April 11 2022

Schweigendes Beobachten

Lesedauer 5 Minuten

Es gibt einen Typen, den ich seit Jahren immer wieder in einem meiner bevorzugten Lokale treffe. Wir beide kennen uns bereits aus der Schulzeit. Ich hab ihn immer als einen Sonderling wahrgenommen. Letztens änderte sich dies. Ich war losgezogen, weil mir die Decke auf den Kopf fiel. All die Nachrichten, das Geschehen um mich herum, trieben mich heraus. Der Laden war voll und er konnte sich nicht an seinen Stammplatz setzen. Dort sitzt er jeden Abend nach seinem Feierabend. Er arbeitet in einer Pflegeeinrichtung für Leute mit geistigen Einschränkungen und Menschen, die mit einer Trisomie 21 (Down-Syndrom) geboren wurden. Der Eindruck Sonderling bezieht sich darauf, dass er nahezu nicht spricht. Meistens sitzt er schweigend mit seinen drei bis vier Weizen am Tisch. Einmal gelang es mir in all den Jahren ihn aus der Reserve zu locken. Aus einem Gespräch mit anderen Leuten ergab sich, dass er einen Verwandten erwähnte, der über Jahrzehnte hinweg einen kleinen festen Kreis mit Marihuana versorgt hatte, bis eines Tages die Kripo vor der Tür stand. So oft kommt es nicht vor, dass richtig alte “Kiffer”, die sich quasi seit den 70ern gegenseitig versorgen, in Schwierigkeiten geraten. Zerknirscht musste ich zugeben, dass ich bei der Aktion beteiligt war. Nicht unbedingt eine meiner Sternstunden. Mit taten die Typen damals leid. Außerdem fühlte ich mich äußerst deplatziert. Deshalb konnte ich mich an die Geschichte erinnern. Sie gehört zu den kleinen Bausteinen eines Gesamtbilds, was mich an einigen Sachen zweifeln ließ. Jedenfalls taute er auf und ich bekam die Geschichte hinter der Geschichte zu hören.m

Zurück zu dem Abend. Ich weiß nicht, was es war. Aber irgendetwas in seinem Blick, mit dem er die anderen Gäste beobachtete, berührte mich. Plötzlich verstand ich all seine Schweigsamkeit. Quer durch den Raum trafen sich unsere Blicke. Es war einer der Momente, wo man ganz genau weiß, was der andere gerade denkt. Eigentlich wollte ich es dabei belassen. Ich setzte mich zu einigen Leuten an den Tisch, die ich mehr oder weniger flüchtig kenne. Nach einer Weile setzte sich ein Paar an den Tisch, die ich bis dahin nicht kannte. Das Gespräch kam auf Corona und der Unbekannte meinte, dass viele die Quarantäneregelung ausnutzen würden und sich eine Art Urlaub verschafften. Ich fragte ihn nach seinem Beruf. Ausnahmsweise hatte ich es nicht erahnt. Es lag vermutlich an der Umgebung, die früher eher nicht von Polizisten privat besucht wurde. Kurz um: einer von der Kripo. Ich ließ ihn nicht auflaufen und sagte ihm, dass ich pensioniert wäre. Gleichzeitig hielt ich ihm entgegen, dass jeder mein vollstes Verständnis hat, wenn er diese Karte zieht. Zumal ich es noch so kenne, dass sich die meisten halbtot zum Dienst schleppen und dann alle anderen anstecken. Das Thema wechselte schnell. Eine junge Frau beklagte sich über einen Nachbarn, der sich daneben benimmt und außerdem dealt. Sie wohnt nicht gerade in der besten und teuersten Gegend. Es ist mehr eine dieser Hochhaussiedlungen, in der sich mehrere hundert Jahre Knast zusammenfinden. Bereits früher vertrat ich den Standpunkt, dass es mit den Mengen und dem Geschäftsmodell nicht weit her sein kann, wenn ein Dealer dort wohnt und am besten noch mit einem Auto unterwegs ist, welches an der nächsten Ecke auseinanderfällt. Deshalb fragte ich nach, ob sie es wirklich für eine gute Idee hält, einen Polizisten, der privat unterwegs ist, damit zu belagern. Zumal sie äußerlich auftritt, als wenn sie normalerweise nicht wirklich etwas gegen Leute hat, die sich mit Kleinkram über Wasser halten.

Ich suchte mir einen anderen Platz. Im Laden war ein anderer aufgetaucht, den ich einen Winter zuvor kennengelernt hatte. Ein Italiener, der sich nach einer harten Zeit zeitweilig als Straßenmusiker und später als Lagerarbeiter durchschlug. Langes schwarzes Haar, jede Menge Nieten und eine Lederjacke, der klassische Heavymetal Fan. Zu ihm hatte sich ein schwäbischer Straßenmaler gesellt. Eigentlich hatte er gute Sachen zu sagen. Doch leider tat er dies in der typisch nasalen aufgeklärten Art, die jeden weniger “Aufgeklärten” zum Rennen bringt. Ich fragte ihn, wie er als älterer gestandener Straßenmaler mit internationaler Erfahrung auf diese neue 3D-Techniken reagieren würde. Darüber war er erstaunt, weil ihn dies wohl noch niemand außerhalb der Szene gefragt hatte. Dabei fand ich die Überlegung naheliegend. Davon zu leben ist ohnehin hart, aber dann kommen die Youngsters daher und machen es noch schwerer. Aber man kann das wohl recht zügig erlernen, weil es dafür in Quadrate aufgeteilte Vorlagen gibt, an denen man sich orientieren kann.

