Kapitel 9

Lesedauer 12 Minuten

Nach Stunden erreicht wir unser Ziel: Phoukhoun Strawberry Farm. Ich glaube diesen Ort und die Aussicht vom Hochplateau werde ich niemals wieder vergessen. Jedem Individualreisenden sei dieser Platz als einer der „Muss – man – gesehen – haben – Platz“ empfohlen. Anfangs waren wir verwirrt. Von der Landstraße aus folgten wir den spärlich aufgestellten Hinweisschildern und landeten in einer terrassenartig gestalteten Parkanlage, die niemand im Norden erwarten würde. Dazu gehörten drei Gebäude und oberhalb des Ganzen thronte eine hohe goldene Buddhastatue. Doch weit und breit keine Erdbeeren. Später stellte sich heraus, dass die Anbauflächen nochmals ein paar Meter weiter waren und wird tatsächlich auf einem Camping – Platz waren.

Irgendwann fanden wir einen Mann, der aussah, als wenn er dazu gehörte. Den Schweizern sagte er, dass sie sich unterhalb der Wiese einen Platz suchen könnten, wo ich mein Zelt aufstellte, war ihm egal. Bereits den ganzen Tag hatten uns Regenwolken verfolgt, die uns nun einholten. Es wurde mit 20 Grad empfindlich kühl. Zuvor hatte ich mich wochenlang an Temperaturen knapp unter 40 Grad gewöhnt. Aber Berge sind nun einmal Berge. Doch auch wenn es nieselte und die Wolken ab und zu die Sicht ins Tal verhinderten, war die Aussicht grandios.

Zuerst suchte ich mir für mein Biwak – Zelt einen Platz auf der Wiese aus. Doch als der Regen zunahm, zog ich auf eine der Holzplattformen um. Wir waren müde von der Fahrt und zogen uns schnell zurück. Einig schaute ich noch auf die Landschaft unter mir, bis ich ins Zelt kroch und die Nacht anbrach.

Als ich erwachte war alles ganz anders. Eine Gruppe junger Laoten, begleitet von einem Mönch und einem, wie sich herausstellen sollte, einem französischen NGO – Mitglied waren angekommen und verteilten sich auf dem Platz. Der Platzwart gab ihnen einfache Kuppelzelte ohne Innenzelt und Matratzen, die ihnen als Iso – Matten dienten. Es nieselte immer noch und ich beneidete sie nicht um ihre Ausstattung. Doch die um die 20 – jährigen waren gut aufgelegt. Ich begann die Umgebung zu erkunden. Das erste Haus, ein weißer, verhältnismäßig moderner Flachbau, sollte wohl ein Konferenzhaus sein. Das zweite, leer wie das erste, hatte schon einige Jahre gesehen. Auf der Suche nach einer Toilette stolperte ich ein wenig im Halbdunkel innerhalb dieses Gebäude herum. Bis ich in einem der Räume eine Begegnung hatte, die ich überall erwartet hätte, aber nicht mitten in Laos. Vor mir stand eine lebensgroße Weihnachtsmannfigur, die plötzlich anfing zu wackeln und mich mit „Ho, Ho, Merry Christmess!“, ansprach. Ich war zu perplex um ein Foto von dem Ding zu machen. Allzu gern hätte ich die Geschichte zur Figur erfahren. Sie wird im Dunkeln bleiben. Wieder aus dem Haus heraus, fand ich ein Sanitärgebäude, welches wider Erwarten sehr sauber war. Mir war bewusst, dass dies spätestens vorbei war, wenn sich dort die Gruppe duschte. Deshalb beschloss ich, den Schweizern schnell Bescheid zu sagen. Außerdem brannte mir die Story mit dem Weihnachtsmann unter den Nägeln.

Der Tag verstrich ruhig. Wir genossen den Platz. Nachmittags machte ich mich allein auf den Weg zu einer Exkursion und schaute mir ein kleines Dorf und den zentralen Platz an, an dem alle wichtigen Straßen in einen Kreisverkehr münden. Alle LKW, Mini – Van und Reisebusse, die eine längere Strecke durch das Land zurücklegen, kommen dort vorbei. Wieder zurück musste ich feststellen, dass weitere Ankömmlinge mein Zelt demontiert und ordentlich beiseite gelegt hatten. Ich war ihnen nicht böse. Es handelte sich augenscheinlich um eine Familie, die einen Wochenendausflug unternahm und ich hoffte, dass sie zum Abend hin wieder den Platz aufgeben würden.

