2 Juli 2021

Meinungsfreiheit

Lesedauer 7 Minuten

Kürzlich führte ich ein spannendes Gespräch über das Thema Meinungs – und Kunstfreiheit. Aufhänger war der unter Umständen anstehende Auftritt des Sängers Xavier Naidoo auf der Spandauer Zitadelle in Berlin. Einige sprachen sich für ein Untersagen aus und andere merkten an, dass sich in Deutschland zunehmend ein innergesellschaftlicher Kampf um eine Interpretationshoheit bezüglich des Statthaften und eben Nichtzulässigen ausbreitet. Vorweg: Ich gehörte zur letzteren Fraktion.

Zunächst einmal tritt der Mann als Musiker und nicht als Redner auf. Allerdings wäre es naiv anzunehmen, dass nicht die passenden Anhänger erscheinen und er auf der Bühne einschlägige Sprüche ablässt, wenn nicht ohnehin schon im Liedtext vorhanden. Ein schräger Typ, Mystiker, verwirrter Erzähler von wilden Geschichten, Reichsbürger und religiöser Fanatiker. Vermutlich ist diese Aufzählung nicht abschließend. Kurzum ein Spinner mit einer viele ansprechenden Stimme stellt sich auf die Bühne und trällert gefällige Melodien, in denen merkwürdige Texte versteckt sind. Damit ist er wahrlich nicht alleine. Die Geschichte des Pop und Rock ’n’ Roll ist voll davon und oftmals ist das in Deutschland nicht aufgefallen, weil kaum ein Fan jemals die Texte übersetzte.

Einige in der Runde merkten an, dass von ihm und seiner Hetze eine Gefahr ausgehe. OK, dies ist die allgemein gängige Argumentation. Aber was wäre ein Hetzer ohne Zuhörer und Gefolgschaft? Ich glaube, es war Oscar Wilde, der sinngemäß schrieb: “Warum erzählen wir anderen von unserer Meinung? Weil wir Angst haben mit ihr alleine zu sein!” Einer von vielen Spinnern, die die Straße entlang laufen und wirres Zeug erzählen. Ich wohne in der Nähe einer psychiatrischen Einrichtung. In der näheren Umgebung begegnen einen immer mal wieder Leute, die sich in sich und ihre Wahnvorstellungen zurückgezogen haben. Keiner käme auf die Idee ihnen zu folgen oder gar zu huldigen. 

Wem verbieten, wem erlauben?

Bei Leuten wie Xavier Nadoo oder Attila Hildmann geht es nicht um nachvollziehbare Ideologien oder real umsetzbare politische Forderungen, sondern um Wahn, der dem Weltbild einer Sekte entspricht. Wie immer, sollte man Sekten nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen. In Relationen zur gesamten Bevölkerung wird die Zahl der Anhänger immer begrenzt bleiben. Dennoch können sie gefährlich werden und eine Menge Schaden anrichten. Wie gehen wir sonst damit um?

Was wäre mit Leuten, die daran glauben, dass auf der Erde einst ein epischer Kampf von Außerirdischen stattfand und sich eine außerirdische Rasse auf eine Art Geistebene zurückzog, die sich in menschliche Körper eingenistet haben. Nach ihren Vorstellungen erfuhren die Auserwählten von der vor Urzeiten so oder ähnlich stattgefundenen Geschichte durch eine schillernde Persönlichkeit. Einen Mann, der mehrfach in der US – Navy scheiterte, Tomaten auf Schmerzempfinden untersuchte, sich Okkulten Zirkeln anschloss, dort selbst einem Aleister Crowley zu schräg ( … und den konnte vermutlich wenig beeindrucken) wurde, Sci Fy – Romane schrieb. Dies ist mindestens so schräg, wie der Kram, den die beiden aktuellen Galionsfiguren der deutschen Mystiker Szene von sich geben. Sollte man denen Auftritte, das Verbreiten von Büchern, Filmen und Musikauftritte verbieten? Vielleicht, aber wir tun es nicht. Ganz im Gegenteil, diese Leute scheffeln Millionen und füllen die ganz großen Bühnen. Wer es noch nicht bemerkt hat: Die Rede ist von Scientology.

Da draußen laufen eine Menge Gestalten herum, die mir persönlich ziemlich seltsam vorkommen. Hierzu gehören auch die ca. 2,5 Millionen christlichen Fanatiker aus der evangelikalen Bewegung. Hört man sich die Texte von Xavier Nadoo an, kommt schnell der Verdacht auf, dass er denen nicht unbekannt ist und es verwundern auch nicht die auf den Corona – Demos mitlaufenden assoziierten Mitglieder. Krisen, Epidemien, Naturkatastrophen, haben in der Geschichte der Menschheit schon immer diese Wirkung auf einen Teil der Bevölkerung betroffener Gebiete gehabt. Warum auch immer dies so ist. Historiker, Psychologen, Psychiater und Soziologen suchen seit Jahrzehnten nach einer Antwort. Vermutlich ist der innere Drang alles zu erklären derartig ausgeprägt, dass das dem Menschen nicht zugängliche eben mit eigenen, und wenn sie noch so fantastisch sind, Erzählungen erklärt werden. Gleiches gilt, wenn es eine handfeste Ursache gibt, sie aber nicht in das eigene Weltbild hineinpasst.