Auch dieses Gespräch verlief sich irgendwie. Wie auch immer es kam, stand ich später neben meinem schweigsamen Bekannten: “Sag mal, Du siehst jeden Tag eine vollkommen andere Lebensrealität, als die Menschen, die sich hier sammeln und dennoch gibt es viele Gemeinsamkeiten. Die hier verpacken alles anders, aber letztlich sind sie genauso unterwegs, wie die von Dir betreuten. Dann kommst Du her, siehst Dir den Zirkus an und denkst Dir einfach Deinen Teil. Warum sprechen? Sie würden es ohnehin nicht kapieren, oder?” Seine Antwort war ein Grinsen. In diesem Moment überkam mich beängstigender Gedanke. Ich sah ihn an und fügte hinzu: “Ich habe echt Sorge, genauso zu werden.”
Ich ließ den Blick nochmals schweifen. Als ich vor Corona in Südostasien unterwegs war, ging es mir gut. Ich traf auf Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und vor allem Biografien, Sichtweisen, Ansätzen, die wohltuend anders waren. Im Prinzip stellten sie dar, was mir mal unter dem Begriff alternative Pfade begegnete. Man wählt unter mehreren möglichen Wegen einen aus. Wo einen die anderen hingeführt hätten, kann man erahnen, aber nicht wissen. Bei der Auswahl orientiert man sich häufig an den Beschreibungen, Warnungen, Prophezeiungen anderer. Und je mehr die alternativen Strecken als schlecht, unwegsam, oder als Irrwege dargestellt werden, die einen nicht dort ankommen lassen, was als das richtige Ziel erachtet wird, um so geringer wird die Vielfalt.
Gleichsam hat es mit einer Risikobewertung zu tun. Manchmal ist es das, was den Unterschied zwischen einem Kriminellen und einem “rechtschaffenden” Bürger ausmacht. Eine Straftat, die einen lukrativen Gewinn verspricht, kommt stets mit einem Risiko daher. Komme ich durch, habe ich in kürzester Zeit soviel Geld ergaunert, wie ich mit 15 Jahren ehrlicher Arbeit nicht verdienen werde. Kriegen sie mich, komme ich eventuell nie wieder auf die Beine. Meinem Erleben nach ist es häufig mit der Moral nicht weit her. Lange Zeit habe ich Leute gefragt, warum sie nicht stehlen. Meistens lautete die Antwort: “Weil es verboten ist!” Sehr selten kamen moralische oder ethische Erwägungen. Ich erinnere mich auch an die Sympathien, die einem Arnold Funke, besser bekannt unter dem Namen “Dagobert” entgegenschlugen. Ich gebe zu, dass ich auch Favoriten habe. Die Typen, welche damals die Rohrpost der Spielbank anzapften und niemals geschnappt wurden, hatten echt Stil.
Es ist auch der Unterschied zwischen einem jungen Mann oder Frau, die/der sich für eine Beamtenlaufbahn entscheidet. Jahrzehntelang geregelte Armut, mit der Aussicht nach hinten raus auf der sicheren Seite zu sein oder sich zum Beispiel selbstständig zu machen und eine Chance zu haben, damit den großen Wurf zu landen.
Von dort aus, wo ich stand, sah ich nur Menschen, die auf einem Weg unterwegs waren. Manche am Anfang, die meisten irgendwo auf halber Strecke, wenige am Ende.

Sie glauben alle an ihre Unterschiede. Manche sehen sich als Rebellen, die alles ganz anders machen. Dabei ist das eine Falle. Am Anfang dieses Weges gehört das Auflehnen dazu. Nicht zu heftig, weil dann das Risiko ansteigt. Aber was soll schon mit ein wenig provokativen Aussehen, einem Motto-Shirt, ein wenig Körpermodifikation und Rezipieren von ein wenig Untergrundkultur passieren?  Später kann man sich damit brüsten, nicht immer ein etabliertes Leben geführt zu haben, sondern wie alle anderen, die in der Jugend etwas auf sich hielten, dagegen gewesen zu sein. Genau genommen haben sie nicht bemerkt, dass diese Rebellion für andere ein Geschäftsmodell ist, welches sie ein Leben lang begleiten wird. Wo sind die großen Unterschiede zu denen, die sich in ihrer Einfachheit nicht in die großen theoretischen Rechtfertigungen und Erzählungen ergehen können? Es bleibt ein betreutes Leben auf einem vorgezeichneten Weg.

Ich kritisiere dies nicht. Da stände ich mit meiner Biografie auf verlorenen Posten. Aber ich kann Menschen respektieren und bisweilen auch die bewundern, die einen anderen Weg gehen oder gingen. Wobei ich dabei genau hinschaue, wofür und warum jemand die Risiken eingegangen ist. Doch so oder so, ist es ein Ausbruch aus der Betreuung, das Suchen eines anderen, jenseits des breiten asphaltierten Weges, den die breite Masse geht. Viel zu viele Menschen lassen sich in vorbereitete Gruppen pressen, in denen sie schnell Opfer des Gruppendenkens und der Gruppenmoral werden. Den eingangs erwähnte Bekannten hat das Leben, mehr oder weniger ohne sein Dazutun, außerhalb der ganzen Gruppen gestellt. Deshalb erkennt er, wie sie alle zu Mitgliedern geformt werden, während ausgerechnet seine Schützlinge bedingt durch ihre speziellen Voraussetzungen das Individuelle leben können oder dürfen?

Februar 1 2021

Nächstes Kapitel

Lesedauer < 1 Minute

Das nächste Kapitel ist frei geschaltet. Diesmal geht es nach Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei. Neben Impressionen, geht es darum was ein Traveller von einem Backpacker unterscheidet. Dann noch, wieso der Dalai Lama in der Stadt einen Thron hat, Wasserklosetts, Gangster und ein wenig Philosophie über Täuschungen. Bitte dran denken, wenn’s gefällt eine kleine Spende an eine Hilfsorganisation und es mir mitteilen, ich werde es dann auf der Spendenseite veröffentlichen. Zum Kapitel 4 – Ulan Bator –

Januar 29 2021

Buch, BLOG – Web – Book

Lesedauer 2 Minuten

Seit meiner Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn plante ich ein Buch zu schreiben. Tatsächlich kamen zwei Skripte zusammen. Beide verwarf ich wieder. Ich traf mich mit Autoren, die erfolgreich Bücher veröffentlichten. Sie rieten mir, mich an Büchern im Handel zu orientieren. Es gab auch Aufforderungen meine Vergangenheit zu benutzen. Terror, Verdeckte Ermittlungen, Spezialeinheit, dies wäre doch interessant. Im ehemaligen Umfeld hofften einige auf den “Round-a-House-Kick” durch die Behörde. Ich habe über mich gelernt, dass das nicht mein Ding ist. Kritik, durchaus, aber nicht im Sinne eines sinnlosen Wütens.

Die Sparte Fiktion, Romane, liegt mir nicht. Genauso wenig, wie die Abteilung Humor. Jedenfalls noch nicht. Ich wurde auch gefragt, ob ich mir vorstellen könne, meine Erfahrungen rund um die Themen Burnout, Depressionen, die Rolle von Führungskräften mit meinen anderen Skills zu verbinden. Dazu kann ich sagen, dass ich eben aus diesem Grunde die Finger davon lasse andere in ihrer Lebensführung zu beraten. Es ist grundfalsch seine Erfahrungen auf jemanden zu übertragen. Es gibt einen möglichen Weg hinaus. Er sieht ein wenig aus, wie einer dieser alten Fitnesspfade durch den Wald, wo man an mehreren Stationen Übungen machen muss. Nur das dieser Weg Stationen hat, wo es Informationstafeln gibt, Passanten auf Bänken sitzen, mit denen Gespräche möglich sind und andere Stopps, an denen einem Frage gestellt werden. Dann folgen längere Strecken, auf denen Gelegenheit besteht, sich diese Fragen zu beantworten.

