Rest kannst Du doch sowieso knicken. Ist entweder Werbung oder Ausland.»
Tom triumphiert. «Eben, Ausland!»
Emmes schaut skeptisch und greift nach einer Zigarette.
«Ach ja? Welche willst Du denn reinbekommen?»
«Österreich, Schweiz, BBC und so.»
«Warum willst Du die denn sehen?»
«Na zum Beispiel lese und höre ich jetzt täglich über den Skandal in der Bundeswehr. Der Skandal ist doch ein ganz anderer. Das Bundesamt für Flüchtlinge erkennt einen Deutschen als Flüchtling an und blecht auch noch dafür. Klarer Fall, jeder Terrorist kommt hier ganz einfach rein. Bekommt Asyl und Kohle für seine geplanten Taten in den Hintern geschoben.»
Emmes schaut immer noch skeptisch und zündet sich die Zigarette an.
«Was hat das jetzt mit Deinen Sendern zu tun?»
«Warum wohl werden deutschsprachige Sender z. B. aus der Schweiz oder Österreich nicht in unser Kabelnetz eingespeist? Nicht mal im Internet geht das einfach so. Ich habe mir extra über einen Server aus der Schweiz einen Account bei Zattoo TV eingerichtet.» Tom nimmt einen Schluck aus seinem Krug. «Wenn Du nur Sender aus Deinem Land empfangen kannst, bist Du Deutscher oder Koreaner! So siehts doch aus.»
«Hmmm? Koreaner?», brummt Emmes.
«Was?»
«Korea? Ernsthaft?»
«Oder Türkei, Demokratie gibt es hier schon lange nicht mehr!»
Emmes zieht aus seiner Jacke ein Notizbuch heraus und beginnt etwas hinein zu schreiben.
«Was schreibst Du da?»
«Ich mache mir Notizen!»
«Worüber?»
«Ich muss Morgen wieder über Dich berichten !»
«Hä?»
«Na bei meinem Führungsoffizier. Ich bin doch Beamter und muss Dich als Systemkritiker melden.»
Tom kräuselt die Stirn.
«Willst Du mich verarschen?»
«Würde ich nie tun. Ich kann Dich verstehen, aber ich habe das Problem nicht.»
«Du kannst natürlich alles empfangen, weil Du so schlau bist!», empört sich Tom.
«Einfach so nicht! Ich musste mich beim Kauf der Satelliten – Schüssel mit meinem Dienstausweis als Mitglied der Überwachungsbehörde ausweisen. Jetzt kann ich sogar japanische Sender empfangen.»
«Sehr witzig!», stellt Tom leicht aggressiv fest.
Emmes schaut Tom nicht an. «Stimmt, ich kann nämlich kein Wort Japanisch!»
«Du bist echt ein Spinner! Wirst schon sehen, was Du davon hast. Spätestens wenn Deine Töchter mit einer Burka herumrennen müssen, wirst auch Du kapieren, was hier abläuft.»
Emmes schaut Tom nun doch an. «Vorsicht! Ich bin gläubig. Bei Religion verstehe ich kein Spaß!»
Tom stutzt.
«Ernsthaft?»
«Ja, ich habe auch schon mal darüber nachgedacht zum Islam zu konvertieren!»
«Bist Du bescheuert?»
«Gar nicht! Denk Du doch mal nach. Du kannst mehrere Frauen haben, solange Du sie einiger Maßen versorgen kannst. Sie müssen jeden Tag mit Dir vögeln und Du bist der Bestimmer zu Hause. Zugegeben, die Sache mit dem Suff ist ein wenig problematisch, aber ein Muslim hat mir mal erklärt, aber in der Wohnung ist OK, da sieht es Allah nicht.»
«Ach so! Ich dachte schon, Du meinst das ernst.»
Emmes grinst und beginnt leise zu lachen. «Was genau hast Du nicht verstanden?»
«Ist doch alles Quatsch! Oder?», kameradschaftlich klopft Tom Emmes auf die Schulter.
«Du musst doch zugeben, dass mit den Flüchtlingen jede Menge Penner ins Land kommen. Wir zahlen und zahlen …»
Emmes unterbricht ihn.
«Und verdienen jede Menge Geld!»
«Na hör mal, wo verdienen wir denn Geld an denen?»
«Warum flüchten die denn?»
«Was weiß ich? Wenn es so schlimm ist in Syrien, sollen sie lieber kämpfen. Wir können nicht jeden aufnehmen.»
«OK, und wie sollen sie kämpfen?»
«Na mit der Knarre in der Hand!»
«Die bekommen sie woher?»
Tom zuckt mal wieder mit den Schultern.
«Keine Ahnung! Sind doch genug Knarren da.»
«Die wir ihnen verkauft haben! Anderes Thema, wo wohnen denn die Flüchtlinge?»
«Na in den Containern, Sporthallen, Schulen, was weiß denn ich?»
«Die Container stellt wer her? Wer vermietet dem Senat alte Hotels?»
«Ach? Und Du willst mir jetzt verklickern, dass wir daran Geld verdienen? Wer zahlt denn die Miete? Du! Ich! Wir Steuerzahler.»
«Ja, aber es verdient auch jemand. Genauso, wie einer an den Waffen verdient. So wie wir alle verdammt gut davon leben, dass die in Afrika nichts auf die Reihe bekommen. Was meinst Du wohl, was passiert, wenn die uns für die Rohstoffe richtige Rechnungen ausstellen, dann wird es aber ganz schön dunkel hier.»
Tom winkt ab.
«Bla, Bla! Fakt ist doch, dass die nichts hinbekommen. Mit Dir kann man nicht reden. Du bist so ein richtiger Möchtegern Gegenhalter. Ich bleibe dabei, Deutschland schafft sich ab.»
Emmes schüttelt mit den Kopf.
«Sinnlos!»
«Ja, weil Du Dich immer mehr zum Systemling entwickelst.»
«Ich denk, Du bist Wessi?»
«Ja und?», fragt Tom erstaunt nach.
«Ich dachte immer, das Wort wird nur von Ossis benutzt. Wessis  sagen so etwas wie: Mitläufer, Opportunist … oder so. Systemling? Ernsthaft? Machst Du demnächst auch durchs Gebiet?»
«Du hast auf alles eine Antwort, oder? Auf jeden Fall läßt Du Dich von diesen Volksschädlingen vor den Karren spannen!»
Emmes schlägt auf dem Barhocker sitzend die Hacken zusammen «Heil!»
«Ach kommt jetzt wieder die Nazikeule?»
«Wenn Du Naziwörter benutzt …»
«Bleib doch mal beim Inhalt! Da draußen herrscht dank unserer feigen Politiker ein Religionskrieg. Mit schlauen Gehirnwichsereien werden wir da nichts ausrichten.»
«Aber mit Dummheit?»
«Ach ich bin dumm?»
«Na klar, weil Du Dir den Scheiß einreden läßt.»
«Und Du hast die Wahrheit gepachtet?»
«Nö, aber ich kenne mich ein wenig mit Paranoiden aus!»
«Ach hat der Herr jetzt auch noch Psychologie studiert.»
«Nein, aber ich war mit genug paranoiden Weibern zusammen.»
«Und warum bin ich Deiner Auffassung nach paranoid?»
«Du hast vor etwas Angst, was Dir andere eingeredet haben. Es ist vollkommen bescheuert, aber Du glaubst dran. Dann versuchst Du jedem zu verklickern, dass es doch ganz normal ist, davor Angst zu haben. Ich hatte mal eine, die konnte sich nicht ins Gesicht fassen, weil Sie Angst hatte davon krank zu werden. Dann hat Sie mir versucht klar zu machen, dass ich das auch unterlassen sollte. Verrückt!»
«Und was haben die Flüchtlinge damit zu tun?»
«Das einer von denen ausgerechnet Dir Kackvogel etwas tut, ist extrem unwahrscheinlich. Genauso unwahrscheinlich, wie das die Tante sich Ebola oder sonst etwas einfängt. Da sollte sie sich eher einen Kopf um Chlamydien machen. Egal! Was soll das mit den Sendern?»
«Zensur!»
«Zensur?»
«Ja, ich hab keinen Bock mehr darauf, von diesen Einheitsmedien gesteuert zu werden.»
«Und die Ösis haben keine Zensur? Kauf Dir doch mal ein Buch oder eine brauchbare Zeitung.»
«Keine Zeit!»
«Aber ausländische Sender? Stundenlang vor dem Rechner sitzen und Fake Accounts einrichten, dafür hast Du Zeit?»
«Es geht um die Möglichkeit!»
Emmes läßt demonstrativ den Kopf sinken.
«Wieder so ein Tussi Ding!»
«Warum?»
«Nur Frauen wollen immer die Möglichkeit haben. Eigentlich wollen sie gerade nicht, aber die Möglichkeit muss bestehen. Ihr ganzer Kleiderschrank ist ein Einziges: Ich will die Möglichkeit haben!»
«Kann es sein, dass Du ein Chauvi bist?»
«Hab nie etwas anderes behauptet.»

