Mai 24 2022

Die Logik des Habens

Lesedauer 8 Minuten

„Wir werden die Welt schon in Ordnung bringen! Wir sind ja schließlich keine Menschen!“

Oscar, Elefant

Die Konferenz der Tiere, Erich Kästner

Es gibt diese Sprüche, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Einer lautet: “Schließ mal Deine Augen, dann weißt Du, was hier alles Deins ist!” Zumeist ist es die Antwort für einen aufmüpfigen Teenager, der mit einer alterstypischen Anspruchshaltung auftrumpfen will. Aber ich finde, da steckt noch mehr drin.

Nichts zu haben, ist unserer Gesellschaft undenkbar. Wer nichts hat, ist auch nichts! Eben dies ist auch eine Botschaft an den pubertierenden Teenager. Gleich gefolgt vom Ausspruch: “Solange Du Deine Beine unter meinen Tisch stellst, wird hier gemacht, was ich sage.” Die Jungen sollen erst einmal arbeiten und sich damit etwas erschaffen. Ist ihnen dies erfolgreich gelungen, dürfen sie auch mitreden. In jene Richtung gehen auch all die Kommentare, welche zu den jungen Aktivisten abgelassen werden, die sich aus Protest gegen die zögerlichen bis hin ausbleibenden Maßnahmen zur Abwendung der bereits stattfindenden ökologischen Katastrophe. Neu sind solche Aussprüche nicht. Bereits in der Zeit der legendären 68er hieß es: “Sollen diese langhaarigen Gammler doch erst einmal arbeiten.”
Das Prinzip “Haben” infrage zu stellen, bringt einem schnell den Ruf eines gefährlichen Spinners ein. Selbst ganz große Künstler sind davor nicht gefeit.

Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man
Imagine all the people
Sharing all the world… You…

John Lennon, Imagin

Andererseits steht nirgendwo geschrieben, dass sich in unserer Demokratie Leute erst äußern dürfen, wenn sie etwas haben oder einer Arbeit im bürgerlichen Verständnis nachgehen. In den USA sieht es ein wenig anders aus. Ich bin immer wieder schockiert, wer dort alles nicht wahlberechtigt ist. Allerdings ist es historisch nachvollziehbar. Von Anfang an war die Verfassung darauf ausgelegt, dass nur Habende zu bestimmen haben. Die Gründer, vornehmlich vermögende Männer, hielten Habenichtse zum einen für unfähig und zum anderen für das eigene Vermögen gefährlich. Folgerichtig unterteilt beispielsweise Saul D. Alinsky die Einwohner der USA in Have und Not-Have. Immerhin ist es bei uns wenigstens gesetzlich festgelegt, dass mittellose Deutsche auf der gleichen rechtlichen Stufe stehen, wie alle anderen. Ob es tatsächlich der Fall ist, dürfte mehr als fraglich sein. Tatsächlich beginnt es bereits beim Rechtsbeistand. Objektiv betrachtet, sind die Chancen vor Gericht für Leute, die sich teure Honorare leisten können, deutlich besser. Nicht anders sieht es mit der Würde des Menschen aus. Wer wegen Krankheit oder Alter nicht mehr produktiv ist, verliert sie schnell in einem auf Profit ausgerichteten Krankenhaus oder Heim. An all die Mitmenschen, die keine Bleibe haben, über kein Konto verfügen oder sich illegal in Deutschland aufhalten, möchte ich beinahe nicht denken, doch so sieht nun einmal die Realität aus.

Schaue ich über die Grenzen hinaus, besserte sich in den letzten Jahrzehnten die allgemeine Situation für die Einwohner in den Industrieländern, während gleichzeitig der Abstand zu allen anderen Ländern größer geworden ist. Global gesehen, sind sie die “Not-Have”, womit sie auch wenig mitzureden haben. Gut zu beobachten ist das bei all den Klimakonferenzen und dem Tross der Konzernvertreter, die sich in den Windschatten ihrer Marionetten hängen. Die pure Existenz erzeugt keine Ansprüche, sondern es müssen Geld und Eigentum dazu kommen. Als Nebeneffekt sind Tiere und alle anderen Lebensformen aus Sicht des Menschen de facto ohne Rechte, denn sie besitzen nichts, sondern werden als Eigentum oder Besitz betrachtet. Wenn ich einem Bauern eine Kuh wegnehme, ist es ein Diebstahl und keine Entführung, bei der ich in ihre Rechte eingreife. Im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch steht dazu im § 90 geschrieben:

Tiere sind keine Sachen. Sie werden durch besondere Gesetze geschützt. Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden, soweit nicht etwas anderes bestimmt ist.

§ 90, BGB

Was sich in niemanden Eigentum oder Besitz befindet, ist quasi wertlos. Ein Vertreter eines Konzerns hat diesbezüglich zum Thema Wasser einmal gesagt: “Sauberes Trinkwasser ist ein Gut. Und wenn daran keiner Eigentum anmelden kann, wird es auch nicht geschätzt.” Gut, gleiches könnte auch von der Luft behauptet werden und da die Sache mit dem Wasser immer mal wieder zur Diskussion steht bzw. im gewissen Sinne in mehreren Regionen Konzerne das Wasser als Eigentum betrachten, halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass das bezüglich der Luft, konkret dem Sauerstoff passieren wird. Erst der Grund und Boden, dann das Wasser und zum Schluss die Atemluft.

Es gibt auch im Gegensatz zu früheren Zeiten keine ethischen Richtlinien bezüglich des Habens und dem Erwerb. Was nicht explizit von Menschen mittels eines Gesetzes untersagt wurde, ist erlaubt und darf praktiziert werden. Wie und unter welchen Umständen etwas hergestellt wurde, welche Folgen aus der Produktion resultieren, wer damit was anstellt, ist (l)egal. Seien es Waffen, ihre Einzelteile, die erst zusammengesetzt werden müssen, billige Textilien, elektronische Geräte, produzierte Energie, Speichermedien, geförderte fossile Brennstoffe, Nahrungsmittel, die die Zerstörung kompletter Ökosysteme bedingen oder die Misshandlung anderer Lebewesen, wenn es nicht in einem Gesetz geregelt ist, ist alles erlaubt. Und zwar dem Lebewesen, welches Erfinder des Habens ist. Das Lebewesen, welches sich selbst über alle anderen Lebewesen stellte.

In unseren Gefilden ist das Haben allgegenwärtig. Die Auswirkungen zeigen sich nicht ausschließlich beim eigentlichen Haben, sondern auch darin, wie die Mitmenschen mit allem umgehen, was ihnen nicht selbst oder offensichtlich jemanden gehört. Die Stadt Berlin ist vermüllt, wo das Auge hinschaut. Nur wenige kämen auf die Idee, ihre eigene Wohnung, Garten oder Haus als Mülldeponie zu benutzen. Wer schmeißt schon seine Zigarettenkippen oder Kaugummis auf den Boden des Wohnzimmers? Oder ich würde ungern die Reaktion meines Nachbarn erleben, wenn ich meinen Sperrmüll auf sein Grundstück ablege. Im Park, im Wald, bei schwer einsehbaren Ecken, ist das etwas anderes. Bei der Überlegung, dass auch das allgemeine Stadtgebiet jemanden gehört, nämlich der Allgemeinheit, somit auch u.U. dem Müllentsorger, steigen die meisten aus. Gleichermaßen sieht es mit dem Wasser und der Luft aus.

Wie auch immer es gedreht und gewendet wird, das Prinzip “Haben” hat uns nichts Gutes eingebracht. Es hat sich ergeben und wir haben uns dem hingegeben, aber das ist keine solide Argumentation dafür. Wenn Leute zum Beispiel behaupten, dass niemand ein Interesse an Forschung, Innovation u.ä. entwickelt, wenn es den Anreiz des Verdienstes und dem damit verbundenen Haben nicht gäbe, ist dies eine Bankrotterklärung bezüglich menschlicher Daseinsqualität der Bewohner von Industriestaaten. Empathie, Solidarität, Tatendrang, Verwirklichung wären damit ausgeschlossen. Was war zuerst da? Der Mensch, welcher sich nur aufrafft, wenn es etwas zu verdienen gibt oder der, welcher den Antrieb der Verwirklichung innehat? Ist nicht die zuerst genannte Version ein vom System dazu erzogener Typ?
In der Gesellschaft wird nicht die Lebensleistung honoriert, schon gar nicht, wenn sie keine monetär sichtbaren Folgen nach sich zieht, sondern eben was am Ende an Haben hinten bei herauskommt. Wie will ich die Pflegeleistung aus der Sicht eines oder einer Gepflegten mit Geld bewerten? Die Freundlichkeit, den gezeigten Respekt, den Erhalt der Würde, ein wenig Glück trotz Schmerzen? Sind Zufriedenheit, das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, als Individuum erkannt und wahrgenommen zu werden für eine Transformation in Güter geeignet?

Ich schaue auf die sogenannte deutsche Nachkriegsgeneration. Teile von ihnen haben das nationalsozialistische Denken überwunden. Sie lernten, mit anderen Nationen in Frieden zu leben, alte Vorurteile abzubauen. Dank ihnen sind Deutsche nicht mehr die Barbaren, die weltweit gehasst werden. Es galt die Trauma ihrer Eltern zu überwinden. Während in den Zeiten davor alles Intellektuelle und Kulturelle, was nicht unmittelbar den Zielen der Nazis und davor dem Kaiser diente, unterdrückt wurde, setzten sich damit auseinander. Doch was bleibt im Sprachgebrauch? Wirtschaftswunder, die Trümmer beseitigt und alles wieder aufgebaut, ein eigenes Haus gebaut, Kredite abgezahlt. Das ist traurig und wird der eigentlichen Lebensleistung nicht im Ansatz gerecht. Nach und nach treten sie aus diesem Leben ab. Es gibt nichts mehr aufzubauen. Alles steht wieder! Doch damit es nicht langweilig wird, haben wir ja immer noch den Wachstumsgedanken. Panik bricht aus, wenn die Wachstumsraten stagnieren. Erste Wirtschaftswissenschaftler/innen warnen vor den sozialen Folgen. Erneut läuft es auf ein Armutszeugnis hinaus. Wahrscheinlich nicht einmal unberechtigt. Wenn ich Drogenabhängigen ihren Stoff wegnehme, werden sie aggressiv und wenden sich denen zu, die ihnen einen nicht enden wollenden Zustrom neuer Konsummöglichkeiten versprechen. An irgendeiner Stelle hätten kluge Menschen die Notwendigkeit einer Änderung im Denken erkennen müssen. OK, einige taten es, aber sie scheiterten an der Rhetorik der Dealer.

Im Buch “Haben oder Sein” beschreibt Erich Fromm ziemlich plastisch drei unterschiedliche Herangehensweisen. Er nennt einen Dichter, der über die Schönheit einer Rose schreibt, sie pflückt und sich erhofft, mittels Betrachtung und Untersuchung Erkenntnisse über das Leben, das Göttliche und die Zusammenhänge des Lebens zu gewinnen. Aber unter dem Strich tötet er sie. Ein andere nimmt eine unscheinbare Blume am Wegesrand wahr und beobachtet sie beim Wachsen, wie sie blüht, die Blüte vergeht und sie danach wieder von vorn beginnt. Als Letztes benennt Fromm Goethe, der die Blume ausgräbt, ihr einen idealen Standort spendiert und sich dort an ihr erfreut. Der erste Dichter verkörpert das Haben, die beiden anderen verfolgen Alternativen.
Die drei Beispiele verdeutlichen auch unser Verhältnis zur Welt. Wir wollen in Besitz nehmen, was nicht funktioniert, jedenfalls nicht ohne Zerstörung. Sprachlich wird von der Natur gesprochen, als wenn sie etwas von uns separat existierendes wäre. Doch wir sind ein Teil, insofern ist der Besitz in unserem Verständnis unlogisch. Genauso unlogisch wie Formulierungen, die lauten: “Mit der Natur leben!” oder “Die Umwelt schützen”. Sie sind Ausdruck einer Hybris. Es gibt keine Welt um den Menschen herum. Faktisch gibt es eine Welt, in der wir alle leben und von der sich jeder ein anderes Abbild, jeweils einen Teilausschnitt, ins Innere projiziert. Ebenso bin ich, jeder, ein verschwindend kleines, aber deshalb nicht unbedeutendes Teilchen, der Natur. Allein der Umstand, wie wenig politische Anführer/innen, selbst wenn sie eine philosophische Ausbildung genossen, darauf achten, lässt mich nicht mit der Überzeugung leben, dass sich etwas ändern wird. Erst recht nicht, wenn ich diese weltweite Ansammlung von Despoten, Ich -Darstellern, Neurotikern sehe. Ob einer/r von denen jemals schlafen geht und sich vor Augen hält, was sie, jenseits von Menschenleben, noch alles zerstört haben? Es ist Teil des Denkens von Menschen aus Industriestaaten, an die Zahl menschlicher Opfer zu denken. Indigene sind da anders unterwegs. Ich las von der Geschichte, in der ein Elefantenbulle zwei Stammesmitglieder töteten und NGO’s anboten, das Tier töten zu lassen. Der Stamm wollte das nicht. Sie wiesen darauf hin, dass Wilderer bei Rodungsarbeiten einen seiner Gefährten getötet hatten und er nun nachvollziehbar gereizt war.

Irgendwo war letztens ein Artikel, in dem ein Soziologe zur Überraschung der Verfasserin des Artikel meinte, dass der Mensch an sich ein gutes Wesen wäre. Ich las lediglich den Aufmacher, weil ich mir dachte: “Was denn sonst?” Gut und Böse sind ohnehin Produkte des Großhirns. Böse ist im Allgemeinen alles Schädliche. Wäre der Homo sapiens, der spärlich behaarte Affe mit trockener Nase von Anfang an schädlich gewesen, gäbe es uns schon lange nicht mehr. Indigene leben als Teil der Natur und betrachten die Erde als etwas, was ihnen zusammen mit anderen Lebewesen zur Verfügung steht. Sie reden dabei nicht von Eigentum! In ihrem Sinne hat der Homo sapiens eine ebenso wichtige Funktion, wie alle anderen Wesen. Wir, die Bewohner der Industriestaaten sind vorsätzlich, wissentlich, egoistisch, schädlich unterwegs. Wenn dies böse ist, soll es wegen meiner so sein. Zumindest fallen mir keine Rechtfertigungen oder Entschuldigungen ein.

In meiner Schulzeit gehörte das Buch von Erich Kästner, “Die Konferenz der Tiere” noch zum Standardrepertoire des Deutschunterrichts. Darin geht es um nichts anderes. Die politischen Anführer der industriellen Staaten werden quasi vor ein Tribunal gestellt. Bezeichnend ist dabei, dass Kästner die Tiere, Kinder als Druckmittel, verwenden lässt. Heute stehen die “Alten” vor ihren Kindern und werfen ihnen vor, dass sie als Jugendliche mit Smartphones, Markenklamotten zur Demo gehen und auch ansonsten recht kapitalistisch unterwegs sind. Eine Frage! Wer hat es ihnen vorgelebt, sie dazu geformt und zugelassen, wie ein System des Habens sie nach dem dem ersten Schrei eingliederte? Wie sagte mein Vater immer zu mir? “Scheiße bauen kann passieren, aber man muss dazu stehen!”
Der vermeintliche “Terror”, der angeblich von all den Aktivsten/innen, FFF, Extinction Rebels, Letzte Generation, ausgeht, ist nichts anderes als, mit dem berühmten Finger in der Wunde zu bohren und das Geschrei des Bürgertums, das laute Leugnen eines erwischten Kindes. Letztens fragte mich ein aktiver Polizist, wie viel ich denen durchgehen lassen würde. Ich lernte bei der Polizei etwas ziemlich Überzeugendes. Prüfe zuerst die sachliche und örtliche Zuständigkeit. Beides ist nicht gegeben. Doch ich kann für mich eine Prognose erstellen. Wenn es weltweit bei dem Kinderkram bleibt, werden sie nichts verändern. Und mich vor dem Hintergrund des Geschehens auf der Erde über eine blockierte Straße aufzuregen, wäre mir echt zu peinlich. Wenn schon, empöre ich mich darüber, dass sich die Alten nicht mit ihnen solidarisieren. Richtig dumm sind jene, welche kritisieren, dass die auf diese Art nicht ihre Ziele erreichen werden. Verstehe ich es korrekt? Die Verzögerung und Abmilderung der jetzt stattfindenden Katastrophe, bis wir eventuell doch noch die Reife erlangen, anders zu leben, ist deren alleiniges Interesse? Ah! Ich vergaß die Logik des Habens. Sie -haben- Interessen und müssen deshalb entsprechend agieren. Und die anderen -haben- andere Interessen. Verstanden! Äh, bedingt …

April 3 2022

“Wofür lebst Du?”

Lesedauer 3 Minuten

Bukowski, ich möchte, dass Du mir einen Anti-Hippie-Artikel schreibst.”

“Na, ich weiss nicht.”

“Ich meine, diese Kids übernehmen doch keinerlei Verantwortung, sie pfeifen darauf, sie tun nichts, sie wollen nichts tun-sie stützen die Gesellschaft nicht!”

Der große Herausgeber Webb hörte sich an, wie mein zu Grabe getragener Vater. Hallo? In unserer Welt lernten die Kids als Erstes, dass etliche Länder genug Wasserstoffbomben auf Lager haben, um uns alle dreißigmal ins Jenseits zu befördern – mit Ausnahme der Reichen in ihren Bunkern und der Jungs, die ihre Raumschiffe klar machen, die neuen Archen Noahs. …

Nur ein einziger Mensch ist jeweils für die Vernichtungsknöpfe zuständig. Und käme nach Adam Riese nicht irgendwann bestimmt so ein Idiot daher und haute drauf – vielleicht schon morgen?

Charles Bukowsky, Bekenntnis eines Dirty Old Man

Wenn dieser Textausschnitt mal nicht Eins zu Eins auf die aktuelle Zeit passt. Gut, Fridays for Future oder Extinction Rebels sind jetzt nicht wirklich Hippies im alten Sinne, aber es geht in die Richtung. Wer halbwegs Realist ist und sich nicht in Wunschvorstellungen ergeht oder in Phrasen wie “Es ging schon immer irgendwie weiter!” flüchtet, gerät als Boomer in Erklärungsnot. Es ist die alte Story vom abstürzenden Fensterputzer, der auf Höhe jeder Etage sagt: “Bis hierhin ging es gut!”

“Es ist fünf Minuten vor Zwölf!” Eine Phrase! Ein Textbaustein in jeder politischen Rede. Leeres Gewäsch! Oder wie ein einstudierter Satz eines Onkologen: “Das wird schon wieder!” Das geht seit Jahrzehnten so. Man mag meinen, dass es an der Zeit ist auf die Uhr zu klopfen. Vielleicht zeigt sie gar nicht die richtige Zeit an? Unter Umständen ist es längst zehn Minuten später?

Angeblich besteht noch die Möglichkeit allem eine gute Wendung zu geben. Nur wohin? Weitere hundert Jahre Homo sapiens, der sich als das aufspielt, was das Großhirn als Gott definiert hat? Ein technisch gestütztes Leben auf einem Wüstenplaneten? Oder Kumpels und Konkubinen von lebenden oder kommenden Mega-Reichen, in Biosphären? So oder so erscheint es wahrscheinlich, dass das aus den letzten tausenden Jahren bekannte Leben endet. Es gibt nicht einmal im Ansatz minimalste Anzeichen für einen Lernprozess.

Überall werden neue Kriege geführt, die nicht nur den spärlich behaarten Affen betreffen. Flora, Fauna, grundlegende Lebensaspekte, radioaktive Strahlung, verseuchter Boden, verpestete Luft und Wasser, alles wird gnadenlos mitgerissen. Im Schatten der Kriege wird mit Fracking das Wasser, neben der Atemluft, die unabdingbare Notwendigkeit für Leben, vergiftet. Die Lungen des Planeten werden jeden Tag Hektar für Hektar abgeholzt.

