Kapitel 7

Drüben auf der anderen Seite des Mekong ist alles anders. Thailand endet quasi mit dem Verlassen des Grenzgebäudes auf der laotischen Seite. Der Reisende sitzt wenige Minuten später auf der Ladefläche eines schrottreifen Pickups und fährt auf einer Piste durch ein Schwellenland. Bevor ich zu den Hmong ging, wollte ich mich erst einmal ein wenig orientieren und ließ mich vom Fahrer an einem Hostel seiner Wahl absetzen. Seine Wahl war gut. Ich bekam ein einfaches sauberes Einzelzimmer für einen günstigen Preis. Soweit ich es überblicken konnte, war ich der einzige Westerner. In unmittelbarer Nähe gab es zwei Bars, die Essen anboten. In der einen hatte ich meinen ersten laotischen Larb. Halbwegs ins Deutsche übersetzt, ist das ein warmer Fleischsalat. Er besteht aus Sticky Rice (Klebereis), gebratenes durchgedrehtes Fleisch (Schwein, Huhn, Hund) mit regionalen Salatblättern, Limone, Pfefferminze, Goji Beeren, diversen Kräutern und Chili (Rote Birdeyes). Der Reiz ist der Kontrast zwischen den Brataromen, der Säure von der Limone, die Frische der Minze, die Süße der Beeren und die Schärfe des Chilis. Ich habe Hund als Bestandteil ganz bewusst aufgenommen.

Im Norden von Laos kennen die Leute keine Verhätschelung von Haustieren und sie machen auch keine großen Unterschiede, was alles in den Kochtopf gehört oder nicht. Ich fragte den Barbesitzer, warum manche Hunde ein Halsband trugen, während andere wild herumstreunten. Die mit einem, befanden sich im Besitz von jemanden, während die anderen den gleichen Stellenwert haben, wie jedes andere Wildtier. In Laos wird von einem geschlachteten Tier alles verwertet. Einen Umstand, den ich als fair empfand. Selbst die Gedärme eines Hähnchens landen auf dem Grill. Einzig merkwürdig ist der Widerspruch zum Buddhismus. Aber der Buddha hat eine Hintertür eingebaut. Man solle nichts essen, was für einen selbst unmittelbar getötet wurde. Da ergeben sich viele Freiräume für Interpretationen. Überhaupt ist der Buddhismus regional äußerst unterschiedlich, weil überall die bereits herrschenden Weltanschauungen, meist Naturreligionen, einflossen. In Anbetracht des Umstandes, dass der historische Buddha an einer Fleischvergiftung verstarb, bin ich da ohnehin ziemlich skeptisch, inwieweit später etwas hinzugedichtet wurde.

In Mitteleuropa werden Hühner, Rinder, Schweine unter alles verachtenden Umständen gehalten, gequält, gemästet und am Ende geschlachtet. Mehr noch, Lebewesen werden zum Produkt. Viehzüchter stellen hochwertige Produkte her! Hingegen werden Katzen und Hunde mit Fleisch, welches unter diesen Bedingungen erlangt wurde, gefüttert. Deutsche fahren aus der Haut, wenn sie die von ihnen geliebten Haustiere anderswo leiden sehen. Vereine haben sich der weltweiten Rettung von Katzen und Hunden verschrieben, während Mitglieder der eigenen Spezies verrecken, absaufen, erfrieren, verdursten oder verhungern. Die Logik, welche sich diese Menschen zurechtlegen, besonders wenn sie sich beim Grillen über die schlimmen Dinge um sie herum unterhalten, muss mir mal jemand erläutern. Bei all den Larbs die ich aß, war ich niemals ganz sicher, wessen Fleisch da auf meinem Teller lag. Was aber nicht an Tricksereien, sondern an Sprachhürden lag. Warum sollte eine Laotin oder Laote etwas vollkommen Selbstverständliches verschweigen? Wochen später aß ich eine gegrillte Ratte, und zwar angepriesen als eben solche. Ich probierte auch überall frittierte Insekten. Man kann sie essen, doch sie schmecken im Wesentlichen nach dem verwendeten Öl oder nach der dazu gelieferten Soße. Am Schmackhaftesten fand ich die dicken Bambus – Würmer. Die sind echt zu empfehlen.