Pause

«Ich bleibe dabei!»
«Wobei?»
«Na, dass wir hier nicht jeden aufnehmen können!»
«Von Können ist auch nicht die Rede!»
«Siehste, Du sagst es auch …!»
«Die kommen einfach! Das wirst Du nicht verhindern und ich auch nicht.»
«Aber wir können die Grenzen dichtmachen.»
«Könnten wir. Und dann?»
«Na, dann kommen die nicht mehr her.»
«Und wie verhinderst Du, dass sie Deine tolle Grenze nicht doch überwinden?»
«Keine Ahnung, was an Grenzen halt so gemacht wird. Kontrollen, nicht durchlassen, wieder nach Hause schicken.»
«Wenn die aber nicht wollen? Abknallen?»
«Du musst Sie ja nicht abknallen. Warnschüsse dürften reichen.»
Emmes dreht sich nun auf seinem Barhocker vollständig zu Tom um.
«Nicht so hastig mein Freund. Ein Typ, der nicht getroffen ist, rennt einfach weiter. Also wer schießt richtig? Denn das würde sich herumsprechen. An der deutschen Grenze wird scharf geschossen.»
«Dann müssen halt die Grenzer schießen.»
Emmes zieht die Augenbrauen hoch.
«Ach so? Und wer genau soll da an der Grenze stehen? Du?»
«Ich bin Maler und kein Grenzer. Augen auf bei der Berufswahl, kann ich nur sagen. Wer den Job macht, muss auch in der Lage sein zu schießen, so ist das nun einmal.»
«Und Du beschwerst Dich über unsere Politiker?»
«Wieso?»
«Weil die genauso eine Grütze quatschen. Pulle voll, Frau besoffen! Nach Krieg schreien, aber andere an die Front schicken.»
«Was soll denn Deiner Meinung nach passieren?»
«Wo?»
«Na, mit den Flüchtlingen?»
«Der Zug ist abgefahren.»
«Also Du nimmst das alles so hin?»
«Ich sehe keine Alternative. Wir können nur noch das Beste draus machen. Die Weichen haben ganz andere schon vor Jahrzehnten gestellt.»
«Das wäre?»
«Ich stehe auf südländische Frauen. Da wird sich doch vielleicht eine Dankbare finden.»
«Du Bock!»
«Ich sagte es bereits. Ich habe niemals etwas Anderes behauptet. Die wollen unsere dicken blonden Weiber, also hole ich mir ihre dunkelhaarigen Bräute.»
«Du bist ja noch schlimmer als ich!»
Emmes zuckt mit den Schultern.
«Ich hab nicht gesagt, dass ich ein guter Mensch bin, ich behaupte lediglich, Realist zu sein. Weder Du noch ich, werden etwas aufhalten, wir können uns nur damit arrangieren. Jägermeister?»
«Bin dabei.»