Ich selbst hab am meisten durch das Beobachten von Menschen gelernt. Eine wesentliche Erkenntnis. Nach dem Ausscheiden aus der Polizei war für mich zunächst alles Vergangene ein Tabu – Thema. Bis ich mich darauf besann, zwischen durchaus gutem Erlernten und fehlgeleiteten Denken zu unterscheiden. Über 20 Jahre lang Menschen in allen erdenklichen Lebenslagen zu beobachten, unsichtbar zu werden, sich anzupassen, legt man nicht wie eine alte Jacke ab. Fraglich ist, was man aus dem Gesehenen macht.

Bis zum Ausbruch der Pandemie bin ich gereist. Ich traf Leute aus Ländern von anderen Kontinenten, erfuhr von Biografien und Lebensmodellen, die mir bisher fremd waren, erkannte Unterschiede und machte mir meine Gedanken hierzu. Oder um im Bild zu bleiben: Ich absolvierte eine Station nach der anderen. Mehr Worte will ich dazu gar nicht verlieren. Das “Web – Book” hat ein Vorwort, in dem ich noch einiges hierzu voranschicke.

Die Bezeichnung Web – Book ist eine Eigenkreation, die sich in einem Gespräch in einem Hostel ergab. Ich sinnierte mit einigen darüber, wie sich das Lesen von Büchern verändert hat. Die meisten Hostels verfügen über eine kleine Bibliothek. Kaum ein Backpacker oder Reisender packt sich schwere Bücher ins Gepäck. Eine andere Option sind E-Books. Doch wenn ein Autor schon die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzt, warum dann nicht konsequent? Die Zeiten der begrenzten Netzabdeckung und horrenden Kosten für einen mobilen Datentransfer sind außerhalb von Deutschland vorbei. Ein BLOG oder ein Web – Book, in dem eine fortlaufende Geschichte, interaktiv und dynamisch, mit Einbettung von Musik, Bildern, Links, Tweets und vieles mehr, erzählt werden kann, erscheint mir eine logische Entwicklung.

Alles Weitere im Vorwort …. 

Dezember 12 2019

On the road – Nord Laos

Lesedauer < 1 Minute

Weiter geht es auf dem Trip durch Südostasien. Diesmal geht es um den Norden von Laos. Laos ist für den neugierigen Reisenden mehr Landschaft, Kultur, Dschungel und Elefanten. Das Land ist auch Zeuge eines Krieges, der meine Generation beeinflussen sollte. Nachdem  Tonkin-Zwischenfall 1964, begann die Flächendeckende Bombardierung von Nordvietnam, Kambodscha und Laos. Zwei Jahre vor meiner Geburt. Die aktiven Kriegshandlungen endeten 1975 mit dem Abzug der USA Truppen. In Deutschland empörten sich die Studenten und Vietnam wurde Teil der 68er Bewegung. Eine Folge des Kriegs war eine Massenflucht aus Vietnam, weil sich die neuen Machthaber rächten. Auch damals bekleckerte sich Deutschland nicht gerade mit Ruhm. Die Aufnahme der Boatpeople erfolgte eher zurückhaltend.

Auch Laoten trieb es ins Exil in die USA. 2005 deckte das FBI eine Verschwörung auf, bei der ehemalige US Militärangehörige zusammen mit Exil – Laoten einen Putsch in Laos planten. Bei den Verschwörern handelte es sich vornehmlich um Angehörige der Hmong. Auch um die geht es bei der Schilderung meiner Eindrücke.

Der Krieg, die Gründe und das dahinterliegende Denken, sind immer noch aktuell. Ebenso wie die Folgen, die an jeder Straßenecke in Laos zu sehen sind. Laos ist mit 90 % bekennender Buddhisten ein zutiefst spirituelles Land. Allein wenn die in den frühen Morgenstunden in den Klöstern die Trommeln angeschlagen werden und die Mönche sich auf den Weg machen, die Spenden einzusammeln, merkt der Mitteleuropäer, wie intensiv Gesellschaft und Buddhismus in Laos miteinander verbunden sind.

Kolonialherren, Kommunisten, Neoliberale, chinesische Imperialisten, versuchen erfolglos die Mönche auf ihre Seite zu ziehen. Wenn man nicht ausschließlich der blinde Tourist sein will, der die uralten Kunstschätze bestaunt und auf Elefanten reitet, ist Laos ein guter Platz, um über das nachzudenken, was vor 3000 Jahren im alten Indien formuliert wurde.

>>> zum Text >>>>

Dezember 10 2019

Ulan Bataar

Lesedauer < 1 Minute

Der nächste Teil aus der Reihe Reiseberichte. Dieses Mal aus der Hauptstadt der Mongolei. Ein Klosterbesuch, eine Buddhistische Zeremonie, Geld Mützen und ein wenig etwas über das Schicksal der Nomaden.

zur Geschichte =>

Dezember 2 2019

On the road – neues Kapitel

Lesedauer < 1 Minute

Langkawi – ein weiteres Kapitel der “On the Road” Geschichten ist online. Diesmal geht es um einen Katalanen, einige Straßenmusiker, und diverse spannende Menschen, die ich auf der Insel kennenlernen durfte. Ich habe über zwei Monate auf der Insel zugebracht und ich weiß jetzt schon, dass es nicht die letzten waren.

zum Kapitel >>

Juni 2 2019

Geschichte beginnt nicht gestern …

Lesedauer 2 MinutenDen nachfolgenden Link mit einem Interview des Tibetologen, Ethnologen und Sozialforscher Thierry Dodin aus 2013  kann ich jedem empfehlen, der auf der Suche nach Antworten für die Eskalation der Gewalt in Myanmar und Sri Lanka, mit Beteiligung buddhistischer Mönche ist. Besonders spannend finde ich seine Ausführungen bezüglich des Kolonialismus, der sich absolut mit meinen Erfahrungen in Malaysia und mit den Hmongs im Norden von Laos decken.

https://info-buddhismus.de/Burma-Gewalt-im-Namen-des-Buddha.html

Die Konflikte sind nicht religiös motiviert
TP: Sind denn die gegenwärtigen Konflikte z. B. in Burma überhaupt religiös motiviert? Fast alle Medien haben das bisher suggeriert.
TD: Nein, das sind keine primär religiös motivierten Konflikte, sie sind ganz klar ethnisch-sozial motiviert. Nach dem nationalen Selbstverständnis der Mehrheit sind Burmesen Buddhisten. Bist du kein Buddhist und lebst du ganz anders, dann kannst du dich sehr schnell ausgeschlossen fühlen – zu Recht oder zu Unrecht. In Burma gibt es nicht nur Konflikte mit den Muslimen, sondern auch mit anderen Minderheiten, die eher christlich (oder animistisch) orientiert sind. Diese schwelen schon lange und verschärften sich durch die Einführung des Christentums unter den sogenannten Hill-Tribes, den Bergstämmen, die auf einem Großteil der Landesfläche im Norden leben. Um sich von den Buddhisten abzugrenzen, haben sie sich dem Christentum der britischen Kolonialherren angeschlossen.