Und wir wollen jungen Leuten etwas von Verantwortung, Gesellschaft, Demokratie, Leistung, erzählen? Was für ein armseliges Unterfangen. Machen wir es nicht so global. Ich bleib in Deutschland. Marianne Faithfoul besingt im Lied “Broken English” die Begegnung einer Journalistin mit Ulrike Meinhof. “Wofür kämpfst Du? Wofür stirbst Du? Es ist nicht meine Realität!”

Mit der Besetzung eines Baums rettet man nicht die Welt und gewinnt auch keinen Blumentopf gegen einen übermächtigen Konzern oder gegen Politiker im Anzug und Prostataproblemen. Aber man setzt ein Zeichen und kann morgens in den Spiegel sehen. Irgendwann erscheint die Staatsgewalt. Die ist nicht etwas Abstraktes, sondern trägt einen schwarzen Overall, hat nach der Schule bei der Polizei angefangen, hart den Körper trainiert, ein brutales Belastungsjahr überstanden und hat ein Ego, mit dem eine Sporthalle gefüllt werden kann.

Im Wipfel des Baums treffen nicht Alt und Jung aufeinander, sondern Vertreter einer Generation. “Wofür lebst Du?” Im Grunde sind beide nicht so unterschiedlich, wie es scheint. Sie brennen für etwas. Ohne dem geht niemand zum SEK und besetzt auch nicht bei Wind und Wetter einen Baum. Sie sind keine Anzugträger, Karrieretypen in einer Gewerkschaft, satte Bürger auf der Couch. Und weil sie beide brennen, geht’s hart zur Sache.

Es endet vor Gericht. Eine Frau oder Mann mit Robe beurteilt alles ganz im Sinne der satten Wohlstandsgesellschaft, die sich an den leeren Phrasen entlang hangeln. “Es ist erst fünf Minuten vor Zwölf!” “Schreib mir was gegen die Hippies!” Strafe muss sein. Andere sollen davon abgeschreckt werden derart rüde die Richtigkeit des Geschwätzes anzuzweifeln und die Bürger haben Anspruch auf Sühne der verwerflichen Tat. “Sie müssen lernen, ihren Politikern zu vertrauen oder wenigstens dem Wähler!”

Ein “alter” Mann, der die Zeit nach Zwölf, so wie ich, nicht mehr erleben wird, hat geurteilt. Ella, eine junge Frau, die ihren vollen Namen nicht preisgibt, wird Anmaßung, Arroganz, totalitäres Verhalten, vorgeworfen. Von jenen, die immer so weiter machen wollen? Denen, die einen jungen Mann missbrauchen, der eigentlich die Schwachen gegen bewaffnete fiese Typen beschützen will? Der dafür jahrelang trainiert hat?

Über ein Jahr Freiheitsstrafe, also entsprechend einem Verbrechen, hat sie kassiert. Die, welche alles ins Verderben reissen, werden nie eine Zelle von innen sehen. Eine dieser Geschichten, die schon in 10 Jahren in einem ganz anderen Licht zu sehen sein werden. Davon bin ich fest überzeugt. Alles was in dieser Richtung passiert, riecht auf tausend Meter nach der Arroganz und Hybris einer gegenwärtigen Gesellschaft, die später einen zweifelhaften Ruf bekommen wird.

Februar 6 2022

Geht doch erst einmal arbeiten!

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Lesedauer 4 MinutenWenn aktuell in Deutschland Protestaktionen gegen das ausbleibende Umdenken bezüglich des Umgangs mit der Klimakatastrophe und dem Armageddon der Arten auf dem Planeten Erde stattfinden, folgt auf allen Kanälen wütendes Geschrei. “Nicht die richtige Form, falsche Zeit, falscher Ort!”
Hinzu kommen noch Beschimpfungen, die einer alten deutschen Tradition folgen. “Die sollen erst einmal arbeiten gehen, dann würden sie anders drauf sein. Immer diese Ökofaschisten.” In den 60ern – 80ern klang dies ähnlich. In dieser Zeit hieß es: “Diese langhaarigen Gammler sollen mal arbeiten gehen. Wenn es ihnen hier nicht passt, können sie ja zu ihren Kommunistenfreunden rübergehen.” Der Tenor hat sich erhalten. Die früher herum pöbelten, sind meistens bereits Geschichte. Heute sind es ihre Geisteskinder. Manch eine/r mag sich damit unangenehm angefasst sehen, weil sicherlich welche darunter sind, die niemals werden wollten wie ihre Eltern. Dumm gelaufen!

Für mich gibt es drei Positionen.

  • A) Jemand bejaht, dass die aktuelle Entwicklung auf der Erde eine Klimakatastrophe darstellt. Gleichfalls sieht, mit welch rasanter Geschwindigkeit ein Aussterben der Arten vor sich geht und wie desaströs sich die bisherigen Konzepte entwickelt haben. Dennoch besteht eine letzte Hoffnung, mit weltweiten radikalen Veränderungen wenigstens den Prozess deutlich zu verlangsamen, damit auf lange Sicht das planetare System eine Chance bekommt.
  • B) Jemand sieht dies alles, aber schätzt die weltpolitische Lage und die Dominanz der schädigenden Konzepte für derart übermächtig ein, dass sich nichts mehr ändern wird und am Ende in einem Clash mündet, bei dem niemand wissen kann, wie es danach weitergeht. Die Folge ist Resignation.
  • C) Jemand leugnet aus welchen Motiven heraus auch immer den Prozess oder zieht sich alternativ darauf zurück, dass tatsächlich alles passiert, es aber nichts mit dem menschlichen Wirken zu tun hat.

Wer die Position A einnimmt, kann gar nicht anders, als alle Hebel in Bewegung zu setzen und radikale Forderungen zu stellen. Die Zeit für gemäßigte, abwiegende, Verhandlungen und Kompromisse, ist verstrichen. Jeder kann die globale Diskrepanz zwischen Bekundungen und tatsächlichen Handeln sehen. Die Weltmeere werden immer noch kontinuierlich als Müllkippe für Plastikabfälle, Abwässer, Chemikalien und radioaktive Abfälle benutzt. Diese Verunreinigungen kommen zu den bereits bestehenden Altlasten aus den vorhergehenden Jahrzehnten hinzu. Auf dem Festland passiert das Gleiche. Überall wird weiterhin auf die Industrialisierung gesetzt. Insbesondere gilt dies in der Agrarindustrie, was wiederum Zerstörungen durch Pestizide nach sich zieht.
Überdeutlich zeichnet sich ab, dass große Nationen einen globalen Verteilungskampf um die verbliebenen Ressourcen, vornehmlich Fossile, aber auch Bestandteile, die für neue Energiequellen benötigt werden, eröffnet haben. In mehreren Ländern werden längst Pläne erarbeitet, in denen es nur noch darum geht, mit den nach und nach eintretenden Ereignissen der Klimakatastrophe klarzukommen. Hierzu gehört auch das Verlegen von Millionenstädten ins Landesinnere. Letzteres ist ein Argument für die Position B.

Für die Kritiker der Protestaktionen bleiben B und C übrig. Position B hat aufgegeben und will das eigene Leben so gut es geht zu Ende bringen. Das finde ich legitim. Nicht in Ordnung finde ich es, wenn man dann junge Leute beschimpft, die für ihr eigenes noch länger andauerndes Leben kämpfen. Sich über eine Autobahnblockade oder eine Baumbesetzung zu mokieren ist äußerst kleinlich und engstirnig. Ich setze diese Aktionen mal in Relationen zum weltweiten Geschehen. Mitteleuropäer fordern von Südamerikanern einen sorgsamen Umgang mit dem Regenwald, sehen sich aber selbst nicht in der Lage auf ein paar Tonnen Braunkohle zu verzichten. Gleichzeitig konsumieren sie hemmungslos die Produkte, welche auf den Rodungsflächen entstanden. Ganz abgesehen davon, dass die Leute nicht roden, um zu Millionären zu werden, sondern letztlich auch nur leben wollen.
Afrikaner und Inder werden aufgefordert, einen Artenschutz zu betreiben. Faktisch kann eine Elefantenherde die Lebensgrundlagen mehrerer Dörfer mit hunderten Menschen zerstören. Kaum jemand möchte in seinem Vorgarten eine Begegnung mit einem bengalischen Tiger oder einem Leoparden haben. Den Indern muten Europäer dies zu, während zum Schutz niedersächsischer Familien Wölfe abgeschossen werden. Bären und Wisenten ergeht es nicht anders. Sie passen laut Rhetorik nicht in die Kulturlandschaft.
Aktivisten kämpfen auf den Weltmeeren mit allen Mitteln gegen Fischereikonzerne, die mittels gigantischer Schleppnetze alles Lebende töten und am Meeresboden toten Boden hinterlassen. Andere liefern sich regelgerechte Seeschlachten mit illegalen Walfängern, die ebenfalls behaupten, irgendwie überleben zu wollen. Es gäbe noch diverse andere Beispiele. Wir fordern von anderen, vor allem deutlich Ärmeren, sehr viel. Doch wenn es ans Eingemachte geht, ist der Spaß vorbei. Die alte Weltordnung soll weiterhin Bestand haben. Wir, die reichen Mitteleuropäer, leben weiter, wie gehabt und wie üblich sollen die Armen unsere Wäsche waschen. Was ist ein Stau auf der Autobahn im Verhältnis zu dem, was weltweit passiert? Nichts! Und so hart wie es klingt, selbst ein paar tausend Arbeitslose sind nichts im Verhältnis zu Millionen Menschen an Küstenstreifen, die jeden Tag zusehen müssen, wie die Existenzgrundlage zerstört wird. Ebenso nichts gegen Hunderttausende, die ihre Lebensgrundlage, den Fischfang verlieren.

Alles steht und fällt damit, wie viel Abstand man bei der Betrachtung einnimmt. Sehe ich alles nur durch meine Windschutzscheibe o. begrenze mich auf meine Stadt, steigt der Blutdruck, erweitere ich den Blick, komme ich zu einem anderen Ergebnis, welches mich die Aktivisten ganz anders sehen lässt. Position C ist durchschaubar. Fett und rund in die Katastrophe, die Schäden für die Nachkommen sind egal. Die niedrigste Stufe des menschlichen Daseins. Für die Nachkommen nicht zu sorgen, ist eine Frage der Haltung. Mutwillig zum eigenen Nutzen deren Lebensgrundlagen zu vernichten, eine ganz andere Geschichte. Sie unterscheiden sich nicht einen Deut von der Mafia, wenn sie Chemiemüll auf illegalen Deponien entsorgt und billigend die Verseuchung des Bodens mit tausenden Opfern in Kauf nimmt. Womit Position C für mich zu einer kriminellen wird. Mich wundert überhaupt nicht, dass viele mit der Position C auch noch andere kriminelle Handlungen unternehmen.

Juli 24 2021

Die modernen Ketzer

people holding banner Lesedauer 10 Minuten

So wie irgendwo eine Äußerung von Luisa Neubauer auftaucht, meldet sich ein wütender Mob zu Wort: Sie hätte noch nichts im Leben geleistet, heißt es dann. Leider erfolgt nie eine Konkretisierung was dabei unter einer Leistung verstanden wird. Darüber kann trefflich je nach Weltanschauung gestritten werden. Außerdem stellt sich die Frage, ob eine Meinung an eine wie auch immer geartete Leistung gebunden ist. Nietzsche studierte und wurde mit 24 Jahren Professor an der Universität in Basel. Einer, der sich selbst gern als die letzte konservative Bastion des deutschen Journalismus bezeichnet, Jan Fleischhauer, gern den wütenden Mob bedient, begann seine Karriere beim SPIEGEL mit 25 Jahren und erntete mit seinen Artikeln keinen Shitstorm, schlicht, weil es sowas 1989 noch nicht gab. Nach dem Lesen seiner Texte glaube ich ein wenig verstanden zu haben, was er bedienen will oder ihm gegen den Strich steht. Es scheint, dass er damit den Nerv einiger trifft.

Schwierig wird es immer dann, wenn man versucht, aus seiner politischen Haltung moralischen Mehrwert zu schlagen. Vom Übermenschen erwartet man auch übermenschliche Disziplin.

https://www.focus.de/politik/deutschland/schwarzer-kanal/die-focus-kolumne-von-jan-fleischhauer-im-minus_id_13525344.html

Er und andere wittern bei Neubauer und den jungen Menschen, die sich bei FFF engagieren, eine zur Schau getragene moralische Überlegenheit, die einer näheren Überprüfung nicht Stand hält. Das dies in Deutschland ein Thema ist, sehe ich genauso. Allein schon, weil unser Lebensstandard auf diversen Sauereien fußt, aber völlig anders verkauft wird. Im gleichen Zuge betrachte ich skeptisch die Rolle Deutschlands innerhalb der Europäischen Union.
Nur sehe ich weder bei Neubauer noch bei den Schülern diesen Anspruch im eigentlichen Sinne. Man könnte sich eventuell an Spins wie “Alter weißer Mann” oder “Boomer” stoßen. Ich finde, ab einem gewissen Lebensalter, kann man die Gelassenheit entwickeln diese Spins, als Teil eines Generationskonflikts zu sehen. Mangels der fehlenden Möglichkeit auf ein Leben zurückzuschauen, welches sich aus Fehlern, Erfolgen, up-and-down einer Biografie zusammensetzt, verleitet einen in jungen Jahren zur Annahme, dies im eigenen Leben verhindern zu können. Schwierig finde ich, wenn Ältere eine Scheinheiligkeit vor sich hintragen, die immer einem Versteckspiel vor sich selbst entspricht. Dazu gehört auch, die eigene zurückliegende jugendliche Arroganz zu leugnen.

Aber was haben die verändernden Eingriffe ins Klima, zurückliegend und heute, die Zerstörung der Lebensgrundlagen durch Emissionen aller Art mit Moral zu tun? Ist die zentralistische Betrachtung des Menschen, die zu Begriffen wie Umwelt und Umweltschutz, welche von einem Geschehen um den Menschen herum geprägt sind, statt ihn als untrennbaren Teil des Gesamten zu sehen, moralisch gerechtfertigt? Stichwort: Anthropozän – das vom Menschen gestaltete Erdzeitalter. Hat sich der Mensch nicht falsch eingeschätzt? Ist der Wunsch nach dem Überdauern eines natürlichen Weltgeschehens versus einem nur mittels technischen Schutz möglichen Überlebens des Menschen bei gleichzeitigen opfern aller anderen Lebewesen eine Frage der Moral? Im gewissen Sinne schon. Aber sollten dann nicht gerade Konservative, die sich mehrheitlich zu einer übergeordneten Gottheit und Schöpfung bekennen, sich für einen Erhalt aussprechen? Für mich ist dieser Widerspruch nur lösbar, wenn sich die Bezeichnung konservativ nicht auf Schöpfung, Erhalt und den christlichen Glauben bezieht, sondern eher auf das Streben nach Überwindung der natürlichen Abhängigkeitsverhältnisse und die Installation eines globalen Systems, welches nach den Ideen des Großhirns funktioniert. Gut, manche mögen daran glauben, dass dies funktionieren kann. Meiner persönlichen Beobachtung nach sind die von Naturwissenschaftlern festgestellten Prozessverläufe ein deutliches Zeichen für das Scheitern.

In einem anderen Vorwurf heißt es, sie käme aus einer wohlhabenden Familie und im Übrigen wäre sie selbst auch schon geflogen. Dies weist auf einen typischen menschlichen Wesenszug hin. Im Grunde weiß man wie irrational und möglicherweise schädlich das eigene Verhalten ist. Doch was wäre das für ein Leben, wenn man sich nicht einmal etwas gönnt, über die Stränge schlägt und sündigt? Mich fasziniert dies immer wieder. Die menschliche Unvernunft, die sich gegen einen selbst richtet, wird mit der Auflehnung gegen etwas Höheres legitimiert, das dann im Nachgang Gnade walten lässt. Ebenso wird das Recht auf Unvernunft angesprochen. Die Reichen und Wohlhabenden, welche sich alles leisten können und die Armen, welche sich abmühen müssen, um auch ein wenig Spaß zu haben. Macht es für die Lebewesen im Erdboden einen Unterschied, ob ein Reicher oder ein Armer illegal einen Kanister Mineralöl ausleert? Nun mag man sagen, dass das Fliegen eher unter Vergnügen läuft, denn einer illegalen Chemikalienentsorgung. Aus der Perspektive aller anderen Lebewesen ist es eine Schädigung. Ist der Wahrheitsgehalt der Aussage vom Status oder dem eigenen Verhalten abhängig? Worum es doch geht, ist das Wissen darüber. Ich weiß von der Schädlichkeit und tue es trotzdem. Darf ich Schaden zufügen, wenn ich weiß, dass mein Handeln einen verursacht? Juristisch nennt sich das Vorsatz! Wenn jemand ein Fahrzeug in zweiter Spur abstellt und die Warnblinkanlage einschaltet, ist offensichtlich das Wissen um die Gefährlichkeit des Handelns vorhanden. Deshalb kostet diese Vorgehensweise mehr, als das ungesicherte Abstellen. Jeder von uns weiß nach dem aktuellen Wissensstand, dass der Flug anteilig eine Schädigung darstellt. Damit muss ich irgendwie umgehen. Wer sich dies nicht eingestehen will, muss eine Rechtfertigung finden. “Mein Flug fällt bei der Anzahl der Vielflieger nicht weiter ins Gewicht.” “Warum sollte ich verzichten, wenn alle anderen ebenfalls und sogar noch mehr schädigen?” “Sollen doch erst einmal die anderen, die Reichen, ihr Verhalten ändern, dann können wir über meinen kleinen Anteil sprechen!” Oder wie es die/der Besitzer/in des angesprochenen abgestellten Fahrzeugs formuliert: “Herr Wachtmeister, kümmern sie sich doch erst einmal um die richtigen Verbrecher und nicht um mich.” Diese Rechtfertigung wird schlagartig hinfällig, wenn wegen des Hindernisses ein Motorradfahrer ausweichen muss und das Opfer eines unachtsamen anderen Fahrers wird. Denkbar ist auch die Entstehung eines Staus, der die Einsatzfahrt eines Rettungswagen zu einem Verletzten verlangsamt.

Ich selbst fliege und kritisiere. Einerseits zeige ich damit mit dem Finger auf mich selbst, und andererseits auf meine Zeitgenossen. Wie halte ich das aus? Bei mir ist eine Resignation die fadenscheinige Rechtfertigung. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass der Zug abgefahren ist. In dieser Lage kann ich nur noch das Beste für mich selbst herausholen.

Ich sitze mit einer Partygesellschaft in einem Bus, der mit zunehmender Geschwindigkeit und einem “zugekoksten” Fahrer am Steuer auf eine Betonwand zu rast. Vielleicht haben drei oder vier Mitfahrer die Lage erkannt. Meine Möglichkeiten beschränken sich darauf den Fahrer zu erschießen und dazu bin ich zu feige, schon deshalb, weil sie mich danach lynchen. Die anderen verfügen eventuell über mehr Möglichkeiten. Wenn sie eine Idee haben, werde ich sie mit allen Mitteln unterstützen. Doch ich werde sie bestimmt nicht besoffen und grölend beschimpfen. Dies übersehen einige geflissentlich. FFF, Neubauer, und viele andere, kämpfen mit Überzeugung für alle und nicht allein für sich selbst. Ob sie einen Weg gewählt haben, der den Bus vor dem Einschlag in die Wand bewahrt, wird sich zeigen.

Schaue ich mich um, sehe ich keinen Grund, denen zu glauben, die sich an den Schalthebeln der Macht befinden. Wer ernsthaft das Ende einer Ausbeutung fossiler Ressourcen plant, erschließt nicht täglich neue Ölfelder, Erdgasvorkommen oder Kohleflöze. Wem es mit der Sache ernst ist, plant keine Weltmeisterschaft in Qatar, um sich bei denen “Liebkind” zu machen.

Zurück zu Frau Neubauer und ihren Aussagen. Im Kern geht es zunächst einmal um den Hinweis, dass Politik in einigen Bereichen nicht umhinkommt, nicht nur den Rat von Wissenschaftlern einzuholen. Notwendig ist es auch, die politischen Entscheidungen darauf basieren zu lassen.