Amira, die arabisch stämmige junge Bedienung stellt den beiden Jägermeister hin.

«Mach Dir mal auch einen!», fordert Emmes.
«Danke!»
«Nicht dafür.»
Amira hebt ihr Glas. «Auf Euch alte Säcke! Prost!»
Emmes verzieht das Gesicht. «Wir sollten noch mal über die Grenze nachdenken.»
«Welche Grenze?», fragt Amira.
«Ach nichts, war nur so ein Spruch.»

Fortsetzung folgt …

Mai 3 2017

Bis zur ISBN …

Lesedauer < 1 Minute

… ist es ein harter anstrengender Weg. Hochladen, prüfen, nochmals hochladen, überprüfen und dann endlich ist es vollbracht. Die Wanderung Vol. 2, kann nun unter der ISBN 9783743159495, Preis: 22,99 EUR eBook 9,99 EUR bestellt werden. Am einfachsten direkt bei BoD.de, aber auch im Buchhandel mit Vorbestellung.

Das Projekt ist damit nun beendet, auf zu neuen Taten. Mich fragte letztens jemand, ob ich die Schlangengrube noch weiter verfolge. Nein! Alles was in der Schlangengrube gestanden hätte, steht nun in der Wanderung. Im nächsten Buch werde ich mich dem EMMES nicht nur zeichnerisch, sondern auch literarisch widmen. Wir beide haben uns eine ganze Menge zu erzählen. Das wird dann auch leichtere und vergnügliche Kost werden.

Bis dahin warte ich erst einmal die Reaktionen auf das Buch ab. Mal sehen, vielleicht fühlt sich ja der eine oder andere auf den Schlips getreten, schlimmsten Falls verhallt es im leeren Raum, aber ich habe dann wenigstens einmal alles gesagt, was ich zu sagen hatte.

Also bis denne …

Februar 15 2017

Mein Lieblingsbuch

Lesedauer 4 Minuten

Beim Aktualisieren meiner Internetpräsenzen stand in den Formularen, in denen sich der Betreiber seinem Leser vorstellen soll, wieder diese Frage. Was ist Dein Lieblingsbuch? Uff! Ja, was ist denn eigentlich mein Lieblingsbuch. Ist damit mein aktuelles Lieblingsbuch gemeint oder vielleicht dieses eine – scheinbar existierende – Buch, welches für immer meine persönliche Empfehlung sein wird?
Ich habe in meinem bisherigen Leben, ich schreibe dies ohne jegliche Arroganz, einiges an Literatur konsumiert. Üblich scheint dieses bei Männern nicht zu sein, jedenfalls nicht bei Typen wie mir. Sonst kann ich mir die erstaunte Äußerung einer Frau beim Kennenlernen nicht erklären, die genau dieses nicht glauben wollte. „Du liest Bücher?“ Ich räume ein, Buch ist nicht Buch. „Jetzt helfe ich mir selbst – Mein Golf GTI“ oder „Kommentar zum StGB Fassung 1992“ ist damit sicherlich nicht gemeint. Ich klammere auch jegliche Fachliteratur aus, „der Mob – Dagobert Lindlau“, „der Minus Mann – Heinz Sobota“, „Deckname Tato – Fausto Cattaneo“ oder „der Schneekönig – Ronald Miehling“, obwohl alle genannten Bücher lesenswert sind.
Lieblingsbuch? Vielleicht sollte ich auch noch die gesamte Kultliteratur meiner Generation heraus lassen. „Der Herr der Ringe – J.R.R. Tolkien“, „Per Anhalter durch die Galaxis – Douglas Adams“, „Illuminatus  (Nein! Nicht Illuminati – von Dan Brown, sondern die großartige Verschwörungstheoretikerverarschung von Robert Anton Wilson und Robert Shea mit den feuchten Onaniervorlagen für Pubertierende), „Nebel von Avalon – Marion Zimmer Bradley (damit auch die pubertierenden Mädels etwas haben, ich habe es nur gelesen um sie zu beeindrucken), „Die Geschichte der O – Pauline Réage“ oder die weniger bekannten Bücher über den Zyklus der Gegenerde GOR des verklemmten amerikanischen Philosophieprofessors John Norman.
Selbst an dieser Stelle kann ich mir noch nicht beantworten, was denn nun genau gemeint ist. Aktuell fasziniert mich eigentlich kein Buch so richtig, welches ich als lang anhaltende Literatur bezeichnen würde. Dies führt mich zur Frage, was verstehe ich denn unter prägender Literatur? Inhaltlich? Stilistisch? Gesellschaftliche Wirkung? Stilistisch hat mit mich der Ulysses von James Joyce sicherlich fasziniert, aber ist damit nicht zu meinem Lieblingsbuch avanciert. „Wo warst Du Adam?“ von Böll, hat mich ebenso durch die Verschachtelung gefesselt. Remarque habe ich einfach zum richtigen Zeitpunkt in meinem Leben gelesen, genauso wie mich zum richtigen Zeitpunkt Graham Green mit „Das Ende einer Affäre“ in den Bann zog und mich das Thema Glauben und Liebe immer wieder im Leben einholt.
Charles Bukowski, der alte dreckige Säufer, hat mich in den Jahren immer begleitet. Seine Erkenntnisse finde ich immer noch großartig. Jack Kerouac war in meiner Jugend durchaus passabel, aber „On the Road“ hat nun einmal ein Mitte dreißigjähriger homosexueller Mann unter dem Motto „Sex, Drugs ’n’ Jazz“ geschrieben. Da war mir schon Bukowski lieber. Henry Miller, einer meiner absoluten Lieblingsschriftsteller. Ein Anarchist im System, der das gesamte Telegrafenamt in seiner ganzen Absurdität zerstört, mir zeigt wie parallel Welten sein können, wenn ich dabei an Deutsche Behörden denke. Ein Mann, der die Bigotterie einer Gesellschaft an den Pranger stellt. Sexus, Nexus, Plexus oder im Wendekreis des Steinbocks, alles großartige Bücher. Wenn es einen Autor gibt, der mich geprägt hat, dann er. Und wieder die Frage: Lieblingsbuch?
Jedes Buch, dass mich ein wenig geändert hat, einen Gedanken in mein Gehirn gepflanzt hat, hat die Berechtigung dieser Bezeichnung. Manche Gedanken oder Ideen, schlummern über Jahre in einem dunklen Winkel, um dann plötzlich blitzartig ins gegenwärtige Bewusstsein zu springen. Eine neue Stadt, eine Bar, eine neue Frau, eine enttäuschte Liebe, ein Kater, all diese Dinge können Bücher wieder hervorholen. Der Bierschiss eines Bukowski nach durchzechter Nacht, eine unbekannte Frau mit der man spontan gevögelt hat und sich an Hank – Henry – Miller erinnert, als er als Bote eine wildfremde Frau in ihrem Negligee wach gevögelt hat. Wenn man in Paris in der Metro steht, eine aufreizende Frau betrachtet und gleichzeitig die Station Place Clichy passiert. Dann hat sich ein Buch eingebrannt.