Bei gewaltsamen Konflikten leiden Minderheiten natürlich in besonderem Maße. Das heißt aber nicht, dass die Minderheiten nichts zum Konflikt beigetragen haben. So sind die Rohingyas in Burma in bestimmten Wirtschaftsbereichen recht erfolgreich. Daraus resultiert zum einen, dass sie sich in gewisser Weise überlegen fühlen, und zum anderen, dass ihnen die Mehrheitsbevölkerung mit Neid begegnet. So haben sich die bislang schwersten Ausschreitungen in Burma am Fall eines muslimischen Goldhändlers entzündet, der einer verarmten buddhistischen Familie, die ihren Familienschmuck verkaufen wollte, einen Preis bot, mit dem sie nicht einverstanden war.

Nennen muss man in diesem Zusammenhang auch die Orthodoxierung des Islam, die im Zusammenhang mit dem Kolonialismus stattfand. In vielen Gegenden Asiens war der Islam bis ins 20. Jh. – und ganz im Gegensatz zu seinem heutigen Bild im Westen – eine durchaus flexible Religion, die es verstand, sich harmonisch dem lokalen kulturellen Umfeld anzupassen. Als aber Religionsschüler in den Mittleren Osten gingen und die dortigen Koranschulen besuchten, lernten sie eine strenge, deutlich intolerantere Version des Islams kennen. Diese wurde zum Beispiel von den Wahabiten vertreten, die den Anspruch erheben, den  authentischen Islam zu vertreten. Ihre Vormachtstellung geht übrigens auch auf Machtspiele der britischen Kolonialherren zurück. Unter dem Einfluss dieser rigiden Lehren haben die Muslime dann, wenn sie in ihre Heimat zurückkehrten, den lokalen Islam oft völlig transfiguriert. Man kann es sich kaum noch vorstellen, aber in vielen Gegenden Indonesien trugen bis zum 2. Weltkrieg viele Frauen keine Oberbekleidung.

Mai 19 2019

Traveling

Lesedauer 5 Minuten

Traveling übersetzt bedeutet Reisen. Es sich so einfach zu machen, kommt der Übersetzung von Firewall in Feuerwand gleich. Reisen, Wandern, Pauschalreisen, Urlaub, Tourismus, mit allem wird Unterschiedliches verbunden. Ich habe Traveling als Lebenshaltung kennengelernt, die nicht jedermanns Sache ist. Am ehesten ist es als Wanderschaft zu sehen.Die meisten Menschen sind darauf aus, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Hieraus entstehen Bindungen und Interaktionen.  Der kanadische – US – amerikanische Psychiater und Begründer der Transaktionsanalyse Eric Berne sprach dabei von Spielen. Es gibt  Spieler, Spielregeln, Ziele und einen stets ähnlichen Spielverlauf. Ich kann sein Ende der Sechziger entstandenes Buch “Spiele der Erwachsenen Untertitel: “Psychologie der menschlichen Beziehungen” wärmstens empfehlen. In seinem Buch stellt er 36 Spiele vor, bei denen reflektierte Leser von einem Aha – Erlebnis ins nächste stolpern.

Wer auf Wanderschaft geht oder zum Traveler wird, zieht von einem Platz zu nächsten und vermeidet es, an den Orten allzu feste Bindungen aufzubauen bzw. sich in die Spiele einbeziehen zu lassen. Wanderjahre oder “on the Road” zu gehen ist literarisch mehrfach verarbeitet worden. Alles was ich in dieser Richtung las, beschreibt einen tiefgreifenden die Persönlichkeit verändernden Prozess. Viele von denen die ich auf einer zurückliegenden mehrmonatigen Reise kennenlernte, werden nie wieder irgendwo heimisch werden.

Stabile Bindungen aufzubauen, sich innerhalb einer Struktur oder System durch Gestaltung wirklich werden zu lassen, wird allgemein favorisiert. Das geht soweit, dass ein gegenteiliges Verhalten von manchen als psychisch gestört betrachtet wird. Spannenderweise passiert dies in der Regel  selten außerhalb unseres Kulturkreises. Vielleicht verhält es sich auch ganz anders. Ich will nicht ausschließen, dass Traveler auf der Suche nach einem Platz sind, der ihnen zusagt.

Eins widerfährt allen “on the road”. Die besuchten Orte werden zur wechselnden Kulisse eines Theaterstücks. Ein Schauspiel ohne Regisseur und Drehbuch, welches von unzähligen Menschen auf einer Bühne gespielt wird. Ab – und wann wiederholen sich Verhaltensmuster, manches ist chaotisch, aber immer dem Gesetz der Wechselwirkung unterliegend. Man selbst beobachtet und versucht im Zuschauerraum zu bleiben. Nach einigen Wochen strecken die Spieler auf der Bühne die Hände aus. Dann muss der Traveler seinen Rucksack schultern und verschwinden. Es bedeutet ein Leben aus dem Rucksack zu führen. Keine Bücher in einem Regal, keine selbst ausgewählten Bilder an der Wand, kein Nippes oder Erinnerungen, die sich in der Wohnung verteilen. Das Motto “Lass Dich niemals von toten Gegenständen besitzen.”, wird quasi en passant umgesetzt.

Traveling ist Freiheit und der Ausstieg aus einem System. Was sollte es bringen, sich unterwegs sinnloses Zeug zu kaufen? Man müsste es im Rucksack mit sich herum schleppen. Die heutzutage jeden Menschen begleitenden Algorithmen kommen mit den undurchschaubaren Planungen und irrationalen Verhalten eines Travelers schwer klar. Die eingeblendete Werbung, oftmals in der falschen Sprache oder vollkommen abstrus, zaubert einem oftmals ein Grinsen ins Gesicht. So wurde mir in Malaysia bei 38 Grad Werbung für eine mobile Heizung eingeblendet, die angeblich alle Malaien um den Verstand bringe.

Selbstverständlich weiß ich, dass meine Daten weiterhin gesammelt werden und mein Reiseverhalten registriert wird. Ich verfolge eine andere Taktik. Für mich ist entscheidend, im Notfall auch bei den Datensammlern abtauchen zu können. Dafür habe ich gesorgt, außerdem mag ich die Maßnahme der Desinformation. Wenn man ein Abgreifen von Daten und eine Beobachtung nicht vermeiden kann, bleibt einem ausschließlich die Option, dem Spion ein falsches Bild zu übergeben. Ich habe zwei Traveler kennengelernt, die durchaus nachvollziehbare Gründe zum Abtauchen haben. Einer versteckte sich  an einem wahrlich abgelegenen Ort und dennoch fanden sie ihn. Sein Fehler bestand darin, dass er den Diensten nichts anbot. Damit weckte er ihre Neugierde und sie kümmerten sich intensiver um ihn. Reisen führt einen durch diverse politische Systeme und man trifft auf Leute, die sich gut auskennen. Auch die Überwachung und das Gebaren der Mächtigen ist ein begleitendes Thema. Für den Einzelnen ist ein Verschwinden und der Entzug mit einer einzigen Maßnahme: Abschalten und kein elektronischer Datenverkehr. 