Weiterhin merkt sie an, dass zwar viele kostenlose Worte ausgesprochen werden, aber keine konkreten Handlungen folgen. Kurzum, sie stellt keine eigenen Forderungen. Sie gibt das wieder, was Wissenschaftler seit Jahrzehnten sagen und fordern. Doch die nimmt sich keiner vor, schon gar nicht jene, deren Ruf nahezu unantastbar ist und international anerkannte Beiträge leisten oder leisteten. Wenn überhaupt, wenn sie allgemein für jedermann verständlich aufbereitet sind, kommt es zur üblichen Reflexreaktion: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Irrationalität trifft auf wissenschaftliche Nüchternheit.

Angesichts der Flutkatastrophe kam eine neue nicht weniger verkorkste Entgegnung ins Spiel. Frau Neubauer oder FFF solle/n sich derzeit zurückhalten, weil der Hinweis auf all die Unterlassungen bezüglich des Klimawandels von den Missständen bei der Katastrophenbekämpfung ablenken würde. Der Klimawandel, laut Wissenschaftler aus dem Verhalten der vergangenen Jahrzehnte resultierend, bedingt immer kürzer werdende Zeitintervalle beim Auftreten von Ereignissen wie Stürme, Starkregen, Fluten, Hitze, Dürren. Da die Aussagen der Wissenschaftler konsequent ignoriert wurden, vernachlässigte man auch den Katastrophenschutz bzw. die notwendigen Schutzmaßnahmen. Anders herum aufgezogen, kann ich schwer erhebliche Ausgaben für den Schutz begründen, wenn ich den Klimawandel und den Eigenanteil daran abtue. In dem Moment müsste jeder nachfragen, warum ich neben dem Schutz nicht gleichzeitig alles unternehme, damit die Phänomene nicht auftreten. Ich denke, die Wahrheit liegt woanders. Die Damen und Herren gingen davon aus, dass es wie üblich die südliche Hemisphäre treffen würde, während man in Mitteleuropa fein raus ist. Nun, dies scheint sich als Irrung herauszustellen.

Dann gibt es noch die Zeitgenossen, die Frau Neubauer auffordern, statt zu reden, ins Krisengebiet zu fahren und dort bei den Aufräumarbeiten zu unterstützen. Warum sollte sie dies tun und was hat das mit ihren Aussagen zu tun? Muss jeder Kritiker oder wegen meiner auch jede/r Politiker, der das Unterlassen von schädlichen Eingriffen in die Lebensgrundlagen des Planeten und Klima fordert irgendwo hinfahren und Hilfe leisten? Machen demnächst einige Abgeordnete einen Ausflug in die Sahelzone? Oder schicken wir Politiker (dafür wäre ich sogar offen), die militärische Interventionen fordern mit der Waffe in der Hand in die Region? Stellt sich der vergreiste Horst Seehofer demnächst an die Europäische Außengrenze? Ich denke, jede/r sollte tun, was sie/er kann und dabei auch den Nutzen berücksichtigen. Wer in der Gegend wohnt, passende Kenntnisse hat und auch noch die Möglichkeiten hat, sollte helfen, alle anderen sind eher hinderlich und bringen im Zweifelsfall Retter in Schwierigkeiten. Inwiefern die Nichtteilnahme an den Arbeiten im Katastrophengebiet ein Qualitätskriterium für die Aussagen ist, erschließt sich mir nicht. Dieses Konstrukt wirft eher ein Licht auf diejenigen, welche sich in dieser Art äußern.

Liegt die Fokussierung daran, dass sie sich an die 26 800 Wissenschaftler, die sich bei Scientist for Future engagieren nicht herantrauen? Könnte es so einfach sein?

Sie sagt, man solle auf die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hören. Andere halten ihr entgegen, dass Wissenschaft nicht alles wäre. Wissenschaft ist nicht Wissenschaft, und spätestens seit der Erfolgsserie “Big Bang Theory” kennen wir die Haltung eines Sheldon Coopers zu allen Wissenschaften jenseits der Physik. Bei allem, was sich um das Klima dreht, sind wir mitten in den Naturwissenschaften und zumeist in der Physik. Im 21. Jahrhundert sind die meisten von uns auf vielen Gebieten Anwender und verstehen nicht ansatzweise, was technisch vor sich geht. In den 80ern konnte ich noch an einem Fahrzeug herumschrauben. Heute öffne ich die Motorhaube und habe nur Fragezeichen auf der Stirn. Dies ist bei vielen Dingen der Fall. Was bleibt mir übrig? Ich muss mir im Zweifelsfall jemanden meines Vertrauens suchen. Habe ich beispielsweise zwei Virologen mit völlig unterschiedlichen Aussagen vor mir zu stehen, tendiere ich dazu den Selbstdarsteller und Freund des Partyvolks zu meiden und dem etwas verpeilt wirkenden Nerd zuzuhören. Wenn der dann auch noch der BILD Zeitung sagt, dass er keine Zeit hat sich mit ihnen zu beschäftigen, sind bei mir die Würfel gefallen. Das ist wie mit dem Gebrauchtwagenkauf. Lieber kaufe ich einen Wagen bei einer einfachen Garage, in der mit Öl verschmierte Mechaniker herumspringen, als das ich ihn bei einem Händler mit 20 Fahnen auf dem Parkplatz kaufe. In Bezug auf Virologen scheine ich da nicht alleine zu sein. Ich finde es Prima, dass das so ist und folge dem gern. Dem Schnellaufsteiger im Anzug hätte ich mehr Skepsis gegenüber aufgebracht. Ist das eine linke Position? Wenn es nach Herrn Fleischhauer geht, wohl ja, aber Anzugträger und Karriereristen ziehen sich gegenseitig an, mich bringen sie eher auf Abstand. Wer echte Kompetenz innehat, benötigt keine Kultur – Kostüme. Bei Kompetenz geht es mir nicht um das alleinige Wissen über die Zusammenhänge, sondern menschlich kompetent ist für mich ein Mensch dann, wenn das Wissen zum Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Denn ohne diese Gemeinschaft ist er nichts. Fast nichts von dem, was mich umgibt, kann ich wirklich alleine herstellen oder in Gang bringen. Aktuell befindet sich die Automobilbranche in Nöten, weil die Pandemie und vermutlich auch einige Katastrophen den Nachschub an Computerchips zum Versiegen gebracht hat. Was wird aus dem viel gelobten Hightech – Plan, wenn Teile des Planeten unbewohnbar werden? Können sich die Industrieländer autark machen und auf all die Produktionsstätten verzichten? Wäre es nicht logischer, als wohlhabendes Land an der einen oder anderen Stelle zu verzichten, damit die ärmeren Länder weiter produzieren? Nur so ein Gedanke von mir.

Die Grundidee bei der Kritik besteht darin, dass Naturwissenschaften Erkenntnisse liefern, aber der Umgang damit von diversen anderen Faktoren abhängt. In Tschernobyl konnten die Naturwissenschaftler mit Sicherheit sagen, dass die ersten Einsatzkräfte nach kurzer Zeit sterben werden. Damit fanden die sich Zugunsten einer weit größeren Menge an Toten und Verstrahlten ab. An der wissenschaftlichen Erkenntnis gab es nichts zu deuten. Wir wissen, dass demnächst die giftigen Hinterlassenschaften des II. Weltkriegs nicht nur große Teile des Lebensraums Meer zerstören, sondern das Schweröl aus den Tanks Küstengebiete verseuchen wird. In der Ostsee hat dies bereits angefangen. Die Wissenschaft und Aktivisten haben darauf hingewiesen, oder anders: Das Wissen weiter gegeben. Vor der Aufgabe die Katastrophe abzuwenden stehen mehrere Staaten. Da es sich um Hinterlassenschaften aus dem II. Weltkrieg handelt, wird diskutiert, ob sie in der Verantwortung der Herkunftsstaaten der am Meeresgrund liegenden Schiffe mit Schweröl in den Tanks und Unmengen von versenkten TNT liegt, die “Zerstörer” der Schiffe und Entsorger der Kriegsmunition (Allierte) gefragt sind oder die von der eintretenden Katastrophe betroffenen Staaten sich selbst des Problems annehmen müssen. Tatsächlich geht es um die Kostenübernahme. Einige Länder setzen auf eine nachträgliche Säuberung der Küstenlinie, was dem Meer nicht hilft. Die Nordeuropäischen Staaten haben nach einer wissenschaftlichen und ökonomischen Berechnung erkannt, dass die Kosten bei einer zerklüfteten Küste extrem nach oben schnellen und eine Lösung am Meeresboden für sie günstiger ist. Wie beim Klima und der Zerstörung wird das Wissen hingenommen und ein anderer Faktor vorangestellt. Geld, welches zur Abwendung des ultimativ eintretenden Schaden investiert werden muss. Wie wahnsinnig es auch sei, im Gehirn des Menschen hat der temporäre Besitz und die Mehrung Vorrang.

Hiergegen treten Neubauer und Co an. Nicht nur, in der Kritik an andere und ihrem Verhalten, sondern auch bei sich selbst.

Kaum jemand spricht beim Thema Klima über die realen Konsequenzen. Damit meine ich nicht die, vor denen in jüngerer Vergangenheit weltweit die Opfer der Katastrophen in Australien, China, USA, Russland, Südostasien standen und nunmehr sich auch in Deutschland zeigen. Das gesamte aktuelle System, inklusive der dahinter liegenden Gedankengebäude und Urstrukturen des Menschen steht vor dem Ende. Der Versuch, sich den Folgen mittels Technologie entgegenzustellen, ist ein verzweifeltes Aufbäumen, welches geeignet ist, das System zu schützen, aber mit absoluter Sicherheit nicht das bestehende natürliche Lebenssystem Erde retten wird. Vielleicht überlebt der Mensch mittels Technologie zusammen mit einigen ihm genehmen Spezies, aber das ursprüngliche sich selbst tragende Lebenssystem geht drauf.

Die Wut und der Hass sind systemimmanent

Das Wachstum, Profite, ein Geldsystem, der Wohlstand, die grenzenlose Neugier des Menschen als unabänderlich zu sehen, die Sesshaftigkeit und die Folgen als Vorteil zu bezeichnen, sind neben diversen anderen Betrachtungen reine Ergebnisse des Großhirns, die auch vollkommen anders gesehen werden können. Glaubensgemeinschaften, indigene Völker, Nomaden, die sich bewusst dagegen entscheiden, sind der Beweis. Jeder der behauptet, die vorgenannten Verhaltensweisen sind die einzigen, zu denen der Mensch fähig ist, macht sich etwas vor und versucht irgendwie die eigene Entscheidung zu rechtfertigen. Wenn es denn überhaupt eine Entscheidung ist. Die Mehrheit der in industrialisierten Staaten lebenden Menschen treffen keine Entscheidung zwischen verschiedenen Ansätzen, sondern passen sich, ohne jemals darüber nachgedacht zu haben ins vorgefundene System ein. Die Gemeinschaft der Amisch kennt die Zeit des “Rumspringa”, in der sich in der Gemeinschaft geborene Jugendliche ab dem 16. Lebensjahr, nachdem sie eine Zeitlang außerhalb gelebt haben, für einen Beitritt entscheiden können.

Und nun kommen junge Menschen daher und stellen diese stets als Selbstverständlichkeit betrachteten Doktrin infrage. Schlimmer noch! Sie üben diese Kritik, während sie innerhalb dessen leben, was als das Nonplusultra ersehen wird. Sollen sie doch gehen! Wir leben in einem freien Land. Da gibt es einen Haken. Die dominante Lebensweise und Anschauung zerstört langfristig alle anderen Optionen. Es ist quasi eine feindliche Übernahme aller anderen Lebenssysteme, die mit einer Art Heilsversprechen verknüpft wird. Mich erinnert dies an die alten christlichen Missionare oder die brutale Zeit, in der in Europa zwischen dem wahren Glauben und der Ketzerei unterschieden wurde. Was die jungen Klimaaktivisten betreiben kommt der Blasphemie gleich. Wie wütend Rechtgläubige darauf reagieren, wissen wir aus der Geschichte. Blasphemie und Ketzerei gefährden nach dem Glauben alle, weil sie das Göttliche, hier den “Freien Markt”, “das Wachstum und den Fortschritt”, herausfordern bzw. anzweifeln.

Die Aussagen, das pure Wissen, der Naturwissenschaftler anzuzweifeln ist vor dem Stand der Wissenschaft, in dem die Quanten – Physik entwickelt wurde, Wissen um den Aufbau von Atomkernen erlangt wurde und Teilwissen über die Zusammenhänge im Universum besteht, vollkommen irrational und geht damit in Glauben über. Bei Glaubensfragen wird es traditionell kompliziert und häufig aggressiv. Aus der Kirche des “Mammon” selbst heraus wird Kritik geübt. Das entspricht Mitgliedern der katholischen Kirche, die vom Papst bis hin zum gesamten Klerus, alles infrage stellen. Wen wundern da noch die Reaktionen auf FFF, Neubauer, Greenpeace u.a.? “Alles was nicht konservativ ist links.” Ja, und alles, was nicht der Linie der Katholischen Kirche folgt, ist Ketzerei.

Juli 8 2021

Perspektivwechsel

Lesedauer 20 Minuten

Ein klassisches Setting

Noam Chomsky, Douglas Adams und die Script – Autoren für alle Serien nach Machart von Raumschiff Enterprise haben alle etwas gemeinsam. Sie haben bei der Betrachtung des Weltgeschehens die Perspektive eines Außerirdischen Beobachters eingebracht. Diese Perspektive ist mit die größte Abstraktion und Metaebene. Wobei ich glaube, dass dies gar nicht nötig ist, wenn man sich anstatt dessen in die Sicht eines Kindes versetzt. Egal, welchen Weg man befolgt, stellt sich schnell heraus, wie viele Axiome einem als unumstößliche Gegebenheiten des Lebens verkauft werden, die einer näheren Prüfung nicht standhalten.

Geld und Wert

Eins der prominentesten ist alles, was sich um das Thema Geld rankt. Geld ist eine Idee. Ein fünfhundert EURO Schein hat den Materialwert weniger Cent oder wenn es gar nicht um Geld gehen soll, dem, was ich im Tausch gegen eine sehr kleine Gefälligkeit nehmen würde. Bereits beim Begriff Wert wird es schwierig. Gebe ich einem kleinem Kind, welches mit einem nach dem Verständnis der Erwachsenen teuren Collier spielt, im Tausch eine große Puppe, wird es vermutlich die Puppe nehmen. Ein hart arbeitender Mann bekommt für seine Leistung 12 EUR die Stunde, während ein Rechtsanwalt für das Aufsetzen eines Schriftstücks innerhalb weniger Minuten hunderttausende EURO bekommt. Viele große Künstler lebten zu Lebzeiten in Armut, während ihre Werke heute auf Auktionen für Millionen den Besitzer wechseln.

Wie erkläre ich nun einem Außerirdischen, dass den Pflegekräften oder Lehrern, die uns im Alter betreuen oder dem Nachwuchs Wissen vermitteln sollen, deutlich weniger Geld zukommt, als andere für ein altes Pergament mit Ölfarben ausgeben? Oder besser noch, man mit dem Geld eine ganze Schule bauen könnte. Letztens kaufte ein weitläufig Bekannter für 70.000 EUR einen alten Porsche. Ein nett anzusehendes Vehikel mit einem jede Menge Liter fossilen Brennstoff verbrennenden Motor. Was könnte man mit den 70.000 EUR in den richtigen Händen alles anstellen? Was wäre, wenn ich sie irgendwo auf der Welt in eine Schule oder wenigstens in ein paar junge Menschen investierte? Niemand kann wissen, ob ich damit u.U. dem Erfinder einer Wasserstofffusion in die Spur helfe. 70.000 EUR ist auch der Betrag, der nach Untersuchungen die Grenzlinie zum Glück darstellt. Bis zu diesem jährlichen Betrag steigt nach Aussagen der Untersuchenden das subjektive Glücksgefühl, danach folgen keine weiteren Steigerungen, eher Abstriche. Im Übrigen ist dies auch der Betrag, den in Deutschland eine Frau oder ein Mann investieren muss, wenn sie/er sich für eine der großen Parteien als Direktkandidat/in bei der Bundestagswahl aufstellen lässt. Bei den kleineren Parteien wird es günstiger.

Vielleicht würde mich der Außerirdische fragen, ob der Verdienst, wie wir es nennen, von der Wertschöpfung der Arbeit abhängt. Ein afrikanischer Minenarbeiter schürft nach Diamanten, die allgemein sehr teuer gehandelt werden. Bei dem, was er dafür bekommt, sprechen wir von moderner Sklavenhaltung. Die Mitglieder der Rechtsanwaltssozietät, welche verhindern, dass sich dies ändert, bekommen das Tausendfache. Mal ganz abgesehen von dem, was die Aktionäre der Minengesellschaft erhalten. Die rein körperliche Arbeit, die Verdammung zum Vegetieren, der Raubbau an der Gesundheit und die damit einhergehende Verkürzung des Lebens, wird nicht honoriert. Und wie erklärt man das jetzt?

Was da in Afrika stattfindet, könnte man als extrem bezeichnen. Wobei anzumerken ist, dass auch dies eine Frage der Perspektive ist. Aus der Sicht eines Deutschen mag dieses der Fall sein, in der entsprechenden Region, ist es für die Kinder und Männer die normale Lebensrealität. Was passiert eigentlich mit diesen Diamanten? Einige finden den Weg in eine Juwelier – Werkstatt, wo sie in teure Schmuckstücke eingepasst werden. Diese landen wiederum in einem Schließfach und sollen bei besonderen Anlässen die optische Erscheinung eines Menschen untermalen. Unter dem Strich wurde ein sechsjähriger Junge in einer Mine gequält, damit ein anderer Mensch, der möglicherweise noch nie gearbeitet hat, anderen gefällt. Ein anderer Teil landet in der Industrie und wird dort in Maschinen eingebaut, die zusammen mit anderen Bauelementen ein Produkt herstellen, welches wiederum anteilig in Deutschland landet. Wird damit jeder von uns zum mittelbaren Sklavenhalter? Was würde in einer Utopie passieren, in der wir auf alle Produkte, Baustoffe, Ressourcen, verzichten, die unter diesen Umständen in den Kreislauf gerieten? Nun, ich denke, bei uns würden ebenfalls alle Skrupel über Bord geworfen werden und wir hätten wieder Kinderarbeit, Tagelöhner, Trockenbewohner und ein Heer von Arbeitern lebten in menschenunwürdigen Mietskasernen. Da ist es einfacher den namenlosen sechsjährigen Junge in einem fernen Land zu opfern.

Aber warum in die Ferne schweifen? Trotz aller Erleichterungen existieren selbst in den im Wohlstand lebenden industrialisierten Ländern parallel zu eher leichten Arbeiten echte Knochenjobs. Dachdecker, Handwerker, Baugewerbe, Pflegedienste, die Liste ist lang. Jetzt könnte ich dem Alien von der Errungenschaft der Rente berichten. Ein Mitglied der Gesellschaft arbeitet einen festgelegten Zeitraum, bekommt während dessen Geld zum Leben, gleichzeitig zahlt die Institution, die mit den Produkten die aus dieser Arbeit entstanden sind ebenfalls Geld verdient, einen Beitrag in eine Kasse, in die auch die Arbeiter einzahlen. Am Ende der Arbeitszeit bekommt der zum Arbeiten zu alt gewordene Mensch eine Rente. Völlig zu Recht müsste der Alien nachfragen, was ich unter zu alt verstehe. Also, wenn ich es schaffe, ihn von dem afrikanischen Kind abzulenken. Ich würde antworten, dass zu alt sehr individuell ist. Maßgeblich ist die Fähigkeit innerhalb des Berufs zu arbeiten. Hierbei müsste man einräumen, dass einen die körperliche Arbeit früher an diesen Zeitpunkt bringt, denn eine Tätigkeit in einer Schreibstube. Konsequenterweise müsste dann die körperliche Arbeit früher enden, als die leichteren Tätigkeiten. Nun gibt es Menschen, die hierzu eine brillante Idee haben. Wenn das Körperliche nicht mehr geht, könnte dieser Mensch doch in einem anderen Job arbeiten. Also z.B. den Betriebsschlosser aus der Produktion vor einen Bildschirm in der Buchhaltung setzen. Kleine Unwegsamkeiten, wie dass da schon jemand sitzt, sind Details, die zu regeln sind. Eine andere Option wäre, dass der Betriebsschlosser über sein interessantes Leben ein Buch schreibt oder sich einen Sci – Fi – Roman ausdenkt. Vermutlich würde selbst der Alien feststellen, dass dies ziemlicher Unfug ist. Vielleicht, auf jeden Fall ist es die Perspektive und Sichtweise eines politisch engagierten Rechtsanwalts, der somit die Regeln interpretiert, die sich Menschen gaben. Sie stammt von dem Rechtsanwalt, Ökonomen und stellvertretenden Bundestagspräsidenten der Bundesrepublik Deutschland Kubicki.

