November 5 2022

Guter oder schlechter Egoismus?

high angle photography of people in ground Lesedauer 7 Minuten

Es ist mir ein Rätsel
Wir haben eine Gier, mit der wir uns arrangiert haben
Du denkst, Du musst mehr wollen, als Du brauchst
Bis Du alles hast, wirst Du nicht frei sein
Die Gesellschaft, verrückt, in der Tat
Ich hoffe, Du bist nicht einsam, ohne mich

Eddie Vedder, Society, Soundtrack zu: In to the wild

Ein Kommentar bei Facebook führte mich mal wieder zu Überlegungen zurück, die ich immer mal wieder anstelle. Egoismus ist ein bei uns traditionell negativ belegter Begriff. Aus meiner Sicht ist das falsch. Worum geht es denn? Ich mache mir ein Bild von der Welt. Wobei ich niemals ein Gesamtbild sehe, sondern lediglich einen Teil davon. Entweder, mir gefällt, was ich sehe, oder ich bin unzufrieden. Im nächsten Schritt kann ich mich dazu entscheiden, wie ich damit umgehe. Ist alles schön, besteht kein Handlungsbedarf. Im anderen Fall kann ich mich arrangieren, meine Ansprüche verändern oder versuchen, sie im Rahmen meiner Möglichkeiten zu verändern. Damit ist erst einmal notwendig zu erkennen und festzulegen, was mir eigentlich konkret missfällt. Was benötigt mein Ego?

Möglicherweise hadere ich mit dem Umgang der Menschen untereinander oder mir ist alles zu unruhig, aggressiv, intolerant. Oftmals wird es das eigene Schicksal sein, mit dem ich unzufrieden bin. Zu wenig Geld, Status, Gestaltungsmöglichkeiten. Zunächst kann ich mich selbst prüfen, wie angebracht meine Erwartungen sind. Unter Umständen habe ich überzogene Vorstellungen, die ich als menschliches Wesen niemals verwirklichen bzw. keinen legitimen Anspruch anmelden kann. An der Stelle wird es bei einigen kritisch. Sie fordern von der Welt mehr ab, als legitim ist. Dies ist eine Folge des Gedankens, dass der Mensch im Zentrum des Geschehens steht und sich alles um ihn herum abspielt. Diese Zentrierung findet auch im Kleinen statt. Eine Menge Zeitgenossen versuchen sich aus dem Gesamtgeschehen herauszunehmen, in dem sie sich ins Zentrum stellen und alle anderen haben ihnen quasi zuzuarbeiten. Doch das ist kein Egoismus, sondern Egozentrik!

Ich möchte ein ruhiges, friedliches, freies und ausgeglichenes Leben führen. Hierzu muss ich herausbekommen, was ich dafür in die Wege leiten muss. Wenn ich selbst in Saus und Braus lebe, während alle anderen um mich herum dahin vegetieren, darf ich mich nicht wundern, wenn es mit meinem Frieden schnell vorbei ist. Interpretiere ich Freiheit als etwas, was mich dazu berechtigt, alles Erdenkliche zu unternehmen, auch wenn es auf Kosten anderer passiert, ich sie schädige oder beschränke, werden die mir irgendwann wütend gegenüber treten. Dann werde ich Maßnahmen zur Verteidigung ergreifen müssen und es ist Essig mit der Ruhe. Also bedarf es für die Verwirklichung meiner egoistischen Ziele einer eingehenden Analyse, welche meiner Handlungen geeignet sind und welche genau das Gegenteil erzeugen. Demnach ist der reine Egoismus, die höhere Bewertung der eigenen Bedürfnisse, Ziele, Vorstellung, als die anderer Menschen nicht das Problem, sondern schwierig sind die dafür vollzogenen Handlungen und die mangelnde Weitsicht, wie sich das nach und nach fortsetzt.

