April 19 2022

Pazifismus

Lesedauer 13 Minuten

„Der klügste Krieger ist der, der niemals kämpfen muss.“

Sun Zi
Chinesischer General, vermutl. 543 v. Chr. – 495 v. Chr.

Eine Weltanschauung, wie der Pazifismus, hat derzeit keinen leichten Stand. Da hilft es es auch nicht, wenn die Christen zu Ostern die Auferstehung eines Heilands oder den Sohn Gottes feiern. Wobei sich in den letzten Tagen wieder einmal zeigte, wie wenig Christen ihre eigene Religion verstehen. Sich Gott als eine Figur vorzustellen, daraus einen Mann, einen Vater zu machen, am besten noch als einen alten Mann mit weißen Haaren und dann darüber auch noch eine Gender-Diskussion anzustreben, ist freundlich ausgedrückt ziemlich simpel. Auf diese Art brachte man damals seitens der katholischen Kirche dem einfachen Volk die christliche Weltanschauung bei. Gott ist abstrakt, ein Neutrum und Sohn bedeutet im eigentlichen Sinne, dass sich das Abstrakte in Menschengestalt manifestierte. Michelangelo war ein Genie, aber bei den Bildern im Kopf, auch Kind seiner Zeit. Dieser Exkurs nur am Rande zur Darstellung, wo sich Teile der Gesellschaft derzeit befinden.

Das dialektische Gegenteil oder auch Antonym des Pazifismus ist der Bellizismus. Einmal die Ablehnung des Krieges und auf der anderen Seite die Befürwortung. Die vollkommene Ablehnung von Gewalt, auch in einer Notwehr – oder Nothilfesituation, ist eine Spielart des Pazifismus. Wie immer, wenn Gedankengänge unter einem einzigen Begriff zusammengefasst werden, wird es unscharf. Also worum geht es denn eigentlich?
Seit tausenden von Jahren machen sich Menschen Gedanken über Krieg und Gewalt. Lao Tze soll beispielsweise gesagt haben: “Ich kann nicht viel voraussagen, aber wer die Gewalt bevorzugt, wird eines gewalttätigen Todes sterben.” Ich bleibe an der Stelle die Quelle schuldig. Es steht irgendwo im “Tao des Lebens”. Er und diverse andere, inklusive Buddha und Konfuzius, wiesen stets auf die Wechselwirkung hin. Bin ich gewalttätig, löse ich weitere Gewalt aus. Das ist logisch nachvollziehbar und bedeutet in der Konsequenz, dass ich für den Fall, dass ich keine Gewalt haben will, selbst keine ausüben darf. In einem idealen theoretischen Gedankenmodell, endet die Gewalt, wenn sich alle daran halten. Nicht mehr oder weniger besagt der Pazifismus. Fraglich ist, wie ich mich verhalte, wenn ich angegriffen werde, also ein anderer die Wechselwirkung nicht berücksichtigt. Selbst Sun Zi, der General und Schöpfer des Werks “Die Kunst des Krieges” hatte einen gesunden Respekt davor. Doch er sah auch die Notwendigkeit, unter Umständen in den Krieg zu ziehen.

Folge ich der Logik, erfolgt durch die Wechselwirkung weitere Gewalt. Nehme ich mir einen gedanklichen Nullpunkt, startet die Gewalt also nicht mit dem Pazifismus, sondern mit dem Bellizismus. Es ist ein sich verzweigendes Ablaufdiagramm, bei dem an der obersten Position zwei Entscheidungen möglich sind. Entscheide ich mich zusammen mit allen anderen für den Pazifismus, endet damit auch schon alles und jeder lebt in Frieden. Der Bellizismus wird sich über eine lange Strecke nach unten weiter verzweigen. Demnach kann der Pazifismus bis hierin für friedliebende Menschen die einzig richtige Entscheidung sein. Aber verpflichtet mich diese Haltung zum Verzicht auf eine Gegenwehr?

In jeder Religion stößt man dabei schnell auf Widersprüche. Zum Beispiel ist für Buddhisten das jetzt geführte Leben lediglich eine Art Episode, somit eine flüchtige Begebenheit innerhalb eines größeren Zusammenhangs, innerhalb derer, wie auch in allen anderen vorhergehenden und noch kommenden, das Karma geformt wird. Solange, bis man es salopp gesagt: Endlich verstanden hat! Jeder kennt die sagenhaften Kampfkünste der Shaolin. Alles was sie tun ist auf Verteidigung ausgerichtet. Sie haben nicht die Ursache gesetzt, aber sind durchaus in der Lage sich zu verteidigen. Doch wäre es nicht konsequent für das eigene Karma auf eine Gewaltanwendung, zu verzichten, um dann in der nächsten “Episode” auf einem neuen höheren Level, weiterzumachen?
Im christlichen Glauben sieht es nicht viel anders aus. Einerseits soll man nicht töten und im Zweifel die andere Wange hinhalten, andererseits ist die Rede von Auge um Auge, Zahn um Zahn. Im alten Testament ist eine Menge legitime Gewalt geschildert. Hauptsache, Gott hatte sie irgendjemand befohlen. Dann ging es immer richtig zur Sache. An sich eine schlüssige Konzeption. Was man auch bei ein paar tausend Jahren Entwicklungszeit erwarten darf. Töte ich konsequent alle, die sich nicht an die Vorgabe Pazifismus halten, setze ich alles wieder auf Null. Sollte ich es als Laie in Sachen Christentum richtig verstanden haben, läuft es in der Bibel darauf immer hinaus. Beim Propheten Hesekiel spricht Gott von all dem Gräuel und fordert, dass alle, die damit ein Problem haben, gekennzeichnet werden sollen und alle ohne Zeichen im Nachgang erwürgt werden müssen. Warum nicht alles belassen, wie es ist und den Job Satan in der Hölle überlassen. Ja, ich weiß, die Hölle ist eine recht späte Erfindung des Christentums und der Teufel, Luzifer, der gefallene Engel, noch später. Wie einfach hatten es da doch die Wikinger? Ein ordentlicher Tod im Kampf war eine gute Sache. Die Griechen setzten auf die Nachkommen. Bei der Erzählung über die Irrfahrten des Odysseus tröstet Achilles den Helden in der Unterwelt mit dem Hinweis, dass die Lebenden respektvoll über ihn sprechen. All dies scheinen mir Ideen von Typen zu sein, die irgendwie den Krieg, den keiner wirklich wollte, schmackhaft zu machen. Da fand ich die Episode bei Sketch History, in der Alexander der Große versucht seine Armee zu motivieren, während die nicht so richtig wollen, ziemlich amüsant. Machen wir uns nichts vor, wenn um Dich herum die ersten Leichen verwesen, Leute mit heraushängenden Gedärmen unter Stöhnen verrecken, gehen Achilles die Argumente aus.

Ich habe mir zu diesen Ungereimtheiten meine eigene These zu Recht gelegt. Buddha soll zu seinen Schülern gesagt haben, dass sie die Letzten wären, welche seine tatsächlichen Worte zu hören bekommen. Später werden sie aufgeschrieben werden und jeder fügt seine Interpretation hinzu oder ergänzt im eigenen Sinne. Selbst wenn er es nicht gesagt haben sollte, hat der Urheber dieser Worte Wahres gesprochen. Immer, wenn etwas nicht mit der Grundidee zusammen passen will, besteht der Verdacht einer nachträglichen Änderung. Selbst Buddha, der Lehrer, war nicht frei von Zwängen. In einem hinduistisch geprägten Gesellschaftsgefüge radikal alles auf den Kopf zu stellen, wäre äußerst unklug gewesen. Seine Botschaften wären in Empörung untergegangen.

Die Nummer mit dem Sterben, vor allem im Krieg, und den Religionen ist ohnehin eine eher zweifelhafte Angelegenheit. Wenn es mir zu Lebzeiten dreckig geht, alldieweil sich eine wenige ein gutes Leben gönnen und dafür über Leichen gehen, wird mir unterdessen eine bessere Zukunft im Jenseits vorausgesagt, während der sündige “Brutalinski” oder “Despot”, nach seinem Tod in der Hölle schmort, riecht verdächtig nach einer Konstruktion, die von Typen erfunden wurde, welche zu Lebzeiten unbehelligt andere ausbeuten wollten. Im Ursprung nachvollziehbar. Wenn ich als Sklave (Hebräer/Ägypten) geboren werde, brauche ich irgendetwas, woran ich mich hochziehen kann. Später kam dies einigen sehr entgegen (Absolutismus/Katholische Kirche).
Der Buddhismus erscheint einem auch erstmal ziemlich suspekt. Nichts zu besitzen, soll besser sein als Reichtum? Klingt erst einmal nach Christian Lindner & Friends, weil sie damit dem unvermögenden Pöbel die Lebenssituation attraktiv machen wollen, während sie sich mit kreativen Wirtschaftsmodellen bedienen. Wenn man etwas tiefer einsteigt, wird es logisch. An vergänglichen Dingen festzuhalten und das Leben an ihnen auszurichten, führt zwingend zu einer Frustration (Leid), die spätestens mit der konkreten Erkenntnis, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, eintritt.
Hinzu kommt, dass viele Kulturen in Abwandlungen die Weisheit “Wer Wind sät, wird Sturm ernten!”, kennen. In Asien heißt es: “Wer einen Mangobaum pflanzt, darf keine Bananenstauden erwarten.”

Der Übeltäter mag ja glücklich sein, solange er nicht erntet, was er gesät hat, aber sobald es ans Ernten geht, übermannt ihn der Kummer. Der Gute mag ja leiden, solange er nicht erntet, was er gesät hat, aber sobald es ans Ernten geht, übermannt ihn die Freude.
buddha mudra mara
Siddhartha Gautama, Buddha
Aus dem Dhammapada

Voreilig auf Pazifisten zu schimpfen ist demnach ein unüberlegter Schnellschuss aus der Hüfte. Spirituell wird es zu einer ziemlich komplizierten Angelegenheit. Zu welcher Überzeugung kommt man? Einen feuchten Dreck darauf, wenn mich jemand tötet? Wir werden sehen, was danach passiert? Hat jemand mit einer spirituellen Einstellung, jenseits der Griechen, Römer, Wikinger u.a., auf das richtige Pferd gesetzt, ist Putin sozusagen richtig am Arsch. Entweder hat er in der nächsten Episode innerhalb des Universums eine richtig miese Zeit oder in der Vorstellung eines Hieronymus Bosch, eine sehr lange BDSM-Nummer vor sich, die ihm wenig Spaß bereiten wird.

Im  Krieg zu sterben, gewalttätig, vor Ablauf der natürlichen/schicksalhaften Ablaufzeit, kommt immer mit der Erklärung eines Sinns daher. Auch eins dieser Wörter, mit denen ich ein wenig hadere. Im Besonderen gilt dies für den Sinn des Lebens. Wer soll darüber bestimmen, was einen Sinn stiftet und was nicht? Und wird meine Existenz sinnlos, wenn ich mit meinem Leben nicht den Vorgaben entspreche? Ein wenig griffiger ist der Zweck. So oder so müssen Kriege seitens desjenigen, welcher in den Krieg ziehen will, begründet werden. Man stirbt für die Freiheit, um einen oder eine Wahn|sinnige zu stoppen, einen Irr|sinn zu beenden oder das eigene Volk gegenüber einem anderen Volk zu verteidigen (anders: eine Gemeinschaft von x-Mitgliedern der Spezies Homo sapiens gegen eine andere Gemeinschaft von x-Mitgliedern derselben Spezies). Ganz abstrakt wird es, wenn das Vaterland und Schutz desselben herangezogen wird. Ein Gedankenkonstrukt, welches meiner Auffassung nach, vollkommen daneben ist. Es stammt noch aus der Zeit, in der der besetzte Boden die Einnahmequelle für Klerus und Adelige war. Ob nun durch Zufall oder eine Fügung des Universums in Verbindung mit angenommen inneren Regeln, habe ich mir die Geburt an einer konkreten Stelle des Planeten Erde nicht ausgesucht. Erweitert gesehen, gilt dies auch für den Planeten.

Der Erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen: “Das gehört mir” und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Morde, Kriege, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand seine Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: “Hütet Euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren,
wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemanden gehört.”


Jean-Jaques Rousseau, * 26.6.1772 in Genf; † 2.7.1778
französischsprachiger Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher

Rousseau gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der Französischen Revolution. Heutzutage würden sie ihn als Linksextremisten einordnen. Die “Heilige Schrift” des Kapitalismus, Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, wurde noch zu Lebzeiten Rousseaus von Adam Smith 1776 veröffentlicht. Es ist interessant, wie weit einige am Vorabend der Revolution waren und wem am Ende zugestimmt wurde.

Was scheren mich die Interessen eines Kaisers, Königs, Diktators oder des Managers eines Konzerns? Nehmen wir an, dass der Ukraine-Krieg sich ausweitet und der Dritte Weltkrieg ausbricht, wofür sollte ich kämpfen? Für die Freiheit? Werde ich getötet, hat sich das Thema für mich ultimativ erledigt. Für die Freiheit der anderen? Erstens, was hab ich damit zu tun und zweitens, haben große Teile ohnehin merkwürdige Vorstellungen von Freiheit. Für die Freiheit meiner Nachkommen? OK, da ist eine Klippe. Fraglich ist, ob mein Kampf wirklich zu Freiheit führt oder einfach nur einigen anderen, die auch nichts davon halten, Vorteile verschaffen.

Der Krieg, derzeit noch in der Ukraine, bringt existenzielle Fragen mit sich. Wir schauen auf einen Diktator mit imperialistischen Ideen. Ein Thema, das nie vom Tisch war. Nicht nur Putin trauert einem Imperium nach. Konservative Briten sind traurig, die Franzosen ebenso, mongolische Rockbands sinnieren in Texten darüber, was eigentlich schiefgelaufen ist, Chinesen aus der politischen Führung hätten gern ihr altes Reich in Gänze zurück, die USA, ehemals selbst Kolonie, würden gern, wenn es nach den Republikanern geht, ihren Großmacht-Status behalten, die Türken, insofern sie Anhänger von Erdogan sind, trauern ebenfalls, und bei einigen Deutschen bin ich mir nicht sicher. Zumindest bin ich mir nicht klar darüber, ob es eine gute Idee anderer europäischer Staaten ist, von Deutschland eine Führungsrolle einzufordern. Von der grundlegenden Mentalität her können wir das. Allein schon sprachlich und via Sprachmelodie (Schwaben ausgenommen) sind wir militärisch klar im Vorteil. In keiner anderen europäischen Sprache klingen Befehle so überzeugend, wie auf Deutsch. Aber gleichzeitig ist Deutsch eine sehr präzise Sprache. Was einem bei Befehlen entgegenkommt. Paradox ist dabei, dass sie damit auch der Philosophie zuträglich ist.

Imperialismus ist aktuell eine durchaus nachvollziehbare Idee. Die Ressourcen werden knapp, der Hunger nach Energie steigt ins Unermessliche und um innerhalb der sich abzeichnenden Klimakatastrophe überlebensfähig zu bleiben, braucht es Technologie, Rohstoffe, Energie und profane Landgebiete, die entweder ausgebeutet werden können oder sichere Transportwege für kostbare Güter gewährleisten. Die Alternative wäre eine sich einig werdende Weltgemeinschaft. Ich nehme an, den Glauben haben nahezu alle aufgegeben. Allerdings muss ich für mich sagen, dass ich hierfür tatsächlich zur Waffe greifen würde. Für das, was sich aktuell abzeichnet, eher nicht.

Ferndiagnosen funktionieren in der Regel nicht. Aber man kann es trotzdem versuchen. Zumindest ist es nicht verboten. Putin ist ein Mensch mit einem Großhirn. Also, was geht da vor? Pazifist ist er schon einmal nicht. Die Antwort hat er gegeben. Ich denke, er glaubt an eine globale Lösung so wenig wie ich. Ich gehe davon aus, weil er ein intelligenter Mann ist, gibt er nichts auf diese ganzen Klimaleugner. Ist er ein spiritueller Typ? Glaube ich persönlich nicht. Eher sieht er Religionen, spirituelle Betrachtungen als etwas für Leute an, die sich nicht der Lebensrealität stellen wollen. Ich denke, er gibt auch nicht sonderlich viel auf das Leben anderer Menschen. Jeder, der sich zur verfügbaren Masse machen lässt, ist in seinen Augen selbst schuld. Jetzt in diesem Moment habe ich ihn gerade als nackten Mann, ohne all den ganzen Mist, den man ihm unvorsichtig in die Hand gab, vor Augen. Denn das ist Krieg. “Arschloch, Du willst mich umbringen? Zeig mal, was Du drauf hast!” Das ist die Dschungel-Lage! Versuch ich Kontakt aufzunehmen? Werden wir uns irgendwie einig? Oder geht es wirklich nur ums gegenseitige Töten?

Menschen ist in solchen Momenten seit Urzeiten eine Menge durch den Kopf gegangen. Was ist die beste Strategie? Lange, hat bestimmt funktioniert: “Alter, ich will auch nur leben!” An der Front in der Ukraine passiert dies mit Sicherheit auch. Aber nicht bei einem Biden, einem Putin oder einem Xi Ping. Die leben in einer anderen Welt, die ihnen das Großhirn suggeriert. Jeder Schritt nach weiter oben bedeutet mehr Abstand vom anfassbaren Leben. Blut hat einen Geruch, Leben, was aus den Augen weicht, kann man sehen, Schreie kann man nicht ignorieren, den vorwurfsvollen Blick, der bedeutet, was machst Du mit mir, wird man nie wieder los. Es sei denn, man hat zugelassen, dass ein paar Aspekte, die den Menschen ausmachen, abgeschaltet wurden. Aber dann sei die Frage erlaubt, ob man dann noch die Bezeichnung “Mensch” verdient?

Ich persönlich bin dem Bundeskanzler, den ich nicht gewählt habe, für seine als zögerlich betrachtete Haltung dankbar. Eskaliert alles in einen konventionellen Krieg, was nicht realistisch ist, würde er nicht darin kämpfen. Kommt es zu einem nuklearen Krieg, stirbt er ein paar Monate nach dem gemeinen Volk. Steht einem ein Homo sapiens gegenüber, der das Großhirn nicht übermäßig nutzt, ist grundsätzlich der erste Schlag eine gute Idee. Trage ich die Verantwortung für ein ganzes Volk, sollte ich einen Gedanken mehr verschwenden. Denn dann gehen eine Menge Menschen in den Tod, die ich nicht einmal kenne. Putin hat sich von den Möglichkeiten des Homo sapiens verabschiedet. Er wird seine Gründe haben. Spirituell muss ich mir von ihm nicht aufs Auge drücken lassen, wo ich stehe. Dies gilt auch für die Ethik. Hätte ich die Möglichkeit, Gelegenheit und eine 9 mm zur Hand, gäbe es für mich auf seine Person bezogen kein Problem. Aber was kann Andrej, 25 Jahre, russischer Bürger, dafür?

In den letzten Tagen melden sich vehement diejenigen zu Wort, die es angeblich schon immer besser wussten. Putin wäre schon immer ein Potentat, Diktator, Despot, mit imperialistischen Zielen gewesen, und die “Dummen” hätten dies nur nicht erkannt. Es sei ein Fehler gewesen, mit ihm Verträge im Sinne der von Kanzler Schmidt geprägten Worte an Jimmy Carter:  “Wer miteinander Handel treibt, schießt nicht aufeinander!”, einzugehen. Rückblickend sei bereits die Ost-Politik von Kanzler Willy Brandt ein Schritt in die falsche Richtung gewesen.
Allen, die da so reden, unterläuft ein Gedankenfehler. Zu jeder Entscheidung gibt es sogenannte alternative Pfade. [1]Rolf Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens, 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen, dtv-Verlag, 2014, S.57, der Rückschaufehler, engl. hindsight bias Niemand kann auch nur ansatzweise mit Sicherheit sagen, wohin andere Entscheidungen geführt hätten bzw. wohin die alternativen Pfade geführt hätten. Die Kritiker setzen sich rückwärtig in die Position eines perfekten Prognostikers oder Propheten. Die damaligen Entscheidungen waren getragen von der Hoffnung, dass sie Gutes bewirken und schlechte Verläufe, wie einen erneuten Krieg, verhindern. Keiner kann sagen, ob andere Optionen nicht bereits vor 20 Jahren in einem Weltkrieg gemündet wären. Unter Umständen hätte es keine Wiedervereinigung gegeben? Oder die Wirtschaft hätte sich vollkommen anderes entwickelt. Die einzige existente Realität findet jetzt in diesem Moment statt. Selbstredend gilt dies für ebenfalls für die NATO-OST Erweiterung und die damit in Verbindung stehenden Verträge. 

Aus guten Gründen lassen sich Zukunftsforscher und ganz nebenbei auch gute Einsatzleiter nicht auf Prognosen ein, sondern Szenarien, in denen die wahrscheinlichsten Ergebnisse aufgestellt werden. Für den Ukraine-Krieg habe ich dazu auf der Seite des stark von der Spieltheorie geprägten Zukunftsinstituts 8 mögliche Szenarien gefunden. [2] Future War: 8 Szenarios über den Ausgang eines unvorhersehbaren Krieges, https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/szenarien-ukraine-krieg-matthias-horx/ , . Interessant ist dabei, dass im Netzwerk des Instituts Prof. Christian Riek mitwirkt, dessen YouTube-Channel “Spieltheorie” ich in meiner Link-Liste habe. [3]https://www.youtube.com/channel/UCSExr_QUT6h-4sGW5hGjrCA Vor dem Ukraine-Krieg kam er zum Ergebnis, dass Putin den Krieg nicht führen wird, weil der Krieg ein “dummer” Spielzug ist. Allerdings wurde er damit nicht zum Scharlatan, da er immer wieder betont keine Prognosen zu erstellen, sondern Szenarien analysiert.

