September 16 2022

Schnell, schnell!

time lapse photography of brown concrete building Lesedauer 12 Minuten

Statt zu sagen: Sitz nicht einfach nur da – tu irgendetwas, sollten wir das Gegenteil fordern: Tu nicht einfach irgendetwas – sitz nur da.

Thích Nhất Hạnh, buddhistischer Mönch und Schriftsteller

Es ist eine banale Erkenntnis, dass das Leben in westlichen Industriestaaten deutlich schneller getaktet ist, als dies z.B. noch vor 100 Jahren vor sich ging. Die Verheißung hieß einst: Maschinen übernehmen die Arbeit der Menschen und die können sich dann um andere Dinge kümmern. Wobei sich da bereits die Frage eröffnet: Was sind denn diese anderen Dinge?
Schaue ich im eigenen Leben zurück, lebte ich gefühlt um ein Doppeltes schneller, denn ich es heute tue. Und schon wieder bin ich in einer Formulierungsfalle gelandet. Leben ist Leben! Man kann es nicht schneller leben. Präziser formuliert, will der Mensch, innerhalb der gleichen Zeitspanne mehr erledigen, wahrnehmen, verarbeiten, gestalten, kommunizieren. Begleitet wird das von der Überzeugung, dass ein Mensch dazu imstande ist. Ist das so?
Seit geraumer Zeit stehen uns technische Möglichkeiten zur Verfügung, die uns dabei unterstützen. Was war zuerst da? Der Wille mehr in eine Zeitspanne packen zu können oder die Technik? Ich denke, es war der Wille. Bei Wille denke ich sofort an Motivation. Die alte Phrase: “Zeit ist Geld!” wird allgemein Benjamin Franklin zugeschrieben, weil er diese Worte 1748 in einem Ratgeber für junge Kaufleute niederschrieb. Etwas tiefer schürfende Texte führen einen auf eine weitere Fährte. Allgemein werden die Worte zum Antreiben benutzt. Wer im Akkord arbeitet, kann viele Produkte herstellen, welche wiederum veräußert werden können. Ganz anders sieht die Interpretation aus, wenn man die Worte auf die Texte des Römers Seneca anwendet. Er fordert dazu auf, Zeit mit Geld gleichzusetzen. Eine Schatztruhe mit Münzen kann sich jeder vorstellen. Ist sie gut gefüllt, sind Ausgaben leicht. Oftmals ist man dazu geneigt, jedenfalls wenn man nicht geizig ist, das Geld auch für Dinge auszugeben, die absolut unnötig sind. Leert sich die Kiste allmählich, wird man bedächtiger. Die Wertschätzung wird immer mehr zum Thema. Seneca setzt die Münzen mit der Lebenszeit gleich. Ständig veräußern wir Sekunden, Minuten, für irgendwelche Aktionen. Wenige Menschen wissen den Schlaf zu schätzen, obwohl er der Gesundheit dient. Tatsächlich geben wir damit einige Stunden für unseren Körper aus. Unterhalten wir uns, geben wir Lebenszeit aus und kassieren gleichzeitig die Zeit eines anderen Menschen. Denken wir über etwas oder einen anderen nach, stellt dies eine Ausgabe dar. An der Stelle kritisiert Seneca, wie oft Zeit für Smalltalk ohne Inhalt verschwendet wird oder wie wenig Wertschätzung die Menschen für die Zeit aufbringen, die andere für sie investieren. Auch jetzt in diesem Augenblick gebe ich Zeit aus. Wenn ich den Text fertig habe, wird Zeit vergangen sein und was da am Ende herauskommt, ist ein Produkt, aber keins, welches ich gegen Geld verkaufen kann. Hieraus ergibt sich wiederum, dass ich dabei andere Aspekte heranziehen muss. Was hat für mich einen derart großen Wert, dass ich bereit bin, hierfür Lebenszeit zu veräußern? Andersherum investiert ein anderer Mensch beim Lesen Zeile für Zeile Lebenszeit. Eine Ausgabe, die ich wertschätzen sollte.

Klassische Produkte besitzen in der Regel die unangenehme Eigenschaft der Vergänglichkeit oder wir verlieren sie mit absoluter Sicherheit beim Sterben. Noch spannender wird es beim Thema Geld. Geld an sich, also gegenständlich, hat absolut keinerlei eigenen Nutzen. Der Nährwert eines Geldscheins ist nicht sonderlich hoch. Auch wenn ich Scheine verbrenne, komme ich nicht weit. Papier brennt schnell ab und ist für eine längerfristige Wärmeabgabe vollkommen ungeeignet. Münzen bestehen immerhin noch aus Metall, welches sich zu nützlichen Dingen umfunktionieren lässt. Erst durch die Ausgabe, den Tausch Ware-gegen-Geld, erfährt das Geld einen Wert. So lautete jedenfalls der Grundgedanke. Geld, welches nur noch digital existiert, sprengt alles. Ich treibe die Überlegung mal auf die Spitze. Bei uns ist ein großer Teil des Lebens ist davon bestimmt, dass für Geld gearbeitet wird. Vollkommen anders zu sehen ist die Zeit, welche für Arbeit an etwas verausgabt wird, was man selbst nutzt und in den Händen hält. Die Arbeitszeit, welche mit Geld entlohnt wird, führt im Prinzip zu einer Transformation. Schaue ich auf das Geld, sehe ich meine dafür benutzte Lebenszeit. Liegt das Geld auf dem Konto, schaue ich auf die Tage, Wochen, Monate oder bisweilen Jahrzehnte, die ich dafür hergab. Erst, wenn ich etwas kaufe, erfolgt eine weitere Umwandlung. Betrachte ich die neu gekaufte modische Jacke, ist dies u.U. jene Zeit, die ich nicht mit meinen Kindern verbrachte, mir nicht dafür nahm, um mich selbst zu regenerieren oder einfach mal alles baumeln ließ. Doch auch hier gibt es einen Haken. Manche Leute bekommen als Gegenleistung für einen halben Tag, gerade mal eine warme Mahlzeit und andere einen Betrag, mit dem sie sofort eine Luxuslimousine kaufen könnten.

Konsequent muss die Erkenntnis lauten: Bei dieser Konstellation hat die Lebenszeit des einen weniger Wert, als die eines anderen.

Theoretisch kann sich jemand, der für wenig Lebenszeit viel Geld bekommt, entspannt zurücklehnen und es sich leisten, nicht alles gleichzeitig zu machen. Nicht von ungefähr sagt man auch: Der oder die lässt das Geld für sich arbeiten. Gleichsam könnte sich so ergeben, dass finanziell gut gestellte Zeitgenossen genügend Zeit haben, sich über all die Aspekte des Lebens Gedanken zu machen, zu denen die anderen nicht kommen. Meinem Eindruck nach funktioniert dies nicht. Ganz im Gegenteil! Häufig sind es die, welche hart für jeden EURO arbeiten und erheblichen Zeitaufwand betreiben müssen, um über die Runden zu kommen, diejenigen mit den weiseren Aussagen. Wo ist der Haken? Mir scheint, dass es etwas mit der Wertschätzung zu tun hat. Eine Betrachtung, die auf dem direkten Weg in die Tiefen des menschlichen Daseins führt.

Ohne die Kooperation ist der Mensch nichts und wäre nicht einmal ansatzweise so weit gekommen, wo er heute steht. Angefangen bei der Horde, die einst durch die Gegend streifte, und später bei der ersten Arbeits- und Wissensteilung. Damit ist die gegenseitige Hilfe, Unterstützung, Kommunikation, voneinander Lernen, sehr weit oben angesiedelt. Dies gilt selbst beim Plündern. Was habe ich davon, wenn ich mir gewaltsam etwas aneigne, dessen Funktion ich nicht verstehe? Nur Völker, die dies verstanden, konnten sich weiter entwickeln. Griechen, Römer, Theben, Phönizier, Perser, Karthager, Makedonier, gründeten in der europäischen Antike große Reiche und machten sich darüber Gedanken. Nicht anders sah es in anderen Teilen der Welt aus. Immer schwang dabei auch die Überlegung mit, was einem mehr einbringt. Der Krieg oder der Frieden? Lange friedliche Phasen brachten stets Entwicklungsschübe mit sich. Und dazu gehörte auch, über das Dasein, das Wesen des Menschen, die Art und Weise, wie man die begrenzte Lebenszeit zufriedenstellend nutzt, nachzudenken. Schlicht, weil der Mensch in der Evolution etwas entwickelte, was er selbst als Denken bezeichnete. Rückschlüsse aus dem ziehen, was gesehen, gehört, gerochen und gefühlt wird. All diese Denkprozesse werden als Verstand definiert. Man nimmt seine Umwelt wahr und wertet sie passend aus. Hinzu kommt die Fähigkeit, nicht sinnlich Erfassbares anzunehmen, logisch abzuleiten oder für die Zukunft zu prognostizieren. Jenes nennen wir die Vernunft.

Aber welchen Wert bemessen wir diesen existenziellen Fähigkeiten bei? Vor allem, wie will man sie anwenden, wenn dafür gar keine Zeit bleibt? Wäre es nicht zweckmäßig, für die Fähigkeiten, welche den Menschen von anderen Spezies unterscheidet, Lebenszeit zu verwenden? Was unterscheidet uns sonst von einem Bonobo-Schimpansen, der den Entwicklungsstand eines vierjährigen Menschen erreichen kann? In einer dekadenten Wohlstandsgesellschaft komme ich grundsätzlich mit wenig Benutzung von Vernunft und Verstand durch. Bei sehr vielen Vorgängen verstehe ich überhaupt nicht, was da gerade passiert. Ich kann stundenlang auf einen modernen Motor starren und werde trotzdem nicht nachvollziehen können, was da in diesem kunstvoll zusammengeschraubten Wirrwarr aus Gummi, Metall, Kunststoff, vor sich geht. Erst recht nicht, wie dieser Laptop vor mir funktioniert, aus welchen Bestandteilen das Ding im Einzelnen besteht und wie es möglich ist, dass das Geschriebene im Internet landet. Ich benutze es einfach, ohne es zu verstehen. Die Überlegung ist simpel. Träte jetzt im nächsten Moment eine Dystopische Situation ein und ich wäre auf mich alleine gestellt, würde sich zeigen, über welche Fähigkeiten ich wirklich verfüge. Kann ich ein Feuer machen? Nahrung herbei schaffen? Mich mit anderen zusammen tun? Wäre ich vernünftig, empathisch, kooperativ genug, um in einem Zusammenschluss mit anderen Menschen agieren zu können?

Doch die Überlegungen gehen darüber hinaus. Welchen Wert bemesse ich persönlich meinem Dasein über den Tod hinaus bei? Ist es mir wichtig, wie die Menschen danach über mein Wirken denken oder es bewerten? Möglicherweise ist es mir egal. “Nach mir die Sintflut!”, wie einige sagen, denken und vor allem handeln. Oder was ist meinem Wirken in der Gegenwart? Erfüllt es mich oder gibt es mir eine Befriedigung, wenn ich in meinem Sinne Einfluss nehme? Einfluss nehme ich immer, dagegen kann ich mich nicht wehren. Egal was ich tue, es hat eine Wirkung, fraglich ist nur, wie es vonstattengeht und inwieweit ich eine Kontrolle darüber habe. Bin ich aggressiv unterwegs, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Aggression über mehrere Stationen fortsetzt. Maule ich die Kassiererin oder den Kassierer im Supermarkt an, wird das Folgen nach sich ziehen. Ich lege auf dieses immer mehr Wert. Was genau bewirke ich jetzt gerade?

Für diese Überlegungen benötige ich Zeit, die ich mir nehmen muss. So wie ich sie mir gönnen musste, um überhaupt auf diesen Stand zu kommen. Schenke ich dem Augenblick keinerlei Beachtung, werde ich auch nicht erkennen, was gerade passiert. Wer schnell “lebt”, reiht eine ganze Kette von Handlungen aneinander, ohne sich der Wirkung bewusst zu sein. Gleichzeitig kommt es zu jeder Menge Fehlern beim Denken. Das Gehirn erzählt sich innerhalb von Sekunden lauter kleine Geschichten, die immer weiter miteinander verkettet werden. Gern werden dabei Umstände miteinander verbunden, die objektiv nichts miteinander zu tun haben. Nimmt man sich die Zeit, nachträglich nochmals alles sauber auseinanderzunehmen und zu analysieren, nennen wir diesen Prozess “Nach/denken”, woraufhin eventuell andere Ergebnisse zustande kommen. Das meiste, was wir bei Mitmenschen als Dummheit bezeichnen, ist die Folge vom falschen Zusammenziehen mehrerer Ereignisse zu einer Geschichte, die schlicht unstimmig ist, aber leider die Basis für weitere Handlungen darstellt. Im Ergebnis steigt aufgrund der Schnelligkeit, dem übermäßigen Füllen eines Zeitraums mit Handlungen, die Gefahr Dummes zu tun oder verbal abzusondern. Dem lässt sich nur mit Nachdenken begegnen, ein Vorgang, wenn er sich auf das bezieht, was wir den lieben “langen” Tag so anstellen, als Selbstreflexion bezeichnet wird. Ich will davon nicht zwingend ableiten, dass hektische Menschen, Leute, die alles gleichzeitig machen wollen, sich stets “busy” geben, dumm sind. Aber die Wahrscheinlichkeit steigt an. Parallel wird es unwahrscheinlich, dass sich die Menschen selbst reflektieren.

Warum sie sich nicht die Zeit nehmen, steht auf einem anderen Blatt.

Bei einigen ist es die Gier. Andere sehen sich verpflichtet, von anderer Seite her gestellte Aufgaben bzw. Anforderungen zu erfüllen. Vielleicht sind es subjektive Existenzängste oder oftmals tatsächlich bestehende Gefahren, weil man z.B. sonst seinen Job verliert. Ebenso kann es das Heischen nach Anerkennung sein oder eine angenommene moralische Verpflichtung. Als Mensch komme ich nicht daran vorbei, ein gesundes Verhältnis zur Ausgabe meiner Lebenszeit zu finden. Unter gesund verstehe ich dabei eine dem Leben zuträgliche Taktung, mit anderen Worten zu einem Zustand der Ausgeglichenheit führt. Schaue ich in die Wildnis, kann ich eine ganze Menge ableiten. Prädatoren sind auf Effizienz angewiesen. Eine Löwin kann es sich nicht leisten, unzählige halbherzige Versuche zu unternehmen. Jeder neue Ansatz erfordert immense Energie und zu viele erfolglose führen zum Tod. Zur Steigerung der Chancen tun sie sich im Rudel zusammen. Im gewissen Sinne wird vorher genau überlegt und im Fall des Scheiterns ausgewertet. Die meisten kleinen, hektischen Lebewesen werden nicht sonderlich alt. Die ältesten Lebewesen des Planeten sind eher behäbig. Tiere in Gefangenschaft, die ausreichend und ihrer Art angepasst versorgt werden, sind vom nervenaufreibenden Beschaffen von Nahrung befreit, werden oftmals älter als ihre Artgenossen in der Wildnis. Dies gilt auch für diejenigen, welche kaum Fressfeinde zu fürchten haben. Verkürzend wirkt sich allerdings die Verkümmerung aus, wenn sie nicht wie gewohnt agieren können oder in Interaktion treten können. Auch für letzteres benötigen sie und auch wir: Zeit!

Zeit ist ein kostbares Gut, nicht komprimierbar und im Fall des Daseins eine unbestimmbare Größe. Was habe ich davon, wenn sie auf meinem Konto in Form einer Zahl dargestellt wird und ich die Transformation, die eigentlich eine Art bestimmungsgemäße Rückführung darstellt, zu einem Zeitpunkt in die Zukunft verschiebe, den ich u.U. gar nicht erlebe? Oder was ist mit der Zeit, die ich in Produkte investiere, von denen die Gesellschaft, in die ich hineingeboren wurde, behauptet, dass sie wichtig sind, während ich andere Prioritäten setze?
Letztens hatte ich darüber mit einer Frau einen interessanten Austausch. Unser Einstieg war die Frage nach dem Sinn eines Lebens und die Gefahr eines Suizids, wenn man eben diesen nicht mehr sieht. Vorab: Für mich gibt es keinen fremdbestimmten Sinn eines Lebens. Würde ich dies akzeptieren, müsste ich auch irgendjemanden die Definitionshoheit zugestehen. Was mache ich, wenn ich diese Definition nicht erfülle? Ist mein Leben dann sinnlos? Kann ich es dann nicht auch beenden? Meiner eigenen Vorstellung nach, ist keine Existenz, wie auch immer sie sich darstellt, aus dem Gesamten zu entfernen. Gäbe es nichts, was ich als böse ansehe, würde auch alles Gute wegfallen. Alles Negative, ist gleichzeitig geeignet, eine positive Gegenreaktion auszulösen. Selbst ein früher Tod erinnert andere Menschen an die mögliche Kürze des Lebens. Bei allem gilt: Es steht nicht in meiner Macht, hierüber die Kontrolle zu haben. Mir bleibt tatsächlich nur der Versuch, eventuell mit der eigenen Lebensart über die Gesetze der Wechselwirkung eine von mir erwünschte Richtung, Struktur, zu begründen. Ein Suizid setzt für andere eine Lösung in die Welt. Aber er wird nichts daran ändern, was mich mein Leben als nicht lebenswert empfinden ließ. Wenn ich den anderen zeigen will, dass es so ist, bitte, aber dies ist ohnehin bereits allgemein bekannt. Ergo, kann ich es auch lassen und weiter leben, um anderes auszuprobieren. Richtig kompliziert wird es bei Schmerzen. Beispielsweise wird im Buddhismus der dem Tod vorangehende Schmerz als eine Zeit für die Vorbereitung des nächsten Lebens betrachtet, während der plötzliche Tod eher unglücklich ist, weil der oder die Betroffene, das Leben nicht bewusst zu Ende brachte.

All diese Gedankengänge setzen voraus, dass ich in einem Leben mehr sehe, als wirtschaftliche Produktivität, Mehrung des allgemeinen materiellen Wohlstands, Erfüllung vorgefertigter gesellschaftlicher Vorgaben oder Ansprüchen, die andere an mich richten.

Der von der Gesellschaft ausgehende Druck ist immens. Hinsichtlich des Zeitmanagements bestehen Vorgaben, deren Erfüllung erwartet werden und wer sich dagegen stellt, muss dafür Kraft aufbringen. Hierfür ein alltägliches Beispiel. Wer einen Supermarkt betritt, soll darin Zeit verbringen, die irgendwann in Konsum mündet. Das ändert sich schlagartig, wenn die Sachen auf dem Laufband landen. Geschwindigkeit und Länge sind kein Zufall, sondern ein ausgetüfteltes Forschungsergebnis[1]https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/der-deutsche-testmarkt-das-hassloch-experiment-1.907694. Spätestens wenn das Geld von A nach B transferiert wurde, ist der oder die Kunde/in uninteressant. Die Leute sind darauf konditioniert. Hungrig nach Befriedigung hineingehen, Beute machen, befriedigt sein, bezahlen, schnell weg. Es ist interessant, wer in kleineren Märkten lautstark als Erstes die Öffnung einer weiteren Kasse fordert. Entweder es sind von ihren Kindern genervte Eltern oder Zeitgenossen mit oder nur Spirituosen im Einkaufswagen. Die einen wollen den Nachwuchs ruhig stellen und die anderen haben die tägliche Dosis schon vor Augen. Schwierig wird es, wenn ältere Leute, die noch auf die alte Taktung konditioniert sind oder körperlich nicht schneller können, ins Spiel kommen. Richtig übel sind Kandidaten, wie meine Wenigkeit. Registriere ich allzu ungehaltene Personen, die auch noch pöbeln, kommt bei mir die Rebellion zum Vorschein. Es ist nicht verboten, seinen Einkauf zu Dritteln und einzeln zu bezahlen oder lange das Kleingeld zu zählen, um dann doch mit Karte zu bezahlen. Schon dem Druck standzuhalten, bereitet mir Vergnügen.

Ähnliches lernte ich in letzter Zeit über Onlinebanking. Ein Konto eröffnet man heutzutage sehr einfach. Mit wenigen Klicks ist alles erledigt. Zack, Zack, hat die Bank Geld verdient. Um so komplizierter wird die Auflösung. Mich würde mal interessieren, wie viele Senioren aufgeben, nachdem sie sich stundenlang im Dschungel der Untermenüs verirrten. Auch das ist Druck. Es ist nahezu unmöglich, sich all der Onlineportale, Apps, Digitalisierung zu entziehen, die einzig einen Zweck erfüllen: Beschleunigung! Um so schneller und einfacher sich zum Beispiel eine Ratenzahlung abschließen lässt, desto unüberlegter wird die Ausgabe nebst ihrer langfristigen Folgen. Wer sich nicht übers Ohr hauen lassen will, muss ständig auf der Höhe der Entwicklung bleiben.

Entschleunigung, Achtsamkeit, Bewusstes Leben

All die oben genannten Begriffe haben in der breiten Gesellschaft einen zweifelhaften Ruf. Das geht bei esoterischer Spinnerei los, zumeist als Modeerscheinung abgetan und spült viel Geld in Kassen von Therapeuten/innen. Gut, wenn es sich dabei nicht um Scharlatane handelt. Aus meiner Haltung und Sicht auf die Gesellschaft heraus ist dies nicht verwunderlich. In einer Zeit, die von Zahlen, Geld, Statistiken, Daten, bestimmt ist, sind diese Begriffe die Bezeichnungen für Schadprogramme. Machen wir uns nichts vor. Selbst mit Burnout-Patienten/innen, Depressiven, psychosomatischen Erkrankungen, lässt sich ein gutes Geschäft machen. Erst recht gilt dies für alles, was entweder beschleunigt oder die Grenzüberschreitung des dem Menschen möglichen Tempos ermöglicht. Die Grauzone zwischen illegalen “Drogenmissbrauch” (der in dem Fall streng genommen nicht einmal ein Missbrauch ist) und Medikamenten-Behandlung ist riesig. Jede Menge therapeutische Maßnahmen sind mehr Perversion, als wirklich hilfreich. Wie sonst sollte man die Aufforderung zu meditieren verstehen, damit man im Sinne der Gesellschaft mehr leisten kann? Wie viele Ärzte, Psychiater, Psychologen, versuchen Menschen zur Geschwindigkeit kompatibel umzugestalten?

Passend zum Thema Geschwindigkeit, tobt in Deutschland eine Debatte über ein Tempolimit, welches selbst US-Medienvertreter zum Staunen bringt. Was genau passiert eigentlich mit dem oder der Fahrer/in bei einer hohen Geschwindigkeit? Geht es wirklich um das schnellere Ankommen? Dies lässt sich überprüfen und das Ergebnis ist reine Mathematik. Selbst bei halsbrecherischer Fahrt, sind die Zeitgewinne nicht der Rede wert und ob ein Meeting zehn Minuten früher oder später stattfindet, ist objektiv egal. Wenn überhaupt Geschwindigkeit eine Rolle spielt, dann bei den Hochgeschwindigkeitstransfers im Finanzwesen. Etwa innerhalb des Intervalls zwischen 100 und 120 km/h steigt der normale untrainierte Mensch aus und Technik, Zufall, Glück, übernehmen. Es macht Klack im Kopf und der/die Fahrer/in schaltet ab. Befragte nennen dies oftmals Entspannung. Eine Alternative wäre, den Zug zu nehmen. Prompt sitzen viele dort vor einem Laptop und “nutzen” die Zeit, um Geschäftliches zu erledigen. Ich nehme für mich in Anspruch, dabei ein wenig mitreden zu können. Schlicht, weil beides Bestandteile meines Lebens waren. Was das bei mir verursachte, wird mir erst danach immer mehr bewusst. Alles passierte, mein Gehirn speicherte, der Körper speicherte, aber kaum etwas davon, drang wirklich in das mir zugängliche Bewusstsein vor. Dennoch ist, wie ich im Nachgang feststellte, alles da. Kaum befand ich mich in einer längeren, vom Körper erzwungenen Ruhephase, ging es mit den Flashbacks los. Mal in Form von plötzlich auftauchenden Erinnerungen, manchmal nur Bilder, Emotionen, die nicht im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Geschehen standen oder körperlichen Reaktionen, die unpassend bzw. zusammenhanglos erschienen. Wer nicht auf solche Selbstexperimente steht, sollte rechtzeitig die Notbremse ziehen.
Man muss es nicht gleich übertreiben, aber ich möchte anmerken, dass es im ZEN – Buddhismus eine schöne Betrachtung gibt. Wie lange dauert ein Leben? Exakt einen Atemzug. Der Mensch, welcher dazu ansetzte, ist beim Ausatmen ein anderer. Nach dieser Betrachtung ist ein Mensch, der sich am Tag nur einige Minuten Zeit des Bedenkens zugesteht oder meditativ den Synapsen ein wenig Ruhe gönnt, hektisch. Bedenkenswert ist ebenso, ob eine/r, die/der einfach nur dasitzt und denkt, wirklich untätig ist. Der vorhergehende Doppler ist gewollt. Folge ich den Vorgaben der Gesellschaft, in der ich lebe, müsste ich von Faulheit, Untätigkeit, ausgehen. Doch wie bewerte ich dann das Verhalten von Gläubigen, wenn sie längere Zeit beten oder buddhistische Mönche, wenn sie mehrfach am Tag stundenlang meditieren? Ist das auch Faulheit? Wie wäre es mit einem Vergleich zu jemanden, der sich 1,5 Stunden lang einen mehr oder weniger belanglosen Film ansieht? Ich sehe da Unterschiede.

Je enger das Leben getaktet wird, hektisch zu geht, Versuche unternommen werden, die Zeit zu komprimieren, um so mehr Lebensqualität, Bewusstsein, gehen verloren und Dummheit breitet sich aus. Mal ganz davon abgesehen, dass damit körperliche und geistige Krankheiten, Drogenkonsum und Aggressionen, gefördert werden. Wie bereits beschrieben, könnten all die tollen technischen Innovationen der Entschleunigung dienen. Tun sie aber nicht, weil eine andere Vorgabe herrscht. Ich sehe in der stetig zunehmenden Geschwindigkeit einen von mehreren Sargnägeln der Zivilisation. Sich seiner Handlungen bewusst zu sein, sich selbst zu sehen und einordnen zu können, sind unabdingbare Voraussetzungen des Einzelnen, um Mensch zu sein. Viele Einzelne bilden dann eine Gesellschaft, in der Vernunft, Verstand, Kooperation, Kommunikation, Bewusstsein, verantwortliches Handeln, einander ergänzen und erzeugen, was als Kultur und Zivilisation bezeichnet wird. Eine funktionierende Menge an Individuen, die nach funktionalen Regeln zuverlässig, produktiv, zusammen agieren, erinnert mich eher an einen Insektenstaat. Zumindest für mich selbst, strebe ich jeden Tag an, ein wenig mehr Tempo herauszunehmen. Einfach ist das nicht, da ich mich leider immer wieder in einem Kontext bewege, innerhalb dessen mir anderes aufgedrückt wird. Aber es ist besser geworden.



September 11 2022

Die alte Zeit ist tot, es lebe das neue Zeitalter

code coding computer cyberspace Lesedauer 17 Minuten

Woher wissen wir denn schon, dass zwei und zwei vier ist? Oder dass die Gravitationskraft funktioniert? Oder dass die Vergangenheit unveränderbar ist? Wenn sowohl die Vergangenheit, als auch die äußere Realität nur in der Vorstellung existieren und die Vorstellung veränderbar ist – was dann?

George Orwell

Amerikanische Soziologen datieren die dritte große Revolution in der menschlichen Entwicklung, die Digitale Revolution, auf die Zeit um das Jahr 1989 herum. Egal, ob man wirklich einen konkreten Zeitpunkt ausmachen kann, veränderte sich unstrittig ab dem Ende der 80er weltweit das Leben der Gesellschaften in den industrialisierten Ländern. Bei den beiden anderen Revolutionen handelt es sich um den Sprung vom Jäger und Sammler zum Siedler und die Industrialisierung. Ich denke, selbst bei der ersten wird es Konflikte zwischen denen aus der Zeit davor und jenen der neuen Epoche gegeben haben.
Manche verweisen dabei auf die biblische Geschichte, in der Kain seinen Bruder Abel erschlug. Kain der Siedler erschlägt den Hirten, welcher mit seinem Vieh umherzieht. Gott lässt Kain leben, aber er muss eine Weile herumziehen, bis er ohne Gottgefälligkeit wieder siedelt, was laut Bibel in die nächste Katastrophe führt. Ja, ich pflichte den Autoren bei, die da eine Beschreibung des Umbruchs sehen. Es ist leicht vorstellbar, dass Bauern nicht glücklich über die Viehherden waren, die in ihre Felder einfielen. Aber die Menschen werden auch schnell bemerkt haben, dass das Zusammenleben in Siedlungen neue Anforderungen ergab.