So wie ich das sehe, lebe ich in einem Teil der von mir sichtbaren Welt, die von Leistung, Haben, Konkurrenz, überzogenen bzw. illegitimen Ansprüchen, ständigen gegenseitigen Beweisen, Bewerten, Messen und kognitiver Dissonanz geprägt ist. Alles Aufgezählte mündet meiner Beobachtung nach in einem Zustand, der sich mit meinen egoistischen Ansprüchen ans Leben nicht verträgt. Nun vermag ich aber nicht andere zu ändern oder sie davon zu überzeugen, endlich von diesem Treiben abzulassen. Eine alte Weisheit besagt: “Du kannst immer nur genau einen Menschen verändern: Dich selbst!” Die einzige Option, die mir bleibt, ist ein Handeln, welches wenigstens geeignet ist, die von mir erwünschten Ziele zu erreichen und alles zu unterlassen, was eher das Gegenteil hervorrufen wird. Eine Handlung kann auch das Herausgehen sein. Im Konfliktmanagement lernte ich, dass dies sehr wirkungsvoll sein kann. Verlasse ich das Konfliktfeld, gibt es keinen mehr, weil ein Part fehlt. Der oder die andere kann gern weiter sein Ding machen, aber ohne mich. Manch einer mag dies Konfliktscheu nennen und anmerken, dass sich dann auch nichts ändern wird. Gut, da bin ich sehr egoistisch. Im Buddhismus gibt es die Aussage: Führe Dein Leben, wie ein vermögender Reisender. Vermeide schlechte Begleitung, die Dich möglicherweise in einen Hinterhalt locken will und gehe nicht auf dunklen, unübersichtlichen Wegen. Um mit dem einen oder anderen reden zu können, müsste ich diese Maxime über Bord werfen. Ich bin lange genug mit üblen Zeitgenossen auf äußerst schwierigen Wegen unterwegs gewesen. Henry Miller stellte in einem seiner Bücher fest, dass es sinnvoller wäre, wenn alle Menschen erst einmal versuchen würden, selbst glücklich werden. Zufriedene und glückliche Menschen haben auf andere einen besseren Einfluss, als mies gelaunte Unsympathen. Ich denke da ist genauso viel Wahres dran, wie die Taktik, seine Kräfte dafür zu nutzen, das Gute zu unterstützen, statt sie beim Kampf gegen das Schlechte zu vergeuden. In der Regel stärke ich damit das Schlechte.

Egoismus hat auch immer etwas damit zu tun, was ich denn eigentlich für mich selbst anstrebe. Oftmals ist es der Wunsch besser gestellt zu sein, Macht über andere zu erlangen, möglichst viel zusammenzuraffen, die notwendigen Mittel zu besitzen, um von anderer Seite geweckte Bedürfnisse zu befriedigen. Zeitgenossen mit diesen Bedürfnissen, wissen ziemlich genau, was sie dafür anstellen müssen. Den meisten damit beseelten unterläuft ein entscheidender Fehler. Sie gehen davon aus, dass dies alle anderen auch wollen, woraufhin sie von sich auf andere schließen. Bis zur Egozentrik ist es dann nicht mehr weit. Reden ist immer verräterisch und noch mehr gilt dies für Leute, die Macht innehaben. Sie versuchen damit allem einen Drive zu geben, der ihnen gefällt. Wenn in der aktuellen Bürgergeld-Debatte Konservative darüber sprechen, dass die Leute ohne den Anreiz des Geldes nichts für die Gemeinschaft leisten würden, ist dies ein Rückschluss aus dem eigenen Verhalten. Aus ihrer egozentrischen Betrachtung heraus, kommt ihnen gar nicht in den Sinn, dass andere eventuell völlig anders unterwegs sind. Ich selbst habe diesen Fehler eine lange Zeit mit meinen Töchtern gemacht. Ich unterstellte ihnen präventiv, dass sie mindestens die gleichen Aktionen bringen, wie ich sie einst unternahm. Dabei übersah ich ihre Individualität und die Option, dass sie vollkommen andere Ideen verfolgen.

Im Ergebnis ziehe ich den Schluss, dass es für die Befriedigung meines Egos und was ich will, notwendig ist, alles zu stärken, was ich befürworte. Den notwendigen Kraftaufwand für die Veränderung der mir schädlichen erscheinenden Lebenshaltungen anderer kann ich mir sparen. Um ermitteln zu können, welche meiner Verhaltensweisen förderlich sind, bedarf es einer Alterozentrierung. Will ich Frieden, sollte ich darauf achten, was im Gegenüber los ist und wenigstens versuchen, mich in die Lebensrealität des anderen zu versetzen. Treffe ich auf Menschen, die innerlich vergiftet sind, werde ich sie meiden. In der Regel setzen sie alles dran, ihre Mitmenschen von der Richtigkeit ihrer Weltsicht zu überzeugen, der nach alle mehr haben wollen, dabei in Konkurrenz zueinander stehen und ausschließlich darüber zu motivieren sind. Ich habe mir dabei ein naturwissenschaftliches Prinzip zu eigen gemacht. Lerne ich auch nur einen einzigen Menschen kennen, der anders ist, habe ich den Beweis, dass Menschen zu anderem fähig sind. Ich kenne nicht einen, sondern einige! Leute, mit denen ich nicht zwingend sprach, sondern es lebten. Wenn die dann auch noch auf die Idee kamen, mit mir zu sprechen, war ich ziemlich stolz.