Oder aber auch Bücher, die einem das ganze Leben lang vor Fragen stellen. Im Siddhartha von Hesse gibt es diese Stelle, in der der Fährmann Siddhartha dazu auffordert dem Fluss zuzuhören, mehr noch, mit dem Fluss einen Dialog zu beginnen. Wie oft habe ich in meinem Leben an einem Fluss gesessen und über diese Stelle nachgedacht? Immer wieder war ich erstaunt, zu welchen neuen Interpretationen ich gekommen bin. Dann der Abschnitt, in dem sich Siddhartha einer Hure hingibt und die sexuellen Freuden erfährt, er sich am Ende aber doch von den Kindermenschen entfernt.
Als meine Kinder erwachsen wurden, dachte ich häufig an die Episode, in der der Sohn Siddhartha verlässt. Insbesondere an den Augenblick, wo der Fährmann seinen Freund darauf hinweist, dass ein zerbrochenes Paddel und ein Leck im Boot ein deutlicher Hinweis darauf sind, dass er seinem Sohn nicht folgen soll. Der Schmerz, den der Vater verspürt, als er erkennt, dass sein Sohn nichts anderes unternimmt, als er es auch beim Verlassen des Palastes tat.
Doch auch jenseits eines derartigen philosophischen Werks, sind die Bücher der Jugend nicht zu vergessen. Karl May! Ehre, Aufrichtigkeit, Werte, Männlichkeit, Indianer, prägende Leseerlebnisse unter der Decke mit einer Taschenlampe. Oder die Schilderung des Missbrauchs dieser Werte bei einem Remarque. Hemingways Erzählungen, die Ambivalenz zwischen zerstörerischen Heldentum und dem Glauben an eine Sache.
hicks
Ich kann die Frage nach einem Lieblingsbuch nicht beantworten. Wobei? Vielleicht doch! Zwei Bücher kann ich benennen: „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat – Werner Holzwarth“ und „Das Getüm – Dietlind Neven-du Mont“.
Die Geschichte vom Maulwurf las ich meinen Kindern vor und ohne das Getüm wollte ich nicht ins Bett gehen. Alleine der Gedanke an diese beiden Bücher erzeugt in mir ein warmes Gefühl. Mit dem Getüm fing vieles an, selbst meine ersten Cartoons waren davon geprägt. Sollte mir nochmals jemand die Frage nach meinem Lieblingsbuch stellen, kann ich sie jetzt beantworten.

November 1 2016

Mein ärgster Feind

Lesedauer 11 Minuten

Mein ärgster Feind ist lange tot. Doch er hat der Menschheit einen Schaden hinterlassen, der ihn in meinen Augen verabscheuungswürdig macht.
Er leitete eine so tiefgreifende Veränderung in der Geschichte ein, dass sie ganze Generationen unglücklich gemacht hat.

Sie denken vielleicht, ich würde an einen Typen wie Adolf Hitler denken oder an den Erfinder des Sprengstoffes.
Nein, ich hasse den ersten Menschen, der zum Jagen zu dämlich war. Den ersten Siedler der Menschheitsgeschichte. Er buddelte Samen in die Erde, wartete und erntete. Ich gebe zu, es könnte sich auch um eine Frau gehandelt haben. Darüber sollte ich beizeiten einmal etwas intensiver nachdenken. Ganz so unwahrscheinlich ist es nicht. Zumindest würde dann die Vertreibung aus dem Paradies als Metapher einen Sinn ergeben.

Adam lebte einfach unbekümmert vor sich hin. Eva hatte keine Lust mehr von einer Ecke in die nächste Ecke des Paradieses zu ziehen. Warum also nicht einen Baum auswählen, von dessen Früchten die beiden über mehrere Wochen an einer Stelle leben konnten? Ganz abwegig erscheint mir dies nicht.

Jedenfalls sind alle großen Kriege, Aufstieg und Niedergang großer Reiche und Kulturen, die erst durch ihre schwachsinnige Idee entstanden sind, auf diese blödsinnige Aktion zurückzuführen. Wären wir einfach Nomaden geblieben, dann wäre die Industrialisierung und die kaputte Leistungsgesellschaft niemals zu Stande gekommen.

Ich bin immer noch bei Eva. Ich glaube es war doch keine Frau. Die Bibel wurde ja bereits von den Siedlern geschrieben. Es erscheint mir doch logischer, dass es sich um einen Mann handelte.