Die Industrialisierung verhieß anfangs einen Segen für die Menschheit. Arbeiten, gefährlich, anstrengend, verschleißend, würden künftig von Maschinen übernommen werden können. Heute wissen wir, dass sich dies aus mehreren Gründen anders entwickelte. Und auch damals gab es Leute, die noch die Zeit vor der Industrialisierung kannten und nun die Anfänge erlebten. Manche schlossen sich der Begeisterung an, während andere skeptisch auf die Zukunft schauten. Letzteren war insbesondere die Technik-Gläubigkeit, die mit einer Reduzierung auf Naturwissenschaften einherging, unheimlich. Heute erleben wir eine Entwicklung, die zwar auf anderen Grundlagen beruht, dennoch Parallelen aufweist.
Die in den 60ern Geborenen sind die letzte Generation, die noch ohne Digitalisierung zu Erwachsenen wurden und seit 1989 im vollen Umfang daran Anteil nehmen. Zusätzlich existiert mittlerweile eine Generation, die um die 30 ist und bewusst nichts anderes kennenlernte.
Wie auch bei den Umbrüchen zuvor, gibt es Zeitgenossen*innen der 60er-Generation, die begeistert alle Möglichkeiten begrüßen und eben jene, die mit einer gewissen Skepsis draufschauen. Doch die Digitale Revolution ist nicht der einzige Umbruch. Der Jahrtausendwechsel ist gerade einmal 20 Jahre her und das 21. Jahrhundert ist noch jung. Das 20. Jahrhundert brachte neue Staatsformen, wie den Faschismus, mit sich, erlebte zwei Weltkriege, spaltete die Welt in arme und reiche Regionen, brachte neue Technologien mit sich und entfremdete große Teile der Menschheit vom natürlichen Lebenssystem. Durch die Digitalisierung ist sogar zur bisherigen Welt eine weitere, die virtuelle Welt, hinzugekommen. Viele leben mittlerweile in beiden und selbst Kriege werden in der virtuellen und in der realen parallel zueinander geführt.

Selbst wenn die Skeptiker über große Macht verfügten, würden sie an den Fakten nichts mehr ändern können. Wenn sie noch über eine Möglichkeit verfügen, dann ist es die Mitgestaltung. Einige fordern beispielsweise die Entwicklung ethischer Richtlinien. Bisher galt stets, dass der Mensch ohne Grenzen forscht und alles umsetzt, was ihm möglich erscheint. Im großen Stil ist uns das letztmalig mit der Entwicklung der Atombombe auf die Füße gefallen. Selbst Sozialisten und eingefleischte Kommunisten sehen die Gefahren, ordnen sie aber den putativen Möglichkeiten unter, die eine Technisierung für eine gerechtere Verteilung anbietet. So oder so nehmen wir aus den vorhergehenden Epochen das Wissen um die Zweiseitigkeit jeder neuen Technik mit. Sie kann dem Guten dienen oder für das gegenseitige Abschlachten benutzt werden. Ein altes, meiner Meinung nach wackeliges Argument: Nicht die Waffe tötet, sondern der sie benutzende Mensch. An der Stelle überlege ich stets, welches Wild man mit einem Maschinengewehr erledigen will.
Mittlerweile stehen genetische Eingriffe für alle möglichen Zwecke im Raum, die Verschmelzung zwischen Maschine und Mensch ist in greifbarer Nähe, kontrollierte Eingriffe in komplexe Systeme, wie z. B. auch das natürliche Lebenssystem, scheinen in absehbarer Zeit möglich zu sein. Womit alte Ermahnungen wieder aktuell werden.
Ich denke da beispielsweise an den Zauberlehrling der Geister herbeiruft, die er nicht mehr unter Kontrolle bekommt. Einige nehmen eine fatalistische Haltung ein. Ihrer Meinung nach ist der Mensch aufgrund seiner naturgegebenen Voraussetzungen dazu verdammt, sich selbst den Untergang zu gestalten. So richtig kann ich mich dem nicht anschließen. Allein, wenn es Menschen gibt, die dazu in der Lage sind, das unkontrollierte Bestreben nach Wachstum, die Erforschung von allem ohne Berücksichtigung eines möglichen Missbrauchs, die ehemals wichtige Gier und die dem Menschen innewohnende Fähigkeit zur Aggression, als gefährliche Faktoren zu erkennen, beweist dies etwas. Wir können Erkenntnis erlangen und wenn wir dies können, ist theoretisch auch eine Veränderung bzw. Gegenreaktion machbar. Anders sähe es aus, wenn niemand die Gefahren sehen würde. Ein unverständiges Wesen ist nicht in der Lage ein kommendes katastrophales Ereignis zu erkennen und rechtzeitig etwas zu unternehmen. Alle anderen durchaus!

Es geht also darum, was sich am Ende durchsetzt. Verstand und Vernunft oder das Triebhafte. Überlegungen hierzu gehen zurück bis in die griechische Antike. Bereits Platon und Nachfolger dachten über ideale Gefüge für das Zusammenleben von Menschen nach. Auch sie dachten über diese Dualität des menschlichen Daseins nach und wie man am ehesten gewährleisten könne, dass Vernunft und Verstand die Führung übernehmen. Fremd war ihnen, wie sich die von ihnen ermittelten menschlichen Voraussetzungen, die sich bis heute nicht veränderten, in Massengesellschaften auswirken. Und selbst in einer virtuellen Realität bleibt die Psyche eines Menschen immer noch eine menschliche. Aktuell erleben wir erneut, wie das Triebhafte die Überhand gewinnt. Sei es nun der Ukraine-Krieg, eine dekadente deutsche Wohlstandsgesellschaft, die eben um exakt diesen Zustand bangt, oder eine weltweite pubertierende Haltung gegenüber der Entwicklung der ökologischen Gegebenheiten. Große Teile stampfen bockig mit dem Fuß auf und versuchen mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, in dem sie versuchen einen Lifestyle durchzusetzen, der schlicht nicht machbar ist. Es ist vermutlich die größte Frustration der Moderne, dass Naturgesetze der Hybris des Menschen trotzen. Möglicherweise noch verletzender als die Sterblichkeit. Selbstredend ist ein Blackout eine erhebliche Gefahr für alles, was uns lieb und teuer geworden ist. Uns! Löse ich meinen Blick von der Nation und schaue ich mich auf der Welt um, muss ich erkennen, dass es uns maximal auf den Zustand vieler anderer Regionen zurückwerfen würde. Bei allen Betrachtungen ist nunmehr ein Aspekt hinzugekommen, der erstmalig in der Geschichte auftritt. Wenn sich Griechen mit Theben, Phöniziern, Persern oder Makedonen bekriegten, war das unschön, doch es hatte keinerlei Auswirkungen auf die Völker des amerikanischen Kontinents. Bis zu den Weltkriegen waren die Auswirkungen für das ökologische Lebenssystem überschaubar. Gleiches galt bis zur Industrialisierung für die Fehlentscheidungen einzelner Völker. Wenn die über ihre Verhältnisse lebten und regional zu viel Raubbau betrieben, merkten davon Menschen in anderen Regionen der Erde nichts. Dies hat sich bekanntlich grundlegend verändert. Wenn manche Staaten unvernünftig handeln, haben gleich alle etwas davon.

Eins ist auf jeden Fall absehbar. In den demokratisch organisierten industriellen Staaten ist mehrheitlich eine politische Führung installiert, die das Triebhafte bedient, selbst favorisiert und fördert. Vermutlich eine Folge der Demokratie, die als Manko die Anfälligkeit für Demagogen innehat. Für mich ist sie ein anzustrebendes Ideal, aber leider nur erfolgreich, wenn der verständige und vernünftige Anteil der Gesellschaft, die von Trieben gesteuerten Wahlberechtigten dominiert. Ob dies aktuell der Fall ist, lasse ich mal dahin gestellt. Jedenfalls besteht im anderen Fall stets die Gefahr, dass sie am Ende in einer Diktatur oder gar Tyrannei mündet. Meist geht es dann schneller, wenn die Freiheit von einem Krieg bedroht wird. Autoritäre Regierungsformen sind im Kriegsfall erfahrungsgemäß, temporär effizienter. Ähnliches gilt in Krisen. Aus der Polizei kenne ich die Situation, dass in diversen Bereichen der kooperative Führungsstil vorteilhafter als der bestimmende ist, sich aber als unzureichend erweist, wenn man beispielsweise in einer in Riots eskalierenden Demonstration angegriffen wird. In Friedenszeiten bieten Diktaturen oder Tyrannen keine Garantie, dass sie bezüglich der ökologischen Schädigungen weniger schädlich sind. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Der erwähnte Umbruch wird von Krisen flankiert. Die europäischen Demokratien werden bedroht einer “neuen” Regierungsform, die sich als Putinismus etabliert und die gesamte irdische Population sieht sich ausgeführt den Folgen des Lifestyles der Industriestaaten ausgesetzt. Parallel entstehen durch die Digitalisierung völlig neue Voraussetzungen mit denen Staaten, Gesellschaften, Individuen, gesteuert werden können. Würden sie ausschließlich von Verständigen und Vernünftigen angewendet, gäbe es dagegen nichts einzuwenden. In dem Falle wären sie beinahe ein Segen. Wie immer, sind Ideal und Realität nicht deckungsgleich. Was meiner Meinung nach die Ideale nicht zwecklos werden lässt. Sie zeigen, wo es hingehen sollte und wie die Weichen zu stellen sind. Da wird häufig das Konfuzius zugeschriebene Zitat: “Der Weg ist das Ziel!”, falsch interpretiert. Gemeint ist das Einschlagen eines Lebenswegs, welcher geeignet ist, einem unerreichbaren Ideal, näherzukommen. Es gibt zwei alte Sichtweisen auf ein Staatsgefüge. Bei der einen ist der Staat einem einzigen Körper gleichzusetzen, in dem jedes Individuum als ein einzelnes Organ mit seiner Funktion für den Körper zu sehen ist. In der anderen sorgt der Staat für Bedingungen, der die einzelnen Elemente die größtmögliche Entfaltungsfreiheit ermöglicht.

In Deutschland sind Konservative bemüht, die Herrschaft über die virtuelle Welt, das Internet, zu gewinnen. Die dort bisweilen herrschende Anarchie ist ihnen unheimlich. Leute in der Wirtschaft gehen einen anderen Weg. Sie machen sich die dort entstehenden Prozesse zunutze. Außerdem wissen sie die durch die Digitalisierung passierende “Entpersonalisierung” der Menschen zu nutzen. Jeder Mensch wird in einen binären Code übersetzt, der dann entsprechend benutzt werden kann. Andererseits sind Konservative in Koalition mit Wirtschaftsliberalen jederzeit bereit, Intellektuelle, die versuchen mittels Diktat der Unvernunft und den Trieben Herr zu werden, einer unzulässigen Beschneidung der Freiheit zu bezichtigen. Ich betone, Wirtschaftsliberale, sind keine Liberalen oder Libertäre, auch wenn sie sich gern als solche sehen. Jeder kann dies nachlesen und sich die historische Entwicklung von politischen Philosophien und Wirtschaftstheorien ansehen. Allein, dass es zwei unterschiedliche Bezeichnungen gibt, weist auf die Differenz hin.
Trotz aller Täuschungsversuche sehen in Deutschland die gängigen politischen Strömungen den Staat immer noch als einen Organismus, für den alle mehr oder weniger ihren Beitrag zu leisten haben. Ein Unterlassen wird lediglich hingenommen, wenn eine nachgewiesene Unfähigkeit, z. B. Krankheit, nachgewiesen wird. Beim vermeintlichen Gegenüber der Konservativen, den als links bezeichneten Strömungen sieht es nicht anders aus. Wirklich interessant wird es erst bei den zu Extremisten und Radikalen abgestempelten. Da gibt es dann die unverblümt von einem Organismus ausgehenden Rechten, welcher von einem Gehirn gesteuert wird. Ihnen entgegen gestellt, sind dann beispielsweise die Anarchisten, welche nach dem Wegfall der konstruierten Hierarchie, von einer nach Unruhen eintretenden stabilen, sich selbst regelnden Struktur ausgehen.
Kein halbwegs akzeptierter deutscher “Linker” oder “Konservativer” geht die Grundfesten wie Eigentum, Hierarchie, Untersagung allzu heftiger Attacken auf die eigene Machtposition, Steuerung der Gesellschaft und die eigene Identifikation über Statussymbole, an. Wer so etwas unternimmt, befindet sich außerhalb des hingenommenen Spektrums.

Dass etwas vor sich geht, es zu Änderungen kommt, kann man fast körperlich spüren. Ungewiss ist, wohin es gehen wird. Gruppen, die vormals wenig Chancen hatten, sich am Diskurs zu beteiligen oder ihm sogar eine Richtung zu geben, werden durch die Digitalisierung völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Mit einmal werden Strömungen sichtbar, die ehemals ein Schattendasein frönten. Die sogenannte Mitte reagiert konsterniert. Mittig zu sein, entwickelte sich lange zu einem in der Breite gewollten Zustand. Kompromisse, Abstriche von eigenen Wünschen, die Geborgenheit der Allgemeinheit, die Sicherheit durch Anpassung, die kollektive Übereinkunft auf der Seite der Guten zu stehen, das gemeinsame Streben nach immer mehr Besitz und die Gleichsetzung mit Glück und Erfolg, waren zuvor der gemeinsame Konsens. Davon Abweichendes wurde entweder ignoriert, als Spinnerei abgetan oder jugendlicher Lebensart zugeordnet, die sich im Alter legt.
Radikale Ideen, Forderungen, Denkmuster, waren jenseitige verpönte Verhaltensweisen, vor denen die Gesellschaft zu beschützen ist. Im Prinzip wäre dies wünschenswert, wenn denn die Mitte tatsächlich dem entspräche, was sich innerhalb der dokumentierten Menschheitsgeschichte als Weisheit herausgearbeitet hat. Dem ist aber meiner Meinung nach nicht der Fall. Eine Mitte, die sich mit dem Outfit von Politikern*innen, mehr beschäftigt, als sich sichtbaren existenziellen Problemen zu widmen, zeigt ein vollkommen entgegengesetzten Zustand. Gleichermaßen handelt es sich bei Debatten um Geschwindigkeitsbegrenzungen, einem Festhalten an der Wachstumstheorie ins Unendliche, Masken, Impfungen, Reaktionen auf Aggressoren, die Suche nach Glück über das Materielle, nicht wirklich um Zeichen für Weisheit.
Vielmehr regt es dazu an, mal darüber nachzudenken, ob all dies nicht aus der Perspektive einer ausgereiften Persönlichkeit, eher extreme Verhaltensweisen sind, die mit denen von Süchtigen zu vergleichen sind. Bemerkenswert ist dabei, wie heftig die Reaktionen ausfallen, wenn etwas versagt wird, was objektiv nichts mit Vernunft und Verstand zu tun hat. Interessant ist ebenfalls, dass Persönlichkeiten, die zur Prahlerei und Narzissmus neigen oder gern Triebverhalten an den Tag legen, wie zum Beispiel mit einem Porsche durch die Gegend zu stolzieren oder sich in monarchisch anmutenden Posen darstellen lassen, an die Spitze der Hierarchie gelangen. Sie geben Hinweise auf die Struktur des Staats. Welcher Gestalt sind die Regeln, nach der sie aufgebaut wurde oder sich selbst nach und nach generierte, sodass diese Charaktere an höchster Stelle landen? Grundsätzlich wird von einem Menschen innerhalb der Struktur Produktivität, Konsum und das Streben nach Eigentum erwartet. Je mehr vom Genannten erkennbar ist, um so höher ist das Ansehen. Da ist es nachvollziehbar, dass sich diejenigen nach oben durchboxen, die dies ohne Rücksicht auf Verluste praktizieren, Gleichgesinnte unterstützen und Regeln aufstellen, die diese Haltungen beflügeln. Das Ergebnis wird dann finanzieller Wohlstand genannt. Wobei die Konkretisierung oftmals weggelassen wird. Tatsächlich fragen im 21. Jahrhundert immer mehr Menschen, vor allem Jüngere, ob dies denn echter Wohlstand ist. Spätestens, wenn sie sich in der Mühle von zu bedienenden lang angelegten Krediten befinden, der Konsum von herzeigbaren Statussymbolen immer mehr vorhergehende Energie abfordert, kommen diesbezüglich Fragen auf.

Wie auch immer, die Andersdenkenden verfügen heute über ungleich mehr Optionen, als jemals vorher möglich war. Woraus sich zwingend ein Konflikt ergibt. Über die Social Media werden immer häufiger Aspekte sichtbar, die früher unter den Tisch gekehrt und maximal sichtbar wurden, wenn Leute auf die Straße gingen. Hinzu kommen die Debatten und Empörungen, die gezielt aus dem Hintergrund lanciert werden. Ich bin gespannt, wie sich das in den kommenden Monaten entwickeln wird. Unübersehbar mischen sich russische Propaganda-Spezialisten ins Geschehen ein. Ausgerechnet die Konservativen gedenken offensichtlich, sich als freudiger Dritter einzuklinken. Ein extrem gefährliches Unterfangen. Der Preis für die Vernichtung des politischen Gegners, in dem man sich der russischen Propaganda bedient, könnte hoch ausfallen. Die übersehen dabei, dass der eingeleitete Prozess u.U. nicht den gewünschten Stopp erfährt, sondern von den Rechten weiter befeuert wird. Die sogenannte deutsche Mitte sieht ihre existenzielle Grundlage gefährdet: den genannten finanziellen Wohlstand!
Den Intellektuellen fällt es schwer, von der Betrachtung des Ideals auf die Realität umzuschalten. Ein ziemlich altes Problem, welches bereits die alten Römer kannten. Die unterschieden sehr scharf zwischen der Gestaltung einer in Frieden lebenden Gesellschaft und einer im Kriegszustand. Eigens für diesen wurden temporär für maximal ein Jahr Führungskräfte mit Kompetenzen und Verantwortlichkeiten über die Mitbestimmung des Volks hinaus eingesetzt. Was nicht bedeutet, dass es zur Abwehr eines Aggressors keiner Intelligenz bedarf. Selbst Buddhisten bedienen sich im Ausweglosen der Kampfkünste.

Bei alledem darf theoretisch nicht aus den Augen geraten, dass die höherrangige Bedrohung die Zerstörung der Lebensgrundlagen ist. Das ist das zentrale Problem der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts.

Tatsächlich muss man einen anderen Eindruck gewinnen. Mich erinnert es an einen riskanten Überholvorgang auf der Landstraße. Der Fahrer will ein langsameres Fahrzeug überholen. Damit ist die erste Entscheidung getroffen, die nicht unbedingt notwendig wäre. Er könnte genauso gut, dahinter bleiben. Nun setzt er an und tritt dafür aufs Gaspedal. Auf halber Strecke bemerkt er ein entgegen kommendes Fahrzeug. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt bleibt die Chance zu bremsen und wieder einzuscheren. Danach gibt es nur noch konsequent zu beschleunigen und darauf zu hoffen, dass alles gut geht. Wer an dieser Stelle zögert, wird in einen schweren Unfall verwickelt.
Wir könnten auf die Bremse treten und es mit Gelassenheit, Genügsamkeit und deutlich weniger Lebenskomfort angehen. Oder wir setzen auf Technik, Wachstum, Innovationen, mit der Option, dass das böse ins Auge geht. Im ausgebrochenen Verteilungskampf wird ersten Eindrücken nach, alles über Bord geworfen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Überwindung des jeweiligen Gegners. Ein Prozess, der bereits aus dem 20. Jahrhundert bekannt ist. In dieser Art und Weise zwang der Westen im Kalten Krieg die UdSSR in die Knie. Klima, das Einstellen von für das ökologische System zerstörerischen Produktionen, die Entwicklung alternativer Energien, der Verzicht auf Unsummen für Waffen, wurde sekundär. Dies passiert wieder. Nunmehr besteht aber die berechtigte Annahme, dass es keinen dritten Anlauf geben wird und sich das laufende Jahrtausend auf wenige Jahrzehnte beschränken könnte.

All diejenigen, welche von Öko-Diktatur oder Öko-Terroristen sprechen, begreifen nicht den tieferen Aberwitz ihrer Begriffe. Das natürliche System ist seiner Art nach eine absolute Diktatur. Verhandlungen, Abstimmungen, Kompromisse sind in ihm nicht vorgesehen. Letztlich ist jedes kommende Extrem-Wetter-Ereignis eine Form von terroristischem Anschlag. Es wird von den großen Demütigungen der Menschheit gesprochen. Eine war die Erkenntnis, dass sich nicht die Erde im Mittelpunkt des Universums befindet. Nunmehr wird der Homo sapiens begreifen müssen, dass es ein Fehler war, sich selbst als das Zentrum des Geschehens auszumachen. Und wenn die Digitalisierung mit all ihren Möglichkeiten den Menschen vor sich her treibt, statt dessen er sich eine Orientierung, Kompass und Kontrollinstanz vorbehält, wird sie alles beschleunigen. Wenn alles Lebende und Gegenständliche parallel auch in Form eines binären Codes existiert, besteht die Gefahr, das Fassbare, das Erlebbare, zu verlieren. Bereits heute ist für viele Menschen das meiste abstrakt. Einige Jugendliche haben keinerlei Vorstellungen davon, woher Fleisch kommt und wie dafür real getötet werden musste. Kaum jemand hat tiefere Einsichten darin, was in den Geräten der digitalen Welt vor sich geht. In den industrialisierten Staaten tippen die Leute auf Bildschirmen herum und es passiert etwas. Wie, warum, weshalb, interessiert keinen. Vor allem gehen große Teile der Aufmerksamkeit für das reale Geschehen verlustig. Hauptsächlich streift alles irgendwie vorbei und sehr wenige schenken dem Augenblick in der Realität ein wenig oder die volle Achtsamkeit. Daran ändern auch die Therapeuten, Psychiater, Psychologen und Lebensberater nichts. Die künftige Entwicklung könnte dies schmerzlich verändern. Allgemein wird seitens der Demagogen vor Blackouts und Chaos gewarnt.
Doch warum kommt es zum Chaos? Ich denke mal, weil sich die Mehrheit in der plötzlichen harten Realität nicht zurechtfindet. Mit einem Mal werden ehemals noch zu rettende Situationen möglicherweise gefährlich oder sogar tödlich. Unaufmerksamkeiten, unüberlegte Aktionen, natürliche Umstände, werden wieder zu realen bedrohlichen Geschehen. Wenn ich einem Laoten im gebirgigen, armen, Norden, den ohnehin selten vorhandenen Strom klaue, lacht der darüber. Auch dies ist die Digitale Revolution: Alles ist derart abhängig von Elektrizität, dass ich mit der Zerstörung der erzeugenden Anlagen nicht nur alles lahmlegen kann, sondern auch das Leben tausender Menschen auslösche. Vor etwas mehr als hundert Jahren war das kein Thema. Demnach, was ich so gehört habe, sind viele Netzwerke mit Schadprogrammen verseucht, dies sich erst in besonderen Fällen bemerkbar machen. Das wird immer mehr werden. Auf einer philosophischen Metaebene stellt sich die Frage, ob es zweckmäßig ist, ohne weiteres einer derartigen Entwicklung zuzusehen. Mir ist dabei durchaus die bösartige Tragweite bekannt. Manch einer, der nur noch lebt, weil es elektrische Apparate gibt, muss wie in jedem anderen weniger medizinisch ausgestatteten Land, sterben. Wasser könnte plötzlich nicht mehr aus der Wand kommen, sondern müsste mühselig von einer Pumpe geholt werden. Lebensmittel lassen sich nicht mehr lagern, wie gewohnt. Aber all dies ist machbar. Immerhin haben wir diese Standards noch gar nicht so’lange.

Auf einer anderen Ebene findet schon länger eine vergleichbare Entwicklung statt. Die Industrieländer haben eine Gesellschaft, die Infrastruktur und Stadtplanungen zentral auf den Individualverkehr mit Fahrzeugen ausgerichtet. Die Entwicklung des Klimas fordert eine Veränderung. Nun gilt: “Können vor Lachen!” Wie soll man auf die Schnelle einen Jahrzehnte andauernden Prozess verändern und die Folgen rückgängig machen? Hinzu kommt, dass im Zuge dessen das Fahrzeug für den Verkauf mit jeder Menge Emotionen verknüpft wurde. Zeig mir Dein Auto und ich sage Dir, wie Du denkst, fühlst, welchen sozialen Status Du hast und zu welcher Untergruppe der Gesellschaft Du gehörst. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass die temporäre Blockade eines Verkehrsweges, als terroristischer Akt gewertet wird und die Beschädigung eines Fahrzeugs, einer Körperverletzung gleich kommt. In der digitalen Welt sind es die Art und Marke eines Smartphones, das favorisierte Betriebssystem und die dahinter stehenden Haltungen. So wie das Fahrzeug nicht mehr allein ein Gebrauchsgegenstand für den Transport nach A und B ist, sind Laptops, PC’s, längst nicht mehr Geräte, die Aufgaben erleichtern. Umstände, die noch eine weitere, hier meine letzte Betrachtung, anregt.