Im März analysierte er die öffentlich übelst bepöbelte Aussage des Philosophen Precht, in der er die Aufgabe der Ukraine als eine Option darstellte. Es ist und bleibt ein denkbares Szenario. Aber rational ist es nur bei zwei Annahmen zu favorisieren. 1. Russland gewinnt auf kurz oder lang den Krieg. 2. Bei einer Kapitulation lässt Putin die Bevölkerung in Ruhe. Im Falle eines sich anschließenden Terrorregimes (wovon ich persönlich ausgehe), scheidet die Kapitulation aus.

In die Kategorie Denkfehler fällt für mich auch die Aussage, dass “Schwere Waffen” zu einer Provokation führen, die Putin zum Anlass für einen Atomschlag nehmen könnte. Nicht seine Gegner bestimmen, was eine Provokation ist, sondern er ganz alleine. Fraglich ist, wie er sie anderen in seinem Umfeld überzeugend verkauft. Ob ein Justizminister Buschmann, FDP nach rechtlicher Prüfung meint, dass die Lieferung der Waffen völkerrechtlich gedeckt ist oder nicht, geht einem Putin am bekannten Allerwertesten vorbei. Wie seine Haltung zu Völkerrecht ist, hat er brachial bewiesen. Zumindest ist zu Bedenken, dass die Lieferung als ein möglicher Anlass geeignet ist. Allerdings kann genauso gut angenommen werden, dass Putins Masterplan ohnehin die Eskalation in einen Atomkrieg ist oder blufft. Wir wissen es nicht.

Das Gebaren einiger Politiker finde ich nicht sonderlich hilfreich. Die Situation ist kein Brettspiel zur Unterhaltung gelangweilter Vorstädter in Einfamilienhäusern. Überall läuft alles auf Hochtouren. Die Nachrichtendienste, ihre Berichterstatter, Analysten, arbeiten Rund-um-Uhr. Ein Heer von hoch qualifizierten Beratern aus den militärischen Bereichen, den Think-Tanks, erarbeiten verschiedene Szenarien und versuchen zu ermitteln, wie man hierauf am erfolgreichsten reagieren kann. Wer glaubt, dass ein Kanzler oder andere Regierungsführer einsam und alleine ihre Ideen umsetzen, ist naiv. Dem normalen Volk sei dies zugestanden, aber nicht Politikern und schon gar nicht, die Manipulation für irgendwelche Machtspielchen. Keiner von den Gegnern Putins ruft ihn einfach mal an und reist ohne Absprachen nach Russland. Gleichsam trifft Deutschland die Entscheidung über die schweren Waffen nicht ohne Absprache mit den NATO-Partnern. Was wäre, wenn die für den Fall eines Übergriffs auf andere Staaten in den Vorhalt genommen werden? Jeder, der mal in einem Führungsgeschehen involviert war, weiß um die Rollenverteilungen. Eine pöbelt, ein anderer macht auf verbindlich, die nächste gibt die Verständnisvolle, alles orchestriert für ein gemeinsames Ziel. Wenn Scholz weniger Präsenz zeigt, wird dies Gründe haben.

Ich habe bei Putin einen Eindruck, der den Pazifismus gegenstandslos werden lässt. In meinen Augen ist er kein politisch denkender Mann, sondern mich erinnert er an einen Schwerkriminellen. Was wäre zum Beispiel, wenn er tatsächlich Anschläge initiierte, bei denen russische Bürger starben und die dann den Tschetschenen untergeschoben wurden? Was, wenn die Welt es bei Putin mit einem Psychopathen zu tun hat, der keinerlei Skrupel, Hemmungen oder irgendetwas in dieser Richtung empfindet? Da bleibt jedem von uns nur noch die spirituelle Sicht und die sich daraus ergebende Frage: Was lade ich auf mich, wenn ich töte?
Einem Politiker kann man mit Geld, Staatsbankrott, die Aussicht auf die Vernichtung des eigenen Volkes kommen. Doch was war z.B. mit Adolf Hitler? Der war vom Volk enttäuscht und kam zum Ergebnis, dass es dann auch keine Überlebensberechtigung hat. Es sind keine einfachen Zeiten angebrochen. Am Ende bleibt dem “normalen” Menschen nur das hilflose Zusehen und darauf zu hoffen, dass nicht das 8te Szenario [4]Das Ende der Welt oder: Das UnvorstellbareEin lang anhaltender Mehrfrontenkrieg bricht aus, der sich atomar hochschaukelt.Große Teile des eurasischen Kontinents und Amerikas werden … Continue reading eintritt.
Zumindest sollte man dies berücksichtigen.

Quellen/Fußnoten

Quellen/Fußnoten
1 Rolf Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens, 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen, dtv-Verlag, 2014, S.57, der Rückschaufehler, engl. hindsight bias
2 Future War: 8 Szenarios über den Ausgang eines unvorhersehbaren Krieges, https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/szenarien-ukraine-krieg-matthias-horx/ ,
3 https://www.youtube.com/channel/UCSExr_QUT6h-4sGW5hGjrCA
4 Das Ende der Welt oder: Das Unvorstellbare
Ein lang anhaltender Mehrfrontenkrieg bricht aus, der sich atomar hochschaukelt.
Große Teile des eurasischen Kontinents und Amerikas werden verwüstet,
200 Millionen Menschen sterben sofort, weitere 300 Millionen an Hunger
und den Folgeschäden. Trotzdem stirbt die Menschheit nicht aus, Afrika
und Südamerika, China sowie die pazifischen Räume sind weitgehend
verschont geblieben. Im Jahr 2035 eröffnet Elon Musk die erste Aussiedler-Stadt auf dem Mars mit dem Namen Newkrainehttps://www.zukunftsinstitut.de/artikel/szenarien-ukraine-krieg-matthias-horx/ , abgerufen am 19.4.2022, 23:00 Uhr
Januar 11 2022

Die infantile Illusion des Wohlstands

Lesedauer 10 Minuten

“Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!”

Max Liebermann

Zum oben genannten Zitat gibt es verschiedene Entstehungsgeschichten. In einigen soll es der Maler gesagt haben, als er vom Balkon aus einen Fackelmarsch der SA beobachtete, in anderen sagte er dies zu Käthe Kollwitz. Sehe ich die aktuellen Demonstrationen, längst an der Spitze angeführt von Hooligans, die “Bock” auf einen Kampf mit der Polizei haben und Kampfgruppen der rechten Szene, geht es mir ähnlich. Frauen und Männer, die sich der Leute bedienen und aufgrund einer Schwäche der Republik ins Parlament gelangten, machen es nicht besser. Doch richtig ekelhaft wird es, wenn Leute aus Parteien, denen traditionell eine Verfassungstreue unterstellt wird, die Geschehnisse für ihr Ziel benutzen, Deutschland wieder in die alten konservativen, autoritären, Strukturen, zurückzuführen. Ich fühle mich bei denen unangenehm an eine Zeit erinnert, in der ausländische Milliardäre, deutsche Stahl – Barone und Industrielle aus der Chemiebranche, mittels Zahlungen ihre Günstlinge in Stellung brachten. Doch gleichzeitig habe ich mir vorgenommen, mich vom Geschehen nicht treiben zu lassen, sondern auf die Suche zu gehen, warum alles ist, wie es ist. Mir persönlich hilft es, wenn ich verstehen und nachvollziehen kann. Wenn man die Folgen von Verbrechen sieht, besonders wenn sie Kinder betreffen, gibt es im Kopf eine verzweifelte Frage: Warum? Erklärungen sind keine Rechtfertigung oder Relativierung, sondern entsprechen dem Bedürfnis des Großhirns aus allem eine nachvollziehbare Erzählung zu stricken. Darum soll es hier gehen! Was passiert meiner Auffassung nach gerade.


Wir befinden uns täglich in verschiedenen inneren Zuständen und wechseln diese je nach Einwirkung innerhalb von Sekundenbruchteilen. Vom Lebensalter her als Erwachsene einzuschätzende Menschen verhalten sich mal rational, vernünftig und verständig, während sie im nächsten Augenblick infantil, bockig oder pubertär wirken. Einige Psychologen sehen die Begründung in der Wechselwirkung zwischen zwei Personen. Tritt beispielsweise eine Person gegenüber einer anderen mit einem paternalistischen Gebaren auf, landet die andere schnell in einem kindlichen Zustand und wird sich auch entsprechend verhalten. Andererseits kann sich eine/r kindlich, hilflos präsentieren und damit das Eltern – ICH auf der anderen Seite erwecken.

Mir begegnete diese Herangehensweise an einige psychologische Phänomene vor etwa 25 Jahren. Bis zum Streit wirkt sie banal, doch nach einem Streit, denkt man häufig: “Verdammt, da ist etwas dran!” Seither habe ich mich unzählige Male gefragt: “Moment, in welchem Zustand befinde ich mich gerade?” Oftmals musste ich einräumen, dass da ein wütendes, bockiges Kind agierte. Warum auch nicht? Wenn es um nichts Existenzielles oder wenigstens ansatzweise wichtiges geht, kann man sich das leisten. Entscheidend ist das Erkennen und die Option auf andere Zustände umschalten zu können. Besonders, wenn einem etwas grundlegend falsch kommuniziert wird, aber deshalb noch lange nicht inhaltlich verkehrt sein muss. Es ist unklug, bockig in ein Minenfeld zu laufen, nur weil einem ein Posten eine unfreundliche autoritäre Ansage machte. Ja, er hätte es anders sagen können, aber das interessiert die Mine nicht, so wie ich und nicht der Posten sterben wird. Das Beispiel klingt etwas drastisch, doch es ist nicht allzu realitätsfern. Wenn die Polizei wegen eines Bombenfunds ein Gebiet absperrt, passiert dies häufig. “Ich möchte da nur schnell mit meinem Fahrrad durchfahren! Lassen sie mich gefälligst durch.”

Gut, die Bombe hat es seit dem Krieg nicht notwendig erachtet hochzugehen. Dies verleitet zur Annahme, dass sie es weitere 10 Minuten nicht tun wird. Tatsächlich ist es ein Gedankenfehler. Seit sie dort landete, hätte sie es jederzeit tun können und in jeder Minute war die Wahrscheinlichkeit gleich hoch. Eine Nachschau könnte technische Details zeigen, die eine Explosion verhinderten, doch davon weiß erstmal niemand etwas. All dieses zu verdrängen, ist nicht rational und damit auch nicht das, was wir unter einem erwachsenen Denken verstehen.


Verhielten sich alle Erwachsenen vernünftig und verständig, könnten wir den Hauptteil aller bestehenden Regeln und Gesetze streichen. Jeder weiß, dass dies nicht der Fall ist, also wurden schon im Altertum Gesetze erlassen. Eine an sich spannende Sache. Immer und überall bestand ein Bewusstsein dafür, dass der Mensch es zwar besser weiß, aber nicht danach handelt. Bei uns werden häufig die Leistungen des Großhirns vollständig umgangen. Es gilt: Was nicht in einem Gesetz explizit verboten wurde, ist erlaubt und wird auch gemacht. Erlaubt ist ein logisches Gegenteil von verboten, aber ob ich etwas mache, sollte nach anderen Kriterien entschieden werden. Im Alltagsleben ist dies kaum ein Thema. Anders sieht es aus, wenn es um Wirtschaft und Produktionsverfahren geht. Obwohl genau erkennbar ist, dass andere geschädigt werden oder massiv zerstörerisch in die Lebensgrundlagen eingegriffen wird, lautet die Frage einzig: Ist es irgendwo verboten? Nein? Dann tun wir es. Da helfen nicht noch mehr Regeln, sondern nur ein Umdenken.

Ich sehe Deutschland als ein überreguliertes Land. Dies ist ein Zustand, der sich aus einem langen Prozess ergeben hat. Hinzu kommt ein meiner Auffassung der beschriebene problematische Umgang mit den Regeln. An sich sind sie richtig angewandt etwas Zweckmäßiges. Jedes komplexes System benötigt sie. In einem Motor oder einem Computer müssen mehrere Komponenten mit speziellen Aufgaben kommunizieren und nach Regeln zusammenspielen, damit sie ihre bestimmungsgemäßen Ergebnisse produzieren können. Gleichermaßen sieht es mit Spielen aus. In ihnen gibt es Spieler mit Rollenzuweisungen, die unter Beachtung von Regeln miteinander agieren. Spontan denkt man dabei an Spiele wie beim Sport oder Gesellschaftsspiele. Doch bei genauerer Betrachtung spielen wir täglich mit anderen Zeitgenossen Spiele mit immer wiederkehrenden Abläufen.


Wo sehe ich die Probleme? Wenn beim Fußball ein Schiedsrichter nicht mit Augenmaß und Spielverstand jeden minimalen Regelverstoß pfeift, wird aus dem Spiel nichts. Ebenfalls schwierig wird es, wenn Menschen zu viele Entscheidungen mittels irgendwann festgelegter Regeln abgenommen oder vorgegeben werden. Noch die geringste Folge ist der Verlust der Kreativität. In Behörden ist nahezu alles vorgegeben, besonders wenn es um die Verwaltung und die Schriftsätze geht. Zeilenabstand, Schrifttyp, Position der Absätze, Grußformeln und wann etwas zu verfassen ist, werden nicht den Verfassern überlassen, sondern haben sich an Vorschriften zu orientieren. Das Ergebnis sind oftmals sperrige, unverständliche und vor allem überflüssige Vermerke, Berichte, interne Rundschreiben. Im Alltag ist das hinzunehmen, doch wenn es darum geht, komplizierte Themen abzuhandeln, wird es schwierig. Deshalb scheren Sachbearbeiter/innen immer mal wieder aus, was dann regelmäßig einen Rüffel von weiter oben nach sich zieht. Im Verlauf von Jahrzehnten werden Menschen in solchen überregulierten Systemen sozialisiert. Die Regeln werden zu etwas diktatorischen. Das eigene Denken schwindet und die Regeln werden zu einem Selbstzweck, während ihre ursprüngliche Intention und der Vorgang, welcher einst zur Aufstellung führte, völlig in den Hintergrund gerät. Im Zuge dessen passiert noch etwas anderes. Regeln, deren Sinn wir nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, kennen wir aus der Kindheit. Einst lernten wir, dass das Befolgen einerseits bequem ist und gleichzeitig Ärger vermeidet. Doch wir ließen es uns nicht nehmen, wenn es auch unvernünftig und jenseits allen Verstandes war, sie zu brechen. Allerdings hatte es auch Vorteile, sich unliebsame Entscheidungen von den Eltern abnehmen zu lassen. Immerhin konnte man dann den Misserfolg ihnen aufbürden und musste sich nicht selbst Fragen stellen.


Bei einigen Mitmenschen scheint sich dieser infantile Zustand manifestiert zu haben. Egal wie gut oder schlecht in der aktuell herrschenden Pandemie die Lage und das Regelwerk zur Abwehr der Gefahren kommuniziert wurde, kommt keiner an der Existenz eines Virus vorbei. Ebenfalls nicht am Umstand, dass man mit Viren weder verhandeln noch diskutieren kann. Gleiches gilt für die Prozesse rund um das Klimageschehen.
Ich gehe auch davon aus, dass bei der Mehrheit der Erwachsenen ein Verständnis für die Logik besteht, der nach ein/e Einzelner für sich selbst mittels der ihr/ihm bekannten Informationen eine Risikobewertung vornehmen kann, hingegen bei einer Zugehörigkeit zu einer Gruppe, auf eine Koordination der Gruppenmitglieder angewiesen ist. Jede Dorfgemeinschaft funktionierte früher danach. Der Schmied hat nichts gewonnen, wenn es seinem Holzlieferanten oder dem Müller schlecht geht. Im Prinzip begann die Pandemie mit einer ambitionierten optimistischen Hoffnung. Böse treffen würde es “nur” Schwächere, bereits Kranke und Alte. Weniger nett formuliert, könnte man es als die Arroganz der Leistungsgesellschaft sehen, dass alle “Starken” lediglich einen Schnupfen bekämen. Davon sind wir mittlerweile weit entfernt. Augenscheinlich scheinen die Mediziner im Dunkeln zu tappen, wer denn de facto anfällig für einen schweren Verlauf ist. Die Überlebenschancen steigen, wenn man bei einer Hospitalisierung kräftig ist, das ist aber auch alles. Was wir wissen ist die Wahrscheinlichkeit, geimpft einem schweren Verlauf zu entkommen.

Es erscheint legitim, wenn jemand dieses Risiko eines schweren Verlaufs auf sich nimmt. Doch dann bitte in der Tradition des Mittelalters. Zurückziehen und irgendwo isoliert sterben. Anderen, die aus welchen Gründen auch immer eine intensive medizinische Behandlung benötigen und sie in Anspruch nehmen wollen, den Platz wegzunehmen, scheidet dann aus. Neuerdings wird auf die Situation von Zeitgenossen/innen hingewiesen, die rauchen, übergewichtig sind oder Extremsportarten betreiben. Ganz ohne kognitive Dissonanz meinerseits ist dabei ein wenig differenzieren angesagt. Die Angesprochenen schädigen sich nicht erst seit gestern und zumeist bereits lange Jahre vor der Pandemie und darauf haben wir uns eingestellt. Seuchen nehmen eine Sonderstellung ein. Corona ist eine unter vielen. Weltweit wütet immer noch die Cholera, immer mal wieder meldet sich die Pest zurück, die Syphilis, Aids, Lepra, Ebola, usw. Andere, teilweise noch unerforschte befinden sich in Lauerstellung. Ich schätze, ganz werden wir weltweit Corona nicht mehr loswerden. Die 7. Pandemie der Cholera dauert seit 1961! an. Es läuft also immer auf ein Eindämmen, Zurückdrängen und rechtzeitige Reaktionen hinaus. Hierfür sind Maßnahmen erforderlich, die Opfer verschiedener Art fordern.


Es fällt auf, dass Anhänger und Aktive der AfD, sich immer zu Wort melden, wenn es unlogisch wird oder es gilt komplexe Sachverhalte wenigstens ansatzweise nachzuvollziehen. Aktuell wettern sie gegen die Maßnahmen zur Pandemie – Bekämpfung, weil die Zahlen sinken würden und wieder Bettenkapazitäten beständen. Dabei ist es nicht einmal sonderlich kompliziert. Man stelle sich ein defektes Wasserohr vor, welches man notdürftig mit Isolierband geflickt hat. Es wird immer noch ein wenig lecken, aber eben nicht heraussprudeln und alles unter Wasser setzen. Jetzt besteht Zeit eine passende Schelle zu organisieren, ein neues Rohr vorzubereiten und vor allem auf die Suche nach dem Absperrhahn zu gehen. Wenn nicht ein Depp von der AfD vorbeikommt, der das Klebeband abmacht. Nun sind aber bei der AfD nicht nur Deppen unterwegs. Also stellt sich die Frage, warum sie diesen Unsinn verbreiten. Ich denke, sie kalkulieren die Schäden ein. Sie bedienen das Infantile und wiegeln gegen die bestehende Autorität auf. “Mama und Papa sind doof! Die verbieten Dir immer nur alles. Schau mal, ich habe tolles Spielzeug im Auto, Du kannst mir vertrauen, ICH, gebe Dir alles, was Du willst.”

Damit dies funktioniert, benötige ich Kinder, die darauf hereinfallen, sich ködern lassen, die Verbote der Eltern nicht nachvollziehen können, vielleicht weil es nicht gut erklärt wurde, die Gefahr, welche vom lockenden Täter ausgeht, nicht erkennen und anfällig für das Lockmittel sind.


Mit allem im Überfluss ausgestattete Wohlstandsgesellschaften verlieren augenscheinlich irgendwann den Bodenkontakt. Essen, gern auch mit allen Raffinessen, Trinken, sauberes Trinkwasser, selbst zum Wegspülen von Fäkalien oder Körperhygiene, wohltemperierte Behausungen, eine all umsorgende Gesellschaft, die den Einzelnen in jeder Lebenslage auffängt, die Übertragung jeglicher Verantwortung an staatliche Institutionen, teilweise sogar das Abnehmen von Denken, sowie die Abwehr aller nur erdenklichen Gefahren durch eigens hierfür bezahlte Sicherheitskräfte und deren Entscheider, werden zur absoluten Selbstverständlichkeit. Ein indischer Wanderarbeiter muss in einer Pandemie völlig andere Bewertungen und Entscheidungen vornehmen. Medizinische Versorgung ist bei ihm ein Glücksfall. Corona ist neben Verhungern, Katastrophen, anderen Seuchen, wie die Cholera, eine zusätzliche Bedrohung. Eindämmende Maßnahmen, können den sicheren Tod bedeuten, während Corona möglicherweise das Leben beendet. Streetkitchen – Besitzer, sind auf ihre komplette Familie angewiesen. Da kann nicht mal eben die gesamte Familie in Quarantäne gehen, weil eins der Kinder erkrankt ist. Ähnlich sieht es bei Leuten aus, die in abgelegenen Gegenden leben, wie zum Beispiel auf Inseln im hohen Norden Skandinaviens. Ein Corona – Ausbruch wäre eine Katastrophe, besonders wenn es keinerlei Schutz gegen einen schweren Verlauf gibt. Dort gibt es keinerlei Diskussionen, wenn die Chance auf eine Impfung besteht. Leugner der Pandemie, Impfskeptiker oder Verweigerer, die Propagandisten des Profits und Wirtschaftswachstums auf Kosten der Sterbenden, sind in erster Linie ein Problem der satten Wohlstandsgesellschaften.