Aus dieser Haltung heraus unterstütze ich zumindest hier und in Kommentaren die Klima-Aktivisten. Egal, ob sie sich auf die Straße, an Häuser oder Gemälde kleben. Aus meiner Sicht sind sie die Guten. Tragisch empfinde ich die mangelnde Unterstützung seitens der betroffenen Altersgenossen/innen. Es sollten Hunderte sein, die die Straßen blockieren. Jede/r unter Dreißig sollte verstehen, dass es da ums eigene zukünftige Schicksal geht. Zum künstlichen Aufschrei bezüglich der verstorbenen Radfahrerin schrieb ich bereits einen Beitrag. Im Nachhinein wurde ich bestätigt. Die eingesetzte Rettungsmedizinerin hatte sogar das Spezialfahrzeug ab alarmiert. Die Boulevardpresse roch in diesen Tagen wieder einmal nach Pechfackeln, säuerlichen Mob, Teer und Federn. Ein besorgniserregender Vorgang. Wie oft musste bereits jemand sein Leben lassen, weil BILD und Konsorten aufhetzten?
Es gibt tatsächlich Leute, die den Klima-Aktivisten/innen einen negativ konnotierten Egoismus vorwerfen. Egoismus lasse ich allerdings gelten. Sie wollen für sich ganz persönlich eine Zukunft. Dem steht der Egoismus derjenigen entgegen, die im Hier und Jetzt gut leben wollen.

Bezüglich der Aktionen im Zusammenhang mit den Kunstwerken überkommt einen ein spontaner Schmerz. Allein schon, weil wir bereits in der Kindheit lernten, alte Werke zu ehren oder zu bewundern. Aber was geht da im Kopf vor? Vor langer Zeit stellte ein/e Malerin, Bildhauer/in die Fähigkeit der menschlichen Kreativität unter Beweis. Oftmals im Auftrag reicher Kaufleute, Fürsten oder hoher Geistlicher. Später kam der Egoismus dazu. Viele Künstler sind davon getrieben, sich und ihr Inneres auszudrücken. Dabei entstanden bemerkenswerte Werke und gleichzeitig eine Menge Zeug, welches nur teuer gehandelt wird, weil ein angesagter Name darauf steht. Picasso heizte zusammen mit Freunden das Atelier mehrere Winter mit Gemälden. Lange Zeit wären die Menschen niemals auf die Idee gekommen, alten Kram, wenn er nicht der Wissensweitergabe an die nächste Generation diente, aufzuheben. Ziemlich oft wurden Gemälde seitens der Obrigkeit zerstört und gleich noch zusätzlich die Maler ins Gefängnis geworfen. Bei jemanden wie Picasso könnte ich mir gut vorstellen, dass ihm die Aktionen gefallen würden. Wenn ich es richtig verstehe, geht es bei den Aktionen um das Erzeugen von Empörung, die das Thema Klima und die andauernde Untätigkeit dauerhaft am Köcheln halten soll. Das funktioniert auf jeden Fall. Und was ist schon passiert? Die Bilder selbst wurden nicht in Mitleidenschaft gezogen. Nicht einmal die Rahmen sind wirklich zerstört worden. Am Ende geht es mal wieder um schnödes Geld. Sollen sie es sich von einem Hansel holen, der Millionen dafür ausgibt, damit er es sich in den Tresor legen kann. Da finde ich den Anspruch der “Kleber” schon hochwertiger. Und die sich empören, sind zumeist Leute, die niemals ein Museum von Innen sahen, sich mit der Historie des Bildes beschäftigten, oder ohne Hirn und Verstand davor stehen und “Ah” und “Oh” machen. Mal schauen, was die machen, wenn es richtig losgeht.