Ich stelle mir diesen Typ in etwa so vor: Er ist gut organisiert. Kaum ist seine Jurte aufgestellt, beginnt er sie einzurichten. Alles muss seinen Platz haben. Im hinteren Teil richtet er sofort eine Nische ein, in der die Felle und Fußlappen lagern. Fein säuberlich nach Benutzer und Tierart sortiert. Die Waffen stehen in einer anderen Ecke. Die Jurte an sich hat er nach Sonnenstand und Gestirnen ausgerichtet, während die anderen sich wahllos auf der Lichtung niedergelassen haben. Vor seiner Jurte hat er grobes Fell ausgelegt, damit sich Gäste die Fußlappen abtreten können. In der Jurte hat er „Jurtenlappen“ bereit liegen.

Er zeichnet sich nicht durch besonderen Teamgeist aus. Durch seine etwas schlechteren körperlichen Fähigkeiten in der Jagd etwas behindert, zieht er es vor Beeren und Pilze zu sammeln. Hat er zu wenig Fleisch oder Fälle, versucht er sie gegen Basteleien oder gesammelte Früchte einzutauschen. Stets ersinnt er neue Möglichkeiten, sich das Leben zu vereinfachen. Die Zeit der langen Kälte, von der die Alten noch berichten, ist lange vorbei, ein Weiterziehen ist oftmals nur noch Folklore.

Die anderen Nomaden betrachten ihn als Sonderling. Sie gehen gemeinsam auf die Jagd, haben ihren Spaß miteinander und konzentrieren sich auf das Wesentliche: Jagen, Essen, Trinken, Jagdwaffen bauen, Begatten, Schlafen.

Irgendwann hat der Sonderling dann die Idee diese kleinen schwarzen Kerne von den Früchten einzubuddeln und das Unglück nimmt seinen Lauf.
Nur wegen diesem einen Menschen kann nun eine eigentlich lebensunfähige Sorte Mensch auf Kosten von normal entwickelten Menschen überleben.

Stellen wir uns doch einmal den großen Zusammenbruch vor. Keine Elektrizität, keine Metallherstellung, keine Raffinerie, keine Kunststoffproduktion, einfach die Welt ohne Errungenschaften unserer Zivilisation.
Die Dinge, die erst möglich wurden, weil durch den Sonderling die Menschheit sesshaft wurde.
Was würden sie dann tun, all die Direktoren, Manager, Sekretärinnen, Rechtsanwälte, Geisteswissenschaftler, Veganer, Bürokraten, Politiker?
All diese Menschen, die sich jeden Tag mit virtuellen Aspekten des Lebens auseinandersetzen. Wenn sie nicht sterben wollen, müssen sie sich an diejenigen wenden, die nicht den Kontakt zum richtigen Leben verloren haben.
Es wäre die Stunde Null. Wenn die Bauern auch nur einen Funken Verstand in dieser Situation haben, werden sie sich gut überlegen, ob sie erneut die Schreiberlinge hochkommen lassen. Die Bürokraten, die sie in 100 Jahren erneut dazu zwingen würden, Massentierhaltung zu betreiben, Milch in den Abguss zu schütten oder die Ernte zu verbrennen.
Würde sich ein Bauer mit der flachen Hand vor den Kopf klatschen? „Lasst uns einfach wieder Umherziehen, Spaß haben, Jagen, Waffen basteln und Begatten.“

Selbst wenn ein im Fitnessstudio künstlich fit gehaltener Manager es vollbringen würde ein Kaninchen zur Strecke zu bringen, stände er vor schwerwiegenden Problemen.
Wie soll er das Vieh aufschneiden ohne innere Organe zu verletzen, die das Fleisch ungenießbar machen? Anderen das Fell über die Ohren zu ziehen, ist nämlich nur in seinem Bereich eine unblutige Affäre.

Es schlüge die Stunde der Naturvölker, der Jäger, der Arbeiter unter Tage. Niemand würde mehr etwas mit virtuellen Zahlen ohne Gegenwert anfangen können. Die Weisheit, das Geld an sich keinen Nährwert hat, wäre plötzlich Realität.(*FN* Ich hab mal bei einer Wette einen Geldschein mit Senf gegessen. Geld schmeckt nicht!*FN*)
Alle unsere Instinkte und körperlichen Reaktionen hätten wieder einen Sinn. Unsere Körper bekämen keine widersprüchlichen Informationen mehr.

Heute pumpt Stress, verursacht von den Nachkommen dieses Steinzeit Nerds, Adrenalin durch unsere Adern. Ein Hormon, welches zur Verteidigung des Jägers in ganz realen Situationen erfunden wurde. Für den Jäger! Der Sonderling braucht kein Adrenalin.
Wir können weder in der Fußgängerzone einen Speer werfen, noch ganz schnell vor der vollkommen zu Recht wütenden angestochenen Wildsau wegrennen.
Letzteres muss ich einschränken. Ich wohne am Berliner Stadtrand, da kann es notwendig sein, vor einer Wildsau wegzurennen.

Die Nachkommen meines Feindes zwingen uns auf dem Stuhl sitzen zu bleiben. Wir kochen vor uns hin und würden am liebsten tun, was uns das Hormon befiehlt, nämlich dem Angreifer vor uns eins auf die Fresse geben.
Das Gehirn wird immer weniger versorgt, unsere Extremitäten sind voll einsatzbereit, alles in uns ist auf Kampf eingestellt.
Aber der Abkömmling des Jurten(*FN* Beim Schreiben fällt mir auf, dass bei der Bezeichnung Jurte auch das Wort Jurist enthalten ist. Ich halte es nicht für unmöglich, dass es da eine etymologische Verbindung gibt.*FN*) Neurotikers besitzt die Macht. Die institutionelle Macht, die von Generation zu Generation an immer dieselben Charaktere weiter gereicht werden. Ein sich selbst generierender Kreis von Menschen.
Der Machtzirkel, welcher von Generation zu Generation dafür sorgt, dass der Umgang mit Geld mehr Geld erschafft und den Menschen, welche produzieren immer weniger zum Leben lässt.