Mitglieder von Wohlstandsgesellschaften leben in einer Illusion. Sie glauben sich freikaufen zu können. Alles Böse und Schlechte findet irgendwo anders statt. Die unerfreulichen Sachen, sind entweder die Fehler von Institutionen, die Machenschaften dunkler Mächte im Hintergrund oder wenn es gar nicht anders geht, das Unvermögen der Betroffenen. Seuchen, Naturkatastrophen alter Art oder neue Szenarien, die vom hausgemachten Klimawandel und Massensterben der das biologische System tragenden Arten, passen nicht ins Konzept. Hierzu müsste zu viel infrage gestellt werden. Fragen, die sich auf Zeiten vor dem Wohlstand beziehen.


Nach und nach schwindet die Illusion und es zeigt sich die Verletzlichkeit. Dies kommt einer Demütigung gleich. Jahrzehntelang wurde den Menschen etwas anderes vorgegaukelt. Versicherungen suggerierten, dass man gegen die Zahlung eines monatlichen Betrags alles abfangen könne. Politiker und Politikerinnen traten vor die Mikrofone, warfen alles Negative den gerade Regierenden vor und behaupteten, sie würden alles, bis hin zum Ausbruch eines Vulkans oder Erdbeben verhindern können, wenn man sie nur wählte. Selbst Philosophen und Naturwissenschaftler propagieren eine Zukunft, in der alles mittels Technik, medizinischen Fortschritt, weiteren Wissen, gelöst werden kann. Selbstverständlich bräuchte man hierfür jede Menge Geld, doch dies würde sich quasi durch die Technik selbst ergeben.

Was wäre, wenn es sich völlig anders verhält? Alles unterliegt einer Wechselwirkung. Ich kann nichts tun, ohne dass eine Wirkung bzw. Veränderung, Reaktion, erfolgt. Die Wechselwirkungen auf dem Planeten sind derart komplex, dass der Mensch sie vermutlich niemals vollständig erfassen kann. Selbst wenn wir die Momentaufnahme aller Prozesse verständen, wäre das nächste Problem das Nachvollziehen aller Folgen, die durch eine einzige minimale Veränderung entstehen. Eins haben wir bei den Prozessen mittlerweile verstanden. Das globale System strebt seit der Stunde Null ein Gleichgewicht an. Selbst nach Phasen des Chaos findet es sich immer wieder in ein stabiles Gleichgewicht ein.

Auf der Erde existieren diverse Missverhältnisse, die sich stetig weiter von einem Gleichgewicht entfernen. Früher, in den ausgehenden 60ern sahen einige Philosophen eine Zukunft, in der nach und nach die Unterschiede wenigstens auf ein akzeptables Maß reduziert würden (u.a. Adorno, Marcuse, Horkheimer). Als größte Gefahr machten sie einen Atomkrieg aus. Diese Prognose hat sich nicht bestätigt. Sie übersahen die negativen Auswirkungen der Industrialisierung, welche sich heute im Wandel des Klimas und Zerstörung der Lebensgrundlagen bis zum Armageddon (Zitat: Mark Benecke) aller neben dem Menschen existierenden Lebewesen, zeigen. Die nördliche Hemisphäre steht in einem krassen Gegensatz zum Süden und der Äquatorlinie. Der jetzt bestehende Wohlstand könnte das absolute Maximum des Möglichen sein und zum Zenit werden. Wie bei einem hochgeschossenen Ball, der irgendwann dem Reibungswiderstand und der Schwerkraft nicht mehr trotzen kann und herunterfällt. Dies könnte bedeuten, dass die Wohlstandsgesellschaften fallen, während die anderen einen Aufstieg erfahren und sich alle im günstigen Fall auf einem Gleichgewicht einfinden. Vorausgesetzt, es kommt nicht zu schwerwiegenden Ereignissen, die alle gemeinsam in den Abgrund reißen. Denn zum Gleichgewicht gehören auch alle anderen Lebewesen und Gegebenheiten des bisher einzigen bekannten belebten Planeten. Es wird noch andere geben, aber die kennen wir halt nicht.

Wie auch immer, ich persönlich schließe mich denen an, die von einem Zenit und einem bereits begonnenen langsamen Abstieg ausgehen. (Dafür sprechen z.B. Untersuchungen bezüglich eines seit den 70ern sinkenden Durchschnitts – IQ. Bitter amüsant ist hierbei, dass sich die Forscher wieder einmal zur Aussage “Menschheit” hinreißen lassen. Ihnen dürfte Vergleichsmaterial von z.B. indigenen Völkern fehlen.) Das aktuelle Geschehen entspricht einem Abstiegskampf. Kleine Kinder stampfen empört mit den Füßen auf, weil sie glauben, jemand nähme ihnen den Lutscher weg. Doch dieser Jemand existiert genauer betrachtet nicht. Das übergeordnete Lebenssystem des Planeten beginnt zu wirken. Viren, Bakterien, Anstieg des Meeresspiegels, Süßwasserverknappungen, Überschwemmungen, entfesselte Stürme, hieraus resultierende Änderungen der Bevölkerungsverteilung, sind zwingende unaufhaltsame Folgen, denen wir wenig entgegensetzen zu haben. Diesbezüglich haben wir uns, die Mitglieder von im Überfluss lebender Wohlstandsgesellschaften überschätzt. Man könnte dies knurrend anerkennen und sich fügen. Gemeinsam mit allen anderen gelte es dann vernünftige und verständige globale Lösungen zu finden. Oder sie greifen zur Alternative, was ich für wahrscheinlich halte, in dem sie sich mit Waffen gegenseitig töten. Wie das ausgeht, kennt jeder vom Buddelkasten. Eine oder einer fängt an, die Sandkuchen der anderen kaputtzumachen und alle gehen am Ende heulend nach Hause. Dies wird alles noch ein wenig dauern. Doch die Anfänge sehen wir bereits auf unseren Straßen und mit dem Erstarken der Erz – Konservativen, religiösen Fanatikern und der Neuen Rechten, die geschichtlich immer eine Folge von Demütigungen, Untergang und verletzten Stolz waren.

Juli 24 2021

Die modernen Ketzer

people holding banner Lesedauer 10 Minuten

So wie irgendwo eine Äußerung von Luisa Neubauer auftaucht, meldet sich ein wütender Mob zu Wort: Sie hätte noch nichts im Leben geleistet, heißt es dann. Leider erfolgt nie eine Konkretisierung was dabei unter einer Leistung verstanden wird. Darüber kann trefflich je nach Weltanschauung gestritten werden. Außerdem stellt sich die Frage, ob eine Meinung an eine wie auch immer geartete Leistung gebunden ist. Nietzsche studierte und wurde mit 24 Jahren Professor an der Universität in Basel. Einer, der sich selbst gern als die letzte konservative Bastion des deutschen Journalismus bezeichnet, Jan Fleischhauer, gern den wütenden Mob bedient, begann seine Karriere beim SPIEGEL mit 25 Jahren und erntete mit seinen Artikeln keinen Shitstorm, schlicht, weil es sowas 1989 noch nicht gab. Nach dem Lesen seiner Texte glaube ich ein wenig verstanden zu haben, was er bedienen will oder ihm gegen den Strich steht. Es scheint, dass er damit den Nerv einiger trifft.

Schwierig wird es immer dann, wenn man versucht, aus seiner politischen Haltung moralischen Mehrwert zu schlagen. Vom Übermenschen erwartet man auch übermenschliche Disziplin.

https://www.focus.de/politik/deutschland/schwarzer-kanal/die-focus-kolumne-von-jan-fleischhauer-im-minus_id_13525344.html

Er und andere wittern bei Neubauer und den jungen Menschen, die sich bei FFF engagieren, eine zur Schau getragene moralische Überlegenheit, die einer näheren Überprüfung nicht Stand hält. Das dies in Deutschland ein Thema ist, sehe ich genauso. Allein schon, weil unser Lebensstandard auf diversen Sauereien fußt, aber völlig anders verkauft wird. Im gleichen Zuge betrachte ich skeptisch die Rolle Deutschlands innerhalb der Europäischen Union.
Nur sehe ich weder bei Neubauer noch bei den Schülern diesen Anspruch im eigentlichen Sinne. Man könnte sich eventuell an Spins wie “Alter weißer Mann” oder “Boomer” stoßen. Ich finde, ab einem gewissen Lebensalter, kann man die Gelassenheit entwickeln diese Spins, als Teil eines Generationskonflikts zu sehen. Mangels der fehlenden Möglichkeit auf ein Leben zurückzuschauen, welches sich aus Fehlern, Erfolgen, up-and-down einer Biografie zusammensetzt, verleitet einen in jungen Jahren zur Annahme, dies im eigenen Leben verhindern zu können. Schwierig finde ich, wenn Ältere eine Scheinheiligkeit vor sich hintragen, die immer einem Versteckspiel vor sich selbst entspricht. Dazu gehört auch, die eigene zurückliegende jugendliche Arroganz zu leugnen.

Aber was haben die verändernden Eingriffe ins Klima, zurückliegend und heute, die Zerstörung der Lebensgrundlagen durch Emissionen aller Art mit Moral zu tun? Ist die zentralistische Betrachtung des Menschen, die zu Begriffen wie Umwelt und Umweltschutz, welche von einem Geschehen um den Menschen herum geprägt sind, statt ihn als untrennbaren Teil des Gesamten zu sehen, moralisch gerechtfertigt? Stichwort: Anthropozän – das vom Menschen gestaltete Erdzeitalter. Hat sich der Mensch nicht falsch eingeschätzt? Ist der Wunsch nach dem Überdauern eines natürlichen Weltgeschehens versus einem nur mittels technischen Schutz möglichen Überlebens des Menschen bei gleichzeitigen opfern aller anderen Lebewesen eine Frage der Moral? Im gewissen Sinne schon. Aber sollten dann nicht gerade Konservative, die sich mehrheitlich zu einer übergeordneten Gottheit und Schöpfung bekennen, sich für einen Erhalt aussprechen? Für mich ist dieser Widerspruch nur lösbar, wenn sich die Bezeichnung konservativ nicht auf Schöpfung, Erhalt und den christlichen Glauben bezieht, sondern eher auf das Streben nach Überwindung der natürlichen Abhängigkeitsverhältnisse und die Installation eines globalen Systems, welches nach den Ideen des Großhirns funktioniert. Gut, manche mögen daran glauben, dass dies funktionieren kann. Meiner persönlichen Beobachtung nach sind die von Naturwissenschaftlern festgestellten Prozessverläufe ein deutliches Zeichen für das Scheitern.

In einem anderen Vorwurf heißt es, sie käme aus einer wohlhabenden Familie und im Übrigen wäre sie selbst auch schon geflogen. Dies weist auf einen typischen menschlichen Wesenszug hin. Im Grunde weiß man wie irrational und möglicherweise schädlich das eigene Verhalten ist. Doch was wäre das für ein Leben, wenn man sich nicht einmal etwas gönnt, über die Stränge schlägt und sündigt? Mich fasziniert dies immer wieder. Die menschliche Unvernunft, die sich gegen einen selbst richtet, wird mit der Auflehnung gegen etwas Höheres legitimiert, das dann im Nachgang Gnade walten lässt. Ebenso wird das Recht auf Unvernunft angesprochen. Die Reichen und Wohlhabenden, welche sich alles leisten können und die Armen, welche sich abmühen müssen, um auch ein wenig Spaß zu haben. Macht es für die Lebewesen im Erdboden einen Unterschied, ob ein Reicher oder ein Armer illegal einen Kanister Mineralöl ausleert? Nun mag man sagen, dass das Fliegen eher unter Vergnügen läuft, denn einer illegalen Chemikalienentsorgung. Aus der Perspektive aller anderen Lebewesen ist es eine Schädigung. Ist der Wahrheitsgehalt der Aussage vom Status oder dem eigenen Verhalten abhängig? Worum es doch geht, ist das Wissen darüber. Ich weiß von der Schädlichkeit und tue es trotzdem. Darf ich Schaden zufügen, wenn ich weiß, dass mein Handeln einen verursacht? Juristisch nennt sich das Vorsatz! Wenn jemand ein Fahrzeug in zweiter Spur abstellt und die Warnblinkanlage einschaltet, ist offensichtlich das Wissen um die Gefährlichkeit des Handelns vorhanden. Deshalb kostet diese Vorgehensweise mehr, als das ungesicherte Abstellen. Jeder von uns weiß nach dem aktuellen Wissensstand, dass der Flug anteilig eine Schädigung darstellt. Damit muss ich irgendwie umgehen. Wer sich dies nicht eingestehen will, muss eine Rechtfertigung finden. “Mein Flug fällt bei der Anzahl der Vielflieger nicht weiter ins Gewicht.” “Warum sollte ich verzichten, wenn alle anderen ebenfalls und sogar noch mehr schädigen?” “Sollen doch erst einmal die anderen, die Reichen, ihr Verhalten ändern, dann können wir über meinen kleinen Anteil sprechen!” Oder wie es die/der Besitzer/in des angesprochenen abgestellten Fahrzeugs formuliert: “Herr Wachtmeister, kümmern sie sich doch erst einmal um die richtigen Verbrecher und nicht um mich.” Diese Rechtfertigung wird schlagartig hinfällig, wenn wegen des Hindernisses ein Motorradfahrer ausweichen muss und das Opfer eines unachtsamen anderen Fahrers wird. Denkbar ist auch die Entstehung eines Staus, der die Einsatzfahrt eines Rettungswagen zu einem Verletzten verlangsamt.

Ich selbst fliege und kritisiere. Einerseits zeige ich damit mit dem Finger auf mich selbst, und andererseits auf meine Zeitgenossen. Wie halte ich das aus? Bei mir ist eine Resignation die fadenscheinige Rechtfertigung. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass der Zug abgefahren ist. In dieser Lage kann ich nur noch das Beste für mich selbst herausholen.

Ich sitze mit einer Partygesellschaft in einem Bus, der mit zunehmender Geschwindigkeit und einem “zugekoksten” Fahrer am Steuer auf eine Betonwand zu rast. Vielleicht haben drei oder vier Mitfahrer die Lage erkannt. Meine Möglichkeiten beschränken sich darauf den Fahrer zu erschießen und dazu bin ich zu feige, schon deshalb, weil sie mich danach lynchen. Die anderen verfügen eventuell über mehr Möglichkeiten. Wenn sie eine Idee haben, werde ich sie mit allen Mitteln unterstützen. Doch ich werde sie bestimmt nicht besoffen und grölend beschimpfen. Dies übersehen einige geflissentlich. FFF, Neubauer, und viele andere, kämpfen mit Überzeugung für alle und nicht allein für sich selbst. Ob sie einen Weg gewählt haben, der den Bus vor dem Einschlag in die Wand bewahrt, wird sich zeigen.

Schaue ich mich um, sehe ich keinen Grund, denen zu glauben, die sich an den Schalthebeln der Macht befinden. Wer ernsthaft das Ende einer Ausbeutung fossiler Ressourcen plant, erschließt nicht täglich neue Ölfelder, Erdgasvorkommen oder Kohleflöze. Wem es mit der Sache ernst ist, plant keine Weltmeisterschaft in Qatar, um sich bei denen “Liebkind” zu machen.

Zurück zu Frau Neubauer und ihren Aussagen. Im Kern geht es zunächst einmal um den Hinweis, dass Politik in einigen Bereichen nicht umhinkommt, nicht nur den Rat von Wissenschaftlern einzuholen. Notwendig ist es auch, die politischen Entscheidungen darauf basieren zu lassen.

Weiterhin merkt sie an, dass zwar viele kostenlose Worte ausgesprochen werden, aber keine konkreten Handlungen folgen. Kurzum, sie stellt keine eigenen Forderungen. Sie gibt das wieder, was Wissenschaftler seit Jahrzehnten sagen und fordern. Doch die nimmt sich keiner vor, schon gar nicht jene, deren Ruf nahezu unantastbar ist und international anerkannte Beiträge leisten oder leisteten. Wenn überhaupt, wenn sie allgemein für jedermann verständlich aufbereitet sind, kommt es zur üblichen Reflexreaktion: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Irrationalität trifft auf wissenschaftliche Nüchternheit.

Angesichts der Flutkatastrophe kam eine neue nicht weniger verkorkste Entgegnung ins Spiel. Frau Neubauer oder FFF solle/n sich derzeit zurückhalten, weil der Hinweis auf all die Unterlassungen bezüglich des Klimawandels von den Missständen bei der Katastrophenbekämpfung ablenken würde. Der Klimawandel, laut Wissenschaftler aus dem Verhalten der vergangenen Jahrzehnte resultierend, bedingt immer kürzer werdende Zeitintervalle beim Auftreten von Ereignissen wie Stürme, Starkregen, Fluten, Hitze, Dürren. Da die Aussagen der Wissenschaftler konsequent ignoriert wurden, vernachlässigte man auch den Katastrophenschutz bzw. die notwendigen Schutzmaßnahmen. Anders herum aufgezogen, kann ich schwer erhebliche Ausgaben für den Schutz begründen, wenn ich den Klimawandel und den Eigenanteil daran abtue. In dem Moment müsste jeder nachfragen, warum ich neben dem Schutz nicht gleichzeitig alles unternehme, damit die Phänomene nicht auftreten. Ich denke, die Wahrheit liegt woanders. Die Damen und Herren gingen davon aus, dass es wie üblich die südliche Hemisphäre treffen würde, während man in Mitteleuropa fein raus ist. Nun, dies scheint sich als Irrung herauszustellen.

Dann gibt es noch die Zeitgenossen, die Frau Neubauer auffordern, statt zu reden, ins Krisengebiet zu fahren und dort bei den Aufräumarbeiten zu unterstützen. Warum sollte sie dies tun und was hat das mit ihren Aussagen zu tun? Muss jeder Kritiker oder wegen meiner auch jede/r Politiker, der das Unterlassen von schädlichen Eingriffen in die Lebensgrundlagen des Planeten und Klima fordert irgendwo hinfahren und Hilfe leisten? Machen demnächst einige Abgeordnete einen Ausflug in die Sahelzone? Oder schicken wir Politiker (dafür wäre ich sogar offen), die militärische Interventionen fordern mit der Waffe in der Hand in die Region? Stellt sich der vergreiste Horst Seehofer demnächst an die Europäische Außengrenze? Ich denke, jede/r sollte tun, was sie/er kann und dabei auch den Nutzen berücksichtigen. Wer in der Gegend wohnt, passende Kenntnisse hat und auch noch die Möglichkeiten hat, sollte helfen, alle anderen sind eher hinderlich und bringen im Zweifelsfall Retter in Schwierigkeiten. Inwiefern die Nichtteilnahme an den Arbeiten im Katastrophengebiet ein Qualitätskriterium für die Aussagen ist, erschließt sich mir nicht. Dieses Konstrukt wirft eher ein Licht auf diejenigen, welche sich in dieser Art äußern.

Liegt die Fokussierung daran, dass sie sich an die 26 800 Wissenschaftler, die sich bei Scientist for Future engagieren nicht herantrauen? Könnte es so einfach sein?

Sie sagt, man solle auf die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hören. Andere halten ihr entgegen, dass Wissenschaft nicht alles wäre. Wissenschaft ist nicht Wissenschaft, und spätestens seit der Erfolgsserie “Big Bang Theory” kennen wir die Haltung eines Sheldon Coopers zu allen Wissenschaften jenseits der Physik. Bei allem, was sich um das Klima dreht, sind wir mitten in den Naturwissenschaften und zumeist in der Physik. Im 21. Jahrhundert sind die meisten von uns auf vielen Gebieten Anwender und verstehen nicht ansatzweise, was technisch vor sich geht. In den 80ern konnte ich noch an einem Fahrzeug herumschrauben. Heute öffne ich die Motorhaube und habe nur Fragezeichen auf der Stirn. Dies ist bei vielen Dingen der Fall. Was bleibt mir übrig? Ich muss mir im Zweifelsfall jemanden meines Vertrauens suchen. Habe ich beispielsweise zwei Virologen mit völlig unterschiedlichen Aussagen vor mir zu stehen, tendiere ich dazu den Selbstdarsteller und Freund des Partyvolks zu meiden und dem etwas verpeilt wirkenden Nerd zuzuhören. Wenn der dann auch noch der BILD Zeitung sagt, dass er keine Zeit hat sich mit ihnen zu beschäftigen, sind bei mir die Würfel gefallen. Das ist wie mit dem Gebrauchtwagenkauf. Lieber kaufe ich einen Wagen bei einer einfachen Garage, in der mit Öl verschmierte Mechaniker herumspringen, als das ich ihn bei einem Händler mit 20 Fahnen auf dem Parkplatz kaufe. In Bezug auf Virologen scheine ich da nicht alleine zu sein. Ich finde es Prima, dass das so ist und folge dem gern. Dem Schnellaufsteiger im Anzug hätte ich mehr Skepsis gegenüber aufgebracht. Ist das eine linke Position? Wenn es nach Herrn Fleischhauer geht, wohl ja, aber Anzugträger und Karriereristen ziehen sich gegenseitig an, mich bringen sie eher auf Abstand. Wer echte Kompetenz innehat, benötigt keine Kultur – Kostüme. Bei Kompetenz geht es mir nicht um das alleinige Wissen über die Zusammenhänge, sondern menschlich kompetent ist für mich ein Mensch dann, wenn das Wissen zum Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Denn ohne diese Gemeinschaft ist er nichts. Fast nichts von dem, was mich umgibt, kann ich wirklich alleine herstellen oder in Gang bringen. Aktuell befindet sich die Automobilbranche in Nöten, weil die Pandemie und vermutlich auch einige Katastrophen den Nachschub an Computerchips zum Versiegen gebracht hat. Was wird aus dem viel gelobten Hightech – Plan, wenn Teile des Planeten unbewohnbar werden? Können sich die Industrieländer autark machen und auf all die Produktionsstätten verzichten? Wäre es nicht logischer, als wohlhabendes Land an der einen oder anderen Stelle zu verzichten, damit die ärmeren Länder weiter produzieren? Nur so ein Gedanke von mir.