Den Egoismus als etwas Negatives darzustellen, ist mit Sicherheit auch dem Denken einiger Ideologen geschuldet, die auf Volksgemeinschaften, Nationen und geeinte Gesellschaften setzen. Was soll ich als Mächtiger mit Leuten anfangen, die ihre eigenen Belange, Lebenshaltung und Überzeugungen für wichtiger erachten, als meine Vorgaben? Man stelle sich Soldaten vor, denen das eigene Leben wichtiger ist, als das Schicksal einer Nation. Egoismus ist ein wirksamer Schutz vor Burnout. Erst wer begreift, dass die Aufgabe der eigenen Bedürfnisse in die Krankheit führt, wird gesund leben. Einigen Arbeitgebern missfällt dies. Lieber sind ihnen austauschbare Leute und hoch technisierte Arbeitsplätze, an denen jeder die gestellten Aufgaben bewältigen kann, die ebenso ein dressierter Bonobo hinbekommt. Für mich gehen Egoismus und Freiheit Hand in Hand. Beides kann nicht ohne Verantwortungsübernahme und die Akzeptanz der Grenzen eines anderen, inklusive aller anderen Spezies funktionieren.
Oftmals wird dem Egoismus der Altruismus gegenüber gestellt. Für mich existiert der schlicht nicht. Es gibt kein menschliches Handeln ohne ein Motiv. Helfe ich einem anderen Menschen, beruhige ich mein Gewissen oder will mich gut fühlen. Das ist purer Egoismus! Warum auch nicht? Das Motiv zu helfen und sich daraufhin gut zu fühlen, ist tief in uns verankert. Wer dies nicht verspürt, sollte sich therapeutische Hilfe suchen. Wer sich beispielsweise auf die Straße stellt und “Absaufen” skandiert, hat ernsthafte Probleme. Ebenso wie jemand, der seine Befriedigung über Quälen, Schlagen, erlangt. Wenn mit dem Ego etwas nicht in Ordnung ist, dann wird aufgrund dieser Prämisse, auch der Egoismus zu etwas problematischen. Im Übrigen gilt dies auch für Leute, die sich bei Klimaaktivisten in Gewaltfantasien ergehen oder gar vor Ort gewalttätig werden. Eine Verzögerung über die Unversehrtheit zu stellen, gibt viele Informationen über den geistigen Zustand. Aber es gibt Hoffnung, weil man dagegen etwas tun kann. Ich spreche da aus Erfahrung.

August 5 2018

Burnout Polizei Teil II

Lesedauer 9 Minuten

Wer sich beginnt mit der Thematik BURNOUT auseinanderzusetzen und sich dabei im Speziellen mit der Berufsgruppe Polizei auseinandersetzt, findet weder in der Literatur oder im Internet brauchbare Untersuchungen. Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben. Selbstverständlich ist das Thema weder auf diesen Beruf beschränkt, noch lässt sich die deutsche Polizei unmittelbar mit denen im Ausland vergleichen. Nicht einmal die Bedingungen in den unterschiedlichen Bundesländern sind gegenüber zu stellen. 

Ich betrachte das Thema als das Zentrum, um das sich diverse Satelliten bewegen. Seitens verschiedener Bundesländer und auch des Bundes wurden Untersuchungen in Auftrag gegeben. Alle Ergebnisse überschneiden sich in einer Aussage: “Ihr habt ein Problem!” Eine weitere besteht darin, dass der Untersuchungsgegenstand “Polizei” nicht funktioniert. Polizei ist ein Sammelbegriff, unter den sich mannigfaltige Berufsgruppen gliedern. Der im Führungsstab beschäftigte Beamte hat ein vollkommen anderes Berufsbild, wie ein Mitglied einer Dienstgruppe auf dem Abschnitt.

Deshalb zäume ich meine Betrachtungen aus einer anderen Richtung auf. Welche Bedingungen begünstigen ein BURNOUT bzw. welche Folgen können sich im Dienst ergeben.