Sie können mit dem erschaffenen Geld Menschen bezahlen, die viele andere Sachen deutlich besser können, als sie selbst.
Die Ohnmacht diesem zum echten Leben unfähigen Machtanbeter nicht wenigstens eine Ohrfeige geben zu können, treibt uns in die merkwürdigsten Krankheiten. Was können diese Machtanbeter und Nachfahren dieses Steinzeitmenschen denn schon?
Im Prinzip nichts, außer das sie das System verstehen, welches sie sich selbst erschaffen haben. Sie können nicht ohne die anderen, aber die anderen könnten sehr wohl ohne sie.

Sie wissen das und sind auf der Hut. Doch dieses System ist krank und unnatürlich. Es wird sich übergeben, kübelweise wird sich das Erbrochene über den Globus ergießen. Das erste Würgen ist bereits zu spüren. Tausende Menschen machen sich auf den Weg.
Sie durchbrechen das System, klettern über Zäune, überqueren ganze Meere. Sie halten sich nicht mehr an die Spielregeln, sie wollen nicht mehr mit ihrer Existenz Menschen unterstützen, die nur dieses eine können. Dort wo sie ankommen, haben es viele noch nicht begriffen, dass sie gemeinsam in der Misere stecken.
Noch funktionieren die Abwehrmechanismen des Systems. Die Tabletten gegen die Übelkeit. Manche sind uralt. Religionen, die hierarchisch aufgebaut sind, erfunden von den ersten Siedlern. Sie erfanden die Schuld, den Sündenfall, die Moral, das Paradies und die Hölle.

Wer sich an die Regeln hält, dem winkt die Glückseligkeit in einer unsicheren fernen Zukunft. Wer die Regeln bricht, der landet in einem furchtbaren Irgendwo.

An dieser Stelle stellt sich mir die Frage aus der Werbung: „Wer hat es erfunden?“(*FN* Die Schweizer Bergvölker mögen sehr urtümlich wirken, aber da sind sie raus.*FN*)

Die Nomaden hatten einen Erklärungsbedarf für die Geschehnisse ihrer Umwelt, deshalb beteten sie Naturgeister an. Die Nachfahren des Samenzüchters erkannten das Potential der Götter für ihre Zwecke.
Eines Tages war auch das Einbringen von Samen in die Erde zu anstrengend, gefolgt von den Mühen der Ernte. Hinzu kommt noch die Gefahr einer Missernte und den unangenehmen Folgen hiervon.

Die große Stunde der Priester brach an. Sie folgten einfach dem Prinzip: Wer zu schwach ist für sich selbst zu sorgen, braucht Mittel, die geeignet sind, andere Menschen davon zu überzeugen für sich zu arbeiten.
Egal wer auch immer die Idee hatte, es war ein Geniestreich. „Es gibt Mächte über uns. Diese Mächte bestimmen über den Samen, den Regen und das Wachstum. Ich kann mit den Mächten sprechen, ihr könnt es nicht, also unterstützt mich und es wird euch gut gehen.“, sprach der Priester.

Warum auch immer die Menschen dem zustimmten, es funktionierte. Fortan gab es Menschen, die von anderen Menschen versorgt wurden, obwohl sie selbst nur heiße Luft produzierten.
Aber dieses System ließ sich noch verfeinern. Eine Gottheit ist viel effizienter als mehrere Gottheiten.
Noch besser ist es, wenn man selbst die Gottheit ist. Für einige Zeit funktionierte das ganz gut, aber ein paar Spielverderber gab es schon immer. Die erschufen sich einfach einen eigenen Gott! Sozusagen einen Mitbewerber am Markt.
Perfekt ist es immer, wenn man als Religionsstifter von den Fehlern anderer lernen kann.
Die monotheistischen Buchreligionen sind die Ideen von machtgeilen Genies. Der Geniestreich besteht in der Aufstellung der Behauptung, dass etwas existiert, von dem das Gegenteil nicht bewiesen werden kann.(*FN* An dieser Stelle der Hinweis an alle Homöopathen. Ihr habt es nicht erfunden, die Religionsstifter waren schneller als Samuel Hahnemann.*FN*) Kein Nomade wäre fähig gewesen sich dieses auszudenken.
Eine absolute Meisterleistung in der Geschichte der Gehirnverrenkungen. Nicht der einzige Streich, aber für mich der beeindruckendste. Beim Christen- und Judentum ist der Erfinder nicht unmittelbar feststellbar. Erst die Machtmenschen Mohammed und Jesus treten namentlich in Erscheinung.

Es interessiert mich schon lange nicht mehr, wie andere Menschen die Geschichte beurteilen. Soll doch jeder Blasphemie brüllen, so laut wie er will.
Ich war sehr lange Kriminalbeamter. Bei der Kriminalpolizei gibt es ein paar Ermittlungsgrundsätze. Einer davon lautet: Es ist immer ratsam sich an einem sogenannten lebensnahen Sachverhalt zu orientieren. Außerdem ist bei mehreren Optionen, die der Erfahrung nach Wahrscheinlichste, Apriori zu verfolgen. Wer sich bei Ermittlungen an diese Grundsätze hält, liegt sehr häufig richtig.

Genau diese wende ich an, wenn ich über Religionen nachdenke. Da wäre zunächst das junge charismatische Sektenmitglied Jesus. Irgendwie ist es ihm gelungen sich innerhalb der Sekte zu behaupten. Ich persönlich glaube nicht, dass er selbst die Verschleierung seiner Identität, mit Hilfe der Behauptung, sein Vater wäre Gott, benötigte.
Die Geschichten über seine Mutter und seinen Vater dienten später eher anderen, vermutlich den gleichen Menschen, die ihn als hageren langhaarigen Europäer darstellten.