Ein Australier sagte zu mir: “Es gibt Menschen, die leben in einem Zimmer. Andere in ihrem Haus oder in der Straße, wo es steht. Manche kennen die Stadt in der sie wohnen. Eine andere Sorte betrachtet ihr Land als Habitat. Ich verstehe mich als Erdenbürger, dem es frei steht, sich einen Platz auf diesem Planeten zu suchen.” Diese Einstellung bringt Politiker und Ökonomen um den Verstand.

 

Christian Lindner brachte es stellvertretend für alle auf den Punkt: „Wenn Frieden herrscht, müssen Flüchtlinge zurückkehren, wenn sie nicht die Kriterien eines neuen Einwanderungsgesetzes erfüllen, das ihnen einen neuen Aufenthaltsstatus verschafft. Es gibt kein Menschenrecht, sich seinen Standort auf der Welt selbst auszusuchen.“

Ich stelle mir dazu den Dialog mit einem Außerirdischen vor. Was würde ich dem antworten, wenn er mich nach meiner Herkunft fragen würde? Spandau? Berlin? Deutschland? Damit könnte dieser vermutlich wenig anfangen. Wahrscheinlich würde er sich wundern, nach welchen Kriterien Erdenbewohner ihren Aufenthaltsort auswählen, oder ihnen zugewiesen wird. Überwiegend ist das Geschehen auf der Erde und das Verhalten der Menschen vollkommen irrational. Das geht so weit, dass vernünftiges Handeln mit dem Attribut Naivität belegt wird. An einem lebensfeindlichen Ort Ausharren oder dazu gezwungen zu werden, ist für mich kein Zeichen menschlicher Intelligenz. Wirtschaftliche Systeme zu stützen, die sich der Gier des Menschen bedienen, Persönlichkeit und Lebensraum zerstören, hat auch nichts damit zu tun. Merkwürdigerweise wird behauptet, dass die Suchtpersönlichkeit vor Drogen beschützt werden muss, während die Gier bedient wird.

Große Teile der modernen Wirtschaft sind für mich Dealer und Drogenbarone, die ohne Rücksicht auf die Gesundheit der User und den natürlichen Ressourcen aller, Geld verdienen. Freiheit ist unter anderen, etwas nicht tun zu müssen. Keiner ist gezwungen sich seinen Lebensunterhalt als Dealer oder Konzernchef zu verdienen. Er kann auch einer ehrlichen Arbeit nachgehen. Viele sagen: “Ja, wir brauchen sie aber!” Mag sein! Wenn ich die Todesstrafe befürworte, benötige ich auch einen Henker. Stehe ich für einen Kapitalismus, der Kriege, Diktaturen, Armut, Elend, Zerstörung des Planeten, zur Folge hat, brauche ich auch Konzerne und ihre Leiter.

Nahezu alle Traveler, die ich kennen lernte, waren Menschen mit sehr wachen Geist, die sich das Geschehen um sich herum genau ansahen und sich bewusst dem System entzogen. Die überwiegende Zahl der mir bekannten Leute sehen die Welt, wie der Betrachter eines Gemäldes, der seine Nase auf die Leinwand presst. Erst einige Schritte zurück, verschaffen die Möglichkeit das Bild, die Intention des Malers und die Wirkung zu erfassen. Es bringt nichts, sich mit jemanden über ein Bild auseinanderzusetzen, der zum einen aufgrund der Nähe es nicht sehen kann und zum anderen nicht bereit ist, den Abstand herzustellen. Traveler bringen zwischen sich und dem Bild meistens eine gehörige Distanz. Die ermöglicht die Überwindung von Vorurteilen, schafft Toleranz für andere Lebensweisen und Religionen. Problematisch ist die Erkenntnis, dass diverse schädliche Prozesse nicht zu stoppen sind. Daran hatte ich schon vorher zu arbeiten. Desillusionierung  ist der Verlust von Illusionen. Sich mit Wunschvorstellungen zu beschäftigen halte ich mittlerweile für Zeitverschwendung. Womit ich nicht behaupte die Realität zu kennen. Die kennt niemand auf dieser Welt. Wir alle laufen mit einem individuellen Abbild davon in der Gegend herum. Aber ich weiß, dass der Mensch keinesfalls religiösen, ethischen oder moralischen Idealen entspricht. Weiterhin habe ich anhand der Beobachtung anderer feststellen können, wer ich bin und welches Verhalten ich mir selbst nicht antun bzw. aneignen muss.

Ich kann jeden verstehen, dem dieser Lebensstil nicht zu sagt. Naturgemäß ist er auch nichts für Menschen, die Verantwortung für eine Familie zu tragen haben. Unterwegs benötigt man in der Regel wenig Geld. Viele arbeiten mobil oder suchen sich für kurze Zeit einen Job. Auch das ist nicht jedermanns Sache. Es ist halt ein sehr spezielles Leben, aber ein spannendes und mit Sicherheit kein schlechtes. Eins ohne Netz. Der Gewinn ist Freiheit, sehr viel innere Gelassenheit und Bedürfnislosigkeit. Kürzlich fragte mich jemand, ob ich nach den Geschehnissen der zurückliegenden fünf Jahre und der Reise noch eine Verbundenheit zu irgendetwas empfände. Ich denke ausschließlich mir und meinen nahen Familienmitgliedern. Gesellschaft und Institutionen interessieren mich nicht mehr. Mir gefällt nicht, was ich sehe, aber ich kann es auch nicht ändern. Ich akzeptiere, dass ich dass das Bestehende so gewollt ist, sonst wäre der Widerstand dagegen größer. Da kann man nur seinen eigenen Weg gehen. Mal sehen, wo ich noch überall lande.

 

 

März 21 2019

Die unsichtbare Diktatur

Lesedauer 9 Minuten

Wer die Welt als sein Selbst erachtet, dem kann man die Welt wohl anvertrauen. Wer so die Welt liebt und gleichsetzt mit sich selbst, dem kann man die Welt überlassen.

Laotze, verm. 6. Jhd v.Chr.

Ich hatte hier im BLOG bereits einmal etwas zum Thema Freiheit geschrieben. Auf meinem Trip durch Asien 2018/2019 begleitete mich das Thema nahezu täglich. Ich reiste durch Länder, die wenig von der Freiheit des Individuums halten, welche die dies offensichtlich zeigen und andere, die von sich behaupten die Freiheit zu gewähren, es aber nicht tun.