Da wäre zunächst der Schichtdienst. Nahezu jeder Arbeitnehmer kritisiert Arbeitszeiten, die zur Unplanbarkeit des Lebens jenseits des Berufs führen. Umso unzureichender ein Personalansatz zur Bewältigung von Aufgaben ist, desto schwieriger wird die dienstliche Planung und damit auch die des Privatlebens. Die Folgen sind Konflikte in Beziehungen, reduzierter Kontakt zu Kindern und Abbruch von Freund- und Bekanntschaften. Meiner Beobachtung nach, entstehen daraus:

  • Entstehung eines isolierten Kontaktbereichs, in dem kein frischer Input vordringt. Negativspiralen entstehen und ziehen die Betroffenen herunter. Jeder mit Führungsaufgaben, der bei offenen Fenster die Gespräche der Raucher mithören kann, die sich vor der Eingangstür versammelt haben, kennt diese Spiralen. 
  • Die Einnahme einer Opferrolle. Subjektiv oder objektiv wird das eigene Leben für eine übergeordnete Sache geopfert. Bis zu einem gewissen Grad wird dies hingenommen, insbesondere wenn das Opfer einen persönlichen nachvollziehbaren Sinn ergibt. (Besondere Kriminalitätslagen, Ereignisse pp.) Handelt es sich um Standards, die mittels einer größeren Personalmenge kompensiert werden könnten, kommt Unmut auf. Schuldige werden gesucht. Die finden sich in der Behördenleitung, der Politik und der Behörde an sich. Selten erfolgt eine konkrete persönliche Zuweisung. Die Schuldigen sind abstrakte Wesen. Das liegt an der Ohnmacht. Denn es kann keine konkrete Person angesprochen werden.
  • Menschliche Probleme, auch die durch den ungeregelten Schichtdienst selbst entstandenen, werden ausschließlich untereinander besprochen, im Privatleben entwickelt sich Einsamkeit.
  • Eine andere Folge ist das Tunnel- oder Scheuklappendenken, welches auf Neudeutsch mit der Blase vergleichbar ist. Dies bezieht sich auch auf die Strategien des Problem- oder Aufgabenlösungsdenken. Innerhalb des Kollegenkreises bestehen akzeptierte Probleme, Emotionen, Schwierigkeiten und Lebensaufgaben. Im Gegenzuge existieren welche, deren öffentliche Preisgabe, sanktioniert wird. Gleichermaßen sieht es mit den Lösungsstrategien aus.

Hierzu ein Erlebnis aus meiner persönlichen Vergangenheit. Ein Kollege, der bereits mehrere gescheiterte Beziehungen hinter sich hatte, versuchte es nochmals. Er lernte eine Frau kennen, die bereits mehrere Kinder aus früheren Beziehungen hatte. Trotz dieser schwierigen Ausgangssituation und den Widrigkeiten des Dienstes, engagierte er sich. Er übernahm sogar die Rolle eines Elternvertreters. Die Frau kam mit seinem Dienst nicht klar und suchte sich für die Abwesenheitszeiten einen Ersatz.
Er bekam es heraus und brach zusammen. In einem Nachtdienst, traf er auf einen Kollegen, der ihn auf sein trauriges Gesicht ansprach. Der Angesprochene brach hieraufhin in Tränen aus und erzählte seine Geschichte. Der eben noch mitfühlende Kollege beschimpfte ihn danach. “Ich dachte Dir ist etwas Schlimmes passiert. Dabei geht es nur um eine Frau! Geh mal ordentlich einen Trinken und dann ist gut.

Was ist da passiert? Traumata führen zur Abspaltung von Emotionen. Außerdem werden die Grenzen verschoben. Das persönliche Feld um einen herum zieht sich immer enger. Es werden nur noch Ereignisse akzeptiert, die unmittelbar den Kern der Persönlichkeit bishin des nackten Lebens betreffen. Wer ständig vom Elend der Gesellschaft umgeben ist, unzählige Schicksale anderer verfolgt hat, betrachtet die eigenen Belange als niederrangig. “Du hast nicht wirklich Probleme! Ich habe das Sachen gesehen …” Forciert wird dieses von eigenen Erlebnissen, in denen das eigene physikalische Leben konkret bedroht wurde. Was ist da noch eine gescheiterte Beziehung? Oder ein böser Brief von der Bank?

Verdrängen, Alkoholmissbrauch, Flucht in sportliche Aktivitäten, Extremsport, körperliche Modifikationen durch Bodybuilding pp. sind akzeptierte Bewältigungsstrategien. Unter Umständen aber auch der direkte Weg ins BURNOUT. Alle genannten Strategien haben nämlich ihre Grenzen, bzw. können bedingt durch Verletzungen oder Überlastungen unmöglich werden.