Die Grundidee bei der Kritik besteht darin, dass Naturwissenschaften Erkenntnisse liefern, aber der Umgang damit von diversen anderen Faktoren abhängt. In Tschernobyl konnten die Naturwissenschaftler mit Sicherheit sagen, dass die ersten Einsatzkräfte nach kurzer Zeit sterben werden. Damit fanden die sich Zugunsten einer weit größeren Menge an Toten und Verstrahlten ab. An der wissenschaftlichen Erkenntnis gab es nichts zu deuten. Wir wissen, dass demnächst die giftigen Hinterlassenschaften des II. Weltkriegs nicht nur große Teile des Lebensraums Meer zerstören, sondern das Schweröl aus den Tanks Küstengebiete verseuchen wird. In der Ostsee hat dies bereits angefangen. Die Wissenschaft und Aktivisten haben darauf hingewiesen, oder anders: Das Wissen weiter gegeben. Vor der Aufgabe die Katastrophe abzuwenden stehen mehrere Staaten. Da es sich um Hinterlassenschaften aus dem II. Weltkrieg handelt, wird diskutiert, ob sie in der Verantwortung der Herkunftsstaaten der am Meeresgrund liegenden Schiffe mit Schweröl in den Tanks und Unmengen von versenkten TNT liegt, die “Zerstörer” der Schiffe und Entsorger der Kriegsmunition (Allierte) gefragt sind oder die von der eintretenden Katastrophe betroffenen Staaten sich selbst des Problems annehmen müssen. Tatsächlich geht es um die Kostenübernahme. Einige Länder setzen auf eine nachträgliche Säuberung der Küstenlinie, was dem Meer nicht hilft. Die Nordeuropäischen Staaten haben nach einer wissenschaftlichen und ökonomischen Berechnung erkannt, dass die Kosten bei einer zerklüfteten Küste extrem nach oben schnellen und eine Lösung am Meeresboden für sie günstiger ist. Wie beim Klima und der Zerstörung wird das Wissen hingenommen und ein anderer Faktor vorangestellt. Geld, welches zur Abwendung des ultimativ eintretenden Schaden investiert werden muss. Wie wahnsinnig es auch sei, im Gehirn des Menschen hat der temporäre Besitz und die Mehrung Vorrang.

Hiergegen treten Neubauer und Co an. Nicht nur, in der Kritik an andere und ihrem Verhalten, sondern auch bei sich selbst.

Kaum jemand spricht beim Thema Klima über die realen Konsequenzen. Damit meine ich nicht die, vor denen in jüngerer Vergangenheit weltweit die Opfer der Katastrophen in Australien, China, USA, Russland, Südostasien standen und nunmehr sich auch in Deutschland zeigen. Das gesamte aktuelle System, inklusive der dahinter liegenden Gedankengebäude und Urstrukturen des Menschen steht vor dem Ende. Der Versuch, sich den Folgen mittels Technologie entgegenzustellen, ist ein verzweifeltes Aufbäumen, welches geeignet ist, das System zu schützen, aber mit absoluter Sicherheit nicht das bestehende natürliche Lebenssystem Erde retten wird. Vielleicht überlebt der Mensch mittels Technologie zusammen mit einigen ihm genehmen Spezies, aber das ursprüngliche sich selbst tragende Lebenssystem geht drauf.

Die Wut und der Hass sind systemimmanent

Das Wachstum, Profite, ein Geldsystem, der Wohlstand, die grenzenlose Neugier des Menschen als unabänderlich zu sehen, die Sesshaftigkeit und die Folgen als Vorteil zu bezeichnen, sind neben diversen anderen Betrachtungen reine Ergebnisse des Großhirns, die auch vollkommen anders gesehen werden können. Glaubensgemeinschaften, indigene Völker, Nomaden, die sich bewusst dagegen entscheiden, sind der Beweis. Jeder der behauptet, die vorgenannten Verhaltensweisen sind die einzigen, zu denen der Mensch fähig ist, macht sich etwas vor und versucht irgendwie die eigene Entscheidung zu rechtfertigen. Wenn es denn überhaupt eine Entscheidung ist. Die Mehrheit der in industrialisierten Staaten lebenden Menschen treffen keine Entscheidung zwischen verschiedenen Ansätzen, sondern passen sich, ohne jemals darüber nachgedacht zu haben ins vorgefundene System ein. Die Gemeinschaft der Amisch kennt die Zeit des “Rumspringa”, in der sich in der Gemeinschaft geborene Jugendliche ab dem 16. Lebensjahr, nachdem sie eine Zeitlang außerhalb gelebt haben, für einen Beitritt entscheiden können.

Und nun kommen junge Menschen daher und stellen diese stets als Selbstverständlichkeit betrachteten Doktrin infrage. Schlimmer noch! Sie üben diese Kritik, während sie innerhalb dessen leben, was als das Nonplusultra ersehen wird. Sollen sie doch gehen! Wir leben in einem freien Land. Da gibt es einen Haken. Die dominante Lebensweise und Anschauung zerstört langfristig alle anderen Optionen. Es ist quasi eine feindliche Übernahme aller anderen Lebenssysteme, die mit einer Art Heilsversprechen verknüpft wird. Mich erinnert dies an die alten christlichen Missionare oder die brutale Zeit, in der in Europa zwischen dem wahren Glauben und der Ketzerei unterschieden wurde. Was die jungen Klimaaktivisten betreiben kommt der Blasphemie gleich. Wie wütend Rechtgläubige darauf reagieren, wissen wir aus der Geschichte. Blasphemie und Ketzerei gefährden nach dem Glauben alle, weil sie das Göttliche, hier den “Freien Markt”, “das Wachstum und den Fortschritt”, herausfordern bzw. anzweifeln.

Die Aussagen, das pure Wissen, der Naturwissenschaftler anzuzweifeln ist vor dem Stand der Wissenschaft, in dem die Quanten – Physik entwickelt wurde, Wissen um den Aufbau von Atomkernen erlangt wurde und Teilwissen über die Zusammenhänge im Universum besteht, vollkommen irrational und geht damit in Glauben über. Bei Glaubensfragen wird es traditionell kompliziert und häufig aggressiv. Aus der Kirche des “Mammon” selbst heraus wird Kritik geübt. Das entspricht Mitgliedern der katholischen Kirche, die vom Papst bis hin zum gesamten Klerus, alles infrage stellen. Wen wundern da noch die Reaktionen auf FFF, Neubauer, Greenpeace u.a.? “Alles was nicht konservativ ist links.” Ja, und alles, was nicht der Linie der Katholischen Kirche folgt, ist Ketzerei.

Februar 12 2021

Neues Kapitel “Why Not”

Lesedauer < 1 Minute

Das Kapitel 6 habe ich geteilt. Nach der Mongolei ging es über China in den Norden von Thailand. Stationen waren die beiden Backpacker Mekka, Chiang Mai und Chiang Rai. Mein erstes Hostel in Südostasien, ein weiser Australier, ein Verrückter aus Chikago, eine spannende Bootsfahrt, der fantastische Ort White Temple, gaben mir viele Anregungen. Wer diese Orte besucht, kommt nicht an einer Auseinandersetzung mit dem Buddhismus vorbei. Außerdem lässt Distanz eine andere Sicht auf Deutschland entstehen.

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März 24 2019

Polizei a.D. vs. System? Ein Widerpruch?

Lesedauer 8 MinutenVon einer wahrlich gut über meine Person informierte Frau bekam ich letztens die Worte zu hören: «Du kannst doch nicht, nach dem Du über 30 Jahre als Vertreter des Systems gearbeitet hast – dieses mit einem Mal anzweifeln.»

Diese Aussage ist meiner Auffassung nach symptomatisch in der öffentlichen Diskussion über die Polizei und ihre gesellschaftliche Rolle. Ich glaube, einige unterliegen da einem Irrglauben bzw. einem Missverständnis. Gar nicht wenige ergreifen den Beruf Polizist, weil sie eine gewisse Grundüberzeugung mit Geld verdienen kombinieren. Zumindest kenne ich sehr viele, die das Grundgesetz in seiner Ausgestaltung für eine gute, wenn nicht sogar die erstrebenswerteste Verfassung, für einen modernen Staat halten. Vieles wurde mir persönlich erst in der Ausbildung ab 1987 bewusst. Auch heute noch, stehe ich dazu, dass das was da steht, eine wirklich gute Sache ist.

Doch das Grundgesetz ist ein Rahmen. Die Gesellschaft, die Politiker, die Wirtschaft innerhalb dieses Rahmens ist eine ganz andere Nummer. Seit dem Inkrafttreten wurde an den Artikeln immer wieder herumgebastelt. Meistens war dies von erheblichen Protesten in der Bevölkerung begleitet. Gekümmert hat es am Ende niemanden und die Veränderungen standen. Meistens wurde mit der Veränderungen der Zeiten argumentiert und oftmals war es die Angst, welche benutzt wurde. Mich hat das schon immer fasziniert. Ich finde es anmaßend, Leuten die damals unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, Krieg, Terror, etwas entwarfen, zu unterstellen, dass sie von einem Terror der heutigen Zeit nichts wissen konnten.

Ich glaube, es reicht für den Entwurf allgemein gehaltener Maxime vollkommen aus, um die Kontroll – und Überwachungssucht des Staats zu wissen. Man muss nichts über die technischen Möglichkeiten der Zukunft wissen. Die Annahme lautet: «Wenn etwas auf den Markt kommt, werden es bestimmte Persönlichkeiten auch nutzen wollen!» Ich stütze diese Behauptung unter anderen darauf, dass sich die europäischen Staaten immer mehr den Dystopien aus den Zwanziger und Dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts annähern. Diese Entwicklung hat wiederum nichts mehr mit den Ideen der Schöpfer des Grundgesetzes zu tun.

Unmittelbar regelt das Grundgesetz nicht das Wirtschaftssystem der Bundesrepublik Deutschland. Es stellt lediglich Anforderungen an ein Wirtschaftssystem. Gelenkte und geplante Wirtschaftsstrukturen schließt es genauso aus, wie die allgemein als Raubtierkapitalismus bezeichnete vollkommene unkontrollierte freie Entfaltung. Das passt einigen, insbesondere den Global – Playern nicht in den Kram, weil sie dieses als Hemmschuh für Wachstum und Konkurrenzfähigkeit des Standorts Deutschland betrachten.

Meinem Empfinden nach, bekommen die Vertreter dieser Auffassung immer mehr Oberwasser. Dies hat gesellschaftlich tiefgreifende Folgen und betrifft auch jemanden, der einer in der Verfassung implementierten Säule, nämlich der Exekutive dient.
Im Grundgesetz steht auch nichts über die gesellschaftliche Entwicklung in eine verwaltete Gesellschaft. Wenn überhaupt ließe sich ein Verbot aus dem Passus, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, ableiten. Wer Menschen ihrer Individualität beraubt, sie in politischen Reden stets in Kategorien einsortiert, unter Begriffen zusammenfasst, Gesetze und Verwaltungsvorschriften erlässt, die dies tagtäglich forcieren, entzieht Menschen die Würde.

Es ist dem «einfachen» Bürger nicht vorzuwerfen, wenn er nach ständiger verbaler Beeinflussung durch eine politische «Elite», dies in sein Verhalten übernimmt. Doch die Elite verliert die Berechtigung diese Bezeichnung in Anspruch zu nehmen. Was ein großer Teil jenseits der von Ghostwritern und Beratern vorgebenen Texte für Bundestagsreden von sich gibt, ist absolut unterirdischer Populismus. Teilweise, nämlich dann wenn für einen Deutschen nicht zu Diskutierendes mit Euphemismen verschleiert wird, geht es ganz weit über den Rand des Grundgesetzes hinaus. Umzäunte und bewachte Auffangzentren außerhalb des Staatsgebiets sind im deutschen Sprachgebrauch immer noch Lager. Wenn überhaupt, könnte man auf deutschen Gebiet von einem Durchgangslager analog zu Friedland sprechen.

Es ist erbärmlich, wie sich das Establishment, allen voran die CDU/CSU gegenüber der AfD positioniert, wenn sie von denen behauptet, dass sie Unsägliches wieder hoffähig machen wollen. Aber beispielsweise, vertreten von der Jungen Union, von “Gleichschaltung” spricht. Dobrindt spaziert ebenfalls ein wenig durch die Geschichte und fordert die “Konservative Revolution”, aus der bekanntlich ein aus Österreich zugewanderter Politiker namens Adolf Hitler die NSDAP bastelte. Auch solche Dinge stoßen einem überzeugten Kriminalbeamten auf. Ich weiß nicht, wie oft ich bei Berichten überlegte, welche Worte ich verwende, um nicht einen vollkommen falschen Eindruck zu erwecken. Ich habe mir einige Gedaanken darüber gemacht, wie das mit der Gleichschaltung der Gesellschaft, unter anderen bei der Polizei, passieren konnte. Aber Herr Seehofer kämpft ja auch bis zur letzten Patrone.

Die Gesellschaft, die der Polizist dient, hat diese Menschen an die Spitze des Staats gesetzt! Freundlich ausgedrückt “ultrakonservative” die jeden Tag bewusst und vorsätzlich mit den niedrigen Instinkten der Masse spielen. Als ich bei der Polizei anfing, hatten sich gerade Leute wie Franz – Josef Strauss aus dem großen Geschehen verzogen. Innensenatoren, die sich nicht unter Kontrolle hatten, bekamen mächtig Gegenwind. Die Republik befand sich politisch im Aufwind und wurde langsam, trotz der Lethargie der Bonner Provinz und einem mehr als biederen Dauerkanzler, zu einem wirklich aufgeklärten modernen Staat. Die rhetorischen Propaganda – Kriege zwischen dem “Schwarzen Kanal” – Schnitzler und ZDF Magazin – Löwenthal, dienten fast nur noch der Erheiterung. Heute kommen mir die beiden vor dem Hintergrund des aktuellen Geschehen wie blutige Amateure vor.

Mir ist in Gesprächen aufgefallen, dass gerade die Generation der heute 70 – 80 jährigen Bundesbürger, also die der Anfangszeit nach dem II. Weltkrieg, dies durchaus kritisch beäugt, während die Generation der 40 – 60 jährigen, eher unbesorgt damit umgeht. Ich empfinde beim Zuhören auch oftmals eine Abgestumpftheit der Sprecher. Sie leben innerhalb des Rahmens «Grundgesetz», aber sie leben nicht aktiv die Idee.

Den “Grünen” wird neuerdings vorgeworfen, dass sie eine Verbotspartei wären. Beginnen wird doch erst einmal damit, mit welcher Impertinenz, Respektlosigkeit und Arroganz “Hierarchiespazierer” wie Spahn, Lindner, Söder, Dobrindt u.a. auf normale Menschen eindreschen, die im Gegensatz zu ihnen eine echte Lebensleistung vollbracht haben und nun vor den Trümmern ihres Lebensentwurfs stehen. Es soll noch Menschen geben, die arbeiten und nicht ihr Leben nach der Karrieregeilheit ausrichteten.

Jedes Recht und jede Freiheit muss der auf Gier und Drang nach unbegrenztem Wachstum geprägten Wirtschaft abgerungen werden. Der Kapitalismus hofiert nun einmal diese im menschlichen Verhalten implementierten Phänomene. Bisher ging alles gut, doch langsam melden sich Zeichen am Horizont, dass das ganze aus dem Ruder gerät.

Die sozialen Spannungen werden größer. Die geringer Bedachten oder Verlierer werden an die Ränder der Städte gedrängt und verkommen dort zu verwalteter biologischer Masse. Es entstehen scharf abgegrenzte Eliten. Sicherheit – und Schutzbedürfnisse werden zur Frage des gezahlten Geldes. Wer es sich leisten kann, zieht in Häuserkomplexe mit eigenen Sicherheitsdiensten. Wohlhabende Bürger bezahlen private Security – Streifen, die gekleidet in Fantasieuniformen Quartiere beschützen sollen.

Statussymbole nehmen eine immer wichtigere Rolle ein. Hingegen sinken Persönlichkeit und Lebensleistung im Ansehen bzw. verlieren ihre gesellschaftliche Rolle. Parallel wird das Bedürfnis nach diesen Symbolen seitens der Werbung (Wirtschaft) befeuert. Alles Prozesse, die auch im Ostblock nach der Öffnung in den Neunzigern zu beobachten waren und auch heute noch dort deutlich gesehen werden können.

Parallel werden in der Gesellschaft der «Habenden» dekadente Diskussionen geführt, die mit der Lebensrealität der Menschen den Hochhäusern am Stadtrand, den Zonenrandgebieten oder strategischen innerstädtischen Spekulationsgebieten, nicht im entferntesten etwas zu tun haben. Auch dieser Spalt wird immer größer. Ich unterstelle einer großen Zahl prominenter “LINKER”, dass sie sprachlich und programmatisch zur ehemals als “Arbeiterklasse” bezeichneten Schicht, jeden Kontakt verloren haben.

Ich habe das beruflich in den vergangenen dreissig Jahren alles verfolgen können. Bereits in den Neunzigern dämmerte mir bei einem Aufenthalt in der damals noch bestehenden Tschechoslowakei, während meiner Zeit in Kommissariaten welche sich auf Organisierte Kriminalität durch Bürger aus Restjugoslawien und G.U.S. spezialisiert hatten, dass ich in eine Zukunft blickte. Als ich um 2000 von einer privaten Sicherheitsfirma in der Berliner Potsdamer Straße aufgefordert wurde, mit meinem Zivilwagen wegzufahren oder in Marzahn beim Betreten eines Hauses einen uniformierten Portier passieren musste, rundete sich mein Bild langsam ab.

Die nachfolgenden operativen Einsätze in den Siedlungen von Spandau, Neukölln, Marzahn, Hellersdorf bestätigten mich in allem, was ich oben formuliert habe. Noch übler sieht es in den «ärmeren» neuen Bundesländern aus. Was wir dort als Berliner verdeckt operierende Einsatzkräfte zu sehen bekamen, hat sich mir tief eingeprägt. Zeitweilig wähnte ich mich in der Dritten Welt. Wer dort auch noch Heime für Zuflucht Suchende aufstellt handelt meiner Meinung nach mit Vorsatz und will für seine Zwecke die Eskalation der Situation. Da steckt Kalkül dahinter.

Wer von einem Konsens der Gewaltlosigkeit, einer deutschen Leitkultur spricht, redet nicht über die Siedlungen, in Rostock, Frankfurt/Oder, Cottbus, Berlin, Magdeburg und anderen Gebieten. Wir steuern, wenn wir nicht längst schon angekommen sind, auf einen Zustand zu, in dem sich die glitzernden wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen nur auf eine sich gern präsentierende Minderheit, beziehen, die das echte Bild verschleiern. Ich wehre mich dagegen, die Menschen, die dort abgehängt von allem sich sozial selbst überlassen sind, aufgrund ihres Verhaltens zu verurteilen. Wer dort nicht heranwächst, muss erst einmal das Gegenteil beweisen.

Der natürliche Lebensraum eines Kriminalbeamten ist genau an diesen schwierigen Plätzen. Exekutive bedeutet auch, für die Entscheidungen und Bestrebungen einer gewählten Regierung einzutreten und die Folgen zu sehen. Ich bin kein Verfassungsrichter, insofern steht es mir nicht zu, das Gebaren als verfassungswidrig zu bezeichnen. Aber ich erlaube mir ein persönliches Empfinden. Und das meldet mir, dass das mit Regieren im Sinne des Wohls für die Bevölkerung und der Menschlichkeit nichts mehr zu tun hat.

Alles ist darauf ausgerichtet: «Geht es der Wirtschaft gut, geht es auch dem Volk gut!» Ich mach mal eine andere Rechnung auf. Der Wirtschaft im Falle eines Konzerns oder Global – Players, um bei diesem namen – und gesichtslosen Begriff zu bleiben, geht es am besten, wenn wenig Gehälter gezahlt werden müssen, die Sozialabgaben gering sind, die Rente klein ist und maximale Gewinne erzeugt werden können. Der Wirtschaft, bezogen auf den inneren Markt und Wohlstand des Bürgers, geht es gut, wenn die Kaufkraft des Inländers hoch ist. Portugal hat das gerade erfolgreich vorgemacht. Wie es anders aussieht habe ich in der Mongolei gesehen. Schaut man sich die Innenstadt von Ulanbataar an, wähnt man sich in einen aufstrebenden Staat. Jeder Meter, der einem aus der Innenstadt entfernt, zeigt einem den Irrtum auf. Doch soweit muss man gar nicht reisen, wenn man in Berlin wohnt. Da gibt es diesen Effekt auch. Passend hierzu gehorcht die Berliner Polizeiführung den Vorgaben der «Habenden». Den neuen Konzepten nach, wird die Polizeipräsenz in der Innenstadt erhöht und damit am Rande ausgedünnt.

Die aktuelle Situation Hartz IV ist für mich ein Beruhigungsmittel. Die Leute bekommen genau die Zuwendungen, die sie halbwegs überleben lasssen und sie mit dem Druck versehen, bei Zuwiderhandlungen das auch zu verlieren. Anderenfalls bestände das Risiko, dass sie zur Revolte übergehen. Wie das ausgeht und aussieht erleben wir gerade in Frankreich. Die sind Deutschland nämlich auf dem Land, in den Banlieue und den Randgebieten um wenige Jahre voraus. Amüsanterweise (Zynismusmodus!) schreibt die Zentrale für politische Bildung dazu:

Seit drei Jahrzehnten stellen die benachteiligten Randgebiete der französischen Großstädte eine zentrale Herausforderung der französischen Innenpolitik dar. In den Banlieues prägen Arbeitslosigkeit, städtische Verwahrlosung und Gewalt den Alltag. Urbane Ausschreitungen erreichten 2005 ein erschreckendes Ausmaß. Experten warnen vor einer starken sozialen Segregation, wie sie in vielen US-Städten zu finden ist.