Mit Verboten ist dem nicht zu begegnen. Im Gegenteil, sie befeuern die Mythen. In deren Logik ist das Verbot ein sicheres Zeichen dafür, dass sich finstere Mächte vor einer Entdeckung schützen wollen. Prinzipiell fallen diese Menschen in eine Zeit lange vor der Aufklärung zurück. Sie und ihre Vorfahren haben sich die Entwicklung mit Technologie, Naturwissenschaften, Entmystifizierung eine Weile angeschaut, um nun darauf hinzuweisen, dass dies auch alles nichts gebracht hat, weil alle immer noch im gleichen Dilemma stecken, nur mit Abwandlungen. 

Was resultiert aus Verboten?

Ich glaube mittlerweile, dass es dynamische Prozesse gibt, an denen man zwar teilhaben kann, aber es keinerlei Garantie dafür gibt, dass sie den von einem selbst gewünschten Verlauf nehmen bzw. gezielt Einfluss nehmen kann. Man agiert innerhalb, woraufhin eine Wirkung nicht ausbleibt, aber wie die dann aussieht, weiß keiner. Sich dem zu entziehen ist unmöglich. Statt das Aussprechen von Meinungen, Leugnungen oder Lügen zu untersagen, sollte man meiner Auffassung nach schlicht mit einem Verhalten antworten, welches den eigenen Ansprüchen genügt. Gleiches gilt für die Art und Weise der Formulierung. Verbote, Repressionen, Eindämmungen, Kampf, erzeugen erfahrungsgemäß eine Gegenreaktion. Ich finde, aktuell ist dies gut bei den Auseinandersetzungen zu denen Themen Rassismus, Gendern und Sexismus zu beobachten. Wozu hat das kämpferische Auftreten der Akteure geführt? Diejenigen, welche ohnehin aufgeschlossen waren, sind es geblieben, einige sind genervt und die, welche geändert werden sollen, verschanzen sich. Mir kann man entgegenhalten, dass sich in der Geschichte vieles ohne Kampf nicht geändert hätte. Das ist korrekt und zu bedenken. Aber wenn ich schon in den Kampf ziehe, dann nicht kopflos und brachial, sondern taktisch klug. Ich halte es dabei mit Sun Zi und seinen Ausführungen darüber, wie man einen Krieg gewinnt. Hinzu kommen noch die in China bestens bekannten 36 Strategeme aus der dem chinesischen General Tan Daoji zugeschriebenen Sammlung von Kriegstaktiken.

Bei den genannten Themen handelt es sich nicht um meine Baustellen. Ich bin hellhäutig, heterosexuell und meine Identifikation mit meinem Geschlecht ist für mich eindeutig. Gleichzeitig ist mir dies im Kontakt mit Mitmenschen nicht wichtig. Damit ist es nicht mein Kampf. Es wird erst zu meinem, wenn ich attackiert werde. Versuche, mich auf der einen oder anderen Seite als Kombattanten einzuspannen, wehre ich ab. Gleichsam halte ich den Kampf der Minderheiten an sich für legitim. Dies bedeutet allerdings nicht, dass ich die Art, wie sie ihn führen, für effektiv, zielführend und erfolgversprechend halte. Entscheidend ist bei solchen Geschichten stets die Umfeldgestaltung, die von diesen Leuten ausgeht. Ja, der Ton und Umgang wird in manchen Bereichen vergiftet. Aber noch kann man sich dem entziehen.

Strategische Entscheidungen basieren auf Einschätzungen, die entweder abstrakt hergeleitet werden oder auf konkreten Informationen über das Umfeld und seine Entwicklung basieren. Eine wesentliche Information ergibt sich aus dem, was die Leute von sich geben. Wenn sich einer oder mehrere als Holocaust Leugner outen, bekomme ich die Möglichkeit, sie als solche zu erkennen, den Rest ihrer Gedankenstrukturen zu erfahren, sie einzuschätzen und letztlich Konsequenzen daraus zu ziehen. Weiterhin ist es informativ, wer diesen Leuten in welchem Umfang mit welchen Motiven folgt. Es heißt nicht umsonst: Wer fragt, der führt, und das sich jemand um Kopf und Kragen redet. Ich nehme mal die Position von Xavier Naidoo ein. Sollte er jemals wieder wach werden oder es vielleicht bereits getan haben, hat er längst den Punkt überschritten, von dem aus er nochmals zurückkönnte. Der 50 – jährige muss jetzt sein Ding durchziehen und kann nur hoffen, dass das bisher verdiente Geld bis zum Lebensende ausreicht. Ein wenig wird er noch aus der Anhängerschaft herausholen. Bei Attila Hildmann sieht es genauso aus. Seine aktuelle Strategie ist recht durchsichtig. In all seinen Kommunikationskanälen bietet er seiner Anhängerschaft seine Produkte an. Beide setzen sie auf eine sich zukünftig verschärfende Krise und versuchen daraus Geld zu schlagen. Auch dabei sind sie nicht alleine. Findige Geschäftemacher die in der Esoterik – Szene unterwegs sind, machen nichts anderes.

