3 April 2022

“Wofür lebst Du?”

Lesedauer 3 Minuten

Bukowski, ich möchte, dass Du mir einen Anti-Hippie-Artikel schreibst.”

“Na, ich weiss nicht.”

“Ich meine, diese Kids übernehmen doch keinerlei Verantwortung, sie pfeifen darauf, sie tun nichts, sie wollen nichts tun-sie stützen die Gesellschaft nicht!”

Der große Herausgeber Webb hörte sich an, wie mein zu Grabe getragener Vater. Hallo? In unserer Welt lernten die Kids als Erstes, dass etliche Länder genug Wasserstoffbomben auf Lager haben, um uns alle dreißigmal ins Jenseits zu befördern – mit Ausnahme der Reichen in ihren Bunkern und der Jungs, die ihre Raumschiffe klar machen, die neuen Archen Noahs. …

Nur ein einziger Mensch ist jeweils für die Vernichtungsknöpfe zuständig. Und käme nach Adam Riese nicht irgendwann bestimmt so ein Idiot daher und haute drauf – vielleicht schon morgen?

Charles Bukowsky, Bekenntnis eines Dirty Old Man

Wenn dieser Textausschnitt mal nicht Eins zu Eins auf die aktuelle Zeit passt. Gut, Fridays for Future oder Extinction Rebels sind jetzt nicht wirklich Hippies im alten Sinne, aber es geht in die Richtung. Wer halbwegs Realist ist und sich nicht in Wunschvorstellungen ergeht oder in Phrasen wie “Es ging schon immer irgendwie weiter!” flüchtet, gerät als Boomer in Erklärungsnot. Es ist die alte Story vom abstürzenden Fensterputzer, der auf Höhe jeder Etage sagt: “Bis hierhin ging es gut!”

“Es ist fünf Minuten vor Zwölf!” Eine Phrase! Ein Textbaustein in jeder politischen Rede. Leeres Gewäsch! Oder wie ein einstudierter Satz eines Onkologen: “Das wird schon wieder!” Das geht seit Jahrzehnten so. Man mag meinen, dass es an der Zeit ist auf die Uhr zu klopfen. Vielleicht zeigt sie gar nicht die richtige Zeit an? Unter Umständen ist es längst zehn Minuten später?

Angeblich besteht noch die Möglichkeit allem eine gute Wendung zu geben. Nur wohin? Weitere hundert Jahre Homo sapiens, der sich als das aufspielt, was das Großhirn als Gott definiert hat? Ein technisch gestütztes Leben auf einem Wüstenplaneten? Oder Kumpels und Konkubinen von lebenden oder kommenden Mega-Reichen, in Biosphären? So oder so erscheint es wahrscheinlich, dass das aus den letzten tausenden Jahren bekannte Leben endet. Es gibt nicht einmal im Ansatz minimalste Anzeichen für einen Lernprozess.

Überall werden neue Kriege geführt, die nicht nur den spärlich behaarten Affen betreffen. Flora, Fauna, grundlegende Lebensaspekte, radioaktive Strahlung, verseuchter Boden, verpestete Luft und Wasser, alles wird gnadenlos mitgerissen. Im Schatten der Kriege wird mit Fracking das Wasser, neben der Atemluft, die unabdingbare Notwendigkeit für Leben, vergiftet. Die Lungen des Planeten werden jeden Tag Hektar für Hektar abgeholzt.

Und wir wollen jungen Leuten etwas von Verantwortung, Gesellschaft, Demokratie, Leistung, erzählen? Was für ein armseliges Unterfangen. Machen wir es nicht so global. Ich bleib in Deutschland. Marianne Faithfoul besingt im Lied “Broken English” die Begegnung einer Journalistin mit Ulrike Meinhof. “Wofür kämpfst Du? Wofür stirbst Du? Es ist nicht meine Realität!”

Mit der Besetzung eines Baums rettet man nicht die Welt und gewinnt auch keinen Blumentopf gegen einen übermächtigen Konzern oder gegen Politiker im Anzug und Prostataproblemen. Aber man setzt ein Zeichen und kann morgens in den Spiegel sehen. Irgendwann erscheint die Staatsgewalt. Die ist nicht etwas Abstraktes, sondern trägt einen schwarzen Overall, hat nach der Schule bei der Polizei angefangen, hart den Körper trainiert, ein brutales Belastungsjahr überstanden und hat ein Ego, mit dem eine Sporthalle gefüllt werden kann.

Im Wipfel des Baums treffen nicht Alt und Jung aufeinander, sondern Vertreter einer Generation. “Wofür lebst Du?” Im Grunde sind beide nicht so unterschiedlich, wie es scheint. Sie brennen für etwas. Ohne dem geht niemand zum SEK und besetzt auch nicht bei Wind und Wetter einen Baum. Sie sind keine Anzugträger, Karrieretypen in einer Gewerkschaft, satte Bürger auf der Couch. Und weil sie beide brennen, geht’s hart zur Sache.

