September 11 2022

Die alte Zeit ist tot, es lebe das neue Zeitalter

code coding computer cyberspace Lesedauer 17 Minuten

Woher wissen wir denn schon, dass zwei und zwei vier ist? Oder dass die Gravitationskraft funktioniert? Oder dass die Vergangenheit unveränderbar ist? Wenn sowohl die Vergangenheit, als auch die äußere Realität nur in der Vorstellung existieren und die Vorstellung veränderbar ist – was dann?

George Orwell

Amerikanische Soziologen datieren die dritte große Revolution in der menschlichen Entwicklung, die Digitale Revolution, auf die Zeit um das Jahr 1989 herum. Egal, ob man wirklich einen konkreten Zeitpunkt ausmachen kann, veränderte sich unstrittig ab dem Ende der 80er weltweit das Leben der Gesellschaften in den industrialisierten Ländern. Bei den beiden anderen Revolutionen handelt es sich um den Sprung vom Jäger und Sammler zum Siedler und die Industrialisierung. Ich denke, selbst bei der ersten wird es Konflikte zwischen denen aus der Zeit davor und jenen der neuen Epoche gegeben haben.
Manche verweisen dabei auf die biblische Geschichte, in der Kain seinen Bruder Abel erschlug. Kain der Siedler erschlägt den Hirten, welcher mit seinem Vieh umherzieht. Gott lässt Kain leben, aber er muss eine Weile herumziehen, bis er ohne Gottgefälligkeit wieder siedelt, was laut Bibel in die nächste Katastrophe führt. Ja, ich pflichte den Autoren bei, die da eine Beschreibung des Umbruchs sehen. Es ist leicht vorstellbar, dass Bauern nicht glücklich über die Viehherden waren, die in ihre Felder einfielen. Aber die Menschen werden auch schnell bemerkt haben, dass das Zusammenleben in Siedlungen neue Anforderungen ergab.

Die Industrialisierung verhieß anfangs einen Segen für die Menschheit. Arbeiten, gefährlich, anstrengend, verschleißend, würden künftig von Maschinen übernommen werden können. Heute wissen wir, dass sich dies aus mehreren Gründen anders entwickelte. Und auch damals gab es Leute, die noch die Zeit vor der Industrialisierung kannten und nun die Anfänge erlebten. Manche schlossen sich der Begeisterung an, während andere skeptisch auf die Zukunft schauten. Letzteren war insbesondere die Technik-Gläubigkeit, die mit einer Reduzierung auf Naturwissenschaften einherging, unheimlich. Heute erleben wir eine Entwicklung, die zwar auf anderen Grundlagen beruht, dennoch Parallelen aufweist.
Die in den 60ern Geborenen sind die letzte Generation, die noch ohne Digitalisierung zu Erwachsenen wurden und seit 1989 im vollen Umfang daran Anteil nehmen. Zusätzlich existiert mittlerweile eine Generation, die um die 30 ist und bewusst nichts anderes kennenlernte.
Wie auch bei den Umbrüchen zuvor, gibt es Zeitgenossen*innen der 60er-Generation, die begeistert alle Möglichkeiten begrüßen und eben jene, die mit einer gewissen Skepsis draufschauen. Doch die Digitale Revolution ist nicht der einzige Umbruch. Der Jahrtausendwechsel ist gerade einmal 20 Jahre her und das 21. Jahrhundert ist noch jung. Das 20. Jahrhundert brachte neue Staatsformen, wie den Faschismus, mit sich, erlebte zwei Weltkriege, spaltete die Welt in arme und reiche Regionen, brachte neue Technologien mit sich und entfremdete große Teile der Menschheit vom natürlichen Lebenssystem. Durch die Digitalisierung ist sogar zur bisherigen Welt eine weitere, die virtuelle Welt, hinzugekommen. Viele leben mittlerweile in beiden und selbst Kriege werden in der virtuellen und in der realen parallel zueinander geführt.

Selbst wenn die Skeptiker über große Macht verfügten, würden sie an den Fakten nichts mehr ändern können. Wenn sie noch über eine Möglichkeit verfügen, dann ist es die Mitgestaltung. Einige fordern beispielsweise die Entwicklung ethischer Richtlinien. Bisher galt stets, dass der Mensch ohne Grenzen forscht und alles umsetzt, was ihm möglich erscheint. Im großen Stil ist uns das letztmalig mit der Entwicklung der Atombombe auf die Füße gefallen. Selbst Sozialisten und eingefleischte Kommunisten sehen die Gefahren, ordnen sie aber den putativen Möglichkeiten unter, die eine Technisierung für eine gerechtere Verteilung anbietet. So oder so nehmen wir aus den vorhergehenden Epochen das Wissen um die Zweiseitigkeit jeder neuen Technik mit. Sie kann dem Guten dienen oder für das gegenseitige Abschlachten benutzt werden. Ein altes, meiner Meinung nach wackeliges Argument: Nicht die Waffe tötet, sondern der sie benutzende Mensch. An der Stelle überlege ich stets, welches Wild man mit einem Maschinengewehr erledigen will.
Mittlerweile stehen genetische Eingriffe für alle möglichen Zwecke im Raum, die Verschmelzung zwischen Maschine und Mensch ist in greifbarer Nähe, kontrollierte Eingriffe in komplexe Systeme, wie z. B. auch das natürliche Lebenssystem, scheinen in absehbarer Zeit möglich zu sein. Womit alte Ermahnungen wieder aktuell werden.
Ich denke da beispielsweise an den Zauberlehrling der Geister herbeiruft, die er nicht mehr unter Kontrolle bekommt. Einige nehmen eine fatalistische Haltung ein. Ihrer Meinung nach ist der Mensch aufgrund seiner naturgegebenen Voraussetzungen dazu verdammt, sich selbst den Untergang zu gestalten. So richtig kann ich mich dem nicht anschließen. Allein, wenn es Menschen gibt, die dazu in der Lage sind, das unkontrollierte Bestreben nach Wachstum, die Erforschung von allem ohne Berücksichtigung eines möglichen Missbrauchs, die ehemals wichtige Gier und die dem Menschen innewohnende Fähigkeit zur Aggression, als gefährliche Faktoren zu erkennen, beweist dies etwas. Wir können Erkenntnis erlangen und wenn wir dies können, ist theoretisch auch eine Veränderung bzw. Gegenreaktion machbar. Anders sähe es aus, wenn niemand die Gefahren sehen würde. Ein unverständiges Wesen ist nicht in der Lage ein kommendes katastrophales Ereignis zu erkennen und rechtzeitig etwas zu unternehmen. Alle anderen durchaus!

Es geht also darum, was sich am Ende durchsetzt. Verstand und Vernunft oder das Triebhafte. Überlegungen hierzu gehen zurück bis in die griechische Antike. Bereits Platon und Nachfolger dachten über ideale Gefüge für das Zusammenleben von Menschen nach. Auch sie dachten über diese Dualität des menschlichen Daseins nach und wie man am ehesten gewährleisten könne, dass Vernunft und Verstand die Führung übernehmen. Fremd war ihnen, wie sich die von ihnen ermittelten menschlichen Voraussetzungen, die sich bis heute nicht veränderten, in Massengesellschaften auswirken. Und selbst in einer virtuellen Realität bleibt die Psyche eines Menschen immer noch eine menschliche. Aktuell erleben wir erneut, wie das Triebhafte die Überhand gewinnt. Sei es nun der Ukraine-Krieg, eine dekadente deutsche Wohlstandsgesellschaft, die eben um exakt diesen Zustand bangt, oder eine weltweite pubertierende Haltung gegenüber der Entwicklung der ökologischen Gegebenheiten. Große Teile stampfen bockig mit dem Fuß auf und versuchen mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, in dem sie versuchen einen Lifestyle durchzusetzen, der schlicht nicht machbar ist. Es ist vermutlich die größte Frustration der Moderne, dass Naturgesetze der Hybris des Menschen trotzen. Möglicherweise noch verletzender als die Sterblichkeit. Selbstredend ist ein Blackout eine erhebliche Gefahr für alles, was uns lieb und teuer geworden ist. Uns! Löse ich meinen Blick von der Nation und schaue ich mich auf der Welt um, muss ich erkennen, dass es uns maximal auf den Zustand vieler anderer Regionen zurückwerfen würde. Bei allen Betrachtungen ist nunmehr ein Aspekt hinzugekommen, der erstmalig in der Geschichte auftritt. Wenn sich Griechen mit Theben, Phöniziern, Persern oder Makedonen bekriegten, war das unschön, doch es hatte keinerlei Auswirkungen auf die Völker des amerikanischen Kontinents. Bis zu den Weltkriegen waren die Auswirkungen für das ökologische Lebenssystem überschaubar. Gleiches galt bis zur Industrialisierung für die Fehlentscheidungen einzelner Völker. Wenn die über ihre Verhältnisse lebten und regional zu viel Raubbau betrieben, merkten davon Menschen in anderen Regionen der Erde nichts. Dies hat sich bekanntlich grundlegend verändert. Wenn manche Staaten unvernünftig handeln, haben gleich alle etwas davon.

Eins ist auf jeden Fall absehbar. In den demokratisch organisierten industriellen Staaten ist mehrheitlich eine politische Führung installiert, die das Triebhafte bedient, selbst favorisiert und fördert. Vermutlich eine Folge der Demokratie, die als Manko die Anfälligkeit für Demagogen innehat. Für mich ist sie ein anzustrebendes Ideal, aber leider nur erfolgreich, wenn der verständige und vernünftige Anteil der Gesellschaft, die von Trieben gesteuerten Wahlberechtigten dominiert. Ob dies aktuell der Fall ist, lasse ich mal dahin gestellt. Jedenfalls besteht im anderen Fall stets die Gefahr, dass sie am Ende in einer Diktatur oder gar Tyrannei mündet. Meist geht es dann schneller, wenn die Freiheit von einem Krieg bedroht wird. Autoritäre Regierungsformen sind im Kriegsfall erfahrungsgemäß, temporär effizienter. Ähnliches gilt in Krisen. Aus der Polizei kenne ich die Situation, dass in diversen Bereichen der kooperative Führungsstil vorteilhafter als der bestimmende ist, sich aber als unzureichend erweist, wenn man beispielsweise in einer in Riots eskalierenden Demonstration angegriffen wird. In Friedenszeiten bieten Diktaturen oder Tyrannen keine Garantie, dass sie bezüglich der ökologischen Schädigungen weniger schädlich sind. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Der erwähnte Umbruch wird von Krisen flankiert. Die europäischen Demokratien werden bedroht einer “neuen” Regierungsform, die sich als Putinismus etabliert und die gesamte irdische Population sieht sich ausgeführt den Folgen des Lifestyles der Industriestaaten ausgesetzt. Parallel entstehen durch die Digitalisierung völlig neue Voraussetzungen mit denen Staaten, Gesellschaften, Individuen, gesteuert werden können. Würden sie ausschließlich von Verständigen und Vernünftigen angewendet, gäbe es dagegen nichts einzuwenden. In dem Falle wären sie beinahe ein Segen. Wie immer, sind Ideal und Realität nicht deckungsgleich. Was meiner Meinung nach die Ideale nicht zwecklos werden lässt. Sie zeigen, wo es hingehen sollte und wie die Weichen zu stellen sind. Da wird häufig das Konfuzius zugeschriebene Zitat: “Der Weg ist das Ziel!”, falsch interpretiert. Gemeint ist das Einschlagen eines Lebenswegs, welcher geeignet ist, einem unerreichbaren Ideal, näherzukommen. Es gibt zwei alte Sichtweisen auf ein Staatsgefüge. Bei der einen ist der Staat einem einzigen Körper gleichzusetzen, in dem jedes Individuum als ein einzelnes Organ mit seiner Funktion für den Körper zu sehen ist. In der anderen sorgt der Staat für Bedingungen, der die einzelnen Elemente die größtmögliche Entfaltungsfreiheit ermöglicht.

In Deutschland sind Konservative bemüht, die Herrschaft über die virtuelle Welt, das Internet, zu gewinnen. Die dort bisweilen herrschende Anarchie ist ihnen unheimlich. Leute in der Wirtschaft gehen einen anderen Weg. Sie machen sich die dort entstehenden Prozesse zunutze. Außerdem wissen sie die durch die Digitalisierung passierende “Entpersonalisierung” der Menschen zu nutzen. Jeder Mensch wird in einen binären Code übersetzt, der dann entsprechend benutzt werden kann. Andererseits sind Konservative in Koalition mit Wirtschaftsliberalen jederzeit bereit, Intellektuelle, die versuchen mittels Diktat der Unvernunft und den Trieben Herr zu werden, einer unzulässigen Beschneidung der Freiheit zu bezichtigen. Ich betone, Wirtschaftsliberale, sind keine Liberalen oder Libertäre, auch wenn sie sich gern als solche sehen. Jeder kann dies nachlesen und sich die historische Entwicklung von politischen Philosophien und Wirtschaftstheorien ansehen. Allein, dass es zwei unterschiedliche Bezeichnungen gibt, weist auf die Differenz hin.
Trotz aller Täuschungsversuche sehen in Deutschland die gängigen politischen Strömungen den Staat immer noch als einen Organismus, für den alle mehr oder weniger ihren Beitrag zu leisten haben. Ein Unterlassen wird lediglich hingenommen, wenn eine nachgewiesene Unfähigkeit, z. B. Krankheit, nachgewiesen wird. Beim vermeintlichen Gegenüber der Konservativen, den als links bezeichneten Strömungen sieht es nicht anders aus. Wirklich interessant wird es erst bei den zu Extremisten und Radikalen abgestempelten. Da gibt es dann die unverblümt von einem Organismus ausgehenden Rechten, welcher von einem Gehirn gesteuert wird. Ihnen entgegen gestellt, sind dann beispielsweise die Anarchisten, welche nach dem Wegfall der konstruierten Hierarchie, von einer nach Unruhen eintretenden stabilen, sich selbst regelnden Struktur ausgehen.
Kein halbwegs akzeptierter deutscher “Linker” oder “Konservativer” geht die Grundfesten wie Eigentum, Hierarchie, Untersagung allzu heftiger Attacken auf die eigene Machtposition, Steuerung der Gesellschaft und die eigene Identifikation über Statussymbole, an. Wer so etwas unternimmt, befindet sich außerhalb des hingenommenen Spektrums.

Dass etwas vor sich geht, es zu Änderungen kommt, kann man fast körperlich spüren. Ungewiss ist, wohin es gehen wird. Gruppen, die vormals wenig Chancen hatten, sich am Diskurs zu beteiligen oder ihm sogar eine Richtung zu geben, werden durch die Digitalisierung völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Mit einmal werden Strömungen sichtbar, die ehemals ein Schattendasein frönten. Die sogenannte Mitte reagiert konsterniert. Mittig zu sein, entwickelte sich lange zu einem in der Breite gewollten Zustand. Kompromisse, Abstriche von eigenen Wünschen, die Geborgenheit der Allgemeinheit, die Sicherheit durch Anpassung, die kollektive Übereinkunft auf der Seite der Guten zu stehen, das gemeinsame Streben nach immer mehr Besitz und die Gleichsetzung mit Glück und Erfolg, waren zuvor der gemeinsame Konsens. Davon Abweichendes wurde entweder ignoriert, als Spinnerei abgetan oder jugendlicher Lebensart zugeordnet, die sich im Alter legt.
Radikale Ideen, Forderungen, Denkmuster, waren jenseitige verpönte Verhaltensweisen, vor denen die Gesellschaft zu beschützen ist. Im Prinzip wäre dies wünschenswert, wenn denn die Mitte tatsächlich dem entspräche, was sich innerhalb der dokumentierten Menschheitsgeschichte als Weisheit herausgearbeitet hat. Dem ist aber meiner Meinung nach nicht der Fall. Eine Mitte, die sich mit dem Outfit von Politikern*innen, mehr beschäftigt, als sich sichtbaren existenziellen Problemen zu widmen, zeigt ein vollkommen entgegengesetzten Zustand. Gleichermaßen handelt es sich bei Debatten um Geschwindigkeitsbegrenzungen, einem Festhalten an der Wachstumstheorie ins Unendliche, Masken, Impfungen, Reaktionen auf Aggressoren, die Suche nach Glück über das Materielle, nicht wirklich um Zeichen für Weisheit.
Vielmehr regt es dazu an, mal darüber nachzudenken, ob all dies nicht aus der Perspektive einer ausgereiften Persönlichkeit, eher extreme Verhaltensweisen sind, die mit denen von Süchtigen zu vergleichen sind. Bemerkenswert ist dabei, wie heftig die Reaktionen ausfallen, wenn etwas versagt wird, was objektiv nichts mit Vernunft und Verstand zu tun hat. Interessant ist ebenfalls, dass Persönlichkeiten, die zur Prahlerei und Narzissmus neigen oder gern Triebverhalten an den Tag legen, wie zum Beispiel mit einem Porsche durch die Gegend zu stolzieren oder sich in monarchisch anmutenden Posen darstellen lassen, an die Spitze der Hierarchie gelangen. Sie geben Hinweise auf die Struktur des Staats. Welcher Gestalt sind die Regeln, nach der sie aufgebaut wurde oder sich selbst nach und nach generierte, sodass diese Charaktere an höchster Stelle landen? Grundsätzlich wird von einem Menschen innerhalb der Struktur Produktivität, Konsum und das Streben nach Eigentum erwartet. Je mehr vom Genannten erkennbar ist, um so höher ist das Ansehen. Da ist es nachvollziehbar, dass sich diejenigen nach oben durchboxen, die dies ohne Rücksicht auf Verluste praktizieren, Gleichgesinnte unterstützen und Regeln aufstellen, die diese Haltungen beflügeln. Das Ergebnis wird dann finanzieller Wohlstand genannt. Wobei die Konkretisierung oftmals weggelassen wird. Tatsächlich fragen im 21. Jahrhundert immer mehr Menschen, vor allem Jüngere, ob dies denn echter Wohlstand ist. Spätestens, wenn sie sich in der Mühle von zu bedienenden lang angelegten Krediten befinden, der Konsum von herzeigbaren Statussymbolen immer mehr vorhergehende Energie abfordert, kommen diesbezüglich Fragen auf.

Wie auch immer, die Andersdenkenden verfügen heute über ungleich mehr Optionen, als jemals vorher möglich war. Woraus sich zwingend ein Konflikt ergibt. Über die Social Media werden immer häufiger Aspekte sichtbar, die früher unter den Tisch gekehrt und maximal sichtbar wurden, wenn Leute auf die Straße gingen. Hinzu kommen die Debatten und Empörungen, die gezielt aus dem Hintergrund lanciert werden. Ich bin gespannt, wie sich das in den kommenden Monaten entwickeln wird. Unübersehbar mischen sich russische Propaganda-Spezialisten ins Geschehen ein. Ausgerechnet die Konservativen gedenken offensichtlich, sich als freudiger Dritter einzuklinken. Ein extrem gefährliches Unterfangen. Der Preis für die Vernichtung des politischen Gegners, in dem man sich der russischen Propaganda bedient, könnte hoch ausfallen. Die übersehen dabei, dass der eingeleitete Prozess u.U. nicht den gewünschten Stopp erfährt, sondern von den Rechten weiter befeuert wird. Die sogenannte deutsche Mitte sieht ihre existenzielle Grundlage gefährdet: den genannten finanziellen Wohlstand!
Den Intellektuellen fällt es schwer, von der Betrachtung des Ideals auf die Realität umzuschalten. Ein ziemlich altes Problem, welches bereits die alten Römer kannten. Die unterschieden sehr scharf zwischen der Gestaltung einer in Frieden lebenden Gesellschaft und einer im Kriegszustand. Eigens für diesen wurden temporär für maximal ein Jahr Führungskräfte mit Kompetenzen und Verantwortlichkeiten über die Mitbestimmung des Volks hinaus eingesetzt. Was nicht bedeutet, dass es zur Abwehr eines Aggressors keiner Intelligenz bedarf. Selbst Buddhisten bedienen sich im Ausweglosen der Kampfkünste.

Bei alledem darf theoretisch nicht aus den Augen geraten, dass die höherrangige Bedrohung die Zerstörung der Lebensgrundlagen ist. Das ist das zentrale Problem der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts.

Tatsächlich muss man einen anderen Eindruck gewinnen. Mich erinnert es an einen riskanten Überholvorgang auf der Landstraße. Der Fahrer will ein langsameres Fahrzeug überholen. Damit ist die erste Entscheidung getroffen, die nicht unbedingt notwendig wäre. Er könnte genauso gut, dahinter bleiben. Nun setzt er an und tritt dafür aufs Gaspedal. Auf halber Strecke bemerkt er ein entgegen kommendes Fahrzeug. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt bleibt die Chance zu bremsen und wieder einzuscheren. Danach gibt es nur noch konsequent zu beschleunigen und darauf zu hoffen, dass alles gut geht. Wer an dieser Stelle zögert, wird in einen schweren Unfall verwickelt.
Wir könnten auf die Bremse treten und es mit Gelassenheit, Genügsamkeit und deutlich weniger Lebenskomfort angehen. Oder wir setzen auf Technik, Wachstum, Innovationen, mit der Option, dass das böse ins Auge geht. Im ausgebrochenen Verteilungskampf wird ersten Eindrücken nach, alles über Bord geworfen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Überwindung des jeweiligen Gegners. Ein Prozess, der bereits aus dem 20. Jahrhundert bekannt ist. In dieser Art und Weise zwang der Westen im Kalten Krieg die UdSSR in die Knie. Klima, das Einstellen von für das ökologische System zerstörerischen Produktionen, die Entwicklung alternativer Energien, der Verzicht auf Unsummen für Waffen, wurde sekundär. Dies passiert wieder. Nunmehr besteht aber die berechtigte Annahme, dass es keinen dritten Anlauf geben wird und sich das laufende Jahrtausend auf wenige Jahrzehnte beschränken könnte.

All diejenigen, welche von Öko-Diktatur oder Öko-Terroristen sprechen, begreifen nicht den tieferen Aberwitz ihrer Begriffe. Das natürliche System ist seiner Art nach eine absolute Diktatur. Verhandlungen, Abstimmungen, Kompromisse sind in ihm nicht vorgesehen. Letztlich ist jedes kommende Extrem-Wetter-Ereignis eine Form von terroristischem Anschlag. Es wird von den großen Demütigungen der Menschheit gesprochen. Eine war die Erkenntnis, dass sich nicht die Erde im Mittelpunkt des Universums befindet. Nunmehr wird der Homo sapiens begreifen müssen, dass es ein Fehler war, sich selbst als das Zentrum des Geschehens auszumachen. Und wenn die Digitalisierung mit all ihren Möglichkeiten den Menschen vor sich her treibt, statt dessen er sich eine Orientierung, Kompass und Kontrollinstanz vorbehält, wird sie alles beschleunigen. Wenn alles Lebende und Gegenständliche parallel auch in Form eines binären Codes existiert, besteht die Gefahr, das Fassbare, das Erlebbare, zu verlieren. Bereits heute ist für viele Menschen das meiste abstrakt. Einige Jugendliche haben keinerlei Vorstellungen davon, woher Fleisch kommt und wie dafür real getötet werden musste. Kaum jemand hat tiefere Einsichten darin, was in den Geräten der digitalen Welt vor sich geht. In den industrialisierten Staaten tippen die Leute auf Bildschirmen herum und es passiert etwas. Wie, warum, weshalb, interessiert keinen. Vor allem gehen große Teile der Aufmerksamkeit für das reale Geschehen verlustig. Hauptsächlich streift alles irgendwie vorbei und sehr wenige schenken dem Augenblick in der Realität ein wenig oder die volle Achtsamkeit. Daran ändern auch die Therapeuten, Psychiater, Psychologen und Lebensberater nichts. Die künftige Entwicklung könnte dies schmerzlich verändern. Allgemein wird seitens der Demagogen vor Blackouts und Chaos gewarnt.
Doch warum kommt es zum Chaos? Ich denke mal, weil sich die Mehrheit in der plötzlichen harten Realität nicht zurechtfindet. Mit einem Mal werden ehemals noch zu rettende Situationen möglicherweise gefährlich oder sogar tödlich. Unaufmerksamkeiten, unüberlegte Aktionen, natürliche Umstände, werden wieder zu realen bedrohlichen Geschehen. Wenn ich einem Laoten im gebirgigen, armen, Norden, den ohnehin selten vorhandenen Strom klaue, lacht der darüber. Auch dies ist die Digitale Revolution: Alles ist derart abhängig von Elektrizität, dass ich mit der Zerstörung der erzeugenden Anlagen nicht nur alles lahmlegen kann, sondern auch das Leben tausender Menschen auslösche. Vor etwas mehr als hundert Jahren war das kein Thema. Demnach, was ich so gehört habe, sind viele Netzwerke mit Schadprogrammen verseucht, dies sich erst in besonderen Fällen bemerkbar machen. Das wird immer mehr werden. Auf einer philosophischen Metaebene stellt sich die Frage, ob es zweckmäßig ist, ohne weiteres einer derartigen Entwicklung zuzusehen. Mir ist dabei durchaus die bösartige Tragweite bekannt. Manch einer, der nur noch lebt, weil es elektrische Apparate gibt, muss wie in jedem anderen weniger medizinisch ausgestatteten Land, sterben. Wasser könnte plötzlich nicht mehr aus der Wand kommen, sondern müsste mühselig von einer Pumpe geholt werden. Lebensmittel lassen sich nicht mehr lagern, wie gewohnt. Aber all dies ist machbar. Immerhin haben wir diese Standards noch gar nicht so’lange.

Auf einer anderen Ebene findet schon länger eine vergleichbare Entwicklung statt. Die Industrieländer haben eine Gesellschaft, die Infrastruktur und Stadtplanungen zentral auf den Individualverkehr mit Fahrzeugen ausgerichtet. Die Entwicklung des Klimas fordert eine Veränderung. Nun gilt: “Können vor Lachen!” Wie soll man auf die Schnelle einen Jahrzehnte andauernden Prozess verändern und die Folgen rückgängig machen? Hinzu kommt, dass im Zuge dessen das Fahrzeug für den Verkauf mit jeder Menge Emotionen verknüpft wurde. Zeig mir Dein Auto und ich sage Dir, wie Du denkst, fühlst, welchen sozialen Status Du hast und zu welcher Untergruppe der Gesellschaft Du gehörst. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass die temporäre Blockade eines Verkehrsweges, als terroristischer Akt gewertet wird und die Beschädigung eines Fahrzeugs, einer Körperverletzung gleich kommt. In der digitalen Welt sind es die Art und Marke eines Smartphones, das favorisierte Betriebssystem und die dahinter stehenden Haltungen. So wie das Fahrzeug nicht mehr allein ein Gebrauchsgegenstand für den Transport nach A und B ist, sind Laptops, PC’s, längst nicht mehr Geräte, die Aufgaben erleichtern. Umstände, die noch eine weitere, hier meine letzte Betrachtung, anregt.