Als es dunkel wurde bestätigte sich meine Annahme. Die laotische Reisegruppe hatte zwei Lagerfeuer entzündet, um die sie sich scharten. Ich sprach den Mann an, der erkennbar kein Asiat war. Ein Franzose um die sechzig herum, der wie bereits geschrieben, zu einer NGO gehörte. Der Ärmste litt an üblen Rückenschmerzen. Immerhin hatte er bereits eine Woche auf nackten Hüttenböden hinter sich. Dankbar nahm er von mir zwei Tabletten an. In meiner Schulzeit nahm ich mal an einer Fahrt teil, die damals eigentlich für Pariser Jugendliche und Kinder gedacht war, deren Eltern sich keine Ferien leisten konnten. Die Truppe erinnerte mich an die Zeit. Auch die jungen Laoten bekamen die Fahrt von einem Verein bezahlt. Der Mönch war eigens für dieses Hilfsprojekt vom Abt seines Klosters freigestellt worden. Trotzdem zog er sich zur Gebetsmeditation zurück.

Erneut zeigten mir die Laoten, mit wie wenig, trotz widriger Umstände, man glücklich sein kann. Sie kauerten sich unter ein paar Regenschirme und sangen lauthals und mit strahlenden Gesichtern. Der Mönch holte eine Gitarre heraus und hielt sie mir hin, als wenn es die größte Selbstverständlichkeit wäre, dass ein Westerner Gitarre spielt. Instrumente und Noten gehören nicht zu meinen Talenten, geschweige denn, Singen oder Tanzen. Ich hatte früher immer eine Stinkwut auf diese Langhaarigen, die wie aus dem Nichts an Lagerfeuern auftauchen. Stundenlang hatte man an dem Mädchen seiner Wahl herum gebaggert und dann kam dieser Typ, womit klar war, dass man alleine ins Zelt ging. Schlimmer als Gitarristen sind nur die Drummer, aber die haben auf freier Wildbahn nichts dabei und können den Trumpf nicht ausspielen. Nun, da in Laos war alles anders. Weder war ich interessiert, noch wäre der Mönch ein Konkurrent gewesen. Die Schweizer bekamen von all dem Treiben auf der Wiese nichts mit. Nach einer Weile kam in mir das Gefühl der Fremdheit auf. Ich gehörte da nicht ans Feuer. Beschreiben hätte ich es nicht können. Unauffällig zog ich mich ins Zelt zurück und versuchte zu schlafen.