Fahrzeuge, Rechner, Smartphones, die gesamte digitale Welt, sind nichts Lebendiges. Sie gehören zur toten, leblosen, Materie. Doch ihnen wird oft mehr Bedeutung beigemessen, als den lebendigen Wesen. Im engeren Sinne ist die Nekrophilie als sexuelle Vorliebe für Tote definiert. In seinem Werk “Anatomie der menschlichen Destruktivität” erweitert Erich Fromm die Sicht darauf. Bereits in den 70ern ersah er es als problematisch, dass sich die Menschen in den Industrieländern immer mehr dem Leblosen zuwenden und zog einen Vergleich zur sexuellen Vorliebe heran. Alles Lebende, wird geboren und eines Tages sterben. Ich werde niemals eine vollständige Kontrolle über ein lebendes Wesen erlangen. Außerdem ist vieles ein Mysterium, welches sich bisher unserem Wissen entzieht. Ich kann einen Toten sezieren und trotzdem nur Bruchteile seines Lebens ermitteln. Der Abstand zwischen der Achtsamkeit für das Leben und dem banalen Gegenstand oder der zusammengesetzten Maschine wird immer geringer. Besonders stolpere ich in letzter Zeit über den Begriff “Autohasser”, der das Gegenteil eines “Autoliebhabers” ist. Beides sind starke Emotionen, die sich ursprünglich auf das menschliche Zusammenleben beziehen. Nunmehr werden sie auf tote Materie angewendet. Ich empfinde dies als richtungsweisend. Früher sagte man, wenn Leute ihrem Auto einen Namen gaben, dass sie es dann vermutlich auch besser pflegen würden, weil sie es “vermenschlichten”, somit eine besondere Wertschätzung zeigten.
Doch die Relation war die Annahme, dass das Menschliche eben das Höchste war. Ebenso finde ich es befremdlich, wenn Protestanten, die eine Fahrbahn blockieren, wie bereits angedeutet, als Terroristen bezeichnet werden. Terror war einstmals das kalkulierte, zweckorientierte Erzeugen von Panik und Unruhe, in dem Menschen getötet, zerfetzt und verstümmelt wurden. Die üben nicht einmal im ursprünglichen Sinne Gewalt an Sachen aus. Machen wir uns nichts vor, der Begriff Gewalt wurde bei Blockaden in den 80ern nur eingeführt, um einer unangenehmen Protestform gegen die Macht Herr zu werden. Gleichsam ist es bedenklich, wenn Überzeugte, deren Argumente nicht von der Hand zu weisen sind, und zumindest aus vernünftigen Überlegungen resultieren, zu Extremisten abgestempelt werden. Wobei es natürlich immer eine Frage der Relation und eigener Perspektive bleibt. Das Kalkül einiger ist klar erkennbar: Mit Extremisten muss man sich nicht auseinandersetzen, sondern bekämpfen.
Doch was passiert, wenn die erkennen, dass die gewählten Mittel ins Leere laufen? 21. Jahrhundert, Digitale Revolution! Die virtuelle Welt bietet wie die reale einen Untergrund an. Mehr, einfach und sicherer, als in der anderen. Ich wäre nicht überrascht, wenn in naher Zukunft junge Hacker zu ihren Möglichkeiten greifen. Was Nachrichtendienste und Sicherheitskräfte mit Fahrzeugen anstellen können, schaffen die auch. Längst gibt es Fiktionen, in denen Hacker einfach mal alle Kreuzungen auf Grün schalten. Oder was ist mit Geräten, die die digitalen Funktionen moderner Fahrzeuge sabotieren? Nicht alle haben keine Ahnung davon, was nach dem Tippen auf einem Bildschirm passiert. Die Vertreter der alten Welt, die nicht einmal ansatzweise begreifen, was sich auf diesem Sektor abspielt, werden dann richtige Schwierigkeiten bekommen. Das Wort Sabotage rührt von den Holzschuhen, den Sabots, der früheren Arbeiter her. Bei Arbeitskämpfen warfen sie diese in die Maschinen, die dann blockierten. Die industrielle Revolution ist Geschichte, heute werden Schadprogramme, Computer-Viren, Trojaner, programmiert. Mal sehen, wie sich dies in nächster Zeit gestaltet. In der Welt der Computer, gibt es alles, was es auch bei Fahrzeugen gibt. Ahnungslose Benutzer, Freaks, die ihre Rechner tunen, Crashkids, die aus lauter Spaß Schadprogramme in den Umlauf bringen, Verbrecher, die mit den Techniken Taten begehen, Programmierer, Aktivisten, versierte Terroristen, usw.
Dabei habe ich noch nicht einmal die Technikfreaks erwähnt, welche mit ein paar Bauteilen und einem Lötkolben, komplette Funknetze lahmlegen oder im Vorbeigehen die Steuerung eines Fahrzeugs übernehmen. Es war früher Teil meines Jobs, mir darüber Gedanken zu machen, welche Bedrohungsszenarien sich Straftäter ausdenken könnten und hierzu Gegenstrategien zu entwickeln. Ich kann mir vieles vorstellen, von dem ich nicht hoffe, dass es jemals passiert. In einigen technischen Bereichen besteht bei mir mittlerweile ein fünf Jahre großes Loch. Doch ich kann mir ausmalen, wie die Entwicklung weiter gegangen ist. Ich weiß noch, wie verschiedene im Sicherheitsbereich angewendete Techniken zur Geheimsache erklärt wurden. Dumm nur, dass die sich an der TU Berlin krumm lachten. Was denkt ihr wohl, wer den Kram entwickelt hat und was wir in den Vorlesungen machen? Digitalisierung bedeutet eben auch, dass alles jedem zugänglich ist. Man muss nur wissen, wo man und wie man sucht. Edward Snowden schrieb, dass er moderne industrialisierte Gesellschaften Computernetzwerken gleichsetzt und die Struktur identischen Regeln unterliegt. Gesellschaftliche-Hacker müssen nur die Schwachstellen ausmachen, sich einen Einstieg verschaffen, etwas hinterlassen, was nicht sofort wirksam wird und schon nimmt alles seinen Lauf. Besonders bereiten mir an der Stelle all die Leute Sorgen, die für Hochrisikotechniken, wie alles, was sich um die Energieversorgung rankt, unbekümmert Unbedenklichkeitszertifikate ausstellen. Wenn dies alles an dem ist, stelle ich mir die Frage, wie es vor 11 Jahren! gelang, 30.000 iranische Rechner, von denen einige in AKW’s standen, mit einem Trojaner zu infizieren. Zumal es nicht einmal notwendig ist, das AKW selbst zu attackieren, sondern an der Peripherie Szenarien ausgelöst werden können, die in die Katastrophe führen. Ich mag aufgrund meiner Biografie geschädigt sein. Aber ich habe gelernt: Wenn es um Menschenleben oder existenzielle Dinge geht, verlass Dich niemals auf Elektronik. In der Medizin mag das ganz gut funktionieren. Ansonsten gibt es einfach zu viele mögliche Fehlerquellen. Und wenn es hart auf hart kommt, ist auch immer Verrat oder ein Maulwurf einzukalkulieren. Und nicht immer sind es simple Fingerübungen, wie sie im Zusammenhang mit Belarus geschahen. Ich mag manchmal im Denken ein Fossil aus dem 20. Jahrhundert sein, aber dieses Handwerk ändert sich nur in Nuancen und bekommt neue bessere Werkzeuge. Früher musste eben noch mit der Hand gebohrt werden, heute gibt es Bohrmaschinen, aber am Ende ist ein Loch in der Wand. Und auch hierzu kann ich sagen, dass meiner Kenntnis nach, die meisten, selbst wenn sie in Hochsicherheitsbereichen arbeiten, sehr unbedarft im Umgang mit der digitalen Technik sind. Die alten Hasen schlagen der neuen Zeit ein Schnippchen, in dem sie auf analog setzen. Bei allen anderen gilt die Grundregel:

Was machbar ist und mit der vorhandenen Technik durchzuführen ist, wird erstmalig bei einem herausragenden Fall eingesetzt und damit implementiert. Nach einiger Zeit wird sie mit dem Argument der ökonomischen Effizienz auch in niederschwelligen Bereichen angewendet. Ähnliches gilt für die öffentlichen Aussagen von hochrangigen Behördenvertretern. Wurde etwas ausgesprochen, ist es in der Welt und wird realisiert. Nicht unmittelbar, aber bald.

Auch vor dem Staatsapparat macht die Digitalisierung nicht Halt. Die Kommunikation ist dabei nebensächlich. Viel interessanter sind die Auswirkungen auf Institutionen, die allein schon wegen ihrer Funktionen, den Menschen zum verwalteten Objekt degradieren. Mit der Digitalisierung werde ich zu:

01000001 01101110 01100100 01110010 01100101 01100001 01110011 00100000 01010100 01110010 11000011 10110110 01101100 01110011 01100011 01101000

Immer wenn es in die Entpersonalisierung geht, vor allem bei der Polizei und dem Gefangenenwesen, wird es höchst kritisch. Ein Sachverhalt wird von einem Sachbearbeiter digital erfasst und mit dem obigen Datensatz vereint. Wie nett, wenn er zeitgerecht gelöscht wird. Wie fatal, wenn sich die Zeiten ändern und wie in den USA gigantische Speichermedien füllen. Außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, wie viel in alter Zeit wegen eines Missverhältnisses zwischen Arbeitsaufwand und Ereignis fallen gelassen wurde. Faulheit, die dazu führte, dass oftmals die Kirche im Dorf gelassen wurde. Nun, auch dies wird sich ändern. Zumindest die Erfassung und Speisung von speziellen Datenbanken wird zunehmen.

Oh, das wäre noch ein weiterer Punkt, der innerhalb der neuen Zeit von großer Bedeutung sein wird. Vor allem, wenn kein ethischer Kompass vorhanden ist. Sehr wenige, werden sich der Überwachung entziehen können, während die Massen lückenlos kontrolliert werden. Staaten wie China und Singapore machen es vor. Der Begriff Utopie bezieht sich darauf, dass etwas längst machbar ist oder demnächst ein Durchbruch stattfindet, aber jemand aus unterschiedlichen Motiven auf der Bremse steht. Noch wird vordergründig von der persönlichen Freiheit gesprochen und die Fahne des Datenschutzes hochgehalten. In der Wirtschaft ist dies längst erledigt. Es ist eine Frage der Zeit, dass der Weg für die umfassende staatliche Überwachung geebnet ist. Demagogen erzeugen die notwendige Angst, um im nächsten Zug eine Abhilfe zu versprechen. Ein simples Beispiel sind die bereits jetzt installierten Kameras auf öffentlichen Plätzen. Von der Konstruktion her, können die deutlich mehr, als derzeit freigeschaltet ist. Stellt sich die Frage, warum nicht eine abgespeckte Version verbaut wird. Da kommt einiges auf uns zu. Auch hier sehe ich nicht die Vernunft, sondern Konservative, Neue Rechte und Technokraten bei den Sicherheitsbehörden, die fortwährend mit emotionalen Appellen arbeiten. Selbst die Wirtschaftsliberalen werden einknicken, wenn sie hinter alledem das Geschäft wittern. Der Markt regelt das. Die Demagogen wiegeln auf, erzeugen das Bedürfnis, die passenden Anbieter bieten den passenden Deal an und alles nimmt den gewohnten Verlauf. Hauptsache, die Hochfinanz ist nicht betroffen. Seltsamerweise wird es dann Luxuslimousinen geben, die lediglich vage geortet werden können, während alles darunter auf einen Meter genau lokalisiert wird. Oder Konzerne mit abgeschotteten eigenen weltweiten Netzwerken, an die niemand ohne Maulwurf herankommt. Kalr-Egon, Mandy und Silvio, können in der Liga nicht mitspielen und müssen sich nackig machen lassen. Es sei denn … Vernunft und Verstand, setzen aus unerfindlichen Gründen ein. Immerhin, die Hoffnung ist ein irrationales Konzept. Was ihr leider widerspricht, ist der Umstand einer ziemlich hohen Trefferquote. Immerhin sahen George Orwell / Aldous Huxley in Teilen und skizzenhaft unsere Gegenwart voraus. Aber wie langweilig wirkt die Konditionierung von Kleinkindern bei Huxley an, wenn es heutzutage bereits Virtuell Reality – Brillen gibt, bei denen die Kinder später nicht mehr zwischen selbst erlebten Geschichten und mit Illusionen erzeugten Erinnerungen unterscheiden können. Oder wie plump muten riesige Bildschirme an, auf denen der Große Bruder zu sehen ist, wenn perfekt zugeschnittene Propaganda über Social Media, Filme, PC’s unbemerkt an das Zielobjekt herangetragen werden kann? Irgendwo las ich mal die Aussage: Man möge meinen, dass das Buch “1984” als Warnung zu verstehen ist. Doch das politische Establishment hat es zum Drehbuch und Blaupause gemacht.

Jenseits der Hoffnung bin ich mir persönlich sicher, dass die aktuelle Struktur und Staatsform in der Zukunft nicht mehr funktioniert bzw. in eine katastrophale Phase, mit ungewissem Ausgang, gerät. Irgendwie bräuchten wir einen Typen, wie Isaac Asimov, der die Robotergesetze formulierte. Nur halt einen, der sich über die Digitalisierung Gedanken macht.

September 2 2022

Die letzte Schlacht wird keiner gewinnen

unrecognizable ethnic hacker typing on laptop at table Lesedauer 8 Minuten

Krieg ist schon lange nicht mehr nur das gegenseitige Abschlachten. Längst hat sich alles auf den Cyberraum erweitert. Musste früher noch mühselig Propaganda in die Reihen des Feindes gebracht, für Desinformation, Demoralisierung, gesorgt werden, geht dies in der Digitalisierung erheblich einfacher. Gleichfalls bedurfte es einst gefährlicher Selbstmordkommandos, bestehend aus Abenteurern und Patrioten, die hinter den feindlichen Linien für Sabotage sorgten, während dies heute von einem Hacker von einem sicheren Ort erledigt werden kann. Ich denke, wir stehen da erst am Anfang. Doch die Entwicklung ist rasant. Bereits jetzt kann kaum noch ein Normalbürger sagen, was am Geschehen real bzw. ein chaotischer Ablauf ist oder mittels Instrumentarien gesteuert wird. All dies trifft auf eine Gesellschaft und politische Struktur, die nicht mal ansatzweise darauf vorbereitet ist.

Aktuell ist ein beinahe als Amoklauf zu bezeichnendes Verhalten der als konservativ betrachteten politischen Kräfte zu beobachten. Kein hingeworfener Brotkrumen ist ihnen zu vergammelt, um ihn nicht aufzugreifen und in eine desaströse Kampagne einzubauen. Es geht nicht um konstruktive Opposition, sondern ums primitive Zerstören des politischen Gegners, um die Macht zu übernehmen. Wenn dies erfolgreich passiert ist, kann man sich immer noch dem eigentlichen Gegner zuwenden, nämlich Angreifern, wie aktuell dem faschistischen Diktator Putin. Ein äußerst gewagtes Spiel, mit einem unkalkulierbaren Ausgang. Putin unternimmt alles, um ein geeintes russisches Volk in einem nationalen Kampf gegen einen Feind zu führen. Jeder Widerstand wird innerhalb des Landes brutal und kompromisslos bekämpft. In der Ukraine setzt er auf Schrecken und Vernichtung, wie es einst ein Franco bei seinem Marsch durch Spanien tat. Parallel zieht er seine Verbündeten zusammen und lässt sie der restlichen Welt ihre militärische Bereitschaft präsentieren. Diesem Gebaren hat die moderne, vermeintliche deutsche Linke nichts entgegenzusetzen. Mit Vernunft, Verstand, der Erkenntnis, dass Krieg immer in eine Katastrophe führt, ist der ausgeklügelten Vorgehensweise des Faschismus nicht beizukommen. Allein schon deshalb nicht, weil sie ehemals genau hierfür, zur Überwindung des als schwächlich empfundenen intellektuellen Weges entwickelt wurden. Mussolini, der Namensgeber des Faschismus, kam anfangs aus dem anarchistischen, sozialistischen Lager. Er hatte Ideen und Ziele, bei denen er dachte, sie mit diesen Ansätzen umsetzen zu können. Als er merkte, dass dies nicht funktionierte, entwickelte er neue. Nämlich welche, die beides überwinden sollten: Den Kapitalismus, wie er ihn kennenlernte und die Ansätze, welche seiner Auffassung nach, der Überwindung im Wege standen. Das Individuum mag zufrieden, frei und glücklich sein, aber nur eine geschlossene, wie eine Maschine funktionierende Gesellschaft ist in der Lage, andere Nationen niederzuringen. In einer Weltlage, die sich dahingehend entwickelt, dass bei unverändertem Vorgehen der Menschheit, die Ressourcen verknappen, große Regionen des Planeten unbewohnbar werden, nahezu alles, was das Leben überhaupt ermöglicht, zur Mangelware wird, um die man kämpfen muss, ist dies zumindest eine Option. Rette sich, wer kann, und zwar mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.
Der andere Ansatz wäre die theoretisch machbare Einigung aller Völker, welche dann an einem Strang ziehen. Dem stehen viele Hindernisse entgegen, an deren Beseitigung wenige glauben und vermutlich in großer Zahl nicht einmal interessiert sind. Am Ende sitzen doch alle auf ihrem Affenfelsen.

Das Bittere an allem ist der sich abzeichnende Ausgang einer langen Geschichte. Vom Verstand und der Vernunft her, mit all den technischen Möglichkeiten, dem kollektiven Wissen der Menschheit, wäre ein friedliches Zusammenleben und die Lösung der entstandenen Probleme durchaus machbar. Dass es nicht geschieht, liegt an den Kräften, Eigenarten, die dagegen wirken. Es ist die Geschichte, die Menschen schon seit langer Zeit in Erzählungen verpacken. Gott gegen den Teufel, Buddha gegen Mara, Himmel oder Hölle, Erleuchtung oder fortwährendes Leiden. Habgier, Hybris, Übermaß, gegen Einklang, Harmonie, Fortbestand, Frieden, Freiheit. Und daran hat jeder Einzelne einen Anteil. Hass, Gewalt, Gier, setzen sich über Wechselwirkungen genauso fort, wie Liebe, Genügsamkeit, Respekt gegenüber allen Lebewesen. Es ist eine Frage der Struktur. Wird sie so gestaltet, dass sie dem einen oder eben dem anderen Verhalten Vorschub leistet. Wir haben uns in großen Teilen der Welt für eine Struktur entschieden, die den zerstörerischen Faktoren entgegenkommt.

Ein erster kleiner Schritt wäre der Versuch einer Einigung, die auf Verstand, Vernunft, ethischen Betrachtungen und Übereinkünften basiert. Manche Denker der Vergangenheit stellten die These auf, dass eines Tages der Wohlstand dies möglich machen würde. Noch in den 70ern sahen sie eine Zukunft, in der selbst die damals die ärmsten Länder ein Level erreichen, auf dem alle genug zu essen bekommen, medizinisch versorgt sind und ein Auskommen ohne luxuriöse Spitzen haben. Als größte Gefahr sahen sie einen atomaren Krieg zwischen den Großmächten. 2022 wissen wir, dass sie sich irrten. Der materielle Wohlstand entwickelte sich partiell, um dann in einen Überfluss überzugehen, der auf Kosten der innerhalb der Kolonialzeit materiell und sozial ruinierten Länder ging. Jetzt, in einer Zeit, wo der Überfluss in Gefahr gerät, steigt exponentiell die Gefahr eines Atomkriegs.
Deutschland ist neben anderen Ländern, eins der Überflussländer, die auf Kosten der anderen leben. Den alten Theorien nach, hätte es die Chance gegeben, befreit von Not und Elend, eine innere Einigkeit, Gerechtigkeit und neue Modelle zu entwickeln.

Leider widerlegt die Realität diese Theorien. Ein Umstand, den sich die andere Seite zunutze macht. Innerhalb des Wohlstands besteht ein Ranking. Unbenommen lebt ein finanziell schlecht bedachtes Gesellschaftsmitglied in Deutschland immer noch auf einem deutlich höheren Niveau, als beispielsweise auf dem russischen Land. Wenige leben in absoluter Dekadenz und verfügen über finanzielle und materielle Werte, die alles übersteigen. Die Masse befindet sich innerhalb eines Intervalls irgendwo dazwischen. Innerhalb der Struktur ist alles auf das Finanzielle und das Materielle ausgerichtet. Es stellt sich damit nicht die Frage, ob die mit dem Übermaß glücklich und zufrieden sind oder wenigstens eine in sich ruhende gesunde Persönlichkeitsstruktur aufweisen. Auf der Ebene darunter wird argwöhnisch nach links und rechts geschaut. Wer hat mehr Krumen bekommen? Warum? Wie kann man selbst an mehr herankommen? Ganz unten herrscht das vor, was schon immer existierte. Alles ist auf den Kampf ums Überleben ausgerichtet. Da bleibt keine Zeit für philosophische Überlegungen, wie die Struktur aussieht. “Erst kommt das Fressen, dann die Moral.” Aus alledem ergeben sich Spannungen, negative Konflikte, Unzufriedenheiten, Frustrationen. Ein Eldorado für PR Spezialisten, Nachrichtendienstler, feindliche Agenten, Angreifer, usw.

Bedauerlicherweise ist in der Struktur auch festgelegt, welche Charaktere, Ideen, Anschauungen, sich bis nach oben durchsetzen und so die Macht innehaben. Das Eine bedingt das Andere. Als Helmut Kohl sich anschickte, die politische Macht zu übernehmen, schlicht, weil er nach ihr gierte und nicht, weil er andere politische Ideen zur progressiven politischen Entwicklung Deutschlands hatte, wurde Herbert Wehner zum Propheten. Er sah eine neue Zeit anbrechen, in der Politiker*innen um jeden Preis die Machtübernahme anstreben und die politischen Ziele sekundär werden. Primär wäre aktuell eine Einigung, das gemeinsame Entwickeln von Strategien und Taktiken notwendig. Hierfür müssten Machtinhaber*innen sich nicht als alleinige Ausführer sehen, sondern vielmehr zu Koordinatoren werden und diejenigen, welche bisher gierig nach der Macht griffen, müssten sich besinnen, um eine Mitarbeit an Lösungswegen zu ermöglichen.

Dass die deutsche Politik dies seit einigen Jahren nicht mehr vermag, ist einem Putin mit dem ihm zur Verfügung stehenden Geheimdienst besser bekannt, als irgendeinem Mitarbeiter des BND oder BfV. Ich will mir gar nicht vorstellen, wo die überall ihre Leute installiert haben. Immerhin ergaben sich allein aus dem Niedergang der DDR jede Menge freie Leute, die man übernehmen konnte. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich dies gegenüber den “Five Eyes” als echter Vorteil erwies. Das Mittel schlechthin, welches die Struktur anbietet, die wirtschaftlichen Sanktionen, wirkt unangenehm zweiseitig. Am Ende stellt sich die Frage, wer die entstehenden Schmerzen besser aushalten kann. Der Westen, hier Deutschland, oder auf der anderen Seite Russland und Verbündete. Die breite Masse der Deutschen kann schon lange nicht mehr so klaglos Mangel ertragen, wie es die auf der anderen Seite seit Jahrzehnten tun. Die Zeiten nach dem Krieg, die Berliner Blockade, sind lange vorbei. Mir drängt sich dabei das Bild eines Boxers auf, der seine Gagen verkokst, verfressen und versoffen hat und noch einmal in den Ring steigen will.

Ob es nun in den vergangenen Tagen diese “Winnetou” – Nummer, insbesondere die infantilen Reaktionen der Konservativen und des Bürgertums waren, oder es um die ursprünglich seitens Russlands gestartete Kampagne gegen Baerbock, die PR-Kampagne der Atom-Lobby oder der aktuell innerhalb der Struktur zu erwartende sprunghafte Anstieg der Benzin-Preise ist, den sich die russische Propaganda nicht entgehen lassen wird, alles gehört mit zum Krieg. Wobei sich vermutlich noch nicht alle Teilnehmer offen gezeigt haben. Ein wenig beschämend ist die grenzenlose Naivität, mit der wir noch durch die Gegend tappen und vor allem, wie sehr sich die deutsche politische Elite willfährig am Nasenring herumführen lässt. Es scheint beinahe, als wenn die UNION plant, aus dem Desaster als autoritäre Kraft hervorzugehen, um dann endlich unter ihrer Führung die lang geplante Konservative Revolution umzusetzen, nach deren Vollendung sich Deutschland in den national geeinten Kampf ums Überleben in der Klimakrise stürzen kann. Dumm gelaufen ist alles, wenn sich einige Hacker in die Infrastruktur einklinken, ein AKW an die Wand fahren, Blackouts inszenieren oder einige Chemie-Unfälle in die Wege leiten. Spielarten gibt es da viele. Und Dank der UNION und FDP wird sich daran auch wenig ändern.

Dem Beobachter ohne Einfluss bleibt nur das Zusehen oder sich rechtzeitig auf eine Flucht vorzubereiten. Ich entsinne mich, dass ich dieses Szenario bereits einmal mit Freunden zum Ende der 80er hin durchspielte. Wohin? Es ergab sich schnell, dass es weniger die Suche nach einem angenehmen politischen System, sondern eine rein geostrategische Überlegung ist. Wo sind welche Militärbasen? Welche Länder können nur mit einer technisierten Infrastruktur existieren? Welche sind aufgrund ihrer Einfachheit uninteressant? Wie sind die zu erwartenden Klimaverhältnisse unter Einbeziehung der anstehenden Veränderungen? Da bleiben nicht allzu viele übrig. Bei den meisten handelt es sich um Inseln in geschützter Lage und ausreichend hohen Flächen, die nicht überflutet werden. Wie auch immer, irgendwie muss man sich derzeit entscheiden. Entweder platzt einem beim Zusehen der Kragen oder man nimmt es gelassen. Jeder wurde in die Struktur hineingeboren. Man kann in ihr leben und für sich das Beste herausholen oder man beschließt, sich außerhalb zu bewegen. Sich dagegenzustellen, ist eine blöde Idee. Darauf ist sie vorbereitet. Die Lektion bekam ich im Kleinen. Behörden sind ein perfektes Abbild der Struktur oder vielleicht besser ausgedrückt, ein wesentliches Instrument. In ihr den einen oder anderen Sabotageakt zu vollziehen, ist durchaus machbar. Man kann sich dann kurzfristig daran erfreuen. Ändern wird man damit nichts. Wer sich gegen die Behörde stellt, wird verlieren.

Wie beschrieben muss sich ein Angreifer von außen her nur ansehen, wie sie funktioniert und die Schwachpunkte ermitteln. Nichts anderes tun Hacker. Haben sie den Schwachpunkt gefunden, brechen sie ein und hinterlassen ihre Schadprogramme. Die müssen nicht sofort wirken. Die können auf Eis liegen, bis ein bestimmtes Programm aufgerufen wird oder ein bestimmter Zeitpunkt gekommen ist. Zum Beispiel sind sogenannte Schläfer nichts anderes. Im Hintergrund wissen Taktiker genau, wie sie deren Identitäten anzulegen haben, damit sie an der angestrebten Stelle in der Struktur landen. Auf einem anderen Gebiet arbeitet die Kriminalpolizei nach dem gleichen Prinzip. Kriminelle Strukturen analysieren, Schwachpunkte ermitteln, Leute in Stellung bringen, infiltrieren, zuschlagen. Rennen in der Struktur lauter Typen herum, die sich eifersüchtig nicht den Schmutz unter den Fingernägeln gönnen, Narzissten, schwache Persönlichkeiten, die nach jeder Anerkennung heischen, Frustrierte, Gierige, ist es ein einfaches Spiel. Und sei eine Struktur noch so abgeschottet und dicht, irgendwann braucht sie etwas von außerhalb. Dienstleistungen, Material, Personal, Nachwuchs, Fachleute, all dies sind Einfallstore.
Tja, diese Erfahrungen lege ich auf das Bild, welches gerade Deutschland abgibt. Wirklich kompliziert erscheint mir der Job der feindlichen Dienste derzeit nicht. Zumindest in der Politik, war das bis in die 70er hinein, noch eine große Kunst. Doch selbst unter den erschwerten Bedingungen leistete das MfS ganze Arbeit. Wie Markus “Mischa” Wolf später einräumte, ein wenig zu gut. Die Installation des Kanzlerspions war ein zu großes Risiko, weil die Gefahr bestand, genau die Falschen zu destabilisieren. Am Ende ging der Schuss nach hinten los. Der FSB, nunmehr unter national-faschistischer Führung, muss sich diese Frage nicht mehr stellen. Die progressiven Kräfte haben europaweit ohnehin schon verloren und diejenigen, welche auf Konfrontation gehen wollen, sind angreifbar bzw. brauchen nur ein wenig Unterstützung, damit sie alles zerlegen können. Gewinnen wird keiner. Letztlich gehen alle gemeinsam in den Abgrund. Ich persönlich gehe davon aus, dass wir im Spätsommer 2023 deutlich klarer erkennen können, wo die Reise hingeht. Wer davon ausgeht, dass ein von Russland verlorener Ukraine-Krieg unter Umständen alles zum Guten wenden wird, verrechnet sich meiner Auffassung nach gründlich. Dann geht es erst richtig los. Vernunft, Verstand, die Entwicklung der Menschen zu etwas, was mit dem natürlichen System kompatibel ist, hat bereits jetzt verloren. Dies zeigte uns der Kalte Krieg. Ab jetzt wird alles dem Konflikt untergeordnet, da ist kein Platz mehr für Ökologie, Transformation, Umdenken. Putin und andere kamen zur Auffassung, dass sich dieses Thema ohnehin erledigt hatte und beschlossen zu handeln. Einer von ihnen musste den Anfang machen.

August 24 2022

Roter Bruder

portrait of a native american woman horseback riding Lesedauer 8 Minuten

Und wieder einmal kommt eine Debatte auf, die meiner Auffassung nach nicht wirklich die Hühneraugen der aktuellen Zeit berührt. Diesmal stehen Karl May und seine frei erfundenen Figuren Old Shatterhand und Winnetou im Fokus. Die meisten kennen die Geschichte. Ein deutscher Vermessungsingenieur kommt in den “Wilden Westen” und arbeitet für eine Firma, die den Ureinwohnern mal wieder Land wegnehmen will. Die wehren sich dagegen und kämpfen unter Anführung ihres Häuptlings und seinem Sohn Winnetou gegen die Besatzer. Der Ingenieur, ein edler Kerl, überzeugter Christ, eines guten rechten Hakens mächtig, freundet sich mit dem Sohn an, verliebt sich in die Schwester, welche von weißen Bösewichten getötet wird. Trotzdem werden die beiden, Sohn und Ingenieur, am Ende Blutsbrüder und der Sohn übernimmt nach dem Tod des Vaters, den Stamm. Wir wissen, dass alles eine reine Fiktion war. Karl May war niemals selbst in den USA, geschweige denn, stand er jemals einem Ureinwohner gegenüber. Daran ist erst einmal nichts Verwerfliches. Eine ganze Menge Autoren*innen schreiben Geschichten, mit denen sie nie etwas zu tun hatten.
Karl May schrieb darüber, wie er sich gute und schlechte Menschen vorstellte. Dazu gehörte auch, dass Old Shatterhand stets bemüht war, seinen Blutsbruder als guten Christen, der nur nicht selbst wusste, dass er einer ist, zu sehen. Nun, so waren und sind einige Anhänger der großen Buchreligionen. Menschen können gut sein und im Sinne der Lehre handeln, aber am Ende fehlt halt der entscheidende Punkt: das Bekenntnis zur Religion. Dass die Ideale des Christentums, inklusive des missionarischen Anspruchs und die kirchliche Ordnung in unserer Kultur immer noch eine Rolle spielen, ist jetzt nach mehreren tausend Jahren nicht weiter verwunderlich.
Egal, zurück zu Karl May. Ich glaube, dass ich beinahe das Gesamtwerk gelesen habe. Als Junge war ich fasziniert und wusste auch nichts davon, dass der Mann nie da war. Karl May, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi, waren für mich eine Person. Ein Abenteurer, der sich fair durch die Lande schlug, fremde Menschen und Kulturen, kennenlernte. Ich wusste nichts davon, dass der sogenannte Wilde Westen zu großen Teilen eine Geschichte menschlicher Verwerflichkeit war. Seien es die ausgebeuteten schwarzen Cowboys, die kaum erwähnt werden, obwohl sie die Mehrheit stellten, oder die amerikanischen Ureinwohner, die unfassbares Leid ertragen mussten. So wie ich mich erst heute frage, woher Karl May eigentlich all die Inspirationen für vermeintliche Folterungen ausgehend von den Ureinwohnern hatte. Ich vermute, er machte dabei Anleihen an das Geschehen im Dreißigjährigen Krieg.