Fahrzeuge, Rechner, Smartphones, die gesamte digitale Welt, sind nichts Lebendiges. Sie gehören zur toten, leblosen, Materie. Doch ihnen wird oft mehr Bedeutung beigemessen, als den lebendigen Wesen. Im engeren Sinne ist die Nekrophilie als sexuelle Vorliebe für Tote definiert. In seinem Werk “Anatomie der menschlichen Destruktivität” erweitert Erich Fromm die Sicht darauf. Bereits in den 70ern ersah er es als problematisch, dass sich die Menschen in den Industrieländern immer mehr dem Leblosen zuwenden und zog einen Vergleich zur sexuellen Vorliebe heran. Alles Lebende, wird geboren und eines Tages sterben. Ich werde niemals eine vollständige Kontrolle über ein lebendes Wesen erlangen. Außerdem ist vieles ein Mysterium, welches sich bisher unserem Wissen entzieht. Ich kann einen Toten sezieren und trotzdem nur Bruchteile seines Lebens ermitteln. Der Abstand zwischen der Achtsamkeit für das Leben und dem banalen Gegenstand oder der zusammengesetzten Maschine wird immer geringer. Besonders stolpere ich in letzter Zeit über den Begriff “Autohasser”, der das Gegenteil eines “Autoliebhabers” ist. Beides sind starke Emotionen, die sich ursprünglich auf das menschliche Zusammenleben beziehen. Nunmehr werden sie auf tote Materie angewendet. Ich empfinde dies als richtungsweisend. Früher sagte man, wenn Leute ihrem Auto einen Namen gaben, dass sie es dann vermutlich auch besser pflegen würden, weil sie es “vermenschlichten”, somit eine besondere Wertschätzung zeigten.
Doch die Relation war die Annahme, dass das Menschliche eben das Höchste war. Ebenso finde ich es befremdlich, wenn Protestanten, die eine Fahrbahn blockieren, wie bereits angedeutet, als Terroristen bezeichnet werden. Terror war einstmals das kalkulierte, zweckorientierte Erzeugen von Panik und Unruhe, in dem Menschen getötet, zerfetzt und verstümmelt wurden. Die üben nicht einmal im ursprünglichen Sinne Gewalt an Sachen aus. Machen wir uns nichts vor, der Begriff Gewalt wurde bei Blockaden in den 80ern nur eingeführt, um einer unangenehmen Protestform gegen die Macht Herr zu werden. Gleichsam ist es bedenklich, wenn Überzeugte, deren Argumente nicht von der Hand zu weisen sind, und zumindest aus vernünftigen Überlegungen resultieren, zu Extremisten abgestempelt werden. Wobei es natürlich immer eine Frage der Relation und eigener Perspektive bleibt. Das Kalkül einiger ist klar erkennbar: Mit Extremisten muss man sich nicht auseinandersetzen, sondern bekämpfen.
Doch was passiert, wenn die erkennen, dass die gewählten Mittel ins Leere laufen? 21. Jahrhundert, Digitale Revolution! Die virtuelle Welt bietet wie die reale einen Untergrund an. Mehr, einfach und sicherer, als in der anderen. Ich wäre nicht überrascht, wenn in naher Zukunft junge Hacker zu ihren Möglichkeiten greifen. Was Nachrichtendienste und Sicherheitskräfte mit Fahrzeugen anstellen können, schaffen die auch. Längst gibt es Fiktionen, in denen Hacker einfach mal alle Kreuzungen auf Grün schalten. Oder was ist mit Geräten, die die digitalen Funktionen moderner Fahrzeuge sabotieren? Nicht alle haben keine Ahnung davon, was nach dem Tippen auf einem Bildschirm passiert. Die Vertreter der alten Welt, die nicht einmal ansatzweise begreifen, was sich auf diesem Sektor abspielt, werden dann richtige Schwierigkeiten bekommen. Das Wort Sabotage rührt von den Holzschuhen, den Sabots, der früheren Arbeiter her. Bei Arbeitskämpfen warfen sie diese in die Maschinen, die dann blockierten. Die industrielle Revolution ist Geschichte, heute werden Schadprogramme, Computer-Viren, Trojaner, programmiert. Mal sehen, wie sich dies in nächster Zeit gestaltet. In der Welt der Computer, gibt es alles, was es auch bei Fahrzeugen gibt. Ahnungslose Benutzer, Freaks, die ihre Rechner tunen, Crashkids, die aus lauter Spaß Schadprogramme in den Umlauf bringen, Verbrecher, die mit den Techniken Taten begehen, Programmierer, Aktivisten, versierte Terroristen, usw.
Dabei habe ich noch nicht einmal die Technikfreaks erwähnt, welche mit ein paar Bauteilen und einem Lötkolben, komplette Funknetze lahmlegen oder im Vorbeigehen die Steuerung eines Fahrzeugs übernehmen. Es war früher Teil meines Jobs, mir darüber Gedanken zu machen, welche Bedrohungsszenarien sich Straftäter ausdenken könnten und hierzu Gegenstrategien zu entwickeln. Ich kann mir vieles vorstellen, von dem ich nicht hoffe, dass es jemals passiert. In einigen technischen Bereichen besteht bei mir mittlerweile ein fünf Jahre großes Loch. Doch ich kann mir ausmalen, wie die Entwicklung weiter gegangen ist. Ich weiß noch, wie verschiedene im Sicherheitsbereich angewendete Techniken zur Geheimsache erklärt wurden. Dumm nur, dass die sich an der TU Berlin krumm lachten. Was denkt ihr wohl, wer den Kram entwickelt hat und was wir in den Vorlesungen machen? Digitalisierung bedeutet eben auch, dass alles jedem zugänglich ist. Man muss nur wissen, wo man und wie man sucht. Edward Snowden schrieb, dass er moderne industrialisierte Gesellschaften Computernetzwerken gleichsetzt und die Struktur identischen Regeln unterliegt. Gesellschaftliche-Hacker müssen nur die Schwachstellen ausmachen, sich einen Einstieg verschaffen, etwas hinterlassen, was nicht sofort wirksam wird und schon nimmt alles seinen Lauf. Besonders bereiten mir an der Stelle all die Leute Sorgen, die für Hochrisikotechniken, wie alles, was sich um die Energieversorgung rankt, unbekümmert Unbedenklichkeitszertifikate ausstellen. Wenn dies alles an dem ist, stelle ich mir die Frage, wie es vor 11 Jahren! gelang, 30.000 iranische Rechner, von denen einige in AKW’s standen, mit einem Trojaner zu infizieren. Zumal es nicht einmal notwendig ist, das AKW selbst zu attackieren, sondern an der Peripherie Szenarien ausgelöst werden können, die in die Katastrophe führen. Ich mag aufgrund meiner Biografie geschädigt sein. Aber ich habe gelernt: Wenn es um Menschenleben oder existenzielle Dinge geht, verlass Dich niemals auf Elektronik. In der Medizin mag das ganz gut funktionieren. Ansonsten gibt es einfach zu viele mögliche Fehlerquellen. Und wenn es hart auf hart kommt, ist auch immer Verrat oder ein Maulwurf einzukalkulieren. Und nicht immer sind es simple Fingerübungen, wie sie im Zusammenhang mit Belarus geschahen. Ich mag manchmal im Denken ein Fossil aus dem 20. Jahrhundert sein, aber dieses Handwerk ändert sich nur in Nuancen und bekommt neue bessere Werkzeuge. Früher musste eben noch mit der Hand gebohrt werden, heute gibt es Bohrmaschinen, aber am Ende ist ein Loch in der Wand. Und auch hierzu kann ich sagen, dass meiner Kenntnis nach, die meisten, selbst wenn sie in Hochsicherheitsbereichen arbeiten, sehr unbedarft im Umgang mit der digitalen Technik sind. Die alten Hasen schlagen der neuen Zeit ein Schnippchen, in dem sie auf analog setzen. Bei allen anderen gilt die Grundregel:

Was machbar ist und mit der vorhandenen Technik durchzuführen ist, wird erstmalig bei einem herausragenden Fall eingesetzt und damit implementiert. Nach einiger Zeit wird sie mit dem Argument der ökonomischen Effizienz auch in niederschwelligen Bereichen angewendet. Ähnliches gilt für die öffentlichen Aussagen von hochrangigen Behördenvertretern. Wurde etwas ausgesprochen, ist es in der Welt und wird realisiert. Nicht unmittelbar, aber bald.

Auch vor dem Staatsapparat macht die Digitalisierung nicht Halt. Die Kommunikation ist dabei nebensächlich. Viel interessanter sind die Auswirkungen auf Institutionen, die allein schon wegen ihrer Funktionen, den Menschen zum verwalteten Objekt degradieren. Mit der Digitalisierung werde ich zu:

01000001 01101110 01100100 01110010 01100101 01100001 01110011 00100000 01010100 01110010 11000011 10110110 01101100 01110011 01100011 01101000

Immer wenn es in die Entpersonalisierung geht, vor allem bei der Polizei und dem Gefangenenwesen, wird es höchst kritisch. Ein Sachverhalt wird von einem Sachbearbeiter digital erfasst und mit dem obigen Datensatz vereint. Wie nett, wenn er zeitgerecht gelöscht wird. Wie fatal, wenn sich die Zeiten ändern und wie in den USA gigantische Speichermedien füllen. Außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, wie viel in alter Zeit wegen eines Missverhältnisses zwischen Arbeitsaufwand und Ereignis fallen gelassen wurde. Faulheit, die dazu führte, dass oftmals die Kirche im Dorf gelassen wurde. Nun, auch dies wird sich ändern. Zumindest die Erfassung und Speisung von speziellen Datenbanken wird zunehmen.

Oh, das wäre noch ein weiterer Punkt, der innerhalb der neuen Zeit von großer Bedeutung sein wird. Vor allem, wenn kein ethischer Kompass vorhanden ist. Sehr wenige, werden sich der Überwachung entziehen können, während die Massen lückenlos kontrolliert werden. Staaten wie China und Singapore machen es vor. Der Begriff Utopie bezieht sich darauf, dass etwas längst machbar ist oder demnächst ein Durchbruch stattfindet, aber jemand aus unterschiedlichen Motiven auf der Bremse steht. Noch wird vordergründig von der persönlichen Freiheit gesprochen und die Fahne des Datenschutzes hochgehalten. In der Wirtschaft ist dies längst erledigt. Es ist eine Frage der Zeit, dass der Weg für die umfassende staatliche Überwachung geebnet ist. Demagogen erzeugen die notwendige Angst, um im nächsten Zug eine Abhilfe zu versprechen. Ein simples Beispiel sind die bereits jetzt installierten Kameras auf öffentlichen Plätzen. Von der Konstruktion her, können die deutlich mehr, als derzeit freigeschaltet ist. Stellt sich die Frage, warum nicht eine abgespeckte Version verbaut wird. Da kommt einiges auf uns zu. Auch hier sehe ich nicht die Vernunft, sondern Konservative, Neue Rechte und Technokraten bei den Sicherheitsbehörden, die fortwährend mit emotionalen Appellen arbeiten. Selbst die Wirtschaftsliberalen werden einknicken, wenn sie hinter alledem das Geschäft wittern. Der Markt regelt das. Die Demagogen wiegeln auf, erzeugen das Bedürfnis, die passenden Anbieter bieten den passenden Deal an und alles nimmt den gewohnten Verlauf. Hauptsache, die Hochfinanz ist nicht betroffen. Seltsamerweise wird es dann Luxuslimousinen geben, die lediglich vage geortet werden können, während alles darunter auf einen Meter genau lokalisiert wird. Oder Konzerne mit abgeschotteten eigenen weltweiten Netzwerken, an die niemand ohne Maulwurf herankommt. Kalr-Egon, Mandy und Silvio, können in der Liga nicht mitspielen und müssen sich nackig machen lassen. Es sei denn … Vernunft und Verstand, setzen aus unerfindlichen Gründen ein. Immerhin, die Hoffnung ist ein irrationales Konzept. Was ihr leider widerspricht, ist der Umstand einer ziemlich hohen Trefferquote. Immerhin sahen George Orwell / Aldous Huxley in Teilen und skizzenhaft unsere Gegenwart voraus. Aber wie langweilig wirkt die Konditionierung von Kleinkindern bei Huxley an, wenn es heutzutage bereits Virtuell Reality – Brillen gibt, bei denen die Kinder später nicht mehr zwischen selbst erlebten Geschichten und mit Illusionen erzeugten Erinnerungen unterscheiden können. Oder wie plump muten riesige Bildschirme an, auf denen der Große Bruder zu sehen ist, wenn perfekt zugeschnittene Propaganda über Social Media, Filme, PC’s unbemerkt an das Zielobjekt herangetragen werden kann? Irgendwo las ich mal die Aussage: Man möge meinen, dass das Buch “1984” als Warnung zu verstehen ist. Doch das politische Establishment hat es zum Drehbuch und Blaupause gemacht.

Jenseits der Hoffnung bin ich mir persönlich sicher, dass die aktuelle Struktur und Staatsform in der Zukunft nicht mehr funktioniert bzw. in eine katastrophale Phase, mit ungewissem Ausgang, gerät. Irgendwie bräuchten wir einen Typen, wie Isaac Asimov, der die Robotergesetze formulierte. Nur halt einen, der sich über die Digitalisierung Gedanken macht.

September 2 2022

Die letzte Schlacht wird keiner gewinnen

unrecognizable ethnic hacker typing on laptop at table Lesedauer 8 Minuten

Krieg ist schon lange nicht mehr nur das gegenseitige Abschlachten. Längst hat sich alles auf den Cyberraum erweitert. Musste früher noch mühselig Propaganda in die Reihen des Feindes gebracht, für Desinformation, Demoralisierung, gesorgt werden, geht dies in der Digitalisierung erheblich einfacher. Gleichfalls bedurfte es einst gefährlicher Selbstmordkommandos, bestehend aus Abenteurern und Patrioten, die hinter den feindlichen Linien für Sabotage sorgten, während dies heute von einem Hacker von einem sicheren Ort erledigt werden kann. Ich denke, wir stehen da erst am Anfang. Doch die Entwicklung ist rasant. Bereits jetzt kann kaum noch ein Normalbürger sagen, was am Geschehen real bzw. ein chaotischer Ablauf ist oder mittels Instrumentarien gesteuert wird. All dies trifft auf eine Gesellschaft und politische Struktur, die nicht mal ansatzweise darauf vorbereitet ist.

Aktuell ist ein beinahe als Amoklauf zu bezeichnendes Verhalten der als konservativ betrachteten politischen Kräfte zu beobachten. Kein hingeworfener Brotkrumen ist ihnen zu vergammelt, um ihn nicht aufzugreifen und in eine desaströse Kampagne einzubauen. Es geht nicht um konstruktive Opposition, sondern ums primitive Zerstören des politischen Gegners, um die Macht zu übernehmen. Wenn dies erfolgreich passiert ist, kann man sich immer noch dem eigentlichen Gegner zuwenden, nämlich Angreifern, wie aktuell dem faschistischen Diktator Putin. Ein äußerst gewagtes Spiel, mit einem unkalkulierbaren Ausgang. Putin unternimmt alles, um ein geeintes russisches Volk in einem nationalen Kampf gegen einen Feind zu führen. Jeder Widerstand wird innerhalb des Landes brutal und kompromisslos bekämpft. In der Ukraine setzt er auf Schrecken und Vernichtung, wie es einst ein Franco bei seinem Marsch durch Spanien tat. Parallel zieht er seine Verbündeten zusammen und lässt sie der restlichen Welt ihre militärische Bereitschaft präsentieren. Diesem Gebaren hat die moderne, vermeintliche deutsche Linke nichts entgegenzusetzen. Mit Vernunft, Verstand, der Erkenntnis, dass Krieg immer in eine Katastrophe führt, ist der ausgeklügelten Vorgehensweise des Faschismus nicht beizukommen. Allein schon deshalb nicht, weil sie ehemals genau hierfür, zur Überwindung des als schwächlich empfundenen intellektuellen Weges entwickelt wurden. Mussolini, der Namensgeber des Faschismus, kam anfangs aus dem anarchistischen, sozialistischen Lager. Er hatte Ideen und Ziele, bei denen er dachte, sie mit diesen Ansätzen umsetzen zu können. Als er merkte, dass dies nicht funktionierte, entwickelte er neue. Nämlich welche, die beides überwinden sollten: Den Kapitalismus, wie er ihn kennenlernte und die Ansätze, welche seiner Auffassung nach, der Überwindung im Wege standen. Das Individuum mag zufrieden, frei und glücklich sein, aber nur eine geschlossene, wie eine Maschine funktionierende Gesellschaft ist in der Lage, andere Nationen niederzuringen. In einer Weltlage, die sich dahingehend entwickelt, dass bei unverändertem Vorgehen der Menschheit, die Ressourcen verknappen, große Regionen des Planeten unbewohnbar werden, nahezu alles, was das Leben überhaupt ermöglicht, zur Mangelware wird, um die man kämpfen muss, ist dies zumindest eine Option. Rette sich, wer kann, und zwar mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.
Der andere Ansatz wäre die theoretisch machbare Einigung aller Völker, welche dann an einem Strang ziehen. Dem stehen viele Hindernisse entgegen, an deren Beseitigung wenige glauben und vermutlich in großer Zahl nicht einmal interessiert sind. Am Ende sitzen doch alle auf ihrem Affenfelsen.

Das Bittere an allem ist der sich abzeichnende Ausgang einer langen Geschichte. Vom Verstand und der Vernunft her, mit all den technischen Möglichkeiten, dem kollektiven Wissen der Menschheit, wäre ein friedliches Zusammenleben und die Lösung der entstandenen Probleme durchaus machbar. Dass es nicht geschieht, liegt an den Kräften, Eigenarten, die dagegen wirken. Es ist die Geschichte, die Menschen schon seit langer Zeit in Erzählungen verpacken. Gott gegen den Teufel, Buddha gegen Mara, Himmel oder Hölle, Erleuchtung oder fortwährendes Leiden. Habgier, Hybris, Übermaß, gegen Einklang, Harmonie, Fortbestand, Frieden, Freiheit. Und daran hat jeder Einzelne einen Anteil. Hass, Gewalt, Gier, setzen sich über Wechselwirkungen genauso fort, wie Liebe, Genügsamkeit, Respekt gegenüber allen Lebewesen. Es ist eine Frage der Struktur. Wird sie so gestaltet, dass sie dem einen oder eben dem anderen Verhalten Vorschub leistet. Wir haben uns in großen Teilen der Welt für eine Struktur entschieden, die den zerstörerischen Faktoren entgegenkommt.

Ein erster kleiner Schritt wäre der Versuch einer Einigung, die auf Verstand, Vernunft, ethischen Betrachtungen und Übereinkünften basiert. Manche Denker der Vergangenheit stellten die These auf, dass eines Tages der Wohlstand dies möglich machen würde. Noch in den 70ern sahen sie eine Zukunft, in der selbst die damals die ärmsten Länder ein Level erreichen, auf dem alle genug zu essen bekommen, medizinisch versorgt sind und ein Auskommen ohne luxuriöse Spitzen haben. Als größte Gefahr sahen sie einen atomaren Krieg zwischen den Großmächten. 2022 wissen wir, dass sie sich irrten. Der materielle Wohlstand entwickelte sich partiell, um dann in einen Überfluss überzugehen, der auf Kosten der innerhalb der Kolonialzeit materiell und sozial ruinierten Länder ging. Jetzt, in einer Zeit, wo der Überfluss in Gefahr gerät, steigt exponentiell die Gefahr eines Atomkriegs.
Deutschland ist neben anderen Ländern, eins der Überflussländer, die auf Kosten der anderen leben. Den alten Theorien nach, hätte es die Chance gegeben, befreit von Not und Elend, eine innere Einigkeit, Gerechtigkeit und neue Modelle zu entwickeln.

Leider widerlegt die Realität diese Theorien. Ein Umstand, den sich die andere Seite zunutze macht. Innerhalb des Wohlstands besteht ein Ranking. Unbenommen lebt ein finanziell schlecht bedachtes Gesellschaftsmitglied in Deutschland immer noch auf einem deutlich höheren Niveau, als beispielsweise auf dem russischen Land. Wenige leben in absoluter Dekadenz und verfügen über finanzielle und materielle Werte, die alles übersteigen. Die Masse befindet sich innerhalb eines Intervalls irgendwo dazwischen. Innerhalb der Struktur ist alles auf das Finanzielle und das Materielle ausgerichtet. Es stellt sich damit nicht die Frage, ob die mit dem Übermaß glücklich und zufrieden sind oder wenigstens eine in sich ruhende gesunde Persönlichkeitsstruktur aufweisen. Auf der Ebene darunter wird argwöhnisch nach links und rechts geschaut. Wer hat mehr Krumen bekommen? Warum? Wie kann man selbst an mehr herankommen? Ganz unten herrscht das vor, was schon immer existierte. Alles ist auf den Kampf ums Überleben ausgerichtet. Da bleibt keine Zeit für philosophische Überlegungen, wie die Struktur aussieht. “Erst kommt das Fressen, dann die Moral.” Aus alledem ergeben sich Spannungen, negative Konflikte, Unzufriedenheiten, Frustrationen. Ein Eldorado für PR Spezialisten, Nachrichtendienstler, feindliche Agenten, Angreifer, usw.

Bedauerlicherweise ist in der Struktur auch festgelegt, welche Charaktere, Ideen, Anschauungen, sich bis nach oben durchsetzen und so die Macht innehaben. Das Eine bedingt das Andere. Als Helmut Kohl sich anschickte, die politische Macht zu übernehmen, schlicht, weil er nach ihr gierte und nicht, weil er andere politische Ideen zur progressiven politischen Entwicklung Deutschlands hatte, wurde Herbert Wehner zum Propheten. Er sah eine neue Zeit anbrechen, in der Politiker*innen um jeden Preis die Machtübernahme anstreben und die politischen Ziele sekundär werden. Primär wäre aktuell eine Einigung, das gemeinsame Entwickeln von Strategien und Taktiken notwendig. Hierfür müssten Machtinhaber*innen sich nicht als alleinige Ausführer sehen, sondern vielmehr zu Koordinatoren werden und diejenigen, welche bisher gierig nach der Macht griffen, müssten sich besinnen, um eine Mitarbeit an Lösungswegen zu ermöglichen.

Dass die deutsche Politik dies seit einigen Jahren nicht mehr vermag, ist einem Putin mit dem ihm zur Verfügung stehenden Geheimdienst besser bekannt, als irgendeinem Mitarbeiter des BND oder BfV. Ich will mir gar nicht vorstellen, wo die überall ihre Leute installiert haben. Immerhin ergaben sich allein aus dem Niedergang der DDR jede Menge freie Leute, die man übernehmen konnte. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich dies gegenüber den “Five Eyes” als echter Vorteil erwies. Das Mittel schlechthin, welches die Struktur anbietet, die wirtschaftlichen Sanktionen, wirkt unangenehm zweiseitig. Am Ende stellt sich die Frage, wer die entstehenden Schmerzen besser aushalten kann. Der Westen, hier Deutschland, oder auf der anderen Seite Russland und Verbündete. Die breite Masse der Deutschen kann schon lange nicht mehr so klaglos Mangel ertragen, wie es die auf der anderen Seite seit Jahrzehnten tun. Die Zeiten nach dem Krieg, die Berliner Blockade, sind lange vorbei. Mir drängt sich dabei das Bild eines Boxers auf, der seine Gagen verkokst, verfressen und versoffen hat und noch einmal in den Ring steigen will.

Ob es nun in den vergangenen Tagen diese “Winnetou” – Nummer, insbesondere die infantilen Reaktionen der Konservativen und des Bürgertums waren, oder es um die ursprünglich seitens Russlands gestartete Kampagne gegen Baerbock, die PR-Kampagne der Atom-Lobby oder der aktuell innerhalb der Struktur zu erwartende sprunghafte Anstieg der Benzin-Preise ist, den sich die russische Propaganda nicht entgehen lassen wird, alles gehört mit zum Krieg. Wobei sich vermutlich noch nicht alle Teilnehmer offen gezeigt haben. Ein wenig beschämend ist die grenzenlose Naivität, mit der wir noch durch die Gegend tappen und vor allem, wie sehr sich die deutsche politische Elite willfährig am Nasenring herumführen lässt. Es scheint beinahe, als wenn die UNION plant, aus dem Desaster als autoritäre Kraft hervorzugehen, um dann endlich unter ihrer Führung die lang geplante Konservative Revolution umzusetzen, nach deren Vollendung sich Deutschland in den national geeinten Kampf ums Überleben in der Klimakrise stürzen kann. Dumm gelaufen ist alles, wenn sich einige Hacker in die Infrastruktur einklinken, ein AKW an die Wand fahren, Blackouts inszenieren oder einige Chemie-Unfälle in die Wege leiten. Spielarten gibt es da viele. Und Dank der UNION und FDP wird sich daran auch wenig ändern.

Dem Beobachter ohne Einfluss bleibt nur das Zusehen oder sich rechtzeitig auf eine Flucht vorzubereiten. Ich entsinne mich, dass ich dieses Szenario bereits einmal mit Freunden zum Ende der 80er hin durchspielte. Wohin? Es ergab sich schnell, dass es weniger die Suche nach einem angenehmen politischen System, sondern eine rein geostrategische Überlegung ist. Wo sind welche Militärbasen? Welche Länder können nur mit einer technisierten Infrastruktur existieren? Welche sind aufgrund ihrer Einfachheit uninteressant? Wie sind die zu erwartenden Klimaverhältnisse unter Einbeziehung der anstehenden Veränderungen? Da bleiben nicht allzu viele übrig. Bei den meisten handelt es sich um Inseln in geschützter Lage und ausreichend hohen Flächen, die nicht überflutet werden. Wie auch immer, irgendwie muss man sich derzeit entscheiden. Entweder platzt einem beim Zusehen der Kragen oder man nimmt es gelassen. Jeder wurde in die Struktur hineingeboren. Man kann in ihr leben und für sich das Beste herausholen oder man beschließt, sich außerhalb zu bewegen. Sich dagegenzustellen, ist eine blöde Idee. Darauf ist sie vorbereitet. Die Lektion bekam ich im Kleinen. Behörden sind ein perfektes Abbild der Struktur oder vielleicht besser ausgedrückt, ein wesentliches Instrument. In ihr den einen oder anderen Sabotageakt zu vollziehen, ist durchaus machbar. Man kann sich dann kurzfristig daran erfreuen. Ändern wird man damit nichts. Wer sich gegen die Behörde stellt, wird verlieren.

Wie beschrieben muss sich ein Angreifer von außen her nur ansehen, wie sie funktioniert und die Schwachpunkte ermitteln. Nichts anderes tun Hacker. Haben sie den Schwachpunkt gefunden, brechen sie ein und hinterlassen ihre Schadprogramme. Die müssen nicht sofort wirken. Die können auf Eis liegen, bis ein bestimmtes Programm aufgerufen wird oder ein bestimmter Zeitpunkt gekommen ist. Zum Beispiel sind sogenannte Schläfer nichts anderes. Im Hintergrund wissen Taktiker genau, wie sie deren Identitäten anzulegen haben, damit sie an der angestrebten Stelle in der Struktur landen. Auf einem anderen Gebiet arbeitet die Kriminalpolizei nach dem gleichen Prinzip. Kriminelle Strukturen analysieren, Schwachpunkte ermitteln, Leute in Stellung bringen, infiltrieren, zuschlagen. Rennen in der Struktur lauter Typen herum, die sich eifersüchtig nicht den Schmutz unter den Fingernägeln gönnen, Narzissten, schwache Persönlichkeiten, die nach jeder Anerkennung heischen, Frustrierte, Gierige, ist es ein einfaches Spiel. Und sei eine Struktur noch so abgeschottet und dicht, irgendwann braucht sie etwas von außerhalb. Dienstleistungen, Material, Personal, Nachwuchs, Fachleute, all dies sind Einfallstore.
Tja, diese Erfahrungen lege ich auf das Bild, welches gerade Deutschland abgibt. Wirklich kompliziert erscheint mir der Job der feindlichen Dienste derzeit nicht. Zumindest in der Politik, war das bis in die 70er hinein, noch eine große Kunst. Doch selbst unter den erschwerten Bedingungen leistete das MfS ganze Arbeit. Wie Markus “Mischa” Wolf später einräumte, ein wenig zu gut. Die Installation des Kanzlerspions war ein zu großes Risiko, weil die Gefahr bestand, genau die Falschen zu destabilisieren. Am Ende ging der Schuss nach hinten los. Der FSB, nunmehr unter national-faschistischer Führung, muss sich diese Frage nicht mehr stellen. Die progressiven Kräfte haben europaweit ohnehin schon verloren und diejenigen, welche auf Konfrontation gehen wollen, sind angreifbar bzw. brauchen nur ein wenig Unterstützung, damit sie alles zerlegen können. Gewinnen wird keiner. Letztlich gehen alle gemeinsam in den Abgrund. Ich persönlich gehe davon aus, dass wir im Spätsommer 2023 deutlich klarer erkennen können, wo die Reise hingeht. Wer davon ausgeht, dass ein von Russland verlorener Ukraine-Krieg unter Umständen alles zum Guten wenden wird, verrechnet sich meiner Auffassung nach gründlich. Dann geht es erst richtig los. Vernunft, Verstand, die Entwicklung der Menschen zu etwas, was mit dem natürlichen System kompatibel ist, hat bereits jetzt verloren. Dies zeigte uns der Kalte Krieg. Ab jetzt wird alles dem Konflikt untergeordnet, da ist kein Platz mehr für Ökologie, Transformation, Umdenken. Putin und andere kamen zur Auffassung, dass sich dieses Thema ohnehin erledigt hatte und beschlossen zu handeln. Einer von ihnen musste den Anfang machen.

April 19 2022

Pazifismus

Lesedauer 13 Minuten„Der klügste Krieger ist der, der niemals kämpfen muss.“

Sun Zi
Chinesischer General, vermutl. 543 v. Chr. – 495 v. Chr.

Eine Weltanschauung, wie der Pazifismus, hat derzeit keinen leichten Stand. Da hilft es es auch nicht, wenn die Christen zu Ostern die Auferstehung eines Heilands oder den Sohn Gottes feiern. Wobei sich in den letzten Tagen wieder einmal zeigte, wie wenig Christen ihre eigene Religion verstehen. Sich Gott als eine Figur vorzustellen, daraus einen Mann, einen Vater zu machen, am besten noch als einen alten Mann mit weißen Haaren und dann darüber auch noch eine Gender-Diskussion anzustreben, ist freundlich ausgedrückt ziemlich simpel. Auf diese Art brachte man damals seitens der katholischen Kirche dem einfachen Volk die christliche Weltanschauung bei. Gott ist abstrakt, ein Neutrum und Sohn bedeutet im eigentlichen Sinne, dass sich das Abstrakte in Menschengestalt manifestierte. Michelangelo war ein Genie, aber bei den Bildern im Kopf, auch Kind seiner Zeit. Dieser Exkurs nur am Rande zur Darstellung, wo sich Teile der Gesellschaft derzeit befinden.

Das dialektische Gegenteil oder auch Antonym des Pazifismus ist der Bellizismus. Einmal die Ablehnung des Krieges und auf der anderen Seite die Befürwortung. Die vollkommene Ablehnung von Gewalt, auch in einer Notwehr – oder Nothilfesituation, ist eine Spielart des Pazifismus. Wie immer, wenn Gedankengänge unter einem einzigen Begriff zusammengefasst werden, wird es unscharf. Also worum geht es denn eigentlich?
Seit tausenden von Jahren machen sich Menschen Gedanken über Krieg und Gewalt. Lao Tze soll beispielsweise gesagt haben: “Ich kann nicht viel voraussagen, aber wer die Gewalt bevorzugt, wird eines gewalttätigen Todes sterben.” Ich bleibe an der Stelle die Quelle schuldig. Es steht irgendwo im “Tao des Lebens”. Er und diverse andere, inklusive Buddha und Konfuzius, wiesen stets auf die Wechselwirkung hin. Bin ich gewalttätig, löse ich weitere Gewalt aus. Das ist logisch nachvollziehbar und bedeutet in der Konsequenz, dass ich für den Fall, dass ich keine Gewalt haben will, selbst keine ausüben darf. In einem idealen theoretischen Gedankenmodell, endet die Gewalt, wenn sich alle daran halten. Nicht mehr oder weniger besagt der Pazifismus. Fraglich ist, wie ich mich verhalte, wenn ich angegriffen werde, also ein anderer die Wechselwirkung nicht berücksichtigt. Selbst Sun Zi, der General und Schöpfer des Werks “Die Kunst des Krieges” hatte einen gesunden Respekt davor. Doch er sah auch die Notwendigkeit, unter Umständen in den Krieg zu ziehen.