Die Freiheit des Menschen und seines Denkens hat mich für mich als deutschen Staatsbürger eine besondere Bedeutung, insofern im Deutschen Grundgesetz diese garantiert wird und die Grundrechte darauf ausgelegt sind, sie jedem Bürger zu ermöglichen. Doch nur weil verfassungsgemäß Freiheit garantiert wird, bedeutet dies noch lange nicht, dass der Begünstigte sie auch tatsächlich nutzt. Es gibt eine Menge Bilder, die man zur Veranschaulichung benutzen kann. Nach längeren Abwägungen finde ich am deutlichsten das Gleichnis mit einem Rahmen.

Das Grundgesetz gibt einen modernen Rahmen, der ein Bild umgibt. Doch wird ein altes Gemälde durch diesen ein modernes? So sehe ich das deutsche Bürgertum, ein altes Gemälde umgeben von einem modernen Rahmen.

Ich persönlich finde «Freiheit» nicht unproblematisch. Da wären die Menschen, die die ihnen gegebene Freiheit dazu benutzen, sie für andere abzuschaffen. Frei nach Goebbels, der spottete, dass die ihm zuteil gewordene Freiheit noch lange nicht bedeutet, dass er und seine Mitstreiter, diese auch der anderen Seite zugestehen. Freiheit geht für mich auch einher mit Verantwortung und Vernunft. Übergebe ich einem Menschen, der weder vernünftig ist, noch dazu bereit ist, für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen, ist sie in seinen Händen eine Zeitbombe.

Wer im Nebel über die A2 fährt, kann dieses auf der linken Spur verfolgen. Freie unvernünftige und unverantwortliche Bürger rasen in einer freien Marktwirtschaft produzierten Vehikeln ohne Sicht durch den Nebel. Vernunft und der Mensch scheinen nicht zwingend zusammen zu passen.
Gleichermaßen sieht es beim Kapitalismus und dem zerstörerischen Wirken des Menschen in Bezug auf seine Umwelt, und damit auf sich selbst aus. Die Unvernunft beginnt bereits bei der Trennung zwischen Umwelt und Mensch. Jede Umweltzerstörung ist auch ein Verbrechen an der Menschheit und allen anderen Lebewesen. Beides gehört untrennbar zusammen.

Ein echtes Dilemma. Einerseits ist das, was wir unter Freiheit verstehen, das Recht eines jeden Lebewesens, doch übergeben wir sie einem Großhirnbesitzer, wird es problematisch und endet stets auf ein Neues in einer Katastrophe. Ein theoretischer Lösungsansatz wäre, den Menschen schon von Kindesbeinen an, den Umgang mit der Freiheit zu vermitteln. Reine Theorie! Das kollektive historische Wissen und die Erfahrungen, sagen uns: Unmöglich! Am Ende macht uns der Faktor Mensch immer einen Strich durch die Rechnung.

Der amerikanische Ökologe Garret Hardin setzte sich in den Sechzigern mit einigen Aspekten in seinem berühmt gewordenen Aufsatz: Die Tragik der Allmende auseinander. Er betrachtete sogenannte Kollektivgüter und setzte sie mit der mittelalterlichen Allmende gleich, auf die jeder Bauer sein Vieh treiben durfte. Jeder Bauer versucht, sein Vieh solange wie möglich grasen zu lassen, während sich niemand um die Rekultivierung des Bodens kümmert, somit das Land verödet.

Sein Aufsatz wurde zum Fetisch aller Liberaler und Befürwortern des Kapitalismus. Daran änderten auch diverse Nobelpreise für Analysten nichts, die zumindest abschwächende Lösungsansätze fanden.
Fakt ist, dass die Privatisierung immer Gewinner und Verlierer hervorbringt.Aus diesem Grunde meiner Meinung nach zumindest kritisch zu betrachten. Unter dem Strich entsprach die Adaption seitens der Neoliberalen nicht der Intention des Ökologen, der sich ausschließlich auf eine aus seiner Sicht drohende Überbevölkerung der Erde bezog. Eine Art rhetorische Universalwaffe der industralisierten Länder gegen die Dritte Welt. Gern übersehen wird dabei, dass viele Kinder in der Dritten Welt das fünfte Lebensjahr nicht erreichen. In Sozialsystemen die auf eine Versorgung der Alten durch die Kinder ausgerichtet ist, für die Eltern eine schwierige Prognose.

Im Kapitalismus und in seiner Ausformulierung dem Neoliberalismus, nach heutigem Verständnis, wird Verantwortung durch Gewinnmaximierung ersetzt.

Der Manager eines Konzerns hat sein Handeln darauf auszurichten, dass die Aktionäre das größt mögliche Kapital ausgezahlt bekommen. Dabei sollte vor dem Hintergrund der anstehenden Probleme, der größt mögliche Nutzen und Schadensabwendung für die Erde das Kriterium sein. Konzerne sind keine natürlichen Personen, die sich einzeln in einer Verantwortung sehen. Noch übler sind Investmentriesen, die an jeder Krise verdienen. Per Computer gestützter Analyse erkennen sie sofort, welche Investitionen innerhalb der Krise das größte Kapital abwerfen. Ich empfinde dies als pervers, wider jeglicher Verantwortung und ethisch unvertretbar. Ich stelle mir vor, meinem Nachbarn geht aus irgendwelchen Gründen im Winter das Heizmaterial aus und ich kaufe in der gesamten Umgebung rechtzeitig alles auf, um es ihm dann zu einem überhöhten Preis zu verkaufen.

Für mich steht und fällt alles mit der Verantwortung des Individuums. Das bedeutet, ich muss Rechenschaft für mein Handeln vor jemanden oder einer dazu berufenen Institution ablegen. Religionsstifter haben das praktischerweise ganz nach oben zu einer imaginären Instanz – Gott – delegiert.
Baust Du zu irdischen Lebzeiten Mist, folgt die Strafe nach dem Tode. Na ja, das kann man schon einmal drauf ankommen lassen. Für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit, wurde mit sehr bedingten Erfolg der Internationale Gerichtshof eingerichtet. Vorsorglich lehnen die USA den Strafgerichtshof in Den Hag ab.

Nochmals: Jede Umweltschädigung ist ein Verbrechen gegen die Menschheit! Ob nun Öltanker versinken, Fracking, Regenwaldabholzung, weiterer CO2 Ausstoß, das ungebremste Verbrennen fossiler Brennstoffe, alles davon ist ein Verbrechen, das international zu verantworten ist. Jedem der dazu eine Unterschrift leistet oder sich daran beteiligt müsste bei einem gerichtlichen Ansatz klar sein, dass dies bei Bekanntwerden übel endet. Leider hat die Weltgemeinschaft gelernt, dass dieses bei Kriegsverbrechen nicht funktioniert.

Eben jene angesprochene Verantwortung wird konsequent abgelehnt. Aber wer Verantwortung ablehnt, verwirkt auch das Recht auf Freiheit. Beides steht in unmittelbarer Verbindung zueiander.
Die Deutschen verwenden neuerdings gern das Wort Meinungsfreiheit. Jeder darf frei seine Meinung äußern. Was ist das eigentlich eine Meinung? Im DUDEN steht hierzu: “persönliche Ansicht, Überzeugung, Einstellung o. Ä., die jemand in Bezug auf jemanden, etwas hat (und die sein Urteil bestimmt).”