Als die aktuelle Kritik aufkam, rollte ich erst einmal reflexartig die Augen. Habt ihr nichts Besseres zu tun?
Dann dachte ich nach. Ja, dieses idealisierte Menschenbild, welches Karl May da niederschrieb, ist aus heutiger Sicht ein wenig daneben. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Stelle, wo alle anderen saufen bis der Arzt kommt und sich daneben benehmen und der gute Deutsche nur Bier trinkt, wofür er ein Lob seitens der Saloon-Betreiberin einheimst. Der Typ schien auch unüberwindbar zu sein. Er ist in den Büchern ein fantastischer Schütze, boxt, rennt schnell und ist widerstandsfähig. Der naive Junge brachte damals das pathologische Verständnis des Deutschen, die Krönung, mit einer simplen Heldendarstellung nicht übereinander. Weil ich schlicht nichts vom Nationalsozialismus, den Wurzeln und der Vorgeschichte wusste. Ebenso war mir Rassismus fremd. Beide, Winnetou und Old Shatterhand waren Helden. Selbst diesen ganzen christlichen Kram konnte ich nicht einordnen. In dieser Zeit las ich ebenfalls Ben Hur und fragte mich, wer denn diese drei Weisen aus den ersten Kapiteln wären. Dass da parallel das Leben Jesu geschildert wurde, kam bei mir erst später an.
Bezüglich Ureinwohner kapierte ich das erst, als ich Tecumseh las und Rassismus trat langsam mit Onkel Toms Hütte in mein Bewusstsein. Nicht ohne Grund spricht man von der Unbescholtenheit eines Kindes. Jemand versteht erst, was Dunkelheit bedeutet, wenn er weiß, was Helligkeit ist. Das Christentum war bei mir zu Hause kein Thema und Rassismus kam nicht zum Tragen, weil da war schlicht niemand. Ich lernte, sich wehren und hauen ist in Ordnung, solange es olympisch bei einem fairen Zweikampf bleibt. Schwache mussten geschützt werden und Respekt ist eine wichtige Sache. Dunkel erinnere ich mich an ein “Indianer-Spiel”, welches böse in die Hose ging, weil wir einen Jungen festbanden und ihn im Eifer vergaßen. Blöd war auch, dass mir meine Eltern Nachbildungen von Schusswaffen verbaten. Aber immerhin hatte ich zeitweilig ein Tipi im Zimmer zu stehen. Aber es blieb bei einem Gummi-Tomahawk, Plastik-Messer, Pfeil und Bogen. Bei letzteren übertrieb mein Vater etwas, das Ding war ganz schön heftig.

Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Heute weiß ich, was mit den Ureinwohnern geschah. Das Christentum sehe ich äußerst kritisch und der US-amerikanische Rassismus, macht mich in Anbetracht der Tatsache, dass wir im 21. Jahrhundert leben, immer wieder fassungslos. Bei Deutschen ist dies ohnehin der Fall. Bisweilen glaube ich, dass da bei Teilen keinerlei Hoffnung besteht. Und mit all diesem Wissen, kann ich Karl May nicht mehr unvoreingenommen sehen. Aber wie jeden Autor, jede Autorin, Künstler, Maler, Schauspieler usw. muss ich ihn im Kontext der Zeit sehen. Er gehört zum abrufbaren Archiv, was in dieser Zeit los war und wie sich alles entwickelte. Doch nun kommt die Gretchenfrage: Müssen wir dies mit Neuauflagen im gleichen Stil fortsetzen? Ich denke nicht. Kinder haben heute genug andere Vorlagen. Warum nicht als Hobbit, Star Trek Figur, Ninja Turtle, Super-Mario oder Marvel Held, verkleiden? Über das alte “Indianer-Bild” kann man sprechen. Kinder verstehen so etwas durchaus.

Denn eins ist klar, sie verkleiden sich nicht als Ureinwohner, sondern als das Bild, was ihnen vermittelt wird, bzw. wir zeichnen.

Es ist unser Bild, welches sie spielerisch umsetzen und jetzt wieder in neuen Filmproduktionen erneut aufleben lassen. Sie verkleiden sich nicht als Dschingis Khan, Römer oder Hermann der Cherusker. Es hat Gründe, warum sie sich spezielle Figuren heraussuchen. Kinder sind unbestechliche Spiegel. Nicht immer ausschließlich der Eltern, aber ausnahmslos der Gesellschaft. Ich erinnere dabei an die Disney Figur Pocahontas. Da war ich bei meinen Töchtern auch nicht begeistert. Eine verschleppte Frau, zwangsweise christianisiert und in der Fremde an einer Krankheit gestorben, die die Europäer auf den amerikanischen Kontinent brachten, als US-Märchen nach Europa transportiert, hielt ich für mehr als bedenklich. Ums knallhart auszudrücken: Winnetou, als auch Pocahontas, sind neben anderen Aspekten, auch der Versuch mittels Erzählungen, absolute Sauereien schönzufärben, statt sich endlich den grundlegenden Gedankenfehlern der Europäer zu stellen. Irgendwie scheint bis heute aus den Köpfen nicht herauszubekommen sein, dass die europäischen Kulturen die Heilsbringer sind.

Natürlich sind wir nicht die einzigen mit Vorfahren, die ein aus heutiger Sicht verstörendes Gebaren an den Tag legten. Seien es nordafrikanische Sklavenhändler oder von der arabischen Halbinsel, oder Piraten aus der gleichen Ecke, die tausende europäische Seeleute versklavten. Auch in diesem Bereich wurde viel romantisiert, was nicht zu romantisieren ist. Doch wir leben 2022 und es ist immer zweckmäßig vor der eigenen Tür zu kehren. Vielleicht wäre es eine kluge Idee, seitens der Filmemacher mal weniger auf das Kommerzielle zu schauen und neue Helden, mit denen sich die Jugendlichen identifizieren können, zu implementieren. Machen wir uns nichts vor, Winnetou wieder aufzukochen, ist cineastisch mehr eine Verzweiflungstat und kann nur auf den Geldbeutel zielen. Oder möglicherweise sollte man überhaupt mal darüber nachdenken, ob es zweckmäßig ist, alle dunklen Aspekte der Geschichte nachträglich zu idealisieren. Vielleicht tritt dann mal so etwas wie ein Lerneffekt ein?

Auf jeden Fall bringen diese beinahe pubertären Reflexreaktionen, die angeblich erwachsene Politiker*innen aufgrund der durchaus vertretbaren Kritik an den Tag legen gar nichts. Na, etwas zeigen sie schon. Die intellektuellen Qualitäten und der Ausbildungsgrad der Persönlichkeit liegen auf dem Tisch. Wie ich in letzter Zeit bereits mehrfach schrieb, sind all diese Themen nicht derart dringlich, dass sie einer intensiveren Aufmerksamkeit unterliegen sollten. Eher dienen sie der Ablenkung. Dennoch sind die Reaktionen bemerkenswert und signifikant dafür, was in anderen Themenfeldern zu erwarten ist. Wieder einmal ist alles, was sich ihnen nicht sofort erschließt oder eine Reflexion erfordert, links, links-extrem, intellektuelle Verwirrtheit. Letztens schaute ich mir ein Interview mit Herbert Marcuse an. Darin wurde er u.a. gefragt, wie er die Diskriminierung der Juden, auch nach dem Dritten Reich erlebt. Sinngemäß antwortete er, dass er für Diskriminierung nicht unbedingt Jude sein muss, weil Intellektuelle grundsätzlich diskriminiert werden. Grund hierfür sei die Eigenart, dass sie, wenn sie wirklich Intellektuelle sind, den Herrschenden auf die Füße treten. Er verweist dabei auf Ernst Bloch, der meinte, ein Intellektueller ist ein Mensch, der sich weigert, den Herrschenden einen Kompromiss anzubieten. Laut Marcuse sei damit die kritische Haltung gegenüber der repressiven Gesellschaft gemeint, die nirgendwo gern sehen wird.

Nun mag man den Protest oder auch Kritik an einer Neuauflage der Fiktion von Karl May als den Versuch einer Repression durch gesellschaftliche Kräfte betrachten. In meinen Augen ist dies ein derzeit häufig vorkommender taktischer Zug. Diejenigen, welche tatsächlich nicht nur die Majorität stellen, sondern auch die von Macht getragene Deutungshoheit innehaben, unterstellen der kritischen Minorität eine nicht vorhandene Machtposition. Und die Taktik geht auf. Im Übrigen gehört sie zu den Grundwerkzeugen der Propaganda. Ich unterstelle dem anderen, was tatsächlich ich selbst unternehme. Vieles mag der Majorität überzogen vorkommen. Doch ohne lautes Getrommel, würden Homosexuelle heute noch verfolgt werden, vom deutschen Phänotyp (also dem Mix aus Slawen, Goten, Südeuropäern, Mitteleuropäern) abweichende Zeitgenossen als fremdartige Exoten wahrgenommen werden, obwohl sie spießige Schwaben, Bayern oder Nordlichter sind. Auch hier kommt stetig der Reflex: “Ich doch nicht!” Die will ich immer anbrüllen: “Ja, dann bist Du nicht gemeint! Zieh Dir die Jacke nicht an, aber mach die Augen auf und schau Dich mal in einigen ländlichen Gegenden um, oder beobachte mal ganz genau die Blicke einiger Leute.”


Eben diesen Abstand und Überblick erwarte ich von Leuten, die in die Politik gehen. Wenn es alle machen können, die sich von Emotionen, infantilen Persönlichkeitsanteilen leiten lassen und nicht in der Lage sind, sich zu reflektieren, sollten wir einfach wahllos jemanden von der Bushaltestelle nehmen. Ein Teil mag dem Versuch geschuldet sein, komplexe Sachverhalte und Prozesse zu simplifizieren, damit eine kritische Auseinandersetzung gar nicht erst möglich wird. Doch bisweilen überkommt mich der Verdacht, dass einige tatsächlich simpel und einfach strukturiert sind. Der Höhepunkt war einer von der FDP, der sich auf einem Bild mit dem Satz: Ich lass mir meinen Winnetou nicht nehmen, abbilden ließ. Bemerkenswert war mal wieder der Auftritt des stellvertretenden Vorsitzenden der DPolG Bundespolizei Manuel Ostermann, der nicht anders kann, jede Argumentation, die sich ihm nicht erschließt (und das ist eine Menge) als links zu deklarieren. Die DPolG produziert immer mehr einen ausufernden Schaden für das Ansehen der gesamten Polizei. Der junge Mann klinkt sich in jede Debatte ein und sieht überall linksradikale Kräfte am Werk. Diese Paranoia ist normalerweise kennzeichnend für Leute, die eine devote Unterordnung unter das Herrschende erwarten. Diese Position verließ die Polizei der alten Republik in den ausgehenden 70ern des 20. Jahrhunderts. In seiner Position ist er das Aushängeschild für junge Polizisten*innen, die sich am Ende, ob sie sich dagegen verwehren oder nicht, diesem Bild ausgesetzt sehen. Dass es da auch noch eine größere GdP (Gewerkschaft der Polizei) und einen BdK (Bund Deutscher Kriminalbeamter) gibt, die deutlich reflektierter und umsichtiger mit gesellschaftlichen Debatten umgehen, geht dabei unter. Zumal in unserer Zeit seitens der Medien, dem provokativ auftretenden Konservativen und Neuen Rechten der Vorzug gegeben wird (Soviel zum Thema Machtverhältnisse).


Nochmals zurück zu Karl May und den amerikanischen Ureinwohnern. Eigentlich ist es schade, dass wir nie von den echten lernten oder ihnen zuhörten. Im Buch “Touch the Earth” – A Self Portrait of Indian Existenz, Pocket Books New York, 1972, wird auf Seite 15 eine heilige Frau vom Stamm der Wintu zitiert: “Wie kann der Geist der Erde den weißen Mann mögen? Überall, wo der Weiße Mann sie berührt hat, ist sie wund.” (Original: How can the spirit of the earth like the white man? Everywhre the White man has touched, it is sore.)
Es wäre keine schlechte Idee, wenn einige Politiker*innen, Karl May, aus den Händen legten und stattdessen mit echten Ureinwohnern über Fracking, Erdölförderung und leckende Pipelines in ihren Reservaten sprächen. Zum von mir angegangenen Manuel Ostermann möchte ich anfügen, dass ich ihn in seiner Symbolik sehe. Was er menschlich veranstaltet, maße ich mir nicht an zu kritisieren. Unter Umständen war ich als junger Polizist ähnlich unterwegs. Ich halte dies sogar für wahrscheinlich. Aber ich steckte den Kopf nicht so weit aus dem Fenster. Die “Winnetou”- Debatte ist ein erneuter Aufhänger. Dankenswert erleben wir bei Teilen der jüngeren Generation eine längst überfällige progressive, provokante, kompromisslose und auch wehrhafte Bewegung. Hierzu wäre es wünschenswert, wenn die Polizei nicht ähnliche Fehler begeht, wie sie es schon einmal tat. Es ist eben nicht alles in das Korsett Recht, Gesetz und Ordnung zu pressen. In einer Gesellschaft geht es auch um Strukturen, Macht, Deutungshoheiten, die Kontrolle der Herrschenden und Verbesserung. Naturgemäß wird sie dabei von den faktisch Herrschenden eingebunden. Als Mensch, der diesen Beruf ausübt, muss man dabei eine Menge Fingerspitzengefühl entwickeln.

August 21 2022

Jugend als Staatsfeind

Lesedauer 8 Minuten

In der Regel sagte ich bei mir dann doch sehr merkwürdig vorkommenden Schilderungen über Polizeieinsätze: „Na ja, jeder hat seine eigene Geschichte. Vielleicht war es dann doch ein wenig anders.“ Immer häufiger nagt ein banger Zweifel an mir. Schloss ich allzu oft von mir selbst auf andere? Verlor ich aufgrund der speziellen Bereiche, in denen ich unterwegs war, ein wenig den Blick für eine Entwicklung?

Gemäß diverser zuverlässiger Quellen[1]u.a. hier https://www.br.de/nachrichten/bayern/wenn-der-augsburger-staatsschutz-im-kinderzimmer-steht,T6NGbJ1 ist es zu folgenden, im Wesentlichen nicht einmal seitens der involvierten Dienststellen bestrittenen Sachverhalt gekommen:
Am 29. November 2019, also in der Nacht vor dem Shopping-Event „Black Friday“ sprühten Greenpeace die Slogans „Brauchst Du das?” und “Buy not!” mit Kreidespray an die Hauswände/Schaufenster von Augsburger Geschäften, die sie sich an dieser Aktion beteiligen. Greenpeace macht daraus auch kein Geheimnis und bekennt sich dazu.
Am folgenden Tag wird im Zusammenhang mit einer Klima-Demo eine 15-jährige Demonstrantin von Beamten in Zivil angesprochen und danach gefragt, ob sie etwas mit den Ereignissen zu tun hätte. In mehreren Publikationen steht dies so beschrieben. Sie verneint die Frage. Trotzdem werden umgangssprachlich ihre Personalien aufgenommen und ein Foto von ihr gemacht. Also wird von zwei Beamten ihre Identität festgestellt und sie wird mit ihrer Kleidung fotografiert. In der Regel wird dieses unternommen um bei gewalttätigen Auseinandersetzungen den Nachweis bringen zu können, dass dieser oder jene Demonstrationsteilnehmer*in eine Straftat, meistens Landfriedensbruch verwickelt war. Die 15-Jährige misst dem Vorfall keine besondere Bedeutung bei. Bis fünf Monate später mehrere Beamte des Polizeilichen Staatsschutzes (nach Aussagen der Mutter 7, was unerheblich ist, weil alles über 2 eine Unverschämtheit ist) mit einem Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Augsburg vor der Tür stehen und ihr Zimmer nach Beweismitteln für die Sachbeschädigung, für die sich Greenpeace bekannte, suchen. Gesucht wird nach Spraydosen und einer Jacke, die schemenhaft auf einem Überwachungsvideo erkennbar ist.
Gut, ein/e Sachbearbeiterin bekommt einen Vorgang zugewiesen. Es besteht der Tatverdacht einer Sachbeschädigung, wobei fraglich ist, ob der Tatbestand bei einem leicht entfernbaren Kreidespray erfüllt ist. Denn sie ist nicht gegeben, wenn die Veränderung der fremden Sache nur vorübergehend ist und mit leichtem Aufwand wieder rückgängig gemacht werden kann. Anders: Die Leute bei Greenpeace sind auch nicht auf den Kopf gefallen! Es erfolgt die Auswertung der Aufzeichnungen einer Überwachungskamera. Ab hier wird es ein wenig nebulös. Wie hat das Bild von der Zivilstreife, welches im Zusammenhang mit einer Demo, die am Ende friedlich verlief, unter bedenkenswerten Umständen entstand, zur Sachbearbeitung gefunden? Dies dürfte nur mit einer Kartei funktionieren. Und dort liegen 15-jährige Aktivisten*innen ein?
Ich erinnere mich dunkel daran, dass wir separate Bildkarteien nur mit besonderen Genehmigungen pflegen durften. Und ich befand mich zu dieser Zeit im Bereich Schwerstkriminalität, ausgehend von Täter*innen mit Bezug zur Organisierten Kriminalität vom Balkan. Ähnliches gab es im Bereich Jugendgruppen Kriminalität. Doch auch die waren mit Messern, Schusswaffen und ähnlichen schweren Gerät unterwegs. Bilderkarteien mit Bildern, die mal eben am Rande von Klima-Demos entstehen, an denen sich Aktivisten*innen von Fridays for Future beteiligen? Zumindest liegt der Verdacht nahe.

Weiter! Von der Sachbearbeitung aus wird der Vorgang an die Staatsanwaltschaft ab verfügt (ganz bewusst Amtsdeutsch). Entweder mit der Bitte um die Beantragung eines richterlichen Durchsuchungsbeschlusses oder eine Stufe darunter mit dem Standardsatz: „Wird der StA m.d.B. um weitere Entscheidung und Veranlassung übersandt.“ Es folgen also zwei weitere Instanzen. Eine Staatsanwaltschaft, die das Verfahren nicht aus mangelnden öffentlichen Interesse einstellt und ein/e Richter*in, der/die es für geeignet hält, das Recht auf Unversehrtheit der Wohnung zum Zweck der Beweismittelauffindung bei einer 15-Jährigen aufzuheben. Hierzu ein kleiner Exkurs für Leute, die sich mit solchen Dingen nicht auskennen. In der Praxis kann es passieren, dass ein leitender Beamter die Anordnung einer Durchsuchung selbst treffen muss, weil eine Gefahr im Verzuge vorliegt. Dabei gibt es durchaus Abwägungen und bei unterschwelligen Delikten, kann darauf verzichtet werden, vor allem wenn die Auffindung von Beweismitteln sehr unwahrscheinlich ist. Was will ich denn finden? Spraydosen mit Kreidespray? Die sind handelsüblich und für forensische Untersuchungen ungeeignet. Die Jacke, die nicht einmal gut zu erkennen ist? Bei einem Verbrechen könnte man ein paar Spezialisten in die Spur schicken, die ein Gutachten bezüglich der Physiognomie der aufgenommenen Person erstellen – Verbrechen! Bleibt: Man kann ja mal nachschauen, was man sonst noch so findet. Bin ich dabei! Wenn ich gegen Mitglieder einer Kriminellen Vereinigung ermittle, greife ich nach jedem Strohhalm und nach jeder Eintrittskarte. Aber zur Erinnerung: 15-jährige Aktivistin bei FFF.

Kriminelle leben in dem Lebensgefühl, dass jederzeit mal die Polizei vorbeikommen kann. Denen ist es überwiegend egal, wenn ihre Behausungen durchsucht werden. Teenager bekommen bereits eine Krise, wenn Mutter oder Vater das Zimmer betreten um „biologische Experimente“ zu entfernen. Das Recht auf Unversehrtheit der Wohnung existiert nicht ohne Grund. Es ist ein folgenreicher, tiefgreifender Eingriff in die Privatsphäre, wenn wildfremde Menschen meine Sachen durchstöbern und unter Umständen Sachen aufdecken, die ich nicht preisgeben will. Ein Einbruch oder eine Durchsuchung können das gesamte weitere Leben verändern. Es geht nämlich etwas verloren. Das Vertrauen, die Sicherheit, dass es einen Platz gibt, an dem ich den Blicken vom Rest der Welt entzogen bin.

Nach der Durchsuchung, vor allem wenn sie aus einem nichtigen Anlass heraus passiert, die Gründe eher wacklig sind oder ich schlicht unschuldig bin, habe ich eine Lektion gelernt. Zu jeder Zeit kann die Staatsmacht bei mir eindringen. Auch wegen einer popeligen -eventuell- Sachbeschädigung. Wenn ich eine echte Privatsphäre möchte, bedarf es eines erheblichen Aufwands. Mobiltelefon verschlüsseln, Rechner mit Kryptografie absichern, wirklich private Sachen nicht zu Hause aufbewahren – die komplette Paranoia. Was hat die 15-Jährige noch vor ihrer Volljährigkeit gelernt? Lass Dich nicht einfach von Zivis ansprechen, erst recht nicht fotografieren, ziehe Dir uniformierte Kleidung an, sei vorsichtig, wenn Du auf eine Demo gehst, Basecap, Sonnenbrille. Oder lasse es lieber gleich sein, weil sie Dich schnell einsortieren. Und: Es gibt keinen sicheren Platz!

Ich mache aus meiner Biografie kein Geheimnis. Über zwei Jahrzehnte hinweg observierte ich Straftäter*innen in unterschiedlichen Deliktbereichen. Unter anderen auch politische und religiöse Extremisten. Wer in diesem Bereich arbeitet, muss besonders abwägen, wo die Grenzen sind und ob das Verhalten der Personen die Maßnahmen rechtfertigen. Dabei gab es immer mal wieder Konflikte mit Sachbearbeitern*innen, die gerne alles und jeden beobachten lassen wollten. Ermittlern*innen müssen immer mal wieder Grenzen gesetzt werden, weil sie irgendwann den Bodenkontakt verlieren und nur noch in ihrer Aktenwelt leben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man sich irgendwann nicht mehr der Außenwirkung bewusst ist, weil man nur noch seine Verfahren wahrnimmt. Nicht umsonst ist die Bezeichnung Sachbearbeiter*in! Es wird ein Sachverhalt aufgeklärt. Das klingt abstrakt und neutral. Ohne Ansehen der Person soll nüchtern und objektiv festgestellt werden, was passiert ist und welche Handlungen von wem ursächlich waren. Klingt gut, funktioniert aber nicht. Wenn ich als Ermittler den Menschen und die Gesellschaft aus den Augen verliere, mutiere ich zum Technokraten.

Ich komme nicht umhin, immer mal wieder zu schauen, was ich da als Mensch und Mitglied einer Gesellschaft veranstalte. Mein Handeln ist in ein größeres Konzept eingebunden. Viele einzelne Handlungen ergeben einen Prozess mit einem Ergebnis. Meiner Auffassung kann sich kein Deutscher Beamter aus der Verantwortung stehlen, weil wir die historische Lektion erhielten, dass viele einzelne Unterschriften eine Katastrophe ergeben können. „Ich bin heraus, weil ich nur in einem Sachverhalt ermittelte, der Staatsanwalt hat den Hut auf und immerhin hat ein Richter entschieden!“, ist das Ergebnis einer Hierarchie und gleichsam die Feigheit, eigene Verantwortung zu übernehmen. Mein Job war es häufig, für den/die Sachbearbeiter*in das Auge auf der Straße zu sein. Deshalb weiß ich: Was auf dem Papier geschrieben steht, erweckt oftmals ein falsches Bild vom tatsächlichen Geschehen. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Manche sind nicht wirklich talentiert beim Schreiben, andere übertreiben, weil sie sich selbst in ein gutes Licht rücken wollen oder sie „trimmen“ den Bericht darauf, dass alles seine Richtigkeit hatte. Bei einer 15-Jährigen sollten die Alarmglocken läuten und mit ganz besonderer Sorgfalt vorgegangen werden. Insbesondere dann, wenn es nicht um eine schwerwiegende Straftat geht.

Ist das der Haken?

Verfassungsschützer, Angehörige des polizeilichen Staatsschutzes, Vertreter von Polizeigewerkschaften, eine ganze Horde Journalisten und Kolumnisten ergehen sich in Statements, bei denen sie von Extremisten und Radikalen sprechen. Wenn ich zurückschaue, assoziiere ich mit diesen Begriffen, islamistische Terroristen, rechte Terrorvereinigungen und Netzwerke, Mitglieder der AiZ, Klasse gegen Klasse, Bewegung 2. Juni, RAF, Baader-Meinhof, alle Vertreter der anarchistischen Vertreter der Propaganda der Tat, Attentäter. Ich denke auch an die Straßenschlachten der autonomen Bewegung in den 80ern, Startbahn-West, Wackersdorf, Brockdorf (wobei hier zum Teil ganz biedere Leute zum Opfer wurden), Verteidigung der Bannmeile um das Rathaus Schöneberg. Mit Sicherheit denke ich nicht an FFF, Ende Gelände, Extinction Rebellion oder Letzte Generation.
Worin besteht denn ihre Radikalität?
Sie behaupten, dass die Zeit dessen, was offensichtlich als gemäßigt gilt, vorbei ist. Faule Kompromisse mit Wirtschaftszweigen, Klientel-Politik, Befriedigung von Lobbyisten, die die Auszahlungen von Renditen sichern sollen, Wirtschaftswachstum vor echter Lebensqualität, ein bemerkenswert in die Schieflage geratenes Verhältnis zu den Lebensressourcen, und eine Gesellschaft, die mittlerweile zu 100 % auf Haben ausgerichtet ist, während das Lebendige in den Hintergrund tritt. Ja, sie rütteln an den Grundfesten der Ergebnisse dessen, was aus dem 20. Jahrhundert hervorgegangen ist und der Welt des 21. Jahrhunderts massive Probleme beschert. Dies taten auch schon Leute im 20. Jahrhundert. Nur entführten die Politiker, zündeten Bomben und erschossen Frauen und Männer. Davon sind die Genannten weit entfernt. Es lohnt sich aber, mal auf die ausgehenden 60er und die 70er zu schauen. Alles begann mal mit Kritik, Forderungen, einem Krieg in Vietnam und einer Staatsgewalt, getragen von einem konservativen Bürgertum, welches nur die Repression, Statik und Verweigerung der Kommunikation kannte. Es mündete in dem Irrweg, dass mit Gewalt gegen Personen eine Änderung herbeigeführt werden könne. Solche Entwicklungen dauern!
Nein, wir leben nicht mehr im 20. Jahrhundert und ich kann nicht 1:1 die Prozesse übertragen. Die damaligen Ereignisse und Terror ausgehend von verschiedenen Gruppierungen, zogen eine veränderte Sicherheitsstruktur nach sich. Heute sind wir an dem Punkt angekommen, wo wir sehr kritisch die Frage stellen und beantworten müssen, wie das Verhältnis zwischen Sicherheit, Kontrolle und Freiheit ausgestaltet werden soll. Veränderungen bedeuten Weiterentwicklung und beides ist ohne Freiheit nicht möglich. Sicherheit, die durch exzessive Kontrolle und Verfolgung erreicht wird, steht der Freiheit entgegen. Außerdem verändern sich die Menschen unmerklich, aber es passiert.