Folge ich der Logik, erfolgt durch die Wechselwirkung weitere Gewalt. Nehme ich mir einen gedanklichen Nullpunkt, startet die Gewalt also nicht mit dem Pazifismus, sondern mit dem Bellizismus. Es ist ein sich verzweigendes Ablaufdiagramm, bei dem an der obersten Position zwei Entscheidungen möglich sind. Entscheide ich mich zusammen mit allen anderen für den Pazifismus, endet damit auch schon alles und jeder lebt in Frieden. Der Bellizismus wird sich über eine lange Strecke nach unten weiter verzweigen. Demnach kann der Pazifismus bis hierin für friedliebende Menschen die einzig richtige Entscheidung sein. Aber verpflichtet mich diese Haltung zum Verzicht auf eine Gegenwehr?

In jeder Religion stößt man dabei schnell auf Widersprüche. Zum Beispiel ist für Buddhisten das jetzt geführte Leben lediglich eine Art Episode, somit eine flüchtige Begebenheit innerhalb eines größeren Zusammenhangs, innerhalb derer, wie auch in allen anderen vorhergehenden und noch kommenden, das Karma geformt wird. Solange, bis man es salopp gesagt: Endlich verstanden hat! Jeder kennt die sagenhaften Kampfkünste der Shaolin. Alles was sie tun ist auf Verteidigung ausgerichtet. Sie haben nicht die Ursache gesetzt, aber sind durchaus in der Lage sich zu verteidigen. Doch wäre es nicht konsequent für das eigene Karma auf eine Gewaltanwendung, zu verzichten, um dann in der nächsten “Episode” auf einem neuen höheren Level, weiterzumachen?
Im christlichen Glauben sieht es nicht viel anders aus. Einerseits soll man nicht töten und im Zweifel die andere Wange hinhalten, andererseits ist die Rede von Auge um Auge, Zahn um Zahn. Im alten Testament ist eine Menge legitime Gewalt geschildert. Hauptsache, Gott hatte sie irgendjemand befohlen. Dann ging es immer richtig zur Sache. An sich eine schlüssige Konzeption. Was man auch bei ein paar tausend Jahren Entwicklungszeit erwarten darf. Töte ich konsequent alle, die sich nicht an die Vorgabe Pazifismus halten, setze ich alles wieder auf Null. Sollte ich es als Laie in Sachen Christentum richtig verstanden haben, läuft es in der Bibel darauf immer hinaus. Beim Propheten Hesekiel spricht Gott von all dem Gräuel und fordert, dass alle, die damit ein Problem haben, gekennzeichnet werden sollen und alle ohne Zeichen im Nachgang erwürgt werden müssen. Warum nicht alles belassen, wie es ist und den Job Satan in der Hölle überlassen. Ja, ich weiß, die Hölle ist eine recht späte Erfindung des Christentums und der Teufel, Luzifer, der gefallene Engel, noch später. Wie einfach hatten es da doch die Wikinger? Ein ordentlicher Tod im Kampf war eine gute Sache. Die Griechen setzten auf die Nachkommen. Bei der Erzählung über die Irrfahrten des Odysseus tröstet Achilles den Helden in der Unterwelt mit dem Hinweis, dass die Lebenden respektvoll über ihn sprechen. All dies scheinen mir Ideen von Typen zu sein, die irgendwie den Krieg, den keiner wirklich wollte, schmackhaft zu machen. Da fand ich die Episode bei Sketch History, in der Alexander der Große versucht seine Armee zu motivieren, während die nicht so richtig wollen, ziemlich amüsant. Machen wir uns nichts vor, wenn um Dich herum die ersten Leichen verwesen, Leute mit heraushängenden Gedärmen unter Stöhnen verrecken, gehen Achilles die Argumente aus.

Ich habe mir zu diesen Ungereimtheiten meine eigene These zu Recht gelegt. Buddha soll zu seinen Schülern gesagt haben, dass sie die Letzten wären, welche seine tatsächlichen Worte zu hören bekommen. Später werden sie aufgeschrieben werden und jeder fügt seine Interpretation hinzu oder ergänzt im eigenen Sinne. Selbst wenn er es nicht gesagt haben sollte, hat der Urheber dieser Worte Wahres gesprochen. Immer, wenn etwas nicht mit der Grundidee zusammen passen will, besteht der Verdacht einer nachträglichen Änderung. Selbst Buddha, der Lehrer, war nicht frei von Zwängen. In einem hinduistisch geprägten Gesellschaftsgefüge radikal alles auf den Kopf zu stellen, wäre äußerst unklug gewesen. Seine Botschaften wären in Empörung untergegangen.

Die Nummer mit dem Sterben, vor allem im Krieg, und den Religionen ist ohnehin eine eher zweifelhafte Angelegenheit. Wenn es mir zu Lebzeiten dreckig geht, alldieweil sich eine wenige ein gutes Leben gönnen und dafür über Leichen gehen, wird mir unterdessen eine bessere Zukunft im Jenseits vorausgesagt, während der sündige “Brutalinski” oder “Despot”, nach seinem Tod in der Hölle schmort, riecht verdächtig nach einer Konstruktion, die von Typen erfunden wurde, welche zu Lebzeiten unbehelligt andere ausbeuten wollten. Im Ursprung nachvollziehbar. Wenn ich als Sklave (Hebräer/Ägypten) geboren werde, brauche ich irgendetwas, woran ich mich hochziehen kann. Später kam dies einigen sehr entgegen (Absolutismus/Katholische Kirche).
Der Buddhismus erscheint einem auch erstmal ziemlich suspekt. Nichts zu besitzen, soll besser sein als Reichtum? Klingt erst einmal nach Christian Lindner & Friends, weil sie damit dem unvermögenden Pöbel die Lebenssituation attraktiv machen wollen, während sie sich mit kreativen Wirtschaftsmodellen bedienen. Wenn man etwas tiefer einsteigt, wird es logisch. An vergänglichen Dingen festzuhalten und das Leben an ihnen auszurichten, führt zwingend zu einer Frustration (Leid), die spätestens mit der konkreten Erkenntnis, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, eintritt.
Hinzu kommt, dass viele Kulturen in Abwandlungen die Weisheit “Wer Wind sät, wird Sturm ernten!”, kennen. In Asien heißt es: “Wer einen Mangobaum pflanzt, darf keine Bananenstauden erwarten.”

Der Übeltäter mag ja glücklich sein, solange er nicht erntet, was er gesät hat, aber sobald es ans Ernten geht, übermannt ihn der Kummer. Der Gute mag ja leiden, solange er nicht erntet, was er gesät hat, aber sobald es ans Ernten geht, übermannt ihn die Freude.
buddha mudra mara
Siddhartha Gautama, Buddha
Aus dem Dhammapada

Voreilig auf Pazifisten zu schimpfen ist demnach ein unüberlegter Schnellschuss aus der Hüfte. Spirituell wird es zu einer ziemlich komplizierten Angelegenheit. Zu welcher Überzeugung kommt man? Einen feuchten Dreck darauf, wenn mich jemand tötet? Wir werden sehen, was danach passiert? Hat jemand mit einer spirituellen Einstellung, jenseits der Griechen, Römer, Wikinger u.a., auf das richtige Pferd gesetzt, ist Putin sozusagen richtig am Arsch. Entweder hat er in der nächsten Episode innerhalb des Universums eine richtig miese Zeit oder in der Vorstellung eines Hieronymus Bosch, eine sehr lange BDSM-Nummer vor sich, die ihm wenig Spaß bereiten wird.

Im  Krieg zu sterben, gewalttätig, vor Ablauf der natürlichen/schicksalhaften Ablaufzeit, kommt immer mit der Erklärung eines Sinns daher. Auch eins dieser Wörter, mit denen ich ein wenig hadere. Im Besonderen gilt dies für den Sinn des Lebens. Wer soll darüber bestimmen, was einen Sinn stiftet und was nicht? Und wird meine Existenz sinnlos, wenn ich mit meinem Leben nicht den Vorgaben entspreche? Ein wenig griffiger ist der Zweck. So oder so müssen Kriege seitens desjenigen, welcher in den Krieg ziehen will, begründet werden. Man stirbt für die Freiheit, um einen oder eine Wahn|sinnige zu stoppen, einen Irr|sinn zu beenden oder das eigene Volk gegenüber einem anderen Volk zu verteidigen (anders: eine Gemeinschaft von x-Mitgliedern der Spezies Homo sapiens gegen eine andere Gemeinschaft von x-Mitgliedern derselben Spezies). Ganz abstrakt wird es, wenn das Vaterland und Schutz desselben herangezogen wird. Ein Gedankenkonstrukt, welches meiner Auffassung nach, vollkommen daneben ist. Es stammt noch aus der Zeit, in der der besetzte Boden die Einnahmequelle für Klerus und Adelige war. Ob nun durch Zufall oder eine Fügung des Universums in Verbindung mit angenommen inneren Regeln, habe ich mir die Geburt an einer konkreten Stelle des Planeten Erde nicht ausgesucht. Erweitert gesehen, gilt dies auch für den Planeten.

Der Erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen: “Das gehört mir” und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Morde, Kriege, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand seine Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: “Hütet Euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren,
wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemanden gehört.”


Jean-Jaques Rousseau, * 26.6.1772 in Genf; † 2.7.1778
französischsprachiger Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher

Rousseau gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der Französischen Revolution. Heutzutage würden sie ihn als Linksextremisten einordnen. Die “Heilige Schrift” des Kapitalismus, Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, wurde noch zu Lebzeiten Rousseaus von Adam Smith 1776 veröffentlicht. Es ist interessant, wie weit einige am Vorabend der Revolution waren und wem am Ende zugestimmt wurde.

Was scheren mich die Interessen eines Kaisers, Königs, Diktators oder des Managers eines Konzerns? Nehmen wir an, dass der Ukraine-Krieg sich ausweitet und der Dritte Weltkrieg ausbricht, wofür sollte ich kämpfen? Für die Freiheit? Werde ich getötet, hat sich das Thema für mich ultimativ erledigt. Für die Freiheit der anderen? Erstens, was hab ich damit zu tun und zweitens, haben große Teile ohnehin merkwürdige Vorstellungen von Freiheit. Für die Freiheit meiner Nachkommen? OK, da ist eine Klippe. Fraglich ist, ob mein Kampf wirklich zu Freiheit führt oder einfach nur einigen anderen, die auch nichts davon halten, Vorteile verschaffen.

Der Krieg, derzeit noch in der Ukraine, bringt existenzielle Fragen mit sich. Wir schauen auf einen Diktator mit imperialistischen Ideen. Ein Thema, das nie vom Tisch war. Nicht nur Putin trauert einem Imperium nach. Konservative Briten sind traurig, die Franzosen ebenso, mongolische Rockbands sinnieren in Texten darüber, was eigentlich schiefgelaufen ist, Chinesen aus der politischen Führung hätten gern ihr altes Reich in Gänze zurück, die USA, ehemals selbst Kolonie, würden gern, wenn es nach den Republikanern geht, ihren Großmacht-Status behalten, die Türken, insofern sie Anhänger von Erdogan sind, trauern ebenfalls, und bei einigen Deutschen bin ich mir nicht sicher. Zumindest bin ich mir nicht klar darüber, ob es eine gute Idee anderer europäischer Staaten ist, von Deutschland eine Führungsrolle einzufordern. Von der grundlegenden Mentalität her können wir das. Allein schon sprachlich und via Sprachmelodie (Schwaben ausgenommen) sind wir militärisch klar im Vorteil. In keiner anderen europäischen Sprache klingen Befehle so überzeugend, wie auf Deutsch. Aber gleichzeitig ist Deutsch eine sehr präzise Sprache. Was einem bei Befehlen entgegenkommt. Paradox ist dabei, dass sie damit auch der Philosophie zuträglich ist.

Imperialismus ist aktuell eine durchaus nachvollziehbare Idee. Die Ressourcen werden knapp, der Hunger nach Energie steigt ins Unermessliche und um innerhalb der sich abzeichnenden Klimakatastrophe überlebensfähig zu bleiben, braucht es Technologie, Rohstoffe, Energie und profane Landgebiete, die entweder ausgebeutet werden können oder sichere Transportwege für kostbare Güter gewährleisten. Die Alternative wäre eine sich einig werdende Weltgemeinschaft. Ich nehme an, den Glauben haben nahezu alle aufgegeben. Allerdings muss ich für mich sagen, dass ich hierfür tatsächlich zur Waffe greifen würde. Für das, was sich aktuell abzeichnet, eher nicht.

Ferndiagnosen funktionieren in der Regel nicht. Aber man kann es trotzdem versuchen. Zumindest ist es nicht verboten. Putin ist ein Mensch mit einem Großhirn. Also, was geht da vor? Pazifist ist er schon einmal nicht. Die Antwort hat er gegeben. Ich denke, er glaubt an eine globale Lösung so wenig wie ich. Ich gehe davon aus, weil er ein intelligenter Mann ist, gibt er nichts auf diese ganzen Klimaleugner. Ist er ein spiritueller Typ? Glaube ich persönlich nicht. Eher sieht er Religionen, spirituelle Betrachtungen als etwas für Leute an, die sich nicht der Lebensrealität stellen wollen. Ich denke, er gibt auch nicht sonderlich viel auf das Leben anderer Menschen. Jeder, der sich zur verfügbaren Masse machen lässt, ist in seinen Augen selbst schuld. Jetzt in diesem Moment habe ich ihn gerade als nackten Mann, ohne all den ganzen Mist, den man ihm unvorsichtig in die Hand gab, vor Augen. Denn das ist Krieg. “Arschloch, Du willst mich umbringen? Zeig mal, was Du drauf hast!” Das ist die Dschungel-Lage! Versuch ich Kontakt aufzunehmen? Werden wir uns irgendwie einig? Oder geht es wirklich nur ums gegenseitige Töten?

Menschen ist in solchen Momenten seit Urzeiten eine Menge durch den Kopf gegangen. Was ist die beste Strategie? Lange, hat bestimmt funktioniert: “Alter, ich will auch nur leben!” An der Front in der Ukraine passiert dies mit Sicherheit auch. Aber nicht bei einem Biden, einem Putin oder einem Xi Ping. Die leben in einer anderen Welt, die ihnen das Großhirn suggeriert. Jeder Schritt nach weiter oben bedeutet mehr Abstand vom anfassbaren Leben. Blut hat einen Geruch, Leben, was aus den Augen weicht, kann man sehen, Schreie kann man nicht ignorieren, den vorwurfsvollen Blick, der bedeutet, was machst Du mit mir, wird man nie wieder los. Es sei denn, man hat zugelassen, dass ein paar Aspekte, die den Menschen ausmachen, abgeschaltet wurden. Aber dann sei die Frage erlaubt, ob man dann noch die Bezeichnung “Mensch” verdient?

Ich persönlich bin dem Bundeskanzler, den ich nicht gewählt habe, für seine als zögerlich betrachtete Haltung dankbar. Eskaliert alles in einen konventionellen Krieg, was nicht realistisch ist, würde er nicht darin kämpfen. Kommt es zu einem nuklearen Krieg, stirbt er ein paar Monate nach dem gemeinen Volk. Steht einem ein Homo sapiens gegenüber, der das Großhirn nicht übermäßig nutzt, ist grundsätzlich der erste Schlag eine gute Idee. Trage ich die Verantwortung für ein ganzes Volk, sollte ich einen Gedanken mehr verschwenden. Denn dann gehen eine Menge Menschen in den Tod, die ich nicht einmal kenne. Putin hat sich von den Möglichkeiten des Homo sapiens verabschiedet. Er wird seine Gründe haben. Spirituell muss ich mir von ihm nicht aufs Auge drücken lassen, wo ich stehe. Dies gilt auch für die Ethik. Hätte ich die Möglichkeit, Gelegenheit und eine 9 mm zur Hand, gäbe es für mich auf seine Person bezogen kein Problem. Aber was kann Andrej, 25 Jahre, russischer Bürger, dafür?

In den letzten Tagen melden sich vehement diejenigen zu Wort, die es angeblich schon immer besser wussten. Putin wäre schon immer ein Potentat, Diktator, Despot, mit imperialistischen Zielen gewesen, und die “Dummen” hätten dies nur nicht erkannt. Es sei ein Fehler gewesen, mit ihm Verträge im Sinne der von Kanzler Schmidt geprägten Worte an Jimmy Carter:  “Wer miteinander Handel treibt, schießt nicht aufeinander!”, einzugehen. Rückblickend sei bereits die Ost-Politik von Kanzler Willy Brandt ein Schritt in die falsche Richtung gewesen.
Allen, die da so reden, unterläuft ein Gedankenfehler. Zu jeder Entscheidung gibt es sogenannte alternative Pfade. [1]Rolf Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens, 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen, dtv-Verlag, 2014, S.57, der Rückschaufehler, engl. hindsight bias Niemand kann auch nur ansatzweise mit Sicherheit sagen, wohin andere Entscheidungen geführt hätten bzw. wohin die alternativen Pfade geführt hätten. Die Kritiker setzen sich rückwärtig in die Position eines perfekten Prognostikers oder Propheten. Die damaligen Entscheidungen waren getragen von der Hoffnung, dass sie Gutes bewirken und schlechte Verläufe, wie einen erneuten Krieg, verhindern. Keiner kann sagen, ob andere Optionen nicht bereits vor 20 Jahren in einem Weltkrieg gemündet wären. Unter Umständen hätte es keine Wiedervereinigung gegeben? Oder die Wirtschaft hätte sich vollkommen anderes entwickelt. Die einzige existente Realität findet jetzt in diesem Moment statt. Selbstredend gilt dies für ebenfalls für die NATO-OST Erweiterung und die damit in Verbindung stehenden Verträge. 

Aus guten Gründen lassen sich Zukunftsforscher und ganz nebenbei auch gute Einsatzleiter nicht auf Prognosen ein, sondern Szenarien, in denen die wahrscheinlichsten Ergebnisse aufgestellt werden. Für den Ukraine-Krieg habe ich dazu auf der Seite des stark von der Spieltheorie geprägten Zukunftsinstituts 8 mögliche Szenarien gefunden. [2] Future War: 8 Szenarios über den Ausgang eines unvorhersehbaren Krieges, https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/szenarien-ukraine-krieg-matthias-horx/ , . Interessant ist dabei, dass im Netzwerk des Instituts Prof. Christian Riek mitwirkt, dessen YouTube-Channel “Spieltheorie” ich in meiner Link-Liste habe. [3]https://www.youtube.com/channel/UCSExr_QUT6h-4sGW5hGjrCA Vor dem Ukraine-Krieg kam er zum Ergebnis, dass Putin den Krieg nicht führen wird, weil der Krieg ein “dummer” Spielzug ist. Allerdings wurde er damit nicht zum Scharlatan, da er immer wieder betont keine Prognosen zu erstellen, sondern Szenarien analysiert.

Im März analysierte er die öffentlich übelst bepöbelte Aussage des Philosophen Precht, in der er die Aufgabe der Ukraine als eine Option darstellte. Es ist und bleibt ein denkbares Szenario. Aber rational ist es nur bei zwei Annahmen zu favorisieren. 1. Russland gewinnt auf kurz oder lang den Krieg. 2. Bei einer Kapitulation lässt Putin die Bevölkerung in Ruhe. Im Falle eines sich anschließenden Terrorregimes (wovon ich persönlich ausgehe), scheidet die Kapitulation aus.

In die Kategorie Denkfehler fällt für mich auch die Aussage, dass “Schwere Waffen” zu einer Provokation führen, die Putin zum Anlass für einen Atomschlag nehmen könnte. Nicht seine Gegner bestimmen, was eine Provokation ist, sondern er ganz alleine. Fraglich ist, wie er sie anderen in seinem Umfeld überzeugend verkauft. Ob ein Justizminister Buschmann, FDP nach rechtlicher Prüfung meint, dass die Lieferung der Waffen völkerrechtlich gedeckt ist oder nicht, geht einem Putin am bekannten Allerwertesten vorbei. Wie seine Haltung zu Völkerrecht ist, hat er brachial bewiesen. Zumindest ist zu Bedenken, dass die Lieferung als ein möglicher Anlass geeignet ist. Allerdings kann genauso gut angenommen werden, dass Putins Masterplan ohnehin die Eskalation in einen Atomkrieg ist oder blufft. Wir wissen es nicht.

Das Gebaren einiger Politiker finde ich nicht sonderlich hilfreich. Die Situation ist kein Brettspiel zur Unterhaltung gelangweilter Vorstädter in Einfamilienhäusern. Überall läuft alles auf Hochtouren. Die Nachrichtendienste, ihre Berichterstatter, Analysten, arbeiten Rund-um-Uhr. Ein Heer von hoch qualifizierten Beratern aus den militärischen Bereichen, den Think-Tanks, erarbeiten verschiedene Szenarien und versuchen zu ermitteln, wie man hierauf am erfolgreichsten reagieren kann. Wer glaubt, dass ein Kanzler oder andere Regierungsführer einsam und alleine ihre Ideen umsetzen, ist naiv. Dem normalen Volk sei dies zugestanden, aber nicht Politikern und schon gar nicht, die Manipulation für irgendwelche Machtspielchen. Keiner von den Gegnern Putins ruft ihn einfach mal an und reist ohne Absprachen nach Russland. Gleichsam trifft Deutschland die Entscheidung über die schweren Waffen nicht ohne Absprache mit den NATO-Partnern. Was wäre, wenn die für den Fall eines Übergriffs auf andere Staaten in den Vorhalt genommen werden? Jeder, der mal in einem Führungsgeschehen involviert war, weiß um die Rollenverteilungen. Eine pöbelt, ein anderer macht auf verbindlich, die nächste gibt die Verständnisvolle, alles orchestriert für ein gemeinsames Ziel. Wenn Scholz weniger Präsenz zeigt, wird dies Gründe haben.

Ich habe bei Putin einen Eindruck, der den Pazifismus gegenstandslos werden lässt. In meinen Augen ist er kein politisch denkender Mann, sondern mich erinnert er an einen Schwerkriminellen. Was wäre zum Beispiel, wenn er tatsächlich Anschläge initiierte, bei denen russische Bürger starben und die dann den Tschetschenen untergeschoben wurden? Was, wenn die Welt es bei Putin mit einem Psychopathen zu tun hat, der keinerlei Skrupel, Hemmungen oder irgendetwas in dieser Richtung empfindet? Da bleibt jedem von uns nur noch die spirituelle Sicht und die sich daraus ergebende Frage: Was lade ich auf mich, wenn ich töte?
Einem Politiker kann man mit Geld, Staatsbankrott, die Aussicht auf die Vernichtung des eigenen Volkes kommen. Doch was war z.B. mit Adolf Hitler? Der war vom Volk enttäuscht und kam zum Ergebnis, dass es dann auch keine Überlebensberechtigung hat. Es sind keine einfachen Zeiten angebrochen. Am Ende bleibt dem “normalen” Menschen nur das hilflose Zusehen und darauf zu hoffen, dass nicht das 8te Szenario [4]Das Ende der Welt oder: Das UnvorstellbareEin lang anhaltender Mehrfrontenkrieg bricht aus, der sich atomar hochschaukelt.Große Teile des eurasischen Kontinents und Amerikas werden … Continue reading eintritt.
Zumindest sollte man dies berücksichtigen.

Quellen/Fußnoten

Quellen/Fußnoten
1 Rolf Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens, 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen, dtv-Verlag, 2014, S.57, der Rückschaufehler, engl. hindsight bias
2 Future War: 8 Szenarios über den Ausgang eines unvorhersehbaren Krieges, https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/szenarien-ukraine-krieg-matthias-horx/ ,
3 https://www.youtube.com/channel/UCSExr_QUT6h-4sGW5hGjrCA
4 Das Ende der Welt oder: Das Unvorstellbare
Ein lang anhaltender Mehrfrontenkrieg bricht aus, der sich atomar hochschaukelt.
Große Teile des eurasischen Kontinents und Amerikas werden verwüstet,
200 Millionen Menschen sterben sofort, weitere 300 Millionen an Hunger
und den Folgeschäden. Trotzdem stirbt die Menschheit nicht aus, Afrika
und Südamerika, China sowie die pazifischen Räume sind weitgehend
verschont geblieben. Im Jahr 2035 eröffnet Elon Musk die erste Aussiedler-Stadt auf dem Mars mit dem Namen Newkrainehttps://www.zukunftsinstitut.de/artikel/szenarien-ukraine-krieg-matthias-horx/ , abgerufen am 19.4.2022, 23:00 Uhr
Oktober 22 2021

Die Freischärler der Konservativen Revolution – The Republic

Lesedauer 7 MinutenVorab eine Anmerkung zum Titel. Im Gegensatz zum CSU – Mitglied Alexander Dobrindt bin ich mir der Bedeutung des Begriffs u. des historischen Hintergrunds der Konservativen Revolution durchaus bewusst. (siehe auch hierzu ein umfassendes Essay von Thomas Meyer beim Deutschland Funk,2018) Meyer beendet sein verlinktes Essay mit:

“… Es wird schwierig werden, sehr schwierig sogar, soviel sollte klargeworden sein. Man sollte sich keinen Illusionen hingeben: Die Bewährungsprobe des demokratischen Deutschlands kommt noch!”

Hierbei stimme ich ihm in Gänze zu.

Armin Petschner-Multari gründete kürzlich die Plattform “The Republic” mit dem Ziel eine “konservative Gegenbewegung” zu initiieren. In der Stuttgarter Zeitung ist hierzu am 21.10.21 zu lesen:

Mit seiner Agentur will er nun offenbar etwas mehr Beinfreiheit nutzen um eine Art Gegenöffentlichkeit aufzubauen. „Wir bedienen die Logik der Plattformen, das machen andere auch.“ Also eine Art Guerillatruppe für die C-Parteien? „Wir wollen für konservative Positionen werben, die ein oder andere Schlagzeile produzieren und Debatten für uns entscheiden.“ Viele Unterstützer seien mittelständische Unternehmer, die ihre Sicht zur Sprache kommen lassen wollten. Auch Politiker hätten Unterstützung zugesagt.

Soweit alles in Ordnung. Aber was ist die Logik der Plattformen? Dies lässt sich nur mit einem Blick auf die Seite https://www.therepublic.de/ beantworten. Wäre ich Ausländer, überkäme mich nach einem groben Überblick der Eindruck, dass der sich der deutsche Durchschnittsbürger in einer Defensive befindet, wenn nicht sogar kämpfend auf dem Rückszugsgefecht von der letzten Verteidigungslinie, verzweifelt wartend auf die entsetzenden Truppen, in Gestalt der Plattform, die das Blatt beim Kampf zwischen Gut und Böse im letzten Augenblick wenden. Die Armeen von Mordor, mit Rekrutierten aus allem, was das Böse zu bieten hat, nämlich Umweltaktivisten, Autonomen, GRÜNEN, Sozialdemokraten, Greenpeace, dem “Öffentlich rechtlichen Rundfunk”, Feministen, Gewerkschaften, Minderheitenvertretungen, Gesellschaftskritikern, Künstlern, Literaten, sind auf dem Vormarsch und das letzte Aufgebot der Union schaut besorgt auf das Schlachtfeld. In dieser bedrängten Situation kann man schon mal die Geister der Toten bemühen.

Vor wenigen Tagen schrieb ich einen BLOG – Post zum Thema Zapfenstreich und erwähnte das Zitat aus längst vergangener deutscher Geschichte: “Das Vaterland darf jedes Opfer fordern.”  Auf der Plattform ist es etwas ausformuliert und ausgeschmückt:

Im Gegenteil, die Bundeswehr und so auch jeder einzelne Soldat hat diesem Staat geschworen, treu zu dienen und dessen Recht und Freiheit tapfer zu verteidigen. Dieser Staat, der seine Soldaten ausgeschickt hat, genau das immer wieder zu tun – für das Wohl der Bundesrepublik Deutschland wie selbstverständlich persönliche Belange hinten an zu stellen, die eigene persönliche Unversehrtheit bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens in die Waagschale zu werfen, für die Sicherheit des eigenen Vaterlandes und die seiner Bürger einzutreten, so auch in Afghanistan – muss nun aber auch klar dieser perfiden und anmaßenden Argumentation entgegentreten: Zum Schutz und zur Wiederherstellung der Ehre der Soldaten der Bundeswehr!

Quelle: https://www.therepublic.de/blog/verkommenheit-hat-ein-tolerantes-diverses-und-wokes-gesicht/ 22.10.21/10:26 Uhr

Ich behaupte, dass der Militarismus, die Bundeswehr und ihre Bestimmung,  in Deutschland aus nachvollziehbaren historischen Gründen ein sensibles Thema ist. Normalerweise gehört es zum guten Ton der älteren Generation ein wenig Nachsicht walten zu lassen. Die bisher auf der Plattform aktiven Autoren haben schon ein wenig Abstand zur deutschen Nachkriegsgeneration und erst Recht zur Kriegsgeneration. Andersherum ist es in Deutschland Teil der Verantwortung, die die deutsche Staatsbürgerschaft mit sich bringt, die Erinnerung und die Schlussfolgerungen zweier Weltkriege weiterzugeben. Einfach mal so, völlig undifferenziert und “unverschämt” mit der Kritik umzugehen, geziemt nicht für jemanden mit deutscher Staatsbürgerschaft.