Zum Thema müsste ich dem Alien erläutern, dass die Menschheit einem Prinzip folgt, demnach alles Knappe eine Wertschätzung erfährt, während die Dinge, welche im Überfluss da sind, keine erfahren. Oftmals verbrauchen wir so viel von dem reichlich Vorhandenen, bis es knapp wird oder wir horten es und machen es künstlich rar, damit es eine Wertschätzung in Form von Geld erfährt. Dabei kann es zu paradoxen Situationen kommen. Bahnbrechende gute Ideen sind selten und müssten dem Prinzip nach eine hohe Wertschätzung bekommen. Allerdings bedeutet diese neue Idee u.U. einen Wertverlust für die Leute, welche noch mit der alten, damit hinfälligen, Produktionsmethode arbeiten. Dann werden die alles dran setzen, damit die Idee sich nicht durchsetzt. Wenn der Alien dies verstanden hat, verfüge ich über eine Grundlage, auf der ich ihm vermitteln kann, warum wir bereits in den 70ern des letzten Jahrhunderts Ideen hatten, um fossile Brennstoffe, von deren Schädlichkeit wir wussten, obsolet werden zu lassen, aber niemals weiter verfolgten. Mir ist klar, dass er an den Eigenschaften zweifeln würde, die die Spezies Mensch mit Vernunft, also aus abstrakten Überlegungen Schlüsse zu ziehen und Verstand, die Fähigkeit vor etwas zu stehen, zu sehen und zu analysieren, nennen.


Verstand und Vernunft

In diesem fiktiven Gespräch könnte ich lang und breit erörtern, dass meine Spezies, bezüglich der Wirkung auf den Planeten die Dominante, seit sehr langer Zeit auf einen Unterschied zu allen anderen Spezies bedacht ist. Wir behaupten, im Gegensatz zu den anderen, ein Bewusstsein zu besitzen, also die eigene Existenz wissentlich wahrnehmen, mittels Überlegungen Dinge ableiten können und anhand Beobachtungen die Zusammenhänge des Systems, von dem wir ein Teil sind, verstehen können. Gut, noch nicht so, dass wir den Planeten zu einem anderen Planeten mit ähnlichen Voraussetzungen verlassen könnten, aber immerhin können wir darüber nachdenken. Einige unserer Denker behaupten, dass dies für uns unter Umständen gar nicht möglich ist, aber dies sind Spielverderber.

Rhetorisch ist klar, was danach kommt. “Also Eure Wissenschaftler haben verstanden, dass ihr die vorhandenen Lebensgrundlagen zerstört und wenn ihr weiter macht wie bisher, nur mit technologischen Lösungen überleben könnt, die neue Probleme erzeugen?”
“Ja!”
“Aber was ist mit dem, was ihr Vernunft nennt?”
“Eine Fähigkeit ist erst einmal vorhanden. Damit ist noch nicht gesagt, dass sie auch eine Anwendung findet.”
“Andere Frage! Mir ist aufgefallen, dass sich manche Deiner Spezies in Gebieten aufhalten, die eher lebensfeindlich sind und andere leben in Regionen, die deutlich bessere Bedingungen bieten. Sind die in schlechten Gebieten zu dumm, um von dort aus zu verschwinden, ist das selbst auferlegt oder sind dies Strafkolonien? Und wie wollt ihr das regeln, wenn noch mehr Gebiete unbewohnbar werden?”
“Vor ca. hundert Jahren machten sich Menschen von einem Kontinent mit günstigen Voraussetzungen auf die Suche nach weiteren Gebieten.”
“Also, wie wir, nur dass wir andere Planeten suchen.”
“Im Prinzip ist das so. Nun waren da aber schon Menschen. Die wurden versklavt, ausgerottet oder in ungünstigen Gebieten angesiedelt.”
“Hm, d.h., wir würden Euch entweder für uns arbeiten lassen, töten oder auf einem Wüstenplaneten absetzen?”
“Jein, ihr wärt wenigstens eine andere Spezies. Jedenfalls wurden dadurch die bereits dort lebenden Menschen immer ärmer und die anderen reicher. Irgendwann wollten sich einige von denen auf den Weg machen, um auch etwas von dem Kuchen … eine Redensart bei uns … abzubekommen.”
“Legitim!”
“Nein! Die Reichen haben ihnen gesagt, sie müssen dort bleiben, wo sie geboren wurden.”
“Aber die Reichen können hingehen, wo sie wollen?”
“Ja, denn sie haben das Geld sich dieses Recht zu kaufen.”
“Sagt zum Beispiel dieser Kubicki?”
“Nein, in dem Fall sein Parteifreund Lindner! Also konkret sagte er: “Kein Mensch habe das Recht, sich nach Gutdünken seinen Aufenthaltsort auszusuchen.” Da dies aber realistisch betrachtet, jeder aus einem reichen Land und Kleingeld in der Tasche kann, läuft es auf einen Kauf hinaus.”
“Das Geld, welches das Kind für die Arbeit in der Mine nicht bekommt? Dann hat also jemand mit mehr Geld auch mehr Rechte?”
“Ja, das kann man so stehen lassen.”


Wo sollte man anfangen?

Das Gespräch könnte lange fortgesetzt werden und es würde eine nach der andern aus Wahn entstandene Gegebenheit auf diesem Planeten hervorbringen. Wüsste man mit Sicherheit, dass die heute Armen, die Gerechten von Morgen sind, bliebe es dem Alien überlassen, sie mit Waffen auszustatten, denen die Reichen nichts entgegenzusetzen haben. Immer unterstellt, dass er und seine Freunde hierfür ein Motiv hätten. Was ich bei näherer Betrachtung ausschließe. Doch selbst wenn, denke ich, dass das nichts änderte, sondern nur die Protagonisten austauscht.

Ich bin mitten ins Gespräch eingestiegen. Was wäre, wenn wir uns nicht auf der Erde träfen? Eine Frage richtete sich wahrscheinlich nach meiner Herkunft. Spandau, Berlin, Deutschland, Mitteleuropa wären keine hilfreichen Informationen. Eher wohl nördliche Halbkugel des Planeten Erde und ich bin Humanoid. Vielleicht könnte ich noch erklären, dass sich Teile von uns zwecks der besseren Übersicht in Nationen aufteilten. Spätestens bei einer Nachfrage, warum dies nur Teile der Menschheit taten und nach welchen Kriterien diese dies vorgenommen haben, säße ich wieder in der Falle. Oder wie sollte ich erläutern, dass es Aufgabenstellungen gibt, die den gesamten Planeten und alle Spezies betreffen, jedoch nicht alle an einem Strang ziehen, schlimmer, nicht einmal in der Lage sind, trotz vorhandener Kommunikationstechnologie, uns zu koordinieren.

Wie könnte ich rechtfertigen, dass die Mehrheit der Menschen einen kleinen Minderheit dafür Geld geben muss, damit sie aufhören die Lebensgrundlagen zu zerstören? Eventuell müsste ich dem Alien erst einmal die Sache mit dem Leben auf der Erde erklären und das diese kleinen millionenfach vorhandenen Blechdinger keine Spezies sind. Die Idee hatte schon Douglas Adams. Schwer vermittelbar wäre auch der Umstand, dass wir über kein den gesamten Planeten umspannendes Mobilitätssystem verfügen, welches mit simpler Sonnenenergie angetrieben wird. Oder ist die Antwort: Wir sind seit hundert Jahren zu dämlich uns zu einigen, eine nachvollziehbare schlüssige Antwort? Warum gaben wir auf, den Wind für Meeresüberquerungen zu nutzen?

Eins ist sicher. Ich müsste den Alien nach diesem Gespräch töten. Kaum ausdenkbar, welche Folgen es haben könnte, wenn seine Spezies erkennen würde, wie simpel, dämlich, hilflos und arrogant die Spezies Mensch ist. An der Stelle weise ich auf Stephen Hawking hin, der aus diesem Grund dringlichst von einer Kontaktaufnahme mit möglichen anderen Lebensformen im Universum abriet. Immerhin hätten die unter Umständen ein Level erreicht, welches ihnen einen Besuch möglich macht.

Allen Anschein nach sind wir nicht einmal ansatzweise dazu fähig, die grundlegenden Probleme anzugehen, aber manche von uns fabulieren von technologischen Lösungen oder gar einem Verlassen der Erde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Universum Mietnomaden mit Messi – Tendenzen benötigt.

Einem Teil der Menschheit ist es außerdem nicht möglich einen Schritt neben sich zu treten und einmal genau hinzuschauen, wozu sie eigentlich tatsächlich fähig sind. Mich beschäftigte eine Weile die Aussage: “Wer Menschheit sagt, will betrügen.” Da ist etwas dran und ich werde darauf noch einmal zurückkommen. Die hier angesprochenen Teile würden feststellen, dass sie vieles unterlassen können, aber keinesfalls mittels Handeln komplexen Prozessen einen gewünschten Verlauf geben können. Auf eine Aktion erfolgt eine Reaktion, dies gehört zu unserem gesicherten Wissen. Bestenfalls sind wir noch fähig, in einfachen Prozessen die nächsten fünf Folgen vorherzubestimmen, mit steigender Komplexität nimmt die Wahrscheinlichkeit ab. In Hinblick auf die primären Themen des 21. Jahrhunderts, der vom Menschen verursachte Klimawandel und die Zerstörung durch Verschmutzung innerhalb des Anthropozän, geht es nicht um einen Schutz, was eine Aktivität ist, sondern um ein Unterlassen weiterer schädlicher Eingriffe in ein System, welches wir bisher nicht verstehen. Mitmenschen, die sich quasi als eine Art Gottesfaktor, in dieses einklinken wollen, unterliegen einem Wahn, was sie zu Wahnsinnigen macht. Ein Wahn, der damit beginnt, dass sie der Auffassung sind, Tod, Krankheiten, Unzulänglichkeiten, Fehlbarkeit, kurzum das Menschliche, ohne Reaktion des Systems überwinden zu können. Für mich ist das aus der Evolution hervorgegangene Großhirn ein Beweis, dass es keine göttliche Macht gibt. Gäbe es sie, hätte sie bestimmt die Idee des Großhirns innerhalb des unvorstellbaren langen Zeitraums einmal durchgespielt und wäre zum Ergebnis gekommen, dass es sich konsequenterweise eines Tages selbst und jegliche andere mühselig in die Wege geleitete Schöpfung vernichtet. Stetig vergrößerte sich die Kapazität des Großhirns. Bis der Zustand erreicht war, in dem die Kapazität das Notwendige überstieg und es sich zu langweilen begann. Irgendwann zu dieser Zeit begann der Anfang vom Ende. Meiner Vorstellung nach passierte einfach alles. Ohne jeglichen Grund passten erst zwei und später sehr viele Atome zueinander. Wie daraus etwas entstanden ist, was wir als Leben bezeichnen bleibt offen. Jedenfalls wissen wir mit ziemlicher Sicherheit, dass die Evolution nichts ist, was nachdenkt, sondern ein sich selbst bedingenden Prozess darstellt. Es passiert, funktioniert oder eben nicht und entwickelt sich weiter. So simpel wie das klingt, so tückisch ist es auch. Über Millionen Jahre hinweg, ist mittels “Try and Error” ein in sich perfekt abgestimmtes Lebenssystem entstanden, von dem wir nur sehr wenig wissen und immer wenn eine/r denkt, etwas zu wissen, tauchen hunderte neue Fragen auf. Ein perfektes Beispiel liefert die Genetik. Kaum glaubten sie den genetischen Code entschlüsselt zu haben und endlich richtig “Gott” spielen zu können, trat den Genetikern die Epigenetik vor das Schienbein. Wann werden welche Schalter zu welchem Zeitpunkt umgelegt, was wird davon vererbt und was wiederum nicht?

Doch nicht nur Multimilliardären, denen das Geld, Macht und Möglichkeiten die Persönlichkeit durcheinander gebracht hat, unterliegen diesem Wahn, sondern ebenso die, welche ihnen in das uns alle (spätestens die Nachfolgegenerationen) betreffende Verderben folgen oder sie mit Forschungen stützen.

Man könnte alles gelassen angehen, wenn es nicht diesen unfairen Aspekt bei alledem gäbe. Die können sich gern in irgendwelche Biosphären begeben und sich dort mit einer Schar Dr. Seltsams umgeben. Doch was haben all die indigenen Völker und Menschen in entlegenen Winkeln zu tun, die versuchen redlich im Einklang mit der Natur zu leben? Wer gibt diesen Geld – Diktatoren das Recht, mittels ihrer Aktionen und Hilfe ihrer bezahlten Gefolgschaft dem Rest der Menschheit den Willen aufzudrücken?

Meine Bitte an den Alien

Hätte ich einen Wunsch frei, ginge der in die Richtung eines Tribunals. Dort müssten sich alle, die sich an der Zerstörung beteiligen verantworten und würden im Zweifel Konsequenzen zu spüren bekommen. Neben dem vorsitzenden Alien säßen bei mir als Geschworene die Vertreter von all den Geschädigten. Dann würde nicht das von Menschen erdachte Geld bzw. der Umsatz oder Verlust über alles entscheiden, sondern das reale Geschehen und damit auch ein wenig der Verstand. Ich glaube schon nach kurzer Zeit, sähe alles anders aus. Das Risiko, statt einer opulenten Managerabfindung eine langjährige Haftstrafe in Bangladesch abzusitzen, schreckte mit Sicherheit einige ab auf alles zu Pfeifen, und würde andere Entscheidungen attraktiver werden lassen.

An dieser Stelle wird begreiflich, warum ich dem Satz mit der Menschheit und dem Betrügen zustimme. Alle, die sich den Menschen näher ansahen, bekamen das Bild eines durch und durch sozialen Wesens. Bereits die Logik sagt einem, dass dies einfach so sein muss, weil wir sonst niemals so weit gekommen wären. Zum Beispiel haben Versuche ein ausgeprägtes Empfinden und Bedürfnis nach Gerechtigkeit aufgezeigt. Die funktioniert allerdings meist nur im unmittelbaren Kontakt. Da ist der Haken. Kaum etwas in uns ist auf das Zusammenleben in Massengesellschaften ausgelegt und noch viel weniger auf ein globales Geschehen. Einige, die erkannten, dass das Verhalten von Massen eine eigene Dynamik hat, schauten sich genau an, wie sie diese nutzen können. Grundsätzlich wäre dagegen nichts einzuwenden. Entscheidend ist, wofür die mannigfaltigen Möglichkeiten der Manipulation genutzt werden.

Aus den Erkenntnissen der Wissenschaften ergibt sich eine ultimative Fragestellung: Entweder, sie liegen richtig, dann befinden wir uns in einer gefährlichen Krise mit gigantischen Ausmaßen oder sie liegen daneben.

Im ersten Fall gilt es auf allen Ebenen konsequent und auch radikal zu handeln. Jeder ist das Ergebnis der eigenen Sozialisation und der Summe der gemachten Erfahrungen. Ich selbst befand mich in zig Großlagen, in denen Einsatzstäbe, besetzt mit Beratern, Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen, Taktiker und Einsatzleitern, versuchten, Geiselnahmen, Entführungen, Erpressungen, anstehende bewaffnete Raubtaten zu einem guten Ende für die Opfer zu bringen. Aufklärer, Spezialisten, Berater, haben die Eigenschaft, unliebsame Fakten mitzuteilen, die oftmals nicht in das Wunschbild der Einsatzleiter passen. Halten sie trotzdem an ihren Wunschvorstellungen fest, aus Unvermögen, Eitelkeit oder Narzissmus, geht jeder Einsatz “in die Hose”.

Überall hört man derzeit etwas von “Verantwortung tragen!”. Letztlich läuft es auf “Alles falsch gemacht!” oder “Alles richtig gemacht!”, hinaus. In den angesprochenen Einsätzen ging es mehrfach um Leben, Tod oder mindestens eine erhebliche Schädigung des Opfers oder des Täters. Zur allgemeinen Verwendung des Worts “Verantwortung”, kommt noch die Prognose hinzu. Allgemein wird behauptet, dass Prognosen eine diffizile Angelegenheit sind und sie meistens eher zweifelhaft sind. Politiker ziehen sich gern in diese Deckung zurück. Ich wende dies hier mal auf Einsätze an. Ausgangslage: Der Täter hält bei einer Geiselnahme dem Opfer etwas an den Kopf, was aussieht wie eine Schusswaffe. Jetzt kann ich hierzu Spekulationen und Prognosen anstellen. Ist es tatsächlich eine scharfe Schusswaffe? Hat der Täter tatsächlich die Absicht zu schießen oder blufft er? Eigentlich will er Geld haben und leben, der Tod einer Geisel ist nicht das primäre Ziel. Wie schätzt er selbst die Lage ein? Wenn er mehrere Geiseln genommen hat, könnte er darauf setzen, dass die eine getötete Geisel den Druck auf die Polizei erhöht. Jenseits aller Prognosen ist der Umstand, dass das Eindringen eines Projektils in den Kopf der Geisel mit 99 % zum Tod führen wird, eine Tatsache. Alles verändert sich, wenn politische Forderungen gestellt werden. Dann wäre für den Täter bei Nichterfüllung seiner Forderungen die Tötung der Geisel und der sogenannte “Suicide by Cop” ein Märtyrer – Akt. Gut, hier in dieser Lage eine Entscheidung zu treffen mag dem einen oder anderen noch leicht fallen. Wobei der Einsatzleiter u.U. lediglich den sogenannten “Finalen Rettungsschuss bei günstiger Gelegenheit” freigibt. Entscheiden und den Finger krümmen muss der Schütze.

Jetzt ändere ich die Ausgangslage. Der Täter hat überlebt und seine Strafe bekommen. Nach 11 Jahren ist er wieder auf freien Fuß und plant den nächsten Coup. Davon bekommt die Polizei Wind und heftet sich an ihn. Plötzlich kommt es zu einer Situation, wo nicht klar ist, ob sich wirklich der Richtige in einem Fahrzeug befindet. Dies lässt sich nur mit einer Kontrolle ermitteln. Nur wie? Freundlich anhalten und ihn nach den Papieren fragen? Wer sagt mir, dass der nicht die Nerven verliert und sich den Weg freischießt? Die passenden Berater werden eine Kontrolle empfehlen, die rüde, aber effektiv ist und dem möglichen Verdächtigen keine Chance lässt. Womit der dann aber auch weiß, dass seine Pläne bekannt sind. Ist ein anderer Mann im Fahrzeug, liegt ein unbescholtener Bürger auf der Straße und beschwert sich lautstark über Polizeigewalt. Außerdem wird es viel schlechte Presse geben. Nun gehe ich im nächsten Schritt davon aus, dass es sich nicht um einen “normalen” Gangster handelt, sondern den politischen Attentäter, welchen beim ersten Mal der Mut verließ, er sich deshalb weiter radikalisiert hat und bereits länger mit der Schmach leben muss, nicht den Märtyrertod gestorben zu sein. Der verlässt unter Beobachtung mit einem großen Rucksack sein Haus. Läuft zur nächsten U – Bahn und fährt in Richtung Innenstadt. Auf der Fahrt führt er mit seinem Telefon zweideutige Gespräche, die so oder so ausgelegt werden können. Und jetzt?

