13 Januar 2023

Lützerath – Update

Lesedauer 6 Minuten

WELT: Was machen wir mit schwer integrierbaren Jugendlichen aus biodeutschen Akademiker-Haushalten, die in Lützerath gerade zeigen, wie sehr sie den Rechtsstaat verachten?

Frédéric Schwilden, die Welt, interviewt Thomas Heilmann, Chef der Klima-Union

Ja, die Frage ist provokativ gemeint. Dennoch zeigt sie, wie die WELT, für mich das Propaganda-Blatt der CDU, ans Thema herangeht. Ich sehe mich nicht als schwer integrierbaren Jugendlichen und ich verachte auch nicht den Rechtsstaat. Letzterer Begriff kennzeichnet das Konzept, in dem jedes staatliche Handeln auf einem regulär zustande gekommenen Gesetz basieren muss. Alles andere wäre Willkür und unzulässig. Soviel erst einmal zu Legaldefinitionen.

Vor einigen Stunden ließ die NRW-Landtagsabgeordnete Antje Grothus die Bombe platzen. RWE besitzt gar nicht alle Grundstücke jenseits von Lützerath. Wenn es für den Konzern schlecht läuft, ist es nach einigen Metern vorbei mit dem Baggern. Und noch ein weiterer Skandal kündigt sich an. Auf dem umkämpften Gelände tauchten geländefähige Transporter des Konzerns auf, mit denen Festgenommene abtransportiert wurden. Bei Twitter antwortete hierzu der Account RWE Media Relations Team:

Verwaltungshilfe! Dieser Begriff ist Behörden vorbehalten und hat nichts mit einem Konzern zu tun. Ich finde dies sehr wohl spannend. Zeigt es doch, wie das Selbstbild der RWE Mitarbeiter aussieht. Fakt ist: Die Polizei nimmt die Logistik eines Interessenträgers in Anspruch. Sie kann im Notfall bei der Gefahrenabwehr einen Unbeteiligten in Anspruch nehmen. Doch im konkreten Fall handelt es sich um einen geplanten Einsatz, bei dem entweder die eigenen Ressourcen bereitgestellt werden oder benachbarte Behörden (z.B. Bundeswehr) um Amtshilfe zu bitten sind. Hierzu mal ein Beispiel. Mir wurde bei einem Falschgeldverfahren seitens des Secret Service ein unterstützender Geldbetrag zum Ankauf von “Blüten” angeboten, da sie auch an den Dollar-Noten interessiert waren. Die Berliner Polizeibehörde lehnte ab, weil sich hier die Möglichkeit einer unerlaubten Vorteilsannahme zeigte. Wenn gar nichts geht, kann passendes Material gekauft oder gemietet werden. Doch dann grundsätzlich über eine Ausschreibung, es sei denn, die zeitliche Dringlichkeit gebietet eine sofortige Entscheidung. Die ist keinesfalls gegeben.

Zu diesem Thema antwortete RWE:

Konjunktiv!? Nein, keinesfalls! Die Kosten müssen in Rechnung gestellt werden, sonst handelt es sich um einen eindeutigen Verstoß. Aber günstigerweise war an dem Thread auch ein investigativer Journalist beteiligt.

Thorbi M. scheint da andere profunde Rechtskenntnisse zu besitzen. Nun gut, der junge Mann, Thorben Meier, ist ein kleines Licht aus Steinheim und hat nicht sonderlich viel zu melden. Aber es ist immer wieder beeindruckend, mit welcher Chuzpe die Leute von der JU unterwegs sind. Früh übt sich. Eric Beres ist da schon eine andere Hausnummer. Mal schauen, was daraus wird.

Für mich stinkt das alles mächtig gen Himmel. Mir fehlt die Sach- und Fachkenntnis, inwiefern die vorhandene Braunkohle wirklich unabdingbar notwendig ist. Hierzu gibt es unterschiedliche Quellen. Richtig daran glauben kann ich nicht. Vor allem erscheint mir der Preis in jeder Hinsicht zu hoch. Robert Habeck kann bekanntlich reden wie ein Buch. Aber irgendwann gehen ihm auch die Optionen der Verwässerung dessen aus, was jeder sehen kann. Der ehemalige Ministerpräsident Laschet twitterte:

Das politische Parkett ist glatt und eloquent. Der Tweet ist ein ausgestreckter Mittelfinger in Richtung Habeck. Einer der auszog und es dem politischen Establishment zeigen wollte, um dann festzustellen, dass die Regeln andere festlegen. Oder wie ich es selbst in einem Tweet drastisch beschrieb: Die GRÜNEN in NRW benehmen sich teilweise gerade wie Nonnen, die nach dem Kontakt mit dem Teufel und seinen Versprechungen vom Glauben abfielen, und sich deshalb auf Rastplätzen in Wohnmobilen prostituieren.

Ich weiß immer nicht, was die alle immer mit dem Begriff “Ideologie” negatives verbinden. Wenn meine politische Haltung nicht beliebig sein soll, muss es für mich einige feste Grundsätze geben, bei denen ich keine Kompromisse eingehe. Politik ist kein Business. Jedenfalls nicht nach meinem Verständnis. Komme ich an einen Punkt, an dem ich merke, dass mir die Felle wegschwimmen und ich mich selbst verraten muss, ist es an der Zeit, die Reißleine zu ziehen. Ansonsten werde ich zum Werkzeug. Im konkreten Fall das der Konzerne. Aber ich bin Realist. Parteien sind zu Firmen verkommen, die Geschäfte in die Wege leiten und eine erhebliche Personaldecke, Zulieferer, finanzieren.

Schwer integrierbar? Beziehe ich die Frage auf mich, fordere ich eine Konkretisierung ein. Wo genau hinein soll ich mich integrieren? Ich wurde sozialisiert. Bei mir bedeutet dies, dass ich mit anderen Menschen gut und erfolgreich auskomme. Nicht mit allen, aber das ist auch nicht notwendig. Integriert wurde ich in ein nicht mehr existierendes gesellschaftliches Konzept. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es nicht schon damals eine Illusion war. Einige dienstliche Erfahrungen und Einblicke, geben dazu Anlass. Deshalb stutzte ich auch ein wenig bei den Aussagen der bereits erwähnten Antje Grothus. Zwischen den Zeilen sagte sie mehr. Seitens des Konzerns und der dazugehörenden Lobbyisten muss erheblicher Druck aufgebaut worden sein. Ich hab da so meine eigenen Vorstellungen. Aber eine alte Regel bei Ermittlungen im OK – Bereich besagt: Der kennt den, ist nicht strafbar. Vor Gericht zählen nur Fakten.

Bin ich integrationsfähig in das sich immer mehr abzeichnende Geschehen? Eher, nicht. Ich befürchte, dass eine neue Generation junger Polizisten und Polizistinnen verheizt wird. Die Auseinandersetzungen werden noch eine Weile andauern. Alles, was die da jetzt mitnehmen, speichert sich ab. Im Verlauf der Jahre wird es immer mehr. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob man einem echten Straftäter gegenüber steht oder harmlose Mitbürger, die teilweise Mutter oder Vater sein könnten, aus einer Blockade entfernen soll. Es hallt über Jahre nach, wenn die einen als Büttel bezeichnen. Jetzt, Morgen, Übermorgen, merken die das noch nicht. Aber der Tag wird kommen. Ich sehe es auch kommen, dass die Lützerath räumen, mit erheblichem Aufwand verteidigen, nur damit RWE nach absehbarer Zeit feststellt: April, April, wir baggern doch nicht alles weg, war doch nicht so wichtig. Wichtig war uns die Durchsetzung, damit dies für die Zukunft geklärt ist. Und dann? Dafür all die Einsatzstunden, weg von der Freundin, Freund, Familie? Hierfür all die Diskussionen im Freundeskreis? All die Leute, die sich nach und nach von einem abwendeten? Wie lächerlich fühlt man sich nachträglich?

Nancy Faeser, die amtierende Innenministerin, verurteilte die von den Aktivisten ausgehende Gewalt gegen die eingesetzte Polizei. Oh, da hatte ich einen kräftigen Fluch auf den Lippen. Wer hat denn die Frauen und Männer ins Rennen geschickt? Allein die Art der Räumung ist bezeichnend. Wer erzeugt denn den zeitlichen Druck? Die Polizei könnte genauso gut ganz gemächlich räumen. All die Blockaden könnte man umstellen und warten, bis die aufgeben. Hunger, Durst, kalt, Pippi machen! Das kann dauern. Na, und? Beamte bekommen ihr Geld nicht nach Stunden, sondern monatlich im Voraus bezahlt. Das funktioniert natürlich nicht, wenn ich die Interessen meiner Kumpels vom Konzern, den Aktionären, vor Augen habe. In Lützerath finden alt bekannte Rituale statt. Da steht eine Menschenmenge und mehr oder weniger unmotiviert rennt eine Gruppe darauf zu und greift sich eine oder einen. Solange, bis die richtig sauer werden. Dann kommt die Stunde derjenigen, welche in ihrer inneren Entwicklung schon einen Schritt weiter sind. Bisher zeigten die sich kaum. Was in den Videos zu sehen war, ist für erfahrene Polizisten ein Kindergeburtstag. Was nicht bedeutet, dass die nicht noch kommen. Ich lieferte mir im Laufe meines Lebens einige Diskussionen. Da kommt immer ein Argument. Wer hat denn angefangen? Bei Autonomen ist die Frage leicht zu beantworten. In der Regel gehen die in die Vorlage. Das gehört zu ihrem Konzept. Die gehen so lange vorwärts, bis sie gestoppt werden. Aber bei Ereignissen, wie in Lützerath, kann dies nicht einfach beantwortet werden.

Die Gesellschaft formt die Menschen. Und man darf sich fragen, wohin sie derzeit die jungen engagierten Leute, größtenteils unsere Kinder, formt. Dort der Staat, gelenkt von der Wirtschaft und hier Du! Freunde Dich damit an. Ist dies die Sozialisierung, die der Gesellschaft vorschwebt? Bei einigen wird dies nicht funktionieren und ich schätze, es werden immer mehr – besonders aus den in der Ausgangsfrage geschmähten biodeutschen Akademiker-Haushalten. Jenseits der Volksschullehrervorstellungen aus den 50ern, die der Vorsitzende der CDU Friedrich Merz in Talk-Shows propagiert, lernten die zu Hause etwas anderes.
Es ist bedauerlich, dass sich die kritischen Teile meiner Generation zu wenig um Partei-Karrieren kümmerten. Womöglich auch, weil wir nicht die notwendigen Eigenschaften mitbrachten, um dort erfolgreich zu sein. Die hatte zur Folge, dass wir nun mit denen leben müssen, die die passenden Talente aufweisen. Doch möglicherweise sind unsere Kinder, die verzögerte Reaktion. Es tut mir nicht wirklich leid, dass sie die Ordnung der alten weißen Männer, Charaktere wie Merz, Dobrindt, Söder, Lindner, ablehnen und sich auch nicht von denen veralbern lassen, die sich beim Weg nach oben selbst verrieten. Hans-Georg Maaßen jammert bei Twitter herum, dass in Lützerath die gleichen Leute in Erscheinung treten, die dem Land mit Zuwanderung, anderen Umgang mit neuen Mitbürgern, Empathie für Flüchtlinge, Ablehnung der bisherigen Gesellschaft, ein neues Gesicht geben wollen. Gut, so! Schlimm genug, dass dieser die Konzepte der Neuen Rechten, à la Armin Mohler, vertretende Mann, den BfV leitete. Alles, was ihm zuwider ist, klingt für mich erstrebenswert. Er sollte sich auf sein Altenteil zurückziehen und sich Büchern von Ernst Jünger widmen oder mit seinen rechtspopulistischen Kumpels ein Bier trinken gehen. Seine Funktion in der Gemeinschaft der Neuen Rechten, Werteunion, beschränkte sich ohnehin auf Wasserträger-Aufgaben.

11 Januar 2023

Lützerath, ein aussichtsloses Scharmützel

climate sign outside blur Lesedauer 6 Minuten

Die Welt ist am Ende
Kurz vorm Kollaps
Alle wissen Bescheid
Nützt aber nix
Wir machen immer weiter
Willenlose Junkies
Therapie is nich
Der Arzt ist ‘n Dealer

Knorkator

Immer mal wieder ist zu lesen, dass die in den 90ern von der SPD Landesregierung getroffenen Entscheidungen halt dem Stand des Wissens entsprachen, nunmehr als hinfällig zu sehen sind. Diese Prämisse halte ich persönlich bereits für falsch. Bereits zu dieser Zeit wusste man über den Klimawandel und das CO₂ – Problem bestens Bescheid. Zumal nicht nur das CO₂ eins darstellte, sondern der Tagebau noch viel mehr irreparable, katastrophale Schäden zur Folge hat. Es wurde eine Abwägung vorgenommen. Energie, Arbeitsplätze, Interessen der Aktionäre, Geld für das Land und auf der anderen Seite die Ökologie. Wie immer verlor die Ökologie, weil die anderen Aspekte für höherwertig erachtet wurden.

Geht es um die Ökologie, ist in einem industrialisierten Wohlstaatsland der Stress vorprogrammiert. Im Wesentlichen existieren zwei Konfliktteilnehmer. Da sind diejenigen, welche den Standpunkt vertreten, dass zum Vorteil des Menschen alles Notwendige unternommen werden darf, auch wenn dabei massive Schäden für Flora, Fauna und Klima entstehen. Begleitet wird diese Haltung von der Hybris, dass die entstandenen Schäden mittels Renaturierung und technischen Innovationen rückgängig bzw. die Folgen für den Menschen erträglich gemacht werden können. Dieser wird von der Mehrheit eingenommen. Nicht immer so klar ausgedrückt, weil diese Leute alles Mögliche anstellen, um ihr Gewissen zu beruhigen. Sie wissen instinktiv genau, wo dieser Weg hinführt. Aber sie ängstigen sich noch viel mehr vor einer Welt, in der die industrialisierten Staaten nicht mehr sind, was sie derzeit darstellen.
Ich denke, die meisten, welche echte Entscheidungsgewalt innehaben, leben gedanklich längst in einer Zukunft, in der sich die Menschen mit einem zerstörten Planeten arrangiert haben. Einen Ausblick verschafft ein Bauvorhaben in Saudi-Arabien, genannt “The Line”. Eine Mega-Stadt in der Wüste, durch und durch menschlich konstruiert, einem Biosphärenreservat ähnlich. Etwa vor einem Jahr bekam ich hierzu bei Twitter ständig Werbung eingespielt. Ich sah mir die Seite an und dachte erst an eine Fantasterei aus einem PC – Spiel. Nein, die meinen das ernst und haben bereits mit dem Bau begonnen. Eine Frage stellt sich sofort. Wer darf am Ende in solchen Städten leben und wer muss draußen bleiben?
Mit unseren jetzigen Vorstellungen von Leben, Natur, dem Planeten Erde, hat dies alles nichts mehr zu tun. Vielleicht ist Star Wars und Star Trek irreal, weil es vermutlich nie möglich sein wird, interstellar zu reisen. Was uns aber nicht daran hindert, die Erde selbst in einen anderen Planeten zu verwandeln, auf dem all die Dystopien gelebt werden. Vormals hatte der Planet lebensfeindliche Zonen, in der es Menschen dennoch schafften zu überleben und in Zukunft wird die Erde halt zu einem eigentlich unbewohnbaren Planeten, auf dem einige mittels Erfindungsgeist dennoch leben können.

Auf der anderen Seite stehen jene, welche sich mehr vor dem ängstigen, was mit Sicherheit eintreten wird, wenn der Prozess nicht gestoppt wird. Kleinlich halten sie an einem planetaren Zustand fest, der die Entwicklung des Menschen und aller anderen Lebewesen möglich machte. Im gewissen Sinne sind sie radikale Konservative. Doch bleibt das weltumspannende Konzept bestehen, besteht keine Chance, den Konflikt für sich zu entscheiden. Das Festhalten am natürlichen System ist sympathisch und kommt meinem Denken entgegen, aber die Möglichkeiten, Macht, Chancen, sind ungleich verteilt. Mich erinnert es an die Ausgangslage der Mitglieder der First Nations in den USA und den auf dem Planeten wenigen verteilten indigenen Völkern. Alles ganz nett, faszinierend, kann man sich mal ansehen, aber nun verzieht Euch, wir brauchen Euer Land. All die Tech-Freaks, die zuliefernden Energie-Konzerne, die Umgestalter, Architekten einer neuen Welt, die vollständig vom Menschen konstruiert ist, sind globale Kolonialisten.

Irgendwann in den letzten Jahrzehnten wäre die Klärung einer ethischen Frage notwendig gewesen. Darf der Mensch alles tun, nur weil er es kann? Oder gibt es Grenzen, die er sich freiwillig auferlegt? Sie wurde nie gestellt. Faktisch hat man sich treiben lassen und es einfach getan.

Lützerath ist ein Scharmützel im Kontext eines deutlich größeren Krieges. Stellvertretend kämpfen Klima-Aktivisten, die Vertreter des Erhalts, gegen die von der anderen Fraktion entsandte Polizei, die dort ihre eigentliche Funktion verliert. Von der Meta-Ebene aus gesehen, geht es dort nicht mehr um Demokratie, Rechtsstaat, verfassungsgemäße Ordnung. Diese Prinzipien und Konzepte werden als Waffe gegen die eingesetzt, welche das übergeordnete natürliche System erhalten wollen. Allerdings bin ich mir bei einigen Aktivisten nicht sicher, ob sie sich der Konsequenzen ihrer Forderungen bewusst sind. Bei manchen hege ich den Verdacht, dass sie gern alle Annehmlichkeiten behalten würden. Das funktioniert nicht. Die Industrialisierung brachte nach und nach Luxus, gleichzeitig war sie die Büchse der Pandora.

Lützerath wird auf Dauer nicht gehalten werden können. Der friedliche Protest wird absehbar ein Ende nehmen. Spätestens, wenn es an die Räumung der besetzten Häuser geht. Mich erinnert die Situation stark an Wackersdorf. Der zu erwartende militante Widerstand wird die beiden Lager noch deutlicher kennzeichnen. Ich befürchte sogar, dass es ein Auftakt für weitere Geschehnisse wird. Bereits heute melden sich die ersten Stimmen. Friedlicher Protest ist OK, aber jede Form des Widerstands ist unzulässig. Nun, dann könnten die Aktivisten auch eine Petition einreichen. Dies liefe darauf hinaus, dass alles freundlich zur Kenntnis genommen wird und danach einfach alles seinen gewohnten Gang geht. Dafür haben sich die Aktivisten nicht gesammelt. Sie wollen die Nummer stoppen, weil sie sich ihrem Gewissen verpflichtet fühlen. Dabei geht es dann auch nicht um den einzelnen oder die einzelnen Polizisten/innen. Nicht umsonst heißt es geschlossene Einheiten. Sie verschmelzen zu einer uniformierten Masse, die als verlängerter Arm für Leute in Büros tätig werden, die dazu selbst nicht fähig sind. Wie gesagt, meine Generation hatte Brokdorf, Wackersdorf, Startbahn-West und Stuttgart21. Allerdings sind wir mittlerweile an einem anderen Punkt angekommen. Es geht nicht mehr um Geschehnisse, die man zu verhindern versucht, weil sie vielleicht im Jahr 2023 eintreten könnten. Vieles ist längst eingetreten. Etwas verstörend sind die neu erwachten Befürworter der Atomkraft. Ich frage mich, wo plötzlich wieder das Vertrauen herkommt. Bei Twitter meinte einer, ich solle das Totschlagargument Atom-Müll in der Tasche lassen. Warum? Es gibt keine Lösung, die zu verantworten ist. Schlicht, weil ich für nichts gerade stehen kann, was unter Umständen erst in 500, 1000 oder 10.000 Jahren irgendwelche Lebewesen in die Bredouille bringt. In einige Schädel will nicht hineinpassen, dass diese Technologie eine Sackgasse der menschlichen Entwicklung ist. Aber ich drehe mich argumentativ im Kreis. Faktisch nehmen wir, die Bewohner der Industriestaaten, zu viel Energie und Ressourcen in Anspruch. Die Bedürfnisse können nicht verantwortungsvoll gedeckt werden.

Auch damals in Wackersdorf wurde die Polizei in ihrer Funktion missbraucht. Doch die Veteranen von Wackersdorf wurden überwiegend vom Establishment eingeatmet. Besonders fällt einem dies auf, wenn man sich vor Augen hält, dass NRW von einer schwarz-grünen Koalition regiert wird.
Nein, das Kräfteverhältnis ist eindeutig zum Vorteil derjenigen ausgelegt, die eine Anpassung an lebensfeindliche Zonen favorisieren und keinerlei Abstriche hinnehmen wollen. Sie werden weiter Autobahnen bauen, Landschaften zerschneiden, die Städte bis zum letzten möglichen Zeitpunkt für Maschinen gestalten und die Menschen an den Rand verbannen. Es ist egal, wo man hinschaut. Beispielsweise verbraucht ein E-Auto, welches mit 200 km/h fährt, deutlich mehr teure Energie und Ressourcen, als eins mit 80 km/h. Letzteres wäre vernünftig, doch das andere entspricht der Haltung: Was möglich ist, machen wir auch. So sieht es in allen Bereichen aus. Kaum hat jemand etwas erfunden, was vielleicht ein wenig hilfreich wäre, wird es ausgereizt, bis der Effekt verpufft. Und am Ende geht es dann doch wieder um den reinen Profit. Mit steigender Skepsis sehe ich ebenfalls die ganzen Aktivitäten bezüglich Mars, Mond und Weltall. Es geht augenscheinlich darum, dort Techniken zu testen, die auf einer zerstörten Erde das Überleben ermöglichen können. Mir sind zu viele unterwegs, die sich längst mit dem Endzustand abgefunden haben und daran forschen, wie man mit der neuen Lage umgeht.

Ich respektiere den aussichtslosen Kampf. In der Geschichte kämpften immer mal wieder Leute, obwohl sie genau wussten, dass sie nicht mehr gewinnen können. Es dürfte eine Art Lebensinhalt sein. Wenigstens gab man nicht widerstandslos auf. Häufig werden ausgerechnet diese Unbeugsamen posthum zu Helden erklärt und die Gewinner stehen in einem schlechten Licht da. Trotzdem hat sich nichts geändert. Tecumseh, Sitting Bull, Geronimo waren Helden und die Blauröcke nachträglich geächtete Schlächter. Dennoch basiert der Wohlstand der USA auf dem Niederringen der First Nations. Auch am Niedergang des Ökosystems werden einige wenige gut verdienen. Sie können sich dann das Leben, oder vielleicht besser Vegetieren, in neuen angepassten Städten leisten. Und auch dort wird es einen Bodensatz geben, der ihnen zuarbeitet. Außerhalb kämpfen dann Outlaws ums Überleben. Die Literatur und Filme sind voll mit Überlegungen, wo es in etwa hingeht. Wenn ich das richtig wahrnehme, hat sich ein großer Teil meiner Umgebung dazu entschlossen, das eigene Leben mit den noch erlebbaren Resten zu genießen. Schade für die nachfolgenden Generationen. Aber vielleicht ist es ja wie mit Leuten, die blind geboren wurden. Sie kennen es nicht anders.

Die letzte Generation ist vermutlich nicht mehr diejenige, welche etwas verhindern kann, sondern als letzte die alte und die neue Welt kennenlernen. Die danach können sich in digitalen Aufzeichnungen anschauen, wie es einmal war und leben im Neuen, mit dem sie sich wohl oder übel anfreunden müssen. Es wird auch niemand nachträglich zur Rechenschaft gezogen werden können. Wofür? Bis sie starben, taten sie, was von den Bevölkerungen der Industrieländer gefordert wurde. Letztens saß ich in einem Gasthof und kam dort mit einem Mann aus Thüringen ins Gespräch. Er meinte, dass insbesondere die Mitglieder der GRÜNEN alles ungelernte, unfähige Leute wären. Ich fragte, was sich ändern würde, wenn das alles hoch qualifizierte Kräfte wären. Die Wähler erwarten Versprechungen, in denen ihre vollkommen überzogenen Bedürfnisse bedient werden. Was geschehe, wenn Naturwissenschaftler das Sagen hätten und sie unmissverständlich klarmachen würden, dass sich alles radikal, am besten Morgen, ändern müsste? Wir leben in einer Demokratie! Die würden nicht einmal die halbe Regierungszeit überstehen.

Mit Lützerath wäre die Möglichkeit gegeben gewesen, wenigstens ansatzweise guten Willen zu zeigen. Vermutlich ein politischer Selbstmord. Aber was solls? Dann wären sich wenigstens mal ein paar Leute treu geblieben und hätten den Beweis angetreten, dass nicht alle korrumpierbar sind. Die Realität sieht anders aus. Nach alt bewährten Konzept, muss die Staatsmacht siegreich sein. Und statt zu reden, wie es beispielsweise bei Stuttgart21 geschah, wird mit allem, was geht, der Wahnsinn durchgedrückt. Wie gesagt, ich befürchte, dies ist nur ein Anfang.

29 Dezember 2022

Formulierungsvorschläge bei der Polizei

Lesedauer 2 Minuten

Bei den Hardlinern u. Technokraten in der Polizei herrscht mal wieder Aufregung. Die Führungsriege – so wie ich den Verein kenne, kommt es nicht mal von dort – hat einen Leitfaden herausgegeben, worauf künftig bei Formulierungen zu achten ist.

Sonderlich ungewöhnlich ist dies nicht. Berichte u. Vermerke schreiben ist nicht jedermanns Ding. Jeder Praktiker kennt die Ausreißer. Nicht umsonst obliegt den Vorgesetzten/innen die Endkontrolle, bevor etwas heraus geht. Seit Jahrzehnten gibt es hierzu ein Regelwerk.

Bei den Standards reiht jeder Sachbearbeiter bewährte Formulierungen aneinander. Allein schon, weil es schneller geht, man sich auf der sicheren Seite befindet und Rechtsanwälten/innen keine unnötige Angriffsfläche bietet. Jede/r Verteidiger freut sich über anrüchige oder unglückliche Formulierungen. “Ihr Bericht signalisiert bereits, dass sie ausschliesslich gegen meinen Mandanten ermittelten, statt auch entlastende Aspekte zu berücksichtigen!” Zack! Geht alles den Bach herunter.

Insofern sollte jeder für eine Hilfestellung dankbar sein. Wie so häufig gehts den Empörten um etwas ganz anderes. Ihnen passt nicht, dass man vor Gericht mit unpassenden Sätzen Schiffbruch erleidet. Anders: Dass sich die Welt draussen anders positioniert, wie sie es gern hätten. Doch so ist es nun einmal u. der Job besteht darin, einen Bericht so sauber wie möglich hinzubekommen, damit -etwas pathetisch- ausgedrückt, der Gerechtigkeit halbwegs in den Steigbügel geholfen wird.

Wie gesagt: Alles nicht neu. Einfach strukturierte Persönlichkeit, ortsübliches Trinkermilieu, erlebnisorientierter Fussballfan, berufstypische Arbeitskleidung (Reizwäsche bei Prostituierten), Angehörige einer europäischen nichtsesshaften Ethnie, usw., fanden ihren Weg in die Berichte.

Niemand sollte sich dabei etwas vormachen, wie viel Frust, Wut, Verachtung, in einigen Worten steckt. Dies ist ein weites Thema. Doch am Ende geht es um Stempel, die aufgedrückt werden, weil man vom erlebten Ausschnitt der Welt auf alle hochrechnet. Da hilft es, wenn man sich an einer neutralen Matrix orientieren kann.

Die Dauernörgler, Querulanten, Technokraten u. Kleingeister, empören sich öffentlich. Womit sie mehr Schaden anrichten, als der Angelegenheit dienlich ist. Doch auch sie sind letztlich Symptome von ungelösten Konflikten.

18 Dezember 2022

Radikale Gedanken über die Freiheit und Zeitgeschehen

Lesedauer 53 Minuten

Unser Leben wird von unserem Geist geformt und wir werden, was wir denken.

Eingangsvers des Dhammapada

Am Anfang sind wir frei? Oder doch nicht?

Vor etwas mehr als 26 Jahren stand ich zum zweiten Mal im Kreißsaal eines Berliner Krankenhauses und gab meiner zweiten Tochter das Versprechen, welches ich schon meiner ersten gab. “Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit Du als freier Mensch leben kannst.” Das war mir sehr wichtig. Es mag pathetisch klingen. Aber wenn es einen Ort und einen Moment gibt, an dem man dies darf, dann ist es ein Kreißsaal im Anblick eines Neugeborenen. Hätte mich damals jemand gefragt, was ich denn unter frei verstehe und warum mir dies so sehr am Herzen lag, wäre meine Antwort vermutlich nicht sonderlich präzise gewesen. Die meisten mir bekannten Leute wünschen ihren Kindern, was sie selbst nicht sind oder haben, aber gern wären und besäßen. War ich in diesem Moment nicht frei? Mit Sicherheit eine Frage der Relation. Ebenso, was man darunter versteht. Was ist das Gegenteil davon? Eingesperrt? Abhängigkeit? Gehemmt? Unfrei erscheint mir ein wenig banal und einer Antwort nicht dienlich.

Heute denke ich, dass nicht ein Motiv ursächlich war, sondern mich eine Mischung aus Erfahrungen in unterschiedlichen Lebensbereichen antrieb. Schon in der Kindheit, entwickelte ich eine Aversion gegen Verhaltensweisen, die von gar nicht wenigen angewendet werden, um anderen ihr Leben aufzudrücken. Und Kinder werden gern als Mittel zum Zweck benutzt. Da wird Dankbarkeit eingefordert, emotional genötigt und einiges mehr an den Tag gelegt.
Als ich Vater wurde, diente ich bereits bei der Kriminalpolizei. Infolgedessen griff ich sehr praktisch und unmissverständlich in die Rechte und damit auch in die Freiheit anderer Menschen ein. Ich gebe zu, dass mir dabei nicht immer ganz wohl war. Die innere Kritik meldete sich spätestens beim Thema Drogenpolitik. Es ist nicht einfach, sich in einem Freundes- und Bekanntenkreis zu bewegen, der sich nachvollziehbar über eine lächerliche und willkürliche Gesetzgebung hinwegsetzt, wenn man selbst deshalb ermitteln soll.
Außerdem stand ich schon seit der Jugend allem kritisch gegenüber, was mit Macht und Autorität zu tun hat. Macht verändert Menschen und ich nehme mich dabei nicht aus. Und niemand sollte sich dabei etwas vormachen. Selbst Kindererziehung hat etwas mit Macht zu tun, zumal sie immer umfangreicher wird. Ganz früher bedeutete Erziehung einem Kind das Notwendigste beizubringen. Heute bleiben Kinder viel länger zu Hause. Eltern sehen sich dazu verpflichtet, dem Nachwuchs ihre Vorstellungen von einem erfolgreichen Leben in der Gesellschaft zu vermitteln.
Mir kommt dabei häufig der Gedanke: Wenn ich wüsste, wie der ideale Weg aussieht, wäre ich ihn gegangen. Dabei habe ich eine Wandlung vollzogen. In den ersten Jahren dachte ich auch, über vielerlei Bescheid zu wissen. Doch eines Tages sagte ich einer Tochter: “Wenn Du ein Problem mit der Elektrik hast, rufst Du einen Elektriker und keinen Bäckermeister. Bei einem Brand die Feuerwehr und nicht die Polizei. Frag mich zu den Lebensaspekten, bei denen mir zuzutrauen ist, dass ich wirklich etwas weiß. Bei allen anderen Sachen bin ich einer unter vielen, die eine Meinung haben.” Ich denke, einen guten Instinkt für die richtigen Berater zu entwickeln, ist ein wichtiger Lebensaspekt.