Grillen ist international …

Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag, aber als ich fast wegdämmerte hörte ich Geräusche auf der Plattform. Draußen machte sich jemand an irgendetwas zu schaffen. Vorsichtig lugte ich heraus und schaute in das erschrockene Gesicht eines Laoten. Was er sagte, konnte ich nicht verstehen, aber er wirkte harmlos. Also zog ich mich wieder ins Zelt zurück, ließ aber den Reißverschluss offen. Einen Augenblick später reckte eine braune Hand in mein Zelt, in der sich ein Bier befand. Es gibt Angebote, die man international nicht abschlagen darf. Außer man ist trockener Alkoholiker. Unweit des Holzpodestes hatten sich Acht Männer und drei Frauen niedergelassen und schickten sich an, ein Feuer zu entzünden. Spätestens als es brannte, hätte ich keinerlei Chancen mehr gehabt. Das Podest stand voll im Rauch. Mit Händen und Füßen machten sie mir verständlich, dass ich auf jemanden warten sollte. Dieser jemand entpuppte sich als älterer Mann Ende sechzig, der im Gegensatz zu den anderen, im Durchschnitt mittleren Alters, fließend Englisch sprach. Dies hatte er im Vietnamkrieg gelernt. Er erklärte mir, dass sie eine Gruppe Freunde aus der Hauptstadt Vientiane wären, die sich in unregelmäßigen auf dem Platz für ein gemeinsames Wochenende trafen. Es sollte für mich eine sehr lange feucht fröhliche Nacht werden. Die Frauen kannten kein Pardon. Ich musste von allen Speisen kosten. Bei einem Tier auf dem Grill stutzte ich kurz. „Ist das eine Ratte?“, fragte ich den Dolmetscher. Er lachte breit über das ganze Gesicht. „Für Westerner ist es ein Waldtier mit einem sehr langen Schwanz, doch es könnte auch eine Ratte sein.“ Ich hatte verstanden. Ein Problem war das für mich nicht. Längst hatte ich die Haltung, dass alles gut gegrillte auch essbar ist. Wie ich es schon in Luan Prabang feststellte, ist die Sache mit dem Essen relativ. Deutsche Vorstellungen sind ein wenig seltsam. Sei es die Aversion gegen Pferdefleisch, die es in keinem anderen europäischen Land gibt oder die merkwürdige Vorstellung, dass es Tiere gibt, die zu industriellen Produkten herabgewürdigt werden können, während mit anderen das Bett und die Couch geteilt wird. Ich kann mir schlecht vorstellen, wie ein Peruaner schauen würde, wenn er feststellte, dass Meerschweine bei uns Kinderspielzeug sind, während sie dort im Hochland eigens als Nahrung gezüchtet werden. Es macht einen großen Unterschied, ob Tiere getötet werden, weil sie ein exotisches Mahl für dekadente Reiche darstellen oder sie seit ewigen Zeiten auf der Speisekarte stehen. Ich würde keine Elefanten, Affen, Löwen oder Tiger essen. Nicht nur, weil sie vom Aussterben bedroht sind, sondern weil sie offensichtlich nicht sonderlich schmackhaft sind. Denn wenn dies der Fall wäre, würden sie regional seit Urzeiten verspeist werden. Bei Kängurus oder diversen Hirschsorten in Afrika ist das schon anders. Wer sich jenseits der Speisen in Deutschland bewegt, bekommt stets die Frage gestellt, wie es denn geschmeckt hätte. Meistens lautet die Antwort: „Wie Hähnchen!“ Die Ratte war wie üblich höllisch scharf gewürzt. Was für mich als Mitteleuropäer noch an Nuancen übrig blieb, hatte etwas von einem Wildgeschmack. Auf jeden Fall ist nicht viel dran. Ich kenne Wachteln, die mehr Fleisch bieten. Immer wieder muss ich betonen, dass ich die Verarbeitung in gesamt Südostasien äußerst fair fand. Wird etwas getötet, erfährt alles eine Verarbeitung. Selbst die Hälse von Hühnern oder die Innereien landen entweder im Topf oder auf dem Grill. Darüber sollten Deutsche, die mit der Nase rümpfen, mal nachdenken.

Während des Essens entdeckte der Dolmetscher meine Halskette mit einem Buddha – Anhänger. Skeptisch fragte er mich, ob er eine Bedeutung für mich habe. Ja! Zur Untermalung zeigte ich auf die oberhalb von uns stehende Buddha – Statue. Es war klar, dass er nachsetzte. Ich sagte zu ihm, dass Buddha für mich eine übergreifende Philosophie entwickelte, die eine Lebenshaltung darstellt und er in seiner Weisheit erkannte, dass Religionen, wenn sie auf einen „Schwanz – Vergleich“, im Sinne von „Mein Gott ist größer als Deiner!“ hinauslaufen, immer Probleme mit sich bringen. Dabei fasste ich mir untermalend in den Schritt und ahmte eine eher in Italien verbreitete Geste nach. Der Dolmetscher schwieg eine Sekunde und brach dann in ein herzhaftes Lachen aus. Nachdem er sich beruhigt hatte übersetzte er für die anderen und machte die gleiche Geste. Woraufhin die anderen in Gelächter ausbrachen. Damit war alles Eis gebrochen und prompt tauchte eine Flasche mit Schnaps auf. Ich gebe zu, dass mir erst in Deutschland der Gedanke kam, dass es leichtsinnig ist, Selbstgebrannten zu trinken. Jedenfalls, wenn man sein Augenlicht behalten will.