Den ersten Tag verbrachte ich an einem Tisch der Bar gegenüber meines Hostels. Ich ließ den Ort auf mich wirken. Die Straße war leidlich asphaltiert. Obwohl es erst gegen Mittag war, trank ich entgegen meiner bis dahin noch geltenden Regeln kaltes BeerLao – Bier. Seltsamerweise gibt es dies fast ausschließlich in Laos. Erst kurze Zeit vor meiner Reise hatte die Brauerei einen Deutschen Braumeister eingestellt, der die Produktpalette um ein helles, ein dunkles und ein Spezialbier erweiterte. Manche Dinge verändern sich nicht und dazu gehört die Nachfrage nach deutschen Bierbrauern.

Von Alexander Blecher, blecher.info, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44362727

Die Straße fuhren in Abständen Minivans, Pickups und überladene Scooter entlang. Oftmals war die gesamte Familie auf zwei Rädern unterwegs. Andere vollbrachten mit der Ladung akrobatische Höchstleistungen. Gesäumt wurde die Straße von kleinen Geschäften. Bei keinem war zu erkennen, wofür sich die Besitzer entschieden hatten. Jedes war ein Kurzwarengeschäft, Bäckerei, Drogerie, Store für Siedlerbedarf, Ersatzteilhandel und Baumarkt in einem. Ich glaube, in jedem wurde verkauft, was gerade da war und per Mundpropaganda wussten die Leute, was sie wo bekamen. Spezialisiert waren lediglich die Ticketverkäufer für die Fahrten ins Landesinnere, eine Wäscherei und ein paar Mobiltelefonverkäufer. Ungefähr 100 Meter die Straße weiter herunter befand sich die Treppe zum Tempel Wat Chom Khao Manilath. In diesem Moment wusste ich noch nicht, wie nah ich mich meinem eigentlichen Ziel, dem Daauw Home befand.

Irgendwann am frühen Abend setzte sich an den zweiten Tisch, mehr Platz gab es nicht auf der kleinen Terrasse, ein Mann, dessen Alter ich auf zwischen 70 und 75 Jahre schätzte. Bemerkenswert war seine Kleidung. Eine weiße Hose, mit einer messerscharfen Bügelfalte, ein rotes Hemd aus Thaiseide kombiniert mit einem weißen Seidenschal. Der real gewordene Fitzcarraldo in Laos. Es benötigte wenig Zeit, bis wir beide unsere Herkunft geklärt hatten. Albert, ein Potsdamer, verbrachte in der Stadt seinen letzten Abend. Die Berliner Mauer öffnete an einem Donnerstag und er stand am Montag mit einem alten NVA-Rucksack auf dem Flughafen. „Ich wusste sofort, dass dies das Einzige war, was es zu tun gab. Reisen!“ Erst war er über mehrere Jahre am Stück unterwegs. Dann kehrte er immer mal wieder für eine Weile nach Deutschland zurück, wo er als Beleuchter arbeitete. Als ich auf ihn traf, war er ein Jahr lang in Südostasien unterwegs gewesen.
„Du kommst zu spät. Du hättest in den 90ern hier sein sollen. Da waren die Leute noch, wie sie einst waren. Heute sind sie Zootiere für Touristen“, sagte er und ergänzte: „Es gibt üble Orte, in denen sie Dich über den Tisch ziehen wollen. Echte, Shitholes!“ Nahezu alle seiner Geschichten rankten sich um seine Hose. In jedem Hostel oder Hotel gab er sie ab und prüfte bei der Rückgabe die Bügelfalte. War sie korrekt, stieg das Hostel in seinem Ranking. Während wir uns unterhielten, öffnete die Bar auf der anderen Straßenseite. Dort lud er mich zum Schnapstrinken ein. Der Besitzer zapfte aus großen Ballonflaschen, in denen er Wodka mit Früchten aromatisierte, halbe Wassergläser. Bereits in der anderen Bar war mir nicht ein intensiver Geruch von Marihuana entgangen. Insofern wunderte mich die Frage des Potsdamers nicht. „Rauchst Du?“ Ich antwortete: „Gelegentlich! Warum?“ Albert deutete auf eine Plastiktüte, die er unter den Tisch gestellt hatte. „Ich habe noch ein wenig Gras übrig und kann es nicht mit nach Thailand herübernehmen. Vielleicht hast Du ja Interesse, es wäre schade darum.“ Ich dachte nicht ernsthaft daran zuzusagen, dennoch fragte ich, wie viel er dafür haben wollte und über welche Menge wir sprachen. Zu meinem Erstaunen meinte er die Tüte. Sie war dreiviertel voll. Vorher hatte ich mich gefragt, wie er seine Reise finanzierte. In dem Moment verstand ich es. Das Credo „Why Not!“ hat Grenzen. Spätestens, wenn einer der nicht von der Hand zu weisenden Gründe ein laotisches Gefängnis ist. Der Potsdamer nahm es mir nicht übel und schenkte die Tüte dem Barbesitzer. Der feuchtfröhliche Abend endete mit einem Rat, der sich später als praktisch erweisen sollte. „Kommst Du jemals nach Vang Vieng, dann fahre über die Holzbrücke.“ Ich merkte es mir.