Ich habe mir das mal vor einigen Jahren in Paris angesehen. Als jemand, der in einer Berliner Hochhaussiedlung aufwuchs und dort ab und zu zum Zwecke der eigenen Erdung mal vorbei schaut, kam mir vieles merkwürdig bekannt vor. Im Gegenzuge bestätigte mir ein Sozialarbeiter aus Paris, der sich mal Berlin mit seinen Augen ansah, mein Gefühl. Aus Gesprächen mit Lokalpolitikern weiß ich auch, dass die das durchaus genauso sehen wie ich.

Gleiches spielt sich bei der Bekämpfung der Drogenszene ab. Man stelle sich vor, der «Görlitzer Park», wäre irgendwo am Rande von Marzahn oder Heerstraße – Nord. Kein Mensch würde sich dafür interessieren. In Berlin spielt sich immer das gleiche Spiel ab. Quartiere werden herunter gewirtschaftet. Dann kommen sie Studenten und Künstler auf der Suche nach günstigen Wohnraum. Die Gegend wird «hipp» und attraktiv für «Habende» mit alternativen aufgeklärten Lebensverständnis. Bevorzugt ziehen dann Anhänger der «Grünen», Kreative, Designer und Architekten in die Häuser. Die Mieten steigen und das Niveau hebt sich. Übrig bleiben die Fragmente vor der Tür. Obdachlose, Abhängige, das örtliche Trinkermilieu und Prostitution.
Dafür gibt es dann die Polizei, die jene Szene gefälligst woanders hin verdrängen soll. Meistens ins nächste Gebiet welches heruntergebracht werden soll.

Hierzu ein kleiner Exkurs in die Berliner Geschichte. Der Berliner Humboldthain wurde einst als eine Art Botanischer – und Zoologischer Garten für das Bürgertum errichtet. In direkter Nachbarschaft zum sogenannten Roten Wedding. Einem der Ausgangspunkte der Novemberrevolution 1918. Damals schon missfielen den Bürgern von Berlin die zahlreichen herumlungernden Obdachlosen und Schlafburschen. Deshalb forderten sie von der Polizei die Verdrängung. Irgendwie hat sich wenig geändert. Doch eins: Die kannten das Beruhigungsmittel Hartz IV noch nicht.

Das geschieht so lange, bis die Berliner Illusion in der Mitte frei von Störenfriede ist. Am Ende des Prozesses bleiben nur noch die Stadtränder. Hallo Paris, Hallo London, wir wären dann auch soweit.

Nein, ich habe immer versucht, für eine Gesellschaft einzutreten, die zum Rahmen Grundgesetz passt. Was jetzt passiert, hat damit nichts mehr zu tun. Entstanden ist ein System, welches nicht zum Rahmen passt. Und dagegen kann ich ohne jegliche Skrupel antreten – eben gerade, weil ich eine ganze Menge gesehen habe. Die Geschehnisse und das Gesehene im Polizeidienst treiben einen häufig vor sich her. Es ist absolut menschlich, dass man bei gleicher Informationslage zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt. Meins ist, dass Menschen nicht als das geboren werden, was sie irgendwann sind.

Viele Faktoren wirken auf die Persönlichkeit ein. Nach meiner Logik ist die Anzahl kranker, gewaltätiger, brutaler, egoistischer, asozialer Menschen eine Kennzahl für den Zustand der Gesellschaft. Dabei geht es weniger um Fallzahlen in Kriminalstatistiken, sondern wie man die Täter oder Einsatzsituationen persönlich erlebt. Eine Gesellschaft produziert ihre Problemfälle immer alleine. Der bürgerliche ausgestreckte Zeigefinger, bedeutet immer, drei Finger zeigen auf das Bürgertum und einer, der Daumen, auf die Machthaber, die sie gewählt haben. Immer nur auf den Täter zu schauen, sich auf Stereotype zu fixieren ist nachvollziehbar, ist meiner Meinung nach einen Schritt zu kurz gedacht.

Februar 19 2019

Eine Hommage an meine Familie …

Lesedauer 12 Minuten

Letztens fragten mich in einer Bar ein Lette und ein Ire, ob ich aus West Berlin oder Ost Berlin stammen würde. Bei meiner Antwort bemerkte ich, wie eine ordentliche Portion Stolz in mir hochkam. «West – Berlin!», antwortete ich. Wenn ich überhaupt so etwas wie eine Heimat habe, dann ist es diese nicht mehr existierende historische Stadt. Die beiden setzten nach. Sie wollten wissen, ob meine Familie den ganzen Mist mitgemacht hat oder zuwanderte. Niemand wanderte damals nach Berlin. Plötzlich gingen mir all die ganzen Geschichten wieder durch den Kopf.

Meinem Gefühl nach, welches nach Gesprächen mit anderen meiner Generation entstand, waren Menschen in anderen Städten weniger an politischen Themen interessiert. Väterlicherseits war mein Großvater in der Weimarer Republik zusammen mit seinen Brüdern in der KPD. Einige wurden als Widerstandskämpfer geehrt. Die Wurzeln der Familie lagen im Arbeitermilieu. Roter Wedding spricht man nicht mit Bedauern aus, sondern mit Stolz. Dieses Milieu war nicht einfach. Von meinem Großvater wurde mir berichtet, dass er sich von allen enttäuscht abwendete, als die «Gruppe Ulbricht» im Nachkriegsberlin auftauchte und die Kommunisten sich neu formierten. «Thälmann würde sich im Grab umdrehen, wenn er Euch hören könnte!», soll er gesagt haben.

Der Konflikt zwischen Ost u. West war in der geteilten Stadt eine stets präsente Geschichte. Und die Arbeiter hatten nichts vergessen. Zum 17. Juni gibt es interne Familiengeschichten, wie auch zum Mauerbau und dem daraus entstandenen Riss in der Familie. Die Generation meiner Eltern spielte noch in den Trümmern und Ruinen, erfuhren die Not der Lebensmittelmarken und bejubelte die vom Himmel fallende Schokolade, die die Piloten der «Luftbrücke» abwarfen. Wie überall standen alle aus den Trümmern wieder auf. Ich wurde 1966 am Gesundbrunnen, in unmittelbarer Nachbarschaft zum alten «Roten Wedding» geboren. Meine Eltern hatten wenig Zeit, sich eine Jugend, wie wir sie heute kennen zu leisten. Der hier schreibende «Kleine Hosenscheißer» hatte Hunger. Über Charlottenburg ging es zum Berliner Stadtrand nach Spandau. Mühsam rackerte sich die Familie aus dem alten Arbeiterbezirk heraus. Die Alten blieben bis zum Ende in alter Verbundenheit in ihrer Heimat, dem Wedding. Ich erinnere mich noch gut an die Worte meiner Großmutter zum Thema Reisen: «Ich habe wenige schöne Plätze im Leben gesehen. Einmal war ich auf dem Broken. Aber das Wenige was ich sah, habe ich gespeichert. Und wenn ich verreisen will, schließe ich die Augen und sehe mir die Gegend nochmals an.»

Ich habe nicht vor Berliner Arbeiterfamilien zu glorifizieren. Ich würde es mal etwas euphemistisch als den harten Weg bezeichnen, der mit den Vorstellungen des heutigen Mittelstands wenig zu tun hat. Mein «Alter» wollte damals weg. Hinaus in die Ferne, aber das funktionierte nicht. Wie erwähnt, ich säße dann nicht hier und schriebe diese Worte. Nicht wenige meiner Generation, hatten entweder nur einen Elternteil oder es wäre besser gewesen, wenn sie wenigstens einen davon niemals kennengelernt hätten. Viele denken darüber nicht nach, aber weder der Krieg, noch die Folgezeit, oder die erlernten Verhaltensweisen verschwinden einfach mal aus einer Familiengeschichte.

Das lässt sich meiner Beobachtung nach, häufig sogar bei politischen Einstellungen nachvollziehen. In Weimar und während des III. Reiches war das konservative Bürgertum eine Stütze der Nationalsozialisten. Die Arbeiter vom Wedding, die in der Rüstungsindustrie malochten, erahnten, worauf die Nummer hinaus läuft. Man kann in historischen Berichten von einigen handfesten Auseinandersetzungen in den Fabriken lesen. Die Ersten, welche den Satz prägten: «Es war nicht alles unter Adolf schlecht.», stammten aus dem Bürgertum. Der Nationalsozialismus war mehr, denn der Holocaust, er bediente auch Persönlichkeitselemente.

Die es damals aus dem Wedding und seinen Strukturen herausschafften, erkannten: «Schulbildung ist der Weg raus!» Sie verstanden Schulbildung nicht als etwas, was die Kreativität, Analytik, die Fähigkeit sich Wissen selbst anzueignen, vermitteln sollte, sondern sie setzten mehr auf das Wissen an sich. Wissen, was sich später in einem ernährenden Beruf anwenden ließ. Philosophie, schöne Künste, Religion und andere Geisteswissenschaften wurden anerkannt, dennoch als brotlose Kunst bewertet. Was einen nicht mit Sicherheit ernähren kann, ist nicht erstrebenswert. Aus deren Perspektive absolut nachvollziehbar.

Ich war schockiert, als mir eine Lehrerin auf dem Gymnasium erläuterte, dass die verwendete Sprache, die Fähigkeit sich ohne ständige Wiedergabe der wörtlichen Rede und das Vokabular, dem gesellschaftlichen Aufstieg hinterher hängen. Deshalb merke der Zuhörer, trotz passender Inhalte, wo die Ursprünge der Familie lägen. Schockiert trifft es nicht, ich war erbost! Mein «Alter» gab mir damals auf meinem Weg folgende Worte mit: «Wenn Du aufsteigst, vergiss nicht, wo Du her kommst und verlerne nicht die Sprache des einfachen Mannes. Das ist der Gesellschaftsvertrag. Die Arbeiter sorgen dafür, dass intelligente Menschen eine Ausbildungschance bekommen und denen entsteht daraus die Verpflichtung, die Gesellschaft voranzubringen.» Ich weiß nicht, ob das auf seinem Mist gewachsen ist, auf jeden Fall ist es gut. Gut ist auch, dass er es sagte. Traurig ist, dass das nicht viele mit auf den Weg bekamen.

Bei allen Reibereien die wir in der Familie hatten und den Debatten, die wir führten, übersah ich lange einen wesentlichen Punkt: Wir hatten sie! Und selten erkannten wir, wie wichtig das ist. Ich konnte nur derjenige werden, der ich bin, weil ich die Chance bekam, mich daran abzuarbeiten. Und meines Wissens war das keine Einbahnstraße. Trotz schmerzlicher Erfahrungen, die in einer Biografie niemals ausbleiben, partizipierten wir aneinander.

Mein Leben bis hier, war davon geprägt, mich mit dem Identitätskampf zwischen Arbeiter – und Bürgertum auseinanderzusetzen. Den Beweis anzutreten, ich bin mindestens genauso gut wie Ihr. Vielleicht war es auch unterschwellig die Idee den Haufen von innen heraus aufzuräumen. Ins Bürgertum einzuheiraten und mir nächtelange Auseinandersetzungen über Doppelmoral, Borniertheit, Proletarierstolz, Arroganz des Bildungsbürgertums, nationalsozialistische Familienvergangenheit zu führen, gehörte sicherlich dazu.

Ich schrieb: Bis hier! Ich habe begriffen, dass es um eine Emanzipation auf verschiedenen Ebenen ging. Die eigenen Rollen im Leben anzunehmen, die Rollen anderer zu verstehen, Entwicklungen zu akzeptieren und den Menschen hinter der Rolle zu sehen. Möglicherweise nennt sich das, Erwachsen werden. Was wir darunter verstehen ist sehr verschieden. Natürlich gibt auch hierfür Definitionen und Abhandlungen. Aber wer interessiert sich schon für solche Dinge außerhalb eines Psychologiestudiums? Ich würde es am ehesten mit dem Vorhandensein eines Bewusstseins für das eigene Leben beschreiben, auf jeden Fall mache ich es nicht am Alter fest, meiner Überzeugung nach, sterben viele pubertierende Kinder im hohen Lebensalter.

Ich fand es sehr amüsant, als ein Psychologe in einem Seminar die Teilnehmer aufforderte «das innere Kind» an die Hand zu nehmen und sich als Erwachsener schützend davor zu stellen. Halt Anthroposophen, dazu mag ich mich nicht äußern. Aber klasse fand ich die Frage einer Frau im mittleren Alter: «Was mache ich, wenn ich keinen Erwachsenen finde, der sich vor mich stellen könnte?»

Rolle bedeutet auch, dass mir ein Regisseur ein Skript in die Hand drückt und mich auffordert loszulegen. Was soll ich tun? Wer keine schauspielerische Ausbildung hat, wird sich selbst spielen und nach besten Gewissen sein Schauspiel abgeben. So erging es jedenfalls den alten Generationen, wenn sie Eltern wurden. Der nachfolgenden wurden wenigstens die grundsätzlichen Dinge einigermaßen erklärt. Mit einigen Übertreibungen. Es war die Zeit, wo man klare Vorstellungen von Haushaltsführung, Kinderbehandlung, Geschlechterrollen und Berufsleben hatte. Bei mir schwirrten immer ein paar Bücher im persönlichen Antiquariat herum. Ich erinnere mich an Titel wie «Sehen, Beurteilen, Handeln!», «Das große Buch der Kinderpflege», «Elektrisch Kochen» und praktische Ratgeber für die Verwendung der neuen Haushaltstechniken. Mit einem Grinsen im Gesicht muss ich feststellen, dass ich Leute kenne, denen ich es schenken sollte. Es war ach die große Zeit der Sportvereine. Holt die Gören von der Straße, dann machen sie keinen Blödsinn und lernen Sozialverhalten.

Fakt ist aber auch, dass innerhalb meiner Lebenszeit umwälzende Ereignisse stattfanden, die nicht ohne Folgen blieben. Die Digitalisierung hat in alle Lebensbereiche Einzug gehalten. Mit positiven, negativen, und schwer bewertbaren Auswirkungen. Wie gesagt, bisweilen wünsche ich mir von dem einen oder anderen Menschen: «Sehen, Beurteilen, Handeln». Dafür müsste sich diejenigen die Zeit nehmen, statt spontan mit einem Tastendruck einen Handlungsablauf in Gang zu setzen. Ein dauerhafter Blick in die virtuelle Welt, ist beim Sehen der Realität auch nicht förderlich.

In meiner Generation entwickelten viele meiner Mitstreiter ein gewisses Verständnis für Pädagogik und wir machten neue Fehler. Dinge wie pränatale Beeinflussung des Kindes, natürliche und gesunde Ernährung, Turngruppen für Kleinkinder, frühkindliche Spracherziehung und Talentförderung, ein breitgefächertes außerschulisches Bildungsangebot wurde unterbreitet – jedenfalls im Bürgertum, der Mittel – und Oberschicht. Unten gab es weiterhin auf den Zahn, wenn es nicht lief.
Und wie schon früher, stellen sich die halb – und tatsächlich gebildeten eher gegen den Lehrer, weil sie der Auffassung sind, es besser zu wissen. Ich schließe das nicht aus, aber wegen der Betriebsblindheit hinsichtlich des eigenen Sprösslings, sollte man sich das Bild des Lehrers wenigstens mal anhören. In den einfacheren Familien, besteht häufiger die Neigung, sich mit dem Lehrer, wenn er passend auftritt zu solidarisieren. Bei zur Schau getragener Arroganz kommt es allerdings zum Gegenteiligen. Meine Kinder sind alt genug und falls sie Kinder bekommen sollten, werden sie ihre Fehler machen.

Bewusstsein für die Rolle, als Vater, selbst Kind, Großvater, Freund, die berufliche Rolle, die Folgen des eigenen Lebens und vor allem für das eigene Sein und den Lebensabschnitt in dem man sich befindet zu entwickeln, ist nicht einfach.

Vieles fiel mir persönlich erstmals auf, als ich feststellte, dass ich in einem Alter angekommen war, wo meine Kinder Ablösungsprozesse von mir durchlebten, an die ich mich gut erinnern konnte. Damals sah ich knochenalte Menschen vor mir stehen, und nun drehte ich mich herum und suchte den alten Mann, von dem die immer redeten. Die meinten tatsächlich mich!

Nun bin ich in einer Lebensphase, in der Eltern meiner Freunde aus dem Leben scheiden. Eins habe ich bereits daraus gelernt. Viele stehen nach der Beerdigung mit der Erkenntnis da, dass sie noch viele Fragen hatten, die sie niemals stellten. Oft tritt auch die Trauer über die vielen kleineren und größeren Dispute ein, die sich im Angesicht des unvermeidlichen Endes, als sinnbefreit erweisen. Man hätte so vieles anders machen können, wenn man es einfach hingenommnen hätte. «Hätte, hätte, Fahrradkette!», riefen wir früher.

Bemerkenswert finde ich, dass ich und meine Zeitgenossen in einer Zeit des Friedens und Wohlstands in Deutschland lebe und damit die besten Voraussetzungen gegeben sind, ein Bewusstsein zu erlangen. Erst wenn die grundlegenden Bedürfnisse eines Menschen erfüllt sind, ist er in der Lage sich weitergehende Gedanken zu machen. Da besteht der Unterschied zu den alten Zeiten im zerbombten Berlin und in den Kriegsjahren zuvor. Der Weg meiner Familie hat nach ca. 100 Jahren einen Abschnitt erreicht, an dem die folgenden Generationen grundsätzlich alle Möglichkeiten haben. Einen, den sich mein Großvater vermutlich niemals hätte ausmalen können.

Doch neue dunkle Wolken ziehen am Horizont auf. Die Dekadenz demontiert das Bewusstsein. Viele reden gern von einer Bewusstseinskontrolle. Meiner Auffassung nach, ein Widerspruch oder eine falsch gewählte Formulierung. Wer im philosophischen Sinne eins hat, ist immun gegen Manipulationen oder kann sich dagegen wehren. Ich sehe das Problem darin, dass die meisten keins haben, deshalb auch keine Identität entwickeln und ihnen eins von fremder Seite her gegeben wird. Anteilig geht es somit darum, die gewonnene Identität zu verteidigen.

Unser Körper und der Geist verknüpfen Sinneswahrnehmungen, wie Gerüche, bestimme Frequenzen und Widerhall und Licht, mit Emotionen. Wenn ich eine Werkstatt betrete, in der es nach alten Schmieröl, Metall und dem markanten Geruch eines Schweißgeräts oder dem, welcher von Kontaktkohlen eines Elektromotors ausgehen, riecht, bin ich zu Hause. Da komme ich her. Das ist mein persönlicher «Rosebud» aus Citizen Kane.

Mit Sorge schauen gerade die alten Arbeitersprösslinge, denen Weimar durch ihre Eltern noch nah war, die Berlin noch zerstört sahen, Not und Elend des Kriegs kennen, die in Berlin ankommenden umherirrenden Flüchtlinge aus den Ostgebieten sahen, die Zerrissenheit der Familien durch die Kriegserlebnisse erlebten, die Traumata der heimkehrenden Väter zu spüren bekamen, auf die kommende Zeit. Das Bürgertum war auch vom Krieg betroffen, aber es erholte sich vom Krieg schneller. Die bereits vorhandene Bildung, Netzwerke, politische und wirtschaftliche Aufstiegschancen waren ungleich besser.

Sie fühlten einen Verrat der aus ihrer Sicht eigentlich guten Sache. Bürgerliche Ordnung, Sicherheit, Disziplin, die gute Stube, klare Unter – und Überordnungsverhältnisse, das deutsche Volk mit seinen vermeintlichen Erfolgen in der Kaiserzeit, die Wiederauferstehung und wenigstens den Versuch unternommen zu haben, den Verrat und die Demütigung von 1918 rückgängig zu machen, waren in ihrem Sinne. Nicht das nationale Völkische und der sie einigende Patriotismus war schlecht und ursächlich, dieser durchgeknallte Österreicher mit seinen Vasallen hatte sie in die Katastrophe geführt. Aus ihren Reihen stammten die glorifizierten aufrechten Offiziere der Wehrmacht, die lediglich Dienst für das Vaterland leisteten. Traditionelle deutsche Werte, die heute noch oder erst recht wieder, eingefordert werden.

Wir sind die Summe aus vielen Erfahrungen und Prägungen. Auch die Familienhistorie, die von einer zur nächsten Generation weiter gegebenen Werte gehören dazu. Wir können uns das nicht aussuchen. Die Geburt wirft uns in die Familie hinein. Allein die Entscheidung, was wir mit dem machen, was wir vor finden obliegt uns selbst.

Mit meinem Patriotismus, Vaterlandsliebe, und dem Stolz Deutscher zu sein, sieht es nicht gut aus. Mit Beginn der Industrialisierung war dieses Konstrukt niemals nett zu den Arbeitern.

Sie wurden bei der Revolution vom Bürgertum zusammengeschossen, der Kampf für bessere Lebensverhältnisse wurde brutal niedergeschlagen, quasi jeder Intellektuelle, der sich auf die Seite der Arbeiter schlug wurde diffamiert oder ihm geschah Schlimmeres. In beiden Kriegen hatten sie die meisten Opfer. Jede Verbesserung musste dem Bürgertum im harten Kampf abgerungen werden. Damit schließe ich nicht aus, dass sich unter den Rechten auch immer Arbeiter befanden. Doch die Vordenker saßen wo anders und wurden nicht von dort aus gestellt.