In der Polizei wurde meine Skepsis gegenüber Macht und Autorität von Jahr zu Jahr zur Gewissheit. Kurt Tucholsky schrieb: “Wenn Du einen Menschen wirklich kennenlernen willst, mach ihn zu Deinem Vorgesetzten!” Meinen Vorstellungen nach unterläuft den meisten Menschen ein eklatanter Fehler. Sie denken, die Macht und Autorität wurde ihnen verliehen, um andere dahingehend anzuleiten, Aufgabenstellungen zu bewältigen, wie sie es selbst tun würden. Hieraus schlussfolgern sie, dass alle andersartigen zu ihnen passend gemacht werden müssen oder sich wenigstens zu fügen haben. Mit dieser Haltung kann ich nichts anfangen. Ein Führungsgrundsatz lautet: “Führen bedeutet, andere Menschen erfolgreich zu machen!
Das andere bedeutet, mit Autorität die Leute zu abhängigen und gehorsamen Erfüllungsgehilfen zu degradieren. Ist die notwendige Autorität nicht von Natur aus vorhanden, wird sie halt mittels Amt zugeteilt. Letzteres ist der Regelfall, welcher von Ausnahmen bestätigt wird. In vielen Bereichen ist das recht zweckmäßig. Nämlich immer dann, wenn die Leute nichts weiter mit der Arbeit verbindet als Geld. Nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können, ist ein wesentlicher Teil der Freiheit. Menschen wollen aktiv sein, etwas erschaffen und damit wirklich werden. Arbeiten ist an sich etwas Gutes und Teil des Lebens. Sie wird erst zum Problem, wenn man von dem, was man tut, entfremdet ist. Deshalb betrachte ich es kritisch, wenn jemand konsequent zwischen Arbeit und Privatleben unterscheidet. Die Entscheidung mag richtig sein, aber meistens ist dann etwas mit der Tätigkeit nicht in Ordnung.
Im Dienst erlebte ich dies im Zusammenhang mit der Zeit, in der die ersten dienstlichen Mobiltelefone verteilt wurden. Anfangs nahmen die Kollegen/innen sie freiwillig mit nach Hause, um im Falle einer unvorhergesehenen Einsatzlage alarmiert werden zu können. Das ging nicht lange gut. Die obere Führungsebene sah diese Bereitschaft schnell als Selbstverständlichkeit und war dann auch nicht mehr gewillt, bezahlte Rufbereitschaften anzuordnen. Eines Abends nach Dienstende schaute ich mit dem Teamleiter auf die Steckdosenleiste. Alle Telefone steckten zum Laden in der Leiste. Er sagte nur: “So kann man auch zeigen, dass man die Nase voll hat!”

Durch den Beruf erhielt ich Einblicke in Bereiche der Gesellschaft, die mir ohne niemals möglich gewesen wären. Manch einer mag jetzt an die sozial schwierigen Bereiche denken. Schwierig auf jeden Fall, aber “unten” hatte ich ohnehin genug gesehen. Ich meine das Milieu der Besserverdiener. Mal die Yuppies mit dem schnellen Geld, andere Male Politiker/innen oder auch die vor Arroganz stinkenden Besitzer/innen der großen Häuser ohne Namensschilder, aber sehr viel Sicherheitsbedürfnis. Zu dem, was ich sah, nahm ich lange Zeit eine fatalistische Haltung ein. “So ist das nun einmal. Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit sind weite Felder mit sehr vielen Grauzonen! Und Du bist nicht Don Quichotte.” Oftmals rettete ich mich der Haltung, dass es nicht mein Job wäre, die Ursachen anzugehen, sondern bei passender Gelegenheit den Auswirkungen die Spitzen zu nehmen.
Mir war klar, dass die jungen serbischen Einbrecher auf der anderen Seite der Schreibmaschine zum Verbrecher geformt wurden. Diejenigen, welche dies zu verantworten hatten, spielten in einer anderen Liga und gehörten vor einen internationalen Gerichtshof. Allerdings gibt es noch andere menschliche Aspekte, die nichts mit dem eigentlichen Delikt zu tun haben. Ich kann irgendwo einbrechen, aber mich dennoch halbwegs fair gegenüber den Opfern verhalten und mir damit selbst beweisen, dass ich noch nicht völlig verroht bin. Dies gilt bei vielen Straftaten.
Anfügen will ich auch noch den Unterschied zwischen einer rein kriminellen Handlung, die der reinen Bereicherung dient oder einer, die aus einer Überzeugung heraus begangen wird. Im zweiten Fall komme ich nicht daran vorbei, mir diese näher anzuschauen. Sie kann darauf ausgerichtet sein, eine politische Ordnung zu erreichen, in der ich und meiner gleichen Vorteile genießen oder ich einen Zustand mit größerer Freiheit für alle anstrebe. Ob dies funktioniert, steht auf einem anderen Blatt Papier. Ich denke dabei zum Beispiel an die anarchisch motivierte Bonnot-Bande, welche in Frankreich 1911 bis 1912 Banküberfälle beging und die Beute nach Robin Hood Manier verteilte. Man mag die Taten der Überzeugungstäter/innen verwerflich finden. Doch ein/e gute/r Ermittler wird sich immer mit den Motiven auseinandersetzen müssen. In einer Zeit der sprachlichen Unschärfe ist es schwer den Leuten begreiflich zu machen, dass nachvollziehen nicht Sympathie oder Zustimmung bedeutet. Wenn jemand völlig irrational, vollkommen frei von erkennbaren Motiven handelt, dann gibt es auch nichts nachzuvollziehen. Entweder ist es Wahn oder psychopathisches Kalkül, wie es Friedrich Dürrenmatt in der Wette zwischen Kommissar Bärlach und Gastmann beschreibt.[1]Der Richter und sein Henker

Heute las ich davon, dass gegen Klima-Aktivisten tatsächlich ein Verfahren wegen des Verdachts der Bildung einer Kriminellen Vereinigung eröffnet wurde. Genau in der Zeit, als meine Kinder geboren wurden, bearbeitete ich bei der Kriminalpolizei erstmalig ein Verfahren mit dieser Überschrift. Die Tatverdächtigen arbeiteten sich einmal quer durch das Strafgesetzbuch: Bewaffneter Raub, Mord, Einbrüche, Kfz-Verschiebung, Kreditkartenbetrug, Waffenhandel, gewerbsmäßige Hehlerei. Letztendlich konnte ich den Nachweis nicht erbringen, weil sich die rund 60 Beteiligten keinen gemeinsamen Namen gegeben hatten. Daran scheiterten damals im Bereich der Organisierten Kriminalität viele Verfahren, bei denen man versuchte den § 129 a StGB anzuwenden. Am Ende nennt sich dann alles kriminelles Netzwerk von organisiert vorgehenden Banden. 2017 entfiel diese Bedingung mit einer Gesetzesänderung.
Dazu muss man wissen, welche Auswirkungen die Annahme des Tatbestands hat. Jeder, der die Vereinigung logistisch oder finanziell unterstützt, ohne selbst die eigentlichen Straftaten zu begehen, hängt mit drin. Deshalb dürfen auch sie mit verdeckten polizeilichen Maßnahmen, Observationen, Kommunikationsüberwachung, Einschleusen von Verdeckten Ermittlern belegt werden. Ich halte es für nachvollziehbar, dass ich meine Verfahren, dem aktuellen bezüglich der Klima-Aktivisten gegenüberstelle. Bei mir löste dies einiges aus. Als dieses Thema aufkam, glaubte ich anfangs noch an das übliche populistische Gerede von Konservativen.
Niemand, der ein wenig in der Materie steckt, käme auf die Idee, die Aktivisten mit Kriminellen in einen Topf zu werfen. Kriminell ist für mich immer noch jemand, der sich auf miese Art bereichern will und dabei keine Skrupel kennt. Mit Sicherheit keine Leute, die sich bei Wind und Wetter für ihre Überzeugung mit nackten Händen an eine Fahrbahn kleben. Man kann das blöd finden, nicht zielführend oder vermessen, aber nicht kriminell. Entsprechend konsterniert las ich dann die Meldung. Der § 129 a StGB wird von manchen auch «Schnüffelparagraf» genannt. Eine minimale Zahl der geführten Verfahren kommt zur Anklage und noch weniger ziehen Verurteilungen nach sich. Aber im Vorfeld wird der Polizei wie bereits erwähnt über den §§ 100 a ff. StPO ein ganzer Blumenstrauß an Maßnahmen ermöglicht.

Das ist ein massiver Eingriff staatlicher Institutionen in die Freiheiten eines Bürgers. Vielmehr geht kaum noch. Und all dies wurde nach einer Innenministerkonferenz eingeleitet. Entgegen den unwahren Behauptungen vieler Politiker ist die deutsche Justiz nicht unabhängig. Die Staatsanwaltschaft muss den Vorgaben ihres Vorgesetzten, dem Justizministerium, Folge leisten. Und der Weg von Justiz zur Innensicherheit ist wahrlich nicht weit. Es fällt mir schwer, keine Verbindung zwischen der für die Politik unbefriedigende Verweigerung des Verfassungsschutzes, die Aktivisten als umstürzlerische Extremisten zu betrachten und die Eröffnung eines 129 a – Verfahrens zu sehen. De facto erfolgt die Anwendung mit einer politischen Intention. Die missliebigen Protestierer sollen über die Kriminalisierung und Überwachung zur Räson gebracht werden.

Nochmals zurück ins Krankenhaus. Eins wurde mir in diesen Tagen bewusst. Mit der Geburt wird ein Wesen in die Welt gesetzt, welches mit dem ersten Schrei von bereits existierenden Strukturen beschränkt wird, die lange vor diesem Moment von Menschen konstruiert wurden. Der Ort, das Krankenhaus, die Qualifikation des Krankenhauspersonals, die Standards, die Charaktere der Eltern, wirken auf das Kind ein. Für uns, die Eltern, begann es mit der Anwendung von Silbernitrat, welches Neugeborenen zur Prophylaxe vor einer Gonokokken-Infektion (Tripper) ins Auge geträufelt wird. Das Zeug hieß früher im Volksmund Höllenstein. Und genau so brennt es auch. Doch warum diese Qual, wenn vorher eine Erkrankung der Mutter ausgeschlossen wurde? Außerdem wage ich zu bezweifeln, dass dies allen Müttern und Vätern bekannt ist.
Später ging es um die Trennung von Mutter und Kind. Im Krankenhaus gab es eine neue Neonatologie-Station. Bereits in den 90ern mussten Krankenhäuser Profite erwirtschaften. Medizinische Werte ändern sich ständig und oftmals kommt einem der Verdacht, dass das weniger medizinische Gründe hat, sondern die Herab – oder Heraufsetzung, welche regelmäßig eine Medikation oder Behandlungsprozedur nach sich ziehen. Damals setzten sie die Werte herunter, welche den Verdacht einer Neugeborenen-Gelbsucht indizierten, woraufhin meine erste Tochter prompt auf der neuen Station landete. Ich konnte mich des Verdachts nicht erwehren, dass das etwas mit meiner privaten Krankenversicherung zu tun hatte, zumal da nicht alle Kinder mit identischen Werten landeten. Neue Station, private Krankenversicherung, Chefarztbehandlung (obwohl die eigentliche Chefin im Ring die Hebamme war), Informationen über die Behandlungsmethoden, all dieses gehört zum Aufbau und Struktur des Gesellschaftssystems, in das Kinder hineingesetzt werden.
Außerdem sind es Aspekte, die an einem anderen Ort überhaupt nicht vorhanden sind. Theoretisch müsste ich noch weiter zurückgehen. Vorsorgeuntersuchungen, Lebensumstände der Mutter, Ernährung, Untersuchungen des Fötus, gehören gleichermaßen dazu.

Wenn es heißt, ein Kind wurde geboren, sind wir uns allzu selten dessen bewusst, was das bedeutet. Es ist die Kurzform für: “Vorausgesetzt das Kind ist gesund, wurde ein Lebewesen geboren, welches aufrecht gehen kann, über zwei gegenüberstellte Daumen verfügt, ein Zentrales Nervensystem und Großhirn aufweist, dessen Neokortex es zum Denken und Sprechen befähigt. Somit grundsätzlich zu allem befähigt ist, was jemals ein Mensch tat, jetzt gerade unternimmt oder noch machen wird.”
Im Kinderbett liegt eine zukünftige Atomphysikerin, eine Lehrerin, Architektin, Krankenschwester, Tischlerin, eine geldgierige Frau, eine Buddhistin, eine knallharte Geschäftsfrau, eine eher empathisch ausgerichtete Helferin oder eine Querdenkerin, Faschistin, Esoterikerin. Alles ist möglich!
Und dann geht es los. Wie alles weiter gehen kann, beschrieb Aldous Huxley in seiner Dystopie “Eine schöne neue Welt”, in dem er es überzeichnete. Bereits im Krabbelalter, werden dort die Kinder für ihre künftige vorgesehene Rolle in der Gesellschaft konditioniert. Wenn ich mir die aktuelle Realität anschaue, bin ich mir nicht sicher, ob wir seine ehemals überzeichnete Darstellung längst überflügelten. Psychologen konnten in Experimenten nachweisen, dass Kinder im Jugendalter nicht mehr unterscheiden können, ob sie ein Ereignis tatsächlich erlebten oder es ihnen mit einer Virtuell Reality Brille suggeriert wurde.
Aus älteren Experimenten ist bekannt, wie trügerisch Erinnerungen sein können. Beispielsweise ließ man eingeweihte Geschwister über einen längeren Zeitraum eine frei erfundene Geschichte erzählen. Es dauerte gar nicht lange, bis die unwissenden Schwestern und Brüder glaubten, sie tatsächlich erlebt zu haben. Wende ich dies auf PC-Spiele, dauerhaftes Einwirken von ausgefeilter Werbung, Algorithmen, Manipulationen der Eltern, welche die Ergebnisse an die Kinder weitergeben, an, sind wir längst inmitten der dystopischen Darstellungen. Ich bewundere in diesem Zusammenhang den Anarchisten Francisco Ferrer, welcher lange vor Huxley (Brave New World, 1932) im Jahr 1901 die “Moderne Schule” gründete, in der die Schüler nach anarchistischen Grundsätzen ausgebildet wurden. Von ihm ist die Aussage überliefert, dass von den Absolventen nicht erwartet werden kann, selbst Anarchisten zu werden. Denn dies würde bedeuten, nicht den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, freien, selbst entscheidenden Menschen einen Lebensweg zu eröffnen.

Frei? Versuch einer Herleitung

Was bedeutet, frei zu leben? Für manche besteht die Freiheit darin, mit einer Harley die Route 66 herunterzufahren. Aber irgendwann ist die auch mal zu Ende. Und dann? Andere halten ein Wohnmobil für die Erfüllung. Auf dem Trip war ich auch mal. Doch erstens sind die Dinger extrem teuer und ich stellte fest, dass man damit an Grenzen schnell lernt, wie kompliziert die Welt geworden ist. Und egal wie man es anstellt, wirklich frei ist man mit solchen Aktionen nie. Das Stichwort lautet: Abhängigkeit! Geld ist in den meisten Systemen durchaus ein gutes Mittel sich einen Lebensstil kaufen zu können, aber ist man deshalb frei?

Wenn ich rein theoretisch vollkommen allein auf der Welt wäre, könnte ich alles tun und lassen, was mir gerade in den Sinn kommt. Jedenfalls so lange, bis sich in mir Bedürfnisse regen. Hunger, Durst, Schlaf, Verdauung erzeugen Notwendigkeiten. Zumindest, wenn ich leben will. Dies würde mich dazu zwingen, etwas zu unternehmen. Damit wäre es bereits in diesem Moment mit der totalen Freiheit vorbei. Hieraus ergibt sich für mich eine weitere logische Schlussfolgerung. Die Anzahl der Bedürfnisse bestimmt schon einmal den Grad der Freiheit, ohne dass überhaupt jemand anderes eine Rolle spielt. Gleichzeitig ist sie davon abhängig, wie viel Aufwand ich insbesondere zur Stillung absolut lebensnotwendiger Aspekte betreiben muss. Zu Hunger, Durst, Schlaf, Notdurft, nehme ich noch den Schutz und soziale Kontakte dazu. Alles zusammen setze ich unter die Überschrift: Lebenswille.
Wie sehr sich das praktisch auswirkt, weiß jeder Arme. Wobei ich die echte Armut meine. Sie ist gegeben, wenn ein Mensch objektiv nicht genug zum Leben hat. Relativ ist sie, wenn die Möglichkeiten im Verhältnis zu den gut situierten Mitgliedern einer Gesellschaft arg eingeschränkt sind. Derzeit liegt die absolute Armutsgrenze bei täglichen 1,9 US-Dollar Kaufkapazität. Ich finde diese Art der Bewertung nicht treffend. Sie wird nicht denen gerecht, die ohne Geld leben, aber sich sehr wohl gut versorgen können. Indigene Völker sind, solange sie sich selbst mit Nahrung, Schutz, versorgen können, nicht arm. Gleichfalls sind sie nicht rückständig, sondern leben im Einklang mit dem natürlichen System. Die leben freier als jeder, der sich nur mit finanziellen Mitteln versorgen kann. Die absolute Armut betrifft weltweit rund 700 Millionen Menschen. Davon leben 178.000 in Deutschland. Weil sie monatlich über weniger als 1.162 EUR verfügen können, sind von relativer Armut 13 Millionen Deutsche betroffen.[2]https://moneytransfers.com/de/news/content/armut-weltweit-statistik-2022-fakten-uber-absolute-und-relative-armut#Die-Armutsgrenze-in-Deutschland-2022-liegt-bei-60%-des-Durchschnittseinkommens. Ihre Freiheiten sind in jeder Hinsicht beschränkt. Eine Selbstversorgung ist nicht möglich und sie leben in einem System, in dem man nur mit Geld überleben kann. Früher gab es diese romantische Vorstellung der freien Clochards. Ein Wort, welches besser klingt als Obdachlos. In unseren Breitengraden gibt es bei diesem Leben keine Romantik.
Ich will nicht ausschließen, dass indische Asketen oder ohne Besitz lebende buddhistische Mönche so etwas wie echte Freiheit finden. Doch die müssen sich nicht mit bitterer Kälte herumschlagen und werden von der Bevölkerung unterstützt. Allerdings ließ ich mich persönlich bezüglich der Freiheit von der buddhistischen Logik überzeugen. Abhängigkeiten stehen der Freiheit immer im Weg. Und der Hauslose Weg kommt schon ziemlich nah an echte Freiheit heran.
Doch an Essen, Trinken und ein paar anderen Bedürfnissen kommt man schwer vorbei. All das ganze Gerede über Leistungsanreize und Sanktionen bei Sozialleistungen ist mir zuwider. Sähen die aufrichtigen Leute realistische Optionen, um aus der Misere herauszukommen, würden sie sie ergreifen. Die echten Ganoven, welche das System für ihre Zwecke benutzen, wissen genau, wie sie sich zu verhalten haben. Getroffen werden alle, die es nicht besser wissen, können oder in Schwierigkeiten sind. Eine Bekannte meinte letztens, dass es nicht sein könne, dass jemand mit Sozialleistungen mehr Geld bekäme, als ein Niedriglöhner. Ist dann eventuell der Niedriglohn zu gering angesetzt? Ich denke schon!

Ich darf auch nicht die Natur des Menschen außer Acht lassen. In uns existiert ein Belohnungssystem, welches mit dem Lebenswillen eng verbunden ist. Es ist wie so vieles andere ein Ergebnis der Evolution. Soziales Verhalten, welches eine erfolgreiche Interaktion als Gruppe/Horde ermöglicht, wird mit angenehm empfundenen Emotionen belohnt. Ebenso war es im Frühstadium der Entwicklung existenziell notwendig, eine Vorratshaltung zu betreiben. Da unterscheidet sich der Homo sapiens nicht im Geringsten von anderen Tieren. Nur, dass die anderen Tiere keine Optionen entwickelten, es damit übertreiben zu können oder rituelle Handlungen zu entwickeln, die mit dem eigentlichen Zweck nichts mehr zu tun haben. Ein verunsichertes Huhn, welches auf dem Boden herum pickt, obwohl es dort gar nichts gibt, wirkt komisch. Ein frustrierter Mensch, der sich in einem Einkaufstempel lauter Dinge kauft, die keinen praktischen Zweck aufweisen, eher traurig. Nicht weniger schräg sind die Hamsterkäufe von Nudeln oder Toilettenpapier. Vor allem im Vergleich zu anderen Ländern. In Frankreich wurden die Kondome knapp. Mehr muss man vermutlich nicht wissen. Ist sich jemand nicht bewusst, was das Belohnungssystem für Folgen haben kann, ist es mit der freien Willensbildung vorbei.

Praktisch bin ich nicht allein und lebe auch nicht in einem paradiesischen Milieu, wo mir gebratene Hähnchen vom Himmel entgegenfallen und an den Bäumen Leckereien wachsen. Damit ist klar, dass Freiheit an sich nichts besagt. Vielmehr müssen noch Konkretisierungen hinzukommen. Was ist eigentlich das Gegenteil von einem freien Leben?
Wenn man mich daran hindert, dass ich mich meinem Willen folgend bewege, bin ich im absoluten Fall eingesperrt oder im verminderten in meiner Bewegungsfreiheit beschränkt. Dies kann durch ein natürliches Ereignis, Umstände oder durch ein anderes Lebewesen geschehen. Demnach muss ich die zusätzlich benennen. Dies gilt ebenso für die Redefreiheit, Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit, Religionsfreiheit, Bildungsfreiheit, usw.
Ein besonderer Fall ist für mich die freie Willensbildung. Die kann gemindert werden, in dem mir dafür notwendige Informationen vorenthalten werden oder man mir vorsätzlich falsche gibt. Passe ich nicht auf, werde ich das Opfer von geschickten Manipulationen. Denen zu widerstehen, ist bei uns ermüdend. Egal was wir tun, irgendjemand versucht es immer. Mal sind es visuelle Reize, minimale Abläufe, Gerüche, Gefühlsappelle, alles, was die Ratio ausschaltet, wird angewandt. Nicht einmal, ob wir auf unseren Smartphones nach unten “wischen” oder nach oben ist dem Zufall geschuldet. Mit Probanden wurde untersucht, was den Benutzer länger bei der Stange hält. Oder wie lange welches Bild an welcher Stelle des Bildschirms betrachtet wird. Sie testen einfach alles aus.

Ich kann mir aber auch selbst im Weg stehen. Wenn ich mich von anderen abhängig mache, beschränke ich mich. Dies muss nicht unbedingt negativ sein. Vielleicht ist es der einzige Weg, um andere Hindernisse zu überwinden oder Bedürfnisse zu befriedigen. Mein Gehirn kann sich weit über die notwendigen Grenzen jede Menge Beschränkungen ausdenken. Immerhin sind sie, wenn sie ausschließlich von mir selbst stammen, frei entstanden und die Aufgabe geschah freiwillig. In der Regel sieht es anders aus. Jede Familie hat so ihre eigenen tradierten Verhaltensvorgaben. Nicht selten stammen sie aus längst zurückliegenden Zeiten und besonders erscheinen sie prüfenswert, wenn sie aus alten überkommenen moralischen Konstruktionen entstanden sind oder in Zeiten der Traumata, Not und Wiederaufbau geprägt wurden. Ich kenne noch solche Sprüche, wie: “Gehe nicht zu Deinem Fürsten, wenn Du nicht gerufen wurdest!”; “Lehrjahre sind keine Herrenjahre!”; “Am Abend werden die Faulen fleißig.”; “Müßiggang ist aller Laster Anfang.”; “Das hat noch niemanden geschadet.”, “Was man angefangen hat, muss man auch zu Ende bringen.” Auch die mutwillig entstellten Zitate von griechischen und römischen Philosophen gehören dazu. Eins meiner Favoriten ist “Carpe diem!”. Übersetzt heißt es nicht: “Nutze den Tag!” Und erst recht nicht, ist es eine Aufforderung, die Tagesarbeit zum Abschluss zu bringen, damit der nächste für andere Arbeiten genutzt werden kann. Nicht einmal sich den Tag besonders vollzupacken ist gemeint. Es heißt: “Pflücke den Tag!” Genieße ihn, sei Dir dieses Tages bewusst und lebe im Hier und Jetzt, ist die wahre Bedeutung.
Es besteht auch keinerlei Anlass dafür, das Alter zu respektieren. Alt werden wir alle. Rücksicht nehmen ist eine gute Idee. Denn jeder sollte sich bewusst sein, dass einem jeder alte Mensch die eigene mögliche Zukunft zeigt. Und so wie ich mit den Alten umspringe, ergeht es mir möglicherweise selbst, weil ich an der Gestaltung einer rücksichtslosen Welt beteiligt war. Daran muss ich immer denken, wenn mal wieder ein junger erlebnisorientierter Politiker längere Arbeitszeiten fordert. Warte mal ab! Eines Tages werden Dich Deine eigenen Forderungen einholen. Oder wenn die Privatisierung und Produktivität von Krankenhäusern und Pflegestätten angestrebt wird. Es gibt dieses schöne Märchen von den Gebrüdern Grimm, in dem ein alter Mann immer aus einem Holztrog essen muss, weil er mit seinen zittrigen Händen nicht mehr den Teller halten kann. Eines Abends beobachten die am Tisch sitzenden Eltern ihr Kind dabei, wie es an einem Holz schnitzt. Als sie nachfragen, antwortet das Kind: “Ich schnitze für Euch einen hölzernen Trog, aus dem ihr später essen könnt!”

Der Psychoanalytiker, Theologe, Jesuit und Managementberater Rupert Lay fordert in seinem Buch “Führen durch das Wort” dazu auf, eine Liste von den Überzeugungen, Annahmen aufzustellen, die man selbst nie prüfte und einfach nur erzählt bekam. Ich machte es mal und war erschrocken über die Menge. Mit Sicherheit war die Liste nicht vollständig.
Ähnlich erging es mir mit dem Buch “Die Kunst des Digitalen Lebens” von Rolf Dobelli.[3]https://www.dobelli.com/de/bucher/die-kunst-des-digitalen-lebens/ – Wir sind immer bestens informiert und wissen doch so wenig. Warum? Weil wir ständig News konsumieren – kleine … Continue reading
Ich bin seinem Vorschlag auf Nachrichten zu verzichten nicht gefolgt. Stimme jedoch zu, dass er damit richtig liegt, was die Nachrichten, die eigentlich keine sind, mit uns machen. Was da täglich durch die Medien rauscht, sind Produkte, die entweder verkauft werden müssen oder Mittel zum Zweck sind. Am ehesten wird mir dies bewusst, wenn aus einzelnen Ereignissen eine vermeintlich in sich stimmige Geschichte gestrickt wird. Wir sind so. Unser Gehirn muss Kausalitäten herstellen. Ob die nun vorhanden sind oder nicht. Im Zweifelsfall werden sie halt konstruiert. Machen wir es nicht selbst, sondern kommen sie von anderer Seite, ist Manipulationsalarm angesagt. Objektiv betrachtet gibt es zwischen der Herkunft, Kultur und Straftat eines Täters selten eine Kausalität. Wäre dies der Fall, hätte im jeweiligen Land schon immer Raub, Mord, Totschlag, Vergewaltigungen, Diebstahl, an der Tagesordnung sein müssen. Die Zerstörung der Kultur, der Überlebenskampf, die Ausweglosigkeit, die Umstände der Flucht, die bestehenden Verhältnisse, die Traumata, der Wahnsinn, sind ursächlich. Ich sah einmal ein Flüchtlingsboot mit mehreren hundert Flüchtlingen aus Myanmar an einem Strand anlanden. Ich erfuhr, dass sie ursprünglich mit 250 Leuten mehr starteten, die auf dem fast zwei Monate dauernden Horrortrip verhungerten, verdursteten, ertranken. Was müssen sich auf diesem Boot für unvorstellbare Szenen abgespielt haben? Und welcher Mensch übersteht dies ohne Folgen?
Auch die Tat an sich ist völlig irrelevant. Um mich herum finden täglich Straftaten statt: Frauen werden halb tot geschlagen, Kinder misshandelt, Leute prügeln sich, Diebstähle finden statt. Ob Karl-Heinz, Mandy oder Achmed Täter/in ist, hat keinerlei Bedeutung. Und auch nicht, ob das in Bangkok, Tunis, Tirana oder Istanbul geschieht. Dort wo es passiert, muss man sich um die Opfer und Täter kümmern. Eine Abschiebung führt dazu, dass sie/er an einer anderen Stelle der Erde neue Opfer findet und sich das Leid fortsetzt. Sollte irgendjemand ein echtes Interesse an der Verhinderung von Straftaten haben, muss eine Suche nach den Ursachen stattfinden. Im zweiten Schritt könnten sie dann beseitigt werden. Konjunktiv! Die Ursachen sind vielfach bekannt. Aber wenn wir die angingen, käme dies einer Weltrevolution gleich. Wie auch immer. Jene, die da ständig Kausalitäten zusammenbasteln, führen nichts Gutes im Schilde. Vor allem haben sie nicht meine Freiheit, mein freies Denken, im Sinn. Sie wollen mich manipulieren. Ich schaue weiter Nachrichten und höre mir das alles an. Doch mein Ansatz ist ein anderer: Ich will wissen, was mein Gegner macht. Ich achte weniger darauf, was inhaltlich rübergebracht wird. Mich interessiert, wie es geschieht, welche Wörter benutzt werden und zu welchem Zeitpunkt die Nachrichten auftauchen.

Frei, hat eine Menge mit Interaktionen zu tun. Wenn mindestens zwei Personen eine Rolle spielen, ergeben sich logischerweise zwei Perspektiven. Ich will frei sein und der oder die andere ebenfalls. Gleichsam unterliegen wir den gleichen Beschränkungen. Es ist unwahrscheinlich, dass wir beide immer exakt zum gleichen Zeitpunkt identische Bedürfnisse verspüren. Spätestens an der Stelle werden wir Arrangements finden müssen. Ich kann auch davon ausgehen, dass die andere Seite genau registriert, wie ich mich verhalte. Sind wir beide halbwegs intelligent, werden wir beide dies erkennen. Hierzu gehört auch die Erkenntnis, dass es keine absolute Freiheit geben kann. Zu gleichen Teilen müssen wir Einschränkungen hinnehmen. Tun wir es nicht, wird sich unser Verhältnis sehr schwierig gestalten. Übertreibe ich es mit meinen Anforderungen oder Ansprüchen, wird dies nicht ohne Folgen bleiben. Auf der anderen Seite sieht es genauso aus. Ich denke, aus dieser zwingenden Logik heraus ergaben sich in Folge der Evolution diverse Anlagen des Homo sapiens. Allein hatte der Primat Homo sapiens zu keinem Zeitpunkt eine Überlebenschance. Kooperation, gegenseitiges Einverständnis, Rücksichtnahme, Fürsorge, Einfühlungsvermögen, Gerechtigkeitssinn, sind tief in uns verwurzelt und sind auch bei unseren nahen Verwandten zu beobachten.