Bis zum 21.10.21 (https://web.archive.org/web/20211021080120/https://www.therepublic.de/blog/verkommenheit-hat-ein-tolerantes-diverses-und-wokes-gesicht/) befand sich auf der Plattform noch ein Absatz mit dem Wortlaut:

Diese Art von fehlender Empathie, der Nichtanerkennung von militärischen Leistungen und Opfern und der mangelnden Bereitschaft sich mit individuellen Schicksalen von Soldaten auseinanderzusetzen, galt bislang nur für die Soldaten der Großvätergeneration und Soldaten der Wehrmacht – einer verratenen Generation, die sich nicht mehr wehren kann. Diese wurde und wird fortgesetzt als Verbrechergeneration verunglimpft und damit jedes institutionelle aber auch individuelle Gedenken vermieden. Neu ist, dass auch pauschal der Bogen der Kritiker bis zu den Soldaten und Opfern der Bundeswehr gezogen wird. Es war schon anmaßend und anrüchig einem 19-jährigen Soldaten, der vor Moskau im Winter 1941 fern der Heimat erfroren ist, dieses Gedenken und die Achtung vor seinem Opfer zu verweigern, dies aber nunmehr auch auf die Soldaten, die im Chara Darah oder in Baghlan für Deutschland gefallen sind, zu übertragen, ist kaum noch aushaltbar!

Am folgenden Tag war er nicht mehr auf der Seite zu finden. Irgendjemand hatte wohl erkannt, dass da dann doch zu viel “Sprengstoff” enthalten war. Allerdings zeigt sich hier deutlich, welches Geisteskind hier am Werk ist. All die differenzierten Debatten über die Rolle der Wehrmacht beim Holocaust und mindestens Zuarbeit an die SS scheint an dem/der Verfasser/in vorbeigegangen zu sein.

Ich will für diese Plattform gar nicht zu viel Zeit verschwenden. Zunächst ist sie eine unter zahlreichen. Angeblich soll mal wieder Friedrich Merz seine Finger mit im Spiel haben. Ein alter Bekannter, wenn es um PR Kampagnen mit fragwürdigen Methoden geht. Besorgniserregend ist etwas ganz anderes.

Zu meiner Grundschulzeit hatten diverse Themen der aktuellen Zeit schlicht keine Relevanz. Ich hatte eine Mitschülerin aus Griechenland, einen Mitschüler aus der Türkei und einen aus Sri Lanka. Unser Umgang miteinander war von gegenseitiger Neugierde geprägt und soweit ich das verfolgen konnte, machte alle ihren Weg, der bei dem einen aus anderen Gründen bereits früh tragisch endete. Die Gnade der Geburt als West – Berliner verschonte einen weitestgehend vor religiösen Auseinandersetzungen. Später gab es unter den meisten eine stille Übereinkunft, der nach alle innerhalb der Einmauerung Lebenden einigermaßen miteinander klarkommen und alles von jenseits der Mauer skeptisch betrachtet wird. Das rechte Spektrum existierte, hatte es aber niemals leicht.

Heute, in einer Gesellschaft, die von vielerlei Nationalitäten, Herkunftsländern, unterschiedlichen Aussehen, diversen Kulturen und Religionen geprägt ist, sieht es anders aus. Neue Aufgabenstellungen erfordern neue Antworten und Lösungen. Es ist eben nicht die seitens der Gestrigen geforderte Gemeinschaft, sondern eine Gesellschaft. Selbst beim Begriff Konservativ bedarf es einer genaueren Betrachtung. Mit der eigentlichen Bedeutung, der Besinnung auf alte Werte ist es nicht getan. Z.B. war das Berlin der 20er – Jahre aufgeschlossen, fortschrittlich und Magnet für Progressive aller Nationen. Es bedarf eines Fixpunktes, auf den man sich bezieht.

Deutschtümliches Einigeln, Nationalismus, das Festhalten an längst überholten Werten, die eher Verirrungen des 20. Jahrhunderts sind, ein Leugnen der Eigenarten, die den Faschismus in Deutschland einen fruchtbaren Boden anboten, gelten allgemein als konservativ, doch wird man den Leuten, die sich an denen orientieren, welchen das vergangene Deutschland stets die kalte Schulter zeigte, nicht gerecht. Dies würde bedeuten, den Philosophen, Intellektuellen, sozialdemokratischen, kommunistischen, anarchistischen Vordenker einer freien Welt, damals avantgardistischen Künstler, des Dadaismus, Kubismus, Ex – u. Impressionismus, posthum nochmals Unrecht anzutun. Außerdem legte man sie auf diese Art ins Grab mit ihren Widersachern und Peinigern. Schlimm genug, wenn moderne faschistoid Denkende, wie Anhänger der AfD, dies mit Heinrich Heine tun, oder Querdenker mit Anne Frank und den Geschwistern Scholl.

Die Welt steht, gerüstet mit alten Werkzeugen, Denkmodellen, vor völlig neuen Aufgaben. So als ständen verzweifelte Techniker vor einem havarierten Reaktor und einige Schlaumeier rufen einen 90 – jährigen Mechaniker für Druckkessel herbei. Das kostet wertvolle Zeit, die niemand hat. Wobei ein Kessel vielleicht gar nicht einmal das falsche Bild ist. Es brodelt gewaltig und der Druck wird höher.

Allzu selten nehmen wir, ich schließe mich dabei ein, die Rolle des neutralen Beobachters oder gern auch Beobachterin, ein. Noam Chomsky nennt dies die Alien – Perspektive. In nahezu allen europäischen Staaten nehmen die Proteste aus allen Richtungen zu. Augenscheinlich sind die politischen Systeme nicht dazu in der Lage befriedigende Antworten zu geben. Es ist der innige Wunsch, dass es möglich ist, mittels parlamentarischer Demokratie eingebettet in eine kapitalistische Weltwirtschaft friedliche Lösungen zu finden, die größt mögliche Freiheiten garantieren. Aber irgendwo scheint der Wurm drin zu sein. Es gilt den Fehler zu lokalisieren.
Besonders in Deutschland ist zu beobachten, dass die Anhänger des “Konservativismus” ab dem Moment Aufwind bekamen, wo den Deutschen langsam ins Bewusstsein rückte, dass die liebgewordenen Annehmlichkeiten des “German Way of Life” in Gefahr geraten.

Aus der anderen Richtung melden sich die zu Wort, die gerade diesen auf den Prüfstein legen.

Du bist jemand, wenn Du einen Arbeitgeber findest, dem Deine Arbeitskraft und Deine erlangten Kompetenzen eine Entlohnung wert sind. Hierfür gehst Du zum Friseur, ziehst Dich “akzeptabel” an und machst ein Foto, welches Dich von Deiner besten Seite zeigt. Hast Du diesen Arbeitgeber gefunden, kannst Du ein eigenständiges Leben führen und Dir Konsumgüter zulegen, die Dir eine gesellschaftliche Anerkennung verschaffen. Im eigentlichen Sinne eigenständig ist das nicht, da es von der Gunst des Arbeitgebers abhängig ist. Wirklich frei auch nicht, weil Du an den Konsum, die Banken und dem Streben nach mehr gebunden bist.

Als Beobachter sehe ich, dass gerade Jüngeren eine vermeintlich selbstverständliche Welt vorgegaukelt wird. Dies und jenes hat man halt als schnödes Mitglied der Gesellschaft. Hast Du es nicht, wird es schleunigst Zeit, dass Du das änderst. Jeder Ältere weiß, wie sich einige Youngster umschauen werden, wenn ihnen ihre Kredite, windigen Aktiengeschäfte oder Geschäftsideen um die Ohren fliegen. Einige sehen auch, wo sie der “anständige” Weg hinbringen wird. Es ist keine attraktive Vorstellung nach Jahrzehnten ordentlicher Arbeit Pfandflaschen zu sammeln oder sich von ebenfalls schlecht bezahlten Leuten den Hintern abwischen zu lassen. Wen wundert es, wenn einige versuchen, mangels anderer Möglichkeiten eine risikoreiche Abkürzung zu nehmen, die allzu häufig vor dem Richter landet. Ein anderer Weg besteht darin, sich diesem Modell von Anfang zu verweigern und es im Zweifel zu bekämpfen.

Begleitet wird dies alles von einer Erstarrung des Modells. Die globalen Folgen werden schlicht ignoriert. In der Psychotherapie gibt es ein Motto: Du kannst nicht innerhalb eines Umfelds gesunden, welches für Deine Krankheit verantwortlich ist. Das Geschehen um uns herum ist schlicht krank. Dabei ist es egal, ob es um den Klimawandel, die Vermüllung und Verpestung des Planeten oder der Umgang mit anderen Lebewesen ist. Was diverse Leute nicht daran hindert, es alles mit Methoden zu behandeln, die die Krankheit verursachten.

Zurück zur Plattform “The Republic”.  Die Macher/innen sind blutjung und dies ist das an sich wirklich gruselige. Das Vergangene erfüllt sich mit ihnen den Wunsch der Ehrung eines Lebenswerks, ohne sich die schrecklichen Irrtümer eingestehen zu müssen. Ja, der lang andauernde heimische Frieden und die Befreiung von der Angst eines neuen kommenden Krieges auf eigenem Grund und Boden, ist ein Verdienst. Allerdings haben hierfür andere auf dem Planeten einen hohen Blutzoll erbracht. Der herrschende Wohlstand hat zwei deutschen Generationen ein gutes Leben beschert. Doch spätestens ab Ende der 70er Jahre war bekannt, zu welchem Preis dies stattfindet und es wurde der breiten Bevölkerung verschwiegen. Nun gerät alles in Bewegung und die Alten sehen sich naturgegeben überfordert.

Die Modelle der Vergangenheit inklusive ihrer Fehlentwicklungen haben ausgedient. Heute 30 – jährige Frauen und Männer müssen sich Gedanken über neue, innovative und progressive Lösungen machen und bitte nicht bewundernd die abgetragenen Kleider und Anzüge der Alten anziehen. Deutschland ist schon angestaubt genug. Eine alte Weisheit besagt, dass wer in die Fusstapfen eines anderen tritt, ihn nicht überholen wird.

The Republic ist die Aufforderung auf der Stelle zu treten, den Kapitän zu bestechen, sich bis zum Untergang des Kreuzfahrtschiffes alles vom Oberdeck der I. Klasse beim Champagner – Cocktail anzusehen und festzustellen: Man bin ich froh den Untergang der Titanic nachempfinden zu können.

Oktober 20 2021

Anarchismus, ein böses linksextremes Gespenst?

Lesedauer 9 Minuten

Ich behaupte mal eine ganz gute schulische Ausbildung erfahren zu haben. Vieles, was ich später in der Ausbildung meiner Töchter vermisste, war bei uns noch enthalten. An meinem Gymnasium, auf dem Papier alt – humanistisch, weil Latein und Alt – Griechisch angeboten wurde, gab es eine spannende Mischung stockkonservativer Lehrer und Restbestände der 68er. Im Leistungskurs Politische Weltkunde ging es oftmals hoch her und es wurde durchaus kontrovers diskutiert. Eine Besonderheit war unsere Schülerzeitung, die 2021 jeden Verfassungsschützer auf den Plan rufen würde. Aber ein Thema kam meiner Erinnerung nach, außerhalb der Schülerzeitung, nie zum Tragen. Die Geschichte des Anarchismus ab dem Ende des 19. Jahrhunderts. Lediglich der Spanische Bürgerkrieg mit dem Schwerpunkt der Rolle der deutschen Nationalsozialisten nahm wenige Stunden ein. Es erschöpfte sich mit Guernica, Pablo Picasso, Legion Condor, mehr war da nicht. Ich kann mich weder an eine Behandlung der Mexikanischen Revolution, noch an die Unruhen in den USA, die Vorgänge um Sacco und Vanzetti oder die Internationalen Brigaden in Spanien, inklusive Pariser Kommune, Barcelona, erinnern. Ich hörte auch nie etwas über die Motive der anarchistischen Bewegung “Propaganda der Tat” oder was hinter den anarchistischen Anschlägen auf Könige, Adlige und Regierungsvertreter stand, geschweige, was unter einem “Anarchosyndikalismus” zu verstehen ist. Ebenso nichts über “Anarchistische Banden” in Frankreich und was deren Mitglieder antrieb. Individualist, Illegalist, Anarcho – Syndikalist, Plattformist, christlicher Anarchist, Anarcho – Primitivist, keine dieser Bezeichnungen mit samt der dazugehörenden Haltungen und Personen, waren zu keiner Zeit ein Thema.

Ohne jemanden böse Absichten unterstellen zu wollen, lief es auf eine zahme, aber vorhandene kritische Betrachtung des Kapitalismus und dialektische Auseinandersetzung mit dem Kommunismus hinaus. Auf dem Niveau des Unterrichts wäre z.B. durchaus eine kurze Erwähnung der Auseinandersetzung zwischen Bakunin und Karl Marx mit der späteren Folge der Spaltung der ehem. Internationale möglich gewesen. Sei es, dass die Lehrer und Lehrerinnen selbst nichts darüber wussten oder es der vorgegebene Lehrplan einfach nicht hergab, es wurde ausgeblendet. Dabei lässt sich die jüngere Geschichte der BR Deutschland nur verstehen, wenn man wenigstens die Grundzüge der anarchistischen Bewegung kennt. Ohne sie bleibt die Geschichte der RAF, der Deutsche Herbst, vollkommen unverständlich.

Ich hätte damals auch um einiges besser die “Russische Revolution” und die spätere Entwicklung der Sowjetunion verstanden. Von einem Machnow, der eine anarchistische Armee anführte, den Bolschewiki zur Seite sprang, während Lehnin längst die Politik verfolgte, alles jenseits der Bolschewiki auszuschalten, erfuhr ich erst lange nach der Schulzeit. Auch, dass Trotzki alles dran setzte, die Anarchisten auszumerzen, und dann zusammen mit Lehnin so ziemlich alles aufbaute, aber nicht den seitens der Anarchisten geforderten libertären Kommunismus, folgerichtig die Anarchisten nach dem Sieg der Roten Armee über die anarchistische Armee in der Ukraine, Kronstadt und die Machnowschtschina Truppen in Sewastopol (Schwarze Flagge mit weißem Totenkopf) in Gefängnissen verschwanden oder gleich hingerichtet wurden, begriff ich viel später.
Kapitalistischen Machthabern konnte dies nur recht sein. Bis heute packen sie alles in eine große Schublade mit der Aufschrift: “Nicht öffnen, böser Dämon Kommunismus!” Drinnen prügeln sich Marxisten, Maoisten, Stalinisten, Trotzkisten, Bolschewisten und eben die zahlreichen Facetten des Anarchismus. Richtig absurd wird es spätestens, wenn das heutige Russland als kommunistischer Staat statt als Staatskapitalismus bezeichnet wird. An dieser Stelle denke ich auch an die Unterstützung, die Franko im spanischen Bürgerkrieg seitens Stalin erhielt. Ich glaube, einigen Zeitgenossen, die sich in Deutschland als Linke bezeichnen, täte die Auseinandersetzung mit diesem geschichtlichen Verlauf auch ganz gut.

 

Verfolge ich die aktuellen politischen Statements innerhalb Deutschlands, scheint es mir nicht alleine so zu gehen. Auffällig finde ich dabei, dass in Griechenland, Spanien, vornehmlich in den alten Hochburgen Galicien, Katalonien, Baskenland, Frankreich, mit dem Anarchismus völlig anderes umgegangen wird. Mit einer gewissen Böswilligkeit könnte man unterstellen, dass dies auch durchaus gewollt ist. Vielleicht geht es ja tatsächlich, frei nach Proudhon formuliert, immer um den Kampf zwischen Hierarchie und Freiheit. Mich muss man diesbezüglich nicht überzeugen.

Die geschickteste Taktik ist es, sich mit dem Denken des Gegners auseinanderzusetzen. Der 8-stündige Arbeitstag, Urlaub, Gewerkschaften, Gemeinschaftseinrichtungen, soziale – u. gesundheitliche Absicherung der Arbeitenden, Abschaffung der Todesstrafe und das Streikrecht, Wahlrecht für alle, Gleichberechtigung der Frauen, waren von Anfang an grundlegende Forderungen der Anarchisten. Mit dem gesteuerten Entgegenkommen gelang es den oberen Positionen in der Hierarchie ihr Level beizubehalten und den Anarchisten sozusagen das Wasser abzugraben. Denen weiter unten geht es ein wenig besser und sie finden sich mit der immer noch bestehenden Ungerechtigkeit ab. Ab jetzt ist die Kritik mit dem Begriff “Neid” diffamiert.

Seit über 100 Jahren werden Anarchisten, diffamiert, inhaftiert, zusammengeschossen oder hingerichtet. Sie kämpften gegen den Ku-Klux-Klan, Großgrundbesitzer, gnadenlose Industrielle, gegen die hässlichste Erscheinungsform des Kapitalismus, den Faschismus, dennoch finden sie in Deutschland heute kaum eine Beachtung. Ist es doch der Fall, dann lediglich mit der Einordnung in die Schublade Linksextremismus und autonome Gruppen. Ein bemerkenswerter Umstand, wenn man die feministischen, anti – rassistischen, anti – militaristischen und pro – Arbeiterrechte Forderungen bedenkt. Seitens des medialen Mainstreams und staatlicher Institutionen wird mehrheitlich die alte Rhetorik gefahren, in der stets die “Propaganda der Tat” (u.a. in Verbindung mit der Stadtguerilla u. RAF) eine Rolle spielt oder es wird an Ängste wie Sicherheits – u. Ordnungsverlust appelliert.

Die Propaganda der Konservativen, der politischen Elite, der Bourgeoisie und dem Kapital, ist in Bezug auf den Anarchismus ein großes Thema. An einem Beispiel fiel mir dies besonders deutlich auf. Ganz aktuell im zurückliegenden Geschehen vor der Wahl wurde wieder einmal das angebliche Zitat:

“Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.”

bemüht. Der Zitatforschung nach (u.a. hier nachzulesen https://quoteinvestigator.com/2014/02/24/heart-head/) stammt es nicht von Churchill und auch nicht, wie populär (u.a. in diversen Zeitungen, so auch in der ZEIT) von George Clemenceau. Aber es gibt bei Clemenceau eine Geschichte, die passend sein könnte. Nachdem, was ich über ihn gelesen habe, muss der Mann bei seinen Entscheidungen recht radikal vorgegangen sein. In der Grundtendenz sympathisierte er mit den Anarchisten (sonst hätte er beispielsweise nicht Emile ZOLA unterstützt) und hatte für die Konservativen seiner Zeit, wenig übrig. Trotzdem scheute er sich nicht, den Protest von Bergbauarbeitern mit Militär niederschlagen zu lassen. Dieser richtete sich gegen die Betreiber einer Mine, in der ein Brand ausbrach und versiegelt wurde, obwohl noch Leute unter Tage waren. Aber ich fand keine Quelle, in der deutlich wurde, warum er sich dazu entschloss. Anarchist heißt nicht irrational zu handeln oder gewaltfrei zu leben. In der Geschichte stürmt ein Mann in sein Büro und teilt Clemenceau empört mit, dass sein Sohn den Kommunisten beigetreten ist. Dieser soll geantwortet haben: “Mein Herr, mein Sohn ist 22, wenn er nicht den Kommunisten beiträte, würde ich ihn ablehnen. Ist er mit 30 immer noch dort, werde ich es tun.”

In 1944 the industrious anecdote collector Bennett Cerf presented an entertaining tale featuring Georges Clemenceau:

An excited supporter burst into the private chambers of the old tiger Clemenceau one day and cried, “Your son has just joined the Communist Party.” Clemenceau regarded his visitor calmly and remarked, “Monsieur, my son is 22 years old. If he had not become a Communist at 22, I would have disowned him. If he is still a Communist at 30, I will do it then.”

Quelle: https://quoteinvestigator.com/2014/02/24/heart-head/

Was bedeutet diese Aussage aus seiner Perspektive in seiner Zeit? Zu seiner Zeit bestand zwischen Kommunisten und Anarchisten ein heftiges Spannungsfeld. Er sagte diese Worte nicht aus der Sicht eines Konservativen, sondern aus der Sicht eines dem Anarchismus seiner Zeit aufgeschlossenen Mannes. Dies ergibt ein völlig anderes Bild, als es seitens deutscher Konservativer gezeichnet wird.

Ein weiteres Stilmittel der Propaganda ist für mich die Verallgemeinerung, bei der völlig undifferenziert die Begriffe “extrem” und “radikal” verwendet werden. Im Ursprung ging es um die Überwindung der autoritären Strukturen der Monarchie. Später um die Autorität einer Regierung, einer politischen Elite oder einer faschistischen Diktatur. Noch weiter heruntergebrochen, um die Überwindung hierarchischer Machtstrukturen, hin zur Selbstorganisation der Bürger mit einer Bestimmung von unten nach oben, also einer Umkehr. Wie dabei vorzugehen ist, wird seit den Ursprüngen heftig diskutiert. Innerhalb dieses Zeitraums, gab es immer wieder völlig unterschiedliche Voraussetzungen. Extrem und radikal zu betrachten funktioniert nur mit einem Bezugspunkt. Widerstandskämpfer im Dritten Reich waren unter diesem Gesichtspunkt “Linksradikale”, genauso wie die Anarchisten der Spanischen Republik. Sie griffen zu extremen Mitteln (Waffengewalt), um sich gegen die zu wehren, welche die maximale Autorität (ebenfalls extrem) eines faschistischen Regimes favorisierten.

Extrem/radikal steht dialektisch “gemäßigt” gegenüber. Stelle ich mir dies alles auf einer Strecke vor, habe ich die Eckpunkte “Absolute Autorität” und am anderen Ende “Absolute Freiheit”. Wobei absolute Autorität einfach zu definieren ist, als der Freiheitsbegriff, der aus der Natur der Sache heraus im Zusammenleben seine Grenzen erfährt. Gemäßigt ist dann ein wenig Zustimmung in Richtung Autorität mit Zugeständnissen an die Freiheit der Bürger. Bei diesem Modell ständen sich Konservative und Marxisten sehr nahe, während die Anarchisten sich weit dem anderen Eckpunkt annähern würden. Wie sehr die Marxisten die Anarchisten ablehnen, lässt sich am ehesten mit einem Artikel beschreiben, den ich letztens in einem Buch mit dem Titel: Philosophisches Wörterbuch, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1965, fand, beschreiben. Unter Anarchismus steht dort:

Anarchismus |griechisch| – kleinbürgerliche pseudo – revolutionäre Ideologie, die jede gesellschaftliche, vor allem staatliche Organisation und Autorität ablehnt und in extrem individualistischer Weise nur die Willenshandlungen der Einzelpersönlichkeit, anerkennt.

Es folgt eine seitenlange Abhandlung, die irgendwie versucht den Bogen zu bekommen. Deutlich kürzer könnte man sagen: Du sollst keinen Gott neben der KP oder im Falle der DDR, neben der SED haben. Nur bewiesen die Kommunarden der Pariser Kommune, die Spanier während der Spanischen Revolution und die Teilnehmer der Mexikanischen Revolution, dass diese Aussage unhaltbar war und immer noch ist. Freiheit ist, was nicht unbedingt dem Namensgeber Karl Marx anzulasten ist, nicht das Ding von Marxisten. Obwohl es zu der Spaltung der I. Internationalen passt, während derer Bakunin die Antiautoritäre Internationale ausrief, passt. 

Immerhin dauert die Diffamierungspropaganda ausgehend vom Kapital und den Kommunisten (Marxisten) schon über 100 Jahre an. Es ist nachvollziehbar, dass sie fest in den Köpfen verankert ist. Ich habe nicht einmal ansatzweise den Anspruch ihr entgegenzutreten, mir genügt vollauf den eigenen Kopf befreit zu haben.

Bei einer Tagung wurde der US -amerikanische Linguist Noam Chomsky und sich selbst als Libertärer Sozialist (Unterform des Anarchismus) mit Sympathien für den Anarchosyndikalismus gefragt, was denn dieser Anarchismus eigentlich wäre. Chomsky bezeichnete ihn als eine Form des menschlichen Denkens, die keine Ideologie ist, sondern Teil der menschlichen Natur ist. Immer wenn eine Person, Institution, Macht ausübt, Weisungen erteilt, bedarf es einer Legitimation hierfür. Demokratische Wahlen können ein Mittel sein. Fraglich ist jedoch, wie es mit der Realität aussieht. Hierzu vertritt Chomsky die Position, dass seitens der politischen Elite eine Desinformation der Bevölkerung praktiziert und beim Wähler das Irrationale erweckt wird.

Er und andere Philosophen sprechen davon, dass wir mittlerweile im Zeitalter des Anthropozän, dem vom Menschen selbst gestalteten, leben. Yuval Noah Harari beschreibt hierzu passend den Wechsel des Homo sapiens zum Homo deus, der durch biologische, genetische und digitale Eingriffe, die “Schöpfung” beeinflussen kann. Auch dies bedarf Entscheidungen. Zum Beispiel stellt sich die Frage: Was und in welchem Umfang wollen wir davon?
Ist es ratsam, dies einer kleinen Elite zu überlassen, die über die Mittel verfügt, die Ratio auszuschalten? Zumal innerhalb der kommenden Jahre die Situation entstehen wird, dass sich Vermögende biologische und genetische Eingriffe leisten können, während große Teile der Erdbevölkerung mit anderen Sorgen zu kämpfen haben. Wir koppeln die Macht der Entscheidung an Eigentum. Je mehr Eigentum jemand hat, desto größer ist seine Macht, politische Richtungsentscheidungen zu treffen oder dem Geschehen die gewünschte Richtung zu geben. In früherer Zeit geschah dieses ohne den Umweg einer Wahl. Der Adel und der Klerus hätten nicht im Traum daran gedacht, sich bei politischen Entscheidungen, Krieg oder nicht Krieg, mit dem gemeinen Volk auseinanderzusetzen. In Deutschland fand gerade eine Wahl statt. Längst hat sich das von Chomsky in den USA kritisierte Gebaren bei uns etabliert. Entweder wurde alles auf die Wirkung von Personen, inklusive Diffamierung, abgestellt oder die Themen wurden derart mit nebulösen Aussagen verstellt, dass der normale Bürger nicht mehr folgen konnte. Interessant finde ich an der Stelle, dass ausgerechnet ein Robert Habeck, der sich bestens mit den Schriften Chomskys u.a. namhaften Kritikern auskennen dürfte, dabei mit machte.

Anarchismus bedeutet nicht Chaos und die vollständige Abwesenheit einer Führung. Es geht um kleinere Organisationseinheiten, in denen unmittelbar bestimmt werden kann, die sich wiederum mit anderen vernetzen. Führungen ergeben sich temporär aus dem jeweiligen Thema. Eigentum ist der Besitz gegenüber gestellt. Arbeitende und Schaffende sind gemeinsame Eigentümer dessen, was zur Produktion des Notwendigen benötigt wird. Für mich ist es immer wieder unverständlich, wenn in Deutschland beim Thema Eigentum ein Aufschrei durchs Land geht. Als wenn ein Interesse daran bestände, jemanden seine Couch, den Fernseher oder den Kleinwagen wegzunehmen. Die wenigsten haben nennenswertes Eigentum. Weder gehört ihnen die Wohnung, die Fahrzeuge sind Eigentum der Bank, noch irgendetwas am Arbeitsplatz wirklich ihres. Sie verwechseln allzu häufig Besitz, also dem worüber sie zeitweilig verfügen mit Eigentum. In Deutschland steckt den Leuten der Staatskapitalismus der DDR im Nacken. Hier nochmals zur Erinnerung, Kommunisten marxistischer Ausrichtung, haben nichts mit Anarchisten gemein und standen sich mehrfach gewaltsam u.a. in Spanien und Russland gegenüber.

Anarchismus steht in einem engen Zusammenhang mit persönlicher Verantwortung und gegenseitiger Solidarität. Aktionäre, ein Management, welches den vorgenannten Rechenschaft schuldig ist, sind einer Belegschaft und der Region gegenüber nicht verantwortlich. Es macht einen Unterschied, ob ich mich an eine von oben her gegebene Vorgabe halte oder selbst den Erfolg und die Notwendigkeiten sehe. Nach der spanischen Revolution 1936 und den innerhalb von drei Jahren errungenen Erfolgen der Republik kann auch niemand mehr von einer Utopie sprechen, sondern muss die Möglichkeit akzeptieren. Nicht der Anaorchosyndikalismus scheiterte damals, sondern die Faschisten besiegten ihn militärisch, um die alte Ordnung wieder herzustellen.

Ich glaube, die wenigsten haben eine Vorstellung davon, wer in der Geschichte alles selbst Anarchist war oder mit der Idee sympathisierte. Oscar Wilde, Émile Zola, George Orwell, Albert Camus, William Godwin (Vater von Mary Shelley (Frankenstein)), B. Traven (das Totenschiff), Tolstoi, George Orwell, u.a. (weitere hier) Diese Liste berühmter Denker, Literaten, sollte nachdenklich machen und die eine oder andere eingepflanzte negative Konnotation überdenken lassen.