Es endet vor Gericht. Eine Frau oder Mann mit Robe beurteilt alles ganz im Sinne der satten Wohlstandsgesellschaft, die sich an den leeren Phrasen entlang hangeln. “Es ist erst fünf Minuten vor Zwölf!” “Schreib mir was gegen die Hippies!” Strafe muss sein. Andere sollen davon abgeschreckt werden derart rüde die Richtigkeit des Geschwätzes anzuzweifeln und die Bürger haben Anspruch auf Sühne der verwerflichen Tat. “Sie müssen lernen, ihren Politikern zu vertrauen oder wenigstens dem Wähler!”

Ein “alter” Mann, der die Zeit nach Zwölf, so wie ich, nicht mehr erleben wird, hat geurteilt. Ella, eine junge Frau, die ihren vollen Namen nicht preisgibt, wird Anmaßung, Arroganz, totalitäres Verhalten, vorgeworfen. Von jenen, die immer so weiter machen wollen? Denen, die einen jungen Mann missbrauchen, der eigentlich die Schwachen gegen bewaffnete fiese Typen beschützen will? Der dafür jahrelang trainiert hat?

Über ein Jahr Freiheitsstrafe, also entsprechend einem Verbrechen, hat sie kassiert. Die, welche alles ins Verderben reissen, werden nie eine Zelle von innen sehen. Eine dieser Geschichten, die schon in 10 Jahren in einem ganz anderen Licht zu sehen sein werden. Davon bin ich fest überzeugt. Alles was in dieser Richtung passiert, riecht auf tausend Meter nach der Arroganz und Hybris einer gegenwärtigen Gesellschaft, die später einen zweifelhaften Ruf bekommen wird.

17 Oktober 2021

Schutzgelderpresser und Dealer

shopping cart with groceries Lesedauer 4 Minuten

Du verstehst nichts vom Business, sagt der Hintermann
Die Presse steht auf etwas, was noch niemals kam
Heut’ musst du was machen, wie die Lümmel in New York
Die ganz wilden Jungs, die machen jede Menge Moos
Und er kommt Dir entgegen, haut Dir mit vergnügtem Sinn
in die Schnauze rin.

Interzone, Hintermänner

Weltweit kommt es immer wieder auf ein Neues zu einem desaströsen Spiel. Spiele haben ein Ablauf, Spielregeln und Mitspieler. Irgendwo betreibt eine Firma, ein Konzern oder Betrieb eine Produktion. Bei der Herstellung kommt es zu meist vorhersehbaren schädlichen Emissionen für Boden, Gewässer, Luft, Anwohner und oftmals auch für das globale Klima. Irgendwann wird es sichtbar. Die Leukämierate steigt, Missbildungen häufen sich, Fischsterben setzt in anliegenden Gewässern ein usw. Häufig ist es nicht der Herstellungsprozess an sich, sondern es sind die Probleme, die das Produkt mit sich bringt. Seien es erhebliche Aufwendungen bei der Entsorgung, Recycling, Folgekosten, der Energieverbrauch beim Betreiben hergestellter Gerätschaften oder was man mit dem Produkt anstellen kann. Hinzu kommen noch die Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten. Jeder kennt die Bilder und Reportagen aus Schwellenländern, in denen Profit weit über dem Leben und Gesundheit der Arbeiter/innen steht.

Nach geraumer Zeit kommt es zu einem Aufschrei. Aktivisten, Journalisten, Protestbewegungen erscheinen auf dem Spielfeld. Im nächsten Zuge zeigen sich die Produzenten reumütig und sagen Veränderungen zu. Festzustellen ist, dass innerhalb des Zeitintervalls Beginn der Produktion, Protest und Veränderung jede Menge Profit gemacht wurde. Es folgt die positive Selbstdarstellung der Produzenten. Immerhin haben sie doch nun einen erheblichen Aufwand betrieben, um künftig klimaneutral, mit geringen Emissionen und Verantwortungsübernahme für die Bevölkerung zu produzieren.

Beispiele hierfür gibt es jede Menge. In Südostasien werden anfangs korrupte Strukturen unterstützt, Chemikalien und kaum wiederverwertbare Kunststoffe landen auf wilden Deponien, Monokulturen werden favorisiert, Regenwälder werden zerstört, bis sich eines Tages der Protest regt. Im Nachgang wird dann mit viel Aufwand propagiert, dass man innerhalb von 10 Jahren nur noch ökologisch vertretbare Kunststoffe verwenden wird und heroisch von den Kriminellen Abstand genommen hat. Deutsche Chemiekonzerne leiten über Jahre unbekümmert Chemikalien in Gewässer ein, bekommen eines Tages Gegenwind und stellen sich später als die Guten dar, weil sie Verfahren erfunden haben, die Gewässer wieder zu reinigen.