Hieraus ergeben sich notwendige, natürliche, Beschränkungen der eigenen Freiheit. Das meiste davon, ohne so etwas wie eine Sozialisierung durch Eltern. Die Natur hat es so eingerichtet, dass bereits Säuglinge beginnen, dies mittels Beobachtungen und Ausprobieren zu erlernen (Belohnungssystem!).
Das Kind schaut sich, was es tun muss, damit es sich gut fühlt und die Bedürfnisse erfüllt werden oder was bewirkt eher das Gegenteil?
Dazu gehört auch die feste Bindung zu einer Bezugsperson, im Regelfall die Mutter, die quasi in Besitz genommen wird. (Hierzu hat Erich Fromm einiges im Buch “Haben oder Sein” ausgeführt. Er ersieht das Loslassen als eine Emanzipation des Erwachsenen, der sich nicht anklammern muss, sondern sich aus eigener Kraft im Leben zurechtfindet. Während das “Klammern” mehr Ausdruck eines infantil stehengebliebenen Menschen ist)
Eine Sozialisierung, im Sinne der Anpassung an eine Gesellschaft, bewirkt unter Umständen einiges, was mit Freiheit, Emanzipation, nichts zu tun hat.

Kein menschliches Handeln ohne Motiv! Wird die Freiheit bewusst beschränkt, muss es eins und einen Grund geben. Es ist zweckmäßig, zeitweilig die Anweisungen einer anderen Person zu befolgen. Wer beißenden Hunger verspürt, aber keinerlei Vorstellung hat, wie er sich mit Jagen, Fischen oder Sammeln sein Essen besorgen kann, ist auf Hilfe angewiesen. Sich dann einem erfahrenen Jäger unterzuordnen, seine Kommandos zu befolgen, kann die Rettung sein. Aber wenn die Nummer vorbei ist oder eine andere Situation eintritt, in de man selbst der Wissende ist, hat sich das erledigt. In unserer Gesellschaftsordnung sieht das anders aus. Jemand wird aus den unterschiedlichsten Gründen zur Autorität ernannt. Außerdem bekommt er Machtmittel überreicht. Einmal in der Position bleibt er dort oder steigt stetig weiter auf. Ob er nun kompetent ist oder nicht. Einige behaupten sogar, dass in einer Hierarchie die Beförderung nach oben so lange andauert, bis jemand die Position erreicht, in der die größte mögliche Inkompetenz erreicht ist.[4]„In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“ Laurence J.Peter/William Morrow, The Peter Principle

Eine Spezialität ist der Fortpflanzungstrieb. Die Evolution denkt nicht, sondern probiert chaotisch aus, was sich als vorteilhaft erweist. In der Natur erwies es sich von Nutzen, wenn sich die Exemplare einer Gruppe paarten, die die vielversprechendsten Gene für einen Fortbestand und Weiterentwicklung einer Art mit sich brachten. Ein hohes Aggressionspotenzial, welches keine Schranken kennt und mit dem Tod des Gegners endet, ist de facto nicht förderlich. Aus diesem Grund entwickelten alle hoch entwickelten Wirbeltiere Turnierkämpfe.[5]Bei Wölfen wurde die Tötung von Welpen beobachtet, die sich im Spiel besonders aggressiv ggü. Rudelmitgliedern verhielten.
Exemplare mit anderen Anlagen treten immer mal wieder auf, aber setzen sich, solange die Art Bestand hat, nicht durch. Welches Verhältnis gefährlich wird, kann man mathematisch ausrechnen. Aber an der Stelle bin ich im Biologie-Leistungskurs ausgestiegen. Mathematik war nie mein Ding.
Ich denke, nicht einmal der Homo sapiens macht dabei eine Ausnahme. Der Fehler besteht in der Entwicklung des Großhirns, die es möglich machte, dass die Ausnahmefälle über Möglichkeiten verfügen, die mit natürlichen Vorgaben kurzen Prozess machen. Meiner Erfahrung nach verfügen die meisten psychisch gesunden Menschen über instinktive Hemmungen, die sie in einem unmittelbaren körperlichen Kampf mit einer Person, der sie sich in irgendeiner Art verbunden fühlen, bremsen.
Erwürgen, vorsätzliches Totschlagen mit Fäusten und Tritten muss erst einmal “erlernt” werden. Anders sieht es aus, wenn Hilfsmittel oder gar Distanzwaffen hinzukommen. Die Folgen eines Messerstichs sind schwer absehbar und bei einer Schusswaffe spielt der Abstand eine Rolle. Alles ändert sich komplett, wenn zur reinen physikalischen Distanz auch noch eine Innere hinzukommt. Je fremder mir ein anderer vorkommt, desto einfach wird alles. Entfremdung ist ein wichtiger Faktor. Instinktiv tun Menschen in Bedrohungslagen eine ganze Menge, um irgendwie eine Beziehung herzustellen, die sie retten könnte. Dazu gehören auch Demutsgesten, die Urinstinkte anspringen lassen. Das Wort Mitleid indiziert es. Dies kann ich nur empfinden, wenn ich mich auf die/den anderen einlasse, womit es auch unwahrscheinlicher wird, dass ich töte oder wenigstens schwer verletze. Man kennt das auch vom Töten anderer Lebewesen. Es ist ein erheblicher Unterschied, ob ich eine Kuh schlachten soll oder die Kuh Elsa, welche meine Kinder so lieb haben. Genau aus diesem Grund empfinde ich z.B. Kampfdrohnen als eine absolute Perversion. Mehr Abstand zwischen einer/einem die/der tötet und dem Opfer kann nicht mehr hergestellt werden. Das Töten wird zu etwas vollkommen Abstrakten. Ich schrieb bewusst: psychisch gesund! Bei jemanden, der im unmittelbaren Kampf mit einem anderen keine Hemmungen besitzt, auf Demutsgebärden nicht reagiert und keinerlei Bezug zu einem Artgenossen herstellen kann, müssen einige Schalter umgelegt sein. Die Hintergründe können sehr unterschiedlich sein. Keinesfalls ersehe ich einen solchen Menschen noch als frei. Es fehlt schlicht am eigenen, freien Willen. Der ist entweder durch vorhergehende Ereignisse abhandengekommen, war aufgrund biologischer Voraussetzungen nie vorhanden, gezielt ausgeschaltet oder die Überwindung wurde antrainiert.
Anders sieht es aus, wenn ich unter Zwang handeln muss. Doch allein das Wort impliziert, dass es sich um eine Lage handelt, in der ich nicht mehr frei und aus eigenem Antrieb handle. Wird mein Leben oder das eines anderen, mit mir in Bezug[6]Was jemand darunter versteht, ist ziemlich individuell. Manchen genügt z.B. die gemeinsame Nationalität, während sich andere auf eine unmittelbare Bekanntschaft reduzieren. Bei … Continue reading stehenden Personen bedroht, muss ich mich zwischen Leben und Tod bzw. mindestens Unversehrtheit entscheiden.

In einer Gesellschaft wie der unseren sind in vielen Teilen die körperlichen Voraussetzungen ohnehin sekundär. Die Paarungsbereitschaft kann mittels Kreditkarte und Konto-Deckung erkauft werden. Doch selbst in modernen Gesellschaften mit anderen Planungskriterien schlägt das Affige durch. In Fitnessstudios pumpen sich Männer auf. Frauen versuchen, eine Figur zu modellieren, die dem Zeitgeist entspricht. „Beten sollte man darum, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei.“ Dies schrieb der Römer Juvenal spöttisch beim Anblick seiner Mitbürger, die sich öffentlich mit eingeölten, trainierten Körpern der Öffentlichkeit präsentierten.
Doch muss ich mich über die Straftaten von jungen Männern wundern, wenn ich ihnen vermittle, dass sie die Anerkennung über teure Autos, Kleidung, ein dickes Portemonnaie, Kreditkarten bekommen, und sie auf die Art für die ebenso sozialisierten Frauen interessant werden? Vor allem, wenn sie gar keine andere Chancen bekommen? Schnelles Geld mit wenig Aufwand zu verdienen, wird erst zur Straftat, wenn ich illegitime Mittel anwende. Stehen mir legale zur Verfügung, ist alles in Ordnung. Starte ich mit einem ausreichenden Kapital, Bildung, dem notwendigen Wissen darüber, wie ich Leuten das Geld aus der Tasche ziehe oder am Fiskus vorbeibringe, bleiben die legalen Wege nicht lange verschlossen. Hab ich all dies nicht, muss ich andere finden. Wäre es dann für die Gesellschaft nicht zweckdienlicher, Werte höher zu schätzen, die ohne Geld, Statussymbole, auskommen? Gleichzeitig dieses ganze dekadente Gehabe der Reichen, Schönen, Pop – und Filmsternchen zu ächten, statt zu favorisieren?
Ich spielte beruflich damit eine Weile herum. Nichts ist in Deutschland einfacher, als mit wenigen gezielt ausgewählten Accessoires, einem passenden Fahrzeug und Auftreten, eine Illusion zu erzeugen. Auch wenn er mich bei Twitter geblockt hat, bin ich ein großer Bewunderer der Fähigkeiten des Hochstaplers Gert Postel. Der Mann bediente 17 Jahre lang all die Vorurteile, Annahmen, Wertvorstellungen, seines Umfelds. Ihm zuzuhören ist eine “böse” Freude.
Was wir wertschätzen, findet größten Teils im Kopf statt. Ein indischer Guru beschrieb dies am Beispiel eines kleinen Mädchens, welches mit einem “kostbaren” Diadem spielt. Böte man dem Kind zum Tausch ein schönes Spielzeug an, würde es sicherlich zustimmen. Wenn die Verfechter des Kapitalismus von Verknappung und damit verbundener Wertsteigerung sprechen, lassen sie etwas aus. Zunächst muss ein Bedürfnis danach bestehen. Wenn ich etwas nicht mag, ist es mir vollkommen egal, ob es selten und teuer ist. Anders sieht es aus, wenn ich etwas zum Überleben benötige. Einige Spezialisten leiten davon ab, dass man auch Wasser zu einem Produkt machen sollte. Ihrer Logik nach gingen die Verbraucher dann umsichtiger damit um. Warum dann nicht auch gleich noch die Atemluft? Mit dem Boden wird es ja bereits getan.
Trinkwasser wird aufgrund der Umtriebe der Industriestaaten und der globalen Geschäftemacher ohnehin knapp. Bei dem Wasser, welches zur Produktion verwendet wird, unterscheidet man zwischen grünem, grauen und blauen Wasser. Grünes Wasser ist der gute alte Niederschlag, der in den Boden geht. Nur dumm, wenn der sturzartig kommt und weder vom Boden noch von den Pflanzen aufgenommen werden kann. Auch schlecht, wenn er außerhalb der Wachstumsperioden fällt, aber zum richtigen Zeitpunkt ausbleibt. Blaues Wasser wird für alles Mögliche in den Haushalten, der Industrie, Tierhaltung, Plantagen usw. benutzt. Es stammt aus den Oberflächengewässern oder wird aus tieferen Erdschichten hochgepumpt. In vielen Regionen so viel, dass die ökologischen Systeme zusammenbrechen. Graues Wasser wird derart übel verseucht, dass es gereinigt werden muss oder ins Ökosystem gerät, um dort massive Schäden zu verursachen. Spätestens hier grätschen die Verfechter des Produkts Wasser hinein. Sollen sich die Leute doch sauberes Trinkwasser aus Flaschen kaufen. Merkwürdigerweise sind es die gleichen Kandidaten, welche das graue und blaue Wasser exzessiv nutzten. Mit den größten Wasserverbrauch weist die Textilindustrie auf. Jedenfalls, wenn man alles berücksichtigt, was dazu gehört. Chemische Herstellung, Anpflanzung von Baumwolle, Tierhaltung, Färben, Herstellung, Transport, da kommt was zusammen. In einer Jeans stecken 11.000 Liter Wasser. Aber: Ohne Bedürfnisse nach ständig neuer modischer Kleidung, keine Wasserverschwendung, leider auch kein Profit und Wachstum. Was hat das mit Freiheit zu tun?
Ich denke, wenn Leute täglich ums Wasser kämpfen müssen, ist es damit schnell vorbei. Und wenn nicht ein paar arme Teufel in einer Region darum kämpfen müssen, sondern ganze Regionen, nennt sich das am Ende Krieg. Und wenn ich zähneknirschend Zugeständnisse an äußerst unethische politische Aktivitäten machen muss, empfinde ich dies auch nicht als frei. Wie brisant die Lage ist, zeigt sich bei den Chinesen. Die zapfen im Himalaya die großen Ströme gleich oben an und sorgen dafür, dass das Wasser bei ihnen und ihrer Industrie landet und nicht am alten Ort. Dies finden wiederum auf Dauer die betroffenen Staaten nicht witzig. Nun, bei uns in Mitteleuropa scheint es langsam auch interessant zu werden.

Ist die Freiheit des Individuums ein Recht oder eine Notwendigkeit?

Die Eigenart von Rechten besteht darin, dass es eine Instanz geben muss, die sie einräumt oder versagen kann. Außerhalb der Vorstellungswelt des Großhirns gibt es in der Natur nichts Vergleichbares. Wir nennen manche Vorgänge so, aber ich stelle dies infrage. In einer Affenhorde übernimmt ein dominierendes Männchen eine naturgegebene Rolle. Nämlich die Begattung der Weibchen zur Weitergabe der Gene, die wiederum den Bestand der Art sichern. Der macht da keine großen Unterschiede. Wie man so schön sagt, alles, was nicht schnell genug auf dem Baum ist, wird besprungen. Ob es allerdings tatsächlich zu einer Befruchtung kommt, entscheidet das Weibchen, im Zweifel mit körperlichen Reaktionen. Die Rolle wird nicht auf Lebenszeit zugeteilt, sondern zu ihr gehört die ständige Verteidigung. Wer gerade welche Rolle übernimmt, entscheiden sich ergebende Notwendigkeiten, welche sich aus seitens des natürlichen Systems vorgegebenen Aufgabenstellungen ergeben. Diverse Primaten leben in einzeln voneinander bestehenden Gruppen, die sich notwendigenfalls zu einem Verband zusammenschließen können. Hierbei wird schlagartig die Gruppenstruktur aufgelöst und eine neue mit anderen Leittieren gebildet, die mit solchen Situationen Erfahrungen haben. Was wir unter Rechten verstehen, ist etwas anderes. Auf jeden Fall wurden Menschenrechte formuliert, die für Mitglieder der Spezies Homo sapiens Geltung haben sollten. Wir wissen, dass dies nicht der Fall ist. In allen Regionen der Erde werden sie dauerhaft missachtet.
Aber wie und warum ist man dann überhaupt auf die Idee gekommen, so etwas wie Rechte zu konstruieren? Ich denke, dass das auf der Einsicht beruht, welche Folgen Handlungen haben, die dagegen verstoßen. Es sind Ideale, von denen man weiß, dass sie niemals erreicht werden, aber es sich lohnt, dieses wenigstens zur Maxime des Handelns zu deklarieren.

Jedes wilde Tier versucht erst einmal einer Gefangenschaft zu entkommen. In besonderen Fällen kann es zur Erkenntnis kommen, dass die vorübergehend einen Vorteil bedeutet. Zum Beispiel, wenn es merkt, dass der Mensch eine Verletzung behandeln will. Notwendigkeit! Auch kulturell den Menschen begleitende Tiere, wie zum Beispiel Hunde, sind auf ihren Vorteil bedacht und erkennen im gewissen Sinne die erweiterten Möglichkeiten der Symbiose. Währenddessen ein Kettenhund lediglich ums Überleben kämpft, weil ihn ein spärlich behaarter Affe quält. Schlimmstenfalls verkümmert er und beginnt dahin zu vegetieren. Womit ich schon mal zwei verschiedene Begriffe benutze: Vegetieren und Leben. Das Großhirn befähigt den Homo sapiens zu teilweise unvorstellbaren Leistungen, um aus einer Gefangenschaft, die Beschränkung der Bewegungsfreiheit, auszubrechen. Überhaupt betrachten wir die Fähigkeit, sich zu befreien, als einen Beweis für Intelligenz. Deshalb sind Fluchtversuche aus einer Vollzugsanstalt nicht strafbar. Also nicht wegen der Intelligenz, die hat den Häftling u.U. in die Anstalt gebracht, sondern der Trieb nach Freiheit. Sich nicht frei bewegen zu können, ist tief verankert als ein das Leben bedrohender Zustand, den es mit allen Fähigkeiten zu ändern gilt.

Aber möglicherweise ist es auch ganz anders. Ich denke dabei an einen Vogel in einem Käfig mit einer offenen Tür. Im Käfig besteht eine nicht zu verachtende Sicherheit und gute Versorgungslage. Draußen lauern Raubtiere, der Vogel muss sich sein Fressen und Wasser allein suchen und ein nächtlicher sicherer Platz will auch gefunden werden. Immerhin ist er frei in seiner Entscheidung, ob er bleibt oder nicht. Doch es gibt ein Risiko. Was passiert, wenn die Versorger ihre Dienste einstellen? Wenn er bleibt, muss er darauf vertrauen. Und er muss sich eingestehen, dass er niemals erfahren wird, wie das Leben außerhalb des Käfigs aussieht. Vielleicht haben ihm andere etwas davon berichtet, wissen kann er es nicht. Womit wiederum feststeht, dass er sich, insofern die Fähigkeit vorhanden wäre, einige Gedanken machen müsste, was er sich von seiner Existenz verspricht.

Ich finde, das Käfig-Modell lässt sich in vielen Bereichen auf den Menschen anwenden. Ein fremdes, nicht von mir selbst formuliertes, über Notwendigkeiten hinausgehendes moralisches Konzept, kann einem Käfig gleichgesetzt werden. Gleiches gilt für ein gesellschaftliches Konstrukt mit Vorgaben und Regeln. Verlasse ich es, bin ich u.U. auf mich alleine gestellt und meine Risiken steigen. Oder ich schließe mich einer Gruppe an, womit sich neue Abhängigkeiten und Grenzen ergeben. Die Entscheidung kann nur individuell getroffen werden. Teilweise lege ich damit auch die Notwendigkeiten fest. Sehe ich ein Leben als einen Prozess, der von ständiger Veränderung, Vervollständigung und Verwirklichung des Selbst geprägt ist, muss ich den Käfig verlassen.

Ein anderer Punkt ist, was ich als die Natur des Menschen bezeichnen möchte. Verwirklichung, Gestaltung der Welt und Gerechtigkeit sind im Menschen tief verankert. Verwehre ich ihm dies, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Gegenreaktion stattfindet. Diese hat wiederum Folgen für die Freiheiten der anderen. Oftmals sind die Reaktionen: Frustration, Aggressionen, Gewalttaten, Rache, Vergeltung.
Alles Verhalten, die wiederum neue Reaktionen auslösen. Rational, verständig, vernünftig wäre es somit darauf zu achten, dass für alle innerhalb von logischen Grenzen die Freiheit unberührt bleibt.
Wobei ich dabei die Gerechtigkeit mit hineinnehme. Wenn zwei jeweils ihr Auskommen haben, aber einer ein wenig mehr hat, kommt es selten zu einem Problem. Verfügt aber einer über zu wenig und muss ständig zwingende Handlungen vollziehen, während der andere im Überfluss lebt, bleibt das nicht lange ohne Konsequenzen. Ist das Angebot dergestalt, dass es bei einer gerechten Verteilung ausreicht, aber bei einer ungerechten eine Seite in die Bredouille gerät, ist der Kampf sicher. Um diesen einigermaßen unter Kontrolle zu halten, wurden u.a. Gesetze erdacht. Helfen die nicht weiter, müssen die mit der Überversorgung aufrüsten. Im Kleinen und im Großen! Die Einzelnen mit Tresoren, Alarmanlagen, Waffen, Polizei, und die Gemeinschaft mit Grenzzäunen, bewaffneten Truppen, Raketen. Man muss kein Kommunist, Sozialist, Anarchist sein, um die logischen Konsequenzen für die Zukunft zu sehen.

Richtig schwierig wird es, wenn die Grundversorgung für beide nicht reicht. Ursprünglich gab es dieses Problem nicht. Über 100.000 Jahre lebte der Homo sapiens in einem sich selbst regenerierenden System. Immer mal wieder gerieten Völker in einen Konflikt. Aber alles spielte sich regional begrenzt ab. Was interessierte es Azteken, Olmeken, wenn sich an einer anderen Stelle der Erde Makedonier, Griechen und Römer prügelten?
Wenn sich heutzutage Russen und Ukrainer, China und USA, Indien und Pakistan oder alle gegeneinander und miteinander nicht die Freiheit gönnen, haben alle was davon. Gleichfalls, wenn die Europäer in Saus und Braus leben, während in anderen Regionen, Hunger, Not und Elend herrschen.
Doch man muss dabei nicht so weit schauen. In den Metropolen prallen immer heftiger diejenigen, welche bereits von Geburt an keine Chance bekamen, auf jene mit den Privilegien. Für die Chancenlosen ist Freiheit in jeder Form eine Erzählung. Sie wurden an der falschen Stelle der Erde geboren, kamen einst daher oder ihre Eltern nahmen sie hoffnungsvoll mit. Die Privilegierten empören sich über ihre Undankbarkeit, wenn sie auf der Straße randalieren und alles zerstören. Sie verfügen nicht über Gestaltungsfreiheit, die Freiheit sich zu verwirklichen, eine etablierte Identität anzueignen, die sie an der verfassungsgemäßen Freiheit teilhaben ließe. Für die meisten ist ab der Geburt der weitere Lebensverlauf vorgezeichnet und von Fremden gelenkt.
Ich persönlich nenne es immer die präsentierte Rechnung für eine lange Party. Über Jahre hinweg ließen es sich die europäischen Staaten auf Kosten diverser anderer Länder gut gehen. Jede Party ist irgendwann zu Ende. Eine/r muss zahlen. Das alte Partypublikum modert vielfach bereits in den Gräbern. Die Folgen der Party müssen nun die Nachkommen der Opfer und der alten Gäste miteinander ausmachen. Man dachte sich, dass es ausreichen würde, sie ins Land kommen zu lassen und in Siedlungen am Rande der Städte vegetieren zu lassen. Es scheint, dass das nicht funktioniert. Man kann vom französischen Werk “Der kommende Aufstand – L’Insurrection qui vient” halten, was man will, aber es gibt ganz gut wieder, wo sich die französischen Randgesellschaften in den Banlieus hinentwickeln oder bereits stehen. Die europaweit immer wieder aufflammenden Riots nicht zur Kenntnis zu nehmen oder falsch als ein Einwanderungsproblem zu interpretieren, wird sich rächen.[7]https://www.spiegel.de/kultur/der-kommende-aufstand-a-8ea7f45e-0002-0001-0000-000075261508?context=issue

Freiheit ist ein Recht, weil Menschen dies so festlegten. Aber sie ist in erster Linie eine Notwendigkeit für ein friedliches Zusammenleben. Jede unmittelbare Beschränkung oder Handlungen, die mittelbar darauf einwirken, starten einen Prozess, in dem es zu Gegenreaktionen, die sich langfristig auf den ursprünglich Akteur auswirken. Anzustreben ist ein Gleichgewicht zwischen allen.

Grenzen der Freiheit

Für mich ergeben sich aus den oben beschriebenen Aspekten,

logische, zum Überleben notwendige Grenzen,
auferlegte Grenzen, die darüber hinaus gehen und jene,
– die sich aus der Interaktion mit Personen ergeben,
– die durch über eine übermäßige Anspruchshaltung, die logischen überschreiten.

Hinzugezogen werden muss eine Konkretisierung, inwiefern welche Freiheit eingeschränkt wird. Und es bedarf einer Selbstbetrachtung, ob möglicherweise ich selbst die logischen Grenzlinien verletze.

Die Logik ergibt, dass sich alles in einem zuträglichen und ausgewogenen Verhältnis zwischen Individuum, Zweisamkeit, Gruppe, Gesellschaft, Weltgemeinschaft, bewegen muss. Ist es gestört, gibt es Zoff und alle beschränken sich die Freiheit abhängig von Können und Mitteln gegenseitig. Dabei sollte sich jeder darüber klar sein, dass jede von einem/r ausgehende Grenzüberschreitung eines Tages Folgen für einen selbst bedeuten können. Dass unsere alltägliche Lebensrealität anders aussieht, weiß jeder.

Bewusst einen anderen Menschen mit einer anderen Krankheit zu infizieren, obwohl ich etwas dagegen tun könnte, ist eine Grenzverletzung. Bin ich beispielsweise mit einer übertragbaren Geschlechtskrankheit infiziert, weiß darum, ist es logisch, den anderen nicht in Gefahr zu bringen. Früher, als die Leute nichts über die Übertragungswege wussten und auch wenig Gegenmaßnahmen kannten, doch durchaus die Gefahr eines Kontakts erkannten, separierten sie die Erkrankten. Es sei denn, es herrschte Krieg. Da wurden die Pesttoten schon mal über die Stadtmauer geworfen. Eine andere Abwehrmethode boten die Religionen. Der Unvernunft, Verständnislosigkeit, Egozentrik, wurden Regeln vorgesetzt. Die Kombination Schweinefleisch und Hitze ergaben tödliche Krankheiten, die linke Hand wurde zu unrein und nach der Notdurft durfte nur die rechte Hand mit anderen in Kontakt kommen, Schuhe, die durch den Kot verunreinigt waren, wurden aus dem Zelt verbannt usw. Später ergab sich nach und nach Wissen, wie man einigen Krankheiten anders begegnen konnte. Gleichfalls lernte man zwischen ernsthaft gefährlichen Krankheiten und denen zu unterscheiden, wogegen man Mittel entwickelt hatte. Einige Zeitgenossen übersehen, dass die Masern, Windpocken, Scharlach, Röteln, Keuchhusten, durchaus immer noch die gleichen gefährlichen Krankheiten sind, die einst ganze indigene Völker ausrotteten, aber dank moderner Mittel halbwegs ihre Schrecken verloren. Und nur, weil bei uns aufgrund hygienischer Standards die Cholera, Typhus, Diphtherie oder die Syphilis seltener geworden sind, sind sie nicht weg. Das Verhalten, die Maßnahmen, haben sie eingedämmt! Ohne dem, würde es in Europa anders aussehen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen mir Mitmenschen, die simple Eindämmungsmaßnahmen, wie das Tragen einer Maske oder einen von der Wahrscheinlichkeit her geringen Eingriff, wie eine Impfung zum unzulässigen Eingriff in ihre persönliche Freiheit machen, äußerst seltsam strukturiert.
Fest steht, dass die Wahl eines geeigneten Mittels der Abwehr eine logische Entscheidung ist, deren Unterlassen sich auch auf meine Freiheit auswirkt. In erster Linie bin ich ein potenzieller Ausscheider und verhindere mit einer Maske die Ansteckung anderer. Erst an zweiter Stelle schütze ich mich vor einer Infektion. Es geht also um die Ausgewogenheit des Verhältnisses zwischen mir und der Gruppe, Gesellschaft. Nehme ich das Risiko einer Infektion anderer billigend in Kauf, kann ich mich nicht beschweren, wenn die dies bei anderer Gelegenheit ebenfalls tun. Jede bewusste, nicht abwendbare Schädigung, legitimiert ein identisches Verhalten beim anderen und wird sich auf mich selbst auswirken. Insofern sollte ich mir dies gut überlegen.

Rücksichtslosigkeit ist kein Akt der Freiheit, sondern eine Grenzüberschreitung, die einen Prozess einleitet. Auf sie kann am Ende nur mit neuen Regeln und Gesetzen reagiert werden. Rücksichtnahme, sich selbst als einen Teil des Ganzen zu sehen, die Wirkungen des eigenen Handelns zu bedenken, sind absolute Grundlagen für die Freiheit.

Doch wie strukturiere ich eine Gesellschaft, in der natürliche, logische Grenzen nicht mehr eingehalten werden? Eine Option ist, dem sich daraus ergebenden Prozess freien Lauf zu lassen und das sich nach den Gesetzen der Logik eintretende Gleichgewicht abzuwarten. Die Verluste werden ziemlich hoch ausfallen, aber es ist am Ende nur eine Frage der Zeit. Eine andere ist das Festlegen von Regeln, Gesetzen und Strafen, die nicht vorhandene bzw. abhandengekommene Vernunft und den Verstand, wenigstens ansatzweise ersetzen. De facto würde man in einer idealen Ausgangslage keinerlei Regeln und Gesetze dieser Art benötigen.
Exakt an dieser Stelle ist ein Haken, mit dem sich alle Anarchisten auseinandersetzen müssen. Zwei Faktoren lassen sich nicht bestreiten. Es gibt rücksichtslose Menschen, die nicht weiter denken. Und es existiert eine Struktur, in der dieses mangelnde Denkvermögen stetig auf ein Neues generiert wird. Bis sich das reguliert, müsste eine Phase des Chaos hingenommen werden. Entsteht es von allein, weil sich das System selbst zerlegt, soll es so sein. Aber künstlich kann es nicht erzeugt werden und ist auch nicht individuell zu verantworten. Zumal der Grundsatz gilt, dass alle Handlungen eine Legitimation für jeden anderen darstellen. Übe ich Gewalt aus, warum auch immer, gestehe ich sie im gleichen Atemzuge auch meinem Gegenüber zu. Gewaltsame Revolutionen setzen die Option in die Welt und jeder andere, der mit dem entstandenen Zustand nicht zufrieden ist, kann sich auf die vorhergehende berufen.

Freiheit, Geld, Würde und der Macht dienliche Regeln

Doch Gesetze und Regeln bestimmen noch mehr. Sie dienen außerdem der Strukturierung und Regelung des Systems. In Deutschland ist das System hierarchisch. Der Idee nach wählen mündige, verständige, vernünftige Bürger, sie vertretende und repräsentierende Frauen und Männer. Die sollen Belange regeln, die von einer/einem Einzelnen nicht ohne Koordinierung, Hinzuziehung von Spezialisten, Wissenschaftlern und auch Leuten, die sich mit ethischen sowie theoretischen politischen Fragen auseinandersetzen, angegangen werden können. In dieser Konstruktion ist es notwendig, den temporären Machtinhabern Mittel an die Hand zu geben, mit denen sie ihre Entscheidungen auch gegen einen Widerstand durchsetzen können. Wie und in welcher Form dies geschieht, ist mittels Gesetzen zu regeln, die innerhalb eines regulären Verfahrens entstanden. Jedes Handeln staatlicher Institutionen muss auf der Basis eines solchen Gesetzes erfolgen. Dies ist die Definition des Rechtsstaats und nicht der ganze andere Quatsch, der populistisch verbreitet wird. Soweit die theoretische Vorstellung.