 

Überall herrscht derzeit mehrheitlich das Irrationale, Individualismus und die Verantwortungslosigkeit. In den Ländern, wo historisch die Anarchisten zeitweilig die Geschicke bestimmten, herrschten Verhältnisse, die mit denen der aktuellen Mehrheitsgesellschaft in Deutschland unvergleichlich sind. Dies brachte die Arbeiter zusammen, ließ sie solidarisch im Elend handeln und motivierte zur eigenen Weiterbildung. Weltweit betrachtet, existieren diese Verhältnisse durchaus noch, aber nicht in Deutschland. Ansätze sehe ich in den Quartiersmanagements und bei Einrichtungen, wie der Tafel. Hier findet eine Selbstorganisation unter Einbeziehung von Regierungsstellen statt. Dies entspricht ein wenig den Ansätzen der heutigen Spanischen Anarchosyndikalisten. In einem anderen Bereich gibt es Leute, die sich im Rahmen von Graswurzelbewegungen organisieren und Gruppen, die sich der Transformation zu Post – Kapitalistischen Lösungen verschrieben haben, die nebenbei, ganz im Sinne der alten Anarchisten, Alternativen zum Geldsystem anbieten.

Die Geschichte hat bewiesen, dass es gefährlich, wenn nicht sogar unmöglich ist, dem Kapitalismus und der damit einhergehenden Hierarchie auf der gesamten Breite die Stirn zu bieten. Dabei muss auch berücksichtigt werden, dass große Teile der Bevölkerung eine passende Konditionierung erfahren haben. “Diskussionen u. Debatten sind nett, aber am Ende muss einer den Hut aufhaben u. entscheiden.” Im Prinzip eine Kapitulationserklärung bzw. Armutszeugnis für den Homo sapiens. In einer Dokumentation über den Spanischen Anarchismus in Barcelona sagte ein Zeitzeuge: “Vieles war für uns völlig neu, zumal große Teile von uns keinerlei Bildung hatten und Analphabeten waren. Aber es ergab sich und funktionierte.” Ein entscheidender Punkt war dabei sicherlich, dass sie offen auf die Sache zugingen. Ähnlich sieht es mit dem Eigentumsbegriff aus. Bei Deutschen klingeln sofort die Alarmglocken und das Gespenst der Enteignung und Landreform spukt in den Köpfen herum. Dabei sind z.B. viele Gartenkolonien oder ganze Gemeinden “kollektiv/kommunal” organisiert, in dem größere Maschinen, die nicht alltäglich genutzt werden, allgemein zur Verfügung gestellt werden. Oder ich denke dabei an die Lastenräder, die sich jeder kostenlos mieten kann. Wer weiß, vielleicht bin ich zu pessimistisch.

Ergänzung 20.10./21:00 Uhr
Der spätere Sozialdemokrat Herbert Wehner, startete einst als Anarchist, sah aber keine Option mit dieser kleinen Gruppierung seine Ideale zu verwirklichen. Hieraufhin landete er im Sog der Kommunisten und musste diese Entscheidung teuer bezahlen.

Juli 24 2021

Die modernen Ketzer

people holding banner Lesedauer 10 Minuten

So wie irgendwo eine Äußerung von Luisa Neubauer auftaucht, meldet sich ein wütender Mob zu Wort: Sie hätte noch nichts im Leben geleistet, heißt es dann. Leider erfolgt nie eine Konkretisierung was dabei unter einer Leistung verstanden wird. Darüber kann trefflich je nach Weltanschauung gestritten werden. Außerdem stellt sich die Frage, ob eine Meinung an eine wie auch immer geartete Leistung gebunden ist. Nietzsche studierte und wurde mit 24 Jahren Professor an der Universität in Basel. Einer, der sich selbst gern als die letzte konservative Bastion des deutschen Journalismus bezeichnet, Jan Fleischhauer, gern den wütenden Mob bedient, begann seine Karriere beim SPIEGEL mit 25 Jahren und erntete mit seinen Artikeln keinen Shitstorm, schlicht, weil es sowas 1989 noch nicht gab. Nach dem Lesen seiner Texte glaube ich ein wenig verstanden zu haben, was er bedienen will oder ihm gegen den Strich steht. Es scheint, dass er damit den Nerv einiger trifft.

Schwierig wird es immer dann, wenn man versucht, aus seiner politischen Haltung moralischen Mehrwert zu schlagen. Vom Übermenschen erwartet man auch übermenschliche Disziplin.

https://www.focus.de/politik/deutschland/schwarzer-kanal/die-focus-kolumne-von-jan-fleischhauer-im-minus_id_13525344.html

Er und andere wittern bei Neubauer und den jungen Menschen, die sich bei FFF engagieren, eine zur Schau getragene moralische Überlegenheit, die einer näheren Überprüfung nicht Stand hält. Das dies in Deutschland ein Thema ist, sehe ich genauso. Allein schon, weil unser Lebensstandard auf diversen Sauereien fußt, aber völlig anders verkauft wird. Im gleichen Zuge betrachte ich skeptisch die Rolle Deutschlands innerhalb der Europäischen Union.
Nur sehe ich weder bei Neubauer noch bei den Schülern diesen Anspruch im eigentlichen Sinne. Man könnte sich eventuell an Spins wie “Alter weißer Mann” oder “Boomer” stoßen. Ich finde, ab einem gewissen Lebensalter, kann man die Gelassenheit entwickeln diese Spins, als Teil eines Generationskonflikts zu sehen. Mangels der fehlenden Möglichkeit auf ein Leben zurückzuschauen, welches sich aus Fehlern, Erfolgen, up-and-down einer Biografie zusammensetzt, verleitet einen in jungen Jahren zur Annahme, dies im eigenen Leben verhindern zu können. Schwierig finde ich, wenn Ältere eine Scheinheiligkeit vor sich hintragen, die immer einem Versteckspiel vor sich selbst entspricht. Dazu gehört auch, die eigene zurückliegende jugendliche Arroganz zu leugnen.

Aber was haben die verändernden Eingriffe ins Klima, zurückliegend und heute, die Zerstörung der Lebensgrundlagen durch Emissionen aller Art mit Moral zu tun? Ist die zentralistische Betrachtung des Menschen, die zu Begriffen wie Umwelt und Umweltschutz, welche von einem Geschehen um den Menschen herum geprägt sind, statt ihn als untrennbaren Teil des Gesamten zu sehen, moralisch gerechtfertigt? Stichwort: Anthropozän – das vom Menschen gestaltete Erdzeitalter. Hat sich der Mensch nicht falsch eingeschätzt? Ist der Wunsch nach dem Überdauern eines natürlichen Weltgeschehens versus einem nur mittels technischen Schutz möglichen Überlebens des Menschen bei gleichzeitigen opfern aller anderen Lebewesen eine Frage der Moral? Im gewissen Sinne schon. Aber sollten dann nicht gerade Konservative, die sich mehrheitlich zu einer übergeordneten Gottheit und Schöpfung bekennen, sich für einen Erhalt aussprechen? Für mich ist dieser Widerspruch nur lösbar, wenn sich die Bezeichnung konservativ nicht auf Schöpfung, Erhalt und den christlichen Glauben bezieht, sondern eher auf das Streben nach Überwindung der natürlichen Abhängigkeitsverhältnisse und die Installation eines globalen Systems, welches nach den Ideen des Großhirns funktioniert. Gut, manche mögen daran glauben, dass dies funktionieren kann. Meiner persönlichen Beobachtung nach sind die von Naturwissenschaftlern festgestellten Prozessverläufe ein deutliches Zeichen für das Scheitern.

In einem anderen Vorwurf heißt es, sie käme aus einer wohlhabenden Familie und im Übrigen wäre sie selbst auch schon geflogen. Dies weist auf einen typischen menschlichen Wesenszug hin. Im Grunde weiß man wie irrational und möglicherweise schädlich das eigene Verhalten ist. Doch was wäre das für ein Leben, wenn man sich nicht einmal etwas gönnt, über die Stränge schlägt und sündigt? Mich fasziniert dies immer wieder. Die menschliche Unvernunft, die sich gegen einen selbst richtet, wird mit der Auflehnung gegen etwas Höheres legitimiert, das dann im Nachgang Gnade walten lässt. Ebenso wird das Recht auf Unvernunft angesprochen. Die Reichen und Wohlhabenden, welche sich alles leisten können und die Armen, welche sich abmühen müssen, um auch ein wenig Spaß zu haben. Macht es für die Lebewesen im Erdboden einen Unterschied, ob ein Reicher oder ein Armer illegal einen Kanister Mineralöl ausleert? Nun mag man sagen, dass das Fliegen eher unter Vergnügen läuft, denn einer illegalen Chemikalienentsorgung. Aus der Perspektive aller anderen Lebewesen ist es eine Schädigung. Ist der Wahrheitsgehalt der Aussage vom Status oder dem eigenen Verhalten abhängig? Worum es doch geht, ist das Wissen darüber. Ich weiß von der Schädlichkeit und tue es trotzdem. Darf ich Schaden zufügen, wenn ich weiß, dass mein Handeln einen verursacht? Juristisch nennt sich das Vorsatz! Wenn jemand ein Fahrzeug in zweiter Spur abstellt und die Warnblinkanlage einschaltet, ist offensichtlich das Wissen um die Gefährlichkeit des Handelns vorhanden. Deshalb kostet diese Vorgehensweise mehr, als das ungesicherte Abstellen. Jeder von uns weiß nach dem aktuellen Wissensstand, dass der Flug anteilig eine Schädigung darstellt. Damit muss ich irgendwie umgehen. Wer sich dies nicht eingestehen will, muss eine Rechtfertigung finden. “Mein Flug fällt bei der Anzahl der Vielflieger nicht weiter ins Gewicht.” “Warum sollte ich verzichten, wenn alle anderen ebenfalls und sogar noch mehr schädigen?” “Sollen doch erst einmal die anderen, die Reichen, ihr Verhalten ändern, dann können wir über meinen kleinen Anteil sprechen!” Oder wie es die/der Besitzer/in des angesprochenen abgestellten Fahrzeugs formuliert: “Herr Wachtmeister, kümmern sie sich doch erst einmal um die richtigen Verbrecher und nicht um mich.” Diese Rechtfertigung wird schlagartig hinfällig, wenn wegen des Hindernisses ein Motorradfahrer ausweichen muss und das Opfer eines unachtsamen anderen Fahrers wird. Denkbar ist auch die Entstehung eines Staus, der die Einsatzfahrt eines Rettungswagen zu einem Verletzten verlangsamt.

Ich selbst fliege und kritisiere. Einerseits zeige ich damit mit dem Finger auf mich selbst, und andererseits auf meine Zeitgenossen. Wie halte ich das aus? Bei mir ist eine Resignation die fadenscheinige Rechtfertigung. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass der Zug abgefahren ist. In dieser Lage kann ich nur noch das Beste für mich selbst herausholen.

Ich sitze mit einer Partygesellschaft in einem Bus, der mit zunehmender Geschwindigkeit und einem “zugekoksten” Fahrer am Steuer auf eine Betonwand zu rast. Vielleicht haben drei oder vier Mitfahrer die Lage erkannt. Meine Möglichkeiten beschränken sich darauf den Fahrer zu erschießen und dazu bin ich zu feige, schon deshalb, weil sie mich danach lynchen. Die anderen verfügen eventuell über mehr Möglichkeiten. Wenn sie eine Idee haben, werde ich sie mit allen Mitteln unterstützen. Doch ich werde sie bestimmt nicht besoffen und grölend beschimpfen. Dies übersehen einige geflissentlich. FFF, Neubauer, und viele andere, kämpfen mit Überzeugung für alle und nicht allein für sich selbst. Ob sie einen Weg gewählt haben, der den Bus vor dem Einschlag in die Wand bewahrt, wird sich zeigen.

Schaue ich mich um, sehe ich keinen Grund, denen zu glauben, die sich an den Schalthebeln der Macht befinden. Wer ernsthaft das Ende einer Ausbeutung fossiler Ressourcen plant, erschließt nicht täglich neue Ölfelder, Erdgasvorkommen oder Kohleflöze. Wem es mit der Sache ernst ist, plant keine Weltmeisterschaft in Qatar, um sich bei denen “Liebkind” zu machen.

Zurück zu Frau Neubauer und ihren Aussagen. Im Kern geht es zunächst einmal um den Hinweis, dass Politik in einigen Bereichen nicht umhinkommt, nicht nur den Rat von Wissenschaftlern einzuholen. Notwendig ist es auch, die politischen Entscheidungen darauf basieren zu lassen.

Weiterhin merkt sie an, dass zwar viele kostenlose Worte ausgesprochen werden, aber keine konkreten Handlungen folgen. Kurzum, sie stellt keine eigenen Forderungen. Sie gibt das wieder, was Wissenschaftler seit Jahrzehnten sagen und fordern. Doch die nimmt sich keiner vor, schon gar nicht jene, deren Ruf nahezu unantastbar ist und international anerkannte Beiträge leisten oder leisteten. Wenn überhaupt, wenn sie allgemein für jedermann verständlich aufbereitet sind, kommt es zur üblichen Reflexreaktion: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Irrationalität trifft auf wissenschaftliche Nüchternheit.

Angesichts der Flutkatastrophe kam eine neue nicht weniger verkorkste Entgegnung ins Spiel. Frau Neubauer oder FFF solle/n sich derzeit zurückhalten, weil der Hinweis auf all die Unterlassungen bezüglich des Klimawandels von den Missständen bei der Katastrophenbekämpfung ablenken würde. Der Klimawandel, laut Wissenschaftler aus dem Verhalten der vergangenen Jahrzehnte resultierend, bedingt immer kürzer werdende Zeitintervalle beim Auftreten von Ereignissen wie Stürme, Starkregen, Fluten, Hitze, Dürren. Da die Aussagen der Wissenschaftler konsequent ignoriert wurden, vernachlässigte man auch den Katastrophenschutz bzw. die notwendigen Schutzmaßnahmen. Anders herum aufgezogen, kann ich schwer erhebliche Ausgaben für den Schutz begründen, wenn ich den Klimawandel und den Eigenanteil daran abtue. In dem Moment müsste jeder nachfragen, warum ich neben dem Schutz nicht gleichzeitig alles unternehme, damit die Phänomene nicht auftreten. Ich denke, die Wahrheit liegt woanders. Die Damen und Herren gingen davon aus, dass es wie üblich die südliche Hemisphäre treffen würde, während man in Mitteleuropa fein raus ist. Nun, dies scheint sich als Irrung herauszustellen.

Dann gibt es noch die Zeitgenossen, die Frau Neubauer auffordern, statt zu reden, ins Krisengebiet zu fahren und dort bei den Aufräumarbeiten zu unterstützen. Warum sollte sie dies tun und was hat das mit ihren Aussagen zu tun? Muss jeder Kritiker oder wegen meiner auch jede/r Politiker, der das Unterlassen von schädlichen Eingriffen in die Lebensgrundlagen des Planeten und Klima fordert irgendwo hinfahren und Hilfe leisten? Machen demnächst einige Abgeordnete einen Ausflug in die Sahelzone? Oder schicken wir Politiker (dafür wäre ich sogar offen), die militärische Interventionen fordern mit der Waffe in der Hand in die Region? Stellt sich der vergreiste Horst Seehofer demnächst an die Europäische Außengrenze? Ich denke, jede/r sollte tun, was sie/er kann und dabei auch den Nutzen berücksichtigen. Wer in der Gegend wohnt, passende Kenntnisse hat und auch noch die Möglichkeiten hat, sollte helfen, alle anderen sind eher hinderlich und bringen im Zweifelsfall Retter in Schwierigkeiten. Inwiefern die Nichtteilnahme an den Arbeiten im Katastrophengebiet ein Qualitätskriterium für die Aussagen ist, erschließt sich mir nicht. Dieses Konstrukt wirft eher ein Licht auf diejenigen, welche sich in dieser Art äußern.

Liegt die Fokussierung daran, dass sie sich an die 26 800 Wissenschaftler, die sich bei Scientist for Future engagieren nicht herantrauen? Könnte es so einfach sein?

Sie sagt, man solle auf die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hören. Andere halten ihr entgegen, dass Wissenschaft nicht alles wäre. Wissenschaft ist nicht Wissenschaft, und spätestens seit der Erfolgsserie “Big Bang Theory” kennen wir die Haltung eines Sheldon Coopers zu allen Wissenschaften jenseits der Physik. Bei allem, was sich um das Klima dreht, sind wir mitten in den Naturwissenschaften und zumeist in der Physik. Im 21. Jahrhundert sind die meisten von uns auf vielen Gebieten Anwender und verstehen nicht ansatzweise, was technisch vor sich geht. In den 80ern konnte ich noch an einem Fahrzeug herumschrauben. Heute öffne ich die Motorhaube und habe nur Fragezeichen auf der Stirn. Dies ist bei vielen Dingen der Fall. Was bleibt mir übrig? Ich muss mir im Zweifelsfall jemanden meines Vertrauens suchen. Habe ich beispielsweise zwei Virologen mit völlig unterschiedlichen Aussagen vor mir zu stehen, tendiere ich dazu den Selbstdarsteller und Freund des Partyvolks zu meiden und dem etwas verpeilt wirkenden Nerd zuzuhören. Wenn der dann auch noch der BILD Zeitung sagt, dass er keine Zeit hat sich mit ihnen zu beschäftigen, sind bei mir die Würfel gefallen. Das ist wie mit dem Gebrauchtwagenkauf. Lieber kaufe ich einen Wagen bei einer einfachen Garage, in der mit Öl verschmierte Mechaniker herumspringen, als das ich ihn bei einem Händler mit 20 Fahnen auf dem Parkplatz kaufe. In Bezug auf Virologen scheine ich da nicht alleine zu sein. Ich finde es Prima, dass das so ist und folge dem gern. Dem Schnellaufsteiger im Anzug hätte ich mehr Skepsis gegenüber aufgebracht. Ist das eine linke Position? Wenn es nach Herrn Fleischhauer geht, wohl ja, aber Anzugträger und Karriereristen ziehen sich gegenseitig an, mich bringen sie eher auf Abstand. Wer echte Kompetenz innehat, benötigt keine Kultur – Kostüme. Bei Kompetenz geht es mir nicht um das alleinige Wissen über die Zusammenhänge, sondern menschlich kompetent ist für mich ein Mensch dann, wenn das Wissen zum Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Denn ohne diese Gemeinschaft ist er nichts. Fast nichts von dem, was mich umgibt, kann ich wirklich alleine herstellen oder in Gang bringen. Aktuell befindet sich die Automobilbranche in Nöten, weil die Pandemie und vermutlich auch einige Katastrophen den Nachschub an Computerchips zum Versiegen gebracht hat. Was wird aus dem viel gelobten Hightech – Plan, wenn Teile des Planeten unbewohnbar werden? Können sich die Industrieländer autark machen und auf all die Produktionsstätten verzichten? Wäre es nicht logischer, als wohlhabendes Land an der einen oder anderen Stelle zu verzichten, damit die ärmeren Länder weiter produzieren? Nur so ein Gedanke von mir.

Die Grundidee bei der Kritik besteht darin, dass Naturwissenschaften Erkenntnisse liefern, aber der Umgang damit von diversen anderen Faktoren abhängt. In Tschernobyl konnten die Naturwissenschaftler mit Sicherheit sagen, dass die ersten Einsatzkräfte nach kurzer Zeit sterben werden. Damit fanden die sich Zugunsten einer weit größeren Menge an Toten und Verstrahlten ab. An der wissenschaftlichen Erkenntnis gab es nichts zu deuten. Wir wissen, dass demnächst die giftigen Hinterlassenschaften des II. Weltkriegs nicht nur große Teile des Lebensraums Meer zerstören, sondern das Schweröl aus den Tanks Küstengebiete verseuchen wird. In der Ostsee hat dies bereits angefangen. Die Wissenschaft und Aktivisten haben darauf hingewiesen, oder anders: Das Wissen weiter gegeben. Vor der Aufgabe die Katastrophe abzuwenden stehen mehrere Staaten. Da es sich um Hinterlassenschaften aus dem II. Weltkrieg handelt, wird diskutiert, ob sie in der Verantwortung der Herkunftsstaaten der am Meeresgrund liegenden Schiffe mit Schweröl in den Tanks und Unmengen von versenkten TNT liegt, die “Zerstörer” der Schiffe und Entsorger der Kriegsmunition (Allierte) gefragt sind oder die von der eintretenden Katastrophe betroffenen Staaten sich selbst des Problems annehmen müssen. Tatsächlich geht es um die Kostenübernahme. Einige Länder setzen auf eine nachträgliche Säuberung der Küstenlinie, was dem Meer nicht hilft. Die Nordeuropäischen Staaten haben nach einer wissenschaftlichen und ökonomischen Berechnung erkannt, dass die Kosten bei einer zerklüfteten Küste extrem nach oben schnellen und eine Lösung am Meeresboden für sie günstiger ist. Wie beim Klima und der Zerstörung wird das Wissen hingenommen und ein anderer Faktor vorangestellt. Geld, welches zur Abwendung des ultimativ eintretenden Schaden investiert werden muss. Wie wahnsinnig es auch sei, im Gehirn des Menschen hat der temporäre Besitz und die Mehrung Vorrang.

Hiergegen treten Neubauer und Co an. Nicht nur, in der Kritik an andere und ihrem Verhalten, sondern auch bei sich selbst.

Kaum jemand spricht beim Thema Klima über die realen Konsequenzen. Damit meine ich nicht die, vor denen in jüngerer Vergangenheit weltweit die Opfer der Katastrophen in Australien, China, USA, Russland, Südostasien standen und nunmehr sich auch in Deutschland zeigen. Das gesamte aktuelle System, inklusive der dahinter liegenden Gedankengebäude und Urstrukturen des Menschen steht vor dem Ende. Der Versuch, sich den Folgen mittels Technologie entgegenzustellen, ist ein verzweifeltes Aufbäumen, welches geeignet ist, das System zu schützen, aber mit absoluter Sicherheit nicht das bestehende natürliche Lebenssystem Erde retten wird. Vielleicht überlebt der Mensch mittels Technologie zusammen mit einigen ihm genehmen Spezies, aber das ursprüngliche sich selbst tragende Lebenssystem geht drauf.

Die Wut und der Hass sind systemimmanent

Das Wachstum, Profite, ein Geldsystem, der Wohlstand, die grenzenlose Neugier des Menschen als unabänderlich zu sehen, die Sesshaftigkeit und die Folgen als Vorteil zu bezeichnen, sind neben diversen anderen Betrachtungen reine Ergebnisse des Großhirns, die auch vollkommen anders gesehen werden können. Glaubensgemeinschaften, indigene Völker, Nomaden, die sich bewusst dagegen entscheiden, sind der Beweis. Jeder der behauptet, die vorgenannten Verhaltensweisen sind die einzigen, zu denen der Mensch fähig ist, macht sich etwas vor und versucht irgendwie die eigene Entscheidung zu rechtfertigen. Wenn es denn überhaupt eine Entscheidung ist. Die Mehrheit der in industrialisierten Staaten lebenden Menschen treffen keine Entscheidung zwischen verschiedenen Ansätzen, sondern passen sich, ohne jemals darüber nachgedacht zu haben ins vorgefundene System ein. Die Gemeinschaft der Amisch kennt die Zeit des “Rumspringa”, in der sich in der Gemeinschaft geborene Jugendliche ab dem 16. Lebensjahr, nachdem sie eine Zeitlang außerhalb gelebt haben, für einen Beitritt entscheiden können.

Und nun kommen junge Menschen daher und stellen diese stets als Selbstverständlichkeit betrachteten Doktrin infrage. Schlimmer noch! Sie üben diese Kritik, während sie innerhalb dessen leben, was als das Nonplusultra ersehen wird. Sollen sie doch gehen! Wir leben in einem freien Land. Da gibt es einen Haken. Die dominante Lebensweise und Anschauung zerstört langfristig alle anderen Optionen. Es ist quasi eine feindliche Übernahme aller anderen Lebenssysteme, die mit einer Art Heilsversprechen verknüpft wird. Mich erinnert dies an die alten christlichen Missionare oder die brutale Zeit, in der in Europa zwischen dem wahren Glauben und der Ketzerei unterschieden wurde. Was die jungen Klimaaktivisten betreiben kommt der Blasphemie gleich. Wie wütend Rechtgläubige darauf reagieren, wissen wir aus der Geschichte. Blasphemie und Ketzerei gefährden nach dem Glauben alle, weil sie das Göttliche, hier den “Freien Markt”, “das Wachstum und den Fortschritt”, herausfordern bzw. anzweifeln.

Die Aussagen, das pure Wissen, der Naturwissenschaftler anzuzweifeln ist vor dem Stand der Wissenschaft, in dem die Quanten – Physik entwickelt wurde, Wissen um den Aufbau von Atomkernen erlangt wurde und Teilwissen über die Zusammenhänge im Universum besteht, vollkommen irrational und geht damit in Glauben über. Bei Glaubensfragen wird es traditionell kompliziert und häufig aggressiv. Aus der Kirche des “Mammon” selbst heraus wird Kritik geübt. Das entspricht Mitgliedern der katholischen Kirche, die vom Papst bis hin zum gesamten Klerus, alles infrage stellen. Wen wundern da noch die Reaktionen auf FFF, Neubauer, Greenpeace u.a.? “Alles was nicht konservativ ist links.” Ja, und alles, was nicht der Linie der Katholischen Kirche folgt, ist Ketzerei.

März 3 2021

Falsche Fronten

Lesedauer 6 Minuten

Manches erscheint mir derzeit wie ein Ballspiel, bei dem mehrere Mannschaften gegeneinander antreten und einen Gewinner ermitteln wollen. Oder sollte ich besser schreiben Gewinnerin? Ich weiß es nicht und mit Verlaub, es ist mir egal. Im Hintergrund agieren Trainer/innen, die versuchen mit den geeigneten Spielern ihre Taktiken zu verändern. Und wie beim Fußball hat die Spielweise und die Taktik nichts mehr mit den 60ern, 70ern, 80ern zu tun. Also braucht neue Taktiker/innen und Spieler/innen. Allein was ich hier gerade tue, die Erweiterung des generischen Maskulinum, ist Teil der neuen Spielart. Verwende ich es, wird dieses als entweder als Haltung wahrgenommen oder mir wird unterstellt, mir lediglich einen Mann in der Rolle eines Taktikers vorstellen zu können. Die Motivation, den Text lesbar zu gestalten wird mir von vorn hinein abgesprochen. Die alten Spieler haben ausgedient und werden teilweise mit Schimpf – und Schande in die Umkleidekabine geschickt. Den Freunden der alten Spielart tut das weh. Wenn aktuell Wolfgang Thierse oder Gesine Schwan seitens der Queer und LGBTQ+ Gruppen angegangen werden, geht es nicht um ihre Person, sondern wofür sie stehen und wie sie zusammen mit anderen bisher das Spiel spielten. Ein wesentlicher Unterschied zu früher ist bereits das Ziel. Beide spielten nicht auf Gewinn. Ihnen ging es vielmehr um den Sinn des Spiels an sich, so als würden ein paar Spieler den Ball zur Unterhaltung, für die Fitness oder Aggressionsabbau kicken. Dann gingen alle mit einem gemeinsamen Erlebnis und einem guten Gefühl vom Platz. Das Ziel wäre dann die Funktion des menschlichen Spiels. Aber es geht auch darum zu wissen, wo der eigentliche Gegner steht.

Wie unterschiedlich die Mitglieder der Personengruppe sein mögen, die auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland leben, gibt es dennoch Gemeinsamkeiten und Ziele, die nicht auf das Individuum beschränkt sind. Sie sind Teil des menschlichen Verhaltens. Und immer, wenn es gemeinsame Ziele, kann über den Weg zum Erreichen diskutiert werden. Im Unterschied dazu können über Standpunkte nur debattiert werden. Ich verstehe den Begriff Gesellschaft als die Bezeichnung für ein Netzwerk. Unterschiedliche Gruppen kommunizieren miteinander. Doch wie häufig in Netzwerken sind nicht alle Endgeräte und Ebenen gleichberechtigt. Ich kann innerhalb dieses Netzwerks das Ziel verfolgen, eine Ebene höher zu gelangen und die bisher dort Anwesenden hinnehmen. Ich kann sie aber auch herunterstufen oder gleich eine Ebene darüber gehen. Es bliebe noch offen, die Ebenen völlig abzuschaffen oder wenigstens auf ein Minimum des eventuell Notwendigen zu reduzieren.

Wie auch immer, ich komme nicht an einer Betrachtung des bestehenden Netzwerks, seiner Regeln, Programmabläufe, Kommunikationswege und Zuweisungen der Berechtigungen vorbei. Bevor ich etwas ändere, muss ich es verstehen. Und bevor ich etwas ändere, gilt der Grundsatz: Never change a running System! Dabei hilft es mir nicht, ausschließlich die eigene Position anzuschauen. Ich muss die Position des alles überblickenden Systemadministrators einnehmen. Jeder Eingriff will gut überlegt sein und mindestens zehn weitere Schritte im Voraus durchdacht sein.

Schöne Worte, schöne Überlegungen, aber eben jenes passiert alles nicht. Wir haben längst nicht mehr ein Netzwerk, sondern eine Vielzahl, die keinerlei kompatible Kommunikationsschnittstellen aufweisen oder selbst wenn sie vorhanden wären, aufgrund des Verlusts einer gemeinsamen Sprache, gar keine Chance einer Kommunikation haben. Selbst die oberste Ebene verfügt nur noch über wenige miteinander verbundene Netze und Schnittstellen.