Am folgenden Tag suchte ich das Daauw Home. Ich fragte meine erste Vermieterin danach. Zuvor war die Dame sehr freundlich zu mir gewesen. Aber mit meiner Frage öffnete sich plötzlich ein Graben. Angeblich wusste sie nichts von der Einrichtung, dabei hätte ich sie aus meinem Fenster beinahe sehen können. Ich musste einmal um den Block laufen und eine Treppe, die mich ein paar Meter in den Wald führte, hinaufsteigen. Oben erwartete mich eine kleine junge Frau, die im Arm einen Säugling hielt und augenscheinlich versuchte eine Rasselbande aus lauter kleineren Kinder unter Kontrolle zu bringen. Im letzten Augenblick konnte ich einem 4-jährigen ausweichen, der mit der Ruine eines Kinderfahrrads auf mich zugeschossen kam. Nachdem ein wenig Ruhe eingekehrt war, zeigte mir die Frau meine Holzhütte. In ihr war gerade genug Platz für ein gezimmertes Bett und abgetrennt im hinteren Bereich befand sich ein Toilettenbecken ohne Spülung. Es war einfach über ein Loch im Boden gestellt worden. Für das Entfernen der Reste stand ein Bottich bereit.

Ich stellte meinen Rucksack ab und sah mich um. Im Zentrum der in den Hang hinein gebauten Hütten befand sich eine zentrale überdachte Holzterrasse. Von dort aus konnte ich das Treiben beobachten. Lautstark trieb sich auf dem Gelände ein ganzer Schwarm Hühner herum. Waren die kurz still, kam garantiert ein Kind den Weg entlang gerannt. Als Erstes fiel mir die Fröhlichkeit der Kinder auf. Trotzdem sie, wie ich später mitbekam, wahrlich nichts hatten, waren sie rund um die Uhr gut aufgelegt. Und wie häufig fiel mir auf, was nicht da war. Keiner von der Betreuung erhob die Stimme. Ein Umstand, der mir in fast allen Ländern Südostasiens auffiel.

Am nächsten Morgen schaute ich zu, wie die Kinder der Küche ein gemeinsames Frühstück bekamen, um danach in die Schule zu gehen. Von einer Küche im mitteleuropäischen Sinne kann nicht die Rede sein. Besser beschrieben ist es ein überdachter Bereich mit einer offenen Feuerstelle, einem Lehmofen und einem Blechbecken für den Für das Frühstück und das Mittagessen hockten sich die Kinder in der Nähe des Feuers hin. Was sie da aßen, kannte ich nicht. Zum Frühstück eine Wassersuppe mit grünen Blättern und zum Mittag ein Teller mit Klebereis plus einem Dip.

Ich wollte über eine Geldspende hinaus etwas für die Kinder tun. Da fiel mir die Sache mit den Stiften auf. Bis dahin war mir niemals die Bedeutung von Malstiften im Leben eines Kindes aufgefallen. Wie soll die Fantasie, für die es keine Worte gibt, nach außen hin dargestellt werden, wenn kein Papier und Stifte vorhanden sind? Ich selbst malte als Kind begeistert jeden Tag. Sie waren einfach immer da. Die Kinder in der Selbsthilfeeinrichtung hatten beides nicht. Kein Papier und keine Stifte! Dabei schließen sie die Lücke zwischen der Fantasie, die nach außen will, und dem begrenzten Wortschatz. Ein Umstand, der nie ganz veränderbar ist. Menschen werden immer Dinge fühlen, die sie nicht mit Worten ausdrücken können, und deshalb zur Musik oder der bildnerischen Gestaltung ausweichen. Also machte ich mich auf die Suche. Es war jedoch naiv anzunehmen, sie in einem der kleinen Läden an der Hauptstraße zu bekommen. Auch meine Nachfrage in der kleinen Bar verlief erfolglos. So landete ich in den Räumen einer studentischen Initiative, die Bücher verkauften.


