Kapitel 7

Lesedauer 18 Minuten

Im Norden von Laos

Unter den Backpackern in Südostasien gibt es für den Weg von Chiang Mai in Thailand nach Vientiane in Laos die Bezeichnung „Backpacker Trail“. Die meisten buchen in Chiang Mai, Chiang Rai oder Pai eine Tour mit dem Mini Van, mit der sie über die Grenze kommen und direkt am Landungssteg in Ban Huouayxay landen, um von dort aus mit dem Boot über die Zwischenstation Pakbeng in die alte Königsstadt Luang Prabang zu fahren. Deshalb bleibt kaum ein länger als ein paar Stunden im Grenzort Huouayxay hängen. Im Hostel hatte ich ein wenig in den Prospekten herumgestöbert. Dabei erfuhr ich von einer Selbsthilfeeinrichtung der Hmongs. Man konnte dort eine Hütte mieten und unterstützte sie dadurch. Außerdem konnte man der Beschreibung nach das ursprüngliche Leben der Hmong erleben. Die Hmong gelten als das am weitesten verstreute indigene Volk. Über ihre Herkunft ist wenig bekannt. Sie leben in China und gesamt Südostasien. Im Norden von Laos leben sie in den Bergen als Bauern und Viehzüchter. Ihre Probleme in Laos begannen mit dem Ende des Vietnamkriegs. Wieder einmal ging es um den unsäglichen Krieg zwischen den Machtkonstruktionen Kapitalismus und Kommunismus. Die CIA traute den Truppen des laotischen Königs nicht über den Weg und rekrutierte die Mitglieder der Hmong für eine „Secret Army“ gegen die Kommunisten. Nach dem Rückzug der USA rächten sich die Kommunisten. Die Mitglieder der „Secret Army“ zogen sich in den Dschungel zurück, flohen oder gerieten in Lager der neuen Machthaber. Heute leben die meisten friedlich in Bergen, nur in manchen Gebieten rumort es noch ein wenig. Offiziell werden die Kämpfer als kriminelle Banden bezeichnet. Mir scheint, als wenn es Familienmitglieder der alten Kämpfer sind, die die berechtigte Sorge haben, in ein Lager gesteckt zu werden. Den Friedlichen wird nichts geschenkt.

Photo by Quang Nguyen Vinh on Pexels.com

Verschärft wird die Lage durch die Nachlassenschaften der US Bombardierung mit Streubomben im gesamten Land. Nach Abwurf der Container Bombe verteilten sich auf der Fläche eines Fußballfelds hunderte etwa der Größe eines Tennisballs entsprechende kleinere Bomben, die vielfach nicht explodierten. Nun fliegen sie den Bauern in den Reisfeldern um die Ohren, zerfetzen spielenden Kinder die Arme und Beine, oder Hausherren errichten das offene Kochfeuer ausgerechnet über der tickenden Zeitbombe. In allen Teilen von Laos sieht der Reisende Angehörige aller Altersgruppen mit amputierten Gliedmaßen. In der Hauptstadt Vientiane kann das Cope – Center besucht werden. Dort haben es sich Orthopädietechniker zur Aufgabe gemacht, den Opfern Prothesen herzustellen. Zum Center gehört eine Ausstellung, in der die verschiedenen Bombenarten und die improvisierten selbst geschnitzten Prothesen präsentiert werden. Trotzdem ich meine Großeltern kennenlernen durfte und mir in Deutschland der Zweite Weltkrieg, spätestens wenn mal wieder ein Blindgänger gefunden wird, gegenwärtig ist, wurde mir bezüglich Kriege in Laos in aller Deutlichkeit bewusst: Sie enden nicht mit dem letzten abgegebenen Schuss, sondern erst, wenn alle Folgen, psychologisch und physisch beseitigt sind. Weltweit beschäftigt uns der Zweite Weltkrieg immer noch. Die Traumata der Kriegsgeneration wurden an die Kinder weiter gegeben und meine Generation war die erste, die sich des Umfangs bewusst wurde. Rein physikalisch liegen immer noch tonnenweise Bomben in der Erde und am Grund der Gewässer. Letztere werden langsam durch das frei werdende TNT vergiftet. Aus den gesunkenen Schiffen treten Millionen Tonnen Schweröl aus. In Südostasien hängen Blindgänger in den Ästen, ganze Areale sind immer noch vermint, heute noch wirken die von den USA abgeworfenen Gifte nach. Vornehmlich handelt es sich über den Einsatz von „Agent Orange“ verbreitete hochgiftige Dioxine. Doch Länder handeln schon lange nicht mehr isoliert. 1967 lieferte der deutsche Pharma Betrieb Boehringer Ingelheim 720 Tonnen Trichlorphenolatlauge, einem der Grundstoffe für das Herbizid. 2005 zogen einige Geschädigte vor ein Gericht in den USA. Die Richter wiesen die Klage ab, weil es sich bei „Agent Orange“ nicht um eine chemische Waffe handeln würde.

Das Jonglieren mit den Begriffen gehört bei der Bereinigung von Kriegsfolgen zum Krieg dazu. In den Meeren befinden sich heute noch in den Rümpfen der im II. Weltkrieg gesunkenen Schiffe Millionen Tonnen Schweröl. Wer soll dafür zahlen? Diejenigen, welche die Boote versenkt haben, jene, unter deren Flagge sie fuhren oder die Staaten, in deren Gewässern sie vermodern? Was ist mit internationalen Gewässern? Derzeit ziehen sich alle darauf zurück: Es war halt Krieg und insofern ist keiner richtig zuständig. Wenn die Tanks endgültig das Öl freigeben, kann man immer noch reagieren. Ich empfehle ein Bad in der Danziger Bucht, dort sind schon große Teile verseucht. Arme junge Generation! Sie werden von den Alten nach Strich und Faden veralbert. Die glauben tatsächlich, es würde darum gehen, in Zukunft besser zu handeln ohne zu ahnen, was seit Beginn der Industrialisierung im Keller gesammelt wurde. Die fetten Katastrophen kommen noch.