Einfach dargestellt, passiert häufig noch eine Variante dieses Spiels. Produzenten präsentieren sich Politikern, den Repräsentanten der Bevölkerung, mit einem Plan. Bei genaueren Hinsehen stellt sich heraus, dass die Folgen der in Aussicht gestellten Produktion, desaströs sind. Um diese abzuwenden, werden den Produzenten Subventionen, Steuererleichterungen oder gar Entschädigungszahlungen zugesprochen. Im kriminellen Milieu wird ein derartiges Verhalten Schutzgelderpressung genannt. Besonders perfide sind Energieriesen, die Notwendiges produzieren, ohnehin veraltete Kraftwerke abschalten müssten, aber auf der Außenbahn eine Entschädigung erhalten, weil sie angeblich politisch dazu gezwungen wurden. Gleichsam investieren sie viel Geld für eine Nebelmaschine, die den Blick auf die für die Allgemeinheit entstehenden Folgekosten der Energieproduktion bei der Renaturierung, Entsorgung von Brennelementen pp. entstehen.

Aktuell verhandeln in Deutschland die Parteien SPD, GRÜNE und FDP über eine Koalition. Parteien, die angeblich aufgrund ihrer Unterschiede nicht zusammen passen. Ich sehe durchaus eine Gemeinsamkeit. Alle drei genannten sind beim skizzierten Spiel bekannte Mitspieler. Im Milieu funktioniert die Schutzgelderpressung, bis jemand den Mut hat, sich dagegen zu wehren. Entweder die Polizei wird eingeschaltet, was meistens nur temporär funktioniert, oder den Erpressern wird mit den geeigneten Leuten die Stirn geboten. Die gewählten Parteien gedenken mit den Erpressern über die Prozente bei der Berechnung des Schutzgelds zu verhandeln.

Ja, dieses Gedankenmodell ist recht simpel, aber deshalb falsch? Ich glaube, die grundlegenden Annahmen und Modelle sind falsch. Seit mehreren hundert Jahren wird über das Spannungsfeld von Eigentum und Allgemeingüter diskutiert. Dürfen, auch ethisch betrachtet, Wasser, Boden, Luft zum Eigentum von Einzelnen werden? Bei länger andauernden Diskussionen kommt es dazu, dass Argumente positiv oder negativ verifiziert werden. Irgendwann überholt die Realität Annahmen für die Zukunft. Gleichsam sehen wir seit langer Zeit die Folgen von Konsum. Produzenten wecken Bedürfnisse, die ohne sie niemand hätte, aber jede Menge Probleme mit sich bringen. Wir haben es im Grunde genommen mit Drogendealern zu tun. Bei Drogen ist stets die Rede von Verboten, Regulierungen und Prävention. Beim hemmungslosen Konsum reden wir von Wirtschaftswachstum. Die Profite der Dealer werden zum Kennzeichen der Stärke der Wirtschaft. In der Analogie wäre dies die Aussage, dass die hohe Anzahl der Fixer, Kiffer, Alkoholiker, Tablettenabhängigen, Raucher, ein positives Zeichnen für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes ist.

Demnächst wird das Weihnachtsgeschäft anlaufen. Im Nachgang wird der Einzelhandel Zahlen über die Umsätze veröffentlichen. Rein theoretisch ist Weihnachten ein christliches religiöses Fest, bei dem es mit der Geburt des Erlösers um den Kern des Christentums geht. In diesem Zusammenhang könnte man sich anschauen, wie viele Kriege mit Beteiligung von Christen pausierten. Oder man könnte Erhebungen über das Spendenaufkommen oder einem dem Christentum entsprechenden Verzicht auf Konsum betrachten. Doch tatsächlich werden ganz andere Dinge herangezogen. Die Dealer haben Hochkonjunktur und die Abhängigen feiern die Menge des favorisierten Betäubungsmitteln unter einer Konifere, die eigens dafür von anderen Dealern aufgezogen wurden.

Auch diesen Beitrag möchte ich mit einer buddhistischen Betrachtung enden lassen. Einer Legende nach wies der Buddha die Mönche an, während Hochzeit der Reisernte in den Klöstern zu bleiben, weil beim rituellen Spendengang die umherwandernden Mönche die Felder beschädigten. Angeblich soll daraus ein Fest resultieren, an dem die Mönche wieder die Klöster verlassen und von den Buddhisten reichlich mit Naturalien beschenkt werden. Heutzutage hat sich auch in Südostasien dieses Fest am westlichen Konsumverhalten angepasst. Mit eher gelangweilten Gesichtern nehmen die Mönche der Prozession die modernen Gaben, vornehmlich Fastfood Produkte und Süßigkeiten westlicher Konzerne entgegen. Hierzu passend las ich letztens in einem Artikel, dass thailändische Mönche ein ernsthaftes Problem mit Übergewicht bekommen. Der auf Konkurrenz, Macht und Konsum ausgerichtete Kapitalismus und die Anbetung des Mammon ist stärker als jede der alten großen Religionen. Ich finde dies bemerkenswert und bedenklich. Es werden Schalter umgelegt, die mächtiger sind, als alles, zumindest im Falle des Buddhismus, was jahrtausendelang auf Menschen einwirkte. Der Katholizismus ist bekanntlich äußerst kompatibel, wenn nicht sogar für den heutigen Kapitalismus begründend.