Hinter den kalten Zahlen, die fortwährend bezüglich der Defizite im Personal der Berliner Polizei veröffentlicht werden, stehen menschliche Schicksale und weitreichende Auswirkungen, die nicht erörtert werden. Der Bürger trifft unter Umständen auf einen Polizisten, der ein hohes inneres Frustration- und Aggressionslevel besitzt. Dies kann zu nicht vertretbaren Reaktionen führen. Ich will es ganz deutlich ausdrücken. Unter Umständen rennt da draußen einer oder eine mit 16 Schuss Munition in Waffe und Magazin in der Gegend herum, der bis oben hin mit Frust, Wut und Zorn angefüllt ist. Ich bin in diesem BLOG stehts ehrlich. Mir erging es so und ich zog meine Konsequenzen daraus. Meine Zündschnur war extrem kurz geworden. Ich konnte für mich und mein Handeln in Konfrontationen keinerlei Garantie mehr übernehmen.

In  Berlin – Neukölln wurde eine uniformierte Streife von Clanmitgliedern bedroht, weil sie es gewagt hatten, zu langsam vor ihnen zu fahren. Es kam zu erheblichen Widerstandshandlungen. Ich fragte mich, wie meine Reaktion ausgesehen hätte. Damals wäre ich ausgestiegen und hätte meine Waffe dem Angreifer an Kopf gehalten, außerdem wäre ich Bereit gewesen abzudrücken. Ich weiß, dass diverse Kandidaten diese Reaktion legitim betrachten. Das ist deren Problem, aber meinem grundsätzlichen Naturell entspricht dieses Verhalten nicht. 

Ich gebe zu, dass sich meine Haltung teilweise nicht geändert hat. Im Prinzip bin ich im Verlauf der Jahre zu einer entsicherten Waffe geworden. Doch im Gegensatz zu einigen anderen vertrete ich die Auffassung, dass ich dieses zu meinem persönlichen Way of Live machen kann, im Staatsdienst damit aber keinen Platz mehr habe. Meiner Meinung nach befinden sich viele Polizisten in einem individuellen Kriegszustand. In einem echten Krieg kann sich der Angegriffene in geeigneter Art und Weise verteidigen. Werde ich beschossen, ist es legitim den Gegner final zu bekämpfen. Diesbezüglich erscheint mir auch der Einsatz im Zuge von Interventionen der Bundeswehr oder der Blauhelme skurril. Mir persönlich leuchtet es nicht ein, warum z.B. angreifende Taliban mittels ungezielten Sperrfeuer abgewehrt werden sollen, anstatt gezielt zu schießen.In gesellschaftlich höher angesehenen Berufsgruppen, die mit menschlichen Schicksalen zu tun haben, besteht häufig die Möglichkeit einer Supervision. 

Der Polizist bekommt erst Hilfe, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Zum einen ist er nicht mehr in der Lage, das “normale” menschliche Abwehrverhalten zu Gunsten eines professionellen Handelns zu unterdrücken, zum anderen kommt es zu Folgen des dauerhaften Lebens entgegen der menschlichen Natur in Form von seelischen und psychosomatischen Erkrankungen. Begleitet werden sie oftmals von Drogenmissbrauch und desaströsen Lebenswandel.

Eine ähnliche Kausalität zeigt sich bei den belastenden Ereignissen, die nichts mit Angriffen sondern menschlichen Schicksalen zu tun haben. Trotz aller Erkenntnisse der Psychologie werden Berufsanfänger darauf nicht vorbereitet. Unterschiede zwischen Anteilnahme, Mitfühlen, Nachempfinden und professionellen Abstand in Verbindung mit Empathie werden nicht vermittelt. Die durchgehende Strategie lautet: “Pack es weg!” Noch heute raten manche Vorgesetzte nach den ersten Leichen zum “Bewältigungsschnaps”. Eine ernsthafte Auseinandersetzung wird nicht vermittelt.