Ich spiele das mal hypothetisch durch. Indem die erwähnten Propagandisten vom Foodsharer, Klimaaktivisten, Demonstranten, die Veränderungen fordern, Blockierern bis zum provokant auftretenden Accountinhaber (wahlweise das passende Geschlecht einsetzen), jeden zum linken Extremisten deklarieren, bereiten sie die Basis für staatliche Repression, unmittelbar oder durch die Kontrolle vor. Das Ergebnis ist dann die Hausdurchsuchung bei einer harmlosen 15-Jährigen, deren Fehler darin bestand, sich öffentlich-wirksam zu engagiern, Gesicht und Haltung zu zeigen. Was danach folgte, ist eine Botschaft an alle anderen. Die „Szene“ beobachtet sehr genau, was in diesem Bereich passiert. Gesetzt den Fall, die liegen mit all ihren Befürchtungen richtig. Ein Umstand, der zumindest mit den weltweiten wissenschaftlichen Erkenntnissen und globalen Geschehnissen, nicht unwahrscheinlich ist. Dann werden die Ereignisse inklusive der negativen gesellschaftlichen Entwicklungen Fahrt aufnehmen. Es scheint, dass die Aktivisten*innen mundtot gemacht werden sollen. Dies hätte eine minimale Chance, wenn es um schnöden Besitz, eine Karriere, Erfolg, ginge. Tatsächlich geht es allerdings um begründete Existenzängste, die unter Umständen von realen Geschehnissen begleitet werden. Dann haben wir es in 10 Jahren mit 25-30-Jährigen zu tun, die gelernt haben, dass das Establishment, welches sich passende Schutzmaßnahmen leisten kann, von einem repressiven Staatsapparat getragen wird. Dann sehe ich mich einer Generation gegenüber, die mit Rechnern tolle Sachen anstellen können. Nach und nach wird sich wahrscheinlich alles in den Cyberspace verschieben und da sie wissen, dass sie es mit Leuten zu tun haben, die nicht gerade die Top-Spezialisten auf diesem Gebiet sind, werden sie für ihre Anonymität zu sorgen wissen.

Fazit: Wer heute von Extremisten oder Ökoterroristen spricht, dem fehlt es an Fantasie, was da noch alles passieren kann. Und wer halben Kindern wegen einer Spray-Aktion die Buchte einrennt, ist ein Depp der Geschichte. Nicht die Heranwachsenden gefährden unseren Staat und die Freiheit, sondern das Gebaren des politischen Establishments in Zusammenarbeit mit willfährigen Publikationen ohne Urteilsvermögen bezüglich der Folgen ihres Populismus und einhergehender Propaganda. Was nicht bedeutet, dass es nicht andere gibt. Doch die erreichen nicht die dominierenden Gesellschaftsschichten, welche derzeit die Entwicklungen bestimmen. Ein ehemaliger Lehrer sagte mal zu mir: “Ich wusste immer, dass es eine gute Idee ist, Euch fair zu behandeln. Denn eines Tages stehen Erwachsene der Gegenwart vor Dir, während Du die Vergangenheit bist.” Und ich weiß, wo ich herkomme. Wenn ich mit meiner Vergangenheit die Augenbrauen hebe, bedeutet dies: Ich hege den Verdacht, dass in der Polizei Haltungen, die es schon immer gab, langsam wieder die Oberhand gewinnen. Keine Sorge, ich meine damit nicht rechte Strömungen oder was im Allgemeinen darunter verstanden wird. Es ist die autoritäre Law & Order – Fraktion, die sich aus Technokraten und Freunden der Hierarchie zusammensetzt, weil sie in ihr andere für sich denken lassen können. Damit werden Wege geebnet. Wer links mit progressiv, notwendigen Veränderungen, Innovation, verwechselt, wird eines Tages feststellen müssen, dass dieses links allgemein akzeptiertes Gemeingut ist und man selbst ein unliebsames Relikt aus alten Zeiten geworden ist. Kurzum: 15-Jährige maß nehmen? Geht’s noch!? Der restliche Text ist lediglich eine Erklärung, warum ich dies empört ausrufe.

August 19 2022

Sofortbestrafung – Nein!

Lesedauer 3 Minuten

Langsam werde ich sauer. In meinem Freundeskreis und bei mir war es immer erklärtes Ziel unseren Kindern die Möglichkeit zu geben, ein eigenständiges, kritisches Denken, zu vermitteln und ihnen vorzuleben, sich einzumischen, wenn etwas nicht richtig ist. Nun mögen manche trefflich darüber streiten wollen, was denn dieses „richtig“ ist. Meiner Auffassung nach merkt dies ein Mensch mit einer gesunden Persönlichkeitsstruktur ganz alleine. Es gibt da einige Dinge, die schlicht und ergreifend in uns verankert sind.
Teile der jüngeren Generation sorgen sich um ihre Zukunft. Ich kann das nachvollziehen. Man muss schon ausgesprochen ignorant sein, wenn man die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Diskussionswürdig ist, welche Maßnahmen Veränderungen herbeiführen können. Simple logische Überlegungen führen mich persönlich zum Ergebnis, dass all die Vorgehensweisen, Konstrukte, Verhaltensweisen, welche in die Misere führten, nicht aus ihr herausführen können. Es braucht Alternativen. Die Theorie des notwendigen Wachstums, das Setzen auf technische Entwicklungen, der Neoliberalismus, haben sich als Irrwege erwiesen. Beim Kommunismus und Sozialismus hat sich gezeigt, wie schnell damit ein Nährboden für Cliquen erzeugt wird, die zügig einen nicht weniger schädlichen Staatskapitalismus installieren. In der Konsequenz muss alles auf den Tisch gelegt und radikal neu betrachtet werden. Die Gestalter*innen des Grundgesetzes waren keine unfehlbaren Götter. Ihre Entscheidungen und Vorgaben beruhten auf den bis zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Informationen und Erfahrungen aus der zurückliegenden Geschichte. Ihre Intentionen finden sich zwischen den Zeilen.

Wie auch immer: Manche setzen sich auf die Straße, andere verzichten zugunsten eines Protestes auf das Recht zur Schule zu gehen, andere stellen sich denen entgegen, die eine Anschauung der Welt innehaben, die große Teile der Weltbevölkerung bereits einmal ins Verderben schickte. In Anbetracht dessen, dass sie unsere Zukunft sind, die Menschen wie ich, eventuell noch als alter gebrechlicher Mann erleben werden, ist es ein schwerer unverzeihlicher Fehler, nicht mit ihnen zu sprechen, sie zu ignorieren oder sie zu diffamieren. Wenn es noch eine Chance der Veränderung gibt, dann durch sie. Bisher wählten sie den friedlichen Weg. Sie leisten bei den Blockaden keinerlei Widerstand, lassen sich weh tun, anschreien und reagieren bemerkenswert ruhig. Das ist ihre Seite!
Die andere Seite wird teilweise von einem hasserfüllten oder wenigstens wütenden Mob gestellt, der Teil der gelenkten Massengesellschaft ist. Ebenfalls zugehörig sind Volksvertreter, denen per demokratischer Wahl die Macht zuteilwurde und in insofern über Machtmittel verfügen. Angewendet werden diese auftragsgemäß von der Polizei. Die betreibt etwas, was auch intern bei der Polizei als Sofortbestrafung vor Ort bezeichnet wird.

Die Haltung dazu ist recht simpel: Die einzige Bestrafung die der oder die Täter*in bekommt, ist die von der Polizei, weil die realitätsfremde Justiz nicht passend reagiert.

Ich machte nie einen Hehl daraus, dass ich Handlungen verstehen und nachvollziehen kann, was aber keinesfalls einer Billigung gleichkommt oder ein richtig so bedeutet. Wenn Polizisten auf Personen treffen, die eine besonders verstörende Tat begingen oder sich in dieser Richtung verhalten, können bei einem Menschen die Sicherungen durchbrennen. So ist das nun einmal, wenn ich keine Maschine vor mir habe.
Bei der Auflösung der Sitzblockaden geschieht etwas anderes. Die dort aktiven Personen unternehmen nichts Verstörendes, sind nicht brutal oder machen sonst etwas Passendes. Wenn Vollstreckungsbeamte*innen Schmerzgriffe anwenden, völlig unnötige Verletzungen verursachen, steckt da Ratio dahinter. Sie sind frustriert und erwarten eine Gerichtsentscheidung, mit der die Personen in ein Gewahrsam genommen werden können, womit ein erneutes Hinsetzen verhindert werden könnte. Aus diesem einzigen Grund wählen sie eine andere, absolut unzulässige Taktik. Aber sie ist nicht nur unzulässig, sondern sie wird nicht ohne Folgen bleiben. Niemand darf sich wundern, wenn wir in nächster Zeit wieder Straßenkämpfe wie in den 80ern erleben. Machtlos ausgeliefert zu sein, erzeugt Ohnmacht, die wiederum ein gefährlicher Nährboden ist.
Jeder sollte sich bewusst sein, dass da die Töchter und Söhne von jemanden sitzen. Menschen wie ich, die ihre Kinder dazu aufforderten sich der Ungerechtigkeit entgegenzustellen, nicht mit der Masse mitzulaufen – weil wir exakt dieses schon einmal hatten. Ein Mensch lebt nicht für sich alleine. Und jede/r Polizist*in, mit der Intention einer selbst beschlossenen Sofortbestrafung, sollte sich bewusst sein, dass das Handeln weit über den Moment hinaus geht.

Mai 14 2022

Angst,Mut,Dummheit,Dekadenz

grayscale photo of explosion on the beach Lesedauer 5 Minuten

Angesichts des Ukraine-Kriegs wird in letzter Zeit die Warnung vor einer Ausweitung des Krieges bis hin zur Eskalation in einen Atom-Krieg als Angstmacherei bezeichnet. Die Angst würde zur Manipulation der Bevölkerung genutzt werden.

Zunächst einmal ist es völlig richtig, dass Angst ein starkes Mittel für die Manipulation ist. Andererseits ist die Angst vor einer Gefahr nicht ohne Grund Bestandteil der menschlichen Emotionen. Doch wie immer gilt es erst einmal sauber die Begriffe auseinanderzuhalten. Was ist Angst und was ist Furcht? Bei DUDEN – Online steht hierzu:

In den Wissenschaften, die sich mit menschlichen Gefühlen beschäftigen, vorrangig in der Psychologie, gilt nämlich Angst per definitionem als eine Emotion, die unbegründet und somit nicht auf ein bestimmtes Objekt bezogen ist. Sobald etwas Konkretes im Spiel ist, seien es Spinnen, Flüge oder Prüfungen, sprechen die Fachleute von Furcht.[1]https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/Angst-oder-Furcht

Ich muss mich also entscheiden, welcher Sprache ich mich bediene, der allgemeinen oder der fachsprachlichen. Da ich kein Psychologe bin, bevorzuge ich die Umgangssprache. Ergo mache ich keine Unterschiede zwischen der Furcht und der Angst. Viel wichtiger finde ich es, die Gefahr genauer zu betrachten. Gefahren und ihre Einschätzung sind das alltägliche Brot der Polizei. Deshalb gibt es dazu klare Definitionen. Es gibt folgende Arten:[2]https://juliandrach.com/gefahrenbegriffe/

Konkrete Gefahr:
Eine konkrete Gefahr ist eine Sachlage,
– die bei ungehindertem Ablauf des zu erwartenden Geschehens
– im Einzelfall mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu einer Verletzung der Schutzgüter der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung führt.
Erforderlich ist also das Aufstellen einer Diagnose (der Feststellung der gegebenen Umstände) und einer Prognose (Abschätzung der Fortentwicklung des Geschehens).

Abstrakte Gefahr:
Sachlage, aus der nach allgemeiner Lebenserfahrung im Einzelfall konkrete Gefahren entstehen können.

Gefahr in Verzug:
Sie liegt vor, wenn unmittelbar gehandelt werden muss, um den drohenden Schaden abzuwenden, welcher ohne ein Einschreiten eintreten würde. Maßgebend ist hier die ex-ante Betrachtung, das sofortige Einschreiten muss dem Handelnden (meist Polizei, Ordnungsamt und andere Ämter) nach pflichtgemäßer Prüfung der Sachlage also erforderlich erscheinen.

Anscheinsgefahr
Eine Anscheinsgefahr, welche aufgrund des Grundsatzes der Effektivität der Gefahrenabwehr eine „echte Gefahr“ im Sinne der einschlägigen Gesetze darstellt, liegt vor, wenn bei der Betrachtung der Sachlage ex-post aufgrund besseren Wissens erkannt wird, dass die Gefahrprognose ex-ante falsch war. Frei nach dem Motto, man kann sich mal irren und hinterher ist man immer schlauer.

Putativgefahr
Eine Putativgefahr liegt vor, wenn der/die Handelnde/n den Sachverhalt ex-ante schuldhaft falsch einschätzte/n und daher das Vorliegen einer Gefahr trotz unzureichender Anhaltspunkte annahm. Dabei muss es einem durchschnittlichen Beobachter möglich gewesen sein, die Situation korrekt einzuschätzen. Im Prinzip der klassische Fall einer harmlosen Spinne, die ihr Leben lassen muss, weil ein kreischendes Etwas durch die Wohnung rennt.

Dringende Gefahr
Eine dringende Gefahr liegt vor, wenn ein bedeutendes Rechtsgut gefährdet ist und eine hohe Wahrscheinlichkeit des baldigen Eintritts der Gefahr vorliegt.

Gegenwärtige Gefahr
Bei der gegenwärtigen Gefahr hat die Schädigung bereits begonnen.

Unmittelbare Gefahr
Hier besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts sowie ein enger zeitlicher Zusammenhang.

Erhebliche Gefahr
Wie die Bezeichnung schon vermuten lässt, muss hier eine konkrete Gefahr für ein bedeutsames Rechtsgut bestehen.

Demnach wird denjenigen, welche vor der Möglichkeit eines Atomkriegs oder Ausweitung warnen bzw. sich darum sorgen, die Angst vor einer putativen Gefahrenlage vorgehalten. Nun, unbenommen verfügen die NATO – Mitgliedsländer und Russland über Atomwaffen. In einem Polizeieinsatz käme dies einem Straftäter gleich, von dem ich ganz konkret weiß, dass er in seiner Buchte Sprengsätze aufbewahrt. Also würde ich meine Vorgehensweise darauf abstellen. Jetzt könnte jemand um die Ecke kommen und behaupten, dass das ein total lieber, friedlicher Zeitgenosse ist und die Dinger als Dekoration herumzuliegen hat. Für mich hätte diese Aussage keinerlei Bedeutung. Die Gefahrenlage ist nach verständiger Bewertung konkret und erheblich, woraus sich eine berechtigte Sorge ergibt, dass der seine Spielzeuge zündet. Und weil ich auch noch Angst davor habe, werde ich passende Ausrüstung anfordern, die Umgebung räumen lassen und mir sehr genau überlegen, was ich tue.
Fraglich ist, ob die Gefahr unmittelbar ist. Tja, da scheiden sich die Geister. Ich persönlich finde den russischen Umgang mit der Kernenergie und Atomwaffen etwas arg unbekümmert. Die Sowjetunion testete innerhalb von 40 Jahren im Gebiet von Semipalatinsk, Kasachstan insgesamt 456! Atomwaffen (340 unterirdisch und weitere 116 oberirdisch)[3]https://thebulletin.org/2009/09/the-lasting-toll-of-semipalatinsks-nuclear-testing/. Nicht, dass die anderen Atomstaaten keine Tests durchführten, aber kaum jemand in der hohen Zahl direkt vor der Haustür. Jahrzehntelang entsorgten sie den Atommüll in der Arktis. In Folge des Klimawandels rächt sich dies gerade. Was Russland allerdings nicht daran hindert, die größeren Städte mit Meereszugang mittels schwimmender Atomkraftwerke zu versorgen. Augenscheinlich scheinen die weniger Respekt vor der Strahlung und den Folgen zu haben. Diese Haltung bedingt augenscheinlich eine niedere Hemmschwelle beim Umgang mit Radioaktivität. Ich finde, dies ist ein durchaus zu berücksichtigender Faktor. Auf all das Gerede bezüglich der russischen Einsatzdirektiven von Atomwaffen gebe ich nichts. Entscheidend ist nicht, was der Westen als Bedrohung definiert, nichts anderes als eine Einschätzung der Gefahrenlage, sondern wie ein Putin nebst Militär, Geheimdienst, darüber denken. Ein echter Joker kann hierbei die chinesische Regierung sein, die an solchen Eskapaden hat keinerlei Interesse hat.

Aber einfach alles beiseite zu schieben, frei nach dem Motto: “Ging bisher immer gut, wird weiterhin gut gehen!”, halte ich für dummdreist. Hierfür sind viel zu viele unbestimmbare Parameter im Spiel. Der wird schon nicht “zünden”, weil er unter Umständen dabei selbst draufgeht, ist keine belastbare Aussage. Die Angst vor einem Atomkrieg ist bedingt durch die Existenz der Waffen und den garantierten Folgen nichts Irrationales, sondern durchaus vernünftig. Nur sehr dumme Menschen kennen keine Angst. Sie lässt einen vorsichtig handeln und lässt einen nochmals alles bedenken. Ja, wenn sie fachsprachlich ohne jeglichen Beleg ist, dann wird sie problematisch. Aber davon kann im konkreten Falle nicht die Rede sein.

Mir scheint, ein paar ganz ausgebuffte Propagandisten haben einen kreativen Move gefunden. Die banale Erkenntnis, dass mit mit dem Appell an irrationale Ängste viel verkauft werden kann, wird manipulativ als Beschwichtigung eingesetzt. Das gleiche Prinzip wird beim Klimawandel verfolgt. “Lasst Euch doch keine Angst machen! Die Ökofaschisten wollen damit lediglich ihre Ziele durchsetzen.” Selbst bei einer oberflächlichen Betrachtung eine lächerliche Aussage. Ich muss nur schauen, wer ein größeres Interesse, vor allem finanzielles hat. Da stehen dann besorgte, mittelmäßig bezahlte Wissenschaftler und Aktivisten einem Milliardenmarkt gegenüber. Nein, die Propaganda ist darauf ausgerichtet, Angst vor rational denkenden Zeitgenossen einzuflößen, damit der Konsum beständig anhält.

Aktuell läuft alles auf die Parole “Die oberste Bürgerpflicht heißt Ruhe bewahren.”, hinaus. Friedrich Wilhelm Graf von der Schulenburg-Kehnert[4]Ich habs nachgelesen. Nein, er ist nicht der Namensgeber für die Spandauer Schulenburgstrasse. prägte sie, nachdem Napoleon die Preußen geschlagen hatte und sich abzeichnete, dass der Kaiser nach Berlin vorrücken wird. Mich amüsiert dabei, dass er dabei ausgerechnet vornehmlich die Bürger meines Bezirks, die Spandauer meinte, wo Napoleon wenige Tage später die Zitadelle besetzte.

Einige Jahre später wurde die Parole ein Bestandteil der Geschehnisse um die Karlsbader Beschlüsse herum, weil die Monarchisten Angst vor einer Revolution hatten. Klappe halten, Ruhe bewahren und der Obrigkeit alles Weitere überlassen.

Fairerweise muss ich zugeben, dass es derzeit kaum Alternativen zu einer Beschwichtigung gibt. Was allerdings völliger Quatsch ist, geht mal wieder auf das Konto der Konservativen. Die schreien Zeter und Mordio, weil nicht genügend Schutzbunker vorhanden sind. Erstens lassen sich nicht Millionen sicher unterbringen und zweitens bringt das bei einer Atombombe alles nichts, außer vielleicht eine Verlängerung der Lebenszeit um wenige Tage. Mal ganz abgesehen von den weltweiten Folgen danach. Wer neugierig ist, kann sich unter dem Link hier ansehen, welche Auswirkungen eine Tsar Bomb 50Mt bei einer Detonation über Berlin hat. Aber vermutlich hat eine CDU-Clique oder FDP-Seilschaft gute Kontakte zu Anbietern privater Bunkeranlagen. Für einen schmalen Taler bekommt man schon für ca. 10.000,– EUR einen atomsicheren Schutzraum für das eigene Haus.[5]https://www.bunker-bssd.de/Schutzraum-Atomsicher.

Wie auch immer, diejenigen, welche anderen zum Thema unbegründete Ängste vor einem Atomkrieg vorhalten, gehen mir ziemlich gegen den Strich. Es sind die üblichen Kandidaten, denen alles schnuppe ist. Klimawandel gab es schon immer, die Natur erholt sich schon wieder, die Tiere aus der Massentierhaltung existieren lediglich, weil sie exakt zu diesem Zweck geboren wurden, an den Gesetzen des Kapitalismus kommt auch Putin nicht vorbei, es ging immer irgendwie weiter, … Ich mag auch keine Bedenkenträger, aber zu nassforsch ist keine Alternative, zumal sie diesen Dumpfsinn nur deshalb von sich geben, weil sie Angst vor Einschränkungen haben und merken, dass es langsam eng wird.

April 19 2022

Pazifismus

Lesedauer 13 Minuten„Der klügste Krieger ist der, der niemals kämpfen muss.“

Sun Zi
Chinesischer General, vermutl. 543 v. Chr. – 495 v. Chr.

Eine Weltanschauung, wie der Pazifismus, hat derzeit keinen leichten Stand. Da hilft es es auch nicht, wenn die Christen zu Ostern die Auferstehung eines Heilands oder den Sohn Gottes feiern. Wobei sich in den letzten Tagen wieder einmal zeigte, wie wenig Christen ihre eigene Religion verstehen. Sich Gott als eine Figur vorzustellen, daraus einen Mann, einen Vater zu machen, am besten noch als einen alten Mann mit weißen Haaren und dann darüber auch noch eine Gender-Diskussion anzustreben, ist freundlich ausgedrückt ziemlich simpel. Auf diese Art brachte man damals seitens der katholischen Kirche dem einfachen Volk die christliche Weltanschauung bei. Gott ist abstrakt, ein Neutrum und Sohn bedeutet im eigentlichen Sinne, dass sich das Abstrakte in Menschengestalt manifestierte. Michelangelo war ein Genie, aber bei den Bildern im Kopf, auch Kind seiner Zeit. Dieser Exkurs nur am Rande zur Darstellung, wo sich Teile der Gesellschaft derzeit befinden.

Das dialektische Gegenteil oder auch Antonym des Pazifismus ist der Bellizismus. Einmal die Ablehnung des Krieges und auf der anderen Seite die Befürwortung. Die vollkommene Ablehnung von Gewalt, auch in einer Notwehr – oder Nothilfesituation, ist eine Spielart des Pazifismus. Wie immer, wenn Gedankengänge unter einem einzigen Begriff zusammengefasst werden, wird es unscharf. Also worum geht es denn eigentlich?
Seit tausenden von Jahren machen sich Menschen Gedanken über Krieg und Gewalt. Lao Tze soll beispielsweise gesagt haben: “Ich kann nicht viel voraussagen, aber wer die Gewalt bevorzugt, wird eines gewalttätigen Todes sterben.” Ich bleibe an der Stelle die Quelle schuldig. Es steht irgendwo im “Tao des Lebens”. Er und diverse andere, inklusive Buddha und Konfuzius, wiesen stets auf die Wechselwirkung hin. Bin ich gewalttätig, löse ich weitere Gewalt aus. Das ist logisch nachvollziehbar und bedeutet in der Konsequenz, dass ich für den Fall, dass ich keine Gewalt haben will, selbst keine ausüben darf. In einem idealen theoretischen Gedankenmodell, endet die Gewalt, wenn sich alle daran halten. Nicht mehr oder weniger besagt der Pazifismus. Fraglich ist, wie ich mich verhalte, wenn ich angegriffen werde, also ein anderer die Wechselwirkung nicht berücksichtigt. Selbst Sun Zi, der General und Schöpfer des Werks “Die Kunst des Krieges” hatte einen gesunden Respekt davor. Doch er sah auch die Notwendigkeit, unter Umständen in den Krieg zu ziehen.

Folge ich der Logik, erfolgt durch die Wechselwirkung weitere Gewalt. Nehme ich mir einen gedanklichen Nullpunkt, startet die Gewalt also nicht mit dem Pazifismus, sondern mit dem Bellizismus. Es ist ein sich verzweigendes Ablaufdiagramm, bei dem an der obersten Position zwei Entscheidungen möglich sind. Entscheide ich mich zusammen mit allen anderen für den Pazifismus, endet damit auch schon alles und jeder lebt in Frieden. Der Bellizismus wird sich über eine lange Strecke nach unten weiter verzweigen. Demnach kann der Pazifismus bis hierin für friedliebende Menschen die einzig richtige Entscheidung sein. Aber verpflichtet mich diese Haltung zum Verzicht auf eine Gegenwehr?

In jeder Religion stößt man dabei schnell auf Widersprüche. Zum Beispiel ist für Buddhisten das jetzt geführte Leben lediglich eine Art Episode, somit eine flüchtige Begebenheit innerhalb eines größeren Zusammenhangs, innerhalb derer, wie auch in allen anderen vorhergehenden und noch kommenden, das Karma geformt wird. Solange, bis man es salopp gesagt: Endlich verstanden hat! Jeder kennt die sagenhaften Kampfkünste der Shaolin. Alles was sie tun ist auf Verteidigung ausgerichtet. Sie haben nicht die Ursache gesetzt, aber sind durchaus in der Lage sich zu verteidigen. Doch wäre es nicht konsequent für das eigene Karma auf eine Gewaltanwendung, zu verzichten, um dann in der nächsten “Episode” auf einem neuen höheren Level, weiterzumachen?
Im christlichen Glauben sieht es nicht viel anders aus. Einerseits soll man nicht töten und im Zweifel die andere Wange hinhalten, andererseits ist die Rede von Auge um Auge, Zahn um Zahn. Im alten Testament ist eine Menge legitime Gewalt geschildert. Hauptsache, Gott hatte sie irgendjemand befohlen. Dann ging es immer richtig zur Sache. An sich eine schlüssige Konzeption. Was man auch bei ein paar tausend Jahren Entwicklungszeit erwarten darf. Töte ich konsequent alle, die sich nicht an die Vorgabe Pazifismus halten, setze ich alles wieder auf Null. Sollte ich es als Laie in Sachen Christentum richtig verstanden haben, läuft es in der Bibel darauf immer hinaus. Beim Propheten Hesekiel spricht Gott von all dem Gräuel und fordert, dass alle, die damit ein Problem haben, gekennzeichnet werden sollen und alle ohne Zeichen im Nachgang erwürgt werden müssen. Warum nicht alles belassen, wie es ist und den Job Satan in der Hölle überlassen. Ja, ich weiß, die Hölle ist eine recht späte Erfindung des Christentums und der Teufel, Luzifer, der gefallene Engel, noch später. Wie einfach hatten es da doch die Wikinger? Ein ordentlicher Tod im Kampf war eine gute Sache. Die Griechen setzten auf die Nachkommen. Bei der Erzählung über die Irrfahrten des Odysseus tröstet Achilles den Helden in der Unterwelt mit dem Hinweis, dass die Lebenden respektvoll über ihn sprechen. All dies scheinen mir Ideen von Typen zu sein, die irgendwie den Krieg, den keiner wirklich wollte, schmackhaft zu machen. Da fand ich die Episode bei Sketch History, in der Alexander der Große versucht seine Armee zu motivieren, während die nicht so richtig wollen, ziemlich amüsant. Machen wir uns nichts vor, wenn um Dich herum die ersten Leichen verwesen, Leute mit heraushängenden Gedärmen unter Stöhnen verrecken, gehen Achilles die Argumente aus.

Ich habe mir zu diesen Ungereimtheiten meine eigene These zu Recht gelegt. Buddha soll zu seinen Schülern gesagt haben, dass sie die Letzten wären, welche seine tatsächlichen Worte zu hören bekommen. Später werden sie aufgeschrieben werden und jeder fügt seine Interpretation hinzu oder ergänzt im eigenen Sinne. Selbst wenn er es nicht gesagt haben sollte, hat der Urheber dieser Worte Wahres gesprochen. Immer, wenn etwas nicht mit der Grundidee zusammen passen will, besteht der Verdacht einer nachträglichen Änderung. Selbst Buddha, der Lehrer, war nicht frei von Zwängen. In einem hinduistisch geprägten Gesellschaftsgefüge radikal alles auf den Kopf zu stellen, wäre äußerst unklug gewesen. Seine Botschaften wären in Empörung untergegangen.