„Die großen Leute rieten mir dann, das Zeichnen von offenen oder geschlossenen Boas bleibenzulassen und mich mehr mit Geografie, Geschichte, Mathematik und Grammatik zu beschäftigen. So kam es, dass ich im Alter von sechs eine wunderbare Karriere als Maler aufgab.“

Antoine de Saint-Exupéry


Ich kannte den Text auf den Seiten, hatte aber keine Chance ihn in dem Buch mit dem mir wohlbekannten Cover zu lesen. Ich kannte es auswendig, und zwar in drei Sprachen. Der in der Wüste abgestürzte Pilot im Gespräch mit seinem Trugbild. Das Bild von der Schlange mit dem Elefanten im Bauch, welches von den Erwachsenen nach Verlust der kindlichen Fantasie zur Zeichnung eines Hutes wird. Aber der Text stand da in laotischer Schrift. Gerade dies machte das Buch zu einem sensationellen Fund. Wenn es ein Buch gab, was dorthin passte, dann der „Kleine Prinz“. Von den vier Stück im Sortiment kaufte ich zwei. Kurz spielte ich mit dem Gedanken alle zu kaufen. Doch dann wäre kein anderer mehr in den Genuss gekommen, deshalb kaufte ich für die Kleinen noch ein paar kleinere Bilderbücher.

Obwohl ich mit mir und meinem Geschenk zufrieden war, überkam mich eine düstere Stimmung. Eigentlich überkommt die mich immer, wenn ich an Schriftsteller wie Saint-Exupéry denke. Was soll denn noch geschehen? Alles, wirklich alles, ist über das Morden, Kriege, Zerstörung, Gier, gesagt, geschrieben, gesungen, worden. Und was hat es gebracht? Nichts! Die Anzahl der geführten Kriege nimmt zu, ganz abgesehen von den Faktoren, die ihre Ursachen sind. In EUROPA und Deutschland rasseln die Politiker wieder mit den Säbeln. Namhafte NATO – Strategen fordern eine Aufrüstung um sich gegen mögliche Raketen Angriffe seitens China wehren zu können. Entgegen aller Absprachen verlegt die NATO ihren Einflussbereich vor die Grenzen Russlands. Deutschland, ausgerechnet Deutschland, soll sich wieder stark machen. Mich überkam bereits Mitte der 90er das Gefühl, dass meinen Zeitgenossen die Wiedervereinigung nicht bekommt.

Den Kopf voll mit Gedanken, beschloss ich dem Tempel auf dem Berg einen Besuch abzustatten. Oben am Ende der Treppe angekommen, war es in meinem Rücken gerade noch ein wenig hell, während der Tempel bereits in warmes gelbes Licht getaucht war. Ungefähr dreißig Mönche hatten sich vor dem Buddha zum Gebet versammelt. Leise setzte ich mich in eine Ecke und lauschte ihrem Gesang. Ich denke, ich saß dort eine Stunde. Als die Mönche sich erhoben verließ ich den Tempel und ging zum Rand der Anlage. Von dort konnte ich über die Dächer hinweg auf den Mekong schauen.