Konsequent trauten auch die Mütter und Väter des Grundgesetzes dem nicht naiv über den Weg und bauten einige Sicherheitsmechanismen ein. Aber nichts ist von ewiger Dauer, auch nicht, wenn man es als Grundlage bezeichnet. Wenn etwas von Dauer ist, dann sind es die erkennbaren Ideen, Motive, Ziele und ethischen Ansprüche, welche ins Grundgesetz einflossen. Ebenfalls darf meiner Meinung nach nicht außer Acht gelassen werden, dass nicht alle damals Beteiligten wirklich freiheitsliebend und dem demokratischen Konzept positiv zugewandt waren.
Teilweise kann ich das durchaus nachvollziehen. Bereits Platon hatte Zweifel und brachte Kritik an. Skeptisch fragte er, ob es eine gute Idee wäre, wirklich alle an der Herrschaft über ein Volk zu beteiligen, da dann auch die beteiligt würden, die nur sich selbst sehen, von Trieben gesteuert sind, von Demagogen manipuliert wurden oder aufgrund ihres schlichten Gemüts eher unfähig wären, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Er favorisierte deshalb eine Herrschaft der Philosophen (damals hatten die noch Format), die unter Beteiligung von Auserwählten die Entscheidungen treffen. [8]https://freidenker.cc/platons_demokratiekritik/1

Meinem Empfinden nach fand eine Umdeutung statt. Vernünftig und verständig sind nunmehr alle Handlungen, die der Mehrung von Gütern, Steigerung des Profits und der Vergrößerung des Abstands zwischen dem ursprünglichen Leben und einer menschlichen Idee davon dienen. Menschen in industrialisierten Ländern setzten sich in den Mittelpunkt und alles Geschehen hat ihren Bedürfnissen, Vorstellungen, Ideen, zu dienen. Auf Basis dieses Denkens entstanden Begriffe wie Umwelt, Umweltschutz, Umweltzerstörung. Reduziert man dies alles auf eine Welt, in der die Spezies Mensch gleichbedeutender Bestandteil wie alles andere ist, entsteht ein völlig anderer Ansatz. Würde es Wesen geben, welche höher entwickelt sind und die Erde als ihren Garten betrachten, müssten sie gegen uns Vernichtungsmittel einsetzen.
Was den Mitgliedern der Industriestaaten möglich ist, darf und wird auch getan. Diese Ignoranz des Wirkungsprinzips, in dem jede Handlung auf das Gesamte hat und sich somit auch auf den Menschen selbst auswirkt, zeigt immer mehr die vorhersehbaren Folgen und wirkt sich vielfältig die Freiheit beschränkend aus. Die eigentlichen Bedeutungen von Vernunft und Verstand und darauf basierende Handlungen sind chancenlos.
Nahezu alles ist vorsätzlich zu einem ver- oder käuflichen Produkt geworden. Dinge und Handlungen können einen ideellen oder einen monetären Wert haben. Dabei hat sich insbesondere die Wertbemessung von allem, was mit Leben zu tun hat, zugunsten der toten Sachen verschoben. Berufe, die mit dem Leben zu tun haben, werden deutlich schlechter bezahlt, als die sich mit der Mehrung von Geld, Profiten und Gütern beschäftigen. Leistung bezieht sich nicht mehr auf die zwischenmenschlichen Aspekte, sondern auf die monetäre Wertschöpfung. Wer zwar noch lebt, aber nicht mehr diesem Leistungsprinzip entspricht, ist nicht mehr von Interesse. Das betrifft sogar den viel gepriesenen medizinischen Fortschritt der “Wohlstandsgesellschaften”. Unter dem Deckmantel eines ethischen Dilemmas werden Menschen an profitable Maschinen angeschlossen. Bei Behandlungen wird immer seltener nach den Vorteilen für die Patienten gefragt, sondern die Rentabilität entscheidet. Dies geht so weit, dass Investoren von Präparaten abgeraten wird, die eine schnelle Heilung versprechen, da mit dem längeren Krankheitsverlauf mehr zu verdienen ist.
Und wenn die Investitionsriesen wie BlackRock doch mal umschwenken, reagiert das herrschende Kapital äußerst empfindlich. Mit der Begründung, BlackRock setze zu wenig auf Rendite und zu viel auf Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (ESG), zogen die Bundesstaaten Florida, Missouri und Louisiana erhebliches Kapital ab.[9]https://www.boersen-zeitung.de/florida-zieht-milliarden-von-blackrock-ab-1ce8048a-7210-11ed-8cfa-6235c3898d79 So wie Status, Anerkennung, Identität, soziale Stellung, zum käuflichen Produkt wurden, ist auch die Freiheit eins geworden. Ob dieses Produkt noch etwas mit echter Freiheit zu tun hat, wage ich zu bezweifeln. Autofirmen bewerben ihre Produkte als Mittel für die Erzielung von Freiheit. Nur, dass ich die erstmal aufgeben muss, um es mir leisten zu können und dann eher enttäuscht mit einem SUV über die Dörfer und nicht durch die Weiten nordischer Landschaften kurve. Ich frage mich stets auf ein Neues, welchen Geruch ein Parfum für 100 EUR verströmen soll, wenn es der Duft von Freiheit ist. Das Portemonnaie ist leichter und drückt nicht mehr in der Hosentasche. Allerdings gilt dies nicht, wenn ich eine Kredit-Karte benutze, bei der mir die Werbung ebenfalls Freiheit verspricht. Im Ergebnis sitze ich vor dem tollen neuen Fernseher, bekomme neue Bedürfnisse suggeriert, und jongliere mit den Kreditkarten herum.
Der bürgerliche Standardlebensentwurf, bei dem sich junge Leute für ein Haus und Auto verschulden, über Jahre hinweg, für die Bank arbeiten, alles Mögliche auf Ratenzahlung abstottern, deshalb beruflich alles schlucken müssen, um nicht den Job zu verlieren, klingt ebenfalls nicht nach einem selbstbestimmten freien Leben. Auch hier spitzt sich die Situation, auch in Deutschland, zu. Bei vielen, die sich in das Lebensmodell einfügten und mit geringem Eigenkapital und niedrigen Zinsen ein Eigenheim bauten, fällt nach und nach die Zinsbindung weg. Bei der aktuellen Entwicklung werden aus 1000,– EUR monatliche Belastung um die 2000,– EUR. Möglich, dass die Banken schon aus eigenem Interesse eine gute Anschlussfinanzierung anbieten. Aber der Knebel wird fester.

Im Grundgesetz steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wenn ich durch Berlin laufe, bekomme ich einen anderen Eindruck. Würde, muss man sich leisten können. Der Begriff ist schwer zu fassen. Nahezu alle bekannten Philosophen setzten sich damit auseinander. In einem Punkt sind sich alle einig: Der Mensch ist keine Sache und darf deshalb auch nicht als solche behandelt werden. Was macht man alles mit Sachen?
Ich kann sie besitzen und insofern ich niemanden damit gefährde oder etwas unerlaubt zerstöre, damit nach Gutdünken anstellen, was ich will. Jedenfalls in einer Gesellschaft, die hierfür wenig ethische Grundsätze kennt und sich ausschließlich auf das Haben konzentriert. Sicher im Artikel 14 des Grundgesetzes steht im zweiten Absatz: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. Aber in der Realität bricht beim Verweis auf diesen Artikel ein bundesweites Geheul und Gezeter aus. Und wenn es nach den Neoliberalen ginge, würden sie diesen Artikel gern ersatzlos streichen lassen. Jedenfalls kann ich ein Urteil fällen, ob ich einen Gegenstand benötige, er einen Zweck erfüllt, mir dienlich sein kann oder ich mich damit schmücke. Das Herzeigen eines Gegenstands, den ich für viel Geld kaufte, kann mir Anerkennung und Ansehen verschaffen. Und wenn ich keinerlei Zweck mehr dafür habe, werfe ich ihn weg.
Lese ich mir die vorhergehenden Worte durch, wird es ziemlich eng. Wird eine Frau oder Mann nicht unmittelbar in ihrem Leben oder Unversehrtheit bedroht, wird es mit dem Flüchtlingsstatus schwierig. Verlässt jemand das Geburtsland, weil er im eigenen keine Perspektive sieht (Bewegungsfreiheit), sprechen wir von Aus- bzw. Einwanderern.
Diverse Zeitgenossen wollen diese Leute aber nur bei uns sehen, wenn sie einen tatsächlichen nachweisbaren Nutzen für die Gesellschaft darstellen. Manche reden sogar von einem Mehrwert. Der neoliberale deutsche Politiker Christian Lindner sagte in einem Interview, dass es kein Menschenrecht wäre, sich seinen Aufenthaltsort frei auszusuchen. Damit hat er sogar recht.
Die Menschenrechte (Artikel 12 UN-Charta) beziehen sich auf die Freiheit der Ausreise und die Rückkehr. Aber die bisher dokumentierte Geschichte zeigt uns, dass sich größere Wanderungen nicht langfristig aufhalten lassen. Als Flüchtling gilt im Völkerrecht (Genfer Konventionen) jemand, der aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung verfolgt und bedroht wird und darum das Land verlässt. Materielle Notlagen, Hunger, Krieg, gehören nicht dazu. GREENPEACE Studien gehen im Verlauf der nächsten 30 Jahre von 200 Millionen Menschen aus, die sich notgedrungen auf den Weg machen müssen. Die überall aufzuhalten, wird “spannend” und konfliktträchtig.
Wie wollen wir es halten? Die mit einem “Nutzen” lassen wir leben und die “nutzlosen” sollen verrecken oder werden in Lagern gesammelt? Oder setzen wir weiter auf die Karte, dass sie es gar nicht bis zu uns schaffen und der EU-Politik geschuldet, im Mittelmeer ersaufen oder es nicht durch die Wüsten schaffen? Immerhin bewiesen die es dann doch noch schaffen, dass sie widerstandsfähig und körperlich fit sind. Ich finde es immer schön, wenn alles schön und sauber dargestellt wird. Seit geraumer Zeit wird die Europäische Außengrenze mit dem System EUROSUR (European border surveillance system) ausgebaut. Dazu gehören der Einsatz von Drohnen, Aufklärungsflügen, Sensoren, Satellitenüberwachung. Natürlich will man damit nicht nur die Grenze dichtmachen. Ganz human sollen auch Menschen in Not gefunden werden.
Meine Prognose sieht ein wenig anders aus. Die Tendenz beim Militär geht dahin, die maximale Distanz zu schaffen, damit das gegenseitige Töten seine unmittelbaren Schrecken verliert. Das Mitglied der ultra-rechten (meiner persönlichen Meinung nach, faschistisch geprägten) AfD Gauland sagte unlängst in ein Mikrofon: “Man muss die Grenzen schließen und die entstehenden Bilder sind auszuhalten.” Ganz falsch liegt er damit nicht. Ohne Gewalt lassen sich die Leute nicht dauerhaft abweisen. Aber vielleicht lassen sich die Bilder verhindern? Die Technik, vor allem die “perverse” schreitet unaufhaltsam voran. Zumindest besteht die Option, die brutalen Vorgänge nur wenige Personen auf Monitoren sehen zu lassen. Und was mit Frauen und Männern passiert, die solche Dinge anprangern oder veröffentlichen, wissen wir seit Snowden und Assange. Auch dies hat ein Eskalationspotenzial und wird sich nicht gut auf die Freiheit aller auswirken.

Nun könnte man sich fragen, welchen Anteil der Way of Life in den reicheren Ländern am Umstand der Perspektivlosigkeit hat. Welche Auswirkungen sind auf die politischen Aktivitäten der letzten 200 Jahre, in denen parallel hier Wohlstand und Überverbrauch an Ressourcen stattfand, zurückzuführen? Wie viele Staaten wurden destabilisiert, damit dort niemand auf die Idee kommt, den Industriestaaten gefährlich zu werden? Oder welche Gelder flossen an Despoten, Tyrannen, Oligarchen, Gangster, damit der Zugang zu den Märkten geöffnet und die Rohstoffe exklusiv an die “richtigen” Leute geliefert wurden? Findet nicht gerade eine umstrittene Weltmeisterschaft statt, bei deren Vergabe die Rohstofflieferungen eine entscheidende Rolle spielten? Und das Geld an wenige zweifelhafte Autokraten fließt? Nochmals: Freiheit funktioniert auf Dauer niemals in eine Richtung. Eines Tages rächen sich übermäßige Übervorteilungen.

Wie ausgeführt, muss ein Mensch, der viel Aufwand für sein Überleben leisten muss, erhebliche Abstriche bei der Freiheit machen. Wenn öffentlich kund getan wird, dass jede Hilfe so weit eingeschränkt wird, bis die Empfänger bereit sind für jede Bezahlung auch noch den miesesten Job oder vielleicht besser, schlecht bewerteten, anzunehmen, klingt dies auch nach Zweckmäßigkeit. Und wenn ich auf deren Rücken auch noch Ressentiments für meine eigenen Zwecke schüre, erscheint mir dies als Instrumentalisierung, was nichts anderes bedeutet, als dass ich einen Menschen gegenständlich benutze. Besonders verwerflich wirkt dies auf mich, wenn das von Leuten ausgeht, deren Bezahlung nicht nur in schwindelerregenden Bereichen liegt, sondern auch noch genau wegen solcher Aussagen von Aufsichtsräten ergänzt wird.

Bei oberflächlicher Betrachtung erscheint es ins Absurde zu gehen, wenn ausgerechnet Leute, die sich liberal oder libertär auf die Fahne schreiben, an solchen Prozessen beteiligen. Genauer betrachtet wird es logisch. Hauptsächlich geht es um freie Geldflüsse und eine von menschlichen, ethischen Vorbehalten befreite Wirtschaft. Wobei die Vertreter gern den Begriff Moral vorwerfen. Wolfgang Schäuble, CDU, sagte bei Markus Lanz: “In der moralischen Besserwisserei sind wir Weltspitze”. Wenn ich ihn richtig verstehe, geht dies in die Richtung einer Kritik an eine Werteorientierte Außenpolitik. Auch ihm muss ich zustimmen. Deutschland und jeder andere mitteleuropäische Staat würde deutlich schlechter dastehen, wenn nicht mit jedem Staat, in dem die völkerrechtlich verbürgten Menschenrechte keinerlei Bedeutung besitzen, Geschäftsbeziehungen beständen.
Wie sich dies langfristig auswirkt, wird man sehen. Allerdings ist die Kritik daran oder an die Staaten keine moralische Besserwisserei. Bei mir laufen unter Moral alle Regeln des Zusammenlebens, die von der jeweils aktuell dominanten Gruppe der Gesellschaft bestimmt werden. Die ändern sich immer mal wieder. Ethik überdauert die Epochen und entspricht dem roten philosophischen Faden, der sich von der Antike bis heute durch die Geschichte zieht. Vielleicht eine etwas altmodische Unterscheidung. Doch ich finde sie sehr nützlich, um Entgleisungen der Geschichte, in denen auch von Moral gesprochen wurde, von den anderen Betrachtungen abzugrenzen.
Wirtschaften diente einst dem Wohl der Leute. Ein Bäcker wollte natürlich Geld verdienen, aber er trug auch eine Verantwortung für die Versorgung. Dies galt für jeden Handwerker oder Händler. Dies funktionierte halbwegs, bis alles komplizierter wurde. Spätestens mit dem Ansatz, dass sich alles über Angebot, Nachfrage, Verfügbarkeit selbst regulieren würde, ging es den Bach herunter. Menschen sind eine stetig nachwachsende Ressource. Und solange ich Typen finde, die für ein paar Vergütungen und ein wenig Besserstellung aufmüpfige Arbeiter/innen zusammenschießen, bin ich meistens auf der sicheren Seite. Problematisch wird es, wenn ich es zur falschen Zeit übertreibe.
Ethik und Menschenrechte sind keine moralische Besserwisserei. Und wenn ein Verbrecher sagt: “Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer. Warum soll ich nicht daran verdienen?” ist es eine zusammengeschusterte Rechtfertigung, mit der ich alles gerade biegen kann.
Kommt sie von einem, der sich als Christ bezeichnet, ist es Heuchelei. OK, dann sind wir Deutschen schlicht genau solche miesen Kanaillen wie alle anderen auch. Aber dann sollten wir es auch zugeben! Ebenfalls, dass wir an der Architektur einer alles zerstörenden industriellen Welt beteiligt sind. Klare Sache: “Wir haben zusammen mit anderen beschlossen, die Sache mit dem uns bis jetzt bekannten Leben zu Ende zu bringen!” Damit kann jeder etwas anfangen. Aber dieses Herumeiern, ständig irgendwelche Konferenzen abzuhalten, vom Erhalt der Schöpfung zu labern, einigen eine Hoffnung auf eine Zukunft zu suggerieren, ist schlicht schäbig und stillos. Außerdem kann dann jeder, der damit nicht einverstanden ist, seine Handlungen sauber rechtfertigen. Denn spätestens hier geht es um Gegengewalt.

Der amerikanische Ökonom John Maynard Keynes stellte fest: „Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.“
So wie ich in meiner Zeit als Kriminalbeamter die Befürworter des Kapitalismus in der aktuellen Ausgestaltung erlebte, kann ich dies bestätigen. Im Gegenzuge bin ich auch kein Freund des Kommunismus. Die angesprochenen Widerwärtigen verschwinden nicht plötzlich von Bildfläche, sie übernehmen nur andere Funktionen. Ich denke, wir müssten irgendwie eine zweigleisige Strategie fahren, in deren Folge, vernünftige und verständige Menschen in der Gesellschaft eine tragende Rolle einnehmen und das wirtschaftliche Handeln wieder einem echten Wohl, Zufriedenheit, echter Freiheit, dient.
Dafür müssten alle für die ökologischen Vorgänge und Erträge mit in die Verantwortung genommen werden. Aber woher die Zeit nehmen?
Mir ist dabei völlig egal, wie die Argumente für den Kapitalismus oder den Kommunismus lauten. Ich orientiere mich an dem, wie die Realität aussieht und die ist Beweis genug, dass beides nicht funktionierte. Die Bewohner der industrialisierten Regionen haben nicht nur Flora, Fauna, am Boden, in der Luft und im Wasser an die Wand gefahren, sondern auch noch das globale Klima. Dies dürfte Nachweis genug sein, dass mit Teilen der Spezies Homo sapiens etwas aus dem Ruder läuft. Die geschätzten, 477 Millionen Angehörigen indigener Völker trifft keine Schuld.[10]https://de.statista.com/infografik/27934/geschaetzte-anzahl-angehoeriger-indigener-voelker-pro-region-in-2019/ Ganz im Gegenteil! Die melden sich immer mal wieder, zumeist Angehörige der First Nations, mahnend zu Wort. Nützt ihnen aber nichts. Mittlerweile kommt unser Status einem globalen Virus gleich, der sich erst dann nicht weiter ausbreitet, wenn die Wirtspopulation ausgestorben ist.

Liberale und Konservative ersehen Geld, Luxus, Überkonsum, eine gute Versorgung als Ansporn für Leistung. In der Realität ist weniger die echte Lebensleistung ausschlaggebend, sondern dass die richtige Wahl getroffen wurde. Wähle ich einen Beruf oder ein Studium, welches sich mit den Regeln des Systems beschäftigt (z.B. Jura, BWL) steigt die Wahrscheinlichkeit, mit wenig Leistung deutlich mehr Geld verdienen zu können, als ein Beschäftigter im Handwerk, der hart körperlich arbeiten muss. Hinzu kommen all die Vorgaben, die sich bereits bei der Geburt ergeben. Muss man besonders misstrauisch sein, wenn man annimmt, dass Teile des Regelwerks diejenigen bevorteilt, welche sie aufstellen? Und dass die breite Masse gar nichts vom Ausmaß der begünstigenden Regeln hat? Dieses Spezialisten vorbehalten ist, die wiederum Unsummen mit dem kreativen Auslegen der Regeln verdienen? In unserem System ist Geld gleichzeitig Macht.
2017 gaben die Parteien, CDU/CSU 71,0 Mio. Euro, SPD 56,2 Mio. Euro, FDP 17,5 Mio. Euro, Grüne 15,8 Mio. Euro, AfD 13,0 Mio. Euro, Die Linke 10,5 Mio. Euro aus.[11]https://www.t-online.de/region/berlin/news/id_90757944/so-viel-kostet-wahlkampf-fuenf-bundestagskandidaten-legen-ihr-budget-offen.html Unter anderen fließt das Geld an die Kandidaten, die damit Termine, Plakate, Flyer, pp., finanzieren. Das Geld muss irgendwo herkommen. Spannend ist beispielsweise der Besuch von Parteiveranstaltungen, bei denen Tafeln mit den Sponsoren aufgestellt werden. Allein für die Erwähnung auf der Tafel, zahlen die genannten Firmen horrende Summen, die in die Parteikassen fließen.
Im Ergebnis können Mandy, Silvio, Karl-Heinz, Gabi, nur hoffen, dass der Reigen der besser Gestellten auch manchmal an sie denkt.


Der Kraftaufwand für ein freies Leben wird immer höher

Wichtige Steuerungselemente für Massengesellschaften ergeben sich aus den psychologischen Effekten, die sich aus dem Zusammenleben in der Gruppe ergeben. Individuelle Werte, Moral, Vorstellungen, Anschauungen, Geschmack, Traditionen, Rituale werden zugunsten der Gruppe aufgegeben. Also wieder zurück zur alten Horde, die das Überleben sicherte und somit alles, was den Zusammenhalt stärkte, evolutionär zweckmäßig war. Mit einem wichtigen Unterschied: Heute nutzen diese alten Anlagen gewiefte Leute, um die Massen nach ihren Vorstellungen zu lenken. Im etwas kleineren Rahmen und lange nicht so ausgefeilt taten dies bereits früher große Heerführer, Herrscher, Pharaonen, Imperatoren und Cäsare.
Heute bestehen zu allen Industrienationen umfangreiche Datenbanken. Einige behaupten, dass Daten mittlerweile finanziell wertvoller sind, als Edelmetalle, Öl oder andere Ressourcen. Datenbanken können mit Kriterien abgefragt werden. Suche ich nach Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten, bekomme ich Gruppen geliefert. Alter, Geschlecht, Bildung, Tätigkeiten, Hobbys, Musikgeschmack, Ernährungsweise, Krankheiten, Bewegungsmuster, bevorzugte Fortbewegungsmittel, die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Damit kann man arbeiten. Ich kann diesen Gruppen gezielt griffige Schlagwörter zur Verfügung stellen, Bedürfnisse wecken oder bedienen, Versprechungen machen, gemeinsame Außenfeinde zur Erzeugung einer stärkeren inneren Einigkeit anbieten, falsche oder echte Informationen zuspielen, sie treffsicher mit Werbung ansprechen, verunsichern, Fakten entkräften, in dem ich einfach jede Menge Alternativen präsentiere und alle Präsentierer gleich unglaubwürdig erscheinen lasse. Um mich mit anderen austauschen zu können, benötige ich eine gemeinsame Sprache und es wichtig, dass wir zu einem Begriff, identische Vorstellungen, positive, negative Konnotationen, Emotionen, innehaben. Doch alles darf nicht zu kompliziert sein. Differenzierungen, Trennschärfe, Konkretisierungen sind unerwünscht und regen lästiges Nachdenken an. Wenn bestimmte Worte benutzt werden, muss ich sofort erkennen: Das sind meine Leute oder meine Gegner!
Menschen benötigen eine Identität, mit der sie sich auf einer sinnbildlichen Landkarte verankern können. Ich bin ein Deutscher (Gruppe) – aufrecht, pünktlich, fleißig, zuverlässig, ehrlich, verwurzelt in der deutschen Geschichtserzählung (Gruppenmoral). Leistung ist wichtig. Der Mensch an sich ist faul und wenn er nicht gefordert wird, passiert gar nichts. Anerkennung muss man sich verdienen (Gruppendenken). Frauen und Männer aus kulturfremden Regionen (Schlagwort – grauslich, was einem da alles entgegenkommt, wenn man es bei einer Suchmaschine eingibt) wollen nur in unser Sozialsystem einwandern (Außenfeind). Will man seinem eigenen Algorithmus entkommen bzw. verstehen, wie man selbst angesteuert wird, benötigt man lediglich den TOR – Browser, der bei der Suche im Internet eine andere zufällige Identität vorgaukelt. Die Unterschiede bei den Suchergebnissen sind bisweilen verstörend.

Die engagierten Klima-Aktivisten und ein Jan Böhmermann haben in letzter Zeit einige aus der Deckung gelockt. Bereits die Anfänge, als es mit Fridays for Future losging, gestalteten sich spannend und aufschlussreich. Es war beeindruckend, wie viele vermeintliche wissenschaftliche Koryphäen plötzlich aus den staubigen Hinterzimmern gezerrt wurden. Gleichzeitig tauchten Studien auf, die in den 30 Jahren zuvor niemand zur Kenntnis nahm, weil sie in der seriösen Wissenschaftswelt im gleichen Papierkorb landeten, wo auch die Discounterwerbung hinkommt. Hinzu kam ein Stakkato an Schlagwörtern. Parallel wurden die GRÜNEN und LINKEN aufs Korn genommen. GRÜN ist mittlerweile links. Was eine an ökologischen Aspekten ausgerichtete Politik zum Sozialismus oder Kommunismus werden lässt, erschließt sich mir nicht. Noch weniger, wenn ich an die alten Konflikte zwischen Realos und Fundis denke, der damals eindeutig von den Realos entschieden wurde, die unter dem Strich zu großen Teilen aus Konservativen mit schlechtem Gewissen bestehen. Aber die Strategen haben es hinbekommen, dass Leute, die Kraftfahrzeuge kritisch sehen, zu Linken werden. Dem alten Ford und Rockefeller würde dies gefallen.
Deutsche haben es nicht so mit religiösen Eiferern und Sekten (es sei denn, sie kommen aus der Umgebung Freiburg im Breisgau). Da war es naheliegend, Greta zur religiösen Ikone werden zu lassen und alle anderen als Jünger, Gefolge, zu diffamieren. Religion, Glaube, ist anders als wissenschaftliche Fakten, passt! Nahezu orchestriert streuten große Zeitungen die Kampagnen unter die Leute, woran wiederum der Godfather der PRStrategien Edward Bernays seine Freude gehabt hätte. Hinter Lindner, Söder, Scholz, Dobrindt, Laschet, der kompletten Parteiführungsriege konnte man förmlich die grauen Schatten der Ghost Negotiator und Spin-Doktors sehen. Zu dieser Zeit zeichnete sich ab: Wenn die bereits bei Schülern aus vollen Rohren feuern, kommt bei der nächsten Stufe mehr.

Bei den aktuellen Klima-Aktivisten und denen, die sich mit RWE anlegen, wird die Gangart härter. Bei letzteren ging es sofort in die alte, bewährte Richtung. Spinner, Langhaarige, mit Exkrementen werfende Freaks, die auch noch in Bäumen sitzen. Wer denkt da nicht an Affen? Bei Laschet’s Fauxpas, bei dem er falsche Tatsachen in die Welt setzte, um noch rechtzeitig Ruhe ins Spiel zu bringen, hätte für ihn normalerweise Schluss sein müssen. Doch still ruhte der mediale Blätterwald. Von Extremisten war es nicht weit bis zur Kriminellen Vereinigung und danach zum deutschen Schreckgespenst RAF. Da muss bei Böhmermann und Crew der Kragen geplatzt sein. Zuvor zündete die lang vorbereitete Bombe, als in Berlin auf tragische Weise eine Frau ums Leben kam. Ich persönlich erwartete eine schief gehende Geburt. Ein mehr als billiges Tor. Sie mussten nur auf etwas ansatzweise Passendes warten.
Mit dem Fahndungsplakat und Rückzahlung in gleicher Münze war Böhmermann vielleicht nicht sonderlich kreativ, aber sehr erfolgreich. Selbst Leute, die man nicht unbedingt auf dem Zettel hatte, zeigten sich, in dem sie sich brav künstlich empörten und ihr Geld und Gefallen abarbeiteten. Man darf auf die Fortsetzung gespannt sein. Auch wenn alles einen bitterernsten Hintergrund hat. Besonders, wenn man sich vor Augen hält, dass in Deutschland 2022 politische Aktivisten in eine seit 1945 nie dagewesene lange Vorbeugehaft genommen wurden.

Eine vollkommen zweckfreie Reaktion der Macht. Was soll passieren? Die sind überzeugt! Drinnen waren sie nun ohnehin, alle Eintragungen bestehen und die Zahlungen kommen weitestgehend aus Spendengeldern. Wenn sie nicht die Kriminelle Vereinigung durchbekommen, wovon ich ausgehe, ist das Pulver verschossen. Wer sich im Winter auf die Straße setzt, macht es im Sommer erst recht. Und es soll auch noch andere Protestformen geben. Wenn es für die Sicherheitsbehörden ganz dumm läuft, wurde mit der Reaktion die derzeit tief schlafende Autonome Szene getriggert. Ich weiß auch nicht, was die sich alle denken. Glauben, die ernsthaft an eine wieder einschlafende Bewegung? Morgen haben alle das Klima wieder vergessen?

Vorbeugehaft und Bußgelder sind bürgerliche Reaktionen, die auf etwas hinweisen. Das eine ist ein Eingriff in die Bewegungsfreiheit und das andere soll den Geldbeutel treffen, mit dem man sich die Ersatzprodukte kaufen kann. Blöd, wenn die Betroffenen vollkommen anders unterwegs sind. Die Haft ist mehr Ehrung und Signal, den richtigen Nerv getroffen zu haben. Einem biederen Bürger wäre sie peinlich. Und Leuten, die sich über Aktionen, Widerstand, Ungehorsam und Auflehnung gegen das dröge Establishment identifizieren, mit Geldstrafen zu kommen, kann nicht funktionieren. Da wurde aus Sicht der Macht bei FFF einiges richtig gemacht. In dem man sie auf Veranstaltungen einlud und einfach reden ließ, nahm man ihnen das Feuer unter dem Kessel weg. Sie wurden nett beklatscht, alle machten betroffene Gesichter, das war’s.

Offensichtlich erkennbare Autorität, die die Freiheit beschneidet, ist fair und ihr kann mit Widerstand begegnet werden. Viel schwieriger gestaltet sich die versteckte. Meiner Auffassung nach hatten einige Querdenker recht und unrecht zugleich. Was sie als Meinung bezeichneten, war keine. Denn die ist eine ansatzweise vertretbare, für wahr angenommene Aussage, ohne dass ein Beweis angebracht werden kann. Mir fällt nichts ein, wie man Chips in Spritzenkanülen, eine Weltverschwörung oder eine international organisierte Bevölkerungsreduzierung vertreten soll. Dann wäre alles, auch 2+2=7 eine Meinung. Nein, dies ist schlicht Quatsch. Ebenso wie diese LSD Fantasien, in den Kindern das Blut abgezapft wird oder die QAnon-Verschwörung, bei der sich einige sogar die Mühe machten, den Ursprung zu ermitteln.
Doch wäre es eine Meinung gewesen, hätten sie es mit der versteckten Autorität zu tun bekommen. “Natürlich darfst Du alles sagen. Aber dann wird es wohl nichts mit der neuen Stelle.” Kinder lernen die anders kennen. “Wir können Dich nicht daran hindern, aber dann sind Mama und Papa von Dir enttäuscht.” In diversen Abwandlungen begegnet sie uns täglich. Vor allem steht die Sicherheit gebende Gruppenzugehörigkeit auf dem Spiel. Bedingt durch die Social Media wird dieser Druck und die Wirkung der versteckten Autorität immer heftiger.