Im Regelfall werden sich Einsatzleiter für die Maßnahmen mit den wenigsten Folgen entscheiden. “Es wird schon gut gehen!” Und das sich einer in der Berliner U – Bahn in die Luft sprengt, kam bisher noch nicht vor. Gleiches gilt für Ultra – Leichtflieger von Greenpeace. Das ist keine Blaupause! Es soll auch andere Entscheider geben, womit auch der Attentäter seine eigenen Risiken abwägen muss. Leute, die oft mit der Materie zu tun haben, hegen andere Gedanken. Für mich gesprochen: “Wer durch sein Vorverhalten, z.B. Hassbotschaften bei YouTube, vorangegangene Taten im Ausland o.ä., zeigte, wo die Reise u.U. hingeht, muss zwingend damit rechnen, dass er sich in akute Lebensgefahr gebracht hat u. andere nicht bereit sind, das Risiko einzugehen.”

“Es wird schon gut gehen und einen für alle hinnehmbaren Verlauf haben!” Schlecht, wenn es anders läuft. Psychologisch gesehen kommt dabei hinzu, dass die Entscheider ein vollkommen anderes Abbild der Welt in sich haben und damit auch über eine andere Persönlichkeitsstruktur verfügen. Politiker sind es gewohnt auf Menschen zu treffen, mit denen verhandelt werden kann. Sie richten sich nach Grundsätzen, denen nach zum Beispiel ein gutes Ergebnis eine Einigung ist, bei der keiner über den Tisch gezogen wurde und auf Rache sinnt. Dies nennt sich “Win – Win – Strategie.” Hierfür notwendig sind Handlungsspielräume. Außerdem kalkulieren sie Zeitverläufe ein, in denen der Verhandlungsgegner Geld verliert und deshalb ein Interesse an einem schnellen Abschluss hat (Arbeitgeber/Gewerkschaftler) oder sie stellen vorsätzlich inakzeptable Forderungen, die weit über das tatsächlich gewünschte Ziel hinausgehen und der vermeintliche Kompromiss entspricht dann dem eigentlich gesteckten Ziel (Seehofer: Überwachung).

Bei solchen Verhandlungen gibt es die Taktik des “Chicken – Run”. Zwei Fahrzeuge rasen aufeinander zu und wer ausweicht, verliert. Anfangs haben beide Fahrzeugführer eine identische Ausgangslage. Die ändert sich schlagartig, wenn einer der beiden das Lenkrad demontiert und es für den Gegner sichtbar aus dem Fenster hält. Jetzt ist klar: Der kann, selbst wenn er wollte, nicht mehr ausweichen. Varoufakis, damals Wirtschaftsminister von Griechenland, setzte bei den Verhandlungen mit Schäuble mehrfach auf diese Taktik. In dieser Welt leben Politiker.

Die Neoliberalen und Konservativen zeigten sich furchtbar empört, als ihnen Aktivisten entgegenschleuderten: Die Natur und das Klima verhandeln nicht. Diese Ansage wäre jenseits dessen, was man unter Demokratie versteht.

Was die Damen und Herren dabei übersehen, ist die Tatsache, dass das Klima, so man es denn personifizieren will, längst das Lenkrad aus dem Fenster gehalten hat. In Ermangelung eines echten Verhandlungspartners wenden sich die Protagonisten aus der Wirtschaft und Politik an die Wissenschaftler, um mit denen irgendwelche Vor – u. Nachteile auszuhandeln. Was sie anstreben ist eine Win – Win – Lösung. Doch die Wissenschaftler können nicht verhandeln, sie sind nur die Kundschafter und Berichterstatter dessen, was da draußen vor sich geht. Und was sie präsentieren sind keine eigentlichen Prognosen. Mit ziemlicher Genauigkeit können sie eine Momentaufnahme wiedergeben und daraus ableiten, welchen Verlauf der Prozess bei günstigster und schlechtester Annahme unter Voraussetzung unveränderter Parameter nehmen wird. Ob die sich ändern, ist eine Prognose, die schwer erstellt werden kann. Den ständig hinzugezogenen alles verändernden Meteoriteneinschlag können wir auf absehbare Zeit ausschließen, davon wüssten die Wissenschaftler. Vulkanausbrüche, Erdbeben oder die Landung von Aliens sind immer im Topf. Bahnbrechende Erfindungen und die benötigte Zeit für eine verändernde Wirkung lassen sich ganz gut herleiten. Womit auch möglich ist, sie mit den Zeitverläufen der Klimaveränderungen abzugleichen. Wobei deutlich anzumerken ist, dass das Klima eins der Probleme von vielen ist. Da sind die Folgen der Verschmutzung durch Müll, Gifte, Mikroplastik, oder die anstehenden Verknappungen von Sand, Wasser, fossilen Ressourcen aller Art, noch nicht einkalkuliert. Ein wandelbarer Parameter ist selbstverständlich das weltweite politische Handeln. Kämen innerhalb der nächsten Monate alle zur Vernunft, könnte sich alles ändern. Vielleicht sitzt auch irgendwo eine Clique in einem stillen Kämmerlein und überlegt sich, wie es wäre, wenn man das Risiko eines atomaren Krieges eingehen würde und eine große Zahl der Konkurrenz eliminiert, sodass man einfach weiter machen kann. Irgendwo beim russischen, amerikanischen oder chinesischen Militär gibt es bestimmt einige, die das mal gedanklich durchgespielt haben. Ist Trump verrückt, ignorant oder einfach nur ein eiskalter brutaler Typ, der die Vernichtung der anderen für eine Option hält? Mich, als ehemaligen Ermittler der Kripo interessiert die Position nicht. Mein Interesse gilt dem Menschen und der Persönlichkeit. Mir ist auch vollkommen egal, wie viel Geld ein Bezos, Musk oder Gates haben. Viel wichtiger ist doch, was sie von sich zeigen und wozu sie diese Macht in ihren Händen befähigt. Ein halbwegs vernünftiger Milliardär ist eine andere Hausnummer, als ein Psychopath, Soziopath, Narzisst, mit den Möglichkeiten eines Milliardärs. Heruntergebrochen auf kleine Verhältnisse: Ein schlecht ausgebildeter und einfach strukturierter Typ, dem ich die notwendigen Einzelteile und Chemikalien für einen Sprengsatz in die Hände drücke, ist ein harmloser Besitzer von Elektrokram, einem Druckbehälter und Chemikalien. Handelt es sich um eine/n Chemiestudenten/in, ambitionierten Hobbybastler oder gar Ex – Militär, wird es interessant. Warum ist eigentlich jemand so erpicht darauf, als erste Zivilperson mit einer Rakete ins All zu fliegen? Oder warum investiert jemand Unsummen zur Entwicklung von Schnittstellen zwischen Künstlicher – u. menschlicher Intelligenz, mit der Vision, das Bewusstsein auf ein unsterbliches Speichermedium zu übertragen?

Nein, es gibt meinem Verständnis nach keine Verhandlungsoptionen und auch keine Strategien, die das Aufrechterhalten des Status quo ermöglichen. ICH sehe ausschließlich notwendige radikale weltweite Veränderungen, die den kommenden nächsten drei Generationen ein nach unseren heutigen Vorstellungen menschliches Leben mit erheblichen Abstrichen zu dem, was wir, die vorhergehenden Generationen uns an Luxus erlaubt haben, ermöglichen. Das ist ungerecht, aber hat sich bedauerlicherweise so ergeben. Geschieht dies nicht, kann es zu unterschiedlichen, nach aktuellem Verständnis, üblen nicht wünschenswerten Szenarien kommen. Der Konjunktiv bezieht sich bei mir nicht darauf, das keins davon eintritt. Es ist nur nicht sicher, welches passiert. Vom Atomkrieg, ausgelöst von Mächten, die mit dem Rücken zur Wand stehen, eine Serie weltweiter konventioneller kriegerischer Auseinandersetzungen um die verschwindenden Ressourcen und attraktiven Landgebiete, die Konzentration der Weltbevölkerung auf technologisch bewohnbar gehaltener Gebiete oder brutalste dystopische Gesellschaftsverhältnisse. Persönlich glaube ich daran, dass das zuletzt genannte sich als Erstes ausbreiten wird. Ich habe Chinatown in Bangkok gesehen und mir von Brasilianern ausgiebig das Leben in Favelas beschreiben lassen. Wer als Deutscher denkt, dass das alles bei uns nicht kommt – ist naiv und gibt sich zum Selbstschutz Wunschvorstellungen hin. Dazu gehören auch die, welche die Vorstellung haben, mittels Grenzschließungen, Abschiebungen o.ä. etwas zu ändern. Wenn ich mir die Windpocken einfange – hier Klimawandel, Artensterben, Verpestung u. Zerstörung der Lebensräume -, werde ich den Ausschlag – Krisen, Unruhen, massive Fluchtbewegungen, Zusammenballung der Menschen auf wenige Gebiete, Kriege, usw. – nicht verhindern können. Andersherum heilt die Salbe gegen den Juckreiz auch nicht die Erkrankung.

Gut ist, wenn man selbst eine günstige Ausgangsposition hat. Ich frage mich immer, was die ganzen 50 – 60 -jährigen Demonstranten auf der Straße machen. Ganz besonders, wenn es Querdenker, Esoteriker, Neue Rechte, sind.

Voraussichtliche statistische 20 – 30 Lebensjahre in einem westlichen industrialisierten Land mit einer Wohlstandsgesellschaft, im Verhältnis zu anderen Staaten ziemlich optimalen Gesundheitsversorgung (sonst kämen die Rentner, welche im Ausland die Sonne genießen, nicht für Arztbesuche nach Deutschland zurück), sind doch keine schlechte Ausgangslage. Selbst wenn es in den nächsten Jahren zu Abstrichen kommt, ist der Abstand zu ärmeren Ländern immer noch so groß, dass ich mit meinen 55 Jahren, deren Verhältnisse nicht einmal als Greis erleben werde. Wenn jemand Bambule machen sollte, dann sind es die bis 30 – jährigen. Die haben ein eklatantes Problem. Sie haben die identischen reaktionären Kräfte vor sich, die nicht Lösung, sondern Teil des Problems sind, wie Gleichgesinnte und Ich in jungen Jahren. Aber wir konnten davon ausgehen, dass sich deren Gebaren in geschätzten 80 – 100 Jahren massiv auswirken wird, während vorher erst einmal kleine Hautreizungen zu spüren sein werden. In vielen Bereichen hatten wir leider recht und die Zeit verkürzt sich nun für die Jungen. Wenn meine Töchter um die 50 sind, knallt es bereits spürbar. Auch werden sie Verluste hinnehmen müssen. Selbst innerhalb mieser Verläufe finden manche immer noch Nischen, wechseln die Seiten, wiegeln ab, weil es ihnen gut geht. Dies ist dann eine eine philosophische Haltung. Ich hab’s geschafft! Was kann ich dafür, wenn die anderen es nicht hinbekommen? Beim älter werden, neigen viele zur kognitiven Dissonanz. Welcher ehemalige Revoluzzer will schon zugeben, dass er sich von der anderen Seite hat kaufen lassen? Schon gar nicht, wenn es keine persönlichen Konsequenzen hat. Für damalige Verhältnisse bin ich ziemlich jung Vater geworden. Ich merke langsam, wie unangenehm die Anklagebank sein kann. Dem einen oder anderen wird dies auch noch widerfahren. Ja, auch das ist eine neue Perspektive.

Fazit:

Ich freue mich über jede/n junge/n Frau/Mann, die den Kopf hochnehmen und aufhören sich als Deutsche zu sehen, statt dessen sich als Teil aller auf diesem Planeten lebenden Menschen und Mitlebewesen zu betrachten. Genau dieser Sichtweise dient die Einnahme der Perspektive eines Außerirdischen. Manche politischen Entscheidungen mögen kurzfristig für das Geburtsland positiv erscheinen, aber langfristig ist es in das Gesamtgeschehen eingebunden und schädigen langfristig. Griffiger ausgedrückt: Wir schwimmen im selben Becken und die Schwimmkette, die einen Bereich für Inkontinente abgrenzt, ist Kokolores. Daran muss ich oft denken, wenn in Diskussionen auf andere Staaten verwiesen wird. Diverse europäische Länder scheren sich einen feuchten Kehricht um die deutsche Energiepolitik. Viele Staaten erhöhen sogar ihr Schadpotenzial, als wenn sie es nicht abwarten könnten von der Klippe zuspringen. Aber ist das jetzt Grund genug selbst ins Wasser zu pinkeln und den Harnstoffgehalt zu erhöhen? Ist es nicht vielmehr angezeigt, wenigstens den Versuch zu unternehmen, ein wenig Verstand zu zeigen?

Ein charakteristisches Zeichen dafür, wo in meinem Geburtsland das Denken hingeht, ist das penetrante Gezeter bei Straftaten. Wurde die Tat von einem/einer/mehreren Ausländern/innen begangen? Gab es einen religiösen Hintergrund? Welchen Unterschied macht es, ob ein/e Deutsche/r das Opfer war oder die Tat von einer/m Ausländer/in begangen wurde? Erhöht oder mindert die Nationalität den Grad der Schuld? Oder geht es mehr ins Infantile? “Machst Du das zu Hause auch?” oder “Junge, wenn Du zu fremden Leuten gehst, benimm Dich anständig!” Macht es einen Unterschied, ob ich in Laos einen Typen umhaue oder innerhalb von Deutschland? Gut, mit Sicherheit in der Strafbemessung. OK, Thailänder haben da bei Verkehrsunfällen eine einfache Formel. “Wärst Du nicht in mein Land gekommen, hätte es zumindest diesen Unfall nicht gegeben!” Seltsam, dass ausgerechnet meine Landsleute über diese Logik empört sind. Ich persönlich finde sie tatsächlich ein wenig fragwürdig und sie will nicht so richtig in den dort verbreiteten Buddhismus passen. In der Matrix der Betrachtung sind noch die Unterschiede bei den Opfern übrig. Ist es weniger beklagenswert, wenn das Opfer keine Wurzeln in Deutschland hat? Warum können wir uns nicht darauf einigen, dass Menschen aufeinander trafen? Ich bin nicht wirklich für meine Zurückhaltung bekannt. Wenn sich eine/r daneben benimmt und der Meinung ist, der Mittelpunkt der Welt zu sein, werde ich unangenehm. Mir ist dabei allerdings ziemlich egal, wer da vor mir steht. Ich mache da keinerlei Unterschiede. Wer bettelt, bekommt! Das ist eine recht einfache Formel.

Was da bei den Leuten durchblitzt ist der pure Nationalismus, innerhalb dessen Unterschiede in der Bewertung bestehen. Die/der Deutsche befindet sich auf einem anderen Level, wie die anderen. Ich kann nicht gelten lassen, dass es einen Unterschied darstellt, ob ich etwas zu Hause oder in der Fremde mache. Ich treib es mal auf die Spitze. Wo liegt der Unterschied, wenn mehrere Deutsche in Kambodscha systematisch 12 – 14 – jährige Mädchen sexuell missbrauchen oder 4 Afghanen dies in Europa tun?

Jetzt gerade geht im Internet ein Video von einem Protest einiger junger Frauen viral, der sich gegen einen österreichischen Sender richtet, welcher die Nationalität von 4 Sexualstraftätern und Mördern herausstellte. Die Aktion verpufft völlig, weil die jungen Frauen hysterisch schreiend unterwegs sind und sich somit Hohn und Spott einfangen. In den Social Media wird ihnen unterstellt, dass sie sich auf die Seite der Täter schlagen. Mitnichten tun sie dies. Sie verwehren sich dagegen, dass die Straftaten instrumentalisiert werden. Der Pöbel – Journalismus benutzt die Tat, um alle Afghanen zu diskreditieren und lenkt gleichzeitig von den Taten ab, die gerade in Deutschland bekannt wurden. Mir ist auch nicht bekannt geworden, dass die sich immer mehr häufenden Taten seitens katholischer Geistlicher die gleiche Honorierung in der breiten Masse erfuhren, wie die der Afghanen.

Was ich gelten lasse, ist der Umstand der fremden Sozialisation, auf die wir keinen Einfluss haben. Doch so richtig scheint unsere auch nicht zu funktionieren. Jedenfalls sprechen Pädophilen – Ringe und Taten ausgehend von Deutschen dagegen. Einzuräumen wäre auch die Folgen der Taten. Der deutsche Strafvollzug zieht Berufsverbrecher aus allen Ländern quasi magisch an. Die Betonung liegt auf: Berufsverbrecher! In deren Lebensplanung ist mindestens ein Gefängnisaufenthalt fest eingeplant. Und wenn schon, dann in Deutschland mit medizinischer Versorgung. Für professionelle osteuropäische Bandenmitglieder ist der deutsche Strafvollzug quasi ein Kur – Aufenthalt. Aber ich unterstelle den jungen Afghanen, dass sie davon weit entfernt sind. Bei denen kommt eher zum Tragen, dass sie gar keine Lebensperspektive oder Plan haben, was sie zu lebenden Zeitbomben macht.

Nein, viel relevanter ist es, warum den Menschen die Nennung der Nationalität wichtig ist, was ihnen das gibt und wer sich alles in diesen Sattel schwingt. Sie wollen die Guten sein und ihr Bedürfnis wird bedient. Sie wollen weder die Sklavenhalter, die Nutznießer weltweiter Kinderarbeit, die Verursacher von Müllhalden in Südostasien, Bangladesch, Indien, die Zerstörer fremder Märkte oder Unterstützer brutaler Regime sein. Sie möchten bei Fußballspielen, der modernen Version des römischen Zirkus Maximus, mitfiebern, ohne sich Gedanken über das kriminelle Rundherum machen zu müssen. Jedes Mitglied der einflussreichen Nationen ist äußerst pikiert, wenn es auf die Sauereien angesprochen wird. Australier mögen Hinweise auf ihre faktische Apartheid gegenüber den Ureinwohnern nicht, US – Amerikaner wollen nicht als weltweites Sicherheitsrisiko für die Gefahr eines Atomkrieges betrachtet werden, Japaner wollen nicht auf Rassismus angesprochen werden, Chinesen nicht auf ihren Kolonialismus, die Russen nicht auf ihren mafiosen Staatsapparat und die Deutschen nicht darauf, dass sie ohne Ansehen der Person und Taten jedem unter die Arme greifen, wenn der Profit stimmt. All das und vieles mehr sprühen wir auf einen Bus, der ohne Bremsen auf einen Abgrund zu rast.

OK! Dann soll es so sein. Schenk noch mal ein mein Freund.

März 22 2019

Friday for Future

Lesedauer 3 MinutenEine illustre Mischung sammelte sich an jenem Freitag im Invalidenpark unweit vom Naturkundemuseum. Wer hat sich nur diesen seltsamen Platz für eine Demo ausgesucht? Er wirkt mehr wie zugeteilt, damit niemand gestört wird. «Hast Du eine Ahnung, ob die hier nur Antreten oder laufen die zum Kanzleramt?» Meine jüngere Tochter, selbst längst aus der Schule heraus, zuckte mit den Schultern. Also standen wir beide nebeneinander und harrten der Dinge. Am Beginn hatten sich vielleicht 200 Schüler und grob geschätzte 50 Unterstützer versammelt. Großeltern, Eltern oder einfach nur Sympathisanten. «Omas gegen Rechts!» Hielten zwei Frauen ein Pappschild nach oben, «Sag mal haben die das Schild an einem Teppichklopfer fest gemacht?», fragte mich meine Tochter. Ich musste grinsen. «Das nennt man problemlösendes Denken!» Ein paar alte Hippies in ihrer ganzen Farbenpracht hatten sich auch dazu gesellt. So schräg sie auch aussahen, echte Chucks, eine teure NIKON Kamera, Schmuck aus Thailand und Tibet, verrieten den Wohlstand. Einer hielt das Schild «GLOBAL 2000 las ich mit 15.»
«GLOBAL 2000? Ist das schon so lange her?»
«Ja, bin schon ein wenig älter. 1981 oder `82, weiß nicht mehr so genau. Du stammst doch auch noch der Zeit, oder?»
Ich nickte. «Ja, da war mal etwas.»
«Und? Meinst Du, wir müssen uns schämen, weil wir es verbockt haben?»
Kopfschüttelnd antwortete ich: «Nein, Gorleben, Mutlangen, Castor, Wendland, viele von unserer Generation haben eine Menge versucht. Wenn überhaupt haben wir nicht aufgepasst und die Typen mit den Digitaluhren, Aktenkoffer und Lederkrawatte durchkommen lassen. Das war allerdings ein Fehler. Karriere war halt nicht unser Ding.»