Ich habe einen überzeugenden Fernsehbericht gesehen. Da wurde gezeigt, wie Archäologen 2000 Jahre alte Gräber in der Nähe von Nazareth aushuben. Mittels der Genetik konnten sie sich ein Bild davon machen, wie die Leute damals dort aussahen. Ziemlich dunkle Haut, in etwa 150 cm klein, krauses schwarzes Haar, halt frühe Araber.
Jesus war, sollte er wirklich existiert haben, ein junger Mann, der nach damaligen Gepflogenheiten einige Verpflichtungen seiner Familie gegenüber hatte. Diesen kam er offensichtlich nicht nach, sondern er zog es vor sich einer Sekte anzuschließen.

Jene Sekte wird nicht viel anders gewesen sein, als Sekten, die wir heute kennen. Der gemeinsame Außenfeind schafft innere Einigkeit. Dieser Feind war nicht sonderlich schwer zu finden.
Hätte es damals einen Verfassungsschutz, eine Kriminalpolizei und ein Mobiles Einsatzkommando gegeben, wäre diese Sekte sicherlich sehr schnell in ihren Focus gelandet. Spätestens nach der Störung des Kirchenfriedens wären die Sicherheitskräfte alarmiert gewesen.

Aber Jesus von Nazareth gehörte offensichtlich nicht zu den Genies in der langen Kette von Nachfahren des ersten steinzeitlichen Nerds, sonst wäre er vermutlich nicht an einem römischen Kreuz gelandet. Seine Nachfolger waren da schon besser. Letztlich ist es eine Kriminalgeschichte. Eine Ordnungsmacht, Ermittler, Denunzianten, Verrat Verstoß gegen das Seuchengesetz, Störung der Totenruhe, alles vorhanden.

Seinen Jüngern mag man noch zugestehen, dass sie eine halbwegs brauchbare Ideologie für ihren Freiheitskampf benötigten.
Aber spätestens den nachfolgenden Kaisern und Kirchenfürsten sei dafür gratuliert, dass sie aus der Ideologie einer Freiheitsbewegung eine perfekte Strategie zur Unterdrückung erschufen, die sich weltweit über mehrere tausend Jahre bewährt hat.

Diese Ideologie musste für die wirtschaftlichen Interessen der Tempelritter herhalten, sie war das Alibi für einen Genozid an den südamerikanischen Ureinwohnern, später nochmals beim Kolonialismus und stets bei der Entsorgung unliebsamer Ehefrauen. Diese Ideologie war auch immer die beste Strategie, ganze Volksmassen zu kontrollieren. Schuld, Moral, Sühne, Absolution, sind heute noch Mittel, mit denen Menschen gesteuert werden.

Ein junger Schafhirte namens Mohammed, aus einem Nomadenstamm stammend,hat die Genialität dieser Strategie ca. 600 Jahre nach Jesus erkannt.

Ich finde es interessant, dass mit seiner Person wieder einmal ein Nomade in Erscheinung trat.
Das Leben kam ihm in jungen Jahren entgegen, in dem er das Glück hatte eine vermögende zweifache Witwe zu heiraten.
Damals huldigten die arabischen Stämme noch drei Göttinnen, die sich für Machtbestrebungen gar nicht eigneten.
Brauchten sie aber auch nicht. Es gab Nomadenstämme mit Familienoberhäuptern, die die Belange regelten. Ich gehe für mich selbst an dieser Stelle wieder auf die Suche nach dem lebensnahen Sachverhalt.

Frage: Ich bin jung und habe eine Witwe geheiratet, die Handel betreibt. An den Familienoberhäuptern werde ich nicht vorbeikommen. Guter Rat ist teuer.
Da höre ich von diesen beiden anderen Religionen. Christentum und Judentum. Beide Religionen sind nahezu perfekt dazu geeignet, eine Machtstruktur aufzubauen. Was kann ich tun?

Antwort: Ich beschäftige mich eingehend mit diesen und behaupte schlicht: „Ich bin ein neuer Prophet dieser Religionen und drücke ihnen als Prophet meinen Stempel auf.“
Dies stellt einen nahezu einmaligen Schachzug in der Menschheitsgeschichte dar. Da wundert es mich nicht, dass Mohammed auch als äußerst geschickter militärischer Stratege bekannt wurde.

Alle anderen Anführer von Nomaden und Jägern vor ihm scheiterten schlicht an der Tatsache, dass sie sich weiterhin wie Nomaden und Jäger benahmen.
Ob es nun die Hunnen oder die Tataren waren, sie mussten an den Nachkommen meines Erzfeindes scheitern.
Sie folgten einem charismatischen Anführer, der sich auch nicht zu schade war, selbst in die Schlacht zu ziehen.
Ihr Konzept: „Kämpfen um so viel Gewinn wie möglich mitzunehmen, dies aber ohne Plan für danach zu haben.“
Ich weiß dies klingt ein wenig nach der Vorgehensweise eines W. Georghe Bush im Golfkrieg und in Afghanistan, aber in der heutigen Zeit werden Kriege mehr zur Ablenkung von den Zielen geführt. Die unmittelbare Gewinnmaximierung durch Plündern steht nicht mehr im Vordergrund. Der Gewinn gelangt durch die Besetzung in die Kasse, – sorry, UNO Mandat.
Und wenn schon ein Gewinn zu erwarten ist, also nicht für die Volkswirtschaft, sondern für die multinationalen Konzerne, handelt es sich um Rohstoffe und Wasser. Meiner Auffassung nach ist der Rest nur Propaganda und Ruhigstellung des Volkes. Mohammeds Plan hatte letztlich nur einen Schönheitsfehler. Er betrieb keine Nachsorge über seinen Tod hinaus. Möglicherweise war es ihm auch egal oder er vertraute auf die Eigendynamik seiner erschaffenen Religion. Genug Beispiele hatte er bei den anderen Religionen. Befragen können wir ihn dazu nicht mehr.