Beschränkungen der Freiheit, jenseits der logischen Grenzen, können nur von Autoritäten mit den passenden Macht – und Druckmitteln vorgenommen werden. Insofern ist das ganze Gerede einer angeblichen “links-diktatorischen Tendenz” Humbug bzw. reine PR-Strategie. Die Macht befindet sich in den Händen derjenigen mit den notwendigen finanziellen Mitteln, jenen in den Aufsichtsräten, Banken, den besten Einflussmöglichkeiten auf die Medien, dem größten Budget für PR-Kampagnen, besten Netzwerken und etablierten Seilschaften. Und all dies sind nicht die Linken oder die Grünen. Die mit der Macht haben beispielsweise einen Robert Habeck sauber auflaufen lassen. Es sind die gleichen, welche eine Diffamierungskampagne nach der anderen durchziehen und Argumente damit vom Tisch schaffen, in dem sie die primitiven Areale aktivieren.
Einfach zu behaupten, die anderen würden über die Macht verfügen, ist schon wieder so einfach, dass man beleidigt sein müsste. Ähnlich simpel sind diese lächerlichen Geplänkel bezüglich des Genderns.

Weltweit verdienen sich gerade einige an den aktuellen Krisen eine goldene Nase und schalten zusätzlich Konkurrenten aus. Die wenigen deutschen Kritiker müssen mehr oder weniger hilflos zuschauen. Wichtige Staaten bereiten sich auf die kommenden Klima-Ereignisse vor und sichern sich Ressourcen, wo sie nur können. Auf kurz oder lang setzen sich ganze Völker in Bewegung. Länder, die gesellschaftlich nicht darauf vorbereitet sind und Deutschland, ein Land, in dem einige immer noch den provinziellen Traum der Bonner-Republik träumen und die vorgegaukelte Illusion der DDR nicht hinter blickt haben, ist alles, aber nicht bereit. Immer mehr Arbeitsplätze werden der Digitalisierung zum Opfer fallen und altbackene Konservative setzen auf längere Lebensarbeitszeiten. In welchen Berufen wird es wohl richtig knapp? Richtig, in denen, wo noch körperlich hart gearbeitet wird. Viel Freude mit dem 72-jährigen Dachdecker oder Bauarbeiter, wobei die selten geworden sind, weil sie durch Osteuropäer ersetzt wurden. Überall wird wieder aufgerüstet und Drohszenarien werden entworfen.

Und was passiert in Deutschland in puncto freier Meinungsbildung, Informationsbeschaffung, Grundlagenausbildung?
Fußball, Gendern, Kriminalisierung von eher harmlosen Aktivisten, eine organisierte Diffamierung aller missliebigen Wissenschaftler, die noch nicht mitbekamen, dass es nicht mehr um die Abwendung einer Klima-Krise geht, sondern um den verzweifelten Versuch eine Anpassung hinzubekommen, bis ihnen was anderes einfällt. Und alle, die noch nicht genug verblödet sind, bekommen ihre tägliche Dosis Gefühls-Appelle, an denen sie sich abarbeiten können. Ganz nebenbei tobt ein Krieg, in dem die NATO-Staaten mit Waffenlieferungen mitspielen. Auch da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen und schon gar nicht alles Safe. Wenn es um Kriege geht, glaube ich persönlich erst einmal gar nichts. Russland hat die Ukraine angegriffen, so viel ist sicher. Doch wer da jetzt welche Pläne schmiedet oder vielleicht seinen Tag gekommen sieht, wird sich noch herausstellen. Na ja, und wie die Sache mit dem Finger auf andere zeigen wirkt, schrieb ich bereits. Putin hat doch vielen Leuten einen Gefallen getan. Eine Milliarde EURO liegen allein in Deutschland im Pott. Die anderen rüsten auch auf. Für diverse Konzerne hat er den Platz geräumt und die übernehmen jetzt das Energiegeschäft. Die Ukraine war gut entwickelt. Da sind sie unsere kompatiblen zweckdienlichen Einwanderer. Diverse andere geopolitische Sauereien lassen sich wunderschön begründen. Was will man mehr, wenn man keine Skrupel kennt und nicht moralischer Besserwisser spielen will?

Sich alledem zu entziehen, ist auf Dauer nahezu unmöglich. Mir kommt es vor wie ein Boxkampf, bei dem man rechtzeitig den Zeitpunkt zum Handtuch werfen erkennen sollte. Innerhalb des Systems wird es eine echte Freiheit nicht mehr lange geben. Wer sie dennoch leben will, muss sich nach Außen begeben. Und wer Spaß dran hat, kann versuchen es zu hacken. Eine aus meiner Sicht unterschätzte Gefahr. Innerhalb der kommenden 15 Jahre, wird der Cyber-Krieg völlig neue Dimensionen annehmen. Offizielle untereinander, die “Anarchisten” und die Kriminellen werden eine explosive Mischung ergeben. Da kommen dann die ins Staunen, die einen Rechner an und aus machen können, oder ahnungslos in einer virtuellen Welt leben. Was ist eine Truppe Klima-Aktivisten im Verhältnis zu Hackern, die einfach mal ein paar Versorgungsstationen oder ganz simpel alle Kreuzungen auf Grün schalten?

Überwachung und Repression

“Wer nichts zu verbergen hat, braucht die Überwachung nicht zu fürchten!” Die in dieser Behauptung innewohnende Rhetorik kommt aus der Hierarchie von ganz oben. Zunächst einmal gibt es welche, die die Überwachung anordnen, weil sie etwas wissen wollen, was sie anders nicht in Erfahrung bringen können. Hinzu kommen die überwachenden Personen, sowie die Überwachten. Überwacht werden aber nicht alle, sondern eine Auswahl. Treffe ich eine Auswahl, muss es Kriterien geben. Ich schaue mir an, wie der Versuch endet, Vorstandssitzungen eines großen Konzerns zu überwachen. Gleichfalls ist es unwahrscheinlich, dass die überwacht werden, welche selbst die Anordnungen aussprachen. Da ist schon mal ein Haken.
Wer davon ausgehen muss, dass eine Überwachung stattfindet, bewegt und handelt instinktiv nicht mehr frei. Man fühlt sich schlicht beobachtet und eine Menge findet im Unterbewusstsein statt. Insbesondere gilt dies, wenn ich nur eine vage Vorstellung von den Möglichkeiten habe. An dem Punkt findet eine Veränderung statt. Lange Zeit nahmen die Leute mehr an, als es Möglichkeiten gab. Mittlerweile ist dieser Punkt überschritten und es ist mehr machbar, wie sich die meisten vorstellen. Und die Entwicklung dauert an.
Doch auch die Klassiker genügen völlig aus. Zum Leben eines Kriminellen gehört eine gesunde Paranoia dazu. Ständig muss er oder sie auf der Hut davor sein, am Telefon nichts Kompromittierendes von sich zu geben, seinen Mitmenschen zu sehr zu vertrauen, neue Bekannte ins Leben zu lassen, weil es ein Spitzel oder ein eingeschleuster Verdeckter Ermittler sein kann. Politische Aktivisten kennen dieses Lebensgefühl ebenfalls. Denn wer tatsächlich Extremist oder Radikaler ist, bestimmen sie nicht selbst, sondern andere aus höheren Bereichen der offiziellen und inoffiziellen Hierarchie. Besonders diejenigen, welche sich in einer als linke Szene definierten Umfeld bewegen, kennen dies zur Genüge. Doch auch die andere Seite, weiß darum. Man denke dabei nur an die NPD, von der aus ein geschickter Schachzug ausging. Der Vorstand ließ alle antreten und unterbreitete ein Angebot. “Es ist nicht schlimm, wenn ihr mit dem Verfassungsschutz redet. Geld kann jeder gebrauchen. Aber es wäre nett, wenn ihr uns unterschreibt, dass ihr bei denen auf der Liste steht.” Eben jene Liste legten sie dann im Rahmen des Verbotsverfahrens auf den Tisch und behaupteten, dass alles gar nicht so wäre, weil es größten Teils wegen der Unterwanderung passierte. Chapeau!
Bedingt durch die neuesten Entwicklungen können sich alle Klimaaktivisten darauf einrichten, dass Teilnehmer an den Aktionen u.U. auf der Gehaltsliste von Sicherheitsbehörden stehen. So wie jeder, der mit einem/einer Aktivisten/ in telefoniert, sich des unbekümmerten Privaten nicht mehr sicher sein kann. Gleichfalls können sich alle Eltern, die ihre Kinder bei sich gemeldet haben, auf einen Besuch der Polizei einrichten. Und wie sich in der Vergangenheit zeigte, sind dies keine Besuche von zwei freundlich auftretenden, gesitteten Kriminalbeamten, sondern das Besteck, was früher bei Schwerverbrechern anrückte. Damit meine ich nicht das SEK. Sechs finster dreinblickende Beamte/innen des polizeilichen Staatsschutzes tun es auch.

Letztens fragte mich ein Beschäftigter der BSR, wie ich als Fachmann die Aktionen der Klimaaktivisten sehen würde. Ich antwortete: “Ich gebe Dir keine Antwort, als KHK a.D., sondern als Vater von zwei Töchtern im Alter von 27 und 30 Jahren, die, wenn es für sie gut läuft, noch um die 40 – 50 Jahre leben. Alle unsere Proteste, Wählerstimmen, politische Diskussionen, sind in den vergangenen 30 Jahren schlicht im leeren Raum verhallt. Vielleicht sah ich nicht viel von Welt, aber genug, um zu wissen, was wir anrichten. Ich sah die Folgen in den Dolomiten, in den Pyrenäen, in der Mongolei, in Laos, Thailand und Malaysia. Der Gletscher, wo ich mit meinen Eltern zum Skilaufen war, ist fast weg. In den Bergen sah ich beim Wandern die Mondlandschaften, die der Skizirkus hinterlässt. Im Mittelmeer den Müll und am Strand die Reste von angespülten gekenterten Booten und Rettungswesten von Kindern. In Osteuropa sah ich, was dort alles angerichtet wird. In Laos den Raubbau am Dschungel, die Verstümmelten von den Hinterlassenschaften des Vietnam-Kriegs und die Folgen der veränderten Regenzeiten. In Malaysia den europäischen Müll. In der Mongolei die Folgen des Klimawandels, weil im Sommer die brütende Hitze die Steppe ausdorrt und im Winter das zu schwache Vieh in der Extrem-Kälte verendet. Ebenso die Folgen des Raubbaus durch die Minengesellschaften. An der Nord – und Ostsee bin ich Öl-Brocken getreten. Als Vater sage ich Dir: Die haben schlicht und ergreifend recht.” Und ausnahmsweise wirkte mein Wortschwall überzeugend.

Die Aktionen der Klima-Protestbewegungen werfen alte Fragen neu auf. Die Aktivisten greifen in die Bewegungsfreiheit ihrer Mitbürger ein, um ihrer Überzeugung nach, eben genau weiteren Aspekten der Freiheit aller zu dienen. Sie beziehen sich auf den wissenschaftlichen Konsens, dass innerhalb kürzester Zeit weltweite massive und radikale Maßnahmen nötig sind, um die sich ohnehin bereits katastrophal entwickelnde Situation abzuschwächen oder zu stoppen. [12]https://www.de-ipcc.de/355.phpJedes Land auf der Erde ist dazu aufgefordert, seinen Beitrag zu leisten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich jede Maßnahme erst in ca. 60 Jahren signifikant auswirkt.
Die Aktivisten haben sich den Namen “Letzte Generation” gegeben, weil alles während ihrer Existenz passieren muss. Eins ist klar, die tatsächliche Handlungsmacht liegt derzeit nicht bei ihnen. Die Gewalt gegen das ökologische System und alle Lebewesen auf der Erde, geht von allen wirtschaftlichen Unternehmungen aus, die in irgendeiner Form das ökologische System schädigen. Sei es durch Produktion, Finanzierung oder Bewerbung dieser Produkte. Hinzu kommen die Frauen und Männer in der Politik, den Machtmittel zugestanden wurden, sie aber nicht zur Abwendung der Gefahren benutzen, sondern die Profite, Umsätze, höherwertiger einschätzen.
Ihrer Argumentation nach können nur mit ihnen Lebenssysteme gehalten und erschaffen werden. Heute kam eine Meldung über die Ticker, dass US-amerikanische Wissenschaftler einen kleinen Erfolg beim Heiligen Gral der Energiegewinnung der Wasserstofffusion erzielten. Erstmalig wurde minimal mehr Energie gewonnen, als man hineinsteckte. Doch sie vermeldeten gleichzeitig, dass sie Jahrzehnte von einem echten Durchbruch entfernt sind. Solche Meldungen sind seit dem Ende der 70er immer mal wieder zu vernehmen. Es ist fraglich, ob die Fusion jemals funktionieren wird. Davon bekommt man bereits in der Oberschule zu hören.
Aber Christian Lindner, seines Zeichens einer dieser von vernünftigen, verständigen, mündigen Bürgern als repräsentativer Vertreter gewählter Mann, frohlockt bei Twitter, dass dieser “Durchbruch” zeigen würde, wie sehr Innovation wirkt. Alles, was ich dazu gern äußern würde, ist strafbar. Immerhin sagte er selbst: “Wenn man in der Schule sitzt und man sitzt seine Zeit ab, weiß, dass man telefonieren, den Kunden besuchen oder Arbeit erledigen müsste, dann kommt man sich so vor, als wäre die Zeit durch den Schredder gelaufen.”[13]https://www.buzzfeed.de/buzz/inspirierende-zitate-des-18-jaehrigen-christian-lindners-als-motivationsposter-zum-teilen-90143553.htmlIch tippe, er meinte seinen Physikunterricht.

Bei den Blockaden kommt es zu einer sogenannten Praktischen Konkordanz. Die ist gegeben, wenn mehrere Grundrechte aufeinanderprallen. Die Leute, welche in ihrem Fahrzeug sitzen und in der im Grundgesetz verbürgten Bewegungsfreiheit beschränkt sind, treffen auf die Leute, welche vom Recht Gebrauch machen, zu protestieren. Allerdings tun sie dies in der Regel nicht innerhalb der gesetzlichen Vorgaben. Unter Umständen aber genauso, wie sich dies manche Mütter und Väter des Grundgesetzes einst vorstellten. Seit den 80ern werden Sitzblockaden als eine Form der Gewalt interpretiert. Der Philosoph Herbert Marcuse wies in einem Gespräch mit Ivo Frenzel und Willy Hochkeppel darauf hin, dass der Begriff Gewalt alleinstehend keine Bedeutung innehat, sondern zu klären ist, wogegen sie sich richtet (im verlinkten Video ab 12:38) Legitim kann sie sein, wenn sie sich gegen vorhergehende unterdrückende Gewalt ausgehend von einer Machtposition als Gegengewalt richtet. Dies ist nicht beliebig, sondern kann analysiert werden. Wer sich faktisch in keiner Machtposition befindet, kann nicht unterdrücken. Insofern kann seitens der Klimaaktivisten/innen nachweislich keinerlei unterdrückende Gewalt ausgehen und schon überhaupt nicht mittels auf die Straße setzen. Fraglich ist lediglich, ob die seitens untätiger oder aus wissenschaftlicher Perspektive unverantwortlich agierende Politik, unterdrückende Gewalt ausübt. Schwierig! Immerhin scheint es, dass mittels der vorgesehenen Mittel der wissenschaftlichen Vernunft nicht Geltung verschafft werden kann, sondern das Irrationale regiert.
Nunmehr kommt es mit der Perversion des Begriffes “kriminell” und darauf basierender Maßnahmen untrüglich zu einer unterdrückenden Gewaltanwendung. Perversion allein schon, weil man sich fragen muss, welche neuen Begriffe man sich für Mafiosi, bewaffnete Räuber, russische Banden und andere Zeitgenossen ausdenkt.

Als sich die Innenminister/innen trafen und erstmalig das Thema “Kriminelle Vereinigung” angeschnitten wurde, dachte ich noch an das übliche populistische Gerede am Rednerpult. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand ernsthaft auf diesen Zug aufspringen würde. Wie gesagt, müssen immerhin mehrere Staatsanwälte/innen gewillt sein, dieses Verfahren zu eröffnen und auch richterliche Beschlüsse einholen. Wobei gewillt nicht korrekt ist. Im Gerichtsverfassungsgesetz steht seit 1879: „Die Beamten der Staatsanwaltschaft haben den dienstlichen Anweisungen ihres Vorgesetzten nachzukommen.“ Und diese Vorgesetzten sind die Justizminister/innen. Bleibt noch die Hürde: Unabhängige/r Richter/in. Doch auch die beugten sich offenkundig dem politischen Willen. An der Stelle war ich fassungslos. Dies sind Zustände aus dem Kaiserreich, Volksgerichtshof bis hin zur DDR. Ja, ich weiß, darüber mokierte ich mich bereits am Anfang.

Ein anderer Begriff, der ebenfalls viel mit der Freiheit innerhalb eines Ordnungssystems zu tun hat, ist der Zivile Widerstand. Wie soll sich ein freier Geist, der mittels vernünftiger und verständiger Überlegung zum Ergebnis kommt, dass die innerhalb von ihm akzeptierten Ordnung installierte Macht/Herrschaft nachvollziehbar unethisch handelt, verhalten? Schweigen? Hinnehmen? Diesem Problem widmeten sich schon griechische und römische Denker. Eine vollkommen andere Nummer steht zur Betrachtung, wenn jemand die Ordnung an sich nicht akzeptiert, oder massive Gewalt anwendet, um klarzustellen, wen es treffen soll. Dann wäre man grob in Richtung Propaganda der Tat und Rote Armee Fraktion unterwegs.

Es bleibt nur die Entscheidung, schweigend dem ethischen Verstoß zuzusehen und sich damit individuell zum Mitwisser oder Mitläufer zu machen, oder sich dagegenzustemmen und dabei niederrangige Regelverstöße der Ordnung in Kauf zu nehmen.

“Der Satz ‘man muss Gott mehr gehorchen, als den Menschen’ bedeutet nur, dass, wenn die letzten etwas gebieten, was an sich böse (dem Sittengesetz unmittelbar zuwider) ist, ihnen nicht gehorcht werden darf und soll.”
Immanuel Kant: “Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft.” 1793

Ich denke, es ist nicht unzulässig, wenn ich als jemand, der kein Christ ist, an Stelle von Gott, die Ethik einsetze. Meinem Verständnis nach muss man auch nicht in einem Unrechtsstaat leben, von dem unmittelbar erkennbare unsittliche Handlungen begangen werden, um sittliche Zuwiderhandlungen begründen zu können. Wenn das staatliche Handeln oder einzelner Institutionen, geeignet ist, sich an der gemeinschaftlichen Herbeiführung einer alle Lebewesen betreffenden Katastrophe zu beteiligen, ersehe ich die Unsittlichkeit erfüllt. Noch weniger ist es relevant, ob nur Deutschland oder andere Staaten mit beteiligt sind. Ein/e Staatsbürger/in ist in erster Linie dem eigenen Staat gegenüber verpflichtet. Das unsittliche Handeln weiterer Staaten kann die nicht die Rechtfertigung meines eigenen sein.

Ob man richtig liegt oder nicht, entscheidet in der Regel die Zukunft. Wer sich gegen die Proteste stellt und vehement empört reagiert, aber gleichzeitig zustimmt, dass die Klimamaßnahmen nicht ansatzweise ausreichen und wir tatsächlich auf eine Katastrophe zu laufen, befindet sich auf dünnem Eis. Denn dann ist absehbar, dass das Unterlassen Folgen haben wird. Die Menschen aus den Regionen, die es in naher Zeit trifft, werden dies zu interpretieren wissen und als Grenzüberschreitung empfinden. Denn unsere übermäßige, rücksichtslose “freie” Nutzung der Ressourcen und Emissionen, greifen massiv in ihre Freiheiten ein. In den Social Media machen sich einige darüber lustig, in dem sie schreiben: “Und Opa, was hast Du gegen die Klimakatastrophe getan? Ich klebte mich auf der Straße fest!” Immerhin! Die das lustig finden, können nur antworten: “Außer Rumpöbeln und lustig machen, hab ich gar nichts getan.”

Ganz nebenbei ist das Klima, eine von vielen Baustellen. Draußen sinken die Temperaturen witterungsbedingt auf – 7 Grad. In den Wäldern, Flüchtlingscamps, harren Frauen, Kinder, Männer, in Zelten aus. Sie leiden, erfrieren oder kommen gerade noch irgendwie durch. Was wird da wohl in den Köpfen entstehen, wenn sie es doch noch irgendwie schaffen, um dann im “gelobten” Land festzustellen, dass sie hier auch nicht wirklich eine Chance bekommen? Dankbarkeit? Ich kann Riots, Übergriffe, psychisch Kranke, die meine Freiheiten und die meiner Kinder einschränken, nicht auf den oder die Einzelne herunterbrechen. Ich muss es auf die gesamte Welt gesehen analysieren und nach Ursachen, Wirkungen, Ausschau halten.

Dies ist ein sehr langer Text geworden. Aber immerhin kein Buch. Danke, wenn Du bis zum Ende gelesen hast. Vielleicht ist es mir gelungen, die eine oder andere gedankliche Anregung zu geben. Mir waren die geschriebenen Worte wichtig. Ich lernte, dass man sich nur distanzieren kann, wenn man zuvor an einem Punkt war. Als Kriminalbeamter war ich bezüglich einiger angerissener Punkte an Stellen, wo ich für die Ordnung eintrat. Mit dem, was heute passiert, dem Missbrauch der Polizei, Einspannen der Justiz für die Politik, den Zeitgenossen, die dumpf darauf pochen “frei” mit ihren Autos fahren zu können, Politikern/innen, die ihre Macht nicht zu nutzen wissen, einer Ordnung, die als glänzende Schale das Grundgesetz besitzt, aber innen immer mehr verfault, all den Konservativen, die längst auf den Pfaden der Neuen Rechten wandeln und stetigen Zulauf bekommen, will ich nichts zu tun haben – ich distanziere mich. Dies gilt auch für all die Technokraten, die auf die Buchstaben des Gesetzes zeigen. Gesetze sollen den Menschen und ihren Bedürfnissen dienen. Wenn der Mensch zum Gegenstand der Gesetze wird, er mithilfe von Rechtsgelehrten instrumentalisiert wird, läuft einiges böse schief.

Der dominierende Teil der Gesellschaft ergeht sich in Rücksichtslosigkeit und verwechselt die übermäßige Erfüllung der eigenen Bedürfnisse mit Freiheit. Außerdem wird die Freiheit auf dem Altar des Mammons geopfert. Für viele ist sie gleichbedeutend mit Geld. Wer es hat, hat viel Freiheit und wer wenig hat, kann sie sich halt nicht leisten. Nein, das ist nicht meine Vorstellung von einer gesellschaftlichen Ordnung, für die ich gewillt bin einzutreten. Da sollen sich andere im aktiven Dienst die Hände mit schmutzig machen. Aber ich tue auch nichts dagegen. Schon allein deshalb nicht, weil dies ein zweckloses Unterfangen ist. Gegen die tumbe Masse kann man nichts ausrichten. Da bleibt einem nur das eigene freie Leben, mit persönlichen Maximen.
Heute wurden mit den angesprochenen Durchsuchungen ein deutliches Zeichen gesetzt. Jeder kann sehen, wer die Herrschaft hat und wie sie gedenken, sie auszuüben. Dies sind keine freiheitsliebenden Leute, sondern Anhänger einer autoritären Ordnung. Was sie hassen, ist Unruhe. Sie wollen, dass ihre Entscheidungen kommentarlos hingenommen werden, da sie angeblich wissen, was gut ist. Alles soll seinen geordneten Gang gehen. Im Zweifel diszipliniert in den Abgrund. Ich kenne sie und ihre Denkart. Oben buckeln und nach unten treten ist ihre Erfüllung.
In der Behörde, wo ich herkomme, herrschte lange ein Kampf, wer die Oberhand gewinnt. Die Sieger scheinen festzustehen. Es wird immer von Spaltung der Gesellschaft gesprochen. Nun, jetzt vollzieht sie sich. Auch die Klimaaktivisten/innen haben Leute hinter sich. Da geht es nicht nur ums Klima, sondern auch um Skepsis gegenüber der Arroganz der Macht. Und all diejenigen erhielten in diesen Tagen eine unmissverständliche Botschaft.

In Deutschland ist vieles besser und freier, als in anderen Ländern. Doch kann dies mein Maßstab sein? Ich denke nicht. Die Menschen, die andere Länder unfreier gestalten, sind mit denen hier identisch. Nur haben sie dort andere Möglichkeiten. Gebietet man ihnen nicht Einhalt, hält sie in Zaum, werden sie sich immer mehr durchsetzen. All die Aktivisten, als links bezeichneten Gesellschaftskritiker, die Intellektuellen, welche keine Kompromisse mit der Macht eingehen, sind nicht die, welche die Freiheit bedrohen, sondern das Gegengewicht. Wer auf die Rhetorik hineinfällt, dass Reichsbürger, Querdenker, Mitglieder der AfD, Neue Rechte, systemkritische Freiheitsdenker sind, hat schon im Ansatz verloren. Sie wollen, dass die Macht noch mehr einschränkend eingreifen kann, eine strikte Ordnung besteht, die sie beherrschen und strukturieren.

Alle menschlichen Ordnungen liegen auf einer Strecke, die durch die Punkte totale Freiheit und maximale Beschränkung durch den Menschen selbst gebildet wird. Eine totale Freiheit kann es aus den dargelegten Gründen nicht geben. Also wird sich das menschliche Dasein immer ein paar Zentimeter von diesem Punkt entfernt befinden. Danach kommen alle Ordnungen, deren Standort sich anhand der Beschränkungen ermitteln lässt. Und alle Systemtheoretiker finden Gründe dafür, warum und welche Beschränkungen notwendig sind. Diese gilt es ständig zu hinterfragen und zu prüfen.
Die Verortung des Menschen in der Mitte des Geschehens, halte ich für einen grundlegenden und schwerwiegenden Fehler, besonders wenn sie dazu führt, dass die Grundregeln missachtet werden: Jede Handlung hat eine Wirkung und löst weitere Reaktionen aus. Der Mensch ist eingebettet in eine Welt und sie ist damit auch Teil von ihm. Alles, was ein Lebewesen tut, hat Folgen für sich selbst und die gesamte Welt. Der Homo sapiens besitzt ein Bewusstsein, woraus nicht nur eine Einsicht in diese Regeln resultiert, sondern auch die Verpflichtung, sie zu beachten.


Quellen/Fußnoten

Quellen/Fußnoten
1 Der Richter und sein Henker
2 https://moneytransfers.com/de/news/content/armut-weltweit-statistik-2022-fakten-uber-absolute-und-relative-armut#Die-Armutsgrenze-in-Deutschland-2022-liegt-bei-60%-des-Durchschnittseinkommens.
3 https://www.dobelli.com/de/bucher/die-kunst-des-digitalen-lebens/ – Wir sind immer bestens informiert und wissen doch so wenig. Warum? Weil wir ständig News konsumieren – kleine Häppchen trivialer Geschichten, schreiende Bilder, aufsehenerregende „Fakten“. Doch News tun uns nicht gut: Sie vernebeln unseren Geist, verstellen uns den Blick für das wirklich Wichtige, rauben uns Zeit, machen uns depressiv und lähmen unsere Willenskraft. Rolf Dobelli lebt seit zehn Jahren gänzlich ohne News – und kann die befreiende Wirkung dieser Freiheit aus erster Hand schildern. Machen Sie es wie er: Klinken Sie sich aus. Radikal. Und genießen Sie ein Leben mit klarerem Denken, wertvolleren Einsichten und besseren Entscheidungen.
4 „In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“ Laurence J.Peter/William Morrow, The Peter Principle
5 Bei Wölfen wurde die Tötung von Welpen beobachtet, die sich im Spiel besonders aggressiv ggü. Rudelmitgliedern verhielten.
6 Was jemand darunter versteht, ist ziemlich individuell. Manchen genügt z.B. die gemeinsame Nationalität, während sich andere auf eine unmittelbare Bekanntschaft reduzieren. Bei Versuchen mit Kleinkindern wurde festgestellt, dass sie grundsätzlich ein instinktives Beistandsverhalten und einen Gerechtigkeitssinn innehaben. Wurden ihnen Situationen gezeigt, in denen von einem Versuchsleiter erkennbare ungerechte oder gewalttätige Handlungen vollzogen wurden, reagierten sie auf diesen später negativ. Allerdings gab es Abstufungen. Umso mehr die/der Betroffene sich von ihnen selbst unterschied, je geringer war die Intensität der Ablehnung
7 https://www.spiegel.de/kultur/der-kommende-aufstand-a-8ea7f45e-0002-0001-0000-000075261508?context=issue
8 https://freidenker.cc/platons_demokratiekritik/1
9 https://www.boersen-zeitung.de/florida-zieht-milliarden-von-blackrock-ab-1ce8048a-7210-11ed-8cfa-6235c3898d79
10 https://de.statista.com/infografik/27934/geschaetzte-anzahl-angehoeriger-indigener-voelker-pro-region-in-2019/
11 https://www.t-online.de/region/berlin/news/id_90757944/so-viel-kostet-wahlkampf-fuenf-bundestagskandidaten-legen-ihr-budget-offen.html
12 https://www.de-ipcc.de/355.php
13 https://www.buzzfeed.de/buzz/inspirierende-zitate-des-18-jaehrigen-christian-lindners-als-motivationsposter-zum-teilen-90143553.html
26 November 2022

Hambi – Ein Symbol

bogeskov Lesedauer 13 Minuten

“Der Kampf ums Klima wird hier entschieden. Hier zeigt sich, was man will und wo es hingehen soll.”

Aktivist im Hambacher-Forst

So eben sah ich den Dokumentarfilm “HAMBI – Der Kampf um den Hambacher Wald”. Jetzt in diesem Moment verspüre ich aus vielen Gründen einen Kloß im Hals. Was sah ich? Junge und deutlich ältere Männer und Frauen, die sich dort engagierten. Leute, die ich früher als lebensfremd und naiv bezeichnete. Unter anderen befand sich unter ihnen ein Künstlerpaar. Ihre Botschaft: Hier entstehen Bilder! Ich verstehe sie. Auch ich denke oft in Bildern. Und manch eins habe ich selbst auf Leinwand gebracht. Bilder wirken im Nachgang nochmals vollkommen anders, als alles innerhalb des Geschehens herüberkam. Ich denke dabei an ikonische Fotos, wie sie beispielsweise im Vietnamkrieg entstanden. Oder an Maler wie Otto Dix, der mit „Stützen der Gesellschaft“ die Stimmung am Vorabend der Machtübernahme der Barbarei einfing. Ein Bild, welches durchaus auch zu unserer Zeit passt. Die Militaristen, Geschäftemacher, rückwärtsgewandte Männer mit Schmiss, Kriegsgewinnler, Nationalisten, Industriebarone, Geldadel, sehe ich auch heute noch überall.
In der Geschichte viele ausdrucksstarke Bilder. Eingefrorene Geschichte, die einen Augenblick sichtbar macht. Auf diesem Bild ist ein Wald zu sehen. In ihm junge Frauen und Männer, deren wild zusammengewürfelte Kleidung nicht dem Zeitgeist entsprechen. Sie tragen teilweise Dreadlocks. Die Hände und nackten Füße sind vom Klettern in den Bäumen verschmutzt.