Meine Tochter stellte fest: «Die brauchen dringend einen Tontechniker!» Tatsächlich war der Ton mies und die Redner kaum zu verstehen. «Ich habe nichts gegen Motherfucker, aber niemand fickt Mutter Erde!», drang dann doch noch von einem Oberschüler durch die gequälte Box. Grundschüler, Oberschüler aller Altersklassen, mittlerweile an die 600 bildeten einen Pulk.
«Ich hätte ja auch einen Spruch.», sagte ich zur Tochter.
«Und?»
«Wir schwänzen nur die Schule, ihr die Schule des Lebens!»
«Klingt ganz gut.»
«AKK es ist nie zu spät zum Lernen!», reckte eine vielleicht dezent über Sechzigjährige nach oben.
Schulschwänzer? Ich sah nur Demonstranten. Überzeugt und engagiert. Die Aussage kann sich ohne hin nur eine oder einer einfallen lassen, der nichts mehr in seinem verbitterten verkalkten Gehirn hinbekommt. Wer schwänzen will, lässt die anderen demonstrieren und rennt nicht bei 10 Grad mit einem Pappschild in der Gegend herum. Eigentlich bezeichnend, dass Menschen, die offensichtlich lieber schwänzten, statt zu demonstrierten, jetzt mit über Fünfzig auf engagierter Politiker machen.

Am Rande sah ich einen jungen Mann der Flyer für eine App verteilte. Irgendetwas, was man auf sein Smartphone laden kann. Also selbstverständlich nur auf ein IPhone.
«Findest Du das OK, den Scheiß hier zu verteilen?»
«Ja, klar es geht doch um Umwelt?»
«Kapitalismus hast Du nicht begriffen oder?» Mit einem bösen Blick wandte ich mich ab. Einfach der falsche Ort eine derartige Diskussion zu führen. Die Schmeißfliegen des Kapitalismus. Alles wird zu einem Gut. Selbst der Protest und die Demonstranten werden zu Kunden.
«Kommt alle, nächsten Freitag kommt Greta. Wir machen das solange, bis jemand mit uns redet.» Sie werden nicht kommen. Jedenfalls nicht auf die Straße, da können sie nur verlieren. Das Format der sechziger Jahre, wo sie sich stundenlange Wortgefechte mit den Studenten lieferten, haben sie heute nicht mehr.
«Blöder Personenkult!», sagte ich zum Typen neben mir.
«Na ja, wenn es hilft?»
«Schon, aber das macht angreifbar. Es geht um die Sache! Diese Affen werden sich darauf als erstes stürzen. Das kennen sie, einem Leitaffen hinterherrennen, machen sie schon ihr ganzes Leben, bis der auf einer Banane ausrutscht und sie den Leitaffen ablösen können. Na, wir werden sehen.»

Nach zwei Stunden der Abbruch und Rückweg zum Bahnhof. An der Ampel stehend rollte die Blechlawine vorbei. In jedem Auto nur eine Fahrerin oder ein Fahrer. Die Abgase standen neben dem Stau. Ich drehte mir eine Zigarette. «Ist Dir was aufgefallen? Da hättest Du keinen um eine fertige Zigarette bitten können. Die da waren erfüllten alle das Klischee des Selbstdrehers.»
Meine Tochter lachte. «Stimmt!»
Ich schaute wieder auf den Verkehr. Das wird nichts werden, es mag einen Versuch wert sein, aber sie sind zu blöd. Neben uns lief eine Gruppe Pubertierender dumm im «Kanack» miteinander redend an der roten Ampel auf.
Meine Tochter schaute sie skeptisch an. «Manchmal frage ich mich, ob es wirklich eine gute Idee ist, für das Überleben zu kämpfen.»

Bisweilen liegen wir nicht weit auseinander. Alles in allem eine nette Demonstration mit deutlich Potenzial nach oben. Zu leise, zu brav, zu zurückhaltend unter Beobachtung des Staats. Eine Frage an meinen alten Arbeitgeber. Ein BeDo – Trupp bei einer harmlosen Schülerdemo? Die Direktion Einsatz mit Patches wie ein Pfingsochse und lauter Gebamsel am Einsatzanzug und Weste? Zwei Funkwagen und das stinknormale Ehrenkleid mit Mütze hätten es auch getan und einen besseren Eindruck hinterlassen. Da demonstriert die Zukunft und wir prägen sie mit.

März 21 2019

Die unsichtbare Diktatur

Lesedauer 9 Minuten

Wer die Welt als sein Selbst erachtet, dem kann man die Welt wohl anvertrauen. Wer so die Welt liebt und gleichsetzt mit sich selbst, dem kann man die Welt überlassen.

Laotze, verm. 6. Jhd v.Chr.

Ich hatte hier im BLOG bereits einmal etwas zum Thema Freiheit geschrieben. Auf meinem Trip durch Asien 2018/2019 begleitete mich das Thema nahezu täglich. Ich reiste durch Länder, die wenig von der Freiheit des Individuums halten, welche die dies offensichtlich zeigen und andere, die von sich behaupten die Freiheit zu gewähren, es aber nicht tun.

Die Freiheit des Menschen und seines Denkens hat mich für mich als deutschen Staatsbürger eine besondere Bedeutung, insofern im Deutschen Grundgesetz diese garantiert wird und die Grundrechte darauf ausgelegt sind, sie jedem Bürger zu ermöglichen. Doch nur weil verfassungsgemäß Freiheit garantiert wird, bedeutet dies noch lange nicht, dass der Begünstigte sie auch tatsächlich nutzt. Es gibt eine Menge Bilder, die man zur Veranschaulichung benutzen kann. Nach längeren Abwägungen finde ich am deutlichsten das Gleichnis mit einem Rahmen.

Das Grundgesetz gibt einen modernen Rahmen, der ein Bild umgibt. Doch wird ein altes Gemälde durch diesen ein modernes? So sehe ich das deutsche Bürgertum, ein altes Gemälde umgeben von einem modernen Rahmen.

Ich persönlich finde «Freiheit» nicht unproblematisch. Da wären die Menschen, die die ihnen gegebene Freiheit dazu benutzen, sie für andere abzuschaffen. Frei nach Goebbels, der spottete, dass die ihm zuteil gewordene Freiheit noch lange nicht bedeutet, dass er und seine Mitstreiter, diese auch der anderen Seite zugestehen. Freiheit geht für mich auch einher mit Verantwortung und Vernunft. Übergebe ich einem Menschen, der weder vernünftig ist, noch dazu bereit ist, für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen, ist sie in seinen Händen eine Zeitbombe.

Wer im Nebel über die A2 fährt, kann dieses auf der linken Spur verfolgen. Freie unvernünftige und unverantwortliche Bürger rasen in einer freien Marktwirtschaft produzierten Vehikeln ohne Sicht durch den Nebel. Vernunft und der Mensch scheinen nicht zwingend zusammen zu passen.
Gleichermaßen sieht es beim Kapitalismus und dem zerstörerischen Wirken des Menschen in Bezug auf seine Umwelt, und damit auf sich selbst aus. Die Unvernunft beginnt bereits bei der Trennung zwischen Umwelt und Mensch. Jede Umweltzerstörung ist auch ein Verbrechen an der Menschheit und allen anderen Lebewesen. Beides gehört untrennbar zusammen.

Ein echtes Dilemma. Einerseits ist das, was wir unter Freiheit verstehen, das Recht eines jeden Lebewesens, doch übergeben wir sie einem Großhirnbesitzer, wird es problematisch und endet stets auf ein Neues in einer Katastrophe. Ein theoretischer Lösungsansatz wäre, den Menschen schon von Kindesbeinen an, den Umgang mit der Freiheit zu vermitteln. Reine Theorie! Das kollektive historische Wissen und die Erfahrungen, sagen uns: Unmöglich! Am Ende macht uns der Faktor Mensch immer einen Strich durch die Rechnung.

Der amerikanische Ökologe Garret Hardin setzte sich in den Sechzigern mit einigen Aspekten in seinem berühmt gewordenen Aufsatz: Die Tragik der Allmende auseinander. Er betrachtete sogenannte Kollektivgüter und setzte sie mit der mittelalterlichen Allmende gleich, auf die jeder Bauer sein Vieh treiben durfte. Jeder Bauer versucht, sein Vieh solange wie möglich grasen zu lassen, während sich niemand um die Rekultivierung des Bodens kümmert, somit das Land verödet.

Sein Aufsatz wurde zum Fetisch aller Liberaler und Befürwortern des Kapitalismus. Daran änderten auch diverse Nobelpreise für Analysten nichts, die zumindest abschwächende Lösungsansätze fanden.
Fakt ist, dass die Privatisierung immer Gewinner und Verlierer hervorbringt.Aus diesem Grunde meiner Meinung nach zumindest kritisch zu betrachten. Unter dem Strich entsprach die Adaption seitens der Neoliberalen nicht der Intention des Ökologen, der sich ausschließlich auf eine aus seiner Sicht drohende Überbevölkerung der Erde bezog. Eine Art rhetorische Universalwaffe der industralisierten Länder gegen die Dritte Welt. Gern übersehen wird dabei, dass viele Kinder in der Dritten Welt das fünfte Lebensjahr nicht erreichen. In Sozialsystemen die auf eine Versorgung der Alten durch die Kinder ausgerichtet ist, für die Eltern eine schwierige Prognose.

Im Kapitalismus und in seiner Ausformulierung dem Neoliberalismus, nach heutigem Verständnis, wird Verantwortung durch Gewinnmaximierung ersetzt.

Der Manager eines Konzerns hat sein Handeln darauf auszurichten, dass die Aktionäre das größt mögliche Kapital ausgezahlt bekommen. Dabei sollte vor dem Hintergrund der anstehenden Probleme, der größt mögliche Nutzen und Schadensabwendung für die Erde das Kriterium sein. Konzerne sind keine natürlichen Personen, die sich einzeln in einer Verantwortung sehen. Noch übler sind Investmentriesen, die an jeder Krise verdienen. Per Computer gestützter Analyse erkennen sie sofort, welche Investitionen innerhalb der Krise das größte Kapital abwerfen. Ich empfinde dies als pervers, wider jeglicher Verantwortung und ethisch unvertretbar. Ich stelle mir vor, meinem Nachbarn geht aus irgendwelchen Gründen im Winter das Heizmaterial aus und ich kaufe in der gesamten Umgebung rechtzeitig alles auf, um es ihm dann zu einem überhöhten Preis zu verkaufen.

Für mich steht und fällt alles mit der Verantwortung des Individuums. Das bedeutet, ich muss Rechenschaft für mein Handeln vor jemanden oder einer dazu berufenen Institution ablegen. Religionsstifter haben das praktischerweise ganz nach oben zu einer imaginären Instanz – Gott – delegiert.
Baust Du zu irdischen Lebzeiten Mist, folgt die Strafe nach dem Tode. Na ja, das kann man schon einmal drauf ankommen lassen. Für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit, wurde mit sehr bedingten Erfolg der Internationale Gerichtshof eingerichtet. Vorsorglich lehnen die USA den Strafgerichtshof in Den Hag ab.

Nochmals: Jede Umweltschädigung ist ein Verbrechen gegen die Menschheit! Ob nun Öltanker versinken, Fracking, Regenwaldabholzung, weiterer CO2 Ausstoß, das ungebremste Verbrennen fossiler Brennstoffe, alles davon ist ein Verbrechen, das international zu verantworten ist. Jedem der dazu eine Unterschrift leistet oder sich daran beteiligt müsste bei einem gerichtlichen Ansatz klar sein, dass dies bei Bekanntwerden übel endet. Leider hat die Weltgemeinschaft gelernt, dass dieses bei Kriegsverbrechen nicht funktioniert.

Eben jene angesprochene Verantwortung wird konsequent abgelehnt. Aber wer Verantwortung ablehnt, verwirkt auch das Recht auf Freiheit. Beides steht in unmittelbarer Verbindung zueiander.
Die Deutschen verwenden neuerdings gern das Wort Meinungsfreiheit. Jeder darf frei seine Meinung äußern. Was ist das eigentlich eine Meinung? Im DUDEN steht hierzu: “persönliche Ansicht, Überzeugung, Einstellung o. Ä., die jemand in Bezug auf jemanden, etwas hat (und die sein Urteil bestimmt).”

Jemand kann und darf zum Beispiel die Ansicht vertreten, dass die Erde eine Scheibe ist, Äpfel nach oben fallen und die Addition von zwei und zwei, fünf ergibt. Hilfreich ist diese Meinung nicht, dass sie den naturwissenschaftlichen und mathematischen Erkenntnissen widerspricht. Erkenntnis basiert wiederum auf der Fähigkeit durch geistige Verarbeitung von Eindrücken und Erfahrungen zu einer Einsicht zu kommen.

Die o.g. Ansichten zeigen demnach auf, dass der Äußernde nicht dazu in der Lage ist, kognitiv Forschungsergebnisse, Erfahrungen und Eindrücke zu verarbeiten. Kaum jemand würde auf die Idee kommen, so einem Menschen ernsthafte Aufgaben zu übertragen.Ich stelle mir den Auftrag an einen Architekten vor, der das Ergebnis “fünf” zu seiner durch das Grundgesetz verbürgten freien Meinung deklariert.

Aber wir übergeben solchen Menschen politische Aufträge. Nichts anderes passiert nämlich, wenn ein Politiker sagt: «Es mag sein, dass 23.000 Naturwissenschaftler, darunter so ziemlich alle anerkannten renommierten wissenschaftlichen Institute der Bundesrepublik Deutschland Erkenntnisse zum auf menschlichen Handeln basierten Klimawandel liefern, aber ich habe eine andere Meinung.» Anders: «Es ist mir vollkommen egal, wenn Mathematiker sagen: 2 + 2 = 4. Meiner Meinung nach lautet das Ergebnis – fünf – ». Diese Aussage ist von der Meinungsfreiheit gedeckt, aber wie gesagt nicht hilfreich.

Vielleicht lautet die Aussage übersetzt auch anders. «2 + 2 = 4, ist grundsätzlich richtig, 5 passt mir aber besser in den Kram und ist für meine Ziele förderlicher, deshalb bleibe ich dabei.»

Dies würde bedeuten, dass dieser Mensch seine Freiheit dafür nutzt seine Ziele durchzusetzen. Wenn das Ergebnis seines Verhaltens katastrophal ist, muss er dafür zur Verantwortung gezogen werden. Da diese Katastrophe bei einer derartigen Realitätsverweigerung und kognitiven Minderleistung erwartbar ist, sollte schlauerweise vor dem Eintritt interveniert werden. Man finde den Fehler!

In der öffentlichen Diskussion hat es sich durchgesetzt einfach mal «fünf» zu sagen. Nicht nur, weil diese Leute schlicht keine Ahnung vom richtigen Ergebnis haben, sondern weil ihnen das falsche Ergebnis von «Meinungsmachern» als korrekt suggeriert wird. Hier schließt sich der Kreis. Kann ich noch Freiheit sprechen, wenn die Leute bis zur Unterkante mittels Kampagnen vom eigenen Denken befreit sind und von anderer Seite her ferngesteuert werden? Sie an das falsche Ergebnis “fünf” glauben, an dem wiederum ein anderer mit Kalkül Geld verdient?

Wer in Gesprächen innerlich die verwendeten Worte und Argumentationsketten der Anwesenden notiert, stellt schnell fest, wie hoch der Durchsatz mit Schlagworten und Konnotationen ist. Wer den Verdacht hat, dass bei einem Verhandlungspartner ein unsichtbarer Berater dahinter steht, muss nur auf die Wortwahl achten. Entspricht sie nicht der angestammten Natürlichen, stimmt etwas nicht. Findet das Ganze in einem überschaubaren Umfeld, zum Beispiel innerhalb eines Betriebs statt, ist der «Strippenzieher» im Hintergrund schnell enttarnt. Grundsätzlich gilt für mich die Faustformel: Desto reflektierter ein Mensch ist, je geringer der Anteil an Schlagwörtern und vorgefertigten Argumentationsketten.
Anhand der verwendeten Schlagwörter lässt sich vielleicht konkret die beauftragte Agentur ermitteln, aber der Auftraggeber gibt sich durchaus zu erkennen.

Wir leben demnach innerhalb einer theoretisch möglichen Freiheit, die durch PR Kampagnen und ihre Initiatoren, aufgehoben wird. Der Bürger besitzt die Freiheit, ist aber geistig nicht mehr dazu in der Lage sie in Anspruch zu nehmen, da er sich in einem Gefängnis vorgegebener Gedankenmuster befindet.

«Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.»

Edward Bernays

Aus meiner Sicht gibt es zwei verschiedene Sorten der Diktatur. Die offene, stark in die Jahre gekommene klassische Diktatur mit einem Despoten, Autokraten oder Diktator/Clique an der Spitze und die moderne leise perfide, intelligent mittels Massenmanipulation agierende. Mit einem Freiheitsgedanken hat das nichts mehr zu tun.

Mich amüsiert es, wenn ich in Tweets oder Kommentaren etwas vom «mündigen Bürger» lese. Ich denke jemand wie Bernays oder einer seiner Schüler bräche wahrscheinlich in ein höhnisches Gelächter aus. “Du hältst Dich für mündig – lustig!”
Abgeleitet wird der Begriff von «Mündel», einem Menschen, der selbst keine Verantwortung tragen kann. Der «mündige Bürger» ist einer, der Verantwortung für sein eigenes Leben und sein Handeln übernimmt. Darüber hinaus beteiligt er sich am gesellschaftlichen Entwicklungsprozess.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (kurz BpB) fügt ergänzend hinzu:

«Mündigkeit“ hat noch eine weitergehende Bedeutung. Gemeint ist damit auch Selbstbestimmung und Urteilsfähigkeit. Man spricht oftmals von „mündigen Bürgern“ und meint damit, dass die Bürger und Bürgerinnen nicht nur für sich selbst Verantwortung übernehmen, sondern auch für ihren Staat und ihre Gesellschaft. In einer Demokratie wie in Deutschland ist das besonders wichtig. Die Demokratie braucht mündige Bürger und Bürgerinnen, die sich interessieren und engagieren, die bereit sind, politisch im Staat mitzuwirken.»

Der Gegensatz dazu ist geschichtlich der Idiot. Dies war nämlich im alten Rom die Bezeichnung für die leute, die sich ausschließlich im Privaten befanden und am «polis», ergo dem politischen Leben nicht teilnahmen. Später war der Idiot im philosophischen Sinne einer, der im Gegensatz zum Fachmann ein Ahnungsloser war.
Meistens sind die Leute, welche den Begriff «mündiger Bürger» verwenden, diejenigen welche in nahezu jedem Kommentar eine hohe Schlagwortdichte aufweisen. Mit anderen Worten ihre Urteilsfähigkeit an andere übertragen haben. Sie sind in der Regel auch nicht an einem gesellschaftlichen Diskurs interessiert, sondern wollen ihr Recht in Anspruch nehmen, sich ins “Private”, also ins “Idiotische”, zurückzuziehen.