Geh über die Holzbrücke …

Mir blieben nur wenige Stunden Schlaf. Wir hatten bis zur nächsten Station Vang Vieng einen weiteren harten Tag vor uns. Aber es ging und trotz aller Befürchtungen, hielt sich der Kater in Grenzen. Schon nach wenigen Kilometern zeigte sich eins der laotischen Probleme. In der Ebene sind die Straßen deutlich besser ausgebaut und die Dörfer wirken deutlich besser aufgestellt, als die in den Bergen. Der Norden ist eine Ressource und gehört in das politische Konzept der Regierung, mittels Wasserkraftwerken und Stromlieferungen den nächsten Sprung zu schaffen. Für dieses Programm werden die Bergvölker und am Ende auch die Natur schlicht geopfert. Auch dies ging mir immer wieder durch den Kopf. Die Schwellenländer wollen aufholen. Wer will es ihnen verdenken? Wer könnte sich ihnen entgegenstellen und darauf verweisen, dass leider die Industriestaaten in den letzten 100 Jahren soviel kaputt gemacht haben, dass sie nicht noch eins obendrauf setzen dürfen? Indische Geschäftsleute wollen die Flugzeugflotte ausbauen, damit auch Inder, die sich wenigstens ein wenig leisten können, auch in den Genuss eines Flugs kommen. Andererseits schauen diese Staaten auf die Industrieländer, die zwar von Einsparungen sprechen, aber nichts Echtes unternehmen. Was sollen die am meisten und als Erstes vom Klimawandel betroffenen Staaten dazu sagen? Für sie, zum Beispiel Indonesien, Bangladesch, Philippinen, sind die Folgen längst die Realität und auch Südostasien allgemein, bekommt bereits einiges ab. Von exportierten Müll, modernen Kolonialismus der Konzerne,  fremder Ausbeutung der Bodenschätze usw. gar nicht zu reden. Wie man sich auch dreht und wendet, es ist ein gigantisches Desaster, verursacht von ein paar Staaten, die mit ihrem Dauerwachstum Fakten geschaffen haben. Die Staaten, deren Vertreter in Paris über 1,5 oder 2 Grad Erwärmung stritten. Dabei stritten sie nicht über Zahlen, sondern es ging faktisch darum, ob es in Ordnung ist, mehrere Millionen Menschen zur Aufgabe ihres Lebensraums zu zwingen oder den sicheren Tod in Kauf zu nehmen. 2 Grad führen zu Überschwemmungen, die Küsten – und Inselstaaten verschwinden lassen. Und wo sind wir gelandet? 1,5 Grad wurden beschlossen, aber werden in der Realität nicht eingehalten. Damit sind diese Staaten von den reichen Staaten verurteilt worden. Ich habe ein Problem damit. Wegsehen, mich in Wunschvorstellungen zu flüchten und mir fadenscheinige Entschuldigungen zuzubilligen, ist nicht meine Vorstellung von einem menschlichen Leben.

„Kommst Du nach Vang Vieng – fahre über die Holzbrücke!“, hatte der Typ aus Potsdam zu mir gesagt. Man kann sie nicht verfehlen. Einfach den Buggys folgen, die über die Brücke die Stadt in Richtung Dschungel verlassen. Absolute Höllengeräte! In Deutschland wird viel über Emanzipation und die junge Generation gesprochen. Zu 99 % sitzen in diesen Dingern die jungen Kerle am Steuer und neben ihnen junge Frauen mit verkniffenen Gesicht. Jeden Tag brettern hunderte davon durch das Naturschutzgebiet. Wer nicht den Buggy oder einen der Landrover nimmt, wird mit infernalisch lauten Schnellbooten über das Wasser dahin gebracht. Unmittelbar hinter der Holzbrücke herrscht ein wenig Ruhe. Vang Vieng war einst die Drogenhölle Südostasiens. Dann wurde es den Offiziellen zu bunt. Neben den genannten Vehikeln gibt es noch das sogenannte Tubing, bei dem sich die Leute mit LKW – Reifen auf dem Fluss treiben lassen. Besoffen, vollgepumpt mit XTC, ist das keine gute Idee und es kam zu Todesfällen. Heute existieren noch die Party – Hostels, aber die Polizei beobachtet sie aufmerksam und es kommt immer mal wieder zu Razzien. Insofern bewehrte sich der Tipp. Ich mietete einen Bungalow und die Schweizer bekamen einen Stellplatz im Garten. Es hätte eine Idylle sein können, wenn nicht fünf Stunden am Tag die verdammten Boote mit Koreanern vorbeigedröhnt wären. Vang Vieng ist einer dieser Orte auf der Welt, der von Touristen aus den Industriestaaten wie eine zerstörerische entstellende Krankheit befallen wurde. Ibiza, Mallorca, Goa, Vang Vieng, Phuket, der vollkommene Kontrollverlust fernab von zu Hause auf Kosten anderer. Eine Seite des Menschlichen, wenn der innere Kompass entfernt wird und durch eine Sozialisierung ersetzt wird, in der alles zum Produkt wird. Eigentlich sollte dort das Ende unserer gemeinsamen Wegstrecke sein. Aber ich wollte keinen Tag länger an diesem Platz bleiben und bat die Schweizer mich noch bis in die Hauptstadt mitzunehmen.