Eine Frau in der Mitte der 50er fertigt auf einem Feld eine Leinwand an, die sie wohl zwischen die Bäume hängen will. Graue Strähnen ziehen sich durch ihr langes schweres schwarzes Haar. Alles an ihr wirkt offen, menschlich, warm, weich und fragend. Ein Mann, gekleidet mit Klamotten, die über und über mit Farbflecken übersät sind, unterstützt sie dabei. Die 25 bis 30- jährige junge Aktivisten/innen, die äußerst intelligent wirken, gehen beeindruckend sicher mit dem Kletterequipment um. Sie unterscheiden sich kaum von den Kletterern, denen ich mal beim Wandern in den Pyrenäen begegnete. Sie reden darüber, was der Mensch anrichtet. Der Wald ist für sie ein Mahnmal. Der letzte Rest von einst 5500 ha (55,00 km2), dies entspricht etwa der Größe des Berliner Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Zwischendurch ein Szenen-Wechsel zu den gigantischen Baggern, die die Erde mit brachialer mechanischer Kraft aufreißen, um an die Braunkohle zu gelangen. Dann geht es wieder um die Aktivisten/innen. Sie sprechen von ihren Träumen, der Gemeinschaft, das verbindende Gefühl irgendetwas gegen das zu tun, was um sie herum geschieht.

Mein Blick wandert auf meinen zweiten Bildschirm. Offen ist eine Seite mit Nachrichten. Dazwischen primitive Filmchen und Werbung mit jungen Frauen, die sich in Leggings zwängten, die in vulgärer Art die primären Geschlechtsteile präsentieren. Die Lippen sind aufgespritzt und die Gesichter sehen aus, als wenn sie einen Suizidversuch mit einer Gotcha-Pistole hinter sich haben. Typen posieren mit ihren Körpern, die sie stundenlang in Studios aufpumpten und dazu noch Steroide schluckten. Die Gesichter wirken dümmlich. In anderen Anzeigen wollen mir schmierige Vögel Tipps für das schnelle Geld geben. Zwischen all dem die Nachrichten, wenn es denn tatsächlich welche sind, zu entdecken ist nicht einfach. Cherson ist wieder von den ukrainischen Truppen zurückerobert worden. Die Klimaaktivisten von der Letzten Generation enterten den Berliner Flughafen. Mein Algorithmus ist seit Monaten der Meinung, ich bräuchte ein Hörgerät.

Im Film rückt die Staatsmacht an. Das typische Erscheinungsbild: Einsatzanzug, Einsatzstiefel, Schutzhelm, Visier halb offen, manche mit Halstuch, Handschuhe, Dienstwaffe, Handfesseln, Oberkörpervollschutz. Ein Kontrast, der einen förmlich anspringt. Das exakte Gegenteil von individuellem Ausdruck mittels Kleidung. Das eigene Denken hinter dem gestellt, was die Uniform vorgibt. Da gibt es keine Moral, Ethik, Gefühl, Meinung, sondern Weisungen, den kalten Gesetzestext, Dienstanweisungen, Gehorsam, Disziplin, Melde – und Befehlsketten. Die sogenannte Remonstration bezieht sich ausschließlich auf den materiellen Inhalt. Darüber, ob diese Gesetze dafür geeignet sind, jetzt in diesem Moment dem zu genügen, was richtig ist und der Intention der Vordenker /innen des Grundgesetzes gerecht zu werden, entscheiden andere.
An einer Absperrung zitiert ein junger Mann aus einem Lied der Antilopen-Gang. “1933 wärt ihr alle Nazis gewesen!” Ein Polizist fühlt sich beleidigt und will die Personalien feststellen. Ich drücke die Pausentaste. Diktaturen benutzen die Polizei zum Durchdrücken ihrer Entscheidungen. Die bundesdeutsche Polizei sieht sich als Vollstrecker von Entscheidungen, die in einem demokratischen Prozess zustande kamen. Demnach leistet sie Dienst am Volk. Wussten die Polizisten 1933 wirklich, für wen sie da auf der Straße standen? Dachten sie nicht, der Führer dient mit allem, was er zu bieten hatte, dem Wohl des Deutschen Volks? Was wussten sie von dem, was wir heute wissen? Was sich wenige vor Augen halten, ist das Spannungsfeld zwischen Kriminalpolizei und Schutzpolizei, vor allem, wenn es sich um geschlossene Einheiten handelt. Ein/e Kriminalkommissar/in bewegt sich innerhalb von Spielräumen. Wo man genauer hinsieht und an welchen Stellen von spontaner Blindheit oder intellektueller Überforderung überkommen wird, lässt sich schwer prüfen.

Hinter der Rodung stehen finanzielle Interessen und die Idee, dass es wichtig ist, Energie zu erzeugen. Nur so kann alles weiter laufen. Dieses Ziel rechtfertigt das Aufreißen der Erde und die Vertreibung Einzelner zum Wohl der gesamten Nation. Angeblich zahlten sie an die Anwohner gutes Geld. Zu viel wird es nicht gewesen sein, sonst wäre es kein gutes Geschäft. Und mit Sicherheit verdiente auch die/der eine oder andere Politiker/in eine erkleckliche Summe. Die Vernunft führte längst schon zur Einsicht, dass Braunkohle in einer Zeit, in der man erkennt, wie nah die Katastrophe ist, keine gute Idee ist. Aber was soll man machen? Vertrag ist Vertrag! Vertragsrecht ist Vertragsrecht! Aktionäre aus aller Welt wollen ihre Rendite sehen. Geld oder Leben? In der Regel heißt die Antwort Geld. Ist das der Wille des Volks? Ich fürchte: “Ja!”.
Vieles sind Verwaltungsakte. Mitarbeiter einer Behörde treffen Entscheidungen, die geeignet, verhältnismäßig sind und das Ergebnis eines Ermessens sind. Da entscheidet nicht das Volk, sondern am Ende ein Abteilungsleiter, der die passenden Eigenarten für den Aufstieg in einer Behörde mitbringt. Widerspruchsgeist, politische Opposition gegenüber dem immer schon Dagewesenen, den Konservativen, die einen Teufel tun werden, sich das eigene Wasser abzugraben, gehören dazu.
Wieder schaue ich auf das Bild und denke mir: “Ein wenig kleinlich, Herr Obermeister! Oder willst Du dem Typen vor Dir zeigen, wer am längeren Hebel sitzt?” Ich kenne die Diskussionen gut. “Trölle, ich stehe da als Vertreter des Staats und muss mich nicht beleidigen lassen.” Ja, Du stehst da aber auch als Mensch und denkender Bürger, dessen Empathie nicht am Visier endet. Außerdem könntest Du Dir bewusst sein, wie sehr gerade zwei völlig unterschiedliche Lebenswelten aufeinandertreffen. Du hast Dich für Auto, Einfamilienhaus, Familie, Anpassung ans gesellschaftliche Geschehen, Weber-Grill, Rasenmäher, ordentliche Wohnverhältnisse entschieden. Der da vor Dir geht einen anderen Weg. Und der muss nicht falsch sein. Ganz im Gegenteil! Immer wieder werden im Film Szenen mit der gleichen Rechtfertigung gezeigt. “Ich stehe hier für Recht und Gesetz!” Als ich jünger war, kannte ich eine äußerst begrenzte Zahl an Lebensentwürfen. Noch geringer war die Anzahl derer, die mir als erstrebenswert vermittelt wurden.
Aktuell wurde in der Politik das Bürgergeld diskutiert. Die Schwarzjacken, wie ich die Vertreter und Vertreterinnen der Parteien CDU/CSU, FDP nenne, offenbarten im Zuge der Auseinandersetzung ihr Bild des guten Deutschen und en passant gleich noch, was sie verachten. Die Leute haben gefälligst zu arbeiten, auch wenn die Entlohnung mies ist. Das Jobcenter sagt Dir, wo Du Dich einzufinden hast. Ihnen ist egal, ob jemand am Freitag noch ein funktionierendes Rad im Getriebe des Systems war und Montag vor dem Nichts steht. Sie wollen nichts von den Tragödien wissen, in denen Leuten alles über den Kopf wächst. Sie sich einer Flut von amtlichen Schreiben ausgesetzt sehen und eines Tages schlicht ein defektes Rad sind. Wer nicht funktioniert, ist ein defektes Maschinenbauteil. Entweder auf den Schrott damit oder halbwegs zusammengeflickt zum gerade noch so verwendbaren minderwertigen Ersatzteil degradiert. Dies in einer Zeit, wo der Kollege Computer oder Roboter den Job übernimmt oder Konzerne nach Belieben und den Regeln des viel gepriesenen Markts folgend, die Produktion in andere Länder verlegen. Dorthin, wo für die Schwarzjacken bereits paradiesische Zustände herrschen. Breit grinsend präsentieren sich gelackte Schnösel, die an Universitäten lernten, wie man sich alledem entzieht. Auch für sie stehen die Frauen und Männer im Kampfanzug in Reih und Glied. Wenn sie sich nicht allzu heftig mit Widerspruch aus dem Fenster lehnen oder goldene Löffel klauen, werden sie diese andere Seite des Lebens nie kennenlernen.

Meine Gedanken schweifen ab. Recht und Gesetz! Es ist eine Geschichte, wenn jemand mit der Waffe in der Hand Geiseln nimmt und versucht Geld zu erpressen. Oder in ein Haus einbricht, womit er unter Umständen eine ganze Familie traumatisiert. Ein andere wird erzählt, wenn jemand auf einen Baum steigt, um gegen das Haben, Profit, Gier, Dekadenz, Verlust der Werte und ethischer Grundlagen, zu protestieren. Gesetze sind auch die Steuerinstrumente der Macht. Manche werden begünstigt, andere werden zu Verlierern. Gut für alle, die Jura studierten und wissen, wie sie Gesetze in bare Münze umwandeln können. Ich bin mir schon lange nicht mehr sicher, ob es bei all diesen Einsätzen um Recht und Gesetz geht, oder vielmehr die Machtverhältnisse geklärt werden sollen. Ich denke an Brokdorf, Wackersdorf, Bonn, Mutlangen, Startbahn-West, zurück. In mir kommen Erinnerungen an den Bruch in der deutschen Politik hoch, als Kohl mit dem Verrat der FDP an der SPD die Macht übernahm, nur um sie bekommen. Wie in diesem Zusammenhang ein Herbert Wehner eine düstere Prognose aussprach, in der er von einer sich verselbständigenden politischen Macht redete, die sich vom Bürger entfremden wird. Wenige Jahre später, begann sich die Gesellschaft aufzuspalten. Gestandene Frauen und Männer, Bürger, Richter, Schriftsteller, Nobelpreisträger, versuchten Politikern/innen, die vom schnöden Mammon angetrieben wurden, die Stirn zu bieten. Doch das Banale, die dumpfe Gier, hatte längst gewonnen.

Von alledem, wissen beide wenig. Nicht der Demonstrant mit seinem provokanten Zitat und auch nicht der Polizist. Letzterer weiß nichts von den Gedanken, die sich schon lange vor ihm die Einsatzbeamten (damals nur Männer) in Wackersdorf und Brokdorf machten, als sie vor ganz normalen Leuten aus der Region standen. Vielleicht wird er sich eines Tages auch welche machen. Möglicherweise riegelt er aber auch ab, wie es so viele taten, die ich kenne. “Alles Zecken, linke Spinner, Chaoten, geistig Verwirrte!” Und schon blitzt das nächste Bild in meinem Kopf auf. “Hair!” Die “langhaarigen Hippies”, die versuchen dem angehenden Soldaten mit seinem geschorenen Kopf den Vietnam-Krieg auszureden. Aber sie beide wissen noch etwas nicht. Geht man einige Schritte zurück, gewinnt Abstand, wird eine Gemeinsamkeit erkennbar. Aktivisten/innen und den Polizisten/innen ist die Gesellschaft nicht egal. Jede/r ist bestrebt, sie auf seine/ihre Art zu retten. Die einen gehen davon aus, dass alles hinfällig wird, wenn es keine Lebensgrundlagen mehr gibt. Die Beamten/innen sehen alltäglich den Verfall. Egozentriker, Werteverfall, Psychopathen, Durchgeknallte, abgestumpfte Frauen und Männer, viele voller Hass, Wut, Frust, stets kurz vor dem Eskalieren.
Ich erinnere mich an Maurice, einen französischen Traveller, den ich in Malaysia traf. Er hatte eine ganz eigene Theorie. Seiner Meinung nach mengten dunkle Mächte sedierende Stoffe ins Trinkwasser. Er sah sich darin bestätigt, wenn die Touristen nach einigen Wochen wieder lächeln konnten, freundlicher blickten und sich nicht mehr wie Roboter die Straßen nach etwas käuflichen absuchten. Ich ließ ihn in seinem Glauben. Aber mit seiner Beobachtung lag er richtig. Die Leute wurden nach einigen Tagen tatsächlich menschlicher. Beide Fraktionen rennen mit ihrem Engagement gegen Mauern und das Geschehen treibt sie aufeinander zu.

Der Wald ist nicht mehr zu retten. Doch ging es jemals wirklich darum? Ging es nicht, wie einer der Aktivisten feststellte, um die Symbolik? Wo wollen wir hin?

Deutschland wird das Klima nicht retten! – heißt es in vielen Kreisen. Das ist korrekt, aber meiner Auffassung nach der falsche Ansatz. Das Klima kann weder geschützt noch gerettet werden. Einzig und alleine, können Menschen, die es betrifft, mit der Veränderung des Klimas durch Einbringen von verändernden Substanzen aufhören. Selbst wenn es nicht ums Klima ginge, blieben immer noch die Verpestung der Atmosphäre und die Produktion von Stoffen, die als Müll, die Lebenssysteme zerstören, die brutale Vergewaltigung der Flora und Fauna zugunsten des Homo sapiens. De facto benimmt sich der Mensch wie die Orks in Mordor, die aus der Tiefe das Unheil ausgraben. Demnach geht es um eine Grundhaltung. Setze ich mich als Mensch ins Zentrum des Geschehens, sodass alles mir Untertan ist und ich damit machen kann, was ich will oder sehe ich mich als einen Teil des Gesamten?
Im zweiten Fall hat jegliches Handeln eine Auswirkung auf alles. Dies muss ich mir als einzelner Mensch, als Deutscher und Bewohner des Planeten Erde beantworten. Entscheide ich mich für die Sichtweise, dass ich Teil des Gesamten bin und deshalb die genannten Handlungen nicht nur für andere/s, sondern auch für mich selbst Schaden anrichten, muss ich es einstellen. Sollte es sich bei mir nicht um einen Anhänger einer der Buchreligionen sein, die sich auf dem Stand von vor 2000 Jahren befinden, wird mir die Logik keine Wahl lassen. Dann erübrigt sich das Verweisen auf andere und ihre Missetaten.

Der Hambi wurde geräumt. Die dahinter steckende Entscheidung liegt auf dem Tisch. Der Mensch steht im Mittelpunkt von allem und darf sich das Recht herausnehmen, zu seinen Gunsten alles platt zu machen. Da ich der Logik der Wechselwirkung zustimme, folgen darauf komplexe Auswirkungen. Auf all die Menschen, die dort eine Rolle spielten, auf das Ökosystem, die weitere gesellschaftliche Grundhaltung und noch einiges mehr. All das Gerede über eventuelle mögliche technische Lösungen, Anpassungsmaßnahmen, einen Markt, der alle Probleme regeln wird, sind Symbole für die menschliche Hybris.
Wir, die Krönung der Schöpfung, die Lieblinge eines imaginären Gottes, mit unserer zeitlich eher lächerlichen Existenz und überschaubaren Wissen bezüglich der komplexen Zusammenhänge, werden dazu in der Lage sein, einen menschlichen Masterplan zu entwickeln. Bezeichnend ist dabei, dass Gemeinschaften, die an Naturgötter glauben, diese Haltung nicht einmal ansatzweise zeigen. Innerhalb weniger hundert Jahre veränderten wir ein seit Millionen Jahren andauernden Prozess. Ein Leben ist in diesem Zusammenhang nichts.
Da wir aber eine Spezies mit der Fähigkeit der Weitergabe von Sichtweisen, Wissen, Lebenshaltungen, sind, können wir ein paar tausend Jahre überbrücken. Nach dem bisherigen Wissensstand, können in dem Umfeld, welches wir gestalteten, am Ende für lange Zeit nur Bakterien überleben, wenn nicht gar das komplette Lebenssystem ausradiert wird. Lange vorher, werden immer mehr Regionen des Planeten unbewohnbar und die dort Lebenden müssen flüchten. Teilweise findet dies bereits statt. Urbane Regionen in Küstennähe müssen verlegt werden. Auch hierzu gibt es in einigen Mega-Metropolen bereits Pläne. Das komplette Handelssystem einschließlich vernetzter Lieferketten für Nahrungsmittel brechen nach und nach zusammen. Wie sich die komplexen Ökosysteme nachteilig, auch für den Homo sapiens entwickeln, weiß niemand genau. Eine Zeitlang werden sich reichere Staaten mittels technischer Hilfsmittel der Folgen erwehren können, doch die nicht abwendbaren Konflikte, reißen am Ende auch sie ins Verderben. Vielleicht wird man auf eine Abriegelung setzen. Doch fest steht dabei, dass hierdurch dystopische Bilder entstehen, die der Bevölkerung verkauft werden müssen.

Ich werde nur noch die Anfänge erleben. Insofern spielt eine weitere Haltung eine Rolle. Darf sich eine Spezies, die sich in der Lage befindet, dessen bewusst zu werden, dies herausnehmen? Augenscheinlich scheinen Teile der Population diese Auffassung zu vertreten. Wer weiß, vielleicht ist diese Hybris eine logische Folge von der Entwicklung einer Intelligenz, wie wir sie entwickelten. Einige Wissenschaftler gehen so weit, dass es genau aus diesem Grunde niemals zu einem Kontakt zu anderen intelligenten Wesen nach unserem Schema kommen wird, weil die sich ebenfalls vorher auslöschen.
Dabei ist ein generelles Problem, welche Gedanken und Haltungen sich durchsetzen können. Dominant erscheinen Gier, Egozentrik, Hybris, primitives Triebverhalten zu sein, während sich das Gegenteil immer in der Minderheit befindet. Da erscheint mir der Buddhismus, der von einem zusammenhängenden Universum ausgeht, in dem die Inkarnationen der Lebensenergie keine Grenzen kennt, als die letzte wohltuende Krücke.


Ich schaue nochmals auf das letzte Standbild des Films. Zu meinem sehr persönlichen Leidwesen kommen in meinem Kopf die eingesetzten Polizeikräfte nicht gut weg. Aufs Ganze betrachtet, sind die Hambi-Aktivisten auf der richtigen Seite. Für einen kurzen Augenblick mag man den Polizisten/innen zustimmen. Noch kommt aus der Steckdose Strom, das Auto fährt, die Buchte ist warm, aus der Wand kommt sauberes Wasser, auf dem Grill liegt ein Steak, doch all das wird enden. Und sie haben diesen temporären Zustand ermöglicht. Mit ihrem Einsatz haben sie dennoch wieder einmal dafür gesorgt, dass sich die Hybris, Unvernunft, mangelnder Verstand, Gier, durchsetzte. Da ich das selbst oft genug tat, werfe ich mit Sicherheit nicht den biblischen ersten Stein. Wer weiß, wie die jungen Beamten/innen später einmal ihre Rolle sehen werden.
Zu allem kommt der psychologische Effekt der Kognitiven Dissonanz hinzu. Das Großhirn will sich gut fühlen. Zu dumm, wenn die Fähigkeiten Verstand und Vernunft einen Strich durch die Rechnung machen. Beide wissen ganz genau, dass die momentane Handlung im Widerspruch zu dem ist, was richtig ist. Also werden alle erdenklichen Strategien gefunden, die diese Dissonanz zwischen eigenem Anspruch und Realität wieder ins Gleichgewicht bringt. Nein, ich will keinen Tieren Schmerz zufügen oder sie töten. Aber die ich esse, sind erstens bereits tot und außerdem wurden sie eigens zum Verzehr gezüchtet. Am besten wird danach gleich noch eine Dose für die Katze oder den Hund geöffnet, um sich danach bei einer Dokumentation über chinesische Märkte mit niedlichen Hunden zu gruseln. Immer gut funktioniert das Verweisen auf andere und ihre Missetaten. “Sicher ist hier nicht alles OK, aber was ist denn mit den mit China und Indien?” Natürlich kennt jede/r PR-Berater/in diesen Effekt. Sei es in der Wirtschaft, Politik, Werbung oder im Speziellen in der Klimapolitik, überall werden Lösungen zur Bewältigung der Dissonanz angeboten. Mit dem 1,5 Grad-Ziel wurde ein Anker gesetzt. Würde dieses rein theoretisch eingehalten werden, wäre doch alles in Butter. Oder? Die 1,5 Grad wurden längst als zu ambitioniert deklariert und auf 2 Grad erhöht. Dabei wäre es ratsamer, völlig unabhängig von der Gradzahl alle Kräfte und Möglichkeiten aufzubieten. Wo wir dann landen, wird sich zeigen. Doch nunmehr 2 Grad bieten den komfortablen Zustand an, den Lifestyle der industrialisierten Länder halbwegs aufrechterhalten zu können. Die Inseln und ärmeren Küstenstaaten auf der südlichen Hemisphäre werden dabei eiskalt geopfert. Aber auch hierfür gibt es eine Besänftigung der Dissonanz. Wir zahlen den einfach Geld. Und Geschenke, Spenden, machen sich für das Gewissen immer gut.
Auch beim “Hambi” funktioniert es. Die scheußlichen Narben werden für viel Geld renaturiert. Überall entstehen tolle Seen, an denen sich dankbare Tiere ansiedeln und selten gewordene Pflanzen wachsen. Verschwiegen wird, dass die Zersiedelung und das Auseinanderreißen von den Arten, wenn sie nicht gerade flugfähig sind, nicht überbrückt werden können. Selbst die Vögel haben keine echte Chance, weil ihnen wiederum die anderen Arten fehlen. Natur ist halt kein Haus, welches sich ein Architekt nach dem jeweils gerade herrschenden Zeitgeist ausdenkt. Der Hambacher Forst hieß einst Bürgewald und hat ewige Zeiten hinter sich. Bis in die 70er hinein stand er unter Verwaltung und Hege der anliegenden Gemeinden. Bis dann 1978 RWE auf der Bildfläche erschien, den Wald gestützt von einer SPD Landesregierung kaufte und mit den Rodungen begann. Zur Erinnerung: Der Bericht des Club of Rome – Die Grenzen des Wachstums, erschien 1972. Erwähnenswert ist dabei, dass ein alter Wald, vor allem mit Buchen und Eichen, erheblich mehr CO₂ aus der Atmosphäre holt, als z.B. ein junger Fichtenwald.[1]https://www.wald.de/waldwissen/wie-viel-kohlendioxid-co2-speichert-der-wald-bzw-ein-baum/.
Nach all den Anstrengungen, sich das eigentlich Falsche irgendwie schönzureden, kommen einige “Rotzlöffel” plötzlich auf den Trichter, dass da einiges gar nicht zusammenpassen will. Unerhört! Was bilden die sich ein? Es gab gar keine anderen Möglichkeiten. Energiekrise, Kalter Krieg, Arbeitsplätze, Energieversorgung, was wissen die schon davon? Denen würde es nicht ansatzweise so gut gehen, wenn wir dies damals nicht alles in die Wege geleitet hätten. Nun, ich bin 56 Jahre und kann mich sehr gut daran erinnern, dass auch schon früher die Frage auf dem Tisch lag: “Wie weit darf der Mensch gehen und die ökologischen Strukturen zerstören, nur damit es ihm als einzelne Spezies gut geht?” Und auch schon zu diesen Zeiten wurden Kritiker als Ökos, Spinner, Freaks, Müslifresser diffamiert, um durch Herabsetzen der Kritiker die eigene Dissonanz zu überwinden. Außerdem waren die aus dieser Ökologie-Bewegung heraus entstandenen GRÜNEN gespalten. Da gab es von Anfang die Hardliner, die sogenannten Fundis und die Konservativen mit schlechtem Gewissen, die Realos. Weshalb ich die gern als grün angemalte CDUler bezeichne. Diejenigen, welche wirklich und wahrhaftig überzeugt waren, wandten sich ab und wählten den Weg des gesellschaftlichen Ausstiegs.
Heute, in einer Zeit, wo die Folgen der Zerstörungen immer sichtbarer werden, wächst das Missverhältnis zwischen dem bürgerlichen Anspruch, dem tatsächlichen Verhalten und Folgen, sowie die Abwehr der wirklich notwendigen Maßnahmen, die erhebliche Einbußen bedeuten. Die Herabwürdigung der Aktivisten/innen, ob sie sich in der Rettung von Flüchtlingen engagieren, auf Straßen und Rollfeldern festkleben, Bäume besetzen, ist unter der Berücksichtigung des beschriebenen Effekts leicht nachvollziehbar. Vor allem, weil damit in Deutschland auf fast jeder politischen Ebene gearbeitet wird. Ich weiß nicht, ob es wirklich so ist, aber ich denke, dies sind immer noch Nachwirkungen des III. Reichs. Es schmerzte, lange als die Barbaren Europas gesehen zu werden. Ab ’45 hatte man doch zumindest in der BRDeutschland alles richtig gemacht. Entwicklungsgelder, anderen Staaten Geld für die Unterbringung von Flüchtlingen gezahlt, einen Rechtsstaat aufgebaut, sich mit den Guten gegen die Schurken verbündet, Filteranlagen, sichere Atomkraftwerke, erfolgreich den sauren Regen “bekämpft”, daran mitgewirkt, dass das Ozonloch sich nicht ausbreitet, usw., usw. Nette Erzählungen, die jeder Deutsche gern glaubt. Aber ich werde sie hier nicht auseinandernehmen. Fest steht: Jede/r, die/der es bisher tat, durfte und darf sich von der gesamten bürgerlichen Meute inklusive der gesamten dazugehörigen Presse einiges anhören, was nicht selten unappetitlich wird. Wie erwähnt, ist das Herabwürdigen des Kritikers ein probates Lösungsmittel. Spinnern, Links versifften, Freaks, Öko-Terroristen, Fanatikern, langhaarigen Gammlern, weltfremden Intellektuellen muss man nicht zuhören.
Aktuelle Aktivisten/innen haben einen erheblich schwereren Stand, als beispielsweise noch in den 80ern. Propaganda oder wie man heute sagt Public Relation, hinterlässt ihre Spuren. Selbst simpelste Rhetorik verfängt in den Köpfen. Noch vor 10 Jahren machte es mich wütend, wenn ich selbst im engeren Bekanntenkreis feststellen musste, wie einige nicht mehr standhielten und begannen die Propaganda nachzuplappern. Heutzutage wende ich mich nur noch still ab. Für mich gilt bei einer Gesellschaft, was auch beim Einzelnen zieht. Wir alle machen Fehler. Größe bedeutet, sie einzusehen, sie zuzugeben und sich am Prozess der Behebung zu beteiligen. Es ist erlernbar, einzugestehen, wie falsch man lag und das miese Gefühl auszuhalten. Doch spätestens, wenn ich in den Bus einsteige oder diverse Kommentare, auch von mir bekannten Leuten lese, weiß ich, dass das nicht weit verbreitet ist. Bei einer großen Anzahl ist das Denkvermögen längst verkümmert. Sie fragen sich nur noch: “Kann man es kaufen? Kann ich es begatten? Kann ich damit prahlen oder bin ich damit “in”? Kann ich damit Spaß haben? Weder noch? Langweilig, uninteressant!”

Wie immer gilt für mich der Grundsatz: Ich kann Helligkeit nur jemanden erklären, wenn er weiß, was Dunkelheit ist. Alle Aktivisten/innen zeigen jedem, wie Engagement und Stehen zur eigenen Überzeugung aussieht. Auf die Art machen sie möglich zu erkennen, wie Apathie, dumpfes Mitmachen, die Strategien zur Überwindung der inneren Spannung aussehen. Dabei ist es egal, ob sie auf Bäume klettern, sich ankleben oder mit Farbe herum sprühen. Vielleicht machen sie nicht das Richtige, aber immerhin machen sie etwas. Völlig verblödet ist die Rhetorik, der nach ihr Handeln schädlich für eine Einsicht in die Notwendigkeit einer konsequenten Reaktion ist. Wenn Menschen mit einem Großhirn in Anbetracht des bereits Sichtbaren nicht von alleine auf die Idee kommen, sollte man auf einen baldigen Untergang dieser Gesellschaften hoffen, damit wenigstens die überleben, welche für all das nichts können. Man könnte beinahe auf die Idee kommen, dass die Völker, welche nichts mit der “zivilisierten” Welt zu tun haben wollen, von irgendwoher gewarnt wurden.




15 November 2022

Brief an die derzeit inhaftierten Aktivisten

climate sign outside blur Lesedauer 4 Minuten

Diejenigen der Letzten Generation, welche sich “noch?” in Freiheit befinden, baten auf Twitter um ermutigende bzw. aufmunternde Briefe für die 13 inhaftierten Aktivisten/innen. (Joel, Charlotte, Jakob, Wolfgang, Winfried, Jens, Nelson, Moritz, Miriam, Malte, Lars, Judith und Elena)

Ich nahm dies zum Anlass einen Brief an alle zu schreiben. Es wäre im hierfür entwickelten Formular auch möglich gewesen, einen/eine Einzelne/n anzuschreiben. Aber sie haben gemeinsam gehandelt und gekämpft, womit sie auch alle einen verdienen. Hier der von mir übersandte Brief:

An Alle


Hallo!

Zunächst meinen Respekt für das, was ihr macht. Es war voraussehbar, dass der Staat und Teile des Bürgertums reagieren, wie sie es aktuell tun. Eure Aussage und Forderungen stehen im Gegensatz zu dem, was sich viele zu Recht gelegt haben. Ich nenne es die kollektive kognitive Dissonanz. Auf staatlicher Seite stehen die faulen Kompromisse, die mit einigen Leuten aus der Wirtschaft eingegangen werden. Aber das wisst ihr ja. De facto geht es auch nicht „nur“ um das Klimageschehen, sondern um eine komplexe Haltung zum Thema Umgang mit dem Lebenssystem Erde. Mich stoßen Begriffe wie Umwelt, Umweltschutz, Klimaschutz, ab. Wir leben zusammen mit anderen Spezies in einer Welt. Da kann es keine Um/welt geben. Ebenso können wir sie nicht schützen, sondern lediglich schädigende Eingriffe einstellen. Dies gilt so auch für das Klima. Schutz spiegelt die Arroganz wieder, mit der sich der Mensch ins Zentrum setzt und alles darf von ihm in Mitleidenschaft gezogen werden bzw. hat ihm zu dienen.
Ich bin Mitte der 60er geboren und erlebte deshalb die komplette Entwicklung seit der ersten Veröffentlichungen des Club of Rome. In den 80ern waren es die großen Umweltskandale, die Anti – AKW Bewegung und die Friedensbewegung. Damals wie heute hieß die Antwort vielfach: Haftstrafe, Geldbuße, Repressalien. Industrie und Politik gingen und gehen immer nach dem gleichen Schema vor. Es werden erst einmal irgendwelche Sauereien veranstaltet, bis ihnen jemand auf die Schliche kommt und sich Protest meldet. Irgendwann wird der Druck zu groß. Dann stellen sie ihr Handeln ein, um es dann im Nachgang als heroische Leistung zu verkaufen, dass sie die Produktion eingestellt oder modifiziert haben. (z.B. BASF, Schering, Monsanto u.a.). Oder sie positionieren sich mit der Aussage: „Wenn wir die Schädigung einstellen sollen, müsst ihr uns dafür Geld geben.“ Im Allgemeinen nennt sich das Schutzgelderpressung.
Ich gebe zu, dass ich ich nicht ansatzweise Euren Mut hatte und viel zu spät verstand, dass ich „eingeatmet“ wurde und ein deutlich lauterer Protest notwendig gewesen wäre. Vermutlich hab ich auch längst aufgegeben und sehe keine Optionen. Um so wichtiger finde ich es, wenn sich doch noch einige erheben, statt dem Desaster nur noch zuzusehen. Traurig macht mich der geringe Support, den ihr von den „Jungen“ bekommt. Bei jeder Eurer Aktionen würde ich hinter Euch mindestens 100 andere erwarten, die einen Block bilden. Zumindest wäre das früher so gelaufen. Aber wer weiß, vielleicht hat die vollkommen überzogene Inhaftierung zur Folge, dass andere wach werden. Wenigstens hoffe ich das. Eins ist auf jeden Fall wichtig! Die Haft solltet ihr als eine Bestätigung dafür sehen, dass ihr an der richtigen Stelle auf die Füße getreten seid.
Ich will auch nicht unterschlagen, dass ich auf 32 Dienstjahre Kriminalpolizei zurückblicke.
(Keine Sorge, ich bin frühzeitig raus.) Terrorismus, Schwerverbrecher und auch der eine oder andere politische Wirrkopf, gehörten zu meinem täglichen Geschäft. Ergo, weiß ich, wovon ich schreibe.