Ich wiederhole es gern immer wieder. Es gibt meiner Auffassung nicht die eine fest definierbare deutsche Gesellschaft. Sie besteht aus einer Vielzahl von Fragmenten. Ein Teil besitzt die Deutungshoheit (auch mal von mir ein Schlagwort) für Moral, Ethik, Recht, Gesetz und Normalität. Daneben stehen diverse andere Teile, von deren Seite anteilig massiv Kritik geübt wird.Wenn ich von Fragmenten schreibe, folge ich damit der Argumentationslinie des Establishments. Schleichend wurden von dort aus die alten Begriffe wie Klasse und Schicht eliminiert. Arbeiterklassse, Oberschicht, Intelligenz, Inhaber der Produktionsmittel oder Kapital, würden Konflikte, Dissonanzen und vor allem eine inhomogene Gesellschaft andeuten. Es passt besser in deren Intention, von einer homogenen Gesellschaft und Outsidern auszugehen. Jene Outsider sind die Hartz IV Bezieher, die Sozialschmarotzer, Linke, Kriminelle pp..

Der Teil mit der Deutungshoheit, also dem dominanten Part, rekrutiert sich größten Teils aus dem Bürgertum. Eins, welches sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts kaum verändert hat.Die CDU/CSU nebst der AfD verbalisieren immer noch einen “völkischen Gedanken”, der seinen Ursprung im ausgehenden 19. Jhd. hatte. Der schon fast bedauernswerte Philosoph Habermas musste einen Missbrauch seines Gedankengangs bezüglich einer europäischen Leitkultur hinnehmen, als die Ikone der Neoliberalen Friedrich Merz daraus kurzer Hand eine “Deutsche Leitkultur” bastelte. Traditionell hält dieses Bürgertum nicht sonderlich viel von der Freiheit des Individuums. Die bedeutet nämllich immer Kontrollverlust.

In einer Zeit, die durch die Digitalisierung und den damit in Verbindung stehenden Folgen, den erforderlichen Reaktionen auf den Klimawandel, ungelöster Hinterlassenschaften aus der Energiepolitik des 20. Jahrhunderts, zunehmender ungerechter kriegsfördernder Ungleichverteilungen, in Arm und Reich gespaltener Gesellschaften, innovative und u.U. sogar radikaler Lösungen erfordert, ist dies ängstliche Beharren an alten Lösungen und Strukturen kontraproduktiv. Festzustellen ist, dass uns diese bisher angewandten Lösungen den Mist eingebrockt haben.

Stellen Sie sich vor, dass Sie eine Idee haben und dafür eine Produktionsmaschine benötigen. Weil sie zwar eine Idee und Vorstellung vom Produkt haben, aber keinen technischen Sachverstand, beauftragen sie Ingieneure und Techniker mit der Konstruktion. Die machen sich ans Werk und nach einem Jahr steht eine Maschine in der Halle. Erwartungsvoll schalten Sie sie ein und warten auf das fertige Produkt. Zu Ihrer Enttäuschung produziert die nur unbrauchbaren Müll, der sich am Ende auch noch als gefährlich erweist. Trotz unzähliger Versicherungen und Nachbesserungen ändert sich am Ergebnis nichts. Was würden Sie tun? Ich denke jeder würde die Konstrukteure hinauswerfen und sich nach neuen mit besseren Ideen umsehen.

Bis in die ausgehenden Sechziger des 20. Jahrhunderts gingen die meisten davon aus, dass der  wirtschaftliche Wachstum und die voranschreitende Technik auch die Situation der Dritten Welt verbessern würde. Sorgen bereitete den Analysten nur die Gefahr eines atomaren Krieges. Die aktuelle weltweite Lage zeigt uns, dass die sich gründlich irrten und einige Faktoren übersahen. Die Konstrukteure des Kapitalismus sind schlicht und ergreifend gescheitert. Bezüglich des Kommunismus eröffnet sich für mich eine Diskussion, ob in der Weltgeschichte überhaupt jemals einer entsprechend der Grundidee existierte. Meiner Auffassung nach nicht. Aber dies gelte es zu diskutieren. Bezüglich Kapitalismus halte ich das für unstrittig. Spätestens, als ich vor einem halben Jahr in Moskau vor einem McDonald stand, wurde mir das bewusst.

Es ist nicht soweit her mit dem Freiheitsbegriff, sich daraus ergebender individueller Verantwortungsübernahme und dem Verständnis, was Freiheit eigentlich ist und bedeutet. Und wenn nicht aufgepasst wird, bleibt nicht viel übrig. Ich vertrete die Auffassung, das seitens der Bevölkerungen böse Fragen zu stellen sind. Befinden wir uns beispielsweise beiden gegebenen Verhältnissen noch in einer Demokratie? Oder ist das international übergreifende politische Geschäft nicht längst an multinationale Konzerne und Investoren übertragen worden? Beschränkt sich Demokratie nicht unter Umständen nur noch auf kommunale Strukturen? Wie sieht es mit dem Verhältnis zwischen einem ethischen Verständnis bezüglich des Lebens auf der Erde und einem rein auf Profit ausgerichteten System aus? Marx ging davon aus, dass ausnahmslos jeder menschliche Aspekt im Kapitalismus zu einem veräußerbaren oder käuflichen Gut wird. Auch die Freiheit?

Letztens ging mir durch den Kopf, dass ich bei der Geburt meiner Kinder zuerst gefragt wurde, ob ich privat oder kassenversichert bin. Gleichzeitig fiel mir auf, dass bei einem Verstorbenen in meinem Umfeld gleich die Frage aufkam, wer die Beerdigungskosten trägt. Sagt das nicht alles über die Gesellschaft aus? Kinder ist das Stichwort der aktuellen Diskussion. In meiner Welt übernimmt ein Mensch, wenn er Kinder in die Welt setzt eine Verantwortung. Mir ist bewusst, dass das nicht jeder so sieht. Ich persönlich verweigere mich dem gesellschaftlichen Anspruch des dominierenden Teils, dass meine Nachkommen funktionierende, das bestehende System stützende und bejahende Zahnräder einer Maschinerie werden, die fortwährend Müll, Umweltzerstörung, Kriege, Hungersnöte, Not und Elend produziert.

Spätestens, als ich in der mongolischen Hauptstadt Ulanbataar auf einem im Kommunismus entstandenen Prachtplatz stand, zu meiner linken Hand die Slums waren und auf der rechten Seite die Phallussymbole des Kapitalismus in Gestalt von glitzernden Wolkenkratzern der Banken, Minengesellschaften und Investmentfirmen sah, war mir klar: Das kann es nicht sein, die machen alles kaputt.

März 16 2019

Lasst es nur einen Anfang sein … Friday for Future

Lesedauer 10 Minutenafdscreenkufferscreen

Die beiden Tweets sind lediglich Beispiele für Reaktionen des Establishments auf die Bewegung, die seitens Greta Thunberg initialisiert wurde, sie als Einzelperson aber längst, wie jede Bewegung überholt hat. Mittlerweile haben sich ihr auch Eltern und Wissenschaftler angeschlossen.

Mal abgesehen davon, dass der Tweet des AfD – Vertreters vollkommen irre ist, zeigt er dennoch eine gewisse Tendenz auf. Nebenbei hat der Attentäter Donald Trump als Vorbild und Wegbereiter seines Gedankenguts benannt. Dem Herrn von der CDU ist nicht abzusprechen, dass er sich zwar in der CDU befindet, aber durch aus mit solchen Worten bei der AfD mit offenen Armen empfangen werden würde. Mir fallen auch ein paar geschichtliche Ereignisse ein, wo die Demonstranten, später Revolutionäre nicht einmal zur Schule gehen durften. Französische Revolution, Deutsche Revolution, Russische Revolution … und es dürfte eine spannende Diskussion sein, was denn eigentlich das “Richtige” ist.

I can see you in the morning when you go to school
Don’t forget your books, you know you’ve got to learn the golden rule
Teacher tells you stop your play and get on with your work
And be like Johnnie too-good, don’t you know he never shirks
He’s coming along

Supertramp – School

We don’t need no education
We dont need no thought control
No dark sarcasm in the classroom
Teachers leave them kids alone
Hey! Teachers! Leave them kids alone!
All in all it’s just another brick in the wall.
All in all you’re just another brick in the wall.

We don’t need no education
We dont need no thought control
No dark sarcasm in the classroom
Teachers leave them kids alone
Hey! Teachers! Leave them kids alone!
All in all it’s just another brick in the wall.
All in all you’re just another brick in the wall.

Pink Floyd – The Wall

Ich würde die Diskussion damit beginnen. Aber Herr Kuffer ist 6 Jahre jünger als ich (ursprünglich ging ich hier davon aus, dass er älter wäre, aber ich habe es nochmals nachgelesen) , vielleicht ist er mit anderen Vorbildern und Gedankenanregungen aufgewachsen. Vielleicht liegt es aber auch an mangelnden Sprachkenntnissen.

Was passiert eigentlich? Da ich selbst kein Naturwissenschaftler bin, muss ich mich auf die Aussagen der Wissenschaftler verlassen. Ich sehe dabei auch keinerlei Probleme. Wenn gleich weltweit tausende, in unterschiedlichen politischen Systemen agierende und forschende Wissenschaftler, zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen, ist salopp gesagt «die Kacke am Dampfen!»

Über Fakten zu diskutieren ist ziemlich sinnlos, Zeitverschwendung und im Übrigen auch vollkommen irrational. Damit ist schon mal jeder Leugner aus dem Lösungsprozess heraus. Was soll die Weltgemeinschaft mit politischen Führern, die nicht einmal derart elementare Dinge intellektuell verarbeiten können. Aber es stellt sich die Frage, wie unser System funktioniert, dass solch einfach strukturierte Menschen in diese Position kommen konnten. Irgendetwas muss falsch sein.

Ein System, in dem die Ignoranz, Narzissmus, diverse Persönlichkeitsstörungen und schlicht nicht dem Durchschnitt entsprechende Intelligenz die politische Elite stellt, muss etwas schief gegangen sein. Auch das ist ein Fakt.

Das Gute an unserer medialen Gesellschaft ist der Umstand, dass sich Menschen mit diesen Störungen gern dort präsentieren und ihr Lebensweg über Jahrzehnte hinweg nachzuvollziehen ist. So hat uns zum Beispiel Christian Lindner viele schöne Zeitdokumente über seinen Werdegang geliefert, die durchaus beispielhaft für diverse Karrieren sind. Schon als Schüler war sein Verhalten auffällig. Mit Anzug und Krawatte saß er seinen Unterricht ab, erkannte schnell, wie man sich innerhalb des Systems Geld verschafft, ohne durch produktive Arbeit bzw. intellektuelle Beteiligung am gesellschaftlichen Geschehen ausgebremst zu werden. Dabei vermarktete er sich bereits zu Abiturzeiten geschickt und vor allem angepasst medial.

Lindner ist quasi eine Gebrauchsanleitung für jeden Abiturienten, wie man im bestehenden System nach oben in die Machtregion gelangt. Eine Professionalität kann ihm in diesem Zusammenhang nicht abgesprochen werden. Mit einem Anspruch einer in Anbetracht der Klimaänderung notwendigen Neuorganisation des globalen und nationalen gesellschaftlichen Denkens hat das nichts zu tun.

Ich habe u.a. die unter dem Durchschnitt liegende Intelligenz, etwas provokativ, angeführt. Ein schwieriges und sehr weites Thema. Die Kriterien für den IQ stehen schon seit Jahrzehnten in der Kritik. Viele Wissenschaftler sagen mittlerweile: Der IQ – Test gibt darüber Auskunft, wie gut jemand einen IQ – Test bewältigen kann – mehr nicht.» Bei der Auswertung der tabellarischen Werte an amerikanischen Universitäten wurde festgestellt, dass die mit den hohen Werten oftmals tatsächlich in der Forschung landeten, während die mit den geringeren ihre Vorgesetzten wurden. Eben eine andere Form der Intelligenz. Sie erkennen die Spielregeln und entwickeln Fähigkeiten im hierarchisch geprägten System, nach oben zu kommen.

Wenn dies beinhalten würde, dass beide Hand in Hand arbeiten würden, ergo die Führungskräfte die Erkenntnisse der Forschenden zum Wohle der Menschheit koordinieren würden, wäre unsere Welt eine andere. Wir wissen aber, dass es nicht an dem ist.

Das angelegte Kriterium lautet: Wie kann das wissenschaftliche Ergebnis für eine Kapitalerzeugung oder militärisch benutzt werden? Ergebnisse, die genau dem entgegen sprechen, sind von vornherein ungewollt, werden angezweifelt und müssen irgendwie vom Tisch.

Kapitalismusfreunde behaupten stets, dass die Finanzierung der Forschung nur über den Kapitalismus funktioniert. Das stimmt bedingt und bezieht sich nur auf die Forschung, die eben jenem Kapitalismus förderlich ist. Geisteswissenschaften, wie zum Beispiel die Philosophie verkommen zur Krawattennadel. Wie das Bild eines hoch gehandelten Künstlers wird die Philosophie als Statussymbol in den Tresor gelegt oder hängt hinter dem Manager eines Konzerns an der Wand. Saul D. Alinsky spricht von «Have» und «Have – Not». Trotz der Tatsache, dass die erste Gruppe in der Minderheit ist, ist sie dominant und verfügt über alle notwendigen Machtmittel, ihren Status zu behalten.

Betrachte ich diese Einteilung global, befinden sich die westlichen Industriestaaten klar in der Gruppe «Have» und der Rest der Welt in der «Have – Not» Position. Und es gibt noch die geringe Zahl, bei denen sich das Kapital fokussiert und ein unterdrückendes Machtschwergewicht jenseits aller Vorstellungen von Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung besteht. Niemand auf der «Have» – Seite, weder die «Echten», noch ihre domestizierten Haustiere, die brav am Tisch warten, dass ihnen etwas vom Braten zugeworfen wird, haben ein Interesse am Wandel bzw. der unausweichlich einzuleitenden Neuorganisation des Systems, wenn eine gemeinsame Reaktion auf die sich ergebenden resultierenden Probleme des bereits eingetretenen Klimawandels, ernsthaft angestrebt wird. Sie sind die Einzigen, die von der Theorie profitieren, dass ein gedeckter Tisch der Reichen durch Investitionen den Armen nutzt. Abschließend!

Es gilt eher der in der Psychologie meiner Auffassung viel zu wenig beachtete Dunning – Kruger Effekt:

„Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. […] Die Fähigkeiten, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, [sind] genau jene Fähigkeiten, die man braucht, um eine Lösung als richtig zu erkennen.“

Das Kalkül der «Have» ist eigentlich recht einfach. Harald Lesch hat dieses hervorragend skizziert. Es wird in einigen Teilen dieser Welt möglich sein, mit ausgeklügelten Technologien die eintretenden lebensfeindlichen Umstände zu kompensieren. Zum Beispiel wenn die Menschen in diesen Gebieten hoch technisierte künstliche Bio – Reservate einrichten.

Meiner Auffassung nach, findet die Vorbereitung bereits statt. Die Forderungen nach Abgrenzung zu den Entwicklungsländern durch den Bau einer «Festung Europa» ist nichts anderes. Denn selbstverständlich werden Menschen aus lebensfeindlich gewordenen Gebieten versuchen sich zu retten. Um dieses zu verhindern, werden Grenzen mit Robotern, Drohnen und Hightech Alarmsystemen eingerichtet werden, die analog zum Drohnenkrieg aus der sicheren Entfernung betreut und gesichert werden können. Bereits heute ist ein Punkt erreicht, an dem die Entwicklungsländer den technischen Vorsprung nie wieder einholen werden. Dafür reicht die Zeit auch nicht mehr aus.

Ich befürchte, das ist die von Herrn Lindner angesprochene professionelle, nahezu desillusionierte militärische Sicht. Die Schüler und die Wissenschaftler sind davon weit entfernt.

Ihre Botschaft: Das ist falsch, inhuman, widerspricht der Vernunft und verachtet das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb einer Spezies.

Damit kann man einem Liberalen, Neoliberalen, Konservativen und Anhänger des Kapitalismus aber nicht kommen. Vernunft ist bei ihm durch den Glauben an das Kapital und die Gier ersetzt. Erst Recht darf man keine spirituellen Überlegungen erwarten.

Die AfD, die Konservativen CDU/CSU, die FDP und große Teile der SPD sind meiner Meinung gar nicht weit auseinander. Prinzipiell sind die von der AfD die Ehrlichen innerhalb des Clubs. Selbstredend kann auf Dauer eine bei unverändert ablaufenden Prozessen notwendige Grenze nur militärisch und mit Tötung von Menschen gesichert werden. Gauland irrt allerdings, wenn er von Bildern spricht, die die Bevölkerung aushalten muss. Sie wird diese Bilder gar nicht zu sehen bekommen. Eine ausreichend große Verbotszone und passende PR Strategien werden dies zu verhindern wissen. Bereits heute passieren weltweit Dinge, die geschickt manipuliert werden. Ich erinnere nur an den als quasi Video – Spiel inszenierten Golf – Krieg.

Auch die Bildung von Sammellagern außerhalb des Lebensraums der «Have», in denen die anbrandenden Menschenmassen aus den anderen Gebieten dahin vegetieren, nehmen alle genannten Parteien billigend, genauso wie die bereits bestehenden Massengräber in der Libyschen und Marokkanischen Wüste, hin. Das System, welches u.a. dafür sorgt, dass reihenweise Staaten destabilisiert wurden, Despoten die sich zu alimentierten Hunden der «Have» haben machen lassen einsetzte, das seinen Technologievorsprung mittels Rohstoffraub, Versklavung, Stellvertreterkriege sichert, wird von allen forciert und bejaht. Da nehmen sie sich alle nichts, die Geschicklichkeit beim Verkauf der Botschaft ist nur anders.

Zum Thema vorgelagerte Flüchtlingslager werden immer die altbackenen Nationalsozialisten herangezogen. Warum so kompliziert? Die geförderte Forschung an Biowaffen und Virologie macht es doch längst möglich unauffällige Lösungen zu finden. Ich bin davon überzeugt, dass der Tag kommen wird, an dem in diesen Bereichen diese Mittel zum Einsatz kommen. Öfen und Gaskammern sind alte Technologien, da hat man heute andere Sachen. Zynismus? Nein! Der Mensch ist so und nicht anders. Wäre er anders, würden diese Forschungen gar nicht erst finanziert werden.

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Spezialfall. Meiner Kenntnis nach, sind wir der einzige Staat, der mal aufbrachte: Von deutschen Boden aus, darf nie wieder ein Krieg ausgehen. Ein frommer Wunsch! Wir sind mitten drin. Wenn die deutschen Waffenschmieden unter Beteiligung des BND, ergo mit Billigung der Repräsentanten der deutschen Bevölkerung, in instabile Gebiete liefern, ist das eine Beteiligung an Kriegen zum Zweck der Sicherung des eigenen Status. Eigentlich ist es eine einfache Rechnung. Wie viele Waffen wurden in Deutschland produziert, welche Menge wurde davon an unkritische NATO Partner veräußert und was genau passierte mit dem Rest?

Wie viele chemische Substanzen wurden produziert, in welchen legalen Bereichen landeten wie viel, und wo ist der Rest gelandet? Irgendwann wurde schleichend der «Kalte Krieg» für beendet erklärt. Bitte? Wir sind mitten drin und dummerweise sind die beteiligten Parteien gefährlicher den je aufgestellt.

Ja, all das sieht ein 16 jähriger Schüler nicht. Da stimme ich Herrn Lindner vollkommen zu. Die stehen da auf der Straße und sagen: «Ist uns alles scheißegal, es muss eine Lösung geben, wir sind zu jung, macht was!»

Das Problem dabei ist, dass sie fordern, ein sehr wehrhaftes ausgeklügeltes System mit dem Namen Kapitalismus zu überwinden, in dem sie aufgrund des Alters zwar leben, aber nicht handlungsberechtigt sind. Schlimmer noch, sie sind bereits vollkommen inhaliert worden. Sie konsumieren bereits, sie sind längst registrierte Verwaltungseinheiten, werden auf funktionieren vorbereitet, selbst ihr Protest ist bereits zum Produkt geworden, an dem Geld verdient wird. Die Social Media verdienen, die Verlage verdienen, die Populisten verdienen, die privaten Fernsehsender verdienen … das ist nun einmal so im Kapitalismus und wurde von Karl Marx schon vor langer Zeit trefflich analysiert. Dies soll aber kein Hinderungsgrund für den Protest sein.