Stolz ist eine angeborene und nicht anerzogene Emotion, die sich in der Evolution bewährt hat. Ich bin stolz auf den Werdegang meiner Familie und den Errungenschaften, die einmal mit Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Ich stehe zu dem Gedankengut und den Werten, die aus dieser Geschichte hervorgegangen sind. Meiner Empfindung nach, ist meine eingenommene Kontraposition zu vielen bürgerlichen und vor allem kleinbürgerlichen Werten und der latent in mir schlummernde Anarchismus, eine Fortsetzung der Geschichte.

Anarchie ist nicht, das Chaos, wie es in bürgerlichen Kreisen oftmals behauptet wird, sondern der Widerspruch gegen künstliche starre Hierarchien, die mittels institutioneller Autorität und zugeteilten Machtmitteln agieren. Etwas, was in produktiven Gruppenstrukturen selten funktioniert. Ein Kolonnenführer in einem produzierenden Betrieb, der keine Ahnung von dem Job hat, sondern lediglich per Dekret die Führungsaufgabe bekommen hat, wird nicht lange bleiben.

Bei aller notwendigen kritischen Auseinandersetzung, möchte ich mit diesem Beitrag aus gegebenen Anlass mal an einer besonderen Stelle, nicht Dankbarkeit zeigen, sondern Demut vor den Leistungen in der Vergangenheit zollen. Vielleicht habe ich deshalb in letzter Zeit allergisch auf den im Internet kursierenden Begriff Polizeifamilie reagiert. Auch das ist für mich unter Bewusstsein subsumiert.

Mir sind im Leben auch einige bürgerliche Familien begegnet. Eine hatte sogar zeitweilig die wahnwitzige Idee mich einzugliedern. Heute kann ich sagen: Ganz blöde Idee! Alle die ich erlebte, versuchten, einem kantianischen rationalen Idealbild zu entsprechen. Vorhersehbar scheitern sie daran immer. Doch in der Verweigerung diese Unmöglichkeit anzuerkennen, gehen die Konflikte bei Ihnen immer ins subtile und finden andere Ventile. Während es dann bei den Sprösslingen zu Verhaltensauffälligkeiten kommt.

Ich erinnere mich an einen jungen Hooligan der es mal auf den Punkt brachte: «Hey, meine Mutter ist Religionslehrerin und mein Vater ist Professor an der Uni. Ich hatte keine andere Chance, ich muss einfach mal auf die Kacke hauen.» Aber das ist ein weites Feld für Psychologen.

In meiner Familie wurde es oft turbulent, aber dafür offensichtlich und im Rahmen bereinigend. Wie immer, hat alles seine Vor – und Nachteile. Aus dem alten Weddinger Milieu entwachsene Familien haben eine für andere äußerst unangenehme Außenwirkung. Jeder Polizist kennt das Problem. Haben die einen Außenfeind oder geht es gar um die Kinder, wird es übel. Diesen Effekt unterliegen die aber auch intern. In meiner Zeit als Mediator bei der Polizei fand ich eins immer traurig. Wenn die beiden Kontrahenten vor mir eigentlich zum gleichen Ziel wollten, aber sich kommunikativ darüber nicht austauschen konnten. Sie verstanden nicht, dass sie zwar unterschiedlich handelten, dennoch das identische Produkt anstrebten. Ein Klassiker in der Mediation.

Ein anderer Klassiker ist, wenn sich die Streithähne gegenseitig in Rollen manövrieren. Das geht bei Menschen recht zügig. Eine falsche Assoziation, ein falsches Wort, eine unkorrekte Beobachtung, schon fängt der eine an sich in eine strafende Autoritätsrolle zu erheben und der andere mimt den auskeilenden Jugendlichen. Das ändert sich dann in Millisekunden. Der staunende Zuschauer wundert sich dann nur noch. Es gibt wunderschöne Theorien über die Einnahme einer rationalen Ebene. Alle Theorie ist bekanntermaßen grau.

Wer sich ein wenig bei Twitter herumtreibt, kann jeden Tag sehen, wie das schief geht, schon weil sich 45 jährige Pubertierende gegenseitig mit Dreck bewerfen.

Ein anderer Klassiker ist, wenn sich die Streithähne gegenseitig in Rollen manövrieren. Das geht bei Menschen recht zügig. Eine falsche Assoziation, ein falsches Wort, eine unkorrekte Beobachtung, schon fängt der eine an sich in eine strafende Autoritätsrolle zu erheben und der andere mimt den auskeilenden Jugendlichen. Das ändert sich dann in Millisekunden. Der staunende Zuschauer wundert sich dann nur noch. Es gibt wunderschöne Theorien über die Einnahme einer rationalen Ebene. Alle Theorie ist bekanntermaßen grau. Wer sich ein wenig bei Twitter herumtreibt, kann jeden Tag sehen, wie das schief geht, schon weil sich 45 jährige Pubertierende gegenseitig mit Dreck bewerfen.

Da hilft nur Bewusstsein herstellen. Wer bin ich gerade? Warum bin ich es? Was hat dazu geführt? Wie sieht die Energiebilanz aus und was ist mit der Kosten – Nutzenrechnung? Wenn man es bis über 50 geschafft hat, was nicht selbstverständlich ist, wird die Kosten – Nutzungsrechnung immer interessanter.

Das ist mein Job und meine Rolle im Generationenvertrag. Die alten Geschehnisse, Erfahrungen, Hintergründe, Geschichten aufzunehmen, sie mit dem Neuen, was ich dazu beitragen kann, abzugleichen und etwas daraus zu machen. Meine Töchter werden es weiter ergänzen.

Wiederholung schafft Wiedererkennen. Aus diesem Grunde nochmals abschließend. Meiner Meinung und vor allem Erfahrung nach, steht und fällt alles mit der Herstellung eines Bewusstseins. Dazu muss man Anhalten, einen Schritt neben sich machen, alles, Körper, Seele, Geist, das nähere und weitere Umfeld betrachten, um die eigene Rolle, Wirkung im Geschehen betrachten. Erst wenn das alles passiert ist, kann ich auch verantwortlich handeln. Dies schreibt einer, der in seinem Leben ziemlich oft als wütender und zorniger Kerl unterwegs war. Einer, der im Zweifel immer im konsequenten Vorwärtsgang unterwegs war. Begleitet wurde dies von einem Leben auf der Überholspur und einem sich immer mehr erweiternden Vielfrontenkrieg. Erst war ich dessen müde, heute bin ich von der anderen Lebensart zutiefst überzeugt.


Ich bin der Konflikte, die von pubertierenden Menschen um mich herum erzeugt werden und in mein Leben hineingetragen werden,überdrüssig. Ich möchte dazu ein typisch deutsches Beispiel geben: Kennen Sie Kleingartenkolonien? An sich würde die Bezeichnung Gartenkolonie ausreichen. Wo kommt also klein her? Man mag meinen, dass es von der Größe der Gärten her kommt. Das stimmt so nicht. Ich leite es von kleingeistig und Mikrokosmos ab. Wer das deutsche Bürgertum kennenlernen will und Studien betreiben will, miete einen Garten in einer Kolonie. Zunächst geht es darum, dass ein Regelwerk erstellt wird. Ob dieses einen Sinn ergibt oder nicht, ist uninteressant, Hauptsache es existiert. Dann gehen sie auf die Suche nach einem Vorstand, der narzisstisch genug ist, hieraus eine Identität zu beziehen.

Er ist Nutznießer und Opfer zu gleich. Durch die Erhebung aus der Normalität wird er zur Zielscheibe jeder nur erdenklichen Verschwörungstheorie.
Die Parallelen zum deutschen Staatswesen sind offensichtlich. Was einer unter Garten und seine Interessen daran versteht, ist sehr individuell. Ich arbeite mich ein wenig daran ab, schaue mir gern Insekten an, freue mich über wilde Gäste und finde es toll, wenn Sie bei mir ein wenig Restlebensraum finden. Dafür schichte ich diesen Gästen sogar eine Art “Bamboo Hut” auf. Bürgertum und Individualität, finden Sie den Fehler! Im gewissen Rahmen, aber bitte nicht zu auffällig. Im nächsten Gang kommt es zu einer Überlegung: «Wenn ich mich kasteie und an die Regeln halte, warum nimmt sich der andere das Recht, dies nicht zu tun? Der soll sich gefälligst auch Kasteien, und wozu habe ich den ganzen Aufwand betrieben? Hält sich einer nicht an die Regeln, kommt es zu Veränderungen und Unruhe, dass wollen wir hier nicht.» Da dem Kleinbürger – da war es wieder das Wort klein – zur Konfrontation mit offenen Visier, der Mut fehlt, beginnen die subtilen Spiele.

Früher hätte ich in einer solchen Situation unter zwei Optionen zu wählen gehabt: «Drauf oder Drauf!» Heute ignoriere ich Sie einfach, ich bin weder an ihrem äffischen Spiel interessiert, noch gebe ich mich der Illusion hin, sie zu ändern, oder das ein Gespräch zu etwas führen würde.
Wie bei Twitter – nebenbei eine gigantische deutsche Kleingartenkolonie – ergibt das alles keinen Sinn. Das Beste daran ist, dass sie kaum eine Handhabe gegen meine Ignoranz haben und sie letztlich ihre eigene Lebenszeit opfern. Sorge bereitet mir nur, dass so viele von Ihnen existieren und sie ein Nährboden für einen autoritären Staat sind. Das sind die Mitläufer von damals, heute und morgen. Denunzianten haben immer ein niederes Motiv und die denen Zuhören, sollten sich ihrer Sache sehr sicher sein, wenn sie ihnen zuhören.

Meine Familie ist Kummer mit solchen Leuten gewöhnt und wir haben uns weiterentwickelt. Auch da bin ich voller stolz – meine Töchter gehen da noch ganz anders heran, wie ich. Ihre totale Immunität, gegen solche Verhaltensweisen ist wunderbar zu beobachten und macht Spaß. Manchmal wünschte ich mir ein wenig mehr Radikalität und Gelassenheit – aber das kommt vielleicht noch.

19.2.2019 Langkawi, in Gedanken am M.T.

Februar 18 2019

Brief eines Linksversifften …

Lesedauer 7 Minuten

«Denn das ist Konservatismus: Das Nachdenken über die Erfahrung und die theoretische Ausformulierung des Empfindens, Macht zu haben, sie bedroht zu sehen und zu versuchen, sie zurückzugewinnen.»


Aus einem Essay des amerikanischen Politikwissenschaftlers Corey Robin Quelle: Spiegel, 14.1.2018

Sehr geehrte Damen und Herren von der konservativen Fraktion in Deutschland,

ich hoffe zunächst einmal, die richtige Anrede gewählt zu haben. Bewusst habe ich auf «Hallo», «Hi» oder Ähnliches verzichtet, damit sie sich nicht sofort brüskiert fühlen. Wahrscheinlich haben sie sich entweder in einer Partei, wie der CDU/CSU, der AfD oder vielleicht in der FDP organisiert, einige von Ihnen sind eventuell Mitglied in einer Burschenschaft. Manche mögen auch nur ein Kreuz an passender Stelle auf dem Wahlzettel hinterlassen.

Ich wende mich an Sie, weil ich vieles nicht verstehe, logisch nicht nachvollziehen kann oder schlicht zu simpel in meinem Denken bin. Sie fragen sich zu Recht, wer ich bin. Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht genau. Ich besitze die deutsche Staatsbürgerschaft, war verheiratet, habe einen Eid auf das Grundgesetz abgelegt, bin Vater von zwei Töchtern, war 33 Jahre im Staatsdienst und habe eine ganze Menge Steuern in meinem Leben bezahlt. Ich habe in den Achtzigern ein Abitur absolviert, studiert und einen akademischen Titel.

Die Geschichte meiner Familie ist meiner Meinung nach typisch deutsch. Meine Vorfahren kamen einst aus Osteuropa und landeten irgendwann in Berlin. Teile meiner Verwandtschaft, waren in der KPD, im engeren Umfeld betrachtete sich meine Familie immer sozialistisch. Durch meine Heirat erweiterte ich das Spektrum ein wenig. Da gab es dann auch ehemalige Mitglieder vom Bund Deutscher Mädel, Absolventen der Elite – Schule NaPoLa und diverse Konservative. Ich gebe zu, dass ich darüber nicht sonderlich glücklich war.

Mir wurde vermittelt, dass die alten Kommunisten in den Zwanziger Jahren im Wesentlichen gegen die nicht zu bestreitende Ausbeutung der Arbeiter waren und sich auch nicht in einer auf Krieg ausgerichteten Industrie verheizen lassen wollten. Im Gegensatz dazu fand das profitierende konservative Bürgertum, dies trotz eines christlichen Anspruchs vollkommen in Ordnung.

Ihre Vordenker konstruierten irgendwann einmal den sogenannten völkischen Anspruch. Entgegen dem uns bekannten Geschichtsverlauf wurde aus vielen unterschiedlichen Stämmen und zig Einwanderern aus allen Teil Mitteleuropas ein Deutsches Volk. Dem «Deutschen» wurden Wunschvorstellungen zugeordnet. Aus dem Menschen, der in einer Region lebt, wurde per Definition der «Deutsche».
Plötzlich sollten alle Menschen dieser Region einem künstlich gebildeten Ideal entsprechen. Das erscheint mir unlogisch und ziemlich willkürlich.

Anhänger ihrer Position berufen sich auf aus herausragende Leistungen dieses konstruierten «Deutschen». Wenn ich mir so die Menschheitsgeschichte ansehe, fällt mir zu herausragend die Bändigung des Feuers, die Erfindung des Rades, die Einführung von Zahlen, die griechischen Philosophen, das römische Staatssystem, die französische Revolution, die Entdeckung der Elektrizität und die Erfindung der Dampfmaschine ein.
Ich lasse mich gern von Ihnen korrigieren, aber nichts von alledem geht ursächlich auf einen «Deutschen» zurück. Woraus leiten Sie ihre Aussage ab? In diesem Zusammenhang verweisen sie auch gern auf die deutschen Denker. OK, in erster Linie ist ein Denker ein intelligenter Mensch. Unsere Wissenschaftler haben zuverlässig nachgewiesen, dass das wenig mit der Herkunft zu tun hat. Wenn überhaupt, dann etwas mit dem System und den Möglichkeiten, die einem Menschen geboten werden. Wie erklären Sie sich, dass nahezu alle dieser benannten großen «Denker» den Konservativen enttäuscht den Rücken zu wandten und sich schon zur Kaiser – Zeit in andere Regionen absetzten?
Später wurde es nicht besser. Mehrheitlich lehnten diese Denker Ihre Vorstellungen ab. Ich erinnere sie an Nietzsche, der sich in jungen Jahren enttäuscht von Wagner abwandte. Erst seine ungeliebte Schwester verfasste dann ein eigenes Pamphlet, welches sie Ihnen zu Liebe verfasste.
Konkret könnte ich anführen, dass nach Preußen entweder die Intelligenz abgebaut wurde. Hauptsächlich konzentrierten Sie sich auf die Wissenschaften, welche industriell ausgenutzt werden konnten. Geisteswissenschaften waren zu allen Zeiten verpönt, da sie im Wettstreit mit anderen Ländern nicht erkennbar benutzbar waren. Ist das Ihre Vorstellung von Intelligenz? Alles muss kommerziell in einem Wettstreit einen Sinn ergeben?

Was genau haben Sie eigentlich gegen Individuen und individuelles Verhalten? Bereitet Ihnen die Unkontrollierbarkeit Sorge? Ist es das? Wie weit reicht Ihr Sicherheitsbedürfnis? Diese entflohenen Denker sprachen viel darüber, dass mit der Geburt das Risiko zu sterben um 100 % steigt. Das Leben birgt Risiken, und mit aller Mühe werden Sie das nicht ändern. Wenn Sie sich nicht selbst einsperren wollen, kommen sie daran nicht vorbei. Und immer wenn Sie etwas gebannt haben, werden sie eine neue Bedrohung entdecken.

Sehen Sie das anders? Haben Sie in Erwägung gezogen, dass das auch sehr individuell sein kann? Neige ich dazu, ängstlich zu sein, kann ich auch eine Menge für die Absicherung alleine machen bzw. Orte meiden.

Was gefällt Ihnen nicht daran, einfach nur ein Mensch zu sein? Warum benötigen Sie eine Überhebung in dem Sie sich das deutsche Idealbild erschaffen. Es ist doch grundsätzlich angenehm, der den Planeten dominierenden Spezies anzugehören. Können Sie mir die Gründe für das Bedürfnis nach einem fixierten vorhandenen Unter – Ober – Hierarchiesystem erläutern? Oder ist das bei Ihnen einfach so? Der Instinkt kann es eigentlich nicht sein. Primaten organisieren sich an einer der Situation angepassten Struktur. Sie bilden Verbände, die sich in Gruppen situativ unterteilen und unbeständige Hierarchien aufbauen.

Worin besteht die Problematik im Umgang mit Frauen? Welche Probleme haben ihre weiblichen Vertreter? Wenn sie geschlechtsbezogenes Unterwerfungs – oder Dominanzverhalten bevorzugen, steht es Ihnen doch frei sich der BDSM Szene anzuschließen. Aber das müssen doch nicht gleich alle mitmachen.

Ich meine, wenn Eure Dorothee Bär auf «Submissive» steht, kann Sie das doch machen. Genug passende Burschen werden sich beim RCDS finden. Oder wenn Markus Söder mehr den «Dom» spielen will, kann auch niemand etwas dagegen haben. Aber bitte alles privat und nicht andere dazu verpflichten.

Was ich auch nicht verstehe, ist Ihre Sprache. Ich habe Sie zeitlebens als die «Schwarzen» oder die Konservativen bezeichnet. Warum sind Sie so unfreundlich mich als linksversifft zu titulieren? Ja nun, sie legen vermutlich beim Sexualakt ein Handtuch auf die Couch. Ich bin hingegen ein wenig unordentlich. Aber deshalb gleich versifft benutzen?

Ich kann doch nichts dafür, dass Sie, wie bei Jan Fleischauer zu sehen und zu hören, ein Problem mit dem Ablösungsprozess von den Eltern haben. Irgendwie haben wir das doch alle, aber man muss deshalb nicht gleich als trotziger Junge stellvertretend alle «Links» vermuteten Personen beschimpfen. Ich weiß auch nicht so recht, warum sie immer von der Generation der 68er sprechen. Wenn, dann müsste man von einer Bewegung und ihrer Anhänger sprechen. Es müsste doch in ihrem Sinne gewesen sein, dass die damals gegen übriggebliebenen Fragmente vom Nationalsozialismus rebellierten.

Der ist teilweise mit Ihrer Tradition verbunden, kann Ihnen aber nicht allen zum Vorwurf gemacht werden. Oder fanden Sie das unangebracht? Und was ich so gehört habe, war der Sex in den 50ern nicht der tollste, spätestens an der Stelle sollte man den 68ern Dankbarkeit zollen. Die Musik war auch nicht schlecht. Was ich vom «Rechtsrock» nicht gerade behaupten kann. Der ist ziemlich anstrengend. Speed – Metal gespielt und gesungen von zugedröhnten tibetanischen Yak. Volksmusik können Sie gern weiter hören. Ich weise Sie nur darauf hin, dass Kinderlieder und Volkslieder musikalisch nah beieinander liegen und Sie sie deshalb mögen.

Was finden Sie an Militär so geil? Die Kameradschaft? Es gibt von hart bis soft alle möglichen Sportvereine. Gehen sie doch da hin. Geht es Ihnen wirklich um die Vaterlandsliebe? Wissen Sie, ich bin als gelernter West – Berliner Veralberungen gewöhnt. Mir wurden als ziviler Polizist, lauter Sachen beigebracht damit ich zusammen mit einer hand voll alliierter Soldaten die Russen stoppe.Militärischer Schwachsinn. Die wären um dieses geringe Ärgernis einfach herum gelaufen. Mit Deutschland sieht es nicht anders aus. Vor dem Rhein ist heutzutage im Falle einer konventionellen Kriegsführung kein Frontverlauf zu erwarten.
Finden Sie schießen und schweres Gerät fahren toll? Machen Sie doch einen Baggerschein oder melden Sie sich im Schützenverein an. Mögen Sie Männern zuschauen, die aufeinander losgehen. Kaufen Sie sich eine Karte für eine MMA Veranstaltung oder ein Rugby – Spiel. Das lässt sich doch auch ohne Kriegsspiele regeln. Die Sache mit den großen Waffenarsenalen und Armeen geht doch immer irgendwann schief. Wissen Sie, ich habe viel Zeit mit solchen Leuten verbracht. Ich kann Imponiergehabe, Identitätsfindung und den ganzen Kram nachvollziehen, aber irgendwann ist doch jeder aus dem Alter heraus, oder? Oder?

Ein Letztes, was ich nicht verstehe, ist die Tatsache, dass sie an diesem Kapitalismus so vehement festhalten. Wie angesprochen wurde ich im alten West – Berlin groß. Da war es normal, dass ich mich in der Schule mit der Sowjetunion, dem Ost – Block und der DDR beschäftigte. Von Kommunismus war bei uns selten die Rede. Meistens wurde vom Stalinismus, dem sogenannten real existierenden Sozialismus, dem Maoismus und den Trotzkisten gesprochen. Kommunismus wurde uns unter philosophischer Betrachtung näher gebracht. Das ist nebenbei die Frankfurter Schule. Karl Marx als Philosophen zu sehen, der sich noch zu Lebzeiten fragte, was eigentlich ein Marxist sein soll. Ihre Vertreter sprechen gern vom Liberalismus bzw. dem Neoliberalismus. Die Worte suggerieren Freiheit. Hauptsächlich läuft es auf eine Freiheit für die hinaus, die etwas haben. Die anderen schauen in die leere Röhre. Die Wirtschaft, einer abstrakten Definition, setzen Sie mit einem lebenden Organismus gleich. Gut, warum nicht? Die Idee und Herangehensweise klingt ja erstmal interessant. Gier reguliert sich gegenseitig und organisiert sich. Aber zwei wesentliche Dinge wurden damals, wie wir heute wissen, übersehen. Erstens der Mensch und zweitens ein eintretender Mangel an Ressourcen. Immer wenn ein Mangel herrscht, kommt es zu einem Verteilungsproblem. Genau das haben wir. Sie bieten als Lösung an: Mit ein paar anderen zusammen klauben wir alles auf, was wir finden können und verwenden wir für uns. Meinen Sie, die anderen lassen sich das auf Dauer gefallen?