Der Wahnsinn geht weiter. Heute wird mit Uran angereicherte Munition verschossen, die ganze Gebiete verstrahlen. Es ist ihnen schlicht egal. Manchmal kommt es mir vor, als wenn ich in einem völlig vermüllten Raum einer Wohngemeinschaft sitze, die nach einer Besprechung beschließt, alles zu belassen, aber künftigen versuchen wird, weniger Unordnung obendrauf zu packen.

Photo by Jennifer Poole on Pexels.com

Dort und an vielen anderen Orten stellte ich mir die Frage nach dem Unterschied zwischen Armut und Einfachheit. Ich denke, wenn Menschen leben können, wie sie wollen, mit ihren Mythen, Riten, ihren eigenen Möglichkeiten der Behandlung von Krankheiten, mit Wasser, Nahrung für sich sorgen können, somit die Ressourcen der Umgebung frei nutzen können, leben sie einfach. Doch den indigenen Völkern, aber auch zugewanderten Bevölkerungen wird der freie Zugang zu den Ressourcen verwehrt, man vertreibt sie aus den Gebieten, die sie sich aus Gründen selbst gesucht haben, mit der Folge, dass sie verelenden. Damit beginnt die Armut. Die Tragik besteht darin, dass sie oftmals viel schlauer sind, denn die Aggressoren aus der zivilisierten Welt.

In einem zurückliegenden Beitrag erwähnte ich die in Kolumbien lebenden Völker, Arhuaco, Wiwa und Kogui. In ihrem Verständnis sind wir, die in der Zivilisation lebenden, ihre kleinen Brüder. Ich tue mich ein wenig schwer mit der Findung eines passenden Begriffes für unsere Lebensart. Zivilisierte Welt? Es gibt nur eine Welt, unterschiedlich ist die Interpretation des Wahrgenommenen. Zivilisation? Dies stammt aus einer Zeit, in der sich Europäer basierend auf ihren eigenen Mythen für höher entwickelt hielten und alle anderen als Wilde sahen, die sie auf den rechten Pfad bringen mussten. Jener, der die Bedrängten in die Sklaverei und Ausbeutung brachte. Was meine ich mit schlauer? Ich stelle mir einen auf dem Ast eines Baums sitzenden Atomphysiker vor, der diesen Ast sprichwörtlich selbst absägt.

Ich weiß nicht, ob die Redakteur/e/innen des GEO Magazins unbedarft oder mit Vorsatz die Artikel der Ausgabe Juni 2009 so konträr auswählten, wie sie am Ende erscheinen. Wahrscheinlich steckte Kalkül dahinter. Jedenfalls ist der Aufmacher das deutsche „Wirtschaftswunder“. Erst auf der Seite 95 beginnt die von Roland Schulz erzählte Geschichte der „Großen Brüder“, die sich mit einer Warnung auf den Weg zu den „Kleinen Brüdern“ ins Tal begaben.


Kleine Brüder, hört genau. Wir werden lernen, was Mutter Lagune ist. Für uns ist Mutter Lagune das Herz, wie auch die Gipfel das Herz sind. Sie lassen uns atmen. Sie geben uns Nahrung. Was geschieht, wenn ein Mensch kein Herz hat? Er stirbt! Heute sehe ich Dinge, die ich niemals sah. Der Schnee ist geflohen. Der Regen kommt in Farben. Ihr sprecht oft darüber, wie man die Welt um uns bewahrt. (Vor der Entsendung der Delegation hatten sie eine Art Außenstation eingerichtet um die „Kleinen Brüder“ zu verstehen). Aber ihr habt nichts davon verstanden. Ihr müsst lernen, was bewahren bedeutet. Ihr müsst Euer Leben ändern.“

Mamo Shipulata, Nativ aus der Sierra Nevada, Kolumbien


Vielleicht sind sie keine Atomphysiker, warum auch, aber sie scheinen mir niemand zu sein, die den eigenen Ast absägen würden.

Ich beschloss nicht gleich das Boot zu nehmen und mir für den Ort eine Woche Zeit zu nehmen. Ein paar Jahre zuvor war ich die Strecke schon einmal, aber aus der anderen Richtung kommend, gefahren. Deshalb wusste ich ein wenig, was mich an der Grenze erwarten würde. 2013 haben die Thailänder die vierte Brücke über den Mekong nach Laos gebaut. Beidseitig sind die Grenzgebäude völlig überdimensioniert. Mit einem Tuk Tuk ließ ich mich hinfahren. Vorsorglich hatte ich mir ein Visum für Laos besorgt. Ansonsten muss man sich eins für druckfrische Dollar kaufen. Auf der thailändischen Seite sagt einem dies keiner. Der Mann in der Wechselstube tauscht seelenruhig Baht oder EURO gegen gebrauchte Scheine. Wohl wissend, dass die hinter der Grenze nochmals getauscht werden müssen, weil die Laoten ausschließlich neue Noten annehmen. Erst dachte ich an Schikane. Aber die Sache hat einen simplen nachvollziehbaren Grund. Also die neuen Scheine, der Typ in der Wechselstube ist ein Idiot. Die Weltbank nimmt Laos keine gebrauchten Scheine ab und sie werden wissen warum. Doch alles in allen ist der Übergang recht unkompliziert. Aus Kambodscha auszureisen ist komplizierter.