Aufgang zum Tempel

Von hinten sprach mich ein junger Mönch auf Englisch an. „Sir, ich habe Sie vorhin im Tempel gesehen. Sind als Tourist hier?“
„Tourist? Ja, ich denke, das ist richtig.“
Mit einer kleinen Handbewegung zeigte er auf meine Halskette. „Sind Sie Buddhist, Sir?“
„Ehrlich, genau weiß ich das nicht. Ich kenne die Schriften und habe mich mit dem Buddhismus beschäftigt.“
Er antwortete mit dem typischen Brummen, welches eine Art universelle Bestätigung ist.
„Darf ich fragen, wo sie die Texte gelesen haben?“
„In Europa, in Büchern …“
Wieder brummte er. Dann schaute er kurz an mir vorbei. Nach einer kurzen Pause fragte er: „Sir, wenn Sie einen Liedtext gelesen haben, kennen Sie dann das Lied?“
Ich ließ mich auf seine Fragen ein. Scheinbar lief es auf eine Unterrichtung in buddhistischer Logik hinaus. „Nein, ich kenne den Text, aber nicht die Melodie.“
„Und wenn Sie die Melodie nicht kennen, haben sie auch nie den Sänger gehört oder ein Konzert und die Stimmung erlebt?“
Ich musste lächeln. „Das ist richtig.“
„Was wissen Sie dann über den Buddhismus, wenn Sie niemals mit uns Mönchen gesungen haben?“
„Nichts?“
Wieder brummte er.
Ja, er hatte nicht ganz Unrecht. Die Lektion war angekommen. Andererseits wusste ich, dass das tiefere Verständnis des Buddhismus häufig einer intellektuellen Elite vorbehalten ist und die Mehrheit der Mönche von ihrem Lehrer abhängig ist. Wozu dies führen kann, ist in Myanmar zu beobachten, wo ein nationalistischer Rassist ganze Klöster mobilisiert. Dennoch traf das von dem jungen Mann Gesagte ein Stück weit zu.
Nun war es an mir eine Frage zu stellen. „Darf ich fragen, wie lange Sie bereits im Kloster sind?“
„Meine Eltern, sie leben in Myanmar, gaben mich als kleiner Junge hier ab. Jetzt bin ich schon über 15 Jahre hier.“ Es folgte das Brummen. „Was haben Sie noch vor?“
„Heute?“
„Nein, in nächster Zeit, möchten Sie vielleicht bleiben?“

Wenn ich heute an diesen Abend zurückdenke, muss ich mir ehrlich eingestehen, dass ich beinahe zugestimmt hätte. Mir war bewusst, dass dieser Tag irgendwann käme. Dazu muss ich erklären, dass ein Klosteraufenthalt nichts mit dem christlichen Verständnis davon zu tun hat. In vielen südostasiatischen Ländern gehört für junge Männer ein Klosteraufenthalt zur Biografie. Meistens für die Zeit von einem Jahr. In Thailand kann man auf diese Art den Militärdienst umgehen. Das verschafft einen zusätzlichen Anreiz. Hinzu kommt, dass die Klöster einen Bildungsauftrag und eine soziale Funktion innehaben. Der junge Mann vor mir war dafür ein gutes Beispiel. Die Eltern hätten ihn schlicht nicht durchgebracht. Wer weiß, vielleicht waren ihnen die Entwicklungen in den birmanischen Klöstern unheimlich oder sie sahen in Laos bessere Chancen für ihn. Ich habe zwei ehemalige Kollegen, die diesen Schritt gingen. Den einen zog es nach Thailand, der andere wandte sich dem ZEN – Buddhismus zu.

Gautama Siddhartha soll seinen Schülern immer wieder eingeschärft haben, dass er erstens kein Gott ist und sie zweitens jeden vermeintlichen Meister genauestens prüfen sollen. Über dieses „Meister – Schüler“ oder auch „Schüler – Lehrer – Verhältnis“ sinnieren Buddhisten bereits seit dem Tod des Buddha. Nicht wenige fassen den Begriff sehr weit. Ausgehend von der Aussage, dass jeder den Buddha bereits in sich hat, kann logischerweise auch von jeder Begegnung gelernt werden. Und nicht nur jedem Menschen, sondern beinahe allem, was wir wahrnehmen. Bei Hermann Hesse lernt Siddhartha von einem Fluss und einem Fährmann, der zum Ende selbst zum Erleuchteten wird. Ich halte das Leben, mit all den Höhen und Tiefen, inklusive der Begegnungen, die entweder Oben oder eben unten im Tal stattfinden, für sehr lehrreich. Ich denke, jeder kennt Schicksalshafte Begegnungen, die alles verändern können. Thomas Mann schrieb im Doktor Faustus über den genialen Tonsetzer Adrian Leverkühn, dem der Teufel in unterschiedlicher Gestalt mehr oder weniger unauffällig begegnet. Bei Ernest Hemingway war es neben anderen Schilderungen, die Begegnung zwischen dem alten Mann und dem Fisch. Das Wissen darum ist alt. Dennoch entzieht es sich immer wieder auf ein Neues dem Bewusstsein. Meistens wissen wir im Moment nicht, dass es gerade passiert. Auf dem Weg, den ich hier beschreibe, wurde mir dies jeden Tag ein wenig klarer. Eine der schwersten Übungen besteht darin, auch noch im letzten Kretin die im Buddhismus angenommene Buddha – Natur zu sehen. Doch dazu fällt mir eine Begebenheit aus der Vergangenheit ein.