Die Nummer mit dem Sterben, vor allem im Krieg, und den Religionen ist ohnehin eine eher zweifelhafte Angelegenheit. Wenn es mir zu Lebzeiten dreckig geht, alldieweil sich eine wenige ein gutes Leben gönnen und dafür über Leichen gehen, wird mir unterdessen eine bessere Zukunft im Jenseits vorausgesagt, während der sündige “Brutalinski” oder “Despot”, nach seinem Tod in der Hölle schmort, riecht verdächtig nach einer Konstruktion, die von Typen erfunden wurde, welche zu Lebzeiten unbehelligt andere ausbeuten wollten. Im Ursprung nachvollziehbar. Wenn ich als Sklave (Hebräer/Ägypten) geboren werde, brauche ich irgendetwas, woran ich mich hochziehen kann. Später kam dies einigen sehr entgegen (Absolutismus/Katholische Kirche).
Der Buddhismus erscheint einem auch erstmal ziemlich suspekt. Nichts zu besitzen, soll besser sein als Reichtum? Klingt erst einmal nach Christian Lindner & Friends, weil sie damit dem unvermögenden Pöbel die Lebenssituation attraktiv machen wollen, während sie sich mit kreativen Wirtschaftsmodellen bedienen. Wenn man etwas tiefer einsteigt, wird es logisch. An vergänglichen Dingen festzuhalten und das Leben an ihnen auszurichten, führt zwingend zu einer Frustration (Leid), die spätestens mit der konkreten Erkenntnis, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, eintritt.
Hinzu kommt, dass viele Kulturen in Abwandlungen die Weisheit “Wer Wind sät, wird Sturm ernten!”, kennen. In Asien heißt es: “Wer einen Mangobaum pflanzt, darf keine Bananenstauden erwarten.”

Der Übeltäter mag ja glücklich sein, solange er nicht erntet, was er gesät hat, aber sobald es ans Ernten geht, übermannt ihn der Kummer. Der Gute mag ja leiden, solange er nicht erntet, was er gesät hat, aber sobald es ans Ernten geht, übermannt ihn die Freude.
buddha mudra mara
Siddhartha Gautama, Buddha
Aus dem Dhammapada

Voreilig auf Pazifisten zu schimpfen ist demnach ein unüberlegter Schnellschuss aus der Hüfte. Spirituell wird es zu einer ziemlich komplizierten Angelegenheit. Zu welcher Überzeugung kommt man? Einen feuchten Dreck darauf, wenn mich jemand tötet? Wir werden sehen, was danach passiert? Hat jemand mit einer spirituellen Einstellung, jenseits der Griechen, Römer, Wikinger u.a., auf das richtige Pferd gesetzt, ist Putin sozusagen richtig am Arsch. Entweder hat er in der nächsten Episode innerhalb des Universums eine richtig miese Zeit oder in der Vorstellung eines Hieronymus Bosch, eine sehr lange BDSM-Nummer vor sich, die ihm wenig Spaß bereiten wird.

Im  Krieg zu sterben, gewalttätig, vor Ablauf der natürlichen/schicksalhaften Ablaufzeit, kommt immer mit der Erklärung eines Sinns daher. Auch eins dieser Wörter, mit denen ich ein wenig hadere. Im Besonderen gilt dies für den Sinn des Lebens. Wer soll darüber bestimmen, was einen Sinn stiftet und was nicht? Und wird meine Existenz sinnlos, wenn ich mit meinem Leben nicht den Vorgaben entspreche? Ein wenig griffiger ist der Zweck. So oder so müssen Kriege seitens desjenigen, welcher in den Krieg ziehen will, begründet werden. Man stirbt für die Freiheit, um einen oder eine Wahn|sinnige zu stoppen, einen Irr|sinn zu beenden oder das eigene Volk gegenüber einem anderen Volk zu verteidigen (anders: eine Gemeinschaft von x-Mitgliedern der Spezies Homo sapiens gegen eine andere Gemeinschaft von x-Mitgliedern derselben Spezies). Ganz abstrakt wird es, wenn das Vaterland und Schutz desselben herangezogen wird. Ein Gedankenkonstrukt, welches meiner Auffassung nach, vollkommen daneben ist. Es stammt noch aus der Zeit, in der der besetzte Boden die Einnahmequelle für Klerus und Adelige war. Ob nun durch Zufall oder eine Fügung des Universums in Verbindung mit angenommen inneren Regeln, habe ich mir die Geburt an einer konkreten Stelle des Planeten Erde nicht ausgesucht. Erweitert gesehen, gilt dies auch für den Planeten.

Der Erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen: “Das gehört mir” und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Morde, Kriege, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand seine Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: “Hütet Euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren,
wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemanden gehört.”


Jean-Jaques Rousseau, * 26.6.1772 in Genf; † 2.7.1778
französischsprachiger Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher

Rousseau gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der Französischen Revolution. Heutzutage würden sie ihn als Linksextremisten einordnen. Die “Heilige Schrift” des Kapitalismus, Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, wurde noch zu Lebzeiten Rousseaus von Adam Smith 1776 veröffentlicht. Es ist interessant, wie weit einige am Vorabend der Revolution waren und wem am Ende zugestimmt wurde.

Was scheren mich die Interessen eines Kaisers, Königs, Diktators oder des Managers eines Konzerns? Nehmen wir an, dass der Ukraine-Krieg sich ausweitet und der Dritte Weltkrieg ausbricht, wofür sollte ich kämpfen? Für die Freiheit? Werde ich getötet, hat sich das Thema für mich ultimativ erledigt. Für die Freiheit der anderen? Erstens, was hab ich damit zu tun und zweitens, haben große Teile ohnehin merkwürdige Vorstellungen von Freiheit. Für die Freiheit meiner Nachkommen? OK, da ist eine Klippe. Fraglich ist, ob mein Kampf wirklich zu Freiheit führt oder einfach nur einigen anderen, die auch nichts davon halten, Vorteile verschaffen.

Der Krieg, derzeit noch in der Ukraine, bringt existenzielle Fragen mit sich. Wir schauen auf einen Diktator mit imperialistischen Ideen. Ein Thema, das nie vom Tisch war. Nicht nur Putin trauert einem Imperium nach. Konservative Briten sind traurig, die Franzosen ebenso, mongolische Rockbands sinnieren in Texten darüber, was eigentlich schiefgelaufen ist, Chinesen aus der politischen Führung hätten gern ihr altes Reich in Gänze zurück, die USA, ehemals selbst Kolonie, würden gern, wenn es nach den Republikanern geht, ihren Großmacht-Status behalten, die Türken, insofern sie Anhänger von Erdogan sind, trauern ebenfalls, und bei einigen Deutschen bin ich mir nicht sicher. Zumindest bin ich mir nicht klar darüber, ob es eine gute Idee anderer europäischer Staaten ist, von Deutschland eine Führungsrolle einzufordern. Von der grundlegenden Mentalität her können wir das. Allein schon sprachlich und via Sprachmelodie (Schwaben ausgenommen) sind wir militärisch klar im Vorteil. In keiner anderen europäischen Sprache klingen Befehle so überzeugend, wie auf Deutsch. Aber gleichzeitig ist Deutsch eine sehr präzise Sprache. Was einem bei Befehlen entgegenkommt. Paradox ist dabei, dass sie damit auch der Philosophie zuträglich ist.

Imperialismus ist aktuell eine durchaus nachvollziehbare Idee. Die Ressourcen werden knapp, der Hunger nach Energie steigt ins Unermessliche und um innerhalb der sich abzeichnenden Klimakatastrophe überlebensfähig zu bleiben, braucht es Technologie, Rohstoffe, Energie und profane Landgebiete, die entweder ausgebeutet werden können oder sichere Transportwege für kostbare Güter gewährleisten. Die Alternative wäre eine sich einig werdende Weltgemeinschaft. Ich nehme an, den Glauben haben nahezu alle aufgegeben. Allerdings muss ich für mich sagen, dass ich hierfür tatsächlich zur Waffe greifen würde. Für das, was sich aktuell abzeichnet, eher nicht.

Ferndiagnosen funktionieren in der Regel nicht. Aber man kann es trotzdem versuchen. Zumindest ist es nicht verboten. Putin ist ein Mensch mit einem Großhirn. Also, was geht da vor? Pazifist ist er schon einmal nicht. Die Antwort hat er gegeben. Ich denke, er glaubt an eine globale Lösung so wenig wie ich. Ich gehe davon aus, weil er ein intelligenter Mann ist, gibt er nichts auf diese ganzen Klimaleugner. Ist er ein spiritueller Typ? Glaube ich persönlich nicht. Eher sieht er Religionen, spirituelle Betrachtungen als etwas für Leute an, die sich nicht der Lebensrealität stellen wollen. Ich denke, er gibt auch nicht sonderlich viel auf das Leben anderer Menschen. Jeder, der sich zur verfügbaren Masse machen lässt, ist in seinen Augen selbst schuld. Jetzt in diesem Moment habe ich ihn gerade als nackten Mann, ohne all den ganzen Mist, den man ihm unvorsichtig in die Hand gab, vor Augen. Denn das ist Krieg. “Arschloch, Du willst mich umbringen? Zeig mal, was Du drauf hast!” Das ist die Dschungel-Lage! Versuch ich Kontakt aufzunehmen? Werden wir uns irgendwie einig? Oder geht es wirklich nur ums gegenseitige Töten?

Menschen ist in solchen Momenten seit Urzeiten eine Menge durch den Kopf gegangen. Was ist die beste Strategie? Lange, hat bestimmt funktioniert: “Alter, ich will auch nur leben!” An der Front in der Ukraine passiert dies mit Sicherheit auch. Aber nicht bei einem Biden, einem Putin oder einem Xi Ping. Die leben in einer anderen Welt, die ihnen das Großhirn suggeriert. Jeder Schritt nach weiter oben bedeutet mehr Abstand vom anfassbaren Leben. Blut hat einen Geruch, Leben, was aus den Augen weicht, kann man sehen, Schreie kann man nicht ignorieren, den vorwurfsvollen Blick, der bedeutet, was machst Du mit mir, wird man nie wieder los. Es sei denn, man hat zugelassen, dass ein paar Aspekte, die den Menschen ausmachen, abgeschaltet wurden. Aber dann sei die Frage erlaubt, ob man dann noch die Bezeichnung “Mensch” verdient?

Ich persönlich bin dem Bundeskanzler, den ich nicht gewählt habe, für seine als zögerlich betrachtete Haltung dankbar. Eskaliert alles in einen konventionellen Krieg, was nicht realistisch ist, würde er nicht darin kämpfen. Kommt es zu einem nuklearen Krieg, stirbt er ein paar Monate nach dem gemeinen Volk. Steht einem ein Homo sapiens gegenüber, der das Großhirn nicht übermäßig nutzt, ist grundsätzlich der erste Schlag eine gute Idee. Trage ich die Verantwortung für ein ganzes Volk, sollte ich einen Gedanken mehr verschwenden. Denn dann gehen eine Menge Menschen in den Tod, die ich nicht einmal kenne. Putin hat sich von den Möglichkeiten des Homo sapiens verabschiedet. Er wird seine Gründe haben. Spirituell muss ich mir von ihm nicht aufs Auge drücken lassen, wo ich stehe. Dies gilt auch für die Ethik. Hätte ich die Möglichkeit, Gelegenheit und eine 9 mm zur Hand, gäbe es für mich auf seine Person bezogen kein Problem. Aber was kann Andrej, 25 Jahre, russischer Bürger, dafür?

In den letzten Tagen melden sich vehement diejenigen zu Wort, die es angeblich schon immer besser wussten. Putin wäre schon immer ein Potentat, Diktator, Despot, mit imperialistischen Zielen gewesen, und die “Dummen” hätten dies nur nicht erkannt. Es sei ein Fehler gewesen, mit ihm Verträge im Sinne der von Kanzler Schmidt geprägten Worte an Jimmy Carter:  “Wer miteinander Handel treibt, schießt nicht aufeinander!”, einzugehen. Rückblickend sei bereits die Ost-Politik von Kanzler Willy Brandt ein Schritt in die falsche Richtung gewesen.
Allen, die da so reden, unterläuft ein Gedankenfehler. Zu jeder Entscheidung gibt es sogenannte alternative Pfade. [1]Rolf Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens, 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen, dtv-Verlag, 2014, S.57, der Rückschaufehler, engl. hindsight bias Niemand kann auch nur ansatzweise mit Sicherheit sagen, wohin andere Entscheidungen geführt hätten bzw. wohin die alternativen Pfade geführt hätten. Die Kritiker setzen sich rückwärtig in die Position eines perfekten Prognostikers oder Propheten. Die damaligen Entscheidungen waren getragen von der Hoffnung, dass sie Gutes bewirken und schlechte Verläufe, wie einen erneuten Krieg, verhindern. Keiner kann sagen, ob andere Optionen nicht bereits vor 20 Jahren in einem Weltkrieg gemündet wären. Unter Umständen hätte es keine Wiedervereinigung gegeben? Oder die Wirtschaft hätte sich vollkommen anderes entwickelt. Die einzige existente Realität findet jetzt in diesem Moment statt. Selbstredend gilt dies für ebenfalls für die NATO-OST Erweiterung und die damit in Verbindung stehenden Verträge. 

Aus guten Gründen lassen sich Zukunftsforscher und ganz nebenbei auch gute Einsatzleiter nicht auf Prognosen ein, sondern Szenarien, in denen die wahrscheinlichsten Ergebnisse aufgestellt werden. Für den Ukraine-Krieg habe ich dazu auf der Seite des stark von der Spieltheorie geprägten Zukunftsinstituts 8 mögliche Szenarien gefunden. [2] Future War: 8 Szenarios über den Ausgang eines unvorhersehbaren Krieges, https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/szenarien-ukraine-krieg-matthias-horx/ , . Interessant ist dabei, dass im Netzwerk des Instituts Prof. Christian Riek mitwirkt, dessen YouTube-Channel “Spieltheorie” ich in meiner Link-Liste habe. [3]https://www.youtube.com/channel/UCSExr_QUT6h-4sGW5hGjrCA Vor dem Ukraine-Krieg kam er zum Ergebnis, dass Putin den Krieg nicht führen wird, weil der Krieg ein “dummer” Spielzug ist. Allerdings wurde er damit nicht zum Scharlatan, da er immer wieder betont keine Prognosen zu erstellen, sondern Szenarien analysiert.

Im März analysierte er die öffentlich übelst bepöbelte Aussage des Philosophen Precht, in der er die Aufgabe der Ukraine als eine Option darstellte. Es ist und bleibt ein denkbares Szenario. Aber rational ist es nur bei zwei Annahmen zu favorisieren. 1. Russland gewinnt auf kurz oder lang den Krieg. 2. Bei einer Kapitulation lässt Putin die Bevölkerung in Ruhe. Im Falle eines sich anschließenden Terrorregimes (wovon ich persönlich ausgehe), scheidet die Kapitulation aus.

In die Kategorie Denkfehler fällt für mich auch die Aussage, dass “Schwere Waffen” zu einer Provokation führen, die Putin zum Anlass für einen Atomschlag nehmen könnte. Nicht seine Gegner bestimmen, was eine Provokation ist, sondern er ganz alleine. Fraglich ist, wie er sie anderen in seinem Umfeld überzeugend verkauft. Ob ein Justizminister Buschmann, FDP nach rechtlicher Prüfung meint, dass die Lieferung der Waffen völkerrechtlich gedeckt ist oder nicht, geht einem Putin am bekannten Allerwertesten vorbei. Wie seine Haltung zu Völkerrecht ist, hat er brachial bewiesen. Zumindest ist zu Bedenken, dass die Lieferung als ein möglicher Anlass geeignet ist. Allerdings kann genauso gut angenommen werden, dass Putins Masterplan ohnehin die Eskalation in einen Atomkrieg ist oder blufft. Wir wissen es nicht.

Das Gebaren einiger Politiker finde ich nicht sonderlich hilfreich. Die Situation ist kein Brettspiel zur Unterhaltung gelangweilter Vorstädter in Einfamilienhäusern. Überall läuft alles auf Hochtouren. Die Nachrichtendienste, ihre Berichterstatter, Analysten, arbeiten Rund-um-Uhr. Ein Heer von hoch qualifizierten Beratern aus den militärischen Bereichen, den Think-Tanks, erarbeiten verschiedene Szenarien und versuchen zu ermitteln, wie man hierauf am erfolgreichsten reagieren kann. Wer glaubt, dass ein Kanzler oder andere Regierungsführer einsam und alleine ihre Ideen umsetzen, ist naiv. Dem normalen Volk sei dies zugestanden, aber nicht Politikern und schon gar nicht, die Manipulation für irgendwelche Machtspielchen. Keiner von den Gegnern Putins ruft ihn einfach mal an und reist ohne Absprachen nach Russland. Gleichsam trifft Deutschland die Entscheidung über die schweren Waffen nicht ohne Absprache mit den NATO-Partnern. Was wäre, wenn die für den Fall eines Übergriffs auf andere Staaten in den Vorhalt genommen werden? Jeder, der mal in einem Führungsgeschehen involviert war, weiß um die Rollenverteilungen. Eine pöbelt, ein anderer macht auf verbindlich, die nächste gibt die Verständnisvolle, alles orchestriert für ein gemeinsames Ziel. Wenn Scholz weniger Präsenz zeigt, wird dies Gründe haben.

Ich habe bei Putin einen Eindruck, der den Pazifismus gegenstandslos werden lässt. In meinen Augen ist er kein politisch denkender Mann, sondern mich erinnert er an einen Schwerkriminellen. Was wäre zum Beispiel, wenn er tatsächlich Anschläge initiierte, bei denen russische Bürger starben und die dann den Tschetschenen untergeschoben wurden? Was, wenn die Welt es bei Putin mit einem Psychopathen zu tun hat, der keinerlei Skrupel, Hemmungen oder irgendetwas in dieser Richtung empfindet? Da bleibt jedem von uns nur noch die spirituelle Sicht und die sich daraus ergebende Frage: Was lade ich auf mich, wenn ich töte?
Einem Politiker kann man mit Geld, Staatsbankrott, die Aussicht auf die Vernichtung des eigenen Volkes kommen. Doch was war z.B. mit Adolf Hitler? Der war vom Volk enttäuscht und kam zum Ergebnis, dass es dann auch keine Überlebensberechtigung hat. Es sind keine einfachen Zeiten angebrochen. Am Ende bleibt dem “normalen” Menschen nur das hilflose Zusehen und darauf zu hoffen, dass nicht das 8te Szenario [4]Das Ende der Welt oder: Das UnvorstellbareEin lang anhaltender Mehrfrontenkrieg bricht aus, der sich atomar hochschaukelt.Große Teile des eurasischen Kontinents und Amerikas werden … Continue reading eintritt.
Zumindest sollte man dies berücksichtigen.

Quellen/Fußnoten

Quellen/Fußnoten
1 Rolf Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens, 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen, dtv-Verlag, 2014, S.57, der Rückschaufehler, engl. hindsight bias
2 Future War: 8 Szenarios über den Ausgang eines unvorhersehbaren Krieges, https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/szenarien-ukraine-krieg-matthias-horx/ ,
3 https://www.youtube.com/channel/UCSExr_QUT6h-4sGW5hGjrCA
4 Das Ende der Welt oder: Das Unvorstellbare
Ein lang anhaltender Mehrfrontenkrieg bricht aus, der sich atomar hochschaukelt.
Große Teile des eurasischen Kontinents und Amerikas werden verwüstet,
200 Millionen Menschen sterben sofort, weitere 300 Millionen an Hunger
und den Folgeschäden. Trotzdem stirbt die Menschheit nicht aus, Afrika
und Südamerika, China sowie die pazifischen Räume sind weitgehend
verschont geblieben. Im Jahr 2035 eröffnet Elon Musk die erste Aussiedler-Stadt auf dem Mars mit dem Namen Newkrainehttps://www.zukunftsinstitut.de/artikel/szenarien-ukraine-krieg-matthias-horx/ , abgerufen am 19.4.2022, 23:00 Uhr
April 17 2022

Polizeistudien

Lesedauer 16 Minuten

Kürzlich schrieb eine Twitter-Userin, ob es denn von denen, die Studien ablehnen, eine rationale nachvollziehbare Begründung -außer Generalverdacht- gäbe. Ich versuche mich mal im Folgenden damit auseinanderzusetzen.

Vornehmlich bei Twitter wird seit etwa vier Jahren eine erbitterte Debatte geführt. Dabei geht es um die Zulassung bzw. Durchführung von “wissenschaftlichen” Studien zu den Themen Rassismus, rechtsradikale Umtriebe innerhalb der Polizeien und Polizeigewalt. Selten wird dabei konkretisiert, um welche Polizei es genau gehen soll. Wenn schon, müsste man sich alle Sicherheits- und Justizbehörden vornehmen. Also die Länderpolizeibehörden, die Bundespolizei, das Bundeskriminalamt, den Zoll, Bundesnachrichtendienst, den Bundesverfassungsschutz, die Landesämter für Verfassungsschutz, die übergeordneten Staatsanwaltschaften und die Innenministerien. Seitens einiger Kritiker steht die Behauptung im Raum, dass die bisher betrauten Institutionen ihren Aufgaben nicht nachgekommen sind bzw. wird unterstellt, dass mit der Freiheitlich Demokratischen Grundordnung nicht im Einklang stehendes Verhalten geduldet, gedeckelt oder vertuscht wurde.

Letztlich blicken am Thema Interessierte auf ein Netzwerk. Gäbe es zum Beispiel tatsächlich signifikante und systemgefährdende rechtsradikale Strukturen, fiele dies zum Beispiel u.a. in den Aufgabenbereich der Verfassungsämter. Allerdings auch in den Zuständigkeitsbereich des Polizeilichen Staatsschutzes und wenn es Bundesländer übergreifende Netze sind, auch das BKA, bestehen gar internationale Auswirkungen, wäre sogar der BND involviert. Festzuhalten ist, dass es innerhalb des gesamten System jede Menge Kontrollstellen gibt. Kritiker behaupten, dass die alle nicht funktionieren und fordern zum Beweis die Studien. Etwas unterschwelliger könnte man die Haltung einzelner Beamter/Beamtinnen, Angestellte/r oder Arbeiter/innen in den Behörden sehen. Wobei auch die, an verschiedenen Stellen durchgerutscht sein müssen.[1]Ich verwende bewusst nicht das Wort Einzelfall. Man mag es spitzfindig finden, aber ein Fall bleibt ein Fall. Der Plural wäre die Fälle. Der Einzelfall ist dem Verwaltungsrecht entlehnt und … Continue reading

Bei diversen an der Debatte Teilnehmenden beobachte ich häufig eine erhebliche Unkenntnis über die Abläufe, Strukturen und Meldewege innerhalb der jeweiligen Behörden. Zum Beispiel wird bei Amtsdelikten per se eine “Kumpanei” zwischen hierfür bestehenden Ermittlungsstellen und der Staatsanwaltschaft vermutet. Ich weiß nicht, wie diese Stellen in anderen Bundesländern genannt werden, aber in Berlin wird bei den Disziplinarstellen gern von “Beamtenmördern” gesprochen. Der Name ist nicht ohne Gründe entstanden. Weiterhin gibt es diverse Staatsanwälte/innen, die durchaus darauf erpicht sind, Amtsdelikte aufzudecken. Allerdings muss ich einräumen, dass ihre Gegenüber auch keine Anfänger sind und sich naturgemäß gut auskennen. Im Ergebnis sieht es so aus, dass wenn etwas “Hand und Fuß” hat, wird es in der Regel angegangen. Aber hier gilt, was bei allen anderen Straftaten auch der Fall ist: “Als Ermittler muss man erst einmal herankommen.” Bisweilen spielt auch der berühmt-berüchtigte Kommissar Zufall eine Rolle. Hierüber sind schon einige gestolpert, weil sie beispielsweise im Kontakt mit einschlägig bekannten Personen beobachtet wurden und man der Sache etwas genauer nachging.

Aus den Zeilen oben geht hervor, dass ich nicht kategorisch Vorfälle in alle Richtungen bestreite. Von kriminellen Handlungen, bis hin zu Verbrüderungen mit Verfassungsfeindlichen Organisationen, habe ich in meiner zurückliegenden beruflichen Karriere einiges erlebt und ebenso diverse Male die Folgen für die betreffenden Personen gesehen. Ein besonderes Thema sind selbstverständlich Geschehnisse, bei denen eine oder mehrere Personen ums Leben gekommen sind. Im Bundesland Berlin werden solche Fälle von einer Mordkommission im Auftrag eines/r Staatsanwältin oder Staatsanwalt für Kapitalverbrechen untersucht. Außenstehende müssen sich das als eine Art Programm vorstellen, welches mit dem Ereignis ausgelöst wird. Spurensicherungskommando, Tatortdokumentation, mehrere Kommissionsmitglieder, Gerichtsmedizin und meistens zum Ort kommende Staatsanwaltschaft. Da ist nichts mit Kungelei! Ich höre den Aufschrei. “Und was ist mit Oury Jalloh?” Eine sehr spezielle Situation, die ich aus der Ferne nur schwer einschätzen kann. Allerdings habe ich auch einige längere Beiträge dazu gelesen und kann nachvollziehen, dass bei einigen ein “ungutes” Gefühl zurückbleibt. Konkretisieren werde ich dies nicht, weil es mir schlicht nicht zusteht und ich mich nicht denen anschließen werde, die Mutmaßungen anstellen, ohne die komplette Akte zu kennen.

In Berlin ist das Polizeigewahrsam mit Angestellten und wenigen Führungskräften, die Polizeibeamte/innen sind, besetzt. Vor vielen Jahren wurde in Berlin von “eingebrachten” Personen ein Gewahrsam in Brand gesetzt. Meiner Erinnerung nach starb auch hier eine Person. Allerdings konnte dies damals lückenlos geklärt werden und zog Änderungen nach sich. So wie auch andere Vorfälle im Verlauf der letzten 30 Jahre zu Veränderungen, u.a. die Beiordnung einer Psychologin im Abschiebegewahrsam, führten. Spätestens seit dem Stanford-Experiment wissen wir, dass sich hier eine besondere Psycho-Dynamik ergibt. Insofern war der Berliner Polizei vor Jahrzehnten tatsächlich ein Vorwurf zu machen, da dieser Bereich oftmals als Abschiebedienststelle für Mitarbeiter mit Problemen benutzt wurde.

Ein wenig irritiert bin ich bei Personen, die entweder mal bei der Polizei waren oder jenseits des eigentlichen Polizeiberufs in die Ausbildung, akademische Bildung o.ä. gegangen sind, wenn sie Schusswaffeneinsätze kommentieren. Hinzu gesellen sich Polizeiwissenschaftler, auf die ich noch näher eingehe. Nichts ist unprofessioneller, als anhand von Pressemitteilungen oder Teilinformationen eine Beurteilung des Sachverhalts vorzunehmen. Es ist genauestens zu prüfen, wer, mit welchen Wissensstand, unter welchen Voraussetzungen, Entscheidungen traf, letztlich geschossen hat und wie sich die Lage entwickelte. Sachbeweise, Augenzeugen, Umstände, Verhalten der getöteten Person, die Ergebnisse der Obduktion u.v.m. sind akribisch zu untersuchen. Mal eben aus einer Universität etwas öffentlich herauszuhauen, hat nichts mit dem Begriff “Polizeiberuf” zu tun, sondern ist billigster Populismus. [2]Z.B. auf Twitter am 14.4.2022, Thomas Feltes, Prof., Strafverteidiger!, Investigativer Kriminologe, Ruhr Uni Bochum, “Und schon wieder: Polizeilicher Todesschuss. Welche lebensbedrohende Gefahr … Continue reading  Die diese Untersuchungen durchführen, sind hoch spezialisierte Beschäftigte, teilweise wissenschaftliche Mitarbeiter aus den polizeitechnischen Untersuchungsstellen, erfahrene Mitglieder von Mordkommissionen und Gerichtsmediziner.

Zurück zur Thematik “Studien”. Zunächst einmal muss festgelegt werden, mit welchen Begriffsdefinitionen[3](…)Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition von Rassismus. Viele Kontroversen über die Bedeutung des Wortes «Rassismus» erklären sich daraus, dass eine enge und … Continue reading gearbeitet wird. Welche Definition für Rassismus wird angelegt und was genau ist eigentlich als rechtsradikal oder rechtsextrem zu betrachten? Und ab wann liegt ein Verstoß gegen die einschlägigen Rechtsvorschriften, Landes- (Bundes-)beamtengesetz, Disziplinarordnung pp. vor? Die politische Einordnung wird sehr unterschiedlich benutzt. Wenn es nach dem eher linken Spektrum geht, ist bereits eine Haltung, die dem Gedankengut der “Neuen Rechten” entspricht, für den Staatsdienst ungeeignet. Wo hingegen ein Alexander Dobrindt als MdB und CSU-Mitglied z.B. den Begriff “Konservative Revolution”, der ein klares Statement der “Neuen Rechten” ist, völlig unbehelligt benutzt. Ginge es nach einigen Kritikern, ist alles, was in Richtung Werteunion geht, bereits ein Ausschlusskriterium. Ich hab nichts dagegen, aber dann wird die Studie wahrlich interessant.

