Mai 3 2022

Dorftrottel

Lesedauer 2 Minuten

Einst lebte in einem kleinen Dorf ein Mann, der als Kind manches etwas langsamer lernte, als andere Kinder. Deshalb kam sie im Dorf zum Schluss, er sei dumm. Und das sagte man ihm auch bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Der Mann bemühte sich sehr, alles genau so zu machen und zu sagen wie die anderen Dorfbewohner, aber je mehr er sich bemühte, desto mehr nahmen sie seine Bemühungen als Beweis für seine Dummheit. Sie lachten ihn aus und hänselten ihn. Der Mann konnte das nicht verstehen: Er machte doch alles genauso wie die Anderen und trotzdem wurde er immer nur wie ein Trottel behandelt.
Eines Tages kam ein Mönch auf Wanderschaft in das Dorf. Er unterhielt sich mit den Dorfbewohnern über Sorgen, ihre Nöte und die Welt. Die Dorfbewohner waren sich einig, dass dies ein wirklich weiser Mann war. Da fasste sich der Dorftrottel ein Herz und er sprach mit dem Fremden im Vertrauen. Er schilderte ihm sein Problem, was seine Nachbarn von ihm dachten und wie sie ihn behandelten.
Der Mönch hörte sich die Geschichte an, sah den vermeintlichen Dorftrottel an und sprach: “Das ist leicht zu ändern. Du musst nur Folgendes tun. Jedes Mal, wenn ein Dorfbewohner mit dir spricht und dabei eine Aussage macht oder von einer Erfahrung berichtet, dann antworte ihm, dass Du es nicht glauben würdest, und einen Beweis dafür haben willst. Oder Du fragst, wie dies sicher sein könne. Der Mönch fuhr nach kurzer Pause fort: “Der Witz an der Sache ist: Diese Fragen sind nicht zu beantworten. Es gibt nichts zu beweisen, es findet alles nur in ihren Köpfen statt. Wenn jemand zu Dir sagt, es wäre ein schöner Morgen und du entgegnest mit der Frage nach einem Beweis für die Wahrheit der Aussage, wird er verstummen und sich beschämt fühlen. Er kann es nicht beweisen. Und wenn jemand behauptet, dass Rosen wunderbar duften, dann verlang einfach wieder einen Beleg. Die Leute werden sich dir automatisch unterlegen fühlen.”
Vor dem Abschied überzeugte sich der Mönch, dass sein Schützling die Sache richtig verstanden hatte. Befriedigt kündigte er an: “Ich reise morgen weiter. Nächstes Jahr will ich wieder hier im Dorf sein, dann berichte mir, wie sich die Sache entwickelt hat.”
Ein Jahr später kam der Weise wieder ins Dorf. Der ehemalige Dorftrottel war jetzt der Einberufende des Dorfrates, wurde wegen seines großen Wissens und seiner Weisheit von vielen Dorfbewohnern um Rat gefragt – kurz: Er genoss ein großes Ansehen. Gegenüber dem Weisen stellte er fest: “Es ist komisch! Letztes Jahr war ich noch der Dorftrottel, jetzt gelte ich als weise. Ich habe alles befolgt, was du mir geraten hast. Und dabei bin ich doch noch derselbe Mensch! Das alles nur, weil ich die Menschen immer wieder auffordere, mir zu beweisen, dass die Dinge wirklich so sind, wie sie sie erleben. Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach ist.”
Da sah ihn der Mönch lächelnd an und fragte: “Was glaubst Du, warum sie mich einen Weisen nennen?”