Innerhalb von Deutschland gehen Sie davon aus, wenn ich einzelnen genug Überfluss gebe, fließt auch ausreichend Rest für die Armen heraus. Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Irgendwie hat das bei den Päpsten und im Absolutismus auch nicht funktioniert. Die benannten Stalinisten, Trotzkisten, DDR Sozialisten, Maoisten, sind auch daran gescheitert, dass sich immer ein Trottel über die anderen erheben will, also am Menschen. Da wäre es doch mal an der Zeit über alle geschaffenen Grenzen hinweg darüber zu sprechen. Also über Veränderungen und nicht wie man das System verzweifelt aufrecht erhalten kann.

Sie stehen nicht auf Geisteswissenschaftler und innovative Künstler. Alles was abweicht, ist Ihnen suspekt. Das kann ich aus Ihrer Perspektive ein wenig verstehen, aber was haben sie gegen Naturwissenschaftler? Wissen Sie, die haben eine bestimmte Art zu denken.

Ob das, was bei den Forschungen heraus kommt, wirtschaftlich ist, sich in Geld umwandeln lässt oder man damit etwas kaputt machen kann, ist denen nicht wichtig. Die sind einfach nur neugierig. Wenn jemand nur noch für Geld forscht, verliert er seinen Anspruch Naturwissenschaftler zu sein. Diese Wissenschaftler sagen Ihnen nun schon geraume Zeit: Das haben wir heraus gefunden! Was sie daraus machen ist nicht unsere Aufgabe. Dummerweise passen die Aussagen auf den ersten Blick überhaupt nicht in den Plan «Big Money». Aber dürfen sie deshalb ignoriert werden? Was ist Ihr Plan bzw. Ihr Problem? Sie brechen sich doch keinen Zacken aus der Krone, wenn Sie auf Vernunft umschalten.

Manchmal frage ich mich, ob Sie nicht längst selbst von dem Monster eingesperrt wurden, welches Sie selbst geschaffen haben. Ich habe Sie auf einer philosophischen Ebene und nicht als Kapitalist angesprochen. Die «Größen» des Kapitalismus haben doch längst unsere Geschicke übernommen. Der Mensch und seine Bedürfnisse sind doch längst zu einem bewertbaren Wirtschaftsgut geworden. Das betrifft Sie, wie auch mich. Alles, unsere Zeugung, unsere Entwicklung im Mutterleib, der erste Schrei, Emotionen, Bedürfnisse, Krankheiten, Alter und der Tod ist Business. Selbst wenn wir uns gegenseitig Töten, ist es ein millionenschweres Geschäft.

Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wir setzen gedanklich nochmals neu an und ziehen mal alle unsere «Denker», «Naturwissenschaftler» unter Ausschluss der «Verdiener» heran und hören denen mal aufmerksam zu und bewerten die Lage. Damit gäben wir der Vernunft eine Chance. Die Ergebnisse werten wir aus und stellen dann einen Forderungskatalog an die Großverdiener des bisherigen Systems. Wer von denen nicht mitmacht, bekommt den Hintern versohlt … so klassisch konservativ.

Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wir setzen gedanklich nochmals neu an und ziehen mal alle unsere «Denker», «Naturwissenschaftler» unter Ausschluss der «Verdiener» heran und hören denen mal aufmerksam zu und bewerten die Lage. Damit gäben wir der Vernunft eine Chance. Die Ergebnisse werten wir aus und stellen dann einen Forderungskatalog an die Großverdiener des bisherigen Systems. Wer von denen nicht mitmacht, bekommt den Hintern versohlt … so klassisch konservativ.

In tiefer dauerhafter Verbundenheit, denn es würde Sie nicht ohne mich und anders herum, mich nicht ohne Sie geben.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr “Linksversiffter”

Juni 29 2018

Faschismus? – nur eine PR Methode!

Lesedauer 8 MinutenWer kennt sie nicht? Die lieben Zeitgenossen, die weder ein Nazi sind, noch jemanden etwas zu Leide tun wollen, sich die Kritik an ihrer Wortwahl verbitten und lediglich ein aufrechter Deutscher sein wollen. Meistens ist für sie längst der Zeitpunkt gekommen, mit der deutschen Vergangenheit abzuschließen. Nicht wenige dieser Leute, haben auch keinerlei Skrupel, die Verfolgungsmethoden, Propaganda der Nationalsozialisten, Pogrome und den Holocaust, mit Ihnen begegnenden Anfeindungen gleich zu setzen. Einstmals befanden sich diese Menschen irgendwo in ihren versteckten Nischen und gaben dies häufig im kleinen Kreis beim dritten und vierten Bier. Heute verfügen sie über einen Rechner und Smartphone. Ein Kommentar ist schnell getippt.

Dabei fällt keinem dieser Kommentatoren auf, wie uniformiert, gleichlautend und monoton sie sich gemeinsam äußern. Der Begriff Faschismus bzw. eine der Unterarten, der Nationalsozialismus wird inflationär benutzt, da muss man einigen zustimmen. Faschisten sind im allgemeinen Verständnis Monster und werden in Deutschland verständlicherweise sofort mit dem Holocaust verbunden. Da geht es in den Diskussionen wild durcheinander. Nationalismus, Patriotismus, werden allzugern mit dem Faschismus in einen Topf geworfen.

Nationalismus ist das Eingehen einer Verpflichtung gegenüber einer Nation. Ein gemeinsamer Nenner vieler unterschiedlicher Menschen, die sich gegenseitig nicht kennen, aber unter diesem Deckel gemeinsam agieren können. Parallel dazu haben sie unzählige zusätzlich voneinander verschiedene Verpflichtungen und Verantwortungen. Familie, Verein, dem persönlichen Way of Life, der Ethik, und was sonst noch alles denkbar ist. Faschisten ticken anders. Sie kennen ausschließlich eine Verpflichtung: Die eigene Nation! Ihrer Auffassung nach ist sie die tollste, schönste, einzigartige, allen anderen Überlegene. Halbwegs akzeptabel können allein ähnliche Nationen sein. Im Licht dieses überzogenen irrealen Bildes sonnen sie sich. Fehler, Unzulänglichkeiten, kulturelle Fehlentwicklungen, Marotten, werden gnadenlos ausgeblendet. Wen wundert es, wenn die Verblendeten allergisch auf Satire, Humor oder Querdenker reagieren?

Bei der Demonstration gegen die Kundgebung der AfD trat ein Überlebender des Holocaust ans Mikrofon und wies die Zuhörer darauf hin, dass die durch den Faschismus Verführten nichts mehr Hassen, als das Lachen über sie. Gehässiges Lachen über andere, um sie klein zu machen, beherrschen sie dagegen in Perfektion. Faschismus ist eine Verführung, die einem schmeichelt. Die Könige der Verführung und Manipulation sind die Strategen der Werbung. Angst, Hass, Eitelkeit, sind die Schalter in jedem Kopf. Es gilt sie in der richtigen Art und Weise zu drücken. Die PR Strategen haben dies immer mehr verfeinert und die Faschisten bedienen sich an ihrem Repertoire. Ich glaube sehr wenige Menschen treffen bei der Wahl eine rationale Entscheidung. Schon deshalb nicht, weil unsere Welt und die politischen Vorgänge viel zu komplex sind. Ich wähle die, welche genau dieses einräumen und mir das Vertrauen geben, dass sie keine einfachen Lösungen parat haben.

Jeder, der mir erzählt, dass die Kultur meiner Nation hochwertiger ist, wie die einer anderen Nation und ich als Deutscher eine besondere Stellung einnehme, lässt bei mir alle Alarmglocken angehen. Gleichfalls reagiere ich skeptisch, wenn mir Angst gemacht werden soll.

Die Verführer sind für mich die Faschisten. Menschen die gezielt, Angst, Hass, Eitelkeit, zur Manipulation einsetzen, damit sie eine Machtstellung bekommen. Der echte Faschist ist ein Verkäufer, sein Lohn ist die Macht. Die Kommentatoren sind dankbare Käufer und da liegt das Problem. Denn es handelt sich um einen Markt, mit mehreren Mitbewerbern. Die Währung Macht haben wir alle in der Tasche. Alle die sich daran beteiligen, arbeiten gemeinsam in eine Richtung. Ob es nun die Presse ist, die sich zum willfährigen Werkzeug machen lässt oder unter Umständen unmittelbar bezahlt wird, Politiker die in der Bevölkerung abstrakte Ängste schüren bzw. nicht beruhigend einwirken, Konzerne die mit der Angst Unsummen umsetzen, sie alle sind beteiligt.

Letztens schrieb ein Twitterer in einer Diskussion, man solle doch den Deutschen vertrauen, sie hätten aus der Geschichte gelernt und die Übernahme der Republik durch Faschisten wäre unwahrscheinlich. Sie startete mit einem Tweet, in dem davon berichtet wurde, dass Schüler einen jüdischen Mitschüler an der Berliner John – F. – Kennedy Schule mobbten. Ich denke, er übersieht die Möglichkeiten der Digitalisierung. Ich teile seine Meinung, dass wir Faschisten der alten Machart nicht erleben werden. Wer in Zukunft eine ganze Nation diktatorisch führen will, braucht die Daten der Menschen. Diese befähigen ihn oder sie quasi zu einer biologischen Hackerattacke. Die Kampagnen der AfD sind erst der harmlose Anfang einer dunklen Zukunft. Mittels der gesammelten Daten lässt sich eruieren, wie die Schalter am effektivsten umgelegt werden können.

Es geht um die Macht, Menschenmassen zu manipulieren. Was sich da am Horizont abzeichnet, ist nichts Neues. Zumindest hat sich bereits Aldous Huxley darüber Gedanken gemacht. Ihm fehlte für seine Utopie «A brave new World» eine Zutat: die Digitalisierung. Bei ihm mussten Wissenschaftler die Konditionierung für die spätere Rolle im Leben, mühsam mit einfachsten Mitteln vornehmen. Heute braucht dafür keiner mehr Wissenschaftler, sondern eine PR Agentur und einige Computerspezialisten. In den letzten Tagen bemerkte ich, wie sich nach und nach die eingeblendeten Nachrichten, Werbung und die Charaktere der Kommentatoren bei Twitter und Facebook in meiner Timeline veränderten. Zu informativen Zwecken hatte ich alles rund um die AfD abonniert. Prompt bekam ich auch die passenden Meldungen und verstärkt Twitterer aus dem Umfeld der AfD eingespielt.

Ich machte die Gegenprobe. Nachdem ich alle offiziellen Accounts der AfD abgeschaltet hatte, stattdessen sie gegen die CDU eintauschte, veränderte sich das Bild. Prompt drängten sich einschlägige CDU nahe Presseveröffentlichungen in den Vordergrund.Ich erweiterte den Versuch um einige Optionen. Der Algorithmus passte sich mit einem Verzug von drei Tagen an. Mit Google erging es mir nicht viel anders. Das bedeutet: Selbst, wenn sich einer die Mühe macht, täglich Pressemeldungen, Artikel, Abhandlungen, aus den unterschiedlichsten Richtungen zu lesen, landet er nach ca. zwei Wochen auf einer vorbereiteten Bahn. Nur, wer versiert im Umgang mit den passenden Gegenmaßnahmen ist, hat eine Chance neue Anregungen für Analysen zu bekommen. Wer macht das schon und hat vor allem die Zeit dafür?

Seither prüfe ich jedes mir wichtige Suchergebnis mit der Suchmaschine Metager gegen. Ich schließe aus, dass sich diese Mühe viele Menschen machen.

Die Faschisten von Morgen sind die Schüler Edward Louis Bernays, dem Erfinder des Public Relation. Sie kombinieren seine Techniken, mit Daten sammeln und den darauf basierenden Erkenntnissen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird Propaganda überflüssig sein, da die Leute ohnehin schon die passende Meinung implantiert bekommen haben. Meine Sorge vor der AfD habe ich längst verloren. Meiner persönlichen Prognose nach, ist es nur eine Frage der Zeit, dass kommerzielle finanziell gut ausgestattete Kräfte still und heimlich eine Gegenoffensive starten werden. Flüchtende Menschen sind bares Geld. Innereuropäische Grenzen liegen ganz und gar nicht im Interesse dieser Kräfte, wohingegen eine vorgelagerte Abwehr, durchaus ein passendes Konzept sind. Zumal sich humanitäre Katastrophen in anderen Ländern deutlich besser medial verkaufen lassen, wie wenn sie direkt vor der Haustür stattfinden. Der Export und Verkauf von Drohnen, Kameras, Grenzanlagen und Spezialfahrzeugen ist bereits im vollen Gange. Wer sich die Reportagen über die Sicherungen der uralten Handelswege auf dem afrikanischen Kontinent, die Grenzzäune und die Elendslager vor den europäischen Enklaven, ansieht, weiß dass diese vorgelagerten Sicherungen längst existieren. Im Prinzip funktioniert das alles, wie ein Ventil. Der in Europa teuer und schwer zu entsorgende Müll, die Waffen, in Europa nicht verkaufbare Essensabfälle gehen rein, Rohstoffe gehen raus und die flüchtenden Menschen werden drin behalten.

Begleitet wird das von Kampagnen, die den Europäer darüber hinwegsehen lassen sollen, bzw. diese Vorgehensweise legitimieren. Im übertragenen Sinne werden die Menschen in den Ländern der Dritten Welt die von Huxley beschriebenen Wilden.

Ähnliches wird sich im Inland abspielen. Das Arbeitsmotto lautet: Wer nichts zu verbergen hat, muss nichts befürchten. Theoretisch müsste diese Aussage für alle gelten. Dann würden wir in einer Welt leben, in der auch Konzerne, Mächtige und Reiche nichts zu verbergen hätten. Das wird nicht passieren. Kameras, Sicherungskonzepte, Manipulationen werden hauptsächlich in den sozialen Brennpunkten zum Einsatz kommen. Dies mittels Kampagnen den zukünftig Überwachten schmackhaft zu machen, läuft schon lange. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich Smart Fernseher identisch zu Computern entwickeln. Bisher wird die Werbung lediglich oben links eingeblendet. In naher Zukunft werden sich komplette Werbeblöcke nach den Fernsehgewohnheiten ausrichten. Seitens einiger PR Strategen wurden bereits Versuche unternommen, über die Ausstattung und Produktplatzierungen hinaus, Texte der Skripte zu beeinflussen.

Diktaturen durch eine klassische Regierung sind Schnee von Gestern. Regieren bedeutet nichts anderes, wie die Regulierung des öffentlichen Lebens im Innern und nach außen hin. Meiner Meinung nach, wird das Rennen derjenige machen, der die Möglichkeit besitzt die meisten Daten zu ergattern und über die Möglichkeiten verfügt, sie auszuwerten. Bislang sind alle zuvor daran gescheitert. Zu meiner Schulzeit hieß es noch, dass eine zentrale Planwirtschaft immer an der Individualität und der mangelnden Berechenbarkeit des Verbrauchers scheitern wird. Gleichermaßen verhielte es sich mit Diktaturen. Nun wird es nicht mehr allzu lange dauern, bis wird die Möglichkeiten haben. Es ist ein Weg entstanden, die Individualität unter Kontrolle zu bekommen. Das Monster Faschist ist ein Dinosaurier. All die Kommentatoren, die sich alle mehr oder weniger gleich äußern, befinden sich in den Fängen von etwas Neuen, welches sich der alten Erkenntnisse bedient. Große Teile der Bevölkerung haben längst ihre Identität und Persönlichkeit verloren, sie wissen es teilweise nicht. Die «Hartzer», «bildungsfernen Schichten», «Flüchtlinge», «Migranten», alle zusammenfassenden Bezeichnungen berauben sie der Persönlichkeit, sie werden zur verfügbaren Masse.

Flüchtlinge, Islamisierung usw. sind lediglich der Beginn. Vernichtungslager wird es keine mehr geben. Der Mensch ist kommerziell viel zu wertvoll, solange er am Leben ist. Es ist nicht verwunderlich, wie ärgerlich massenhafte Fluchten sind. Immerhin gehen den Minenbesitzern, den Konzernen mit ausgelagerten Billigproduktionen und den Rüstungsschmieden Kunden bzw. Sklavenarbeiter aus. Inländisch war der nunmehr bereits zurückliegende erste Schritt die Veränderung der Sozialsysteme. Die neue unterste Schicht wird gerade noch so am Leben erhalten, damit sie nicht auf die Straße gehen. Zugleich wird sie immer mehr an die Ränder der Städte in Silos verdrängt, während sich die darüber liegende Schicht in den Innenstädten tummelt. Mittels Fernsehen, Sportveranstaltungen, Computerspielen pp. werden die in den ausgelagerten Ghettos bei Laune gehalten.
Der neueste Trend ist der Bau von Siedlungen um von Konzernen aus betriebenen Discountern, durch diese selbst. Die Verfügungsmasse wird um den Konsumtempel herum geschart. Eine logische und nachvollziehbare Entwicklung. Wer in einer Gegend mit tausenden unmittelbaren Nachbarn wohnt, in der nicht einmal mehr dieses passiert, sollte sich Gedanken machen.

Wir Deutschen, wir Mittel – Europäer, mit unseren hervorragenden einzigartigen kulturellen Leistungen, basierend auf den bemerkenswerten weltweit einzigartigen Tugenden, bestimmen darüber, wer es aus den anderen Kulturen wert ist, zu uns zu kommen. Jedoch nur, wenn sie oder er bereit ist, die eigene zu Gunsten der Siegerkultur aufzugeben. Es besteht ein Anspruch darauf, dass zu uns nur die Besten der Besten kommen, denn wir sind die Bundesliga der internationalen Gesellschaften, sonst wären die anderen nicht vor ihrer geflüchtet. Es gilt die herannahenden primitiven Horden abzuwehren. Zur Erinnerung: Wenn Nationalismus, dazu führt, dass man sich nur noch ausschließlich der eigenen Nation gegenüber verpflichtet fühlt, steht man beidbeinig im Faschismus. Selbst ethische Verpflichtungen treten dann gegenüber dem Nationalismus zurück. Unter dieser Maßgabe, kann man zur Rettung der Nation schon mal ein paar Tausend absaufen lassen, die gleiche Anzahl und mehr in Lagern zusammensperren und den Rest vom Schützenfest in der Sahara verhungern lassen.

Selbstredend haben diverse Ankömmlinge keinerlei Kultur mehr. Mit Verlaub: Wenn ich mich durch eine Wüste gekämpft hätte, einige hundert hart zusammengekratzte Dollar an übelriechende Unsympathen gegeben habe, danach ein halbes Jahr in einem wilden Lager lebte, mich dann in ein Schlauchboot setzte … wären Kultur und Ethik auch nicht mehr meine vorrangigen Lebensprobleme.

Gestern Abend war ich beinahe ein wenig um Edmund Stoiber besorgt. Er saß in einer Talkshow und stand vor kurz vor einer Herzattacke, als der CSU Rechtspopulismus vorgeworfen wurde. Dabei ist es nicht der Fall, dass Rechtspopulismus in der Republik etwas Unerwartetes ist. Nach 1945 musste die Nachfolgeneration bis zum Mauerfall intensiv gegen die Reste des Nationalsozialismus und den Auswirkungen in den Köpfen der Deutschen kämpfen. Dieser Kampf wurde je durch die Wende unterbrochen. Ich kenne viele, die ein grosses Deutschland kritisch betrachteten.

Mich wundert es überhaupt nicht, dass ausgerechnet Vertreter aus dem provinziell geprägten Bürgertum, wie es ein Söder, Seehofer, Dobrindt, eine Bär oder ähnliche Kandidaten repräsentieren, sich der Sprachmuster einer AfD anpassen. Stoiber verwies in seiner Gegenrede, auf die vielen engagierten Bürgermeister. Er übersieht dabei, dass es zwischen den konservativen Strömungen und den Faschisten schon immer einen breiten Grauszonenbereich gab. Was aktuell passiert, ist die organisierte Verteidigung einer gut aufgestellten Schicht, gegen alles darunter. Ein Verteidigungsmittel war schon immer der nackte Fingerzeig auf einen Buhmann, das Bedienen von Eitelkeiten, das Schüren von Hass und die Angstmacherei. Nichts anderes macht die CSU. Wie sie das nennen, ist ihnen selbst überlassen. Bezeichnungen sind Schall und Rauch, die Handlungen, Strategien und die verfolgten Ziele zählen.

Rhetorisch gibt es einen klassischen Unterschied zwischen der Überredungs- und der Überzeugungskunst. Einen mündigen Bürger muss ich mittels Argumente überzeugen, einen sich devot unterordnenden Bürger, ergreife ich bei seinen niederen Instinkten. Spätestens mit seinem Euphemismus Asyltourismus, wenn nicht schon bei der Flüchtlingsindustrie, hat Söder die Karten auf den Tisch gepackt. Von einem mündigen Bürger gehen die alle nicht aus. Würde ich selbst vermutlich auch nicht tun. Bleibt die Frage offen, wo sie die Bürger hinführen wollen. Verführen oder in eine ethisch vertretbare Richtung lenken?