Wir arbeiten tagtäglich mit Programmbefehlen, die jeder nach eigenem Gutdünken interpretiert und darauf beharrt, dass die eigene Interpretation die einzig ultimative richtige ist. Dummerweise verhält es sich dabei in der Realität, als wenn drei den Befehl “Print” eingeben und der eine davon ausgeht, dass der Drucker anspringt, der nächste auf das Programmfenster für das Brennen einer CD wartet, während wiederum eine andere den Dateimanager erwartet, um in eine Print – Datei zu drucken.

Die Leute knallen sich jeden Tag Schlagworte vor den Latz, ohne dabei zu berücksichtigen, dass sie vollkommen unzureichende Überschriften für komplexe Verhaltensmuster, psychologische Aspekte, historisch abgeschlossene oder noch in die Gegenwart hineinreichende Prozesse und vieles mehr benutzen. Wenn ich damit einen Standpunkt markieren will und einfach schreie: “Komm auf meine Plattform oder Mannschaft!”, mag das angehen. Wenn ich aber etwas erreichen will, in dem ich Denkprozesse anstoße, Perspektivwechsel ermögliche, neue Überzeugungen begründen will, muss ich mehr tun. Erfahrungsgemäß ist es eine blöde Idee ein Gespräch mit einem Angriff, statt einem Aufmacher, zu beginnen.

Wer sich dazu berufen fühlt etwas zu verändern, befindet sich im übertragenen Sinne in der Situation eines Generals. Ich benötige das volle Programm. Späher, Spione, speziell ausgebildete Truppenteile, eine taktisch kluge Formation, eine Lagebeurteilung, die Einschätzung des Gegners, die Psychoanalyse der “feindlichen” Generalität, einen festen Rückhalt in der Bevölkerung, einen Überblick über die Moral und das Leistungsvermögen meiner Truppe, ein taktisches Konzept, innerhalb dessen ich Täusche, Angebote unterbreite, zu Verhandlungen bereit bin, und vieles mehr. Ich kann aber auch den Kopf senken und laut brüllend in die Formation des Gegners hineinrennen. Auf diese Art und Weise kämpften über Jahrhunderte unorganisierte Stämme gegen die römische Armee – und sie verloren! Hätten sie damals schon einen globalen Austausch gehabt, hätten sie mal bei den Chinesen nachfragen können, die hätten sie auf Sun Zi, die Kunst des Krieges hingewiesen. LGBTQ+, Queer, Anti – Diskriminierung, Aktivisten aller Couleur, Anti – Rassisten, sie alle rennen wie die Wandalen, Sachsen, Gallier, Goten, Turkmenen, und wen die Römer noch so alles vor sich hatten, mit gesenkten Kopf in die taktisch gute aufgestellte gegnerische Formation. Da ist es nicht verwunderlich, wenn die restlichen Teile der Bevölkerung darüber nachdenken, auf welcher Seite für sie die meisten Vorteile herausspringen. Taktisch klug wäre es, die hinter sich zu bringen. Hierfür wäre eine gemeinsame Sprache, vor allem eine, die meine Zielgruppe versteht, die eigenen Leute verstehen mich ohnehin, notwendig. Es gilt auch zu berücksichtigen, dass ich Leute am ehesten auf meine Seite bekomme, wenn ich neben einem überzeugenden Konzept für alle, die Vorteile herausarbeite. Dabei befinde ich mich natürlich in Konkurrenz zu meinem Gegner. Extrem kontraproduktiv ist es, wenn die Leute den Eindruck bekommen, dass letztlich zwei Diktatoren miteinander ringen, und sie beidseitig nichts zu erwarten haben.

Überhebliche, von sich selbst zu sehr überzeugte Generäle scheitern auf kurz oder lang. Ich bin teilweise auf der Seite von Wolfgang Thierse. Seit längeren zeichnet sich ein erweitertes ICH, statt eines WIR ab. Uneinig bin ich mit ihm bezüglich der sozialen Nation. Wer meinen BLOG mitliest, weiß über meine Einstellung zu den Themen Klima und Zerstörung der Lebensgrundlagen Bescheid. Ein nationales WIR, auch wenn es ein Soziales ist, greift zu kurz und wird sich als Schwäche erweisen, mit der der Kampf verloren geht. Wenn ich, bei den Begriffen einer kriegerischen Auseinandersetzung bleibe, muss ich die Gegner benennen und den Frontverlauf kennen. Auf der einen Seite stehen die Zögerlichen, die Skeptiker und die Leugner, welche den sich abzeichnenden globalen Prozess aus teils unterschiedlichen Motiven heraus, ignorieren, weiter machen wollen, wie bisher oder maximal zu geringfügigen Korrekturen bereit sind. Eine Teilgruppe hat längst eine Rettung des alten Bestehenden aufgegeben und rüstet sich für das kommende Szenario. Ihnen gegenüber stehen diejenigen, welche die Hoffnung nicht aufgeben wollen, Lösungsansätze sehen, hierfür aber erhebliche Umstrukturierungen als notwendig erachten.

Die zuerst Genannten sind die Habenden, die entweder etwas bereits Vorhandenes verlieren könnten oder am kommenden Szenario selbst nebst Nachfahren etwas verdienen können, bis Schluss ist. Am Krieg beteiligt sind die, welche bisher nichts haben, diesen Zustand an sich ändern wollen, aber keinerlei Interesse an einer Umstrukturierung des Ganzen haben. Sie wollen auch einfach weitermachen, doch mit Gewinnbeteiligung. Die lassen sich mit dem Versprechen, im Falle eines Sieges, noch für ein paar Jahre am Gewinn beteiligt zu werden, zu Kombattanten machen. Dieser Truppe stehen die sich untereinander streitenden Gallier, bei Abwesenheit von Miraculix, Majestix, Asterix und Obelix gegenüber. Cäsar sitzt, sich die Hände reibend, auf seinem Pferd und ist darüber erfreut, dass sich weltweit Anti – Rassisten, LGBQT+, Klimaaktivisten, Querdenker, Esoteriker, Sozialisten, Kommunisten, Intellektuelle, Hartz IV Empfänger, ums finanzielle Überleben kämpfende, religiöse Fanatiker, Feministen, ja, sogar Rassisten, Chauvinisten, Machos, gegenseitig auseinandernehmen, statt sich erst einmal den gemeinsamen Gegner vorzuknöpfen, um dann zu schauen, ob die eine oder andere Zwietracht, nicht die Folge der taktischen Kriegskunst der anderen Seite war. Um bei Caesar zu bleiben: “Divide et impere!” zu deutsch: “Teile und herrsche”.

Allein der Schachzug, viele der Genannten unter “links” einzufassen ist nahezu genial. So als würde weltweit der Besitz von gigantischen Summen allein von der Hautfarbe, oder Progressivität vom Geschlecht bzw. der sexuellen Ausrichtung abhängen. Hierüber können afrikanische Diktatoren herzhaft Lachen und man sollte Persönlichkeiten wie Röhm, oder heutzutage Michael Kühnen nicht vergessen. Weltweit geht es um einen Faktor: Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, sexuelle Neigungen, Charakter, Religion, sind vollkommen unerheblich, wenn ausreichend Geld vorhanden ist. Die Frontlinien liegen zwischen sehr viel Haben, Haben und nichts Haben.

Thierse sprach von Identitätspolitik und die Angesprochenen sahen sich heruntergesetzt. Es ist im Angesicht dessen, gegen wen und wofür es zu kämpfen gilt, tatsächlich lächerlich, wer sich alles für wichtig nimmt. Die meisten übersehen, dass es keine Rechte mehr zu erkämpfen oder verteidigen gibt, wenn es ans richtig Eingemachte geht. Abschließend noch eine persönliche Erfahrung. Meine Töchter maulten, wie eigentlich jeder deutsche Schüler über die Unfähigkeit der Lehrerin. Ihre Argumentationsstrategie, dass ihre Noten deshalb in Keller gingen hatte eine entscheidende Lücke. Beide hatten Mitschüler aus Deutsch – Russischen Familien, und deren Noten waren sehr gut. In Mathematik, Physik, Chemie, hatten die keinerlei Schwierigkeiten, in Deutsch, Geschichte, Erdkunde, also den Fächern, in denen man sich ausdrücken muss, gab es kleinere Probleme. Warum? Weil die hungrig waren! Die hatten erkannt, worum es geht! Wir, die Deutschen, leben längst in einer Enklave. Ich will Warren Buffett mit seinem Zitat über den Krieg zwischen Arm und Reich nicht überstrapazieren, doch darum geht es! Was juckt es mich, wenn ich nicht gerade etwas wie Verantwortung und Spiritualität entdecke, das Schicksal von Menschen, die ich weder kenne oder noch nicht einmal geboren sind? Ob sich jemand Perücken aufsetzt, mit dem gleichen Geschlecht Sex hat oder sich nirgendwo zugehörig fühlt, ist denen so etwas von egal. Genauso wenig interessiert es die, wenn ihnen Leute mit Skrupeln ohne Taktik und Biss versuchen auf die Füße zu treten. Kloppt Euch mal brav untereinander und wenn die Welt untergeht, habe ich wenigstens tteuren Whisky in der Hand. Das ist ein Originalzitat! Aber macht mal weiter …

Februar 26 2021

Missionare einer neuen Kirche

Lesedauer 27 Minuten

Menschliches Handeln basiert immer auf einem Motiv. Was umtreibt die Macher und Autoren der konservativen bis rechts-konservativen Plattformen? Eine Auseinandersetzung mit ihrem Selbstverständnis, mögliche Hintergründe und der Vorgehensweise.

Eine politische Debatte oder Diskussion ist ohne eine Sortierung in eine beschriftete Schublade kaum noch möglich. Dabei muss in keiner das sein, was außen auf einem Etikett steht und bisweilen sind die Aufschriften kryptisch. Eine weitere Eigenart ist der Umstand, dass sich manch eine/r klar erkennbar positioniert und keinerlei Fragen offen lässt, wofür sie/er politisch steht. Wenn jemand von sich behauptet ein überzeugter Kommunist zu sein, glaube ich das zunächst einmal. Besteht dann noch eine Mitgliedschaft in der DKP oder im Spartakus Bund, bestehen kaum noch Zweifel. Dies gilt genauso für Anarchisten. Faschisten sind etwas heikel, weil sie sich positionieren könnten, aber es sich selten trauen. Wobei ich denke, eine Mitgliedschaft in der NPD kann man durchaus gelten lassen. Bei vielen anderen wird es unscharf. Konservativ, reaktionär, rechts – konservativ, sozialistisch, links, ökologisch, kapitalismuskritisch, sind Strömungen und eher Sammelsurien, denn sie eine klare Position beschreiben. Und wie im im anfassbaren Leben, landen Dinge, die man nicht so recht klar zuordnen kann, in verkramten Schubläden. Bei Diskussionen oder Debatten kommt es dann gewollt oder ungewollt zu Missverständnissen. Seit Jahrzehnten steckt bei der Verwendung von Schubladen, meistens ein propagandistisches, Kalkül dahinter. Habe ich es mit einer/m zu tun, die unangenehm auf die für jeden sichtbaren Anzeichen eines Klimawandels oder die Zerstörung der Umwelt hinweist, ist es praktisch die Schublade links aufzuziehen und alles Gesagte mit dem durchscheinenden Lack einer vermeintlichen Sympathie für Kommunismus oder Sozialismus zu versehen. Menschen, die die Gewinner des Kapitalismus, vornehmlich des Neoliberalismus sind, mögen keine Kommunisten. Noch größer ist die Antipathie bei ehemaligen DDR – Bürgern, denen vom ZK der SED ihr Treiben als Sozialismus verkauft wurde. Auf der anderen Seite wird wild mit den Etiketten Rassismus, Nazi, rechtsradikal, rechtsextrem, geklebt.

Woran erkennt man Faschismus?

Der italienische Schriftsteller, Kolumnist, Philosoph, Medienwissenschaftler Umberto ECO hat sich intensiv mit dem Faschismus auseinandergesetzt:

„Faschismus wurde zu einem „Allzweckbegriff“, weil man aus faschistischen Regimen Merkmale eliminieren kann und es trotzdem noch als faschistisch erkennbar sein wird.“ schrieb Umberto Eco 1995. „Nehmen Sie den Imperialismus vom Faschismus und Sie haben noch Franco und Salazar. Nehmen Sie den Kolonialismus weg und sie haben noch den Balkanfaschismus der Ustascha. Fügen Sie dem italienischen Faschismus einen radikalen Antikapitalismus hinzu, (der Mussolini nie fasziniert hat) und Sie haben Ezra Pound. Addieren Sie einen Kult der keltischen Mythologie und die Gral-Mystik (völlig fremd dem offiziellen Faschismus) und Sie haben einen der angesehensten faschistischen Gurus, Julius Evola.“ Viele Namen sagen uns heute kaum noch was. Sie sind im Kontext von Umberto Ecos Zeit zu sehen. In der Konsequenz können sich faschistische Regime deutlich unterscheiden.

Quelle: https://www.pressenza.com/de/2017/10/14-merkmale-des-ur-faschismus-nach-umberto-eco/ letzter Zugriff: 24.2.21/20:00 MEZ

ECO erarbeitete 14 Merkmale des Ur – Faschismus:

1. Traditionenkult.
Der Traditionalismus als Gegenbewegung zum Synkretismus (Vermischung verschiedener Religionen, Konfessionen, philosophischer Lehren) → „Es kann keinen Fortschritt der Erkenntnis geben, die Wahrheit ist ein für allemal verlautbart“.
2. Ablehnung der Moderne:
Trotz Technikverehrung fußt die Ideologie auf Blut und Boden. Im Grunde werden die Aufklärung und die Werte von 1789 abgelehnt.
3. Irrationalismus:
„Denken als Form der Kastration“. Kultur wird verdächtigt, sobald sie kritisch wird. Misstrauen gegenüber dem Intellekt.
4. Ablehnung der analytischen Kritik:
Wenn die Wissenschaft mangelnde Übereinstimmung als nützlich ansieht, ist es für den Ur-Faschismus Verrat.
5. Ablehnung von Meinungsvielfalt und Pluralismus:
Die natürliche Angst vor Unterschieden wird ausgebeutet und verschärft. Der erste Appell des Faschismus oder Vorfaschismus richtet sich gegen Eindringlinge.
6. Entstehen durch individuelle oder soziale Frustration:
Der Appell an die frustrierte Mittelklasse in einer ökonomischen Krise oder bei politischer Demütigung.
7. Nationalismus:
Menschen, die sich der sozialen Identität beraubt fühlen, wird ein einziges Privileg zugesprochen: In demselben Land geboren zu sein. Die Wurzel der urfaschistischen Psychologie ist Verschwörung. Die Anhänger müssen sich belagert fühlen, am besten durch Fremde.
8. Demütigung vom Reichtum und der Macht der Fremden:
Damals: „Juden sind reich und haben ein geheimes Netz gegenseitiger Unterstützung“. Heute „Flüchtlinge kriegen alles, haben iPhones und haben sich zur „Invasion“ verschworen“.
9. „Das Leben ist nur um des Kampfes Willen da.“
„Pazifismus ist die Kollaboration mit dem Feind.“
10 „Elitedenken“:
Man gehört dem besten Volk, der besten Rasse an. Der Führer weiß, dass ihm die Macht nicht demokratisch übertragen werden kann, dass seine Kraft in der Schwäche der Masse wurzelt. Jeder Unterführer verachtet seine Untergebenen. Die Folge ist ein massenhaftes Elitebewusstsein.
11. Erziehung zum Heldentum:
Ein Held ist in der Mythologie ein außergewöhnliches Wesen. Im Faschismus ist der Held die Norm. Das Heldentum hängt eng mit einem Todeskult zusammen. Der Held im Faschismus sucht ungeduldig den heroischen Tod als beste Belohnung und schickt in dieser Ungeduld gerne andere in diesen Tod.
12. Übertragung des Willens zur Macht und des Heldentums auf die Sexualität:
Das ist der Ursprung der Frauenverachtung und der Intoleranz gegenüber ungewöhnlichen Sexualpraktiken (von Keuschheit bis Homosexualität) und die Neigung zur „phallischen Ersatzübung“, dem Spiel mit der Waffe.
13. Selektiver Populismus:
Der individuelle Bürger wird durch den Volkskörper ersetzt. Das Nürnberger Reichstagsgelände wird zum Internetpopulismus.
14. Urfaschismus spricht „Neusprache“:
Ein verarmtes Vokabular mit Framing und Deutungshoheit. Von „Lügenpresse“ bis „Umvolkung“ werden Begriffe neu etabliert.

Quelle: https://www.pressenza.com/de/2017/10/14-merkmale-des-ur-faschismus-nach-umberto-eco/ letzter Zugriff: 24.2.21/20:00 MEZ

Ich finde, als jemand, der in Deutschland, Italien, S sollte nach dem Lesen dieser 14 Punkte eine Pause eingelegt werden, die für einen Blick in einen imaginären Spiegel ausreicht. Der deutsche Faschismus, ist das Ergebnis eines Prozesses, in dem Überzeugungen entstanden, die in die Sozialisation eingebaut wurden und 1945 nicht urplötzlich verschwanden. Ganz im Gegenteil, einzelne Aspekte sind in der Erziehung immer noch anzutreffen, während gar nicht bewusst wird, dass das aus dem Komposthaufen des alten Faschismus genährt wurde. Ich gebe zu, zweimal habe ich auch geschluckt.

Nachrichten als Mittel der Manipulation


Nachrichten können, selbst wenn sie lediglich das Tatsächliche wiedergeben und vollständig sind, einen manipulativen Charakter haben. Welche Nachrichten erlangten mich und warum haben sie mich interessiert, während sich andere meiner Wahrnehmung entzogen? Draußen passieren jeden Tag unzählige Geschichten, von denen ich ein Bruchteil erfahre. Ich benötige Filter, damit ich nicht überflutet werde. Eben genau jene können zum Problem werden, nämlich, wenn ich die Geschichten zur Bestätigung dessen benutze, was ich mir zusammengereimt habe. Hinzu kommt die Überlegung, welche für mich wirklich relevant sind. Vieles betrifft mich objektiv nicht, anders formuliert, sie gehen mich häufig gar nichts an. Es gibt mannigfaltige psychologische Abhandlungen darüber, warum uns Geschichten interessieren, mit denen wir nichts zu tun haben. Dazu gehört die Berichterstattung über sogenannte Prominente, Unglücke, Verbrechen, eben alles womit die Boulevardpresse ihr Geld verdient.

Oftmals antworte ich auf an mich gerichtete Fragen: “Wozu oder wofür benötigst Du diese Information? Welchen Mehrwert hat sie für Dich und was willst Du damit anstellen?” Eine kleine persönliche Abwandlung dessen, was Sokrates seinen Schülern vermittelte. Ich stelle sie auch aus der Ferne. Immer wenn sich jemand darüber empört, dass ihm etwas nicht erzählt wurde. Wobei es meistens nicht darum geht, was dem Einzelnen nicht berichtet wurde, sondern angeblich der Allgemeinheit vorenthalten wurde. Die, in Kenntnis des Empörenden, vollkommen andere Entscheidungen träfe. Allerdings räume ich ein, dass manchmal ein wenig Hintergrundwissen oder dem Prozedere hilfreich sein kann. Zum Beispiel leben Deutsche in einer durch und durch verwalteten Gesellschaft. Für das Verständnis diverser Vorgänge ist das Wissen, wie Verwaltung funktioniert und tickt, förderlich. Schubladen, Ordner, Etiketten, Bezeichnungen und vor allem sich daraus ergebende Zuständigkeiten, finanzielle und materielle Zuwendungen, sind in der Verwaltung täglich Brot.

Letztens sah ich einen Beitrag von Michel Friedman, den ich sehr schätze, in dem er sich aber diesmal verrannte. Er mokierte sich über die Einordnung von Straftaten, bei denen viel zu spät der Generalbundesanwalt eingeschaltet wurde. Alles eine Folge der Verwaltung. Ein engagierter Ermittler muss sich gut überlegen, was er auf seinen Ordner schreibt. Ist es der falsche Begriff, wird er je nach Zielsetzung, einen Vorgang nie wieder los oder das Ding wird einem weggenommen. Manchmal müssen Ermittlungen vor den falschen allzu neugierigen Augen versteckt werden. Ein Mittel ist es, ein niederschwelliges Etikett zu wählen, welches keine schlafenden Hunde weckt. Im Übrigen ist der Generalbundesanwalt niemand mit eigenen ihm speziell zugeteilten Superermittlern, sondern mehr eine Koordinierungsstelle. Aber dies nur am Rande. Bei allen größeren politischen Aktionen ist immer ein Verwaltungsfaktor dabei, bei dem der Wissende grob die Anzahl der Beteiligten, die notwendigen Schritte und vor allem die zu nehmenden Hürden einschätzen kann. Der Vorteil ist dabei: Wenn eine echte Sauerei abläuft, sind so viele beteiligt, dass es irgendwann eine undichte Stelle gibt. Man muss nur lange genug warten.

Im Zeitalter der Digitalisierung gibt es kaum noch echte Geheimnisse. Mit ein wenig Talent zur Recherche und Zeit bekommt der Interessierte nach und nach fast alles heraus. Für fast alles gibt es mehrere Quellen, die ich gegeneinander laufen lassen kann, auf diese Art einen gemeinsamen Inhalt ermittle und am Ende ziemlich gut über das reale Geschehen Bescheid weiß. Große Anteile des Geschehens sind zu einer Datenbank geworden, die jeder mit Suchparametern abfragen kann. Und die gewählten Parameter sagen eine Menge über mich aus: Sie verraten meine Interessen und weisen auf den Verwendungszweck hin.

Das Geschehen als Datenbank – Suchparameter: Nationalität

Einige Zeitgenossen ergötzen sich gern an Raub, Mord, Totschlag. Irgendwo hat eine/r auf dem deutschen Staatsgebiet einen anderen Menschen ums Leben gebracht. Gut! Menschen töten Menschen, das ist recht banal und kommt auf diesem Planeten minütlich vor. Wenn ich weder das Opfer, noch den/die Täter/in kenne, nicht einmal mit jemanden aus dem weiten Lebensumfeld bekannt bin, ist dies jetzt erst einmal nicht spannend. Gut, wenn es sich um einen Krieg handelt, vor allem wenn deutsche Soldaten beteiligt sind, könnte dies ein gewisses Interesse auslösen. Einigen reichen die einfach erlangbaren Information nicht aus. Wo ist das genau passiert? Was weiß man über den, die, Täter/in? Deutsche/r? Aus dem Ausland? Welches Land? Religion? Welche Gründe gab oder gibt es für den Aufenthalt? Mit dieser Ausprägung der Neugier unterscheiden sie sich schon mal von anderen Menschen. Manche nennen sich Journalisten, andere Politiker und wieder andere verstehen sich als Aufklärer.

Ein Teil legt einen besonderen Wert auf die eigene Nationalität des Täters/ der Täterin/ der Täter oder Eltern, Großeltern. Wobei ihnen dies oftmals schwer beantwortet werden kann. Staatsrechtlich und im normalen Sprachgebrauch ist Deutscher, wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Alle anderen Interpretationen sind seit der Beendigung der Regierungszeit der NSDAP nicht mehr üblich. Vor 1945 wäre die Antwort einfacher gewesen. Ab September 1935, mit Verabschiedung der Nürnberger Gesetze, hätte auf eine Abweichung von “deutschblütig” oder “artverwandt” hingewiesen können. (siehe Umberto Eco) Mittlerweile behelfen sich einige mit einer Entlehnung aus der Soziologie und verwenden den Begriff “Migrationshintergrund”. In der breiten Masse bezieht sich er sich nicht auf eine tatsächliche Migration in das völkerrechtliche deutsche Staatsgebiet. Den Verwendern des Begriffs geht es ebenfalls nicht um die ursprüngliche Forschung nach den besonderen Problemen, die kulturelle Veränderungen, Ausgrenzung, Fremdeln, usw. mit sich bringen. Mitteleuropäer (quasi das alte “artverwandt”) werden ausgeklammert und nur Personen, die selbst oder deren Eltern, Großeltern, außerhalb Mitteleuropas geboren wurden, erfahren die Zusatzbezeichnung “Migrationshintergrund”. In der Ideologie der Nationalsozialisten gab es noch die germanischen Völker, zu denen die Slawen nicht gehörten. Passend dazu wird bei Tätern, Täterinnen, aus dieser Ecke Europas auch gern der Migrationshintergrund erwähnt. Aber ich habe selten bis niemals von einem französischen, belgischen, niederländischen oder britischen Migrationshintergrund gehört oder gelesen.

Wie auch immer, das Ganze entspricht wie erwähnt einer Datenbankabfrage, bei der Daten mittels einer vom Verwendungszweck abhängigen Suche abgefragt werden. Jetzt spiele ich dies einmal durch. Es passiert ein Totschlag, das Opfer ist eine deutsche Staatsbürgerin und der Täter ist meinetwegen ein syrischer Staatsbürger, der vor dem Kriegsgeschehen in seinem Land geflüchtet ist. Die spezielle Gruppe der Neugierigen findet dies nicht nur erwähnenswert, sondern gleichsam empörend.

Im § 212 Abs. 1 – Totschlag – StGB steht: Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.

Also im Gesetzestext, nicht einmal in der Vorgängerversion, dem Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich vom 15. Mai 1871, ist die Herkunft in irgendeiner Art relevant. Ist es jetzt irgendwie anders zu bewerten, wenn ein deutscher Staatsbürger, mit in Deutschland geborenen Eltern und Großeltern, eine deutsche Staatsbürgerin erschlägt und müsste bei der auch nochmals nachgehakt werden, ob wiederum ihre Eltern und Großeltern in Deutschland (BR Deutschland, DDR wäre auch noch offen) geboren wurden? Macht es für das Opfer einen Unterschied, von wem es getötet wurde? Oder ist die Empörung ein bestätigender Ausruf? “Wusste ich es doch!” Was? Das die Fähigkeit des “Homo sapiens sapiens” zu Töten vom Längen – und Breitengrad des Geburtsorts abhängt? Oder ist es weniger verwerflich in seinem vom Schicksal abhängigen Geburtsland ums Leben zu bringen? Wenn schon, dann wenigstens im eigenen Land? Wie sieht es dann aus, wenn der Täter ein “Bio – Deutscher” (auch eine nette Umschiffung des Begriffs – deutschblütig – ) ist? Sollte der vielleicht härter bestraft werden, weil es undeutsch ist, andere umzubringen?

Wie wollen rechts – konservative Plattformen Nachrichten gestaltet haben?

Vielleicht kann die Betrachtung eines konkreten “Neugierigen” Aufschluss geben. Am 22. Februar 2021 veröffentlichte der Journalist Boris Reitschuster auf seiner Seite reitschuster.de den Gastbeitrag eines Dr. Manfred Schwarz (auch Autor auf der Plattform: Tichys Einblicke), in dem sich dieser kritisch zur medialen Berichterstattung über ein Tötungsdelikt in Lüneburg äußert. Sein Missfallen richtet sich auf den Umstand, dass für seinen Geschmack zu wenig persönliche Informationen über den Täter und den Tathergang publiziert wurden. Anders: Seine angelegten Suchparameter wurden nicht ausreichend berücksichtigt. Er schreibt am Anfang:

“In der Psychiatrischen Klinik Lüneburg hat ein Insasse zwei Menschen brutal umgebracht, eine Pflegerin wurde schwer verletzt, zwei weitere Personen leicht. Der mutmaßliche Doppelmörder konnte von mehreren Streifenwagen-Besatzungen der Polizei unter Einsatz von Pfefferspray festgenommen werden.
Wieder einmal ist es interessant, dass zwar nahezu alle größeren Medien hierzulande über den Doppelmord berichteten – aber fast alle keine genauen persönlichen Hintergründe des Täters veröffentlicht haben.
Um das vorweg zu nehmen, was Zeitungen, Radiosender und  Fernsehanstalten verschweigen – von der Münchner „Abendzeitung“ und vom „NDR“ über das Hamburger Abendblatt“ und die „Süddeutsche Zeitung“ („SZ“) bis zum „Spiegel“ und zur „Zeit“: Der Tatverdächtige ist ein Syrer, der offiziell als „Schutzsuchender“ – also als „Flüchtling“ – gilt. Der „Geflüchtete“ ist hierzulande bereits mehrmals schwer straffällig geworden, wurde aber rechtswidrig von den zuständigen Behörden weiterhin in Deutschland „geduldet“.”


https://reitschuster.de/post/doppelmord-in-lueneburg-medien-verschweigen-hintergruende/ letzter Aufruf: 24.2.2021/ 20:02 MEZ

Nun, ob es ein Mord ist, wird vor Gericht zu klären sein, immerhin scheint bereits sicher zu sein, dass es keine Gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge war. Ob die Duldung rechtswidrig ist, kann aus der Ferne schlecht beurteilt werden. Aber es scheint dem Verfasser wichtig zu sein, dass der Täter ein Syrer ist. Warum, ist hier noch nicht erkennbar. In einem weiteren Absatz schreibt er:

Gewalteinwirkung auf den Hals“? Das ist oft die beschönigende Umschreibung dafür, dass einem Menschen die Kehle durchgeschnitten wurde. Die „Abendzeitung“ berichtete vernebelnd: „Was der Auslöser für die Gewaltattacke auf der Station war, blieb zunächst unklar.“ Damit ist der Fall für die Mainstream-Medien erledigt. Wie hätte wohl die Welt des linken Medien-Mainstreams reagiert, wenn ein „Bio-Deutscher“ mehrere Flüchtlinge in der Psychiatrie umgebracht hätte?

https://reitschuster.de/post/doppelmord-in-lueneburg-medien-verschweigen-hintergruende/ letzte Abfrage: 24.2.2021 /20:03 MEZ

Alle regionalen Zeitungen, hierunter das Eichsfelder Tageblatt und die Hannoversche Allgemeine Zeit wissen da ein wenig mehr. Das erste Opfer wurde erdrosselt oder erwürgt, näheres wird eine Obduktion ergeben. Opfer Nummer zwei erlitt eine schwere Kopfverletzung, die am Ende wahrscheinlich zum Tode führte, wobei auch dies seitens der Gerichtsmedizin zu klären sein wird. Doch ich notiere an dieser Stelle, dass Herr Dr. Schwarz auf einen linken Mainstream verweist. Was das genau ist, weiß ich nicht. Kommunistischer/Sozialistischer Mainstream? Auf jeden Fall scheint er der Auffassung zu sein, dass bei einem mutmaßlichen Totschlag, ausgegangen von einem deutschen Staatsbürger, mit deutschen Eltern und Großeltern, welcher sich zum Tatzeitpunkt als Patient in einer psychiatrischen Einrichtung befand, zwei syrische Patienten tötete, eine andere Reaktion stattgefunden hätte. Was auch immer dieser linke Medienmainstream sein soll, und wer alles dazu gehört, dazu schweigt er, scheint auf jeden Fall für ihn irgendwie bedrohlich zu sein. Mir erscheint niemand sonderlich analytisch veranlagt zu sein, wenn bei einem Vorfall in einer psychiatrischen Einrichtung als Top – Information die Nationalität eine Rolle spielt. Ich würde als Erstes an Krankheiten, Impulsdurchbrüche bei Traumatisierungen oder manische Depressionen denken.