Insofern empört es mich, wenn sich Leute anmaßen, in Eurem Fall von Terrorismus, Radikalisierung, Straftaten zu sprechen.
Nein, davon seid ihr weit entfernt. Eindeutiger als bei Euch, kann einem Ziviler Widerstand kaum begegnen. Da mir zwei Töchter, 26, 30, geschenkt wurden, bin ich dafür sehr dankbar. Ich bin nicht mit all Euren Strategien und Einschätzungen im Konsens. Unter Umständen denke ich an manchen Stellen noch radikaler. Wenn es wirklich noch eine Chance gibt, dann liegt sie darin, dass sich zügig eine umfassende Änderung in der Lebenshaltung aller durchsetzt. Ich sehe bisher nicht, dass sich z.B. die Millennials damit anfreunden können, Abstriche vom deutschen Way of Life zu machen. Immerhin habt ihr zwei hohe Aspekte vorgelegt: Ihr habt die körperliche Unversehrtheit und Eure Freiheit geopfert. Damit unterscheidet ihr Euch von vielen.
However, ihr seid für Eure Überzeugung hinter Gitter gelandet. Damit befindet ihr Euch in der Geschichte in bester Gesellschaft. Und wer auf der richtigen oder falschen Seite steht, entscheidet nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft. Mit diesem Risiko leben alle, die überzeugt sind und auf dieser Basis handeln. Ihr habt Euch von zahlreichen renommierten Wissenschaftlern überzeugen lassen. Dies minimiert immens Euer Risiko auf der falschen Seite zu stehen.

Eine Frage bleibt offen: Sind Eure gewählten Mittel geeignet und förderlich? Ich nehme an, ihr kennt den Godfather des Zivilen Widerstands Saul D. Alinsky und die von ihm formulierten 10 Regeln für konstruktive Radikale. (Wenn nicht, empfehle ich sie Euch wärmstens.) Ein Aktivist muss Masse hinter sich bringen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob die Euch entgegen schlagende Wut der „Bürger“ legitim und korrekt ist, sondern dass sie da ist. Wenigstens müsst ihr es schaffen, die 20 – 30-jährigen hinter Euch zu bringen. Wie, weiß ich auch nicht. Allerdings bin ich bei solchen Dingen auch nicht sonderlich kreativ. Wahrscheinlich auch schon zu alt.

Ich habe ein paar Worte mehr verloren, weil ich dachte, ihr könnt in der Haft ein wenig Ablenkung gebrauchen. Hoffentlich schreiben Euch viele. Immer mal wieder versuche ich mit Beiträgen in meinem BLOG und bescheidener Reichweite, wenigstens manchen meiner Altersklasse eine andere Sicht auf Euch zu vermitteln. Es wird ein harter Kampf, bei dem ich Eure Überzeugung teile, dass ihr tatsächlich die letzte Generation seid, die noch einmal eine vage Chance hat. Bleibt stark!

Trölle
Andreas Trölsch, Berlin
http://www.trollhaus.de

6 November 2022

Die Grenzen des Sagbaren

diverse people listening to speaker in modern studio Lesedauer 7 Minuten

“An der Stelle sind die Grenzen des Sagbaren erreicht!”, heißt es immer häufiger. Interessant ist dabei, dass die Statistik des DUDEN – Verlags das Adjektiv als selten verwendet verzeichnet. Gemeint ist dabei nicht die Schwierigkeit beim Aussprechen von Zungenbrechern, sondern der Inhalt oder die Bedeutung. Seitens Teilen der Gesellschaft werden ganze Wörter auf die schwarze Liste gesetzt. Bisweilen wird aus verbannten Begriffen ein Synonym. Aus Nigger wird bekanntlich das N-Wort. Das Problem ist allerdings, dass der/die Sprecher/in N-Wort sagt, doch es im Kopf der Hörer/innen mit großer Wahrscheinlichkeit zu Nigger übersetzt wird.
Begriffe und Bezeichnungen sind kurze Ausdrücke für umfassende Gedanken, Empfindungen, Haltungen usw. Im Beispielsfall geht es darum, dass sich die Verwender bei Menschen dazu berechtigt fühlen, eine Kategorisierung vorzunehmen. Ihrer Auffassung nach gibt es Mitglieder der Spezies Homo sapiens, denen das, was allgemein unter menschlich verstanden wird, nicht zuzutrauen ist. Deshalb ersehen sie es als legitim, diese zu biologischen Maschinen zu degradieren, mit denen sie nach Belieben verfahren dürfen. Das ist zu lang, also benutzen sie die Bezeichnung “Nigger”. Als sicheres Unterscheidungsmerkmal genügt ihnen die Pigmentierung der Haut. John Lennon erweiterte dies um Geschlechtsmerkmale und sang: “Women is the nigger of the world.” Kurz und prägnant brachte er damit zum Ausdruck, dass es ausreicht, eine Frau zu sein, um in eine niedere Kategorie einsortiert zu werden. Wer das Wort im Sinne einer Degradierung benutzt, gibt eine umfangreiche Auskunft über die eigene Gedankenstruktur. Genauso gut könnte er oder sie sich ein Schild mit der Aufschrift “Rassist” umhängen. Wir kommen nicht umhin, dass diese Haltung in der Welt ist und es im 21. Jahrhundert immer noch Anhänger/innen gibt. Die Formel lautet: Wer äußerlich anders aussieht als ich, muss sich innerlich von mir ebenfalls unterscheiden. Ganz bewusst habe ich den Begriff “entmenschlicht” umschifft. Ich kann mich nicht damit anfreunden, dem Menschen eine besondere Stellung unter den existierenden Lebewesen zuzugestehen. Kein zu Empfindungen fähiges Lebewesen sollte von einem anderen so behandelt werden, wie es Sklavenhalter, Rassisten, Mysogine u.a. Widerlinge tun und taten.

Menschen hängen sich selten freiwillig Schilder um, auf denen Auskünfte über ihre Gedankenstrukturen stehen. Obwohl sich eine erkleckliche Zahl mit ihrer Kleidung, Symbolen, Tätowierungen, quasi eins umhängen. Doch die Demonstrationen von PEGIDA, Querdenkern, Wutbürgern, zeigten uns, dass sich eine Menge Leute auf diese Art nicht zu erkennen geben. Um sie zu erkennen, sind wir darauf angewiesen, sie sprechen zu lassen. Gleichermaßen sieht es mit Leuten aus, die sich dazu berufen fühlen, das politische Geschehen zu gestalten. Erst wenn Worte wie Asyltourismus, Flüchtlingsindustrie, Sozialtourismus, Harzer, Linskversiffte, Messermänner, Merkels Goldstückchen, fallen, geben sie sich, ihre Haltung zu anderen Menschen und ihre Gedankenstrukturen zu erkennen.

Ich finde es albern, wenn sich Politiker*innen nachträglich von sogenannten Entgleisungen distanzieren oder gar entschuldigen. Soweit kommts noch, dass die sich von Schuld selbst freisprechen können. Entweder war es eine rhetorische Zielansprache an bestimmte Gruppierungen oder es kam etwas zum Vorschein, was sie vielleicht nicht zeigen wollten, aber die Wähler/innen durchaus ein Recht haben, es zu erfahren. Ich bleibe dabei: Das gesprochene Wort ist unter Umständen die einzige Chance, das authentische Ich zu erkennen. Wobei es dabei zwei Seiten gibt. Den oder die Sprecher/in und die Seite der Zuhörer. Genügend Leute neigen zur selektiven Wahrnehmung und entfernen den Kontext. Bisweilen gilt es auch zu erkennen, dass es sich nicht um eine herabwürdigende oder rassistische Aussage handelt, sondern sich die pure Hilflosigkeit einen Weg bahnt. Es existieren eine Menge Abhandlungen um die Rolle und Funktion von Witzen. Geschlechterkampf, Andersartigkeit, Machtverhältnisse, Sexualität, sind schwierige Themen, welche sich dort wiederfinden und eher was mit Verklemmungen, Hemmungen und Unsicherheit zu tun haben.

Leute, die sich aufgrund einer Masken – oder Impfpflicht in einer vergleichbaren Lage wähnen, wie die im Dritten Reich verfolgten Mitbürger mosaischen Glaubens, sollen und müssen sprechen dürfen. Der restliche Teil der Bevölkerung muss erfahren, dass es unter ihnen welche gibt, die solche wirren Schlüsse ziehen und keinerlei Verständnis dafür entwickeln, was sich damals abspielte. Es ist nicht nur eine Erkenntnis, sondern gleichfalls eine Aufforderung, an der Stelle mehr Aufklärung zu leisten, statt von einem Ablassen zu sprechen, weil doch alles so lange her ist. Dabei gilt es zu beachten, dass die Demonstranten*innen die Spitze des Eisbergs sind. Genügend Gleichgesinnte oder besser Ignoranten, Reaktionäre, gehen nicht auf die Straße. Von denen hört man eher etwas am Tresen der Stammkneipe oder am Arbeitsplatz. Sie nicht sprechen zu lassen, bedeutet gesellschaftliche Vorgänge zu deckeln.

Artikulierte Worte sind Gedanken, die nach außen dringen. Und es stimmt andersherum auch, dass Worte Gedanken beeinflussen. Das Zweite übernehmen Profis, die Worte neu erschaffen oder sie gezielt mit Konnotationen verbinden. Dem Treiben ist schwer entgegenzutreten. Maximal kann man die Leute sprechen lassen und versuchen, die manipulativ eingesetzten Verknüpfungen zu sprengen. Dafür muss man sich allerdings erst einmal selbst dessen bewusst sein. Neue Wortschöpfungen oder Begriffe aus dunklen Zeiten aus der Welt zu schaffen, ist heutzutage nahezu unmöglich. Eines schönen Tages entstand in einem Großhirn das Wort Flüchtlingsflut und es war mit dem Aussprechen in der Welt. Ich nehme es als Beispiel, weil es lange Zeit völlig unkritisch von renommierten Medienvertretern übernommen wurde. Die Bedrohlichkeit, welche sich aus der Urangst vor Fluten generiert, ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Der Punkt geht eindeutig an die Nationalisten.

Ebenso lassen sich besorgniserregende oder unliebsame Vorgänge mit harmlos klingenden Worten abschwächen. Die Nationalsozialisten führten Säuberungen durch und Putin war der nicht der Erste, der einen Krieg zu einer militärischen Spezialoperation werden ließ. Bei uns spricht man gern von einem bewaffneten Konflikt, der innerhalb eines Landes untereinander oder mit internationaler Beteiligung ausgetragen wird. In der Wirtschaft wird von Betriebsoptimierung statt Entlassungen gesprochen. Politiker reden von bürgernah und meinen tatsächlich populistisch oder gar demagogisch. Aus Korruption ist Lobbyismus geworden. In Hierarchien gibt es keine Untergebenen, sondern nur Mitarbeiter. Währenddessen aber immer noch von Vorgesetzten gesprochen wird. Ich warte noch auf den Mitarbeiter mit strukturierenden Aufgabenstellungen. Im gewissen Sinne sind diese Euphemismen die Kehrseite der Medaille. Wenn ich es nicht mit dem einem Wort sagen kann oder will, weiche ich halt aus, meine aber das Gleiche. Wenn es Grenzen des Sagbaren gibt, überwinde ich sie halt geschickt.

Für mich ist auch das Argument der Volksverhetzung eher schwach. Wer aufhetzt, benötigt ein empfängliches Publikum. Wenn in unserer Gesellschaft eine relevante Menge existiert, die sich von Demagogen, Rassisten, Faschisten, Neuen Rechten, mit Parolen und “Unsagbaren” aufhetzen lassen, sollten wir uns den ursächlichen Problemen stellen. Indem ich die Wortwahl vorgebe, schaffe ich die nicht aus der Welt. Anscheinend ist dann etwas mit den Strukturen nicht in Ordnung. Geschäftsmodelle wie der Axel-Springer-Verlag funktionieren nur, weil es genug Abnehmer für Diffamierung, Blut, Voyeurismus, Rassismus, Häme, Xenophobie, Verklemmtheit und reaktionäre Umtriebe gibt. Die politische Krise, welche von Vertrauensverlust und Trennung zwischen Bürger und einer politischen Elite geprägt ist, entstand nicht aus höherer Gewalt heraus, sondern ist dem Gebaren diverser Politiker seit den 70ern geschuldet. Gleichfalls darf sich niemand wundern, wenn sich einfache Gemüter in ihren Haltungen bestätigt fühlen, wenn sie prominente Vertreter der konservativen Parteien umgarnen. Ober schlägt Unter, Ausgrenzen, Diffamierungen, politische Gegnerschaft, statt gemeinsames Gestalten zum Wohle der Gemeinschaft, Narzissmus, Machtmissbrauch, Buckeln nach oben und Treten nach unten, Opportunismus zum Zwecke der Bereicherung und Machterhalt, erzeugen von Buhmann-Rollen und Außenfeinden, sind im politischen Deutschland Alltagsgeschehen. All dies setzt sich in der Gesellschaft fort. Wer wundert sich denn bitte, dass im Bildungssystem einiges schiefgeht, wenn alles geisteswissenschaftliche, solidarische, kritische, progressive, als böses linkes Gedankengut diffamiert wird? Oder alles auf Leistung gedrillt werden soll? Naturwissenschaften werden wieder einmal zum Treibstoff wirtschaftlichen Wachstums degradiert. Liefern sie missliebige Erkenntnisse, wie es zum Beispiel Klimaforscher, Ökologen, Biologen, tun, werden sie ignoriert. Soziologen, Politologen, Psychologen, Psychiater, (*ich gendere keine Fremdwörter) sind so lange gelitten, wie sie entweder zu Munde reden oder wirtschaftlich von Nutzen sind. Manchmal kommt mir das aktuelle Deutschland vor wie ein Komposthaufen, auf dem die alten Wurzeln neue Triebe ausschlagen. Doch all diesem mit Grenzsetzungen in der Sprache zu begegnen, halte ich für ein aussichtsloses Unterfangen. Zumal man dabei bedenken sollte, dass das keine Einbahnstraße ist. Denen, welchen ich damit die Basis nehmen will, können das auch ganz gut. Richtig ins Knie schießen sich dabei die Konservativen, wenn es um Gendern geht. Man kann trefflich über die Zweckmäßigkeit streiten, aber nun ausgerechnet aus der CDU/CSU Position heraus ein Verbot anzustreben ist lächerlich. Soll es doch jeder halten, wie sie oder er es will. Ebenso ist es albern, den Gesprächspartnern/innen ins Wort zu fallen und das Gendern einzufordern. Im Gespräch unterlasse ich es zumeist. Wer sich dann nicht mehr mit mir auseinandersetzen will, lässt es eben. Ich erinnere dabei an eine Begebenheit im Dienst. Der stellvertretende Leiter kam frisch von einem Kommunikationsseminar zurück. Dort hatte er gelernt, ICH – Botschaften, statt das allgemeine “man”, zu verwenden. Der Chef wollte nun eine Teambesprechung durchführen. Fortwährend fiel ihm der “Halbleiter” ins Wort und forderte ihn auf, statt “man” zu sagen, ins ICH zu wechseln. Die Show dauerte nicht lange und die beiden fanden sich vor der Tür wieder. Wer es annimmt, ich rate dazu, soll es tun, aber Missionare/innen und Klugscheißer/innen sind schwierige Zeitgenossen/innen. Ich kann die Argumentation der Befürworter/innen des Genderns durchaus nachvollziehen. Aber für mich selbst werden die Gespräche dann allzu sehr verkopft. Wenn dann noch der Soziologen – Campus – Slang hinzukommt, bin ich raus. Doch wer weiß, vielleicht ist am Ende wie mit dem majestätischen Plural, der auch verschwand. Sprache ist immer einem Wandel unterzogen.

Kritisch wird die Sache, wenn einige sich ausschließlich in gehobener Bildungssprache suhlen und dabei den Kontakt zur allgemeinen Bevölkerung verlieren. Und teilweise ist dies bereits der Fall. Dabei entsteht eine dieser Kluften, die wir nicht gebrauchen können. Der Klerus hatte gute Gründe sich des Lateins zu bedienen und der Adel grenzte sich mit Französisch ab. Geisteswissenschaftler sollten meiner Meinung nach den eigenen Anspruch haben, ihr Wissen in den Niederungen zu verbreiten. Abgehobene Schnösel sind bereits genug unterwegs. Ich plädiere stets dafür, dass niemand auf die Idee kommen sollte, Wissen und Vokabeln mit Intelligenz zu verwechseln. Lesen und auswendig lernen kann jeder. Wenn überhaupt, ist das Anwenden ausschlaggebend.

Zum Schluss möchte ich noch diejenigen erwähnen, welche behaupten, sie dürften nichts mehr öffentlich sagen. Die Steigerungsform sind jene, welche noch hinter hersetzen: “Dann wird man gleich als Nazi bezeichnet.” Mal ganz entspannt bleiben! Meiner Erfahrung nach finden solche Leute jede Menge Gleichgesinnte, die sich gern miteinander unterhalten. Die “Nazi-Formel” ist einer Eintrittskarte oder Referenz gleichzusetzen. Ich persönlich mag diese Nazi-Keule auch nicht. Selbst bemühe ich mich stets um eine genaue Zielansprache. Faschisten, Neue Rechte, Neokonservative, Rechts-Liberale, Neonazis, bürgerliche Spießbürger, Reaktionäre, Erz-Konservative, Ignoranten, Holz-Köpfe, Vollpfosten, Technokraten, Law&Order – Freaks, Psychopathen, Narzissten, haben ein Recht darauf, individuell angesprochen zu werden. Bedauerlich ist dabei, dass ausgerechnet jene, die von den Grenzen des Sagbaren sprechen, bei den Unterscheidungsmerkmalen über geringe Kenntnisse verfügen. Deshalb packen sie gern das Multi-Tool aus, welches ihrer Meinung nach für alles passt, was nicht auf ihrer Linie unterwegs ist. Blöd ist dabei, dass sie dabei auf dem gleichen Niveau wie die von Ihnen gescholtenen landen.
Eins fällt mir doch noch ein. Letztens mokierte sich eine junge Frau mir gegenüber, dass sie ihr Chef am Telefon “Mäuschen” nannte. Sie empfand dies völlig zu Recht respektlos und herabwürdigend. Doch selbst eine Ansage wird daran nichts ändern. Für den Kerl ist sie genau das, was sie verstanden hat. Und da er selbstständig ist, ist da auch niemand, die/der ihm einen Einlauf verpassen kann. Vermutlich wird er ihre berufliche Kompetenz nicht in Abrede stellen, aber als erfahrener älterer Mann sieht er sich von der Lebenserfahrung weit über ihr. Wenn überhaupt, wird sich das erst in ferner Zukunft verändern. Im Übrigen ist das keine rein männliche Verhaltensweise. Ältere Frauen verhalten sich jüngeren Frauen oder auch Männern gegenüber nicht anders. Ich weiß nicht, wie oft ich Frauen sagen hörte: “Ich lasse mir doch von dieser Tussi nichts über das Leben erzählen.” Tja, wir leben nun einmal in einem hierarchischen kapitalistischen System.

5 November 2022

Guter oder schlechter Egoismus?

high angle photography of people in ground Lesedauer 7 Minuten

Es ist mir ein Rätsel
Wir haben eine Gier, mit der wir uns arrangiert haben
Du denkst, Du musst mehr wollen, als Du brauchst
Bis Du alles hast, wirst Du nicht frei sein
Die Gesellschaft, verrückt, in der Tat
Ich hoffe, Du bist nicht einsam, ohne mich

Eddie Vedder, Society, Soundtrack zu: In to the wild

Ein Kommentar bei Facebook führte mich mal wieder zu Überlegungen zurück, die ich immer mal wieder anstelle. Egoismus ist ein bei uns traditionell negativ belegter Begriff. Aus meiner Sicht ist das falsch. Worum geht es denn? Ich mache mir ein Bild von der Welt. Wobei ich niemals ein Gesamtbild sehe, sondern lediglich einen Teil davon. Entweder, mir gefällt, was ich sehe, oder ich bin unzufrieden. Im nächsten Schritt kann ich mich dazu entscheiden, wie ich damit umgehe. Ist alles schön, besteht kein Handlungsbedarf. Im anderen Fall kann ich mich arrangieren, meine Ansprüche verändern oder versuchen, sie im Rahmen meiner Möglichkeiten zu verändern. Damit ist erst einmal notwendig zu erkennen und festzulegen, was mir eigentlich konkret missfällt. Was benötigt mein Ego?

Möglicherweise hadere ich mit dem Umgang der Menschen untereinander oder mir ist alles zu unruhig, aggressiv, intolerant. Oftmals wird es das eigene Schicksal sein, mit dem ich unzufrieden bin. Zu wenig Geld, Status, Gestaltungsmöglichkeiten. Zunächst kann ich mich selbst prüfen, wie angebracht meine Erwartungen sind. Unter Umständen habe ich überzogene Vorstellungen, die ich als menschliches Wesen niemals verwirklichen bzw. keinen legitimen Anspruch anmelden kann. An der Stelle wird es bei einigen kritisch. Sie fordern von der Welt mehr ab, als legitim ist. Dies ist eine Folge des Gedankens, dass der Mensch im Zentrum des Geschehens steht und sich alles um ihn herum abspielt. Diese Zentrierung findet auch im Kleinen statt. Eine Menge Zeitgenossen versuchen sich aus dem Gesamtgeschehen herauszunehmen, in dem sie sich ins Zentrum stellen und alle anderen haben ihnen quasi zuzuarbeiten. Doch das ist kein Egoismus, sondern Egozentrik!

Ich möchte ein ruhiges, friedliches, freies und ausgeglichenes Leben führen. Hierzu muss ich herausbekommen, was ich dafür in die Wege leiten muss. Wenn ich selbst in Saus und Braus lebe, während alle anderen um mich herum dahin vegetieren, darf ich mich nicht wundern, wenn es mit meinem Frieden schnell vorbei ist. Interpretiere ich Freiheit als etwas, was mich dazu berechtigt, alles Erdenkliche zu unternehmen, auch wenn es auf Kosten anderer passiert, ich sie schädige oder beschränke, werden die mir irgendwann wütend gegenüber treten. Dann werde ich Maßnahmen zur Verteidigung ergreifen müssen und es ist Essig mit der Ruhe. Also bedarf es für die Verwirklichung meiner egoistischen Ziele einer eingehenden Analyse, welche meiner Handlungen geeignet sind und welche genau das Gegenteil erzeugen. Demnach ist der reine Egoismus, die höhere Bewertung der eigenen Bedürfnisse, Ziele, Vorstellung, als die anderer Menschen nicht das Problem, sondern schwierig sind die dafür vollzogenen Handlungen und die mangelnde Weitsicht, wie sich das nach und nach fortsetzt.

So wie ich das sehe, lebe ich in einem Teil der von mir sichtbaren Welt, die von Leistung, Haben, Konkurrenz, überzogenen bzw. illegitimen Ansprüchen, ständigen gegenseitigen Beweisen, Bewerten, Messen und kognitiver Dissonanz geprägt ist. Alles Aufgezählte mündet meiner Beobachtung nach in einem Zustand, der sich mit meinen egoistischen Ansprüchen ans Leben nicht verträgt. Nun vermag ich aber nicht andere zu ändern oder sie davon zu überzeugen, endlich von diesem Treiben abzulassen. Eine alte Weisheit besagt: “Du kannst immer nur genau einen Menschen verändern: Dich selbst!” Die einzige Option, die mir bleibt, ist ein Handeln, welches wenigstens geeignet ist, die von mir erwünschten Ziele zu erreichen und alles zu unterlassen, was eher das Gegenteil hervorrufen wird. Eine Handlung kann auch das Herausgehen sein. Im Konfliktmanagement lernte ich, dass dies sehr wirkungsvoll sein kann. Verlasse ich das Konfliktfeld, gibt es keinen mehr, weil ein Part fehlt. Der oder die andere kann gern weiter sein Ding machen, aber ohne mich. Manch einer mag dies Konfliktscheu nennen und anmerken, dass sich dann auch nichts ändern wird. Gut, da bin ich sehr egoistisch. Im Buddhismus gibt es die Aussage: Führe Dein Leben, wie ein vermögender Reisender. Vermeide schlechte Begleitung, die Dich möglicherweise in einen Hinterhalt locken will und gehe nicht auf dunklen, unübersichtlichen Wegen. Um mit dem einen oder anderen reden zu können, müsste ich diese Maxime über Bord werfen. Ich bin lange genug mit üblen Zeitgenossen auf äußerst schwierigen Wegen unterwegs gewesen. Henry Miller stellte in einem seiner Bücher fest, dass es sinnvoller wäre, wenn alle Menschen erst einmal versuchen würden, selbst glücklich werden. Zufriedene und glückliche Menschen haben auf andere einen besseren Einfluss, als mies gelaunte Unsympathen. Ich denke da ist genauso viel Wahres dran, wie die Taktik, seine Kräfte dafür zu nutzen, das Gute zu unterstützen, statt sie beim Kampf gegen das Schlechte zu vergeuden. In der Regel stärke ich damit das Schlechte.

Egoismus hat auch immer etwas damit zu tun, was ich denn eigentlich für mich selbst anstrebe. Oftmals ist es der Wunsch besser gestellt zu sein, Macht über andere zu erlangen, möglichst viel zusammenzuraffen, die notwendigen Mittel zu besitzen, um von anderer Seite geweckte Bedürfnisse zu befriedigen. Zeitgenossen mit diesen Bedürfnissen, wissen ziemlich genau, was sie dafür anstellen müssen. Den meisten damit beseelten unterläuft ein entscheidender Fehler. Sie gehen davon aus, dass dies alle anderen auch wollen, woraufhin sie von sich auf andere schließen. Bis zur Egozentrik ist es dann nicht mehr weit. Reden ist immer verräterisch und noch mehr gilt dies für Leute, die Macht innehaben. Sie versuchen damit allem einen Drive zu geben, der ihnen gefällt. Wenn in der aktuellen Bürgergeld-Debatte Konservative darüber sprechen, dass die Leute ohne den Anreiz des Geldes nichts für die Gemeinschaft leisten würden, ist dies ein Rückschluss aus dem eigenen Verhalten. Aus ihrer egozentrischen Betrachtung heraus, kommt ihnen gar nicht in den Sinn, dass andere eventuell völlig anders unterwegs sind. Ich selbst habe diesen Fehler eine lange Zeit mit meinen Töchtern gemacht. Ich unterstellte ihnen präventiv, dass sie mindestens die gleichen Aktionen bringen, wie ich sie einst unternahm. Dabei übersah ich ihre Individualität und die Option, dass sie vollkommen andere Ideen verfolgen.

Im Ergebnis ziehe ich den Schluss, dass es für die Befriedigung meines Egos und was ich will, notwendig ist, alles zu stärken, was ich befürworte. Den notwendigen Kraftaufwand für die Veränderung der mir schädlichen erscheinenden Lebenshaltungen anderer kann ich mir sparen. Um ermitteln zu können, welche meiner Verhaltensweisen förderlich sind, bedarf es einer Alterozentrierung. Will ich Frieden, sollte ich darauf achten, was im Gegenüber los ist und wenigstens versuchen, mich in die Lebensrealität des anderen zu versetzen. Treffe ich auf Menschen, die innerlich vergiftet sind, werde ich sie meiden. In der Regel setzen sie alles dran, ihre Mitmenschen von der Richtigkeit ihrer Weltsicht zu überzeugen, der nach alle mehr haben wollen, dabei in Konkurrenz zueinander stehen und ausschließlich darüber zu motivieren sind. Ich habe mir dabei ein naturwissenschaftliches Prinzip zu eigen gemacht. Lerne ich auch nur einen einzigen Menschen kennen, der anders ist, habe ich den Beweis, dass Menschen zu anderem fähig sind. Ich kenne nicht einen, sondern einige! Leute, mit denen ich nicht zwingend sprach, sondern es lebten. Wenn die dann auch noch auf die Idee kamen, mit mir zu sprechen, war ich ziemlich stolz.


Aus dieser Haltung heraus unterstütze ich zumindest hier und in Kommentaren die Klima-Aktivisten. Egal, ob sie sich auf die Straße, an Häuser oder Gemälde kleben. Aus meiner Sicht sind sie die Guten. Tragisch empfinde ich die mangelnde Unterstützung seitens der betroffenen Altersgenossen/innen. Es sollten Hunderte sein, die die Straßen blockieren. Jede/r unter Dreißig sollte verstehen, dass es da ums eigene zukünftige Schicksal geht. Zum künstlichen Aufschrei bezüglich der verstorbenen Radfahrerin schrieb ich bereits einen Beitrag. Im Nachhinein wurde ich bestätigt. Die eingesetzte Rettungsmedizinerin hatte sogar das Spezialfahrzeug ab alarmiert. Die Boulevardpresse roch in diesen Tagen wieder einmal nach Pechfackeln, säuerlichen Mob, Teer und Federn. Ein besorgniserregender Vorgang. Wie oft musste bereits jemand sein Leben lassen, weil BILD und Konsorten aufhetzten?
Es gibt tatsächlich Leute, die den Klima-Aktivisten/innen einen negativ konnotierten Egoismus vorwerfen. Egoismus lasse ich allerdings gelten. Sie wollen für sich ganz persönlich eine Zukunft. Dem steht der Egoismus derjenigen entgegen, die im Hier und Jetzt gut leben wollen.