Bezüglich der Auswirkungen der Definition, ein Exkurs in ein anderes Untersuchungsgebiet. Bei der Berliner Polizei, wurde in den 90ern[4]Ich war selbst Mitglied und benenne mich deshalb selbst als Quelleaufgrund einiger Vorfälle, eine interne Untersuchung zu Thema Mobbing durchgeführt. Die eigens hierfür gegründete “Mobbing-Kommission” wertete die Ergebnisse, zumeist Fragebögen und bekannt gewordene/angezeigte Vorfälle, mittels Abklärung mit der zuvor festgelegten Definition für Mobbing aus. Ergebnis: Bei der Berliner Polizei gibt es kein Mobbing. Bei einer Belastung von ca. 2-3 %, die in jedem größeren Betrieb zu erwarten ist, vor allem wenn es sich um ein Non-Profit-Unternehmen handelt, eine gewagte Aussage. Am Ende einigte man sich auf “Schwerwiegende Konflikte am Arbeitsplatz” und aus der Mobbing-Kommission wurde eine Konfliktkommission.

Eine Studie wird von einem/einer Auftraggeber/in initiiert, und es gibt Durchführende und das Ziel von Feststellungen. Bei einer “Polizeistudie” dürfte es interessant werden, wer sich mit welchen Definitionen durchsetzt. Da ist noch nicht ein einziger Fragebogen ausgeteilt oder Monitoring durchgeführt worden.
Wer längere Zeit in einer deutschen Behörde gearbeitet hat, weiß um die Spezialitäten und inneren Prozesse. Ich würde gern mal einige Szenarien durchspielen. Studien kosten zunächst einmal Geld, welches irgendwer aufbringen muss. Es kommt gar nicht selten vor, dass das Ergebnis einer Studie seltsamerweise bereits vorher fest steht. Ein wenig wird eingeräumt, sonst fällt es auf, aber am Ende bewegt sich alles innerhalb von Toleranzbereichen. Und auf wundersame Art und Weise werden neue Stellen eingerichtet, die allesamt hoch dotierte Führungspositionen mit sich bringen. Wie könnte es bei der Wichtigkeit des Themas auch anders sein? Außerdem ist anzunehmen, dass sich die Studie mehr oder weniger ausschließlich auf die unteren Ränge beziehen wird. Spätestens ab A12 [5]In der Regel eine Stelle mit Führungsaufgaben und Personalverantwortung, wenn nicht spezielle Aufgaben oder Ausbildungsbereich wird unterstellt, dass die Führungskraft selbstverständlich absolut integer ist. Bei der Durchführung wird es auch wacklig. Ich habe bei einer Mobbing-Studie, initiiert von Auszubildenden der Polizeiakademie (damals noch Fachhochschule, ergo schon ein wenig her) erlebt, dass die anonymisierten Fragebögen auf mehreren Dienststellen, von einer einzigen Person ausgefüllt wurden. Die Ansage lautete in etwa “Für den Quatsch haben wir keine Zeit. Die anderen müssen in den Einsatz, aber wir haben eine Frist, also füll die Dinger aus.” Auch hier spüre ich förmlich, wie mir einige auf Twitter aktive kritische Polizeivereinigungen im Nacken sitzen. Leider durfte ich zu meinem Leidwesen deren ideale Polizei mit tollem Führungspersonal nie kennenlernen. Ausnahmen bestätigen stets die Regel.

Papier und Fragebögen sind geduldig. Und ich kenne wenige Leute, die eben mal spontan zugeben bzw. überhaupt so reflektiert sind, dass sie ein klein wenig rassistische Prägungen haben. Die meisten haben die ohnehin erst bei der Polizei, durch das Einsatzgeschehen bekommen. Es entspricht der normalen Psychologie eines Menschen, aus mehrfachen Einzelereignissen, die objektiv nicht dem realen Gesamtgeschehen entsprechen, im Innern Stereotype entwickelt. Wer behauptet davon frei zu sein, belügt sich selbst und wird in einer passenden Therapie eines Besseren belehrt. Hier fordern Kritiker gern eine Supervision. Ich möchte darauf hinweisen, dass in Berlin ein großer Teil der Führungskräfte schon bei verpflichteten Mitarbeiter-Vorgesetzten-Gesprächen (MAVG) in Terminnöte gerät. Dazu kommen Aus- und Fortbildung, turnusmäßige medizinische Untersuchungen, Krankheitsausfälle und der eine oder andere Einsatz. Da wird sich eine Supervision auf schwerwiegende traumatische Erlebnisse, also was Polizisten im Allgemeinen dafür halten, beschränken. Steinhagel, Zwillenbeschuss, hasserfüllte Dauerbeschallung, ständige Konfrontation mit Intensivtätern, gehören nicht dazu. 

Denkbar wäre bei den Studien auch eine Einsatzbegleitung. Auch hier gibt es die ehrliche und die behördliche Version. Wo und wann ich die begleiteten Streifen hinschicke, lässt sich zumeist steuern. Die bekommen zu sehen, was sie sehen sollen. Da ist viel Spielraum in alle Richtungen. Hinzu kommt, dass ich die auch nicht überall mitnehmen kann, weil sie sonst einer erheblichen Gefährdung ausgesetzt wären. Bei allem, Fragebögen, Befragungen, Begleitung kommt eins verschärfend hinzu. Die Untersuchungspersonen sind mit die misstrauischsten Personen, die ich persönlich kenne. Solange ich bei der Berliner Polizei Dienst leistete, war sie eine zentral verwaltete Planwirtschaft des Mangels. Daran änderte auch nichts die Verwaltungsreform des Öffentlichen Dienstes und die Einführung von lauter hochtrabenden Begriffen aus der freien Marktwirtschaft, die ohnehin die wenigsten verstehen und echte Blüten trieben. Aber trägt zur Unterhaltung bei, wenn sich die ehemalige Technikbude am Telefon mit Kompetenzzentrum FEM (Führungs- und Einsatzmittel) meldet, aber nichts anderes zu bieten hat, als ein 30 Jahre altes Funkgerät.

Nachdem was ich in letzter Zeit gehört habe, wurde immerhin die Stellenlage verbessert. Aber immer noch wird mit kreativen Statistiken um technische Ausstattung, Fahrzeugpark, Raumzuteilungen, gekämpft. Was die Beamten dabei lernen, lautet: “Entweder sie wollen Dir etwas wegnehmen, ein/e neuer Vorgesetzte/r will das Rad neu erfinden und eine Duftmarke hinterlassen, sie wollen Dich versetzen, die Dienststelle auflösen oder sie haben, weil ihnen die Politik auf den Füßen steht, etwas Neues geschaffen, damit eine/r weiter nach Oben befördert wird. Oder schlimmstenfalls ist die/der neue Chef/in zur Bewährung für eine höhere Funktion da.” Und sehr selten kommt bei allem etwas Gutes herum, was der Arbeit förderlich ist. Leute, die Studien betreiben wollen, sind in diesem Milieu immer gern gesehen.

Letztens hatte ich zu einem anderen Thema bei Twitter einen interessanten Austausch. Als Überschrift setze ich mal “Korrekte Befolgung der Dienstvorschriften”. Ich gebe ganz offen zu, dass ich immer die Aussage vertrat: “Wer alles korrekt macht, macht unter Umständen eine ganze Menge falsch. Auf jeden Fall kommt am Ende keine Kriminalitätsbekämpfung heraus.” Mit dieser Einstellung ist bei der Polizei das Karriereende und die Besoldungsgruppe fest vorher bestimmt. Auch wenn mir mein Gesprächspartner es nicht glauben wollte, gibt es Dienststellen, bei denen jeder Insider weiß, dass diese Einstellung dort wissentlich geduldete oder still gewollte Haltung ist. Unter dem Strich kann sich dies aber auch jeder denken. Es gibt nicht umsonst das Verbot der Arbeitskampfmaßnahme: “Dienst nach Vorschrift”. Es ist eine Frage, wie weit dabei gegangen wird. Also, für mich war es eine. Für die andere Seite der Konversation nicht. Ich erinnere mich, dass irgendwie das Wort “Schimanski-Mentalität” ins Spiel kam. Jeder muss für sich alleine wissen, ob er sich dauerhaft, von mit allen Wassern gewaschenen russischen, italienischen, anderen osteuropäischen, international erfahrenen Schwerkriminellen, auf die Rolle schieben lässt. Die kennen ziemlich genau die Schwachpunkte der Vorschriftenlage und was sie noch nicht kennen, bringen ihnen hoch bezahlte Rechtsanwälte bei.

Ich gehe hier darauf ein, weil ich dabei noch über etwas anderes gestolpert bin. Es gibt Bereiche der Polizeiarbeit, die man nicht mal eben so machen kann, oder eventuell lieber die Finger davon lässt, weil man einfach nicht der Typ dafür ist. Wer es mit richtigen Berufsverbrechern und Schwerkriminellen, besonders international agierenden, zu tun bekommt, muss einiges über deren Persönlichkeitsstruktur lernen und verstehen. Leute, die das von Anfang können, sollten mit Skepsis gesehen werden. Es widerspricht der Logik, dass sie bei der Polizei gelandet sind. Mir ist in meinem Leben bisher noch kein/e Soziologe/in begegnet, die das hinbekommen haben. Bei Sozialpädagogen sieht es ein wenig anders aus. Auch Berufsverbrecher haben Kinder und einige von denen werden aus Gründen Erzieher oder Sozialpädagogen. Was bei Untersuchungen oder Studien, durch im Milieu unerfahrenen Diplom-Soziologen herauskommt, könnte extrem interessant werden. Für die beginnt Rassismus und Racial Profiling bereits an der Stelle, wo man einer Clan-Größe ein wenig mit regelmäßigen Besuchen seiner Geschäftsmodelle auf die Nerven geht. Wie schön, dass das nicht mehr mein Problem ist. Immerhin wissen dies auch die Clan-Größen und spannen die “Anti-Rassisten” geschickt ein.

Wie gesagt, einige Vorfälle sind schlicht skandalös und müssen gezielt untersucht werden. Da sind Führungskräfte gefragt, die dort für klare Strukturen und Ansagen zu sorgen haben. Es geht nicht an, dass die beispielsweise auf ihre Uniformen und Einsatzanzüge Patches pappen, wie sie es gerade lustig finden. Schon gar nicht, wenn die zweifelhafte Botschaften transportieren. Dafür benötige ich aber keine Studie, um zu wissen, dass da ein eindeutiges Versagen der Führung eine Rolle spielt. Ich persönlich würde auch eine Intervention erwarten, wenn die in Chat-Gruppen frei drehen. Und mir soll kein unmittelbarer Vorgesetzter damit kommen, es nicht gewusst zu haben. Sollte es so sein, muss eine Versetzung stattfinden. Waren sie selbst dabei, muss sich die nächste Ebene einige Fragen gefallen lassen, warum sie die eingesetzt haben.

Ich erlebte selbst Situationen, in denen ich mich fragte, in welchem Kindergarten ich gelandet bin. Wenn sich Leute T-Shirts mit mehr oder weniger eindeutigen Sprüchen bedrucken lassen, gibt es zwei Erklärungen. Es entspricht der tatsächlichen Haltung der Träger/innen oder sie befinden sich auf dem Niveau von Pubertierenden, die sich an einer Provokation ergötzen. In solchen Momenten wünscht man sich in die Schweiz. Dort sagte der Präsident der Kantonspolizei Zürich zu mir: “Bei uns hat jeder eine abgeschlossene Berufsausbildung und in der Regel den Militärdienst hinter sich. Wir wollen nicht halbe Kinder auf erwachsene Eidgenossen loslassen.” Ebenfalls ein Punkt, für den ich keine Studie benötige. Wer einen Haufen Halbstarker ohne Begleitung eines Erwachsenen rausschickt, braucht sich nicht zu wundern. Vieles steht und fällt mit der Führung. Auch ich habe zur Genüge Vorgesetzte kennengelernt, die mir vorkamen, als wenn bei ihnen der Dienst in der Polizei Minderwertigkeitsgefühle auslöste, weil sie viel lieber Bundeswehr gespielt hätten. Machen wir uns nichts vor, mit Programmierern und Leuten, die das Zeug haben theoretische Physiker zu werden, kann ich im Polizeidienst nichts anfangen. Aber Testosteron gesteuerte Führungskräfte mit Persönlichkeitsdefiziten braucht auch keiner. Alles bis zu einem gewissen Maß.

Einen Nebeneffekt beobachte ich dabei bereits seit längerer Zeit. Insbesondere junge Männer landen immer häufiger in einer Identitätskrise. Früher konnte man dies gut bei Standkontrollen (Mausefalle) beobachten. Da wurde aus einem 19-jährigen unsicheren Mann mit Aufsetzen der Mütze plötzlich ein “wichtiger”  Zeitgenosse. Aber daran wurde gearbeitet und das gab sich. Manch einer mag sich gewundert haben, warum ich so sehr gegen Trends wie “Vorbildfunktion”, “Polizei als Berufung” oder “Polizeifamilie” gewütet habe. Die Jüngeren (ich bin ganz bewusst bei den Männern) sind genug einer isolierten Polizeiidentität ausgesetzt. Da muss man nicht noch Öl ins Feuer gießen. Die Kunst besteht darin, Leute mit einem gesunden Bauchgefühl und einigermaßen intakten Persönlichkeitsstruktur zu finden und sie nicht kaputtzumachen. Hierbei erinnere ich mich immer an die Worte eines erfahrenen Schutzpolizisten, der lange Jahre bei der Bereitschaftspolizei war: “In den ersten Einsätzen bei uns, bekommen die ihre Grundtraumatisierung, danach werden sie langsam arbeitsfähig.” Ähnliches schilderte mir einer, der von meiner Dienststelle wieder auf dem “Bock”, Funkwagen auf dem Abschnitt, landete. Nach seinen ersten Einsätzen mit häuslicher Gewalt und drei “Fensterspringern” fragte man ihn, ob es jetzt nach der “Retraumatisierung” wieder ginge.
Im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit bei einer Konfliktkommission hatte ich mal eine ganz andere Studie im Sinn. Anstatt bei allen Dienstvergehen mit den entsprechenden Sanktionen zu reagieren, hätte mich eine psychologische Untersuchung interessiert. Wie viel ist auf Überlastung, Traumatisierung, Dissoziationen, Mobbing, Depressionen, Burnout, Kränkungen, tief sitzende Frustration zurückzuführen? Auch hierzu fällt mir ein Zitat, diesmal von einer jungen Frau, ein: 

(…)“Als ich in meinem ersten Einsatz all die von Hass verzerrten Gesichter
sah, wie sie mit dem Kopf voran in mein Schild rannten, der Lärm
förmlich durch meinen Körper ging, passierte in mir irgendetwas. Am
Abend habe ich mich stundenlang bei meiner Partnerin ausgeheult. Dafür
war ich doch niemals zur Polizei gegangen.”

In der Zeit, wo ich sie kennenlernte, legte sie dann einige private durchaus grenzwertige Impulsdurchbrüche hin. Für mich absolut nachvollziehbar. In einer Studie wäre sie vermutlich unter latent gewalttätig gelandet. In meiner Ausbildung durfte ich mich auch ein paar Semester mit der Kriminologie auseinandersetzen. Wie jeder Polizist aus dem gehobenen Dienst, darf ich mich Akademiker schimpfen, weil ich Diplom Verwaltungswirt bin. Was ich ehrlich gesagt ein wenig albern finde. Ich weiß ganz gut, wie eine echte akademische Ausbildung aussieht und selbst erfolglos 4 Semester an einer richtigen Universität studiert. Auch wenn mich Kriminologen/innen steinigen, empfinde ich diese Fakultät alleinstehend für unsinnig. Sie ist eine nette Ergänzung für Psychologen/innen, Psychiater/innen, Soziologen/innen und Juristen/innen. Irgendwann nach der Jahrtausendwende tauchte dann die Polizeiwissenschaft auf. Die erschloss sich mir dann gar nicht mehr. Studieren kann man den Masterstudiengang Kriminologie, Kriminalistik, Polizeiwissenschaft u.a. an der Ruhruniversität Bochum [6] https://www.makrim.de/index.php/studium, abgerufen am 16.4.22/23:00 Uhr. Vorbehalten ist das Studium Leuten, die im Hauptgang etwas Richtiges studieren oder beruflich vorbelastet sind. 

Auf einigen Social Media sind die Polizeiwissenschaftler recht rührig und sparen nicht mit Kritik an der deutschen Polizei. Wären es substanzielle Aussagen von Psychologen/innen, Psychiatern/innen, wegen meiner auch seitens der Soziologen, wäre ich ernsthaft interessiert. Bedingt durch meine eigene Biografie finde ich den Austausch mit diesen Gruppen, vor allem wenn sie therapeutische Erfahrungen in Vollzugsanstalten, mit Polizisten/innen, oder Opfern haben, sehr ergiebig. Aber die Kritik kommt, jedenfalls meinerseits subjektiv wahrgenommen, von den ehemaligen oder freigestellten Polizisten/innen. Der Beschreibung des Studiengangs nach haben die 1 1/2 Jahre ein Zusatzpaket mitgenommen, von dem einiges Teil ihrer Ausbildung war und dafür ein wenig mehr als ein Monatsgehalt A11 hingeblättert. Nur mal zum Vergleich, Psychologie funktioniert nicht unter 5 Jahren und enthält eine fundierte Ausbildung in Statistik. Kurzum, ich hoffe für Deutschland, die Gesellschaft und die Polizei inständig, dass denen nicht die Studien überlassen werden. Dann können dies genauso gut Frauen und Männer aus dem Höheren Dienst übernehmen.

Bei alledem kann aber in keiner Weise geleugnet werden, dass in einigen Bundesländern auf manchen Dienststellen etwas “unrund” läuft. Auch hier stelle ich mal eine äußerst unpopuläre Meinung in den Raum. Von den Empörungen bezüglich einiger “Chat-Gruppen” halte ich überhaupt nichts. Diese Kommunikation über Messenger-Dienste haben diverse Klippen. Außenstehende können die Aussagen schwer einordnen. Wenn ich von meiner/m Konversationspartner/in weiß, dass der/die weder “rechts” noch sonderlich “gewalttätig” ist, erscheint eine Nachricht in einem vollkommen anderen Kontext, als wenn es anders ist. Aber wie will ein Außenstehender dies beurteilen? Man kann mir eine ganze Menge unterstellen, aber sicher nicht, dass ich rechts bin. Also es geht schon, läuft aber ins Leere. Wenn ich ein Telefon weiterreiche und dazu sage: “Die oberste Heeresleitung ist dran.”, weiß jeder aus meinem Umfeld, dass die Ehefrau/Ehemann dran ist. Und wenn ich einen mir gut bekannten Afghanen “Taliban” nenne, kann der dies auch einschätzen. Dies hat keine Substanz. Wenn ein Kollege einem sogenannten “Code Red” unterzogen wird, sieht es schon ganz anders aus. Ebenso ist es absolut “Over the Top”, wenn Mitglieder von Spezialeinheiten Leichensäcke, Kalk und Sprengsätze horten.

Ich bin kein Heuchler. Mir ist eine Menge “Over the Top” begegnet und im Zusammenhang mit einigen Tätigkeiten habe ich auch äußerst zweifelhafte Initiationsrituale oder Party-Exzesse mitbekommen. Diese Dinge galt es zu klären und sie wurden auch bereinigt. Von meinem politischen Standort her ist für mich eine ganze Menge rechtslastig. Doch ich bin auch in eine Gesellschaft eingebunden, die dies trägt und unter akzeptabel einordnet. Da bin ich immer noch Kriminalbeamter genug, dass ich sage: “Hier ist weder etwas, was bei einem Verwaltungsgericht hält, noch ausreichend das Beamtengesetz verletzt, somit eine Disziplinarstrafe nach sich ziehen könnte oder einem Widerspruch entgeht.” Wunschvorstellungen kann ich eine Menge haben. Eins ist auch klar, wenn ich alles als rechtsseitig verwerflich einsortiere, eröffne ich den rechts-konservativen schnell, mich als bedenklich linksseitig unterzubringen. Dieses Spiel können wir eine Weile treiben.

Was ich durchaus beobachte, ist eine anwachsende Xenophobie, die sich auf konkrete Gruppierungen bezieht und eine schwindende Gelassenheit, die ich bei den Kritikern einfordere. Das ist nicht der Polizei vorbehalten. Da sind die Mitarbeiter der Polizei ausnahmsweise ein Spiegel der Gesellschaft. Mit welcher Vehemenz signifikante Teile der Gesellschaft auf junge Aktivisten reagieren, ist besorgniserregend. Ich habe dabei immer das Attentat auf Rudi Dutschke im Hinterkopf. Im Wesentlichen stammen heutige Polizisten/innen aus dem Bürgertum. Jenes radikalisiert sich immer mehr. Ein nachvollziehbarer Prozess. Denen schwimmen die Felle weg. Durch die Klimakatastrophe und die sich anspannende politische Weltlage, werden ihnen ihre Karossen, Häuser, Lebensart, Konsum, madig gemacht. Dies entlädt sich an denen, die sie darauf schmerzlich stoßen. Da ist der junge Polizist mit seinem Auto und Bausparvertrag nicht anders unterwegs. Polizistinnen sind oftmals noch ein wenig anders gestrickt. Aber beide Geschlechter haben es nicht so mit der Gesellschaftskritik aus der Richtung Ökologie. Skeptisch beobachte ich ebenfalls die Nähe zum Milieu. Junge Polizisten/innen im Nachtleben sind immer ein Risiko. Sei es in Shisha-Bars, Clubs, Rocker Partys oder Freundeskreisen, in denen Hooligans oder Rocker unterwegs sind. Aber von so etwas wird bei den Studien selten gesprochen. Die Ermittlungen in München haben mich persönlich wenig überrascht.

Solche Sachen passieren alle Jahre mal wieder. Aktuell scheint es mal wieder an der Zeit zu sein. Aber hat mal jemand festgestellt, dass andererseits eine ganze Menge richtig gelaufen sein muss, weil die sonst nicht aufgeflogen wären? Darüber könnten mal einige nachdenken. Scheint doch noch einige Kriminalbeamte/innen zu geben, die einen guten Job machen. Derartige Ermittlungen erfordern Spitzenklasse. Wie immer: Ich würde richtig nervös werden, wenn solche Sachen nicht ab und zu aufgedeckt werden. Dann ist was faul!

Trotz alledem kann eine gut durchgeführte Studie interessante Ergebnisse liefern. Warum ich daran zweifle, habe ich dargestellt. Hätte ich einen Wunsch frei, würde ich persönlich eine psychologische Betrachtung ausgewählter Bereiche mit anonymisierten Anamnesen spannend finden. Von Fragebögen halte ich herzlich wenig. Unter anderen, weil ich meine Pappenheimer kenne und die Ernsthaftigkeit, selbst bei eingearbeiteten Kontrollfragen, anzweifle. Neben den bisher schon gemachten Ausführungen, habe ich auch im Hinterkopf, dass ich mal bei der Erstellung von Profilen beteiligt war und Bewerber hierzu mit einem Persönlichkeitsstrukturtest befragt wurden. Im Ergebnis wurden die ausgewählt, welche einem völlig verqueren Wunschbild der Auftraggeber entsprachen. Sehr vernünftige, intelligente, sorgfältige und durchstrukturierte Menschen mit einer klaren Lebensplanung. So ziemlich genau die Sorte Charakter, bei der jeder Insider sagte: Die passen nicht hierher. Allein schon, was ich zum Thema Trauma schrieb, dürfte Auskunft genug sein, dass die Charaktere, welche sich “Normalbürger” für die Polizei wünschen, keine Überlebenschancen haben. Jedenfalls ist dies meine Meinung. Die keinerlei Bedeutung hat, weil ich nicht mehr dabei bin. Meinem Eindruck nach gehen meine Vorstellungen von Polizisten/innen und dem Wunschbild von Teilen der Bevölkerung weit auseinander. Ich persönlich mag keine überkorrekten Typen, weder Mann noch Frau, die sich mehr an Buchstaben, als am Zweck der ganzen Veranstaltung orientieren. Wer meinen BLOG kennt, weiß darüber Bescheid, dass ich stark in Richtung Regelutilitarismus [7](…) Der Regelutilitarismus bestimmt das Prinzip der Nützlichkeit nicht mehr in Bezug auf einzelne Handlungen, sondern in Bezug auf Regeln von Handlungen oder Handlungstypen. Danach ist … Continue reading tendiere. Aber ich betone es immer wieder: Ich kann keinen Schaden mehr anrichten.
Erstrebenswert wären die Untersuchungen vermutlich schon allein deshalb, weil dann endlich Ruhe ist und das Thema, so oder so geklärt ist. Wer weiß, unter Umständen gibt es Überraschungen.


Was mich gewaltig stört, ist die Unterstellung, dass jeder nicht davon Begeisterte seitens der Polizeikritiker-Bubble, zum Rechten, Troll oder Verdächtigen abgestempelt wird. OK, die Rhetorik ist recht simpel. Wer nichts zu verbergen hat, kann alles offen legen. Woher kenne ich diese Rhetorik? Korrekt, genau aus dem anderen Lager. Leute, die sich dessen bedienen, erzeugen den unguten Verdacht, dass es ihnen um etwas ganz anderes geht, als eine Besserung der Gesellschaft. Ich glaube, sie würden gern in Ruhe gelassen werden, während die anderen auf den Deckel bekommen. Aber in dieser Form funktioniert Polizei bei uns nicht. Aus ihnen spricht auch eine gewisse Egozentrik, da sie nicht begreifen wollen, dass sie nicht allein auf der Welt sind, sondern da auch noch ein paar Kriminelle durch die Gegend laufen, die ihnen auch nicht genehm sind. Selbst in einer Anarchie, wird es sich nicht umgehen lassen, Leute mit der Regelung einiger polizeilicher Aufgaben zu betreuen. Erfahrungsgemäß sinkt die Kriminalitätsrate in anarchistisch organisierten Gemeinden (z.B. in Spanien) rapide, aber eben nicht auf Null. Twitter lässt den Eindruck entstehen, dass die Studenten, Sorry, die Studierenden (der musste sein ,-) ) der Soziologie, sprachlich und bei Beurteilung der politischen Vorgänge einen mächtigen Aufwind bekommen. Besser als die anderen, trotzdem bisweilen ein wenig anstrengend. Meiner Lebenserfahrung nach funktionieren einige Dinge allein auf dem Campus.
Dazu passend hab ich die Erfahrung gemacht, dass bei der einen oder anderen Demo, die Gegendemonstranten nicht undankbar über die anwesenden trennenden Polizeieinheiten waren. Sich mit einer freigelassenen Horde Hooligans und brutalen Schlägern der rechtsextremen und Neonazi-Szene auseinanderzusetzen, ist auch nicht nach jedermanns Geschmack. Anders ist das Geschrei nicht zu erklären, wenn aus irgendwelchen Gründen (trotz aller Unterstellungen, oftmals taktische Fehler bei der Einsatzleitung) die Kräfte abgezogen werden. Nur sehr wenige aus dem linken Spektrum sind so gestrickt, dass sie selbst noch die Hools u.a. unter die Fittiche des Hashtags #Polizeigewalt, #Polizeiproblem, nehmen.

Abschließend möchte ich einen Punkt anbringen, den ich hier im BLOG bereits öfter zu bedenken gab. In erster Linie ergreifen heutzutage Polizisten/innen mal von Ausnahmen wie Rainer Wendt und seine Entourage selten die politische Initiative. Besonders die Schutzpolizei, Bundespolizei, handelt zumeist im Auftrag. Bei der Kripo sieht es mit den Möglichkeiten schon ein wenig anders aus. Gleichfalls beim LfV, BfV und einigen Zoll-Einheiten. Entscheidend ist nicht, ob da in der Polizei seltsame Leute herumrennen. Wichtig ist immer, wie sie sich verhalten, wenn sich die politischen Verhältnisse ändern. Das Stichwort hierzu lautet: Opportunismus. An der Stelle lege ich meine Hand nicht ins Feuer. Ich benötige die noch. Damit ist es von besonderer Wichtigkeit, die politische Entwicklung und die Gesetzgebung im Auge zu behalten. Genau dort werden in den letzten Jahren lauter Sachen beschlossen, die sich in falschen Händen katastrophal auswirken können. Da helfen dann auch keine Studien.