Ich kann zwischen den Aufsichtsräten und der Regierung keinen Unterschied mehr erkennen, spätestens dann nicht, wenn sie nach ihrer politischen Karriere bei den Konzernen in Lohn und Brot stehen. Damit haben die Konzerne längst übernommen und eine kaschierte Diktatur installiert, die der unteren Ebene eine pseudo – Demokratie auf der regionalen Ebene zugesteht. Faschismus, Nationalsozialismus sind meines Erachtens nicht mehr das Thema. Dies sind nur noch Bezeichnungen dafür, wie sie es machen – aber vielleicht war das nie anders? Immerhin wurde Hitler auch von der Hochfinanz unterstützt. In der alten Zeit gab es Sklavenhandel und Kolonialismus. Beides haben wir der “politischen” Führung untersagt. In die entstehende Lücke sind die “kommerziellen” Regierungen gegrätscht.

Und was mache ich dagegen? Dusseliges Zeug schreiben und beobachten. Hat sich nichts geändert, nur durfte ich früher am Ende den Täter festnehmen. Das hat sich erledigt. Na mal schauen. Es gibt da draußen richtig viele junge schlaue Köpfe, vielleicht lassen sich nicht alle kaufen. Die Trottel aus dem “linksextremistischen” Lager werden es nicht ändern. Die befinden sich in einer vorübergehenden Lebensphase, einer Art verlängerter Pubertät, bis sie sich vom Kommerz einkaufen lassen. Auf den kleinbürgerlichen Trümmerhaufen, der die Mehrheit der Wählerstimmen erhielt und vermutlich auch wieder bekommen wird, setze ich jedenfalls nicht mehr.

April 23 2018

Eine überraschende Wende … so sieht Leben aus!

Lesedauer 3 Minuten

„Mach’s gut, Pali!“ ,war als trauriger Abschied hochgeladen. Was sollte jetzt noch kommen? Die Resignation hatte sich schon in den Tagen zuvor eingestellt. Telefonate, Abschiedsbesuche bei den vielen gewonnenen Freunden in Deutschland, alles nahm seinen Gang. Traurig saßen wir uns beide um 03:00 Uhr gegenüber. Ein Rückflug war zu buchen, aber das Geld der Eltern war noch nicht auf dem Konto.

Es war bitter, ihm nach dem Aufstehen und den langen Tagen des Bangens beim Tippen auf dem Rechner zuzusehen. Diesmal war es keine Bewerbung. Nochmals sah ich auf seine Sachen, die er im Vorraum abgestellt hatte. Ausgerechnet Kafka „Die Verwandlung“ lag auf einem der Koffer. Lustlos las ich meine Mails. Die gute Fr. Jarasch hatte sich noch einmal gemeldet. Bei Ihr sollte ich mich nochmals persönlich melden. Immerhin war ihr Engagement ein echter Lichtblick in diesen Tagen gewesen. Ich schickte Ihr den Link zum Beitrag und ein paar frustrierte Worte. Der Rest der Truppe meldete sich auf allen Ebenen. Vorbei! Die Schlacht ist geschlagen.

Ich dachte an den Anfang zurück. Ich sagte zu ihm: „Du hast mich gefragt, warum ich das alles tue. Ich sag es Dir. Ich kann nicht die Welt und jeden da draußen retten. Das wird nicht funktionieren. Aber ich habe mal etwas von der Gesellschaft bekommen. Mir wurde die Möglichkeit gegeben mich zu bilden u. das Wissen wie man sie erlangt vermittelt. Wenn das Leben mit der Forderung etwas zurückzugeben unmittelbar an mich herantritt, kann ich handeln. Deshalb helfe ich Dir! Dafür musst Du Dich nicht bedanken, dass ist meine Geschichte.“

In diese Gedanken drängte sich mein Telefon mit einem penetranten Klingelton hinein. „Sofort den Flug stornieren!“
„Bitte?“
„Er bekommt seine Chance! Er bekommt die Zeit sich zum Wintersemester an der Uni anzumelden!“

Der Pali schickte sich just in diesem Augenblick an, seine Buchung mit einem Tastendruck zu bestätigen. „Stopp!“, rief ich dem verdutzten Pali zu. „Du kriegst Deine Chance!“ Zu weiteren Worten war ich am Telefon erst einmal nicht fähig. Der Stress, die Emotionen, das komplette Drumherum überwältigte mich. Ich setzte mich auf den Boden und die Tränen rannen über mein Gesicht. Der Pali verbarg sein Gesicht in den Händen. Dann hob er den Kopf und sagte: “Das ist alles ein Film, oder?” Ich schaute ihn an. “Nein, ich glaube das nennt sich Leben!”

Was hatte das ehemalige Mitglied einer italienischen Anti – Mafia Einheit zu mir gesagt?: „Hör auf, gegen das Böse zu kämpfen, sondern kämpfe für das Gute!“ Ich verstehe jetzt, was er meinte. Es ist ein Unterschied, ob ich einen aus dem Rennen nehme, oder einen hinein bringe. Das Gefühl ähnelt dem Erfolg in einer Entführungslage. Der Täter ist irgendwann egal, die Freude überkommt einen, wenn das Opfer befreit ist.

Trotzdem habe ich wenig Grund an meinem Fazit großartige Änderungen vorzunehmen. Ich möchte etwas hinzufügen. Vielleicht ist es gar nicht schlecht für Deutschland, dass es zum Konflikt zwischen den progressiven und den reaktionären auf Prinzipien herumreitenden Gesellschaftsmitgliedern gekommen ist.

Deutschland kann nach 1945 den Beweis antreten, dass eine ausreichende Anzahl Deutscher herangewachsen ist, die den Menschen sehen und nicht mehr wie einst ein „gleichgeschaltetes“ Volk, System und Ordnung in den Vordergrund stellen. Wir sollten das endlich mal untereinander klären. Ein Freund schrieb mir auf WhatsApp, für ihn ist der Glaube an Deutschland ein wenig wieder hergestellt. Die Gerechtigkeit hat bei uns eine Chance. Ich sehe das ein wenig anders. Ich weiß nach dieser Geschichte, dass es Menschen gibt, die wie ich denken. Wir sind ein Teil dessen, was dazu geeignet ist, der Historie einen Sinn zu geben. Ob wir genug und stark genug sind, werden wir sehen.

Bei der Nummer war eine große Zahl junger Leute unter 30 beteiligt. Sie haben den progressiven Älteren vertraut und sie wurden nicht enttäuscht. Dies war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Frau Jarasch, Herr Lux, Herr Akmann, Herr Geisel, Herr Tas, Herr Machulik haben damit nicht zwingend Wähler gewonnen, aber sie haben junge Leute in eine gute und einige andere Richtung bugsiert. Das ist echte  verantwortliche Politik für die Zukunft. Steinwürfe verhindert man am ehesten damit, dass man zukünftigen Straßenkämpfern keinen Grund gibt, unter dem Pflaster nach dem Strand zu suchen.

Wer jetzt denkt, dass nur ein junger Mann Glück hatte, versteht das Prinzip nicht. Ich glaube, die verstehen wollen und offen sind, haben verstanden, wie es gemeint ist. Den Rest erreiche ich mit meinen Worten ohnehin nicht. Wie schon in mehreren Beiträgen beschrieben, begreife ich das Leben als eine Bühne mit unterschiedlichen Protagonisten. Es gibt keine Regie, die den Schauspielern Anweisungen erteilt. Keiner kann wissen, wie die nächste Minute aussehen wird. Jeder Dialog beeinflusst den zukünftigen Ablauf des Stücks. Keiner der Beteiligten an der Geschichte weiß, wohin dieses Intermezzo in der Zukunft führen wird, aber ich glaube fest daran, dass es einen guten Einfluss auf viele nimmt.

Ich für meinen Teil habe jedenfalls Kraft gewonnen, hier weiter zu machen. Jeden der paar Leser, die ich hier habe, möchte ich sagen: “Wenn das Leben direkt anklopft, sollte man handeln!” oder wie mal ein Mitstreiter auf einer exotischen Dienststelle mit sensiblen Aufgaben sagte: “Aufstehen, bedeutet, dass man auch mal hingefallen ist.”

 

Februar 19 2018

West – Berlin vs. Provinz

Lesedauer 6 Minuten

Iggy`s unnachahmliche Stimme gab sich gestern Abend alle Mühe durch die auf eine gefällige Lautstärke regulierten Boxen die Geschichten über Sex, Drugs and Rock ‘n’ Roll zu erzählen. Brav bewegte sich die in die Jahre gekommene Generation der Achtziger zum aggressiven Gitarrenspiel der Stooges und versuchte den Rhythmus des hämmernden Schlagzeugs einzuhalten.

Ich schloss die Augen und ließ die Bilder von damals auf meiner inneren Leinwand erscheinen. Ich war wieder im Rocket. Um mich herum war alles schwarz, gleißendes weißes Licht zuckte durch den Nebel aus Zigarettenqualm.
Auf der Tanzfläche tanzte die Meute den Pogo. Sie trugen schwarze abgewetzte Lederjacken und vom Kopf standen die bunten Haare stachelig ab. Frauen mit kurzen Röcken, zerrissenen Strümpfen und Springerstiefeln kümmerten sich um in den Ecken liegende blasse Typen.

Ich öffnete die Augen wieder. Als Erstes sah ich einen sich langweilig dahin wiegenden Endvierziger mit vor Gähnen weit aufgerissenen Mund. Seine attraktive jüngere Freundin war bemüht mit ihren Bewegungen einen guten Eindruck zu erwecken. Daneben tanzte ein Typ mit Bundfaltenhosen und Pullunder, als wenn der DJ Helene Fischer aufgelegt hätte. Vor ihm tarierte eine in ein rotes Kleid hinein geschossene untersetzte Blondine ihren dicken Hintern auf ein paar Pumps aus. Ich ließ mir vom Barkeeper noch ein Bier geben. Danach fingerte ich aus der Zigarettenschachtel in meiner Jackentasche eine Zigarette heraus und schob mich zwischen die Tanzenden hindurch in Richtung Raucherecke.

Von hinten tippte mir jemand auf die Schulter. Ich blieb stehen. Ein Typ, der wie ein Versicherungsverkäufer am nächtlichen Tresen einer Pension in der Provinz aussah, fasste mich bei der Schulter und sprach mir mit schwäbischen Dialekt ins Ohr: «Du weißt schon, dass Du denna nicht Rauchen darfst! Uf der Danzfläche isch des Raucha verboda.»
Verständnislos schaute ich erst auf die kalte Zigarette in meiner Hand, dann auf mein Bier und hiernach in sein Gesicht.
«Was willst Du von mir?», fragte ich ihn unwirsch.
«I war dahana uf einr Feir, da einig agfanga zu Raucha. Die Schdimmung war noh hee.», schwäbelt er in mein Ohr.

In meinem Kopf formulierte sich eine Antwort. «Pass mal auf Du Vogel! Erstens fass mich nicht an. Zweitens gab es mal eine Zeit, da durftet Ihr blöden Wessis in West – Berlin nur speziell für Euch eingerichtete Touri – Discos betreten. In unseren Läden wurde zu dieser Musik gepogt, geraucht und alles nur Erdenkliche eingeworfen. Verpiss Dich mit Deiner unmöglichen dunkelblauen Jeans, Business -Hemd, samt Deiner gesamten Bagage aus meiner Stadt und vergiss Deine Tüten Bio – Müsli nicht. Aber quatsch mir kein Ohr ab, damit ich endlich eine rauchen gehen kann.»

All dieses sagte ich nicht, sondern versuchte die Worte zu einem unmissverständlichen Gesichtsausdruck umzuformen. Damit  ließ ich ihn stehen und lief betont lässig in die Raucherecke. 1984 hätte ich dem Kerl maximal eine Nacht in der Berliner Szene gegeben. Am nächsten Tag wäre ihm klar gewesen, dass es für ihn besser ist, sich tagsüber brav die üblichen Attraktionen anzusehen.

Er verkörperte alles, was einst innerhalb meines alt West – Berliner Lebenskreises verachtet wurde. Schaffende, raffende, Häusle bauende Schwaben aus der südlichen Provinz Deutschlands. Spießer, die beim Vögeln ein Handtuch unterlegen, damit die eierschalenfarbene Couch keine Flecken bekommt. Gäste, die sich einen entcoffeinierten “Latte Macchiato” mit Soja Milch bestellen. Oder Frauen mit Norwegerwollsocken in Ledersandalen, die ihren Abschluss an einer Fernuniversität absolvierten. Rotgesichtige dicke Männer, die mit Bananensaft ihr Weizenbier panschen. Frauen, die über Stunden hinweg auf einer Party Rezepte für Nudelsalate austauschen. Kleinstädter, die die billig produzierte Seifenoper «Berlin Tag- und Nacht» zur Grundlage ihrer Vorstellung von Berlin machen. Menschen, welche die Verbrechen ihres Metzgers auf dem Dorf für eine Currywurst halten. Mittvierziger, die in der Schrankwand eine CD Sammlung von Florian Silbereisen zu stehen haben und sich nichts Schöneres vorstellen können, als ihm einmal beim Wandern in Österreich zu begegnen. Dann diese Autofahrer, die auch für Tiere bremsen, Louisa mit an Bord haben oder angeblich nur auf der Beifahrerseite sitzen, weil sich Jesus ans Steuer gesetzt hat. Überhaupt alle, die einen im Straßenverkehr mit ihren aufgeklebten Botschaften ihren Lebensentwurf aufzwingen wollen. Diese desinfizierten Menschen, die stets gekleidet sind, als wenn sie in der nächsten Minute bei ihren Schwiegereltern einen Antrittsbesuch machen. Paare, die  sich jedem mit dem gemeinsam ausgesuchten Outfit als Menschen präsentieren, die ihre Individualität zu Gunsten einer bereits zu Lebzeiten gemeinsam ausgesuchten Grabstätte aufgegeben haben und damit nicht den städtischen Friedhof, sondern ihr uniformes Reihenhaus im Umland meinen. Verhinderte Abenteurer, die im urbanen Gebiet Klamotten tragen, die für Bezwinger des Nanga Parbat konzipiert wurden. Diese Weltoffenheit heuchelnden Eltern, die jeden Tag von Integration und Diskriminierung sprechen, aber die ersten sind, welche ihre Brut auf einer anthroposophischen Privatschule anmelden und selbst dort noch den Klassenlehrer mit der Einschaltung eines Rechtsanwalts bedrohen. All diese Menschen, die sich schon beim Zubereiten des Frühstücks die ersten zehnmal selbst belogen haben, damit sie das Gefühl haben, ein guter Mensch zu sein. Selbst die verhassten Popper aus den Achtzigern mit ihren Kashmere – Pullovern hatten größere Eier in der Hose, als diese Sorte Mensch.

Als ich zurückkam, fragten die Pixies «Where is my Mind?» Jener Song, der im Film “Fightclub” die Sprengung aller Schaltzentren der Macht und damit die ultimative Zerstörung des Kapitalismus untermalt. Diese großartige Vorstellung, dass ein Schizophrener die Koordination einer Gruppe entschlossener Männer übernimmt, die dieses Krebsgeschwür mit einem Knall aus der globalen Gesellschaft entfernt.

Der Schwabe hatte während meiner Abwesenheit seine Bewegungen um keine Nuance verändert, und schwang weiterhin wie ein mit Gelee angefüllter Beutel zur Musik hin und her. Mit knappen Neunzehn war ich mal mit zwei Freunden im Kino. Da gab es eine Werbung des Playboys, in der behauptet wurde, dass der Tanzstil eines Mannes Auskunft über seine sexuellen Qualitäten gibt. Wenn da etwas dran sein sollte, dann tut mir seine Begleiterin schon deshalb leid. Zweimal sprach er mich noch an. Einmal weil ich beim Tanzen eben diese Begleiterin anrempelte und das zweite Mal lobte er neben mir am Pissoir stehend die Musikauswahl.

Ich mokierte  mich in den letzten Tagen im BLOG mehrfach über die «Rechten» und ihre Mitläufer. In mir keimt langsam der Verdacht auf, dass dieser Schwabe symptomatisch ist. Zwar gehe ich nicht davon aus, dass er die AfD wählt, vermutlich tendiert er eher zu den GRÜNEN, dem Sammelbecken für Spiesser mit Umweltambitionen. Dennoch glaube ich, dass sich aus der Mitte dieser Typen auch einige mit den Ressentiments der AfD gegenüber Menschen wie mir, anfreunden können. Es klaffen riesige Abgründe zwischen der musikalischen Botschaft und ihrem Denken. Sie spüren weder die im Punk steckende Wut gegenüber dem Bürgertum, noch den puren Sex in den Liedern der Bands der Siebziger, noch die wollüstige Erotik des Souls oder die Melancholie des Blues. Wie ein verklemmter Freier, der bei einer Prostituierten seine geheimen sexuellen Wünsche auslebt, stehen sie auf der Tanzfläche und erträumen sich für drei Minuten bei AC/DC oder Rammstein den Bad – Guy, der sie aufgrund ihrer Hemmungen niemals sein können.

Selbst wenn einer über den Rasen ihres Vorgartens spazieren würde, könnten sie sich dessen nur mit einem Rechtsanwalt erwehren. Im Beruf verschaffen sie sich mit einem schmalen Textil um den Hals ein kompetentes Aussehen und im Straßenverkehr beschützt sie die Karosserie ihres SUV oder rollenden Raumwunders, den oder das sie sich selbstverständlich nur wegen der Familie zugelegt haben. Da ist es nicht verwunderlich, wenn sie bei den Nachrichten oder den Kampagnen der AfD gegen den gesunden Menschenverstand Panik bekommen, die sie mit Notfalltropfen aus der Bachblüten – Apotheke bekämpfen.
Im Gegensatz zum geborenen Großstädter wurden sie niemals als Jugendliche auf das Haifisch- Becken in einer Metropole vorbereitet. Ihnen ist das Wort «Opfer» auf die Stirn geschrieben und die Haie haben ein leichtes Spiel. Sie verhalten sich wie die Schafe in unserer von der Natur befreiten Kulturlandschaft, die das Fliehen vor dem Wolf verlernt haben. Sie leben in einer Assekuranz – Gesellschaft, in der ihnen von findigen Geschäftemachern und Politikern die Absicherung jeglichen Risikos versprochen wird. Abgesehen von der Absicherung, ist ihnen schon vor dem Eintreten des Ungewollten, jede Ungewissheit ein Gräuel. Sollte es trotz und allem zum von ihnen Undenkbaren kommen, muss ein Verantwortlicher gefunden werden. Außerdem fordern sie sofort eine Abhilfe, damit das nun mit einem Mal Vorstellbare niemals erneut eintreten kann. Das sie sich damit immer mehr einer allumfassenden Kontrolle, die politisch im Allgemeinen in einer Diktatur endet, begreifen sie nicht. Am liebsten würden sie das Wort Risiko aus ihrem Wortschatz streichen. So wie ihre Kinder nicht mehr spielen dürfen, wie wir es einst taten, wird die Gesellschaft nach und nach ihre Freiheiten ebenfalls verlieren, denn hierzu ist ein vernünftiges Abwägen von Risiken notwendig.

Nachts in der U-Bahn funktionieren die Statussymbole Kreditkarte und Dienstwagen nicht. In einigen Bereichen war das Leben in West – Berlin schrill, schräg, brutal, hart und wurde oftmals von ungeschriebenen Regeln bestimmt. Ich musste herzhaft Lachen, als dieser Albrecht Glaser aus dem beschaulichen Schwarzwald sich darüber beschwerte, dass er per Durchsage der Deutschen Bahn vor Taschendieben gewarnt wurde. Als er dann noch anfügte, dass er in seinem Leben bewegten Leben so etwas noch nie erlebt habe, traten bei mir Tränen in die Augen. Der Kerl hätte in der West -Berliner City bereits nach einer halben Stunde am Tresen der Bahnhofswache Zoo eine Anzeige erstattet. Dem ist auch zuzutrauen, dass er damals die netten jungen Männer in der Jebenstrasse nach dem Weg gefragt oder am Stuttgarter Platz in einer Bar vor ein paar verdutzten thailändischen Prostituierten eine Moralpredigt gehalten hätte.

Lustig muteten auch die meinem Schwaben nicht unähnlichen klatschenden Zuhörer an. Letztens fabulierte er über die heroischen Taten aller DDR Bürger und ihren damit in Verbindung stehenden Erfahrungen, die die Bürger im Westen nicht gemacht hätten und deshalb den 75 Jahre lang von links her weichgespülten Westlern im Vorteil wären. Passenderweise folgte letzte Woche ein Bekannter aus der übersichtlichen Messestadt Hannover bei Facebook dieser Kampagne, in dem er diesen Stuss in einem Post übernahm. Ich male mir genüsslich aus, wie diese Behauptung in den Achtzigern in einer West -Berliner Eckkneipe angekommen wäre.

Ich räume ein, dass es in West – Berlin einige Pendants zum Schwaben gab. Wir hatten die Bewohner von Wannsee, die Waldmenschen aus dem hohen Norden und die Villenbesitzer in den besseren Gegenden. Heute würde man diese Bezirke Elfenbeintürme nennen, in denen der Realität entrückte besser gestellte Bürger leben. Doch sie befanden sich klar in der Minderheit und verhielten sich ruhig, solange sie niemand mit Demonstrationen vor der Haustür behelligte. In der Regel wussten die Parteifreunde aus der CDU dies aber zu verhindern. Im Gegenzuge ist aber anzumerken, dass sie sich wie alle anderen weder von Bombenanschlägen noch von kommunistischen Säbelgerassel in Angst und Schrecken versetzen ließen. Hätten die Bürger die sich aktuell immer weiter ausbreitende Mentalität gehabt, wäre West – Berlin von knappen 2 Millionen Angstneurotikern bewohnt gewesen.

Schon verrückt, wie sich die Zeiten ändern können. Wer hätte 1989 geahnt, dass uns die Wessis eines Tages ungestraft von der Seite anquatschen dürfen.