Nahezu jeder Verteidiger des Konzepts „Siedler“,inclusive ihrer mächtigen Führungsclique, kommt irgendwann auf die Religion zurück. Selbst Hitler benutzte sie. Es gibt einige Sätze, die ich mir aus „Mein Kampf“ von Adolf Hitler gemerkt habe. Den folgenden habe ich mir eingeprägt, weil er so treffend einen Teil der Verlogenheit des Nationalsozialismus beweist.

Er schrieb: „So glaube ich heute, im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.”
Aber die Religionen sind ja auch nur eine Tablette gegen die Übelkeit der Systemopfer.
Propaganda, Desinformation, soziale Zuwendungen und der Anstrich als humanitäres System, sind ebenso sehr wirksame Medikamente. Keine vernünftige Regierung führt einen Krieg, den sie auch als solches benennt.
Offiziell werden Kriege euphemistisch als Konflikte mit internationaler Beteiligung definiert.
Gemeint ist damit: Die haben etwas, was wir brauchen. Öl, Buntmetalle, geostrategische Voraussetzungen oder Wasser.
Gesagt wird: „Wir wollen den Menschen dort humanitär helfen.“ Als Nebeneffekt können wir auch noch ein paar Waffen verkaufen oder die Herstellung neuer Waffen rechtfertigen.
Das ganze Waffengeschäft würde ja am Ende gar keinen Sinn ergeben, wenn nicht auch ein Verbrauch stattfinden würde. Raketen müssen halt auch mal abgeschossen werden, da sie sonst ewig herum liegen.
Wer reibt sich die Hände? Richtig! Die Nachfahren meines Erzfeindes. Die wenigen verbliebenen umherziehenden Nomadenvölker haben nichts davon. Im Gegenteil, sie befinden sich auf der absoluten Verliererseite.

Die Nachkommen meines Feindes hat es geschafft, seine Nachteile in der Sippe zu seinem Vorteil zu machen. Als Jäger wurde er noch nach seiner Beute beurteilt. Nur die Jagdgemeinschaft konnte von Erfolg gekrönt sein.
Jedoch war er nun als Siedler, schon nach dem ersten Ernteüberschuss siegreich. Kurze Zeit später konnte er auch andere überzeugen, das ewige Umherziehen aufzugeben. Von der ersten Ansiedlung bis zur modernen Gesellschaft ist es auf die gesamte Menschheitsgeschichte gerechnet nur ein Katzensprung.
Aber was für ein Sprung! Er erschuf vollkommen neue Kriterien für das Auf – und Absteigen in einer Hierarchie.
Er ist dafür verantwortlich, dass wir heute nicht mehr danach fragen, was der einzelne Mensch leisten kann. Der Mensch ist aufgegangen in einer Maschinerie, zu einem Zahnrad degradiert worden, welches bei Abnutzungserscheinungen, durch ein Ersatzteil ausgetauscht werden kann.
Die fehlende eigene Bestätigung wird durch eine Unterhaltungsindustrie ersetzt. Brot und Spiele für das Volk. Jede einfache Mutter hat hundertmal als Zahnrad mehr geleistet als irgendeine Popsängerin. Moderne Gladiatoren rennen in Fußballstadien einem Ball hinterher. Alles für die Ablenkung vom eigenen Elend der Selbsterkenntnis: Ich bin nur ein Zahnrad.

Doch die Popsängerin scheffelt das Geld, und die Mutter muss bis zu ihrem Ende um ihre Existenz kämpfen. Der Bergarbeiter schuftet sich den Körper rund, während ein Politiker nach kurzer Zeit hohe Geldbeträge für seinen Rücktritt kassiert, damit er nicht weiteren Schaden anrichtet.

All diese Dinge passieren dem Nomaden und Jäger nicht. Er muss jeden in seiner Sippe schätzen und muss jeden Tag seine Rolle behaupten. Die anderen Jäger wissen, was sie an ihm haben.

Ich denke, viele von uns sind heute noch in ihrer Seele Jäger und Nomaden. Sie konzentrieren sich auf das unmittelbar Wichtige.
Im entscheidenden Augenblick müssen sie eine Entscheidung treffen, die die ganze Sippe betrifft. Sie können nicht mal eben kurz davor jemanden anrufen, der ihnen die Entscheidung abnimmt. „Hallo hier ist Urgha, ich sehe jetzt den Hirsch. Soll ich jetzt schießen oder nicht?“ „Urgha, bitte warten Sie! Wir holen eine Entscheidung in der Zentrale ein.“ Eine Stunde später: „Urgha? Die Zentrale hat den Schuss bewilligt!“ Es ist klar, wie diese Jagd endet.

Sie werden danach bewertet, was sie wirklich für das unmittelbare Leben leisten können. Vom Entwurf eines Formulars oder dem richtigen Ausfüllen eines Antrags wird die Sippe nicht satt.
Wissen und Weisheit kann dem Überleben indirekt dienen.
Doch das Konzept des Sammlers ist heute absolut perfektioniert. Viele Führungskräfte werden deshalb befördert, weil sie schlicht die Fähigkeit haben, eine Sprosse nach der anderen zu erklimmen. Setze ich das um auf einen Jäger, wird daraus: Ich schicke einen Mann aus meiner Jagdgemeinschaft auf einen Baum, weil er ein guter Kletterer ist und ich davon ausgehe, dass von dort oben das Wild gut erlegt werden kann.
Leider habe ich mich für den zukünftigen Siedler entschieden, der absolut keinen blassen Schimmer davon hat, wie er von dort oben mit Pfeil und Bogen einen Hirsch erlegen kann. Aber immerhin kann er von dort aus bequem die anderen Jäger dirigieren.

Beim nächsten Mal muss er nicht einmal mehr auf den Baum Klettern. Er bezahlt einen anderen Kletterer.

Ich selbst habe mir die Angewohnheit zugelegt, reiche Sammler immer zu fragen, ob sie noch etwas anderes können, als Geld zu verdienen, also aus meiner Perspektive einen Baum zu erklimmen. Meistens kommt da nicht viel zur Antwort.