Entscheidend ist dabei, nicht auf der Suche nach Bestätigung dessen unterwegs zu sein, was man ohnehin schon weiß. Wichtig ist, das Neue, das Andere, zu sehen und sich genau anzuschauen. Meine Ex – Frau sagte stets zu mir: „Du musst doch mal irgendwo ankommen!“ Damals hatte ich nicht die passende Antwort parat. In Laos hätte ich geantwortet: „Was wäre, wenn dieses nicht Ankommen, genau das ist, wo ich hin will und meinen Frieden finde?“

Ich hatte mal einen Vorgesetzten, den ich bereits aus seinen Anfangszeiten in der Polizei kannte. Ein wirklich abscheulicher Widerling. Narzisst, Machtbesessen und zugleich aalglatt. Mit dem ersten Tag der Dienststellenübernahme wusste ich, dass er alles tun würde, um mich den Mitwisser aus alten Tagen loszuwerden. Es kam wie es kommen musste. Bei der letzten Dienstbesprechung gab er mir vor dem versammelten Team die Gelegenheit noch Abschiedsworte zu finden. Alle schauten mich gebannt an. Ich sagte: „Buddhisten zeigen sich dankbar für alles, was ihnen durch einen anderen widerfährt, denn das Gefühl kennengelernt zu haben, befreit sie von dem, es einem anderen antun zu müssen und sich auf diese Art das Karma zu verschlechtern. Ich danke Dir für die Dinge, die Du in letzter Zeit mir und anderen getan hast.“

Mal ganz abgesehen davon, dass ich damit alles gesagt hatte, stand ich bereits damals hinter dieser Logik. Wenn jemand spricht, irgendwo einen Kommentar hinterlässt, ist dies in erster Linie eine Selbstauskunft. In zweiter, weiß jeder Zuhörer, Leser, ich, wie dies bei anderen ankommt. Davon kann ich lernen. Wenn ich nun auch noch vom Gesetz der Wechselwirkung überzeugt bin, also nicht in einem Umfeld leben möchte, wie dem, was derjenige erzeugte, weiß ich was zu tun ist. All die Kommentatoren, Schreihälse, Reden voller Hass führende, leben in einer grausamen Interpretation der Welt. Mich verwundern dabei Journalisten, BLOGGER, Seitenbetreiber, die es kaltlässt, in welcher Art und Weise sie eine Zustimmung erfahren. Mit hasserfüllter Kritik kann ich gut leben. Dann sind die jenseits meiner Gefilde unterwegs. Aber was sagen mir Leute, die mir voller Hass zustimmen? Nein, mein Weg ist nicht, der des Versteckens in einem Kloster. Meine Lehrer sind da draußen unterwegs und ich will sie kennenlernen.

Die Kinder und ihre Betreuer freuten sich über meine Bücher. Ich war glücklich, als ich am nächsten Tag zwei junge Frauen darin lesen sah. Die Gründe für die Notwendigkeit dieser Einrichtung sind nicht gut. Die Geschichte der Hmong, der Vietnam Krieg, die Folgen, all das sind schreckliche Hintergründe. Doch bei ihnen ein wenig zu verweilen, zu sehen, wie die Kinder trotz alledem lachen, erdet und erzeugte in mir etwas Gutes. Vor allem durfte ich von ihnen lernen. Vielleicht war es wichtiger für mich, ihnen die Bücher zu schenken, denn für sie. Es verschaffte mir nochmals einen Grund, mich neu mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Damit wurde es Zeit, meine Reise fortzusetzen. Aber zuvor besuchte ich noch das Fest, bei denen die Ahnen geehrt werden und den Flussgeistern gehuldigt wird. Die Leute lassen prächtige Papierboote und Blumengestecke zu Wasser. Außerdem ließen sie Papierlaternen aufsteigen. Ich ließ mir nicht nehmen, auch ein Gesteck und eine Laterne zu kaufen. Man kann nie wissen, wofür es gut ist. Dabei entstand das Bild des kleinen Mönches, der erst versuchte mit Streichhölzern seine Kerzen anzuzünden. Mit meinem Feuerzeug klappte es dann.