Jemand kann und darf zum Beispiel die Ansicht vertreten, dass die Erde eine Scheibe ist, Äpfel nach oben fallen und die Addition von zwei und zwei, fünf ergibt. Hilfreich ist diese Meinung nicht, dass sie den naturwissenschaftlichen und mathematischen Erkenntnissen widerspricht. Erkenntnis basiert wiederum auf der Fähigkeit durch geistige Verarbeitung von Eindrücken und Erfahrungen zu einer Einsicht zu kommen.

Die o.g. Ansichten zeigen demnach auf, dass der Äußernde nicht dazu in der Lage ist, kognitiv Forschungsergebnisse, Erfahrungen und Eindrücke zu verarbeiten. Kaum jemand würde auf die Idee kommen, so einem Menschen ernsthafte Aufgaben zu übertragen.Ich stelle mir den Auftrag an einen Architekten vor, der das Ergebnis “fünf” zu seiner durch das Grundgesetz verbürgten freien Meinung deklariert.

Aber wir übergeben solchen Menschen politische Aufträge. Nichts anderes passiert nämlich, wenn ein Politiker sagt: «Es mag sein, dass 23.000 Naturwissenschaftler, darunter so ziemlich alle anerkannten renommierten wissenschaftlichen Institute der Bundesrepublik Deutschland Erkenntnisse zum auf menschlichen Handeln basierten Klimawandel liefern, aber ich habe eine andere Meinung.» Anders: «Es ist mir vollkommen egal, wenn Mathematiker sagen: 2 + 2 = 4. Meiner Meinung nach lautet das Ergebnis – fünf – ». Diese Aussage ist von der Meinungsfreiheit gedeckt, aber wie gesagt nicht hilfreich.

Vielleicht lautet die Aussage übersetzt auch anders. «2 + 2 = 4, ist grundsätzlich richtig, 5 passt mir aber besser in den Kram und ist für meine Ziele förderlicher, deshalb bleibe ich dabei.»

Dies würde bedeuten, dass dieser Mensch seine Freiheit dafür nutzt seine Ziele durchzusetzen. Wenn das Ergebnis seines Verhaltens katastrophal ist, muss er dafür zur Verantwortung gezogen werden. Da diese Katastrophe bei einer derartigen Realitätsverweigerung und kognitiven Minderleistung erwartbar ist, sollte schlauerweise vor dem Eintritt interveniert werden. Man finde den Fehler!

In der öffentlichen Diskussion hat es sich durchgesetzt einfach mal «fünf» zu sagen. Nicht nur, weil diese Leute schlicht keine Ahnung vom richtigen Ergebnis haben, sondern weil ihnen das falsche Ergebnis von «Meinungsmachern» als korrekt suggeriert wird. Hier schließt sich der Kreis. Kann ich noch Freiheit sprechen, wenn die Leute bis zur Unterkante mittels Kampagnen vom eigenen Denken befreit sind und von anderer Seite her ferngesteuert werden? Sie an das falsche Ergebnis “fünf” glauben, an dem wiederum ein anderer mit Kalkül Geld verdient?

Wer in Gesprächen innerlich die verwendeten Worte und Argumentationsketten der Anwesenden notiert, stellt schnell fest, wie hoch der Durchsatz mit Schlagworten und Konnotationen ist. Wer den Verdacht hat, dass bei einem Verhandlungspartner ein unsichtbarer Berater dahinter steht, muss nur auf die Wortwahl achten. Entspricht sie nicht der angestammten Natürlichen, stimmt etwas nicht. Findet das Ganze in einem überschaubaren Umfeld, zum Beispiel innerhalb eines Betriebs statt, ist der «Strippenzieher» im Hintergrund schnell enttarnt. Grundsätzlich gilt für mich die Faustformel: Desto reflektierter ein Mensch ist, je geringer der Anteil an Schlagwörtern und vorgefertigten Argumentationsketten.
Anhand der verwendeten Schlagwörter lässt sich vielleicht konkret die beauftragte Agentur ermitteln, aber der Auftraggeber gibt sich durchaus zu erkennen.

Wir leben demnach innerhalb einer theoretisch möglichen Freiheit, die durch PR Kampagnen und ihre Initiatoren, aufgehoben wird. Der Bürger besitzt die Freiheit, ist aber geistig nicht mehr dazu in der Lage sie in Anspruch zu nehmen, da er sich in einem Gefängnis vorgegebener Gedankenmuster befindet.

«Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.»

Edward Bernays

Aus meiner Sicht gibt es zwei verschiedene Sorten der Diktatur. Die offene, stark in die Jahre gekommene klassische Diktatur mit einem Despoten, Autokraten oder Diktator/Clique an der Spitze und die moderne leise perfide, intelligent mittels Massenmanipulation agierende. Mit einem Freiheitsgedanken hat das nichts mehr zu tun.

Mich amüsiert es, wenn ich in Tweets oder Kommentaren etwas vom «mündigen Bürger» lese. Ich denke jemand wie Bernays oder einer seiner Schüler bräche wahrscheinlich in ein höhnisches Gelächter aus. “Du hältst Dich für mündig – lustig!”
Abgeleitet wird der Begriff von «Mündel», einem Menschen, der selbst keine Verantwortung tragen kann. Der «mündige Bürger» ist einer, der Verantwortung für sein eigenes Leben und sein Handeln übernimmt. Darüber hinaus beteiligt er sich am gesellschaftlichen Entwicklungsprozess.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (kurz BpB) fügt ergänzend hinzu:

«Mündigkeit“ hat noch eine weitergehende Bedeutung. Gemeint ist damit auch Selbstbestimmung und Urteilsfähigkeit. Man spricht oftmals von „mündigen Bürgern“ und meint damit, dass die Bürger und Bürgerinnen nicht nur für sich selbst Verantwortung übernehmen, sondern auch für ihren Staat und ihre Gesellschaft. In einer Demokratie wie in Deutschland ist das besonders wichtig. Die Demokratie braucht mündige Bürger und Bürgerinnen, die sich interessieren und engagieren, die bereit sind, politisch im Staat mitzuwirken.»

Der Gegensatz dazu ist geschichtlich der Idiot. Dies war nämlich im alten Rom die Bezeichnung für die leute, die sich ausschließlich im Privaten befanden und am «polis», ergo dem politischen Leben nicht teilnahmen. Später war der Idiot im philosophischen Sinne einer, der im Gegensatz zum Fachmann ein Ahnungsloser war.
Meistens sind die Leute, welche den Begriff «mündiger Bürger» verwenden, diejenigen welche in nahezu jedem Kommentar eine hohe Schlagwortdichte aufweisen. Mit anderen Worten ihre Urteilsfähigkeit an andere übertragen haben. Sie sind in der Regel auch nicht an einem gesellschaftlichen Diskurs interessiert, sondern wollen ihr Recht in Anspruch nehmen, sich ins “Private”, also ins “Idiotische”, zurückzuziehen.