Die Stärke besteht nicht in dem, was man wirklich an Mitteln hat oder welche realen Möglichkeiten des Handelns existieren, sondern in dem, was der Gegner an Potenzial annimmt. Die Bewegung hat nur eine Chance. Ihr muss die Radikalität abgekauft werden.

Wenn zwei in einem Fahrzeug aufeinander zu rasen und ermitteln wollen, wer der Hasenfuß ist und ausweicht, gibt es ein probates Mittel zu gewinnen. Den Lenker aus dem Fenster halten. Schau mal … selbst wenn ich im letzten Augenblick ausweichen wollte, ich kann gar nicht! Wenn der andere überleben will, bleibt ihm nichts anderes übrig. (Spieletheorie Chicken Run – Game).

Freitags den Unterricht auf die Straße zu verlagern, ist ein netter Anfang. Wird aber sofort konterkariert mit: Die machen das nur, weil sie «schwänzen» wollen.

Die erste Auskunft, die darin steckt, ist: «Als ich zur Schule ging und mich auf ein angepasstes systemgerechtes Leben vorbereitete, hatte ich öfter keinen Bock, und machte blau. Protest war eher nicht mein Ding, weil für meine Karriere hinderlich.» Das sind auch Menschen, die die Anwesenheit in der Schule mit Lernen verwechseln. Ein systemimmanentes Denken. Anwesenheit bedeutet konformes, also ein gutes Verhalten. Die Zweite ist das Denken: Das sind Kinder/Jugendliche, die sind noch unmündig, weil sie noch nicht vom System vollständig im Sinne einer Anpassung geformt wurden. Eine radikale Ablehnung des Systems aus den vorstehenden Gründen kommt ihn nicht den Sinn. Das bedeutet: Die da so reden sind vollständig systemergebende Fürsprecher, welches einer Veränderung bedarf. Sie sind weder zu verändern, noch zu beeinflussen oder überzeugbar. Mit Ihnen sind Gespräche vollkommen überflüssig.

Es bleibt nur die Mobilisierung aller gesellschaftlichen Kräfte, die mit dem System unzufrieden sind und die Notwendigkeit einer Neuorganisation erkennen. Was ethisch u. moralisch zulässig ist und die damit i.V. stehenden Regeln werden immer von der gesellschaftlichen Gruppe bestimmt, die sich im Besitz der Machtmittel befindet. Deshalb ist es durchaus zulässig und vertretbar, wenn die jugendlichen Demonstranten überschaubares Regelwerk missachten. Schulbehörden die mit Geldbußen reagieren, kann man mit öffentlich wirksamer unterlassener Zahlung begegnen. Die Publicity würde ich mir nicht entgehen lassen. 

Die Gegner haben sich zu erkennen gegeben. Dazu gehören die großen Mediengruppen, angeführt vom SPRINGER Verlag (das war zu erwarten), Bertelsmann (auch zu erwarten), die Liberalen, die CDU/CSU, sämtliche im Hintergrund agierende beauftragten PR Strategen, und nachvollziehbar die Konzerne.

Etwas durchsichtig fand ich letztens den rührseligen Brief eines Investmentbankers, der unglücklicherweise von den Betreuern des Thunberg Accounts «geliked» wurde, der selbstverständlich im zweiten Teil seines Briefs auf die Notwendigkeit des Kapitalismus zur Lösung des Klimawandelproblems verwies. Aber immerhin wurde eine neue Strategie gezeigt.

Reumütigkeit antäuschen und das alte ursächliche «Have» – System als Lösung anbieten. Mich wundert dabei, dass die Liberalen da nicht aufgesprungen sind. Merkel war mal wieder schlau und hat es bereits getan.

Die Freitagsdemonstrationen dürfen nur ein Anfang bleiben. Dem Establishment muss mit radikalen Techniken das Potenzial der Bewegung in Aussicht gestellt werden. Das wird schwer. Den Schülern muss zur Seite gestanden werden. Wenn zum Beispiel Oberschlaue die rhetorische Keule herausholen und darauf verweisen, dass die Schüler ebenfalls konsumieren und Müll produzieren, muss sofort die volle Breitseite von etablierten «Willigen» kommen. Erstens haben wir «Älteren» dies zu verantworten, denn wir haben ihnen dieses System vor die Nase gesetzt, zweitens gibt es bekanntermaßen kein Recht im Unrecht. Wenn die Müll hinterlassen, hast Du Vogel noch lange nicht das Recht ungehindert weiter zu machen und drittens bedarf es immer einen Anfang und sei Dir sicher mein Freund, dies ist erst der Anfang. Du schaust nämlich ziemlich doof aus der Wäsche, wenn die den Konsum verweigern.

Notwendig wäre, das alle realistischen Radikalen, sich des positiv belegten Status der Schüler, anschließen, ihre unsinnigen ins Leere gelaufenen rhetorischen Grabenkämpfe aufgeben und einen realen am Menschen orientierten Dialog zu den noch untätigen, aber unzufriedenen Bürgern suchen. Dann ergäbe sich eine echte Chance. Ob sich das umsetzen lässt, wird die Zukunft zeigen.

Ideologisch bereits kaputte Typen, deren Vokabular und Rhetorik nur aus Gender, metoo, Rassismus, politischer Korrektheit, Feminismus pp. besteht, können getrost zu Hause bleiben. Sie sind Teil des Systems, ohne es zu wissen, in dem sie als Funktionäre agieren. Sie liefern nur die passenden Vorlagen für die PR Strategen, damit die mit dem Aufzeigen des Unsinns dieser vollkommen abgehoben argumentierenden selbsternannten Rettern der Moral – also das was die andere Seite auch macht, nur anders, das Bürgertum mobilisieren können.

Ich weiß jetzt schon, was ich nächsten Freitag mache …

Februar 16 2019

Alte Zöpfe …

Lesedauer 7 Minuten

Friedrich Wilhelm I. verfügte am 28. September 1717, dass Kinder zur Schule gehen können.

„ … Wir vernehmen missfällig, dass die Eltern, absonderlich auf dem Lande, in Schickung ihrer Kinder zur Schule sich sehr säumig erzeigen. Und dadurch die arme Jugend in große Unwissenheit, was das Lesen, Schreiben und Rechnen betrifft, aufwachsen lassen.“

und weiter:

„ … dass hinkünftig an denen Orten, wo Schulen sein, die Eltern bei nachdrücklicher Straffe gehalten sein sollen, ihre Kinder im Winter täglich und im Sommer, wann die Eltern die Kinder bei ihrer Wirtschaft benötigt sein, zum wenigsten ein- oder zweimal die Woche in die Schule zu schicken.“

Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/einfuehrung-der-schulpflicht-in-preussen-zur-bildung-guter.871.de.html?dram:article_id=396893

Es ging also darum, den Eltern auf die Finger zu klopfen, dass Sie gefälligst die Kinder zur Schule gehen lassen sollen. Pflicht bezieht sich demnach auf die Eltern und für die Kinder ergibt sich daraus ein Recht. Zu dieser Zeit waren Kindern entweder familiäre Arbeitskräfte und später in der Industrie billige Arbeitskräfte bzw. unter Tage, aufgrund der Körpergröße gern genommene Werkzeuge. Und der Staat verpflichtete sich dazu, die passenden Möglichkeiten zu schaffen.

Zur Schule zu gehen ist damit in erster Linie ein Recht neben anderen Rechten. Wir unterstellen Kindern grundsätzlich ein nicht vorhandenes Bewusstsein dafür, was passiert, wenn sie nicht zur Schule gehen, deshalb haben wir ein Auge darauf. Das ist soweit auch vollkommen richtig.

Zu meiner Schulzeit, damals in der Rolle eines stellvertretenden Schulsprechers, organisierte ich zusammen mit anderen einen Schulstreik. Ich war jung und dachte nicht nach. Hätte ich nachgedacht, würde ich damals eine andere Formulierung gefunden haben. Nämlich: Wir haben unsere Rechte gegenüber gestellt und beschlossen, dass das Eintreten für unsere Zukunft, in dem wir gegen den NATO – Doppelbeschluss und die russischen SS20 Raketen demonstrieren, damit endlich die Gefahr eines atomaren Krieges gebannt wird, schwerwiegender ist. Kommt – beidseitig – endlich zur Vernunft.

Das Wort «Streik» ist fehl am Platz. Streiken ist ein Arbeitskampfmittel gegen Unternehmer. Es schädigt diesen und führt im Idealfall zum Einlenken. Wen sollte der Schüler mit seiner Abwesenheit vom Unterricht schädigen? Insofern ist das Wort «Schulstreik» sinnlos.

Was erreichten wir? Objektiv nichts! Das konnte vorher niemand wissen, war aber auch nicht zwingend Sinn und Zweck. Die Leute in der Politik sollten daran erinnert werden: Über Euer Dasein hinaus gibt es Menschen, die mit Euren Entscheidungen leben müssen, nämlich wir dort auf Straße.
Ähnliches passiert heute wieder, mit den gleichen Fehlern. Wieder wird von einem Schulstreik gesprochen und erneut wird der Begriff Schulpflicht falsch verstanden. Wobei meiner Auffassung nach, die unglückliche Wortwahl Schulstreik zu vernachlässigen ist, während das Missverständnis in Sachen Schulpflicht eine andere Denkrichtung eröffnet.

Schule ist kein Selbstzweck. Dort sollen Schülern mehrere Dinge vermittelt werden. Zum einen ein gewisses Grundwissen. Sprachen, Mathematik, Physik, Erdkunde, kulturelles Wissen gehören dazu. Darüber hinaus Geschichtswissen, wie unser Staat und Gesellschaft funktioniert und sie sollen eine Sozialisation zum mündigen Staatsbürger erhalten. Eine Demonstration, sich zeigen und die Überzeugung auf der Straße kundzutun, ist ein Kernbestandteil unseres Staatssystems. Der Kritiker mag sagen: Ja, aber nicht während der Schulzeit. Nun, die Wahl der Zeit verfolgt ein Ziel. Mal ganz davon abgesehen, dass es kaum einen besseren Unterricht geben kann, denn das eigene Erleben. Das Fernbleiben vom Schulgebäude soll Aufmerksamkeit erzeugen, Signale setzen und Diskussionen auslösen.

Einigen gefällt das nicht – Ziel erreicht! Über lange Zeit wurde von einigen kritisiert, dass sich junge Leute nicht mehr politisch engagieren. Manch einer mag darüber auch dankbar gewesen sein. Interessanterweise ist mit der Forderung nach dem politischen Engagement häufig verbunden, wie das stattzufinden hat. In geregelten Bahnen, brav, unauffällig und über die innerparteilichen Instanzen. Das könnte einigen gut in den Kram passen, dann könnten sie es nämlich kontrollieren und kanalisieren. So funktioniert das aber nicht!


Nach 1945 haben wir in Deutschland unsere Erfahrungen mit der repräsentativen Demokratie gemacht. Manches hat sich gut entwickelt, einiges weniger gut. Unterschiedliche Faktoren haben dazu geführt, dass eine politische Klasse entstanden ist, die sich verselbstständigt hat. Die Funktion Politiker wurde zum Lebensberuf. Häufig kommt es dazu, dass Leute von der Schule aus zur Universität gehen, einen einschlägigen Studiengang belegen – BWL, VWL, Jura, Soziologie – und auf dem direkten in die Politik gehen, in dem sie sich in der Hierarchie einer Partei nach oben arbeiten. Das gelingt ihnen deshalb, weil sie im Studium die für viele andere Berufe schwer zu durchschauenden komplizierten Mechanismen einer Partei durchschauen und für sich benutzen können. Eine politische Idee oder Vorstellung zu haben ist eins, sie im deutschen «Über» – Regelwerk an den Start zu bekommen ist ein rückwärts eingesprungener Rittberger und nachfolgenden Salto vorwärts. Dafür haben «Verwaltungsmenschen» in einer durch und durch verwalteten Gesellschaft in Jahrzehnten gesorgt. Das verschafft der zweiten Hauptgruppe unter den Berufspolitikern, nämlich den Beamten, zumeist aus dem Höheren Dienst, entscheidende Vorteile. Mit dem realen Leben, z.B. in einem mittelständischen Handwerksbetrieb, hat das alles nichts mehr zu tun. Beamte, Juristen, Kaufleute (die niemals in diesem Sinne gearbeitet haben), leben erfahrungsgemäß in einer sogenannten Papierlage, die sie für die Realität halten. Außerdem haben diese Menschen, wie man heutzutage sagt, eine Kernkompetenz. Die Durchsetzungsfähigkeit in einer Hierarchie, welche mit institutionellen Autoritätsverhältnissen arbeitet, die selten etwas mit natürlicher menschlicher und über Jahre hinweg, gewachsener Autorität zu tun hat.

Vor diesem Hintergrund mag der aktuelle Schülerprotest gegen die politischen desaströsen Eskapaden in der Klima – Politik, eines der wichtigsten Themen überhaupt, naiv und hilflos erscheinen. Aber er ist direkt und einfach: Was auch immer Ihr da erzählt, es ist schwachsinnig, denn wir messen Euch Politiker an den Ergebnissen. Für mich bei diversen politischen Themen eine sehr einfache aber durchaus wirkungsvolle Betrachtungsweise. Ich muss als Bürger nicht zwingend verstehen, warum und wieso etwas nicht funktioniert, wenn ich sehe, dass das was am Ende heraus kommt, Schrott ist.


Ich finde, es verhält sich wie bei einer Produktionsmaschine. Ich will etwas herstellen und hole mir ein paar Ingenieure und Kreative herbei, die mir eine passende Maschine bauen sollen. Sie machen sich ans Werk und eines Tages produziert sie. Jetzt sehe ich mir das Produkt an. Wenn es unbrauchbar ist, eventuell sogar gefährlich, ist etwas schief gelaufen. Dafür muss ich nicht das Innere der Maschine verstehen, dafür habe ich meine Ingenieure, die behaupten solche Maschinen konstruieren zu können. Allerdings muss ich mich auch selbst prüfen, ob mein gewünschtes Produkt an sich sinnvoll ist.

Wir wollen globale Veränderungen, in Bezug auf das Klima, Müll, Umwelt, Artenschutz, bessere Verteilung der Ressourcen, Bekämpfung der Armut, Hunger und vor allem keine Kriege. Das ist unser gewünschtes Produkt. Konstruiert und erbaut wurde uns eine Maschine, die dauerhaft unbrauchbaren Ausschuss produziert. Die Schüler sehen das ziemlich klar und ohne all die Brillen, die Ältere auf der Nase haben. «Es ist uns ziemlich egal, warum die Maschine nicht funktioniert, wir wissen nichts über den inneren Aufbau, aber das Produkt zerstört unsere Zukunft – tut etwas dagegen. Wir sind noch nicht so weit, würden aber ganz gern eine Chance haben.» Diese Forderung finde ich verständlich und in Anbetracht der uns bekannten Zahlen auf diesen Gebieten auch durchaus begründet.

Jetzt gibt aber einige der älteren Generation, die sich brüskiert zeigen. Ich vermute, mehrheitlich sind es die, welche auch damals nicht dabei waren. In Betrieben gibt es immer mal wieder Konstrukteure, die aus lauter Eitelkeit sagen: «Wieso? Das Ergebnis sieht doch ganz gut aus, ein paar kleinere Verbesserungen und es sieht doch gut aus.» Da bedarf es dann einiger Vernünftiger die auf dem Tisch hauen. «Klappe halten! Das ist Schrott und ein Blinder mit Krückstock kann es erkennen. Mach was Du Idiot oder wir haben hier ein Problem. Wenn die Produktion so weiter läuft, fliegt uns der Laden hier um die Ohren.» Ich denke, einige haben auch ein ausgewachsenes Problem damit, die Fehler im Denken und bei der Vorgehensweise einzugestehen. Es würde nämlich bedeuten, dass ihre Lebensleistung in Frage gestellt wird. Dabei ist es simpel. Fehler müssen passieren, damit man herausbekommt, wie man es nicht machen sollte. Aber mit diesem Ergebnis muss man arbeiten und nicht immer weiter machen.

Wie auch immer Greta Thunberg einzuordnen ist. Tausende Schüler sind ihr gefolgt und der Reflex der älteren Unverbesserlichen ist langweilig, vorhersehbar und einige tausend Jahre alt.

„Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“


Keller, 1989, ca. 3000 v. Chr., Tontafel der Sumerer

Wir reden immer gern davon, dass die Menschheit, zumindest in Europa, sich weiterentwickelt hat, dass Mittelalter, die Monarchie und die Barbarei hinter sich gelassen hat. Mir kommen nicht nur Zweifel, sondern bisweilen gehe ich von Gewissheit aus, dass dieses nicht der Fall ist.

In meiner Jugend sagten Ältere gern zu mir: «Du musst auch mal auf Ältere hören und ihre Erfahrungen respektieren.» Ich ahnte damals schon, dass die Sache hat einen Haken. Die hatten ihre eigenen Erfahrungen, in ihrer Zeit und vor dem Hintergrund der zurückliegenden Ereignisse. Heute bin ich einer der Älteren und blicke auf meine Erfahrungen zurück. Wie gesagt, wir erreichten damals nichts. Aber das bedeutet nicht, dass die Neuen keinen Erfolg haben können. Eine neue Zeit, ein anderes Problem, eine andere Gesellschaft, keiner kann diesbezüglich Prognosen treffen. Versucht es! Wir werden sehen, was sich daraus entwickelt. Die Älteren sagten auch zu mir: «Du musst auch mal eine Sache zu Ende bringen!», genau so, wie sie die Erziehung junger Männer zu disziplinierten Mitgliedern der Gesellschaft via Bundeswehr favorisierten. Nebenbei eine sehr seltsame Logik, damals gab es keine Frauen beim Bund. Waren die damit alle undiszipliniert? Egal, dieses nur als Beispiel überkommener Traditionen. Das sind alles Durchhalteparolen, die den Menschen in einer ihm feindlich gesonnenen Umwelt überlebensfähig machen sollen.

Wir sollen was wir angefangen haben auch zu Ende bringen. Dann können wir angeblich zurückschauen und uns auf die Schulter klopfen, dass wir etwas erreicht haben und daraus eine Selbstbestätigung ableiten. Ich persönlich wäre nachträglich dankbar, wenn ein paar Leute in der Geschichte mal darüber nachgedacht hätten, was sie da angefangen haben, ihren Stolz und Wunsch nach Selbstbestätigung überwindet und es nicht zu Ende gebracht hätten. Das ist für mich echte Größe. Trotz erheblicher Investitionen die Erkenntnis zuzulassen: Das war eine extrem blöde Idee von mir. Selbstbestätigung kann der Mensch auch anders erlangen.

Auch dies ist die Botschaft der Schüler: Ihr habt da ein paar Sachen in Gang gesetzt, die ihr besser nicht zu Ende bringen solltet. Wir benötigen im 21. Jahrhundert neue Ansätze und keine, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert haben, zwei Weltkriege, eine kaputte Gesellschaft, die Zerstörung der Umwelt und den Klimawandel, wenigstens begünstigten. Insofern liebe Schüler wünsche ich Euch viel Glück und denen die auf häuslichen Widerstand treffen, viel Kraft und Stärke, dass gehört bei Protest immer dazu. Es ist nicht zu erwarten, dass diejenigen, gegen die man protestiert, vor Freude in die Hände klatschen.

Und lasst Euch nicht beirren von ihm Kopf verkalkten Kommentatoren, die Euch einen Flug, ein Smartphone oder Euren Konsum vorwerfen. Das ist in vielerlei Hinsicht grotesk und gibt mehr Auskunft über die, denn es echte Kritik an Euch ist. Erstens haben sie die Voraussetzungen dafür geschaffen und die Gesellschaft geformt, in der ihr dieses Konsumverhalten erlernt habt. Zweitens setzt ihr diese Dinge ausnahmsweise mal nutzbringend ein. Alles was ihr jetzt benutzt, wurde in dem System produziert, was Ihr jetzt kritisiert. Ihr müsst Euch nur darüber klar sein, das Forderungen auch Folgen haben können und eine Gesellschaft dann deutlich anders aussehen wird.