Das kann in nahezu jeder Form schief gehen. Die Betonung liegt auf dem Konjunktiv. Ich habe in den zurückliegenden Jahren unterschiedlichste Entwicklungen verfolgen können. Vom Suizid bis zu brutalen Schlägereien, in denen ich den ehemals besonnenen Kollegen nicht wieder erkannte. Ich habe diese Verhalten niemals in Frage gestellt, geschweige denn auf Prozesse zurückgeführt, die mich selbst betrafen.

Warum sehe ich es heute anders?

Trotz der zehnjährigen Mitgliedschaft in der Konfliktkommission beim Polizeipräsidenten in Berlin, waren meiner Kenntnisse über die Vielfältigen Erscheinungsformen von Traumatisierungen “böhmische Dörfer”. Auch über Depressionen wusste ich für jemanden der Betroffenen helfen sollte, erschreckend wenig. Als ich beispielsweise etwas darüber las, dass man hellhörig werden sollte, wenn jemand teilnahmslos oder überzogen humoristisch über Lebensereignisse berichtet, die unbedarften Zuhörern einen Schauer über den Rücken jagen, fühlte ich mich, wie vom Blitz getroffen. Im Dienst hieß es dazu immer: “Das darfst Du denen da draußen alles gar nicht erzählen.” Tat man es doch, wurde man auf Partys schnell zum unterhaltsamen Sonderling. Meine Freundin bedankt sich heute noch für das Bild, welches ich in ihrem Kopf erzeugte, als ich von einem Kind erzählte, welches von seiner Mutter auf eine heiße Herdplatte gesetzt wurde. Sie haben es jetzt auch im Kopf. Vielleicht sollten sie an dieser Stelle über ein Weiterlesen in diesem BLOG verzichten.

Bei der Konfliktkommission traf ich auf mehrere Menschen, die seitenweise über ihre Rechnungen schrieben, die sie noch mit der “Behörde” und diversen Vorgesetzten offen hatten. In Ihrem Kopf drehte sich unentwegt ein Kreisel. Das sind Hilferufe! Ihrer Auffassung ist etwas mit ihnen geschehen. Sie sind auf der Suche nach einem Verantwortlichen, der gefälligst Farbe bekennen soll und einer Bestrafung zugeführt gehört. Sie haben sich in die Passivität zurückgezogen und betrachten ihr Leben als ferngesteuert. Die eigenen Anteile, die dazu führten, dass sie diese Fernbedienung in fremde Hände gaben, sind vollkommen aus dem Blickfeld geraten. (Motto des BLOG’s: Ehrlichkeit! Ich habe früher davon auch einige Seiten geschrieben.)

Unwissenheit über die Folgen von Traumatisierungen, die gegenseitige Befeuerung von multipel Traumatisierten, die damit einhergehende subjektive Empfindung der Normalität (Alle anderen sind genauso unterwegs, wie ich!), die mangelnde Intervention bei der Frustration, dass Gefühl der Isolierung, die ständigen nicht ausbleibenden externen Anfeindungen münden in spezielle Voraussetzungen beim Ausbrennen von Polizisten. Letztere sind als Faktor nicht verachten. Zum Beispiel ist die ebenfalls extrem belastete Feuerwehr mit einem weitgehend positiv belegten Image ausgestattet. Welches allerdings einem Ausbrennen nicht im Wege steht. Seit die Jungs angegriffen werden, verändert sich dort die Tonlage massiv. 

Was kann man tun?

Zunächst einmal sich an die alten taktischen Grundsätze halten. Reserven bilden und Halten – steht in der Taktischen Fibel der Polizei. Warum nicht auch im eigenen Leben? Prävention, Lagebeurteilung und Erforschen des Umfelds sind ebenfalls gute Ideen. Wenn Freunde oder Lebenspartner feststellen, dass sie sich mit einem nicht mehr unterhalten können, sollte dies ein alarmierendes Zeichen sein. Vor allem, wenn die eigene Antwort lautet: “Du kannst mich nicht verstehen, denn ich lebe in einem vollkommen anderen Umfeld.”

Warum nicht mit einem Spezialisten die liebgewonnenen Verhaltensmuster auf den Prüfstein legen? Was kann schon passieren, wenn man sich mal ungewohnten Gedankengängen hingibt?