Abschließend heißt es bei Herrn Dr. Schwarz:

„Bild“ hat in ihrer Print-Zeitung geschrieben, dass es gegen den festgenommenen Tatverdächtigen bereits „Verfahren wegen Körperverletzung und Bedrohung“ gegeben hat. Eine etwas verniedlichende Umschreibung dafür, dass der Verdächtige offenbar schon mehrfach als brutaler Schläger aufgefallen ist – und vermutlich Mitbürger wiederholt in Angst und Schrecken versetzt hat.
Anders formuliert: Menschen sind Opfer eines Kriminellen geworden, der längst hätte abgeschoben werden müssen. Aber wie viele Medien in Deutschland würden sich heute noch trauen, diese bitteren Wahrheiten auszusprechen?

https://reitschuster.de/post/doppelmord-in-lueneburg-medien-verschweigen-hintergruende/ letzte Abfrage 24.2.2021 20:04 MEZ

Was steckt dahinter?

Wahrheit ist ein großes Wort. Aber ich bin mal nicht kleinlich und interpretiere sie als das dialektische Gegenteil von Falschaussage oder wenigstens einer in Teilen falschen Behauptung. Doch selbst das ist hier nicht ganz einfach. Er schreibt von Hörensagen, bzw. einer nicht gerade seriösen Quelle, die sich selbst auf Verfahren zurückzieht und wohlweislich nichts von einer Verurteilung erwähnt. Basierend darauf vermutet er etwas, nämlich den brutalen Schläger, um dann am Ende aus allem zusammen einen vermeintlichen Fakt zu basteln: Täter war ein aus Syrien stammender Krimineller, der längst (vor Monaten? Jahren? Tagen?) in ein Kriegsgebiet hätte abgeschoben werden müssen. Dabei stellt sich die Frage, ob es dort nicht auch zu einem Totschlag an anderen Menschen gekommen wäre. Bislang habe ich nichts von einer psychiatrischen Behandlungsmethode mit der Bezeichnung Abschiebung gehört. Oder ist der Totschlag eines Syrers in seinem eigenen Land anders zu bewerten? Seltsamerweise weist Hr. Dr. Schwarz selbst darauf hin, dass Menschen – nicht explizit Deutsche – Opfer wurden. Hat er da im letzten Moment die Kurve bekommen?

OK, meinem persönlichen Eindruck nach, geht es weniger um Neugierde, Interesse, sondern um Abschiebung und Herstellen einer Konnotation. Jemand, hier konkret Dr. Schwarz, hört etwas von einem Tötungsdelikt, fragt die Datenbank mit der Suchparametern – Ausländer, Migration, Flüchtling – ab, sieht sich in seiner Vorurteilsstruktur bestätigt und legt los. Und jeder, der die Struktur nicht bedient, getraut sich nicht bittere Wahrheiten auszusprechen. Welche eigentlich? Wäre der Mann bereits abgeschoben gewesen, lebten zwei in Deutschland geborene Patienten, mit deutschen Eltern und Großeltern noch, und wenn überhaupt, wären zwei Syrer gestorben? Ich überlasse jedem selbst, den Text, die Tendenz und den Subtext mit den 14 Punkten von Umberto Eco (ein Intellektueller und somit vermutlich aus Sicht einiger Zeitgenossen ein Linker) abzugleichen.

Doch in welche Schublade sortiere ich nun Herrn Dr. Schwarz? Und mit welcher Motivation bietet ihm der Journalist Reitschuster das Forum seiner Seite an? Diese hat er immerhin unter das Credo “Kritischer Journalismus. Ohne “Haltung”. Ohne Belehrung. Ohne Ideologie.” gestellt. Dafür hat der Gastautor, eine Menge Ideologie, z.B. die Annahme der Existenz einer vorherrschenden, linken gesellschaftspolitischen, kulturellen Ausrichtung der deutschen Medienlandschaft, hineingepackt. Aber, wie jeder andere, der seine Seite zur Verfügung stellt, macht Boris Reitschuster klar, dass es sich nicht unbedingt um seine Meinung handeln muss und er seinen Lesern ein breites Spektrum anbieten möchte. Zu Herrn Dr. Schwarz findet sich unter dem Artikel seine Kurzdarstellung.

Dr. Manfred Schwarz (Politologe): Zivillehrer an der Hamburger Landespolizeischule, dann etliche Jahre Berufsschullehrer und Dozent in der staatlichen Lehrerfortbildung (Bereich: Politik); jeweils acht Jahre Medienreferent in der Hamburger Senatsverwaltung und (nebenamtlich) Vizepräsident des nationalen Radsportverbandes BDR (verantwortlich für die bundesweite Medienarbeit / Herausgeber einer Internet-Radsportzeitung). CDU-Mitglied, sechs Jahre Mitglied des Hamburger CDU-Landesvorstands. Heute Autor für verschiedene Internetportale mit den Schwerpunkt-Themen Politik und Medien.

Quelle: https://reitschuster.de/post/doppelmord-in-lueneburg-medien-verschweigen-hintergruende/ letzte Abfrage 24.2.2021 20:05 MEZ

Er selbst hat sich demnach per Parteimitgliedschaft ein Etikett verpasst. Christlich und Konservativ! Ich habe bei vielen Mitgliedern der CDU den Verdacht, dass die eine besondere Ausgabe der Bibel im Regal zu stehen haben. Gut, ich bin raus, weil ich zwar getauft und konfirmiert bin, aber im Laufe des Lebens mit Überzeugung für eine andere Anschauung eintrete. Das Weltgeschehen ist komplex und beruht auf Wechselwirkungen. Der Syrer wurde nicht als einer geboren, der eines Tages ausrastet. Es ist nicht möglich jeden einzelnen Faktor aufzuschlüsseln, der zu diesem Tag führte. Wo will man da anfangen? Warum ist Syrien der Staat geworden, der er jetzt ist? Was führte zum Krieg? Was zur Machtübernahme eines Assad – Clans? In welcher Art Familie wuchs er auf? Geriet er in Kampfhandlungen? Was geschah auf der Flucht mit ihm? Für mich, als Anhänger der buddhistischen Philosophie gibt es grundsätzliche Ursachen, die alles und jeden betreffen. Das im Menschen vorhandene Ur – Programm der Gier, die ein Festhalten und Verteidigen des Erlangten, den gerechtfertigten oder auch ungerechtfertigten Neid anderer erweckt und oftmals dazu führt, dass jemand zu wenig zum Leben hat, weil eine/r sich zu viel vom Kuchen abgeschnitten hat. Natürlich gestehe auch Hr. Dr. Schwarz zu, dass er das Endergebnis einer ganzen Kette von Ereignissen ist. Dies gilt ebenso bei mir und jedem Lebewesen auf der Erde.

Vielleicht ist das mit der Schublade gar keine gute Idee?

Ich hatte beim Lesen der Seiten auf reitschuster.de beinahe schon den Aufkleber rechts – konservativ in der Hand. Alternativ vielleicht “narrow – minded”, “reaktionär” oder “Nationalisten”. Auch wenn Hr. Reitschuster selbst eine Biografie beschreibt, die einst mit der SPD startete und er an einer Stelle erwähnt, dass ihm ein “Höcke” unheimlich ist. Politische Ausrichtungen sind immer mit Psychologie verbunden. Beispielsweise sind Rassismus, die instinktive Angst vor Fremden, Verlustängste, der Wunsch nach Bewahrung des bisher Gewohnten, tief im Menschen verwurzelt. Es gibt Richtungen, in denen dem Menschen der freie Wille abgesprochen wird. Meiner Meinung nach gilt dies für die ersten Sekunden. Danach kann das Großhirn seine Arbeit machen. Der Haken dabei ist der Umstand, dass auch der Wille, dieses einzusetzen und sich eine Praxis zuzulegen, die eine effiziente Nutzung ermöglicht, von irgendwo her kommen muss. Womit wieder die Diskussion aufkommt: Ist der Mensch ein determiniertes Wesen oder nicht?

Wir haben eine Opfer – Kultur. Externalisiert man das Geschehen, womit es nicht mehr zwingend mit dem ureigenen Verhalten im Zusammenhang steht, wird vieles subjektiv leichter. Opfer bekommen Zuwendungen und die sind dem Menschen wichtig. Andererseits kann ich mich auch dem Opfer zuwenden und mich damit besser fühlen. Weiterhin gäbe es noch die Option, sich selbst für alle Opfer verantwortlich zu fühlen, was zu einer Selbstkasteiung führt. Christen können dies gut. Entsprechen sie nicht ihrem religiösen Idealbild des Menschen, sind sie schuldig und sind nach dem Ende des diesseitigen Lebens auf einen milden Richtspruch angewiesen. Aufmerksamkeit ist in unserer Zeit, in denen Massengesellschaften, überwiegend das Bild prägen, das A und O. Wenn ich mir nicht alleine das Bewusstsein einer selbstverständlichen Individualität verschaffen kann, muss ich mir etwas einfallen lassen. Der Trick, eine Mehrheit für fehlgeleitet zu halten und mich selbst einem exklusiven Club der durchschauenden Kritiker zu halten, ist naheliegend. Gleiches gilt für die Manipulation einer Gefolgschaft, die mir das wohlige Gefühl vermacht, der herausragende Anführer zu sein. Mich dabei als Opfer zu stilisieren, ist Mittel zum Zweck.

Opfer – Kult

Gibt es ein Opfer, existiert auch eine Täterin oder ein Täter. Im Fall der überwiegenden Beiträge auf der Seite, sind es entweder die Regierung oder eine Verschwörung von etwas, was die Verfasser als “links” titulieren. Zu diesem “links” gehören u.a. Naturwissenschaftler und Leute, die diesen Wissenschaftlern glauben, nämlich alle die von einem menschlichen Faktor bei der Erwärmung des globalen Klimas sprechen. Links sind auch diejenigen, welche Covid-19 für eine ernsthafte Bedrohung des Gesundheitssystems halten und deshalb eindämmende Maßnahmen für notwendig erachten. Gleichsam ersehen sie die Theorien des (Neo)liberalismus, mit dem dazugehörenden Godfather Friedrich von Hayek, als die letzte aller Wahrheiten. Über den kann man viel sagen oder es lieber sein lassen. Auf jeden Fall passen die vorgenannten Ablehnungen gut zu ihm. Was ich wiederum nicht verstehe, ob die an irgendeine göttliche Rettung glauben oder schulterzuckend in den Abgrund fahren wollen, weil es ohnehin nicht abwendbar ist. Doch das Bild Abgrund ist nicht ganz passend. Bei ihm wäre bis zur Kante eine entspannte Fahrt garantiert. Wir nähern uns vielmehr einem großen Feuer und es wird immer unangenehmer, je näher wir ihm kommen. Reiche haben einen Schutzanzug, während Ärmere Meter für Meter auf der Strecke bleiben. Hier ist ein springender Punkt. Augenscheinlich treten auf der Seite Frauen und Männer auf, denen es gut geht und darauf bedacht sind, dass sich dieser Status Quo nicht ändert. Eins weiß ich, Hayek war mit Sicherheit kein Buddhist. Er akzeptierte die Wechselwirkung, doch er betrachtete die Gier als regulierenden Faktor und nicht als Wurzel des Übels.

Bei mehreren der von Eco gelisteten Kriterien vollziehen sie Punktlandungen. Alles, was mit fremd, Naturwissenschaft und ihre Vorgehensweise sich nach und nach an die Realität “heranzuirren”, dem Neuen aus verschmelzenden Kulturen zu tun hat, ist ihnen suspekt, wenn es sie nicht geradezu anwidert. Eigentlich ist das bei Akademikern aus Mitteleuropa seltsam. Wären nicht irgendwann Römer, Germanen, Goten, Sachen, Franken, Normannen, Wandalen und Vorderasiaten. Kulturell und religiös miteinander verschmolzen, gäbe es uns nicht. Ohne dem auf Naturwissenschaften basierenden technischen Vorsprung hätte es niemals eine Kolonialisierung in der erlebten Form und damit den Aufstieg Mitteleuropas gegeben. Bei meiner Lebenshaltung kann ich die Ablehnung einer ungebremsten technischen und digitalen Entwicklung nachvollziehen, aber bei denen eher nicht.

Die Autoren

Vornehmlich treffen auf der Seite Leute zusammen, die nicht nur von nationalen Grenzen überzeugt sind, sondern Menschen immer in der Kombination mit ihrer Nationalität sehen. Ich bleibe bei meiner schon häufiger gestellten Frage: “Welche Auskunft gebe ich einem Außerirdischen über meine Herkunft? Berlin? Deutschland? Nordhalbkugel oder Erde?” Deshalb das Etikett “narrow – minded”. Wenn ich beim Betrachten eines Ölbilds mit der Nasenspitze die Leinwand berühre, kann ich wenig über das Motiv sagen. Ich muss schon einige Meter Abstand nehmen. Selbst wenn ich es knallhart angehe, komme ich mit deren Einstellung nicht weiter. Wenn in der kommenden Zeit Küstenregionen unbewohnbar werden, ganze Zonen der Erde zu lebensfeindlichen Gebieten verkommen, sind Kriege, nie dagewesene Fluchtbewegungen und Massensterben programmiert. Da sollte man rechtzeitig beginnen, sich auf das unvermeidlich kommende vorzubereiten. Und Grenzen, die keine Tötungsmaschinerie besitzen, werden die Menschen nicht stoppen. Wer das der nächsten Generation nicht zumuten will, zu denen gehöre ich, muss schleunigst handeln. Womit ich mir vermutlich den Aufkleber “links” locker verdient habe. Die da schreiben sind keine Dummen. Aber wie gedenken sie den zweiten Schritt zu machen? Ihr wollt nicht aufhören das Klima zu verändern? OK! Covid-19? Wir alle müssen sterben, daran kommt keiner vorbei. Aber aktuell können wir noch versuchen einige zu retten. Ihr nehmt eine Überschwemmung der Krankenhäuser und eine steigende Anzahl von Sterbenden hin. Gut! Ist eine Haltung! Dann sei aber die Frage erlaubt, wie wir mit den zu erwartenden Unruhen umgehen? Habt ihr dafür eine Lösung oder einen passenden Einsatzauftrag? Akademiker! Wer von Euch stellt sich mit der Knarre in der Hand an die Grenze? Keine Schublade! Ich bin von früher her Leute gewohnt, die tolle Sachen wollen, aber nicht bereit sind, sich mit den Folgen auseinanderzusetzen. Schaut Euch die Kommentatoren unter Euren Texten an. Das sammelt sich ein Mob, dem der Hass aus den Ohren kommt. Mit denen müsst ihr ein Handling betreiben. Ich setze die Kenntnis des “Zauberlehrlings” voraus.

Warum diese intensive Auseinandersetzung?

Sie ist im gewissen Sinne eine Anerkennung. Was ich gelesen habe, ist gut gemacht und hervorragend geeignet, die etwas niederen Instinkte herauszulocken. Wie gesagt, ich bezweifle stark, dass sie den Mob, der geweckt wird, kontrolliert bekommen. Das Problem liegt nicht in der freien Meinungsäußerung. Die ist allumfassend und ohne jegliche Beschränkung zu jeder Zeit zuzulassen! Allein schon aus dem Grund, weil wir für das Kennenlernen eines Menschen auf seine Worte angewiesen sind. Verbote ändern nicht, was im Kopf vorgeht! Entscheidend sind jene, die zustimmend lesen oder zuhören. Ich wohne in der Nähe einer psychiatrischen Einrichtung. Wenn hier eine/r die Straße entlang geht und dabei Zeugs vor sich hin brabbelt, interessiert dies niemand. Wir erleben immer mehr das Phänomen, dass die Leute auch noch den seltsamsten Aussagen interessiert zuhören und schlimmsten Falls Glauben schenken (Chemtrails, Echsenmenschen, Flat – Earth, QAnon). Manchmal sind sie nicht seltsam, sondern abseits dessen, was dem allgemeinen Konsens nach unter ethisch vertretbar zu verstehen ist (Flüchtlinge, Mittelmeer). In anderen Fällen sind es wilde Konstruktionen, die nichts anderes als fadenscheinige Begründungen für ein weiter andauerndes sattes, aber für folgende Generationen schädliches Leben sind (Klima, Zerstörung der Lebensgrundlagen). Bei allen müssten sich die meisten Menschen an die Stirn Tippen und die/denjenigen mit einem, wie wir in Berlin sagen: “Der hat doch nen Ding an der Bommel!”, stehen lassen. Da stellen sich einige Fragen! Was ist im Bildungssystem schiefgelaufen? Oder, bei den extrem abstrusen Geschichten: Wie ist es zu diesen Persönlichkeitsstörungen gekommen?

Herr Reitschuster geht bei der Manipulation sehr geschickt und subtil vor. Ehre, dem die Ehre gebührt! Ich hab mir mal ein Beispiel etwas genauer angesehen. Im Oktober 2020 nahm er sich eine Umfrage der ARD vor.

Im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat es vergangene Woche einen Brand gegeben. Deutschland hat sich bereit erklärt, Flüchtlinge aus dem Lager aufzunehmen. Wie sehen Sie das? Sollte Deutschland Flüchtlinge aus dem abgebrannten Lager auf jeden Fall aufnehmen? Sollte Deutschland nur dann Flüchtlinge aus Moria aufnehmen, wenn sich die EU-Staaten auf eine europaweite Verteilung der Flüchtlinge einigen? Oder sollte Deutschland grundsätzlich keine Flüchtlinge aus dem Lager Moria aufnehmen?“

Quelle: ARD – Deutschlandtrend Sept. 2020 u. reitschuster.de

87 % der Befragten, stimmten bei dieser Fragestellung einer Aufnahme zu. Nachvollziehbar, dass dieses Ergebnis Hr. Reitschuster nicht ins Konzept passte. Seiner Analyse nach ist die Frage manipulativ. Zur Begründung weist er darauf hin, dass lediglich zwei Optionen angeboten werden, nämlich Ja oder Nein, und dabei eine Hilfe vor Ort außen vor gelassen wird. Dies kann man durchgehen lassen. Es ist jetzt nicht wirklich eine brandneue Erkenntnis, wie sehr die Fragestellung Umfragen beeinflussen. Meiner Kenntnis nach ist dies in fast allen Studiengängen Lehrstoff im Bereich Statistik. Auf der Seite gibt er sich unschuldig, nahezu von geweckten Forschergeist motiviert, diesen hinreichend bekannten Bias nachzuweisen. Folgerichtig startete er eine Umfrage mit einer abgewandelten Fragestellung.

Zitat:

Fragetext: Im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat es vor drei Wochen einen Brand gegeben. Laut Angaben griechischer Behörden soll eine Gruppe von sechs minderjährigen Flüchtlingen, deren Asylanträge abgelehnt wurden, den Brand selbst gelegt haben. Wie sehen Sie das? Sollte Deutschland Flüchtlinge aus dem abgebrannten Lager auf jeden Fall aufnehmen? Sollte Deutschland nur dann Flüchtlinge aus Moria aufnehmen, wenn sich die EU-Staaten auf eine europaweite Verteilung einigen? Oder sollte Deutschland keine Flüchtlinge aus dem Lager Moria aufnehmen und stattdessen vor Ort helfen? Oder sollte Deutschland grundsätzlich keine Flüchtlinge aufnehmen und auch nicht vor Ort helfen?

Quelle: https://reitschuster.de/post/umfrage/ letzte Abfrage: 24.2.2021/ 20:06 MEZ

Wo er die Angabe herhat, dass es sechs minderjährige Flüchtlinge waren, erschließt sich mir nicht, erst recht nicht die Angelegenheit mit den abgelehnten Asylanträgen. Bei der Berichterstattung schwanken die Angaben zwischen 4 – 6 Festgenommenen unter denen sich vermutlich 2 Minderjährige befanden. Der Appell ist nicht zu überlesen! “Abgelehnt – also keine echten Flüchtlinge – u. die sind alle selbst Schuld!” Der zweite Appell: “Warum immer wir Deutsche, wenn schon, dann auf alle EU – Länder.” Bei der Fragestellung stimmen nur noch 43 % der Befragten zu und 44 % dagegen. Was beweist das jetzt?

Im September des letzten Jahres befanden sich im Lager 13.000 Menschen, die dort ohne fließendes Wasser, in Zelten mit offenen Feuerstellen kampierten. Frauen, Männer, Kleinkinder, Säuglinge, Heranwachsende. Darüber hinaus zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem halben Jahr im Corona – Lockdown. Gemäß Flüchtlingshelfern brachte der Umgang mit 35 an Covid-19 Infizierten das Fass zum Überlaufen. Von meiner Seite her: Hut ab an die Bewohner, dass es nicht viel früher zu einem Vorfall dieser Art kam. Und wie soll 13.000 Menschen vor Ort geholfen werden? Und bis jetzt sind es ja wohl die Griechen, die nach Europa hineinrufen sollten.

Aber 44 % bekomme ich offenbar mit einem “Selbst Schuld! Dann müsst ihr halt noch mehr leiden!” Diese “kaltschnäuzige” Einstellung wundert mich jetzt in Deutschland nicht ernsthaft. Irgendwie erinnert mich das auch ein wenig an Strafaktionen gegenüber Partisanen und später dem Vietcong. Bestrafung von 12.994 für die Rebellion von 6 ist kein schlechter Schnitt. Gut, dies hat mir Hr. Reitschuster aufgezeigt. Danke!

Ihm zeigt es etwas anderes:

Zitat:
Das Ergebnis der von mir bestellten INSA-Umfrage zeigt, wie unterschiedlich Umfrageergebnisse ausfallen, je nachdem, wie die Frage formuliert wird. Hier bietet sich leider ein breiter Spielraum für kaum bemerkbare und nachweisbare Manipulationen. Und da wir Menschen einem starken Konformitätsdruck unterliegen, wird so Stimmung erzeugt: Je größer die vermeintliche Mehrheit, umso größer der Drang, sich ihr anzuschließen. Wenn 87 Prozent für die Aufnahme der Moria-Flüchtlinge sind, fällt es vielen deutlich schwerer, eine abweichende Meinung zu haben, als bei 43 Prozent. Und damit, wenn auch knapp, einer Minderheit.

Quelle: https://reitschuster.de/post/umfrage/ letzte Abfrage: 24.2.2021/ 20:06 MEZ

Jean Ziegler: „Die Schande Europas – Von Flüchtlingen und Menschenrechten“ , 144 Seiten, 16 Euro, Bertelsmann Foto: Bertelsmann

Tja, für mich machen das bei 2084 (gem. Seite u. detaillierter Umfragedarstellung) Befragten, aufgerundete 917 eiskalte Typen, die mir einen kleinen Teil meiner Fragen dazu beantworten, wie manches in der Zeit 1933 – 1945 funktionieren konnte. Insofern ein ziemlich interessantes psychologisches Experiment, was Hr. Reitschuster präsentiert. Konformitätsdruck kann man auch als Mitläufertum bezeichnen. Den gibt es auch bei einem Lynchmord, wo am Ende keiner aus dem Mob dabei gewesen sein will. Vielleicht hätte man den Befragten die Bilder, des weltweit vernetzten linken Medien-Mainstreams, wie bei der Buchbesprechung zum Buch des “Linken” /Ironie *off*, Jean Ziegler, bei den Aachner Nachrichten, zeigen sollen? Bilder können recht wirksam sein. Wie sagte doch Alexander Gauland: “Es kann zu Bildern kommen, die schwer auszuhalten sind.”

Im Allgemeinen ist dies eine militärische Einstellung. Die meisten Minen sollen nicht töten, sondern verstümmeln und damit Entsetzen erzeugen. Im Gegenzuge sind allzu schreckliche Bilder den zu Hause vor dem Fernseher sitzenden Coach – Potatoes vorzuenthalten. Die Militärs haben das geschickt in den Griff bekommen. Viele Zuschauer sind die Sequenzen in Video – Spielen gewohnt. Also werden Aufnahmen von Drohnen präsentiert, die den Spielsequenzen gleichen. Schon ist alles nicht mehr so schlimm. Ich zolle heute noch dem im letzten Jahr verstorbenen Norbert Blüm für seine Übernachtung (2016) im Flüchtlingslager Idomeni Respekt. Und seine Worte waren eindeutig.

Bleibt offen, wer, wen, wie manipuliert. Nehmen wir mal an, ich würde mich als Kämpfer für die Freiheit darstellen und das dem einen oder anderen einfachen Gemüt auch plausibel machen, wiese diese Kandidaten auf die Manipulationsmöglichkeiten über Fragestellungen hin und brächte quasi wie in einem Trojanischen Pferd meine eigene Manipulationsabsicht in der vermeintlich skandalösen Aufdeckung unter, hätte dies ein respektables Format. Und nehmen wir mal zusätzlich an, ich hätte mir lange Jahre von gewieften russischen Spezialisten für Desinformation und Propaganda einiges abgucken können, dann wüsste ich rein theoretisch sehr genau, was ich da tue. Oder? Dann müsste einer, der mir auf die Finger schaut, herausbekommen, wozu ich andere manipulieren will.


Die Religion des Marktes und die neuen selbsternannten Hohepriester

Voller Stolz verkündet Hr. Reitschuster, dass er seine Seite im Dezember 2019 freischaltete und im Januar (2021?) 3,1 Millionen Besucher (darunter Ich ;-)) mit 10 Millionen Klicks hatte. Das nenne ich doch mal Aufmerksamkeit! Nach der Nennung der Zahlen benennt er seine Feinde. Zu denen gehört u.a. der Leiter des Tagesschau.de-Onlineportals faktenfinder Patrick Gensing. Daneben aber auch noch die Süddeutsche Zeitung und einige andere. Es folgt ein Hilferuf! Jeder der ihm spendet, unterstützt die Mission “gebühren – gepolsterte” “Haltungs – journalisten” (Anmerkung: Punkt 14, auf der Liste von Eco?) zu ärgern.

Gott ist tot, es lebe der Markt – die Missionare des neuen Kults

Mit “gebühren – gepolstert” ist wohl der öffentlich – rechtliche Rundfunk und die GEZ gemeint. Wie die Gegenmodelle aussehen, kann sich jeder bei Leuten wie Rupert Murdoch, Andrew Breitbart (jung verstorben), Stephen Bannon, Robert Mercer, anschauen. Allesamt Menschen, die wie ehemals Ford, Rockefeller und Co., rechtzeitig erkannten, wie Geld zu generieren ist und wozu es eingesetzt werden kann. Ihr Anspruch hat es etwas von einem “Gott – Komplex“. In ihrer Vorstellung ist die Erde und alles was darauf stattfindet gestaltbar. Das System “Geld” ermöglicht ihnen so etwas wie einen Olymp, in dem sie sich als neue Götter fühlen. Der gedankliche Vorgang ist nicht neu, von dem wurden bereits römische Kaiser und griechische Könige wie Agamemnon beseelt. Zur Erinnerung: Der wurde bestraft und musste im Totenreich lernen, wie sinnlos alles war. Wenn es Leute gibt, die an einer neuen Weltordnung gemäß ihrer Vorstellungen arbeiten, dann sind es die oben Genannten. Götter sind bekanntlich darauf angewiesen, dass man sie dazu macht und an sie glaubt. Das Göttliche ist im Verständnis des menschlichen Großhirns die Instanz über ihm. Ihrer Auffassung nach hat sich das gewandelt. Über allem steht bei ihnen der Markt. Wie in jedem Kult gibt es Priester, Hohepriester, zeremonielle Handlungen, geheimes spirituelles Wissen, Ketzer, angebetete Heilige, Kultobjekte, Tempel, Insignien, spirituelle Versammlungen und überzeugte Missionare, die ihr Heil, ihren Halt und moralischen Kompass im Kult finden und andere überzeugen wollen. Die Zeiten in denen Missionare von der Kirche in fremde Länder entsandt werden, sind vorbei. Dafür gibt es ein Internet, mit online – Plattformen, Foren, Social Media und einer schier endlosen Menge an Manipulationsmöglichkeiten, die jeder Kult benötigt. Für mich stehen die amerikanische Alt-Right Bewegung, die mit ihr offen assoziierten Plattformen, Milliardäre, die mitteleuropäischen Pendants, in einem direkten Zusammenhang. Der Markt ist alles, einige verstehen dies, u. andere minderwertige Unwürdige, meistens jene, welche sich in den 14 Punkten nicht wiederfinden, eben nicht. Und machen wir uns nichts vor, die jetzt schon eintretenden Ereignisse und das in den nächsten Jahrzehnten, zu erwartende Szenario, stellt für sie eine Bedrohung dar. Die Christen waren auch nicht gerade begeistert, als sie einsehen mussten, dass sich die Erde um die Sonne bewegt.