Quellen/Fußnoten

Quellen/Fußnoten
1 Ich verwende bewusst nicht das Wort Einzelfall. Man mag es spitzfindig finden, aber ein Fall bleibt ein Fall. Der Plural wäre die Fälle. Der Einzelfall ist dem Verwaltungsrecht entlehnt und stammt aus der Feder eines/einer Beamtin. § 35 S. 1 VwVfG, Verwaltungsakt ist jede Verfügung, Entscheidung oder andere hoheitliche
Maßnahme, die eine Behörde zur Regelung eines Einzelfalls auf dem Gebiet
des öffentlichen Rechts trifft und die auf unmittelbare Rechtswirkung
nach außen gerichtet ist. Allgemeinverfügung ist ein Verwaltungsakt, der
sich an einen nach allgemeinen Merkmalen bestimmten oder bestimmbaren
Personenkreis richtet oder die öffentlich-rechtliche Eigenschaft einer
Sache oder ihre Benutzung durch die Allgemeinheit betrifft.

Seither geistert er in der Gegend herum. Wenn es eine konkrete Verbindung zwischen zwei oder mehr Fällen gibt, gäbe es hierfür Bezeichnungen wie Vorgang, Sammelfall. Bei mehreren Personen, die mehrere Fälle, die zusammengehören, verwirklichen, spräche man von Vereinigung, Bande, Netzwerk. Hierfür muss ein Nachweis, Beweis, erbracht werden. Alles andere ist entweder populistisches leeres Gerede oder manipulatives Framing.
2 Z.B. auf Twitter am 14.4.2022, Thomas Feltes, Prof., Strafverteidiger!, Investigativer Kriminologe, Ruhr Uni Bochum, “Und schon wieder: Polizeilicher Todesschuss. Welche lebensbedrohende Gefahr geht von jemanden aus, der Gegenstände aus dem Fenster wirft? Bereich darunter absperren und den psychiatrischen Notdienst rufen, statt zu schießen. SEK erschießt Randalierer. |Mal ganz davon abgesehen, dass es nicht die feine Art wäre, Mitarbeiter des Psychiatrischen Notdienstes einer derartigen Gefahrenlage, wie sich später herausstellte, sehr gefährlich, auszusetzen, bezog er sich dabei ausschließlich auf einen Presseartikel. Was da noch zusätzlich alles eine Rolle spielte, wissen die Ermittler, aber keiner in der Öffentlichkeit. Auf jeden Fall sind SEK-Beamte alles, aber keine Rambos. Die werden ziemlich genau ihre Vorgehensweise geprüft haben.
3 (…)Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition von Rassismus. Viele Kontroversen über die Bedeutung des Wortes «Rassismus» erklären sich daraus, dass eine enge und eine weite Bedeutung des Ausdrucks parallel genutzt werden (…) https://www.humanrights.ch/de/ipf/menschenrechte/rassismus/dossier/was-ist-rassismus/
4 Ich war selbst Mitglied und benenne mich deshalb selbst als Quelle
5 In der Regel eine Stelle mit Führungsaufgaben und Personalverantwortung, wenn nicht spezielle Aufgaben oder Ausbildungsbereich
6 https://www.makrim.de/index.php/studium, abgerufen am 16.4.22/23:00 Uhr.
7 (…) Der Regelutilitarismus bestimmt das Prinzip der Nützlichkeit nicht mehr in Bezug auf einzelne Handlungen, sondern in Bezug auf Regeln von Handlungen oder Handlungstypen. Danach ist jede Handlung sittlich erlaubt, die mit einer an dem sozialen Wohlergehen ausgerichteten Handlungsregel übereinstimmt (Urmson, Brandt) (…), https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/utilitarismus/2119
April 5 2022

Gedanken über den Krieg

Lesedauer 12 MinutenMilitärische Intelligenz ist ein Widerspruch in sich.

Groucho Marx
Komiker, Schauspieler, Satiriker

Mit dem Ukraine-Krieg wird wieder einmal ein Krieg geführt, der für die Betroffenen im Kriegsgebiet furchtbar ist, sich aber gleichzeitig in den Industriestaaten zum Unterhaltungsprogramm entwickelt. Was mit den Golfkriegen begann, findet seine weiterentwickelte Fortsetzung. Überall werden Bilder des Krieges gezeigt. Fliehende Menschen, Leichen, kämpfende Soldaten, Politiker und Kriegsherren, die ihre eigenen “Wahrheiten” verkaufen, sind überall im Fernsehen, im Netz und auf den Social Media Plattformen zu sehen. Dabei fallen mehrere Sachen auf. Der Ukraine-Krieg ist einer von mehreren Kriegen der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart. Über keinen anderen wurde und wird in dieser Intensität berichtet. Alles, was dort in der Ukraine passiert, geschieht an anderen Orten ebenfalls. Allein schon der unterschiedliche Umgang mit den Fliehenden, ist auffällig. Augenscheinlich werden die aus Syrien und vom afrikanischen Kontinent kommenden Kriegsflüchtlinge anders aufgenommen und behandelt. Krieg ist ein Oberbegriff für Töten, Vergewaltigungen, Zerstörungen, Elend, Verstümmelung, Grausamkeiten, Traumatisierung über Generationen hinweg. Krieg muss seitens der Kriegsherren verkauft werden. Das Geschehen kostet Geld, fordert Menschenleben, hat langfristige Folgen und kostet ganze Völker das Ansehen.

Der spärlich behaarte Affe …

Seit die spärlich behaarten Primaten die Fähigkeit entwickelten, ihre Gedanken in für andere verständliche Laute codieren und so Mitteilungen weiter geben zu können, gibt es auch die Lüge, die Manipulation und die Propaganda. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass selbst Höhlenmenschen in Erzählungen aus einem erlegten hundsgroßen Raubtier einen Säbelzahntiger werden ließen. Oder vielleicht fanden sie einen Kadaver, brachen die Zähne heraus, um dann standhaft zu behaupten, einen Bären getötet zu haben. Nach und nach entstanden immer mehr Wörter. War es anfangs nur möglich, etwas Gesehenes zu benennen und es zu beschreiben, wurden immer kompliziertere Schilderungen möglich.

Ein Affe kann seinen Sieg über einen Konkurrenten lediglich durch gutturale Töne und einige Dominanzgesten kundtun. Eins hat sich allerdings seit dem Herabsteigen vom Baum und dem Verlassen der Höhlen grundlegend geändert. Abgesehen von der hinzugekommenen Fähigkeit, lang und ausgiebig davon zu berichten oder sich zu rechtfertigen, hat sich an diesem Verhalten nicht viel geändert. Heute noch gehen sich Männer wegen einer Frau gegenseitig an die Kehle oder töten den im Ehebett angetroffenen Nebenbuhler. Geschieht dies ad hoc, sind wir sogar bereit, dies als mildernde Umstände hinzunehmen. Die Fähigkeit des modernen Menschen, mit Worten das Handeln gegenüber anderen Mitgliedern der Spezies begründen, erläutern, sich selbst Rechtfertigungen zusammenreimen und diese kundtun, so wie nach dem eine Moral aufgestellt wurde, Be – und Entschuldigungen, formulieren, ist Teil dessen, was Tier und Menschen unterscheidet. Meiner Meinung nach ist das ein wesentlicher Aspekt. Ein Beutetier kann schlecht zu einem Rudel Löwen gehen und sich über die Tötung der Ehefrau beschweren. Ebenso ist es auf dem Affenfelsen dem Newcomer nicht möglich, unfaire Tricks des dominierenden Silberrückens bei einem Schiedsgericht anzumelden. Die Dinge sind für Tiere eben so, wie sie sind und regulieren sich alleine.

Der spärlich behaarte Affe ist ein Prädator und gleichzeitig Pflanzenfresser, der wenige Sachen besonders gut kann. Die Verwandten können besser klettern. Alleine hat er gegen eine Raubkatze, Wolf oder Bär keine Chance. Fliegen scheidet ganz aus, er ist nicht der beste Schwimmer und nach wenigen Minuten muss er zum Luftholen wieder auftauchen. Die Geschichte der Evolution hätte einen anderen Verlauf genommen, wenn da nicht die Sache mit dem gegenübergestellten Daumen, die ausgereifte Sprache und der damit verbundenen Möglichkeit der Kooperation, gewesen wäre. Wir sind nicht von der Speisekarte der anderen verschwunden, weil wir besonders gefährliche Gegner sind, sondern weil wir uns zusammentun, miteinander sprechen, Erfahrungen teilen und unseren Wissensstand nachfolgenden Generationen hinterlassen. Das sind die Eigenarten, die uns von den anderen unterscheiden. Wobei dies viele andere auch tun. Unter Umständen sind Delphine intelligenter als wir.  Aber sie können nicht stundenlang darüber reden. Sie waren nicht einmal in der Lage, sich eine eigene Bezeichnung zuzulegen, wie wir es taten. Weiser Mensch, Homo sapiens!

Ist der Krieg eine unüberwindbare Eigenart des Homo sapiens?

Manche sagen, dass Krieg unumgänglich Bestandteil der menschlichen Natur ist. Andere widersprechen dem vehement. Zumindest kann nicht geleugnet werden, dass Menschen Kriege seit mehreren tausend Jahren führen. Die Art und Weise der Kriegsführung richtete sich stets nach den vorhandenen Waffen. Die Brutalität und Bereitschaft anderen das Grausamste anzutun, was gerade möglich ist, war immer gegeben. Dann setzten sich Frauen und Männer zusammen und setzten Protokolle auf, in denen Kriege ein Regelwerk bekommen sollten. Sie ächteten nicht die Kriegserklärung an sich, aber wenn schon Zerstörung, gegenseitiges Abschlachten, bitte mit Regeln. Für mich eine Kapitulation und Zustimmung an die Fraktion, die Kriege für etwas Unausweichliches halten. Gleichzeitig ein Unterfangen, was nicht funktionieren kann. Wird im Menschen das Programm Krieg abgerufen, kommt ein furchtbares, bösartiges, intelligentes Raubtier zum Vorschein. Für mich ist das die Dualität des Menschen: Ein Tier mit einem Großhirn, welches ihm ermöglicht, das Animalische zu kontrollieren. Dessen sollte sich meiner Auffassung nach jeder bewusst sein. Krieg widerspricht den beiden herausragenden Fähigkeiten des Großhirns: Verstand und Vernunft. Und das beginnt für mich persönlich lange vor dem Ausbruch des Kriegs. Wer Waffen baut, entwickelt, perfektioniert, schafft die Voraussetzungen, damit ein Krieg überhaupt möglich ist. Es gibt auch die andere Position. Wer wehrlos ist, wird auf kurz oder lang überfallen werden. Auch hier zeigt sich das Tier. Ohne Verteidigungsstrategie wird man schnell aufgefressen oder kann sich nicht gegen Konkurrenten aus der eigenen Spezies durchsetzen.  

Die Waffensysteme konnten nur durch die besonderen Fähigkeiten des Menschen immer weiter entwickelt werden. Aber kann die Entwicklung von Waffen, mit denen alles Leben vernichtet werden kann, noch als verständig oder vernünftig bezeichnet werden? Stellt sich diese Frage Frage nicht bei all diesen Mordinstrumenten? Ich schreibe hier nicht von einem normalen Revolver, Pistole oder Jagdgewehr. Es geht um Bomben, die komplette Viertel dem Erdboden gleich machen. Sprengkörper, die der Umgebung den kompletten Sauerstoff entziehen. Geschosse die die Wände und Decken von Bunkern knacken, in denen Menschen Schutz suchen. Munition mit strahlenden Metallen gehärtet, damit sie auch noch die letzte Panzerung durchdringen. Container-Bomben, die kleinere Sprengsätze auf der Fläche eines Fußballfelds verteilen. Diese menschlichen Entwicklungen sollen zerfetzen, verbrennen, Gliedmaßen abtrennen, Hunderte auf einen Schlag töten. Außerdem sollen sie alle Hemmnisse ausschalten. Es ist ein großer Unterschied, ob ich jemanden im Kampf von Angesicht zu Angesicht erwürge, ersteche, erschlage oder ich ein paar tausend Kilometer entfernt mit einem Joystick eine Drohne steuere.

Nebelkerzen gehören zu den Waffen dazu.

„Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.“

Kurt Tucholsky
Journalist, Kritiker, Schriftsteller, Satiriker

Eindringliche Anti-Kriegsfilme und Bücher haben eins gemeinsam. Sie entfernen den Schleier der Lügen. Im Krieg gibt es Regeln nur auf dem Papier. Die Realität sieht völlig anders aus. Die erste Lüge ist die Unterscheidung zwischen einer Zivilbevölkerung und regulär kämpfenden Soldaten. Soldat oder Soldatin sind Berufsbezeichnungen. Angehörige des Berufs wissen, wie man mit den Waffen Menschen tötet, verletzt oder verstümmelt. Im Zweifel wenden sie diese an, und zwar gegen Entgelt.
Im deutschen Strafrecht wird geprüft, ob jemand mit einer Handlung einen Tatbestand erfüllt hat. Ist dies der Fall, wird ermittelt, ob es für die Tat eine Entschuldigung gibt oder eine Rechtfertigung aus einem Gesetz abzuleiten ist. Wenn ein Polizist o. eine Polizistin mit der Dienstwaffe schießt, ist erst einmal ein Tatbestand erfüllt. Je nach der Folge kommen Körperverletzung mit allen Qualifizierungen oder im schlimmsten Fall der Totschlag in Betracht.

Danach werden die Aspekte Notwehr, Nothilfe oder Gesetze, die den unmittelbaren Zwang regeln, betrachtet. Bei Soldaten und Soldatinnen geben wir unter bestimmten Umständen das Töten und alle anderen nur erdenklichen Formen der Körperverletzung in Auftrag und bezahlen auch dafür. Ich weiß immer nicht, ob das jedem Zeitgenossen bewusst ist. In unserem Staatssystem drücken die in unser aller Auftrag und Bezahlung auf Knöpfe, infolgedessen etwas zerstört wird, Frauen, Männer, Kinder, ums Leben kommen. Diese Verantwortung an die Politiker und Politikerinnen abzuschieben, funktioniert in einer Demokratie nicht. Wer zur Wahlurne geht, sollte sich bewusst sein, dass dort auch über den obersten “Kriegsherren” entschieden wird und welche politische Ausrichtung im Falle eines Bundeswehreinsatzes bestimmend ist.

Ein weiterer Punkt dringt ebenfalls nicht ins Bewusstsein. Zumeist junge Männer und Frauen werden stellvertretend für alle in Ausnahmesituationen geschickt, in denen Dinge mit Menschen passieren, die sie verändern bzw. aus ihren inneren Tiefen und Abgründen hervorholen, was in jedem von uns steckt. Ich erinnere mich gut an den Aufschrei, als junge Bundeswehrsoldaten in Afghanistan mit Schädeln Fußball spielten. Dies wäre obszön, pietätlos, geradezu barbarisch. Scheinbar haben die alle nicht Apokalypse Now gesehen.

“Wir bilden junge Männer aus, um auf Menschen Bomben zu werfen? Aber ihre Kommandeure wollen ihnen nicht erlauben, das Wort “Fuck? auf ihre Flugzeuge zu schreiben, weil das obszön ist?

Colonel Kurtz
Apokalypse Know

Colonel Kurtz, gespielt von Marlon Brando, bringt es auf den Punkt, Dann gibt es im Krieg angeblich so etwas wie eine zu schützende Zivilbevölkerung. Wird sie dennoch involviert, spricht man von Kollateralschäden. Wer gehört dazu? Nach meinem Verständnis in einer Demokratie alle, die abgesehen von den Kindern, Soldaten/innen für einen Kampf beauftragten und bezahlten, aber nicht selbst Geld für das Kämpfen bekommen. In Diktaturen sieht es ein wenig anders aus. Da sind es alle, die nicht mit offiziellem Auftrag und Gehalt kämpfen. Wie viel die Bezahlung eines Krieges über das Gesellschaftssystem aussagt, kann hier nachgelesen werden:  “Wer die Bomben zahlt” – krautreporter.de
Nehmen Frauen und Männer ohne diesen “offiziellen” Auftrag Waffen in die Hand, werden sie zu Partisanen, Widerstandskämpfern, Guerilla-Kämpfern. Das finde ich auch ganz spannend. Die befinden sich immer in einer Notwehrsituation, verlieren aber den schriftlich formulierten Schutz, der offiziellen Kriegsteilnehmer. Ein regelgerechtes Verhalten wäre sich niedermetzeln oder vergewaltigen zu lassen, um dann in der Statistik entweder als “Kollateralschaden” oder Opfer von Kriegsverbrechen aufgelistet zu werden.

Kriegs|Verbrechen ist auch ein interessantes Wort. Töten, Verstümmeln, geht in Ordnung, solange die Regeln der Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konventionen eingehalten werden. Da greift die Sache mit der Rechtfertigung über ein “Gesetz” bzw. Völkerrecht. Zum Verbrechen wird alles erst dann, wenn die Vorgaben überschritten werden. Doch die eingesetzten Waffen können trotz aller Elektronik immer noch nicht zwischen Zivil und bezahlten Soldaten unterscheiden. Bei der Wucht, die diese Waffensysteme haben, wird dies auch niemals funktionieren. Da hilft auch all die Propaganda nicht, bei der Aufnahmen, die wie aus einem Videospiel ausgeschnitten erscheinen, eine chirurgische Präzision suggerieren sollen. In meinem Denken ist der Begriff ein weißer Schimmel. Krieg ist immer ein Verbrechen!

Wenn die Sprache nicht korrekt ist, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte; wenn das Gesagte nicht das Gemeinte ist, dann bleibt das, was getan werden muss, unerledigt; wenn dies unerledigt bleibt, werden Moral und Kunst verfallen; wenn die Gerechtigkeit in die Irre geht, wird das Volk in hilfloser Verwirrung herumstehen. Es darf also keine Willkür im Gesagten geben. Das ist über alles wichtig.

Konfuzius
chinesischer Gelehrter

Der Krieg und wer ihn begann, ist eins. An den Grundlagen für Kriege an sich, sind viele beteiligt.

In jedem Krieg wird in “Guten Stuben”, Talkshows, Interviews, Proklamationen und politischen Reden darüber debattiert, wer denn nun wieder einmal die Käfigtür des Monsters geöffnet hat. Meist wird dabei in die Vergangenheit geblickt und ziemlich schnell melden sich die zu Wort, die es schon immer besser wussten. Ich würde sagen, alle, die nach 1945 nicht gemeinsam die Konsequenzen aus dem II. Weltkrieg zogen. Die Weltgemeinschaft hätte sich nach und nach auf eine Abschaffung aller Kriegswaffen einigen müssen. Zum Beispiel hätte man weltweit die Produktion neuer Waffen verbieten können. Sie folgten einer anderen Logik. Wer es sich leisten kann, muss sich so viel Waffen zulegen, wie es nur irgendwie geht, damit keiner auf die selbstmörderische Idee kommt, den anderen anzugreifen. Gleichzeitig verfolgte man die Taktik der Bündnisse, damit sich die Ärmeren ebenfalls schützen konnten. Wofür sie natürlich Gegenleistungen erbringen mussten. Irgendwie versäumte man es auch, den Krieg an sich zu verbannen. Man hätte ja auch beschließen können, dass egal wer auch immer einen Krieg anzettelt, der nicht vom Rest der Völkergemeinschaft gebilligt wird, ohne zu zögern, von allen gemeinsam auf den Deckel bekommt.

Das Konzept der Abschreckung ist gewaltig in die Hose gegangen. Dabei hätte man sich am Beispiel von Hitler orientieren können. Was passiert, wenn ein Diktator mit imperialen Großmachtvorstellungen und Handlungen, die solche Typen halt so machen, im Besitz der nuklearen Massenvernichtungswaffen kommt? Hitler hätte in aller Ruhe den Holocaust durchgezogen und niemand hätte ihn daran hindern können. Und eben genau diesen Plan hatte er mit all seinen Bestrebungen, eine Atombombe zu bauen und die auf der V2 zu installieren. Putin ist nicht Hitler, da fehlt noch einiges. Aber er ist ein Diktator mit imperialen Vorstellungen. Und nun? Im Ergebnis stehen wir kurz vor einem III. Weltkrieg, der noch übler ausgehen dürfte, als die beiden anderen. Wir sollten uns immer vor Augen halten, dass Milliarden von den Entscheidungen sehr weniger Menschen abhängig sind.

Mir ist die Rhetorik, in der die Expansion der NATO, das Verhalten der westlichen Industriestaaten, in die aktuelle Lage geführt haben, zuwider. Am konkreten Geschehen in der Ukraine gibt es nur Schuldige aus Russland. Nämlich den Diktator Putin mit samt seinen Generälen und Gefolgsleuten. Alles andere würde jeden Gewalttäter rechtfertigen, der sich auf eine verbale Provokation seines Opfers beruft. An den Grundlagen, dass solche Kriege immer wieder stattfinden können, haben weltweit alle industrialisierten Staaten mitgewirkt. Da hängen, bis auf wenige Ausnahmen, alle mit drin. Insgesamt gibt es 25 Staaten ohne Militär. Die meisten davon verlassen sich auf den Schutz eines großen Partners. Bemerkenswert ist Panama, wo 1990 das Militär abgeschafft wurde. Übrig geblieben ist eine nicht wirklich ernst zu nehmende paramilitärische Polizeitruppe.

Teilweise wird auch debattiert, wozu denn der Überfall Russlands die Ukraine rechtfertigen würde. Meiner Meinung nach zu allem, was drin ist. Für mich ergibt sich dies aus der Notwehrsituation. Wenn mich jemand zusammenschlägt, kann ich mich mit allem wehren, was sich irgendwie machen lässt. All das Gefasel über Nationalsozialisten ist vorgeschobener Humbug. Bewegungen, die dieser und der Bezeichnung Faschismus gerecht werden, gibt es in unterschiedlicher Menge überall. Selbst in Russland treiben sich davon genug herum. Und nur, weil sich der Diktator Putin in einem Land befindet, welches einer gewissen Folklore folgend, als kommunistischer Staat bezeichnet wird, ist er noch lange kein Faschist. Mich erinnert er immer an Führungsfiguren aus der Organisierten Kriminalität. Hätte ihn das Leben nicht zum KGB und über dieses Sprungbrett in die “Politik” verschlagen, hätte er mit Sicherheit eine einflussreiche Figur in der Tambow-Bande, russisch: Тамбовская преступная группировка, werden können. Wobei nie ganz sicher geklärt wurde, ob er nicht tatsächlich der politische Arm der Verbrecherorganisation ist. Zumindest sprechen dafür seine Verbindungen zu  Gennady Vasilyevich Petrov (Mit dem Link, verschaffe ich mir eine Menge Freunde und Zugriffe aus Russland! ;-)) Allerdings ist “politischer Arm” eine deutsche Denkweise. Der alte KGB und seine Nachfolgeorganisationen arbeiteten schon immer mit den Kriminellen zusammen. Westliche Dienste tun dies auch, aber mit Auflösung des “Ost-Blocks” nahm das bei den Russen nochmals eine ganz eigene Dynamik auf, die jedem/jeder Ermittler/in ab 1990 bei den für Russen OK zuständigen Landeskriminalämtern den Atem stocken ließen. Ohne mich in Ferndiagnosen zu ergehen, kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung sagen, dass unsere Denkmuster bei russischen Mitgliedern der Organisierten Kriminalität scheitern.

Philosophie des Krieges

Der Krieg selbst und alles, was sich darum herum rankt, ist immer auch eine Frage der Lebensanschauung. In meiner gibt es keinen gerechten und auch keinen sauberen Krieg. Erst recht nicht nach 1945. Hierbei unterscheide ich zwischen denen, die einen Krieg beginnen und denen, die sich wehren. Ist das Monster aus dem Käfig heraus, kann es niemand mehr kontrollieren. All die Überlegungen, Traktate, Philosophien, die um das Thema Krieg herum gestrickt wurden, haben für die aktuelle Zeit keinerlei Geltung mehr. Es gibt in unserer Epoche keine Samurai mit einem Ehrenkodex, edle Krieger, über die Lieder und Dichtungen verfasst werden. Selbst früher waren die eher mit Skepsis zu betrachten. Ich erinnere immer wieder an die über 2000 Jahre zurückliegende Geschichte des Königs Ashoka. Trotz aller anzunehmenden Verfälschungen, ist ein gewisser authentischer Kern anzunehmen. Zu seiner Zeit kämpften die Herrscher noch selbst im Getümmel. Etwa im Alter von 40-Jahren zog er mit seiner Armee gegen die Stadt Kalinga und ließ sie schleifen. Nach der Schlacht sah er, was seine Armee angerichtet hatte. 100.000 starben im Kampf oder wurden nachträglich in der Stadt abgeschlachtet. Weitere 150.000 flüchteten aus der Region. Ashoka war hiervon so geschockt, dass er alles auf den Kopf stellte und sich dem Buddhismus zuwandte.

Doch muss man meiner Auffassung nach auch hinnehmen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Chance bestand über alles zu reden und andere Wege einzuschlagen. Das Tier hat gewonnen und die Vernunft, Verstand, Bewusstsein, haben verloren. Das Monster ist frei und wütet mit immer größeren Hunger. Was bleibt, sind sehr individuelle Entscheidungen. Kämpfen oder nicht kämpfen? Mache ich den Krieg zu meinem Krieg?

Wenn die Reichen Krieg führen, sterben die Armen!

Jean-Paul Sartre
Französischer Existenzialist

Sartre führt zum Thema Freiheit aus, dass jeder die freie Wahl hat. Selbst der Soldat kann sich dem Krieg durch Desertieren oder Suizid entziehen. Ja, wir leben in einer Demokratie mit sehr vielen Freiheitsrechten. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob ein potenzieller Krieg, in dem Deutschland involviert wäre, ein Angriff auf die Demokratie ist. Ich befürchte, dass es um ganz andere Dinge geht. Tatsächlich geht es um Systeme, Verteilung der Ressourcen und Sichern von Notwendigkeiten, die sich aus der Klimakatastrophe ergeben. Die bisherigen Wirtschaftszahlen deuten darauf hin, dass diverse Branchen am Krieg sehr gut verdienen. Die Einschränkungen und Verluste bleiben im unteren Drittel der Bevölkerung hängen. Das beschlossene Rüstungspaket dürfte bei einigen deutschen Firmen Partystimmung ausgelöst haben.

Mich stören die beinahe schon dummdreisten Verlautbarungen. Deutschland ist eingebettet von Nachbarstaaten, die allesamt der NATO angehören. Kommt es im Zuge der Auseinandersetzungen zu einer Beteiligung der NATO, müssen wir zwingend von nuklearen Schlägen ausgehen. Da hilft kein “Iron-Dom” über Berlin, keine Flugabwehr oder sonst irgendetwas. Deutschland liegt bei Waffenexporten auf Platz 5 der Weltrangliste. Darüber hinaus sind deutsche Firmen maßgeblich an der Entwicklung neuer Waffensysteme beteiligt und entsenden diverse Einzelkomponenten, mit denen dann in fremden Ländern innovative Waffen zusammengebaut werden. Nur bei der Bundeswehr ist nicht viel hängengeblieben. Es ist halt lukrativer, das Zeug zu verkaufen, als im Land zu belassen. Noch beschränkt sich alles auf eine konventionelle Kriegsführung. Aber auch wenn ich ein Laie bin, frage ich mich, wo Russland sonst noch konventionell Krieg führen will. Vor allem, wenn dann die Bundeswehr zusammen mit anderen NATO – Kräften eingebunden ist. Die haben jetzt mal eine Zahl herausgehauen, die gut bei der aufgepeitschten Bevölkerung ankommt und einige Aktionäre entzückt. Völlig außer Acht lassen will ich nicht die Bundeswehrfetischisten. Eine Gruppe mit interessanten Persönlichkeitsstrukturen. Sie ziehen darüber eine Menge Anerkennung, Identität und leben ihren autoritären Charakter aus. Früher sagte man, dann sind sie von der Straße weg und machen keinen Unsinn. Aber dieser Truppe für 100 Milliarden Spielzeug zu kaufen, halte ich für übertrieben. 

Die ultimative Entscheidung steht an, wenn sich die NATO dazu entschließt, in irgendeiner Form konventionell einzuschreiten. Putin kann dann feststellen, dass er zu hoch gepokert hat und den Rückwärtsgang einlegen muss oder er greift auf sein letztes Mittel zurück. Nun, dann wird es in Berlin ganz kurz sehr hell und keiner muss sich mehr Gedanken machen.


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