Kapitel 9

Lesedauer 12 Minuten

Abschied

Die beiden Schweizer holten mich am Morgen ab. Der Abschied von Yong fiel mir schwer. Am Abend zuvor fragte er mich nach einem Kredit für seine Ausbildung. Was sollte ich tun? Ich zog von Land zu Land, damit auch von einem Elend zum nächsten. Dabei immer mit einem ausgereizten Budget unterwegs. Für ihn war ich der reiche Westerner, der sich im Hostel eine Woche lang ein Zimmer leisten konnte. Niemand kann alleine die Welt retten. Ab und zu, gibt Dir das Schicksal die Chance ein Leben zu verändern, weil gerade Du und kein anderer, da ist. Ich habe mein Frieden. Wenn es so war, tat ich es und werde es wieder tun. Aber bei Yong war nicht ich als Andreas gefragt, sondern die vermeintliche Rolle, die mir zugeteilt worden war. Trotzdem blieb ein fader Geschmack zurück.

Die ersten Kilometer gab es keinerlei Probleme. Für mich war es eine Zeitreise in meine Vergangenheit. Meine Zeit mit einem VW Bus aus den Siebzigern lag schon ein paar Tage zurück. Mit meinem war ich mit den Kindern durch Deutschland gefahren. Der Geruch, das Motorengeräusch, die Töne, welche beim Schalten der Gänge entstanden, die Sitzposition, all dies ließ mich wieder zum Vater zweier Töchter im Grundschulalter werden. Die beiden hatten vor der Abfahrt von ihren Freunden eine Sammlung von USB Sticks mit Musik bekommen. Jeder hatte ihnen den persönlichen Soundtrack aufgespielt. Wahllos griff ich einen aus der Sammlung heraus und prompt rollten wir untermalt von den ÄRZTEN durch die laotischen Berge. Urs steuerte den Bus auf den Parkplatz einer Art Raststätte, von der aus ein grandioser Blick auf den Dschungel zwischen den bizarren Karstfelsen möglich war. An der Ausfahrt lungerten einige junge Soldaten herum. Ihre abgerissenen Uniformen, die locker über die Schulter hängenden Kalaschnikows, erweckten nicht den Eindruck, dass sie im Zweifelsfall etwas für Touristen riskierten. Wir waren gewarnt. Die hatte man dort nicht umsonst hingesetzt. Die Vermutung bestätigte sich 10 km später. Am Straßenrand hockten zehn Hmongs mit Sandalen, Tarnfleckjacken und Maschinenpistolen. Ich sah sie zuerst und raunte Urs zu: „Egal was gleich passiert, bleib am Gas!“ Die Typen waren etwas überrumpelt. Einen VW Bus hatten sie in dieser Gegend nicht auf dem Zettel. Aus dem Seitenfenster konnte ich sehen, wie sie kurz zuckten, sich dann aber wieder hinsetzten. Ich könnte hier irgendeine Abenteuerschnurre aufschreiben und ich gebe zu, dass ich damit geliebäugelt habe, doch wir kamen gut durch. Dennoch war die Piste abenteuerlich genug. Schlagloch reihte sich Schlagloch und die meisten Teile der Straße bestanden aus Schotter. An diversen Stellen war die Piste notdürftig freigeräumt. Klima! Immer wieder Klima! Die ungewöhnlich heftigen Regenzeiten der letzten Jahre weichten die Hänge auf und führten zu Erdrutschen. In einem Land, welches die Wasserwege für von China genutzten Wasserkraftwerken opfert, und deshalb den Verkehr auf die Straßen umleiten muss, eine Katastrophe. Immer wieder gelangten wir an Passagen, an denen sich die Karawane aus LKW’s, Mini – Vans, Bussen, über die provisorische Straße quälten. Nebenbei Bussen, in die kein normaler Europäer einsteigt. 

Busfahrt im Lao – Style

Ich tat es, aus der anderen Richtung kommend. Es war ein Höllenritt. Der junge Fahrer hatte wohl eine Wette zu laufen und holte aus seinem Bus nächtens alles heraus. Es klingt übertrieben, wenn ich behaupte, dass ich nach der Fahrt die korrekte Position meiner Organe prüfte, aber das trifft es. Was mich ein wenig beruhigte, war der Umstand, dass sich diverse einheimische Fahrgäste während der Fahrt übergaben. Neben dem Personenverkehr sind die Busse gleichzeitig der örtliche Paketdienst. Als ich auf die Abfahrt wartete, verfrachteten die Einheimischen jede  Menge Waren in die Gepäckfächer und auf den Gepäckträger. Einen Reisebus mit Träger auf dem Dach habe ich in Europa schon lange nicht mehr gesehen. Doch das eigentliche Ereignis kam erst, als wir uns einem Dorf näherten, für das ein Werbeschild aufs Dach geladen wurde. Fünf Minuten bevor wir es erreichten, kletterte während der Fahrt der Beifahrer aus einem der hinteren Fenster auf das Dach und bereitete die schnelle Übergabe vor. Das ist Südostasien! Pragmatismus und was geht, geht eben. Da fragt keiner lange nach irgendwelchen Bestimmungen.

Die Fahrt mit dem VW Bus führte uns durch die kleinen Bergdörfer der Hmongs. Ärmliche Hütten, zwischen denen die Kinder spielen, die hundsgroßen Schweine, Hühner und Hunde herumrennen. Mittig gibt es meistens einen Dorfwaschplatz, an dem sich alle waschen und Informationen austauschen. Bei Bedarf kann man Benzin abgefüllt in Getränkeflaschen kaufen. So viel ich weiß, ist das in allen Schwellenländern üblich. Bezüglich des Straßenzustands kommentierte Urs lakonisch: „Die haben wenigstens welche, fahr mal durch Kasachstan. Fehlanzeige!“ Aus dem oberen Norden, dem „Goldenen Dreieck“, weiß ich, dass es noch ganz anders geht. Viele der Dörfer sind nur zu Fuß oder mit Pferd erreichbar. Eine interessante, aber auch gefährliche Gegend. Wie bereits erwähnt, hat sich der Drogenhandel verändert. Die Banden stellen in Nordthailand, Laos und Myanmar, statt Opium, Pillen her. Als ich da oben war, hörte ich von einem Mönch, einem ehemaligen thailändischen Soldaten, der dort ein Kloster mit einer Pferderanch gegründet hat und Jugendliche aufnimmt, die sich um die Tiere kümmern und außerdem in Muay Thai ausbildet. Eine äußerst faszinierende Kampfsportart, bei der ich mich immer auf ein Neues frage, ob die Kämpfer Stahlträger in den Schienbeinen haben. Mich hätte dieses Kloster durchaus interessiert, aber ein einheimischer Scout riet mir davon ab in diese Gegend vorzustoßen.

Phoukhoun