Bezüglich der Aktionen im Zusammenhang mit den Kunstwerken überkommt einen ein spontaner Schmerz. Allein schon, weil wir bereits in der Kindheit lernten, alte Werke zu ehren oder zu bewundern. Aber was geht da im Kopf vor? Vor langer Zeit stellte ein/e Malerin, Bildhauer/in die Fähigkeit der menschlichen Kreativität unter Beweis. Oftmals im Auftrag reicher Kaufleute, Fürsten oder hoher Geistlicher. Später kam der Egoismus dazu. Viele Künstler sind davon getrieben, sich und ihr Inneres auszudrücken. Dabei entstanden bemerkenswerte Werke und gleichzeitig eine Menge Zeug, welches nur teuer gehandelt wird, weil ein angesagter Name darauf steht. Picasso heizte zusammen mit Freunden das Atelier mehrere Winter mit Gemälden. Lange Zeit wären die Menschen niemals auf die Idee gekommen, alten Kram, wenn er nicht der Wissensweitergabe an die nächste Generation diente, aufzuheben. Ziemlich oft wurden Gemälde seitens der Obrigkeit zerstört und gleich noch zusätzlich die Maler ins Gefängnis geworfen. Bei jemanden wie Picasso könnte ich mir gut vorstellen, dass ihm die Aktionen gefallen würden. Wenn ich es richtig verstehe, geht es bei den Aktionen um das Erzeugen von Empörung, die das Thema Klima und die andauernde Untätigkeit dauerhaft am Köcheln halten soll. Das funktioniert auf jeden Fall. Und was ist schon passiert? Die Bilder selbst wurden nicht in Mitleidenschaft gezogen. Nicht einmal die Rahmen sind wirklich zerstört worden. Am Ende geht es mal wieder um schnödes Geld. Sollen sie es sich von einem Hansel holen, der Millionen dafür ausgibt, damit er es sich in den Tresor legen kann. Da finde ich den Anspruch der “Kleber” schon hochwertiger. Und die sich empören, sind zumeist Leute, die niemals ein Museum von Innen sahen, sich mit der Historie des Bildes beschäftigten, oder ohne Hirn und Verstand davor stehen und “Ah” und “Oh” machen. Mal schauen, was die machen, wenn es richtig losgeht.


Den Egoismus als etwas Negatives darzustellen, ist mit Sicherheit auch dem Denken einiger Ideologen geschuldet, die auf Volksgemeinschaften, Nationen und geeinte Gesellschaften setzen. Was soll ich als Mächtiger mit Leuten anfangen, die ihre eigenen Belange, Lebenshaltung und Überzeugungen für wichtiger erachten, als meine Vorgaben? Man stelle sich Soldaten vor, denen das eigene Leben wichtiger ist, als das Schicksal einer Nation. Egoismus ist ein wirksamer Schutz vor Burnout. Erst wer begreift, dass die Aufgabe der eigenen Bedürfnisse in die Krankheit führt, wird gesund leben. Einigen Arbeitgebern missfällt dies. Lieber sind ihnen austauschbare Leute und hoch technisierte Arbeitsplätze, an denen jeder die gestellten Aufgaben bewältigen kann, die ebenso ein dressierter Bonobo hinbekommt. Für mich gehen Egoismus und Freiheit Hand in Hand. Beides kann nicht ohne Verantwortungsübernahme und die Akzeptanz der Grenzen eines anderen, inklusive aller anderen Spezies funktionieren.
Oftmals wird dem Egoismus der Altruismus gegenüber gestellt. Für mich existiert der schlicht nicht. Es gibt kein menschliches Handeln ohne ein Motiv. Helfe ich einem anderen Menschen, beruhige ich mein Gewissen oder will mich gut fühlen. Das ist purer Egoismus! Warum auch nicht? Das Motiv zu helfen und sich daraufhin gut zu fühlen, ist tief in uns verankert. Wer dies nicht verspürt, sollte sich therapeutische Hilfe suchen. Wer sich beispielsweise auf die Straße stellt und “Absaufen” skandiert, hat ernsthafte Probleme. Ebenso wie jemand, der seine Befriedigung über Quälen, Schlagen, erlangt. Wenn mit dem Ego etwas nicht in Ordnung ist, dann wird aufgrund dieser Prämisse, auch der Egoismus zu etwas problematischen. Im Übrigen gilt dies auch für Leute, die sich bei Klimaaktivisten in Gewaltfantasien ergehen oder gar vor Ort gewalttätig werden. Eine Verzögerung über die Unversehrtheit zu stellen, gibt viele Informationen über den geistigen Zustand. Aber es gibt Hoffnung, weil man dagegen etwas tun kann. Ich spreche da aus Erfahrung.

2 November 2022

Man denkt Deutsch

cars on highway in traffic Lesedauer 7 Minuten

Vor einigen Wochen traf ich abends in einem Lokal mit einer in Deutschland lebenden iranischen Autorin zusammen. Im Zuge unseres Gesprächs fragte sie ich, was ich als typisch deutsch empfände. Neben einigen anderen Aspekten antwortete ich: “Bei uns wird für alles auf eine sehr eigene Art und Weise immer ein Verantwortlicher gesucht. Verkehrsunfall, umfallende Bäume, Straßenglätte, Brände, Blitzschlag, Schäden durch Starkregen, Verbrechen, Terror – egal! Wenn es zu einem Unfall kommt, muss de facto ein Fehler vorangegangen sein, sonst wäre er nicht passiert. Und wenn der nicht unmittelbar bei den Beteiligten zu finden ist, liegt der Schwarze Peter bei einer Behörde, die nicht die richtigen Schilder aufgestellt hat. Oder noch besser wird es auf Landstraßen. Gurkt dort einer gegen einen Baum, ist der Baum Schuld und im Nachgang wird die Allee abgeholzt. Schlägt der Blitz ein und alles verschmort, muss es am Installateur gelegen haben. Wir bezichtigen auch nicht all diejenigen, inklusive uns selbst, die mit ihrem Way of Life das Klima negativ beeinflussen, sondern den dummen Architekten, der dies nicht berücksichtigte. Fällt ein Einbrecher im Garten in eine unbedeckte Grube, ist der Hausbesitzer schuld, weil er sie nicht gesichert hat. Nicht der Verbrecher ist der alleinige Übeltäter, sondern gleichsam die Polizei, welche ihn nicht stoppte. Kommt es zu einem Terroranschlag und der Terrorist stirbt, müssen Mitglieder einer Behörde für die Tat herhalten.”
Im Grunde genommen bewegen wir Deutsche uns in der Weltgeschichte wie kleine Kinder, die im Gegensatz zu einem Erwachsenen nicht umsichtig auf sich selbst Acht geben können. Gleichsam sind wir nicht dazu in der Lage, das Leben mit all seinen Tücken, Gefahren, Widrigkeiten, hinzunehmen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. In die gleiche Kategorie fallen Eltern, die sich an einem Waldrand ein Haus kaufen und sich darüber mokieren, dass sich dort Waldtiere herumtreiben, die die eigenen Ableger gefährden könnten. Also muss der Jäger kommen und alles über den Haufen knallen, was größer als ein Kaninchen ist.


Am Morgen des 31. Oktober 2022 ereigneten sich in Berlin mehrere Geschichten. In der einen geht es um einen tragischen Verkehrsunfall. Eine Frau geriet mit ihrem Fahrrad unter die Räder eines Betonmischers. Wie es dazu kam, ist öffentlich nicht bekannt. Vielleicht lag es an einem Fahrfehler des Fahrers. Möglich ist auch eine Unaufmerksamkeit der Radfahrerin. Oder beide haben dazu beigetragen. An der Stelle schreien bereits die ersten Deutschen auf. Stichwort: Opferumkehr! Es besteht eine große Diskrepanz zwischen einer rechtlichen Betrachtung und dem echten Leben. Will ich in einer Großstadt leben oder besser ausgedrückt, überleben, kann ich weder ständig auf mein Recht pochen, noch davon ausgehen, dass alle anderen alles korrekt machen und ihre Hausaufgaben machten. Ich muss meine Augen aufhalten und wachsam bleiben. Mich wundert dabei, dass in einer Zeit von Kopfhörern und Smartphones nicht deutlich mehr passiert. Gute Kraft- und Radfahrer haben stets im Kopf, dass die anderen Fehler machen und versucht sie vorauszusehen. Im Nachgang kann ich den oder die andere/n immer noch vor den Kadi ziehen. Aber erstmal habe ich mich selbst gerettet. Jedenfalls lag diese Frau nun lebensgefährlich verletzt unter dem Betonmischer. Berlin befindet sich in der luxuriösen Lage, für derartige Fälle über ein Spezialeinsatzfahrzeug der Feuerwehr zu verfügen. In diversen ländlichen Gebieten unvorstellbar. Vollkommen ausgeschlossen in 90 % der restlichen Regionen dieses Planeten. Jetzt steht die Behauptung im Raum, dass die Feuerwehr kausal und den Aktivisten vorwerfbar verspätet eintraf. Es dürfte sich interessant gestalten, wie der Nachweis zu erbringen ist, dass sie sonst mit absoluter Sicherheit früher eingetroffen wäre. Nach meinem Verständnis ist dies unmöglich. Es kann nicht einmal bewiesen werden, dass ohne die Aktivisten kein Stau aus anderen Gründen zustande gekommen wäre.

Nach dem Unfall passierte eine zunächst separat zu sehende Geschichte. Ein Unbekannter nahm den Unfall zum Anlass, den Fahrer des Betonmischers mit einem Messer zu attackieren. Mehr ist dazu öffentlich nicht bekannt. War es ein anderer Radfahrer, der sich über das Geschehen so sehr aufregte, dass bei ihm die Sicherungen durchbrannten? Ein durch die schon seit längerer Zeit vergiftet geführte Debatte bezüglich des Berliner Straßenverkehrs aufgestachelter Mann? Oder ein Passant? All dies werden Ermittlerinnen und Ermittler zu klären haben. Vielleicht gibt es auch gar keine Kausalität?

Auf einer der möglichen Anfahrtsstrecken, die der Fahrer oder Fahrerin der Feuerwehr nehmen konnte, herrschte ein Stau auf der BAB100. An diesem Tag verursacht von Aktivisten, die das Unterlassen von schädlichen Eingriffen ins Klimageschehen einfordern und mit ihren Aktionen die Politik zum Handeln zwingen wollen. In Berlin ist auf dieser Autobahn mit Einsetzen des Berufsverkehrs quasi immer Stau. Und da die wenigsten Autofahrer und Fahrerinnen in der Fahrschule aufpassten, sind Rettungsgassen ein seltenes Ereignis. Mit anderen Worten: Für einen Stau braucht es nicht die Aktivisten. Was die Besatzung des Spezialfahrzeugs veranlasste, sich trotzdem für die Bahn zu entscheiden, weiß ich nicht. Auf der Bahn benötigt ein Fahrzeug ohne Sonder – und Wegerechte vom Bereitstellungsort Hauptfeuerwache (wenn das Fahrzeug dort stand!) normalerweise 11 Minuten und bei einer Fahrt abseits der Bahn 16 Minuten. Mit Blaulicht und Martinshorn verändern sich die Zeiten natürlich. Ich weiß nicht, wie viele Fahrzeuge dieser Art die BFW hat, aber bei der Finanzlage Berlins vermute ich ein einziges oder maximal zwei. Ergo, hätte es auch überall woanders stehen können oder schlimmsten Falls an einem anderen Ort eingesetzt sein können. Jedenfalls kommen da einige mögliche Parameter zusammen. Im Prinzip läuft es auf “Hätte, hätte, Fahrradkette!” und auf an anderen Orten des Planeten geltendes “Kismet!” hinaus.

Doch alle drei Ereignisse fanden in Deutschland statt. Menschen an sich sind ohnehin Opfer eines evolutionär bedingten Denkfehlers. Sie verknüpfen stets Ereignisse zu einer einzigen Erzählung. Es erscheint uns vollkommen logisch, dass das eine anderes nach sich zieht. Wenn das so wäre, würde sich das Chaos ordnen lassen und mittels eines noch zu konstruierenden Computers zuverlässige Aussagen über die Zukunft treffen lassen. Ich treibe es mal auf die Spitze: Wie viele Menschen kamen durch den Stau nicht dazu, etwas zu tun, was unter Umständen schlimme Folgen nach sich gezogen hätte? Wir wissen es nicht, die wissen es nicht und niemand wird es jemals erfahren. Doch im deutschen Denken ist dies alles nicht vorgesehen. Ordnung fabriziert Sicherheit und wer sie stört, ist eine Gefahr. Ein Mensch ist unter Millionen anderer zu Schaden gekommen. Wenn alles seinen ordentlichen deutschen Verlauf genommen hätte, wäre dies nicht passiert. Somit muss an irgendeiner Stelle die Ordnung durcheinander gebracht worden sein. Moment! Richtig, da gibt es doch noch diese nervigen Aktivisten, denen man praktischerweise endlich etwas unter wuchten kann.

Ich schrieb bereits einige Male über eine Begebenheit, die mich nachhaltig zum Nachdenken brachte. Am Strand einer malaiischen Insel stürzte vor 2 Jahren eine Palme auf zwei Chinesinnen und einen jungen Malaien. Die beiden Frauen wurden verletzt und der Mann erschlagen. Die Feuerwehr hätte viel zu lange gebraucht, also wurden die Frauen mit einem Taxi ins Krankenhaus gefahren. Um die 30 Minuten später rückten zwei Polizisten an. Sie schauten sich alles an und mit vereinten Kräften einiger Beschäftigten aus umliegenden Bars, zogen sie den Leichnam unter der Palme hervor. Ich selbst wurde Zeuge vom ganzen Geschehen. Nicht nur das. Dort wo die gesessen hatten, saß ich häufiger selbst. Deshalb ging mir einiges durch den Kopf. “Hätte, hätte, hätte!” An diesem Abend saß ich in unmittelbarer Nähe am Tresen und bestellte mir einen Schnaps. Der Besitzer der Bar fragte mich, was mit mir los sei. Etwas irritiert fragte ich, ob ihm die ganze Aktion nicht zu denken gäbe. Dabei zeigte ich auf die von uns 10 Meter entfernt liegende Leiche. Seine Antwort: “Weder Du noch ich hatten eine Verabredung mit der Palme. Der Junge da schon. Wir leben weiter, bis unsere Verabredung ansteht.”
Am Vormittag des nächsten Tages waren alle Spuren der Tragödie beseitigt. Niemand prüfte das Wurzelwerk der Palme und ob sie von der beauftragten Firma ordnungsgemäß eingesetzt wurde. Keine Ermittler kamen, um mittels Zeugen zu klären, ob vielleicht jemand gegen gefahren war oder ob es überhaupt zulässig ist, dass sich Leute im Fallbereich von Palmen aufhalten. Mit Sicherheit wird auch keiner auf die Idee gekommen sein, die Standsicherheit des Baumes zu prüfen. Niemand muss dies toll finden. Doch es ist der unumstößliche Beweis, dass man alles auch ganz anders angehen kann.

Selbstverständlich ändert sich alles, wenn jemand vorsätzlich einen Erfolg herbeiführt oder mit halbwegs verständigen Überlegungen darauf kommen kann, dass ein konkreter Schaden bei einem bestimmbaren Objekt oder Person eintreten wird. Auf den Betonmischer und die Aktivisten angewendet, bedeutete dies eine konkrete gezielte Blockade der Zufahrtsstraße. Aber eine Verantwortlichkeit für alles, was in dieser Stadt passiert, weil jemand aufgrund eines Staus nicht plangemäß an Ort und Stelle ankam, ist absoluter Blödsinn. Erst recht, wenn mit der Bildung einer Rettungsgasse alles ganz anders gelaufen wäre. Ich will gar nicht damit anfangen, dass in dieser Stadt im 21. Jahrhundert etwas schiefläuft, wenn sich im Berufsverkehr jeden Tag eine Blechlawine hindurch wälzt. Daran sollten vielleicht mal einige nachdenken, die von einer kritischen Infrastruktur reden. Natürlich könnte die Antwort aus noch mehr, breiteren, größeren, Straßen bestehen. Mir kommt dabei allerdings der Gedanke, dass Fahrzeuge immer noch tote seelenlose Maschinen sind. Ich persönlich bin nicht bereit, Leblosem den Vorzug vor dem Lebendigen einzuräumen. Bemerkenswert ist dabei, dass lediglich knappe 90 Jahre deutsche Auto-Kultur (Ich nehme als Eckpunkt den ersten Volkswagen) einer viel größeren Zeitspanne der Stadtentwicklung gegenüber stehen. Spannend sind auch Formulierungen wie “Auto-Liebhaber” oder “Auto-Hasser”. Lieben und Hassen liegen eng beieinander, sollten aber Emotionen sein, die sich auf Lebendiges beziehen. Jeder kann sein Sexualleben ausleben (Einvernehmlichkeit vorausgesetzt), aber die Liebe zu toten Gegenständen ist schon ein wenig speziell.
Gebildet wird die Lawine von Fahrzeugen, in denen völlig überforderte Leute sitzen. So ziemlich jede schlechte Charaktereigenschaft und Großstadtneurose erfährt durch eine Tonne und mehr Metall nach außen hin sichtbare Verstärkung. Das ist eine der schönen Seiten des Kapitalismus. Eine ganze Menge Mitmenschen offenbaren uns über ihr Auto, Fabrikat, Form, Ausstattung, eine Menge über sich selbst. Die Designer und die Industrie bedienen nahezu alle Bedürfnisse.
Käme jemals jemand auf die Idee, die rechtlich mögliche Entziehung einer Fahrerlaubnis wegen charakterlicher und wesensbedingter Unfähigkeit konsequent umzusetzen, müssten dreiviertel der Verkehrsteilnehmer aufs Fahrrad umsatteln. Und selbst beim Fahrrad hege ich noch Zweifel.


Das System wehrt sich und mich erschreckt ein wenig, dass die Presse durchgehend beteiligt ist. Die Aktivisten zu beschuldigen, ist eine fadenscheinige Rhetorik. Klima? Ja, Ja, alles ganz schlimm, aber man darf es auch nicht übertreiben. Immerhin hat es für viele Lebewesen auch Vorteile. Man nehme zum Beispiel die Kraniche. Früher mussten die armen Tiere über lange Strecken in den Süden fliegen. Jetzt bleiben viele hier, weil es bei uns warm genug wird. Wer weiß, vielleicht bleiben dann die Deutschen auch hier. (Muss derjenige sagen, der sich irgendwann wieder auf asiatischen Inseln herumtreibt!) Ich nehme die Kritik an. Angebot meinerseits: Alle, Politik, Industrie, arm, reich, ziehen alle an einem Strang. Dann steige ich nicht in den Flieger. Doch solange es darauf hinausläuft, dass auf Sicht alles an die Wand gefahren wird und zu viele Zeitgenossen den Hals nicht voll genug bekommen, verziehe ich mich ab und zu dahin, wo mehr Hippies unterwegs sind. Mit Blockaden sind die jedenfalls nicht aus der Ruhe zu bringen. Die Meldungen im Berliner Pressewald haben mir schon wieder gereicht. Die Aktivisten sollten mehr Mahnung sein und ein schlechtes Gewissen erzeugen, denn Empörung hervorrufen. Ob sie nun etwas erreichen oder nicht: Sie tun etwas! Die Sache mit dem Spiegeln! Schon doof, wenn man in Ruhe im Falschen sein Ding machen will und die einem auf die Nerven gehen. Wir haben doch jetzt lange genug über dieses Klimathema geredet. Reicht jetzt!

Ihr habt doch den Knall verpasst.

21 Oktober 2022

Die Klima – Aktivisten machen weiter

blue globe with plastic Lesedauer 6 Minuten

In dem Bericht (IPCC-Report) wird ausdrücklich festgestellt, dass ein schrittweiser Wandel keine praktikable Option ist. Er stellt fest, dass individuelle Verhaltensänderungen allein unbedeutend sind. Er stellt fest, dass Gerechtigkeit, Gleichheit und Umverteilung in der Klimapolitik von entscheidender Bedeutung sind.

https://scientistrebellion.com/we-leaked-the-upcoming-ipcc-report/

Nicht nur das sie weitermachen, sie bekommen auch noch Unterstützung. Als ich las, dass sich neben den jungen Aktivisten 50 Vertreter von Scientist Rebellion am Protest im Eingangsbereich des Bundesverkehrsministeriums in Berlin-Mitte beteiligten, war ich hocherfreut. Endlich! Der Berliner Tagesspiegel titelte hierzu: Aktivisten beschmieren Verkehrsministerium – Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung. Die symbolisch vergossene rote Substanz entpuppte sich als Rote – Beete – Saft (Huh!). Benjamin Jendro, Pressesprecher der Polizeigewerkschaft GdP – Berlin ließ verlauten: „Mit dem Bundesverkehrsministerium hat es am Dienstag bereits das zweite Bundesministerium im Wohlfühl – Biotop für Guerilla-Aktionen im Zeichen des Klimas getroffen und es ist eben auch kein Zufall, dass Menschen dafür extra nach Berlin kommen.“ [1]https://www.tagesspiegel.de/berlin/blockade-aktion-von-scientist-rebellion-klimaaktivisten-beschmieren-bundesverkehrsministerium-in-berlin-8764672.htmlWelche Gründe er dafür sieht, konkretisierte er anlässlich einer anderen Situation dem RBB mit den Worten “dass sich einzelne Menschen weiterhin täglich irgendwo hinkleben und massiv in den Alltag von Tausenden eingreifen, wenn der Rechtsstaat ihnen keine echten Grenzen aufzeigt”[2]https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2022/10/berlin-a100-klimakleber-blockade.html. Konkret wurmt ihm dabei augenscheinlich ein Urteil des Amtsgerichts Tiergarten, welches einen Blockierer wegen Nötigung zu einer Geldstrafe von 600 EUR verurteilte. Urteilschelte seitens der Polizei ist immer ein schwieriges Unterfangen. Es wird Gründe geben, warum wir in Deutschland Richter und Polizei auseinanderhalten. Früher war ich damit auch schnell bei der Hand. Aber mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass das ganz gut so ist.

Zwei Annahmen stehen damit im Raum. Die Aktivisten und die rebellierenden, renommierten, Wissenschaftler (Die Mitglieder stammen von allen Kontinenten und außerdem sind nahezu alle namhaften Universitäten vertreten.) getrauen sich nicht in anderen Bundesländern aktiv zu werden und hohe Strafen, womöglich Haftstrafen, würden sie abhalten. Ich behaupte mal, dass sich irgendwo anzukleben, sich mit der Staatsgewalt anzulegen, von wütenden Bürgern drangsaliert zu werden und von Uniformierten unsachgemäß physiotherapeutische Behandlungen zu bekommen, kein Spaß ist. Man muss schon von einer Sache sehr überzeugt sein, um dies zu machen. Wer wissen will, wo sich weltweit noch andere Wohlfühl – Biotope befinden, kann dies auf der Seite von scientistrebellion.com nachlesen. Aber wie schrieb Saul D. Alinsky, der Godfather der amerikanischen Bürgerproteste? Es kann einem Aktivisten nichts Besseres passieren, als beim Eintreffen in der Stadt von der Polizei festgenommen zu werden. Mir scheint, dass da den Funktionären innerhalb der GdP ein wenig das Einfühlungsvermögen fehlt. Meiner Kenntnis nach ist Berlin immer noch der Sitz der Bundesregierung, somit der passende Platz für Proteste gegen das Gebaren bezüglich der Politik in Sachen Verminderung der schädlichen Eingriffe in unsere Lebensgrundlagen. Wo sonst? In Neuruppin? Cottbus oder Fallingbostel? Dass die GdP die Aktionen nicht toll findet und es auch nicht darf, ist nachvollziehbar. Aber die Wortwahl und Rhetorik ist arg bedenklich. Sie riecht ein wenig muffig nach 70er – Jahre, in denen die langhaarigen Gammler lieber einer ordentlichen Arbeit nachgehen sollten, als auf der Straße und mit Transparenten bewaffnet der Staatsmacht die Stirn zu bieten.

Auch die mühsam zusammengebastelte Rhetorik bezüglich der Verkehrsbehinderung wirkt auf mich nicht überzeugend. Mehr als der Rettungswagen, welcher angeblich satte 10 Minuten später eintrifft, kommt da nicht. Ich bin selbst oft genug mit Sonder – und Wegerechten durch die Stadt gefahren. Im Zweifel kommt der durch oder nimmt eine andere Strecke. Und ganz nebenbei braucht es beim Berliner Verkehr keine Aktivisten, damit ein behindernder Stau entsteht. Auf der Tatsache, dass in den letzten Jahren mittels Sparmaßnahmen die Anfahrtszeiten verlängert wurden, will ich gar nicht herumreiten. Nein, es geht um etwas anderes. Die Aktionen bringen die Ordnung durcheinander und das kann Ordnungshütern nicht gefallen. Die drögen Kommentare unter den Facebook – Beiträgen der GdP runden das Bild ab. Gern wird da auch mal etwas von Öko – Terroristen fabuliert. Terror ist immer noch die Sache mit Angst und Schrecken. Wenn ich das bereits mit einer Straßenblockade oder einer Aktion an einem Bundesministerium schaffe – dann gute Nacht! Ab und zu werden die Überstunden der Polizisten und Polizistinnen angeführt. Das Ablösen und Wegtragen von Demonstranten ist bezahlte Dienstzeit, die schlimmer ausgestaltet sein könnte. Die Nachwuchssorgen und fehlenden Dienstkräfte könnten eventuell an politischen Entscheidungen und mangelnder Attraktivität der Polizei liegen. Aber natürlich könnten auch die Aktivisten demnächst mal nachfragen, ob alles irgendwie in den Dienstplan passt. Ernsthaft, da fasse ich mir an den Kopf. Die Hütte brennt in mehreren Ecken und die sich noch nicht einnebeln ließen, sollen sich doch bitte ruhig verhalten, damit die Jungs und Mädels in Uniform auch mal wieder aus den Klamotten herauskommen? Hat irgendjemand mal diesen merkwürdig strukturierten Querdenkern gesagt, sie sollen nach Hause gehen, weil sie zu viele Überstunden produzieren? Und die hatten nur abgehalfterte wissenschaftliche Drittbänker, die an der Uni das Büro mit dem Kopierer im Raum bekommen, dabei.
Immer gern gelesen sind auch die Kandidaten, die auf die Versäumnisse bzw. Sünden anderer Länder hinweisen. Erstens gilt die deutsche Redewendung: Erst einmal an die eigene Nase fassen oder vor der eigenen Haustür kehren; zweitens ist das Fehlverhalten eines anderen keine Entschuldigung für eigene Missetaten. Sogar wenn ein Aktivist nach beendeten Protest in einen SUV einsteigt, sind die angemahnten Versäumnisse immer noch existent.

Nicht die Aktivisten oder die Wissenschaftler sind das Problem. Erschreckend ist, dass die breite Masse immer noch nicht den Knall gehört hat. Mit kreisrund offen stehenden Mündern bestaunen sie technische Innovationen, können nicht begreifen, mit welcher Präzision entfernte Himmelskörper bestimmt werden und kapitulieren in der Schule bereits auf dem Niveau der 10en – Klasse im Physikunterricht, aber wenn es ums Klima geht, haben alle Wahnvorstellungen. Und es geht nicht nur ums Klima. Hinzu kommen Artendiversität, Seuchen, weil der Mensch der Tierwelt immer weniger Platz lässt, Verseuchungen durch atomaren Müll, Emissionen und Plastikabfälle. Die Leute lassen sich jede noch so windige Rhetorik gefallen, wenn sie ihnen weiteren Wohlstand, Überfluss, Wachstum, verspricht. Alles, was dagegen spricht, kann nicht und darf nicht stimmen.

Noch vor einigen Jahren wurde die Politikverdrossenheit der Jugend kritisiert. Ich denke, damit war nicht wirklich die Politik gemeint. Erwartet wurde das Engagement zur Gestaltung von Strukturen, mit denen das Bruttosozialprodukt, das Wachstum und die stumpfe Akzeptanz der bestehenden Verhältnisse verbessert werden können. Es mag sein, dass die unter Umständen noch nicht die volle Tragweite ihrer Forderungen verstanden haben. Abstriche werden wir auf kurz oder lang alle erleben. Da mittlerweile von 4 Grad Steigerung die Rede ist, steht das volle Programm an. Würden wir uns weltweit alle beschränken, hätten wir wenigstens die Chance eine Zukunft für die Leute in 60 Jahren hinzubekommen. Dabei soll mir niemand etwas von anderen Ländern erzählen. Deutschland hat international an sehr vielen Stellen die Finger mit im Spiel. Mir wäre neu, dass eine Olympiade in China boykottiert wurde oder die Deutsche Nationalmannschaft nicht nach Qatar fliegt. Da hilft auch nicht, was ein Clown wie Uli Hoeneß von sich gibt, wenn er sich und den 1. FC Bayern quasi als göttliche Heilsbringer darstellt.

Ich selbst bin ein desillusionierter, fauler, fatalistisch eingestellter, alter Sack. Bei mir sind nach einer Demo zwei Tage Knochenpflege angesagt. Aber ich habe auch gesagt, dass ich mich nicht mehr aufrichtig und überzeugten Jüngeren, die es noch einmal herumreißen wollen, in den Weg stelle. Mir zeigen die Aktivisten, dass noch nicht alle abgestumpft und der Technokratie verfallen sind. Die Wissenschaftler*innen könnten genauso gut mit den Schultern zucken und sagen: “Unser Job war es, Euch zu sagen, wie es aussieht! Die Höhepunkte werden wir aufgrund des Lebensalters auch nicht mehr erleben. Also was soll’s?” Gut, dass es solche Leute noch gibt, die stattdessen einem Bundesministerium auf den Zünder gehen. Von meiner Gewerkschaft – Ja, ich bin seit 1987 Mitglied – bin ich enttäuscht. Nach all den Jahren mit Friedensbewegung, AKW – Protesten, Straßenschlachten, Blockaden, hätte ich mehr Weitsicht erwartet. Ein wenig frage ich mich auch, was in den Medien los ist. Allein, wenn die Frage kommt: Was kann man gegen die Aktivisten unternehmen? Schwillt bei mir der Kamm. Nein, wir reden nicht von einem lästigen Ausschlag. Auch nicht über Rechtsradikale, Schwerkriminelle, Terroristen. Es geht um Töchter und Söhne, die erkennen, dass sie in diesem Staat keine Lobby besitzen und Demokratien keineswegs immer die besten Entscheidungen treffen, sondern Geld, Macht, Demagogen, eine große Rolle spielen. Sie begleitend, um wütende Wissenschaftler, die jeden Tag vor Augen haben, was im geringsten Fall und innerhalb eines Worst-Case-Szenarios passieren wird. Aber klar, die kann man auch mal alle als erlebnisorientierte verstrahlte Spinner abtun, die Straftaten begehen. Nennt sich dann wahrscheinlich kostenneutrale Beteiligung an einer Diffamierungskampagne. Oder warum ist eigentlich keiner mal auf die Idee gekommen, statt die Polizeigewerkschaft eine/n, mehrere, Aktivisten zu interviewen?

In einem Kommentar bei Facebook schrieb ich, dass es Zeiten gibt, in denen die Legitimität von Handlungen erst in Zukunft entschieden wird. Man muss selbst wissen, für welche Seite man sich entscheidet. Im Hier und Jetzt kann keiner mit Sicherheit sagen, ob man später als Held, Opfer, Mitläufer oder Täter betrachtet wird. Aber wen interessiert schon eine Zukunft, die sie oder er nicht mehr selbst erlebt? Kollege, jetzt fallen die Überstunden an, nicht übermorgen. Na mal schauen, wie viele Überstunden manche noch erleben werden, weil die Aktivisten richtig liegen und man hätte auf sie hören sollen. Gleichfalls gönne ich auch allen die freundlichen Auseinandersetzungen mit dem Nachwuchs. “Mama, Papa, Opa, Oma, wie war das eigentlich mit Dir damals?” Ich kenne die Antwort heute schon: “Ach Kind, wir wussten es ja nicht besser. Das waren andere Zeiten.”