Ich wurde kürzlich von einem Vorgesetzten mit Worten aus dem Polizeidienst verabschiedet, die mich nachträglich nochmals beschäftigten. “Ich habe Dich in den Jahren als einen Menschen kennengelernt, der stets quer dachte, was nicht immer ohne Folgen blieb und sich für die Belange des kleinen Beamten einsetzte.” Kleiner Beamter? Ich glaube, er wollte mein soziales Engagement würdigen, gab dabei aber etwas von sich selbst preis. Wie kann es in der Polizei einen kleinen Beamten geben? In der Regel durchlaufen alle eine standardisierte Laufbahn. Der große Unterschied besteht in die Unterteilung mit oder ohne Personalverantwortung. Demnach habe ich mich stets auf die Seite der “Geführten” geschlagen. 

In meinem persönlichen Werdegang habe ich nie diesen vermeintlichen Klassenunterschied akzeptiert. Vorgesetzte bei der Polizei habe ich stets als “Steuerungsinstanzen” für die vorhandenen individuellen Kompetenzen der Mitarbeiter angesehen. Die besonderen Eigenschaften eines Vorgesetzten sollten in seiner psychischen Stabilität und der Fähigkeit die eigenen Belange in den Hintergrund zu stellen, um die zugeteilten Mitarbeiter untereinander zu koordinieren und Fehlentwicklungen erkennen zu können. Hierzu gehört auch die Fähigkeit das Ausbrennen eines Mitarbeiters bzw. seine Disposition hierfür zu erkennen. Das dürfte aber nur möglich sein, wenn er selbst frei davon ist oder wenigstens um die eigenen Merkmale weiß. 

Ich habe in meinem BLOG mehrfach Rupert Lay erwähnt. In einem seiner Bücher schildert er eine ungünstige Konstellation zwischen einem Mitarbeiter und einem Vorgesetzten. In dieser trifft ein Narzisst auf einen Mitarbeiter mit einer Anerkennungsstörung. Der Narzisst benutzt den Mitarbeiter als Werkzeug. Jener wiederum versuchte mit dauerhafter Mehrleistung, die weit seine Kapazitäten überschritten, niemals stillbares Verlangen nach Anerkennung zu befriedigen. Dies ist lediglich eine vorstellbare Kombination, wenn falsche Kriterien an Führungspersonen angelegt werden.

Die geschlossenen Einheiten der Polizei werden in regelmäßigen Abständen von Politikern missbraucht. Wenn diese Einsätze nicht offen und ehrlich ausgewertet werden, entstehen Frust und Aggressionen. Von Gorleben bis zum G20 ist die Geschichte dieser Einsätze lang. Bei der Kriminalpolizei sind es die Ermittlungen, die an den Belangen der der oberen 10 % im Staate kratzen. In Berlin verweise ich exemplarisch auf die Vorgänge im Zusammenhang mit dem Berliner Sumpf, den Ermittlungen bezüglich der Vereinigungskriminalität und dem Vorgehen gegen korrupte Verantwortliche im Bauwesen. 
Solange dies alles in Zukunft weiterhin unter den Teppich gekehrt wird bzw. sich die Einstellung zur Polizei in der politischen Führung nicht ändert, werden sich weiter tiefe Furchen eingraben.

Ideen

In einigen europäischen Ländern ist der Polizeidienst in Anerkennung der besonderen Belastungen auf 30 Dienstjahre begrenzt. Dort ist man zur Auffassung gekommen, dass die Psyche und Physis des Beamten im Außendienst am Ende ist. Ich finde dies bedenkenswert. Meine Meinung nach, müssen die unterschiedlichen Belastungen im Innen- und Außendienst konsequent voneinander unterschieden werden.

In der Ausbildung und auch später sollten Prävention und psychologische Supervision Selbstverständlichkeiten sein. Dies bezieht sich auch auf eine Sensibilisierung in ethischen Fragen. Die Thematik Traumatisierung sollte intensiv betrachtet werden und bei Führungskräften stets präsent sein. Gerade die Belastungen in den geschlossenen Einheiten sind immens.
Vor Urzeiten stand beim Einsatz “Mainzer Straße” ein ehemaliger Bundeswehroffizier neben mir und sagte: “Was hier passiert kenne ich. Wir nannten es Häuserkampf und verschossen dabei deutlich mehr Munition.” Es wäre vielleicht ein Ansatz, diese Einsätze analog zu einem Kampfeinsatz zu betrachten und auf die Erfahrungen der Bundeswehr zurückzugreifen.