Meiner Meinung nach sind reitschuster.de, PI-News, Die Achse des Guten, Tichys Einblick, Compact, Kopp Verlag e. K./Kopp Online, u.a., die deutschen Plattformen für Missionare/Priester des oben beschriebenen Kults, mit der die Gefolgschaft versorgt und vermehrt werden sollen. Mit einer gewissen Häme stelle ich fest, dass die Damen und Herren bei ihren Aktivitäten einen eklatanten taktischen Schwachpunkt übersehen. Ich habe ein tiefes Vertrauen in anarchistisch denkende Hacker, die ihnen jederzeit einen Stich ins Herz der Strategie – digital gestützte Missionierung – verpassen können. Der “Cyber Krieg” tobt bereits, aber er hat sich bisher nicht über kleinere provokative Scharmützel hinweg entwickelt.

Was ist echte Freiheit?

Mindestens einen Punkt gibt es noch zu klären. Auf all den Seiten wird der Leser mit dem Wort Freiheit bombardiert. Die kann es nur in Verbindung mit verantwortlichen Denken und Handeln geben. Verantwortung ist unteilbar und schon gar nicht zu Externalisieren. Bei uns halten sich staatliche Institutionen weitestgehend aus dem Verbot einer Meinungsäußerung (Zensur) heraus. Ausnahmen, wie die Strafbarkeit von Volksverhetzungen, Leugnen des Holocaust, nationalsozialistische Grußformeln pp. bestätigen die Regel. Von zivilen Instanzen ausgehender Gegenwind, Beschimpfungen, Kritik, Ausgrenzung von Veranstaltungen, sind keine Beschränkungen der Meinungsfreiheit. Hierzu braucht es eine/n, die/der die Meinung sagt oder schreibt und einen Gegenpart. Letzterer kann nichts für die Befindlichkeiten, wenn der Kritisierte damit nicht umgehen kann. Logischerweise ist auch die Gegenreaktion von der Meinungsfreiheit gedeckt. Mich amüsieren Leute, die mir mit Worten, wie: “Wie können Sie diese Frechheit besitzen?”, oder: “Mit welchem Recht erlauben Sie sich die Schamlosigkeit?”, begegnen. Scham? Frech? Über die Kindheit bin ich fünfzig Jahre hinweg. Versetze ich mich in die Lage dieser über mich Empörten, kann ich die Reaktion verstehen. Immerhin wähnen sie sich in einer höher stehenden autoritären Position. In Deutschland schickt es sich nicht, hiergegen zu rebellieren.

Das Thema Freiheit ist weitläufig. Verantwortung bedeutet, dass ich bei meinem Handeln darauf achte, weitestgehend alles zu unterlassen, was Schaden anrichtet. Tue ich dies nicht, und man kann mir vorwerfen, dass ich leichtfertig handelte, muss ich mich verantworten. Leicht gesagt! Bei wem? Den rechts – Konservativen passen die aktuellen Beschränkungen zur Eindämmung der Pandemie nicht in den Kram. Der unmittelbare Nachweis, wer denn genau aufgrund ihrer auf Unvernunft gestorben ist, wird sich nicht erbringen lassen. Wie will ich eine unmittelbare Kausalität zwischen deren “Immer weiter so!” und der Zerstörung der Lebensgrundlagen herstellen, vor allem, wenn sie bereits unter der Erde liegen? Die Jungen könnten auf die Barrikaden gehen: “Nun ist aber mal gut, es geht nicht mehr um Euer kümmerliches Restleben, sondern um unser!” Greta Thunberg hat es getan. Prompt pöbelten die alten Frauen und Männer der hier angesprochenen Gruppe herum, dass man in ihre Freiheiten eingreifen wolle. Ja! Weil Ihr nicht verantwortlich mit Verstand und Vernunft handelt und damit die Freiheit verwirkt habt. Woran liegt’s? An der Gier, die beides ausschaltet. Mein Vater sagte stets zu mir: “Junge, wenn die Piepe steht, versagt der Verstand!” Eine Wahrheit, die die Menschheit vermutlich seit der Höhle begleitet. Ach ja, und sie rückten alles um Thunberg/Neubauer in eine religiöse Ecke, um irgendwie das lästige Naturwissenschaftliche zu umgehen.

Jemanden die Freiheit zu ermöglichen, bedeutet längst nicht, dass sie oder er sie nutzt, lebt oder überhaupt dazu in der Lage dazu ist. In Malaysia erlebte ich eine Geschichte mit einer kranken Katze. Bis sie krank wurde, streunte sie nach Belieben in der Gegend herum. Doch die Tierärztin sagte, dass das Tier über drei Wochen hinweg dreimal täglich ein Medikament bekommen müsse. Es half nichts. Sie musste in einen Käfig gesperrt werden. In der ersten Woche, versuchte sie jedes Mal wegzulaufen. In der zweiten fügte sie sich in ihr Schicksal und krabbelte nach der Einnahme in den Käfig zurück. Alles alles vorbei war, blieb sie, obwohl die Tür offen stand, volle zwei Tage im Käfig. Sie benötigte weitere vier Tage, um sich einige Meter vom Käfig zu entfernen. Richtig streunend sah ich sie bis zur Abreise vier Monate später nicht mehr. Domestizierte Tiere haben niemals das Leben in Freiheit kennengelernt. Mehr noch, die meisten wären in Freiheit überfordert und würden schnell gefressen werden. Käfige gibt es in vielerlei Gestalt und die meisten befinden sich im Kopf. Die Tür steht offen, aber herausgehen ist nicht jedermanns Sache.

Die rechts – konservativen verkaufen sich selbst als Streiter für die Freiheit. Ich will ihn nicht unterstellen, dass sie sich dabei auf den Standpunkt eines Goebbels stellen, der dem Zentrum höhnisch sinngemäß entgegenschleuderte: “Nur weil sie uns die Redefreiheit gaben, heißt dies noch lange nicht, dass wir den Fehler machen, ihnen diese auch einzuräumen!” Taktisch gesehen, hatte er recht. Wenn man etwas überwunden hat, sollte schleunigst alles verboten werden, was man selbst anwendete, da sonst die Gefahr besteht, mit eben jenen Mitteln als nächster abgesetzt zu werden. Ich denke, die meisten sind schlicht im eigenen Gedankenkäfig gefangen. Wer in einem Raum ohne Fenster steht, kann nicht hinaussehen und wer drinnen bleibt, kann sich nicht das Haus ansehen, in dem sich der Raum befindet.

Seitens der Freien gilt es zu verhindern, dass sie von Innen heraus die Leute von draußen hineinlocken. Sind sie erstmal drinnen, wird es schwer sie herauszuholen.

Nationales deutsches Denken? Spielt dies überhaupt noch eine Rolle?

Als Deutscher sollte man nicht den Blick auf die Realität verlieren. Manch eine/r mag sich immer noch für den Nabel der Welt halten. Mittlerweile hat das die Niedlichkeit eines sich wütend aufpumpenden Hamster. Noch verfügen wir über eine starke Volkswirtschaft, doch dies wird sich geben. Um so weniger wir uns dank diverser Strömungen international öffnen und Neuankömmlinge als echte Mitbürger behandeln, desto mehr werden wir schwächeln. Der “Übermensch” wurde längst von anderen gekapert. Der Zenit ist überschritten und nun gehts halt abwärts. Chinesen und Inder bestaunen Deutsche, als Indigene einer untergehenden Welt. Europäische Kolonialisten ließen sich früher mit Ur – Einwohnern in Baströckchen fotografieren, Inder und Chinesen lassen sich mit Frauen in Dirndln und Männern mit Lederhosen ablichten, die dabei stolz einen Bierseidel hochhalten. Ein letzter Funken Hoffnung besteht darin, dass sich die Jungen zusammenraufen und endlich die Hinterlassenschaften des 20. Jahrhunderts überwinden. Meiner Auffassung nach erleben wir eine Zeitenwende. Und immer gab es in solchen Zeiten Frauen und Männer die sich am längst Vergangenen abarbeiteten. Die Epoche der klassischen Nationalstaaten, der USA, die sich als Weltpolizei versteht, Konzerne die im 20. Jahrhundert das Konzept einer neuen Kolonialisation betrieben, sind vorbei. Niemand kann voraussehen, wie es am Ende aussieht. Fest steht: “Anders!” Murdoch ist ein 90 – jähriger alter reicher Bock, Bannon geht auf die 70 zu, Mercer ist 74, Tichy ist 66, Jochen Kopp (55), ist einen Monat jünger als ich, und hat gerade mal 11 Jahre Polizeidienst abgerissen. Auf der anderen Seite stehen Persönlichkeiten, wie eine Luisa Neubauer, die im Alter meiner jüngsten Tochter ist oder eine frisch 18 Jahre junge Thunberg. Ihnen zur Seite stehen eine Menge engagierte Leute um die 30 – Jahre. Und Herrn Reitschuster kann ich mit 5 Jahren Abstand sagen, dass sich mit dem 50. Lebensjahr einiges ändert. Irgendwo hab ich mal von der Weisheit der Dakota Indianer gelesen: “Wenn man auf einem toten Pferd sitzt, sollte man absteigen!” Wer erfahren will, wie ein wacher Geist im hohen Alter funktioniert, muss sich mit Größen wie einem 93 – jährigen Noam Chomsky beschäftigen.

Act now to prevent an environmental catastrophe/ Handeln Sie jetzt, um eine Umweltkatastrophe zu verhindern

100 academics, authors, politicians and campaigners from across the world call for action to address climate change

Internationale politische Organisationen und nationale Regierungen müssen die Klimaproblematik sofort in den Vordergrund rücken und dringend eine umfassende Politik zu ihrer Bewältigung entwerfen. Konventionell privilegierte Nationen müssen freiwillig umfassende Umweltschutzmaßnahmen in verarmten Nationen finanzieren, um letztere für den Verzicht auf ein nicht nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu entschädigen und eine Wiedergutmachung für den den Planeten plündernden Imperialismus der materiell privilegierten Nationen zu leisten.

Angesichts der Tatsache, dass extreme Wetterbedingungen bereits die Nahrungsmittelproduktion beeinträchtigen, fordern wir, dass die Regierungen jetzt handeln, um jegliches Hungerrisiko zu vermeiden, mit Notinvestitionen in agrarökologische, extremwetterresistente Nahrungsmittelproduktion. Wir fordern auch einen dringenden Gipfel zur Rettung der arktischen Eiskappe, um die wetterbedingte Beeinträchtigung unserer Ernten zu verlangsamen.

Wir rufen außerdem besorgte Weltbürger auf, sich zu erheben und sich gegen die gegenwärtige Selbstgefälligkeit in ihren jeweiligen Kontexten zu organisieren, einschließlich der Verteidigung der Rechte indigener Völker, der Dekolonisierung und der ausgleichenden Gerechtigkeit – und sich so der globalen Bewegung anzuschließen, die jetzt gegen das Aussterben rebelliert (z.B. Extinction Rebellion in Großbritannien).

Wir müssen kollektiv gewaltfrei tun, was immer nötig ist, um Politiker und Wirtschaftsführer davon zu überzeugen, ihre Selbstgefälligkeit und Verleugnung aufzugeben. Ihr “business as usual” ist nicht länger eine Option.

Die Weltbürger werden sich dieses Versagen unserer planetarischen Pflicht nicht länger gefallen lassen. Jeder von uns, besonders in der materiell privilegierten Welt, muss sich verpflichten, die Notwendigkeit zu akzeptieren, leichter zu leben, viel weniger zu konsumieren und nicht nur die Menschenrechte, sondern auch unsere Verantwortung für den Planeten zu wahren.

Quelle: The Guardian, 2018 Offener Brief unterzeichnet von 100 namhaften (u.a. Noam Chomsky), https://www.theguardian.com/environment/2018/dec/09/act-now-to-prevent-an-environmental-catastrophe letztmalig abgerufen 24.2.2021 01:17 MEZ

So, dies soll es erstmal gewesen sein. Ich persönlich finde nicht, dass mir Hetze (etwas worüber sich z.B. Hr. Reitschuster häufiger beklagt) vorgeworfen werden kann. Ich habe sie alle sauber im Textzusammenhang zitiert und sogar versucht, mich in deren Lage zu versetzen. Motiviert ist der Beitrag vom oben stehenden Aufruf, in dem es u.a. heißt ” … Wir rufen außerdem besorgte Weltbürger auf, sich zu erheben und sich gegen die gegenwärtige Selbstgefälligkeit in ihren jeweiligen Kontexten zu organisieren, …”

“Schau’n wa mal!” Ach ja … und wie üblich: “Weiter machen!”

Februar 18 2021

Anti, Anti

buddha mudra mara Lesedauer 8 Minuten

Ständig lese ich, dass sich Leute als Anti – Kapitalisten, Anti – Rassisten, Anti – Sexist usw. bezeichnen. OK! Damit weiß ich, wogegen sie sind. Auf der anderen Seite kommt es oftmals reflexartig zur Interpretation wofür diese Leute stehen. Wer gegen den Kapitalismus ist, muss ein Linker sein. Wer gegen Rassisten ist, kann selbst keiner sein? Anti – Sexisten*innen stehen jetzt wofür genau?

Vorausgesetzt ich weiß, wofür ich stehe, kann mich theoretisch niemand davon abhalten, eine eindeutige Stellung zu beziehen. Ich denke hier beginnen für viele die Probleme. Wie könnte die Alternative aussehen? Die Einfältigkeit der Opposition spricht für sich selbst. Als einzige fällt ihnen der Kommunismus, den etwas differenzierter Denkenden unter Umständen noch der Sozialismus, ein. Es gäbe zum Beispiel den Weg der Genossenschaften, in denen die Werktätigen am Gewinn, den Auswirkungen auf ihr direktes Umfeld, den Investitionen, beteiligt werden. Allgemein könnte man an der umfassenden Veränderung der Anforderungen nachdenken. Jeder der ein Produkt herstellen will, muss sich den Fragen einer fachlich kompetenten Kommission stellen. Wie generierst Du ökologisch vertretbar die notwendige Energie für Dein Produkt? Welche Abfallprodukte entstehen bei der Herstellung, wie können die neutral entsorgt werden und wie steht es mit der Entsorgung Deines fertigen Produkts, wenn es defekt ist oder sich jemand dessen entledigen will? Welche Überlegungen bestehen hinsichtlich einer festzulegenden ethischen Kompatibilität? Wofür kann das Produkt zweckentfremdet werden?

Wie häufig habe ich die Frage bereits gestellt? Ist eine/r, die/der aufgrund eigener Analysen oder dem Lesen fremder zum Ergebnis kommt, dass der bisher eingeschlagene Weg in die Katastrophe führt, ein LINKER? Steht dieses Synonym mittlerweile für Vernunft und Verständigkeit? Stehen konservativ, nationalistisch, rechtskonservativ und rechts für das sture Treten des Gaspedals, die ungebremste Fahrt in Richtung Abgrund?

Ich stelle fest, dass die derzeit bestehenden kapitalistischen Theorien, allen voran der Liberalismus und der Neoliberalismus in den Anfängen des 20. Jahrhunderts eine Konkretisierung erfuhren. Also zu einer Zeit, in der die Auswirkungen auf die Lebensräume und die Begrenztheit der Ressourcen gänzlich unbekannt waren. Prinzipiell der Unterschied zwischen einem jungen und einem alten Menschen. Der jüngere Mensch denkt, es wird sein gesamtes Leben immer weiter gehen, wie es ist, während der Ältere merkt, dass dies nicht der Fall ist. Wir, die Menschheit, haben die Erde in ein Burnout getrieben. Der Verbrauch übersteigt die Regeneration um ein Vielfaches. Davon konnten die alten Theoretiker nichts wissen, für den modernen Menschen kommt diese Ausflucht nicht infrage.

Ich stelle weiterhin fest, dass sich prinzipiell alle Weisen, Religionsstifter, Philosophen der 2000 Jahre vor der industriellen Revolution mit den Themen Gier, Profit, Wachstum, dem Missbrauch von Macht, der Überheblichkeit des menschlichen Großhirns über die Prinzipien der Natur, auseinandersetzten und warnend den Finger hoben. Geht es nach denen, die auf der anderen Seite ihrer Position ausschließlich LINKE sehen, waren Laotse, Konfuzius, der historische Buddha, Mose, Jesus, Sokrates und einige mehr, LINKE, oder womöglich Kommunisten, was natürlich blanker Unsinn ist. Vielleicht erleben wir schlicht ein gigantisches Babylon?

Sind diejenigen, welche überall LINKE sehen, der König Belšazar? Steht an der Wand schon seit geraumer Zeit: Mene mene tekel u-parsin? Wären dann die als LINKE gescholtenen Daniel, die die Nachricht zu deuten wissen? Nun, immerhin wurde Daniel für seine Deutung belohnt.

Wie auch immer, die Sache hat einen nicht unerheblichen psychologisch bedingten Haken. Es betrifft in der Regel nicht die Entscheider, sondern ihre Kinder und Enkel. Und den Jungen, die sich ins Fahrwasser der alten Starrköpfe hängen, ist nicht mehr zu helfen. Einer Generation später die Gräber auszuheben ist eine Sache, es für sich selbst zu tun, eine vollkommen andere.

Es wäre aber genauso verfehlt, einen Anti – Kommunisten, als Rechten zu bezeichnen. Für diese Leute gilt selbstverständlich die Logik ebenso. Jeder Anarchist oder Autonomer ist ein Anti – Kommunist. Doch immerhin sagen beide wenigstens, wofür sie stehen. Vielleicht können einfach gestrickte Konservative nicht aus ihrer Rolle heraus. Wahrscheinlich glauben nicht wenige von ihnen an den Anti – Christen. Jener, welcher absurderweise lediglich den Christen bekannt ist.

Wir sollten niemals vergessen, dem allerersten Radikalen über die Schulter zu schauen: all unseren Legenden nach, Mythologie und Geschichte (und wer weiß, wo Mythologie aufhört und Geschichte beginnt – oder was ist was), war der erste der Menschheit bekannte Radikale, welcher gegen das Establishment effektiv rebellierte, sodass er sein eigenes Reich bekam – Luzifer.

Saul D. Alinsky, Rules for Radicals

Im westlichen Verständnis wird der buddhistischen Figur Mara die Rolle des Teufels, der gefallene Engel Luzifer, zugeschrieben. Dabei ist Mara der Versucher, der die Menschheit vom richtigen Weg abbringen will, damit sie auf immer und ewig im Kreislauf des Leidens bleiben, somit in seinem Reich leben. Versuchung! Gier nach Besitz, immer mehr, Profit, Anhäufen von flüchtigen Dingen, die den Tod nicht überdauern. Wenn man so will, ist Mara die Personifizierung des Kapitalismus. Interessant, dass bei Konservativen, insofern sie den Kapitalismus favorisieren, die Genügsamkeit, das Auskommen mit dem Vorhandenen, mit einem Verzicht gleichgesetzt wird und im Zweifelsfall im Kommunismus endet. Ich würde gern mal von einer/m, die/der Anti – Kapitalisten ausschließlich als Kommunisten verstehen kann, wissen, ob für sie/ihn Benediktiner Mönche ebenfalls Kommunisten sind.

Vielleicht könnte dies Teil der Antwort sein, wofür man steht: Genügsamkeit, Demut gegenüber dem Lebensprinzip auf der Erde, Anerkennung der Lebensberechtigung aller Lebewesen, ohne sich selbst oder den Menschen mangels Legitimierung, über andere zu erheben. Praktisch ist dabei, dass diese Haltung alle anderen anfangs genannten Anti – Aussagen inkludiert.


Kapitalisten kontern Kritik gern mit dem Hinweis darauf, dass sie nicht auf etwas verzichten wollen. Verzicht! Was bedeutet dieses Wort konkret? Zunächst einmal muss etwas existieren, worauf ich verzichten kann. Mehr noch, ohne meinen Verzicht würde es in mein Eigentum übergehen. Aber warum sollte dies passieren? In der Regel, weil ich ein Anrecht darauf habe. Ich kann mir auch alles Mögliche einfach nehmen, schlicht, weil ich es kann. Doch dann wäre es ein Unterlassen und kein Verzicht. Bei Verzicht geht es um das eigene Versagen von etwas, worauf ich ohne diesen Akt einen Anspruch hätte. Hierbei kann ich jetzt unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Ich kann meine Ansprüche davon ableiten, dass ich in einer bestimmten Stadt lebe. Nehme ich ein wenig mehr Abstand, würde ich es von meiner Staatsangehörigkeit abhängig machen. Mit noch mehr Distanz wäre ich bei meinen Ansprüchen als Europäer. Irgendwann käme ich an dem Punkt, wo ich mir die Frage nach der Berechtigung meiner Ansprüche als Lebewesen auf dem Planeten Erde stellen würde. Wie sehen die aus? Ich wurde geboren. Damit bin ich erst einmal existent, nichts und niemand kann mir verwehren, alles dran zu setzen, diesen Zustand aufrechtzuerhalten. Kein anderes Lebewesen hat das Recht, mir dies zu untersagen. Bei näherer Betrachtung würde ich feststellen, dass ein Übermaß an Forderungen, mich in meinem Anspruch selbst sabotiert. Demnach geht es unter Umständen gar nicht um den Verzicht auf etwas mir legitim Zustehendes. Es könnte darum gehen, nicht mehr zu fordern, als mir zusteht. Dies wäre ein Unterlassen! Wenn mir jemand sagt, das ich eine Handlung unterlassen soll, frage ich meistens nach: Warum? Bekomme ich eine nachvollziehbare plausible Antwort, entsteht bei mir eine Einsicht, die sich nahezu immer darauf bezieht, dass ich den Erfolg meiner Handlung nicht möchte. Wenn Du dieses oder jenes tust, wird Folgendes passieren! OK!

Fazit, ich fordere eine/n Kapitalistin/en nicht zum Verzicht auf, sondern ich fordere sie/ ihn auf, die Handlungen einzustellen, weil sie zu einem Erfolg führen werden, den keiner von uns will. Und da es nur eine Welt gibt, habe ich keine Chance, sie einfach machen zu lassen, denn unser Schicksal ist miteinander verbunden. Wir sind auf hoher See in einem Boot unterwegs und die nächste Insel können wir nur mit vereinten Kräften erreichen. Einer allein wird es nicht schaffen. Da ist es schlecht, wenn einer allein alle Wasservorräte aufbraucht, die anderen sterben und nur einer übrig bleibt, der am Ende auch verdurstet. Als Odysseus mit seiner Mannschaft auf der Insel der Herde des Gottes Helios landete, schlachteten sie entgegen der Warnungen der Zauberin Kirke einen großen Teil der Rinder. Ihr Argument: Besser satt auf dem Meer sterben, als den grausamen Tod des Verhungerns zu wählen und Helios würde dieses einsehen. Jedes Rind symbolisierte einen Tag und Helios drohte damit, fortan nur noch für die Toten in der Unterwelt die Sonne aufgehen zu lassen, woraufhin ihm Zeus grünes Licht für die Rache gab. Wenn wir nach Ithaka zurückwollen, sollten wir aufhören die Rinder zu schlachten. Das Verhungern ist nicht sicher, der Tod auf dem Meer durchaus.

Photo by Tima Miroshnichenko on Pexels.com

Welchen legitimen Anspruch kann ich gegenüber den anderen Lebewesen anmelden, woraufhin ich gönnerhaft von einem Verzicht sprechen könnte? Weil ich mehr geleistet habe? Will ich mich wirklich mit der Leistung von Ameisen für den Fortbestand des Lebens auf diesem Planeten messen? Mit der von all den anderen Lebewesen? Da verliere ich. Wenn ich mir kein neues superaktuelles Smartphone kaufe, verzichte ich dann auf eins? Oder unterlasse ich es aus Überzeugung? Wenn ich beschließe meine im Kleiderschrank vorhandenen Sachen so lange wie irgendwie möglich zu tragen, verzichte ich dann darauf jeden Trend mitzumachen oder versuche ich mittels Unterlassen eines Neukaufs, das Quälen eines kleinen Jungen in Bangladesch zu mindern? Verzichte ich auf Luxus, oder unterlasse ich es, noch mehr Unheil anzurichten?

Was ist mit den Obdachlosen, den Flaschensammlern, den Rentern in Armut? Verzichten die auf etwas? Oder, und dies halte ich für die korrekte Formulierung, bekommen die etwas nicht, was ihnen zusteht? Wie kann dann jemand im gleichen Land, dessen Grundbedarf in Gänze erfüllt ist, von einem Verzicht auf etwas Legitimes ihm Zustehendes sprechen? Kann eine begründete Legitimität nicht erst dann konstituiert werden, wenn der Grundbedarf aller gedeckt ist?

Ich muss nicht nach Laos, in die Mongolei oder andere Länder fahren, um verstörende Bilder zu sehen. Wenn ich einkaufen gehe, komme ich derzeit nicht daran vorbei in ein beheiztes Einkaufszentrum zu gehen. Ein Konsumtempel, derzeit ein wenig von Corona ausgebremst. Trotz allem beheizt und beleuchtet. Überall in den Ecken stehen Frauen und Männer mit Plastiktüten, in denen zur Tarnung eine Kleinigkeit offen präsentiert wird. Sie können sich nicht setzen oder gar für einige Minuten auf die Bänke legen, dann würden sie vom Sicherheitspersonal herausgeworfen. Die Banken heizen und beleuchten die gesamte Nacht über die Räume, in denen die Geldautomaten stehen. Aber ab 22:00 Uhr werden sie geschlossen, damit sich dort kein/e Obdachlose/r zum Schlafen hinlegen kann. Ein Service für die zahlenden Kunden.

Kapitalismus bedeutet, dass es Menschen gibt, die auf Dinge verzichten können, die sich sie sich selbst zugestehen, während andere weniger als das Minimum haben. Und es werden immer mehr werden. In letzter Zeit stelle ich mir immer wieder eine Frage. In einem meiner Lieblingsbücher “Per Anhalter durch die Galaxis” wird auf einem fernen Planeten dem Super – Computer “Deep Thought” die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Nach tausenden Jahren versammeln sich die Erbauer und erwarten eine Antwort. “Deep Thought” antwortet: “42”. Auf weiteres Nachfragen hin, erklärt er, dass ein noch größerer Computer, Achtung Spoiler!, die Erde, die Antwort liefern wird. Ich stelle mir aus Gründen nicht die Frage nach dem Sinn. Aber ich finde es etwas erbärmlich, dass nach über 2000 Jahren des Nachdenkens, Buddha, Sokrates, Laotse, Konfuzius, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Kierkegaard, Sartre, und wie sie alle heißen, nicht mehr herausgekommen ist, als Kapitalismus. Noch erbärmlicher finde ich es, dass es Menschen gibt, die Zugang zu all dem Wissen haben, die nur einzige Antwort zum Thema haben: Anti – Kapitalisten sind Linke. Solche Typen sind für mich Menschen, die beim Anblick von “Deep Thought” die Frage stellen, ob sie auf ihm “Football Manager 2020” zum Laufen bekommen.

Nun gut, vielleicht ist alles ein Kampf gegen die Zeit. Wenn es gut läuft, vernichtet sich die Menschheit, bevor sie den letzten Überlebenden, die Chance einer weiteren Existenz nimmt. Dann wäre es taktisch klug, damit dieses Elend endlich ein Ende hat, Kapitalisten auch noch die letzte Tür aufzuhalten.

Irgendwie hätte dies Charme. Das Großhirn wäre dann am Ende doch noch intelligent gewesen und hätte die eigene Auslöschung, als einzig konsequente und richtige Lösung erkannt. Ein durchaus interessanter Gedanke.

Ach ja … ein letzter Hinweis noch. Der zum Beitrag ausgewählte Buddha hat eine Handstellung die auf seine Auseinandersetzung mit Mara hinweist. Mara fragte ihn, nachdem er alles nur Erdenkliche angeboten hatte, warum er denn zu den Menschen zurückkehren wolle. Es wäre doch vollkommen sinnlos, er, der Erleuchtete, würde sie niemals seinen Fängen der Versuchung entreißen. Gautama Siddhartha soll ihm gesagt haben, dass er die Hoffnung nicht aufgeben werde.

Februar 1 2021

Nächstes Kapitel

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Das nächste Kapitel ist frei geschaltet. Diesmal geht es nach Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei. Neben Impressionen, geht es darum was ein Traveller von einem Backpacker unterscheidet. Dann noch, wieso der Dalai Lama in der Stadt einen Thron hat, Wasserklosetts, Gangster und ein wenig Philosophie über Täuschungen. Bitte dran denken, wenn’s gefällt eine kleine Spende an eine Hilfsorganisation und es mir mitteilen, ich werde es dann auf der Spendenseite veröffentlichen. Zum Kapitel 4 – Ulan Bator –