Ich wiederhole es gern immer wieder. Es gibt meiner Auffassung nicht die eine fest definierbare deutsche Gesellschaft. Sie besteht aus einer Vielzahl von Fragmenten. Ein Teil besitzt die Deutungshoheit (auch mal von mir ein Schlagwort) für Moral, Ethik, Recht, Gesetz und Normalität. Daneben stehen diverse andere Teile, von deren Seite anteilig massiv Kritik geübt wird.Wenn ich von Fragmenten schreibe, folge ich damit der Argumentationslinie des Establishments. Schleichend wurden von dort aus die alten Begriffe wie Klasse und Schicht eliminiert. Arbeiterklassse, Oberschicht, Intelligenz, Inhaber der Produktionsmittel oder Kapital, würden Konflikte, Dissonanzen und vor allem eine inhomogene Gesellschaft andeuten. Es passt besser in deren Intention, von einer homogenen Gesellschaft und Outsidern auszugehen. Jene Outsider sind die Hartz IV Bezieher, die Sozialschmarotzer, Linke, Kriminelle pp..

Der Teil mit der Deutungshoheit, also dem dominanten Part, rekrutiert sich größten Teils aus dem Bürgertum. Eins, welches sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts kaum verändert hat.Die CDU/CSU nebst der AfD verbalisieren immer noch einen “völkischen Gedanken”, der seinen Ursprung im ausgehenden 19. Jhd. hatte. Der schon fast bedauernswerte Philosoph Habermas musste einen Missbrauch seines Gedankengangs bezüglich einer europäischen Leitkultur hinnehmen, als die Ikone der Neoliberalen Friedrich Merz daraus kurzer Hand eine “Deutsche Leitkultur” bastelte. Traditionell hält dieses Bürgertum nicht sonderlich viel von der Freiheit des Individuums. Die bedeutet nämllich immer Kontrollverlust.

In einer Zeit, die durch die Digitalisierung und den damit in Verbindung stehenden Folgen, den erforderlichen Reaktionen auf den Klimawandel, ungelöster Hinterlassenschaften aus der Energiepolitik des 20. Jahrhunderts, zunehmender ungerechter kriegsfördernder Ungleichverteilungen, in Arm und Reich gespaltener Gesellschaften, innovative und u.U. sogar radikaler Lösungen erfordert, ist dies ängstliche Beharren an alten Lösungen und Strukturen kontraproduktiv. Festzustellen ist, dass uns diese bisher angewandten Lösungen den Mist eingebrockt haben.

Stellen Sie sich vor, dass Sie eine Idee haben und dafür eine Produktionsmaschine benötigen. Weil sie zwar eine Idee und Vorstellung vom Produkt haben, aber keinen technischen Sachverstand, beauftragen sie Ingieneure und Techniker mit der Konstruktion. Die machen sich ans Werk und nach einem Jahr steht eine Maschine in der Halle. Erwartungsvoll schalten Sie sie ein und warten auf das fertige Produkt. Zu Ihrer Enttäuschung produziert die nur unbrauchbaren Müll, der sich am Ende auch noch als gefährlich erweist. Trotz unzähliger Versicherungen und Nachbesserungen ändert sich am Ergebnis nichts. Was würden Sie tun? Ich denke jeder würde die Konstrukteure hinauswerfen und sich nach neuen mit besseren Ideen umsehen.

Bis in die ausgehenden Sechziger des 20. Jahrhunderts gingen die meisten davon aus, dass der  wirtschaftliche Wachstum und die voranschreitende Technik auch die Situation der Dritten Welt verbessern würde. Sorgen bereitete den Analysten nur die Gefahr eines atomaren Krieges. Die aktuelle weltweite Lage zeigt uns, dass die sich gründlich irrten und einige Faktoren übersahen. Die Konstrukteure des Kapitalismus sind schlicht und ergreifend gescheitert. Bezüglich des Kommunismus eröffnet sich für mich eine Diskussion, ob in der Weltgeschichte überhaupt jemals einer entsprechend der Grundidee existierte. Meiner Auffassung nach nicht. Aber dies gelte es zu diskutieren. Bezüglich Kapitalismus halte ich das für unstrittig. Spätestens, als ich vor einem halben Jahr in Moskau vor einem McDonald stand, wurde mir das bewusst.

Es ist nicht soweit her mit dem Freiheitsbegriff, sich daraus ergebender individueller Verantwortungsübernahme und dem Verständnis, was Freiheit eigentlich ist und bedeutet. Und wenn nicht aufgepasst wird, bleibt nicht viel übrig. Ich vertrete die Auffassung, das seitens der Bevölkerungen böse Fragen zu stellen sind. Befinden wir uns beispielsweise beiden gegebenen Verhältnissen noch in einer Demokratie? Oder ist das international übergreifende politische Geschäft nicht längst an multinationale Konzerne und Investoren übertragen worden? Beschränkt sich Demokratie nicht unter Umständen nur noch auf kommunale Strukturen? Wie sieht es mit dem Verhältnis zwischen einem ethischen Verständnis bezüglich des Lebens auf der Erde und einem rein auf Profit ausgerichteten System aus? Marx ging davon aus, dass ausnahmslos jeder menschliche Aspekt im Kapitalismus zu einem veräußerbaren oder käuflichen Gut wird. Auch die Freiheit?

Letztens ging mir durch den Kopf, dass ich bei der Geburt meiner Kinder zuerst gefragt wurde, ob ich privat oder kassenversichert bin. Gleichzeitig fiel mir auf, dass bei einem Verstorbenen in meinem Umfeld gleich die Frage aufkam, wer die Beerdigungskosten trägt. Sagt das nicht alles über die Gesellschaft aus? Kinder ist das Stichwort der aktuellen Diskussion. In meiner Welt übernimmt ein Mensch, wenn er Kinder in die Welt setzt eine Verantwortung. Mir ist bewusst, dass das nicht jeder so sieht. Ich persönlich verweigere mich dem gesellschaftlichen Anspruch des dominierenden Teils, dass meine Nachkommen funktionierende, das bestehende System stützende und bejahende Zahnräder einer Maschinerie werden, die fortwährend Müll, Umweltzerstörung, Kriege, Hungersnöte, Not und Elend produziert.

Spätestens, als ich in der mongolischen Hauptstadt Ulanbataar auf einem im Kommunismus entstandenen Prachtplatz stand, zu meiner linken Hand die Slums waren und auf der rechten Seite die Phallussymbole des Kapitalismus in Gestalt von glitzernden Wolkenkratzern der Banken, Minengesellschaften und Investmentfirmen sah, war mir klar: Das kann es nicht sein, die machen alles kaputt.