Aussagen/Meinungen demaskieren

Mir selbst bleibt die Beobachtung des Geschehens und die Analyse, wie ich mich am besten innerhalb des Geschehens bewege. Noch scheint alles in Ordnung zu sein. Die Zahl der Anhängerschaft ist überschaubar. Selbst bei der AfD setzt ein Prozess ein, in dem sich die Protagonisten durch ihre Äußerungen immer mehr der Lächerlichkeit preisgeben. Ein prägnantes anderes Beispiel liefern junge politische Newcomer, wie Benedikt Brechtken von der FDP oder auch ein Manuel Ostermann von der DPolG. Ich musste herzhaft beim Lesen einer Diskussion einiger Wikipedia – Autoren lachen. Es ging darum, ob der Eintrag für Brechtken bestehen bleiben soll oder nicht. Einer brachte das Argument ein, dass man eine gewisse Verantwortung habe und dem jungen Mann nicht die Zukunft verbauen solle, weil er vermutlich ab einer gewissen Reife seine in der Vergangenheit gesagten Worte bereuen wird. Bei Ostermann, der nach dem einfachen Schwarz – Weiß – Schema alles jenseits der Werteunion sind gefährliche Extremisten vorgeht, fragt sich der Beobachter, was in seinem erprobten und erfahrenen Förderer Rainer Wendt vorgeht.

Andere Gruppen, wie zum Beispiel die Leugner des Klimawandels, oder die viel mehr gefährlichen Personen, nämlich jene, die durchaus erkennen was passiert, aber aus reinem Eigennutz heraus ein Handeln verweigern, bereiten mir größere Sorgen. Doch auch von ihnen erfahre ich nur, in dem ich sie frei sprechen lasse. Wenn sie es denn mal alle täten! Viele von denen sind schlau genug, es nicht zu tun. Ein wesentlicher Punkt im aktuellen Zeitgeschehen. Die Leute, deren Handlungen eine tatsächliche mich unmittelbar selbst betreffende Auswirkung haben, täuschen, tarnen, verstecken sich hinter Propaganda und äußern ihre echte Meinung nicht.

Gelassenheit

Unabhängig von alledem, halte ich ein wenig Abstand für angezeigt. Natürlich bin ich von meiner Meinung überzeugt, sonst hätte ich sie nicht. Gleiches muss ich allen anderen zugestehen. Später werden andere befinden, ob sie richtig war oder überhaupt ins Gewicht fiel. In der uns bekannten Geschichte der Menschheit gab es immer Menschen, deren Meinung in ihrer Zeit geächtet wurde und spätere Generationen zu einer vollkommen anderen Auffassung kamen. Im Gegenzuge amüsieren wir uns nachträglich über Auffassungen, Ansichten, Meinungen, aus vergangenen Zeiten, die damals absoluter Mainstream waren. Wobei ich betone, dass das von Leuten wie Xavier Nadoo oder Attila Hildmann Verbreitete für mich keine Meinung, sondern wirres Zeug ist. Würde ich ihre Worte für voll nehmen, müsste ich gleichzeitig 2 + 2 = 6 hinnehmen.
Aussagen oder Meinungen nicht zuzulassen, ist immer ein Zeichen der Schwäche und Angst. Selbst das Grundgesetz und die nachgeordnete Gesetzgebung sind davon geprägt. Hinter den Gesetzen, die sich auf Volksverhetzung oder Leugnen des Holocaust beziehen, steht die Sorge, dass Rattenfänger es vermögen andere zu verführen und zu manipulieren. Anders: Die Deutschen trauen sich selbst  oder wenigstens Teilen aus einer grauenhaften Historie heraus diesbezüglich nicht über den Weg. Dies bedeutet gleichsam, dass rudimentär immer noch Verhaltensmuster herumgeistern, die in die damalige Katastrophe führten. Dem kann ich folgen. Aus diesem Grund bin ich vehement gegen eine Erweiterung der Plebiszitären Elemente. In der deutschen Gesellschaft schlummert etwas, auf das immer geachtet werden muss. Im Idealfall ändert sich dies innerhalb der kommenden Jahrzehnte. Ich glaube nicht daran und wenn man die Aussagen der etablierten Politiker hört, habe ich keinerlei Veranlassung dies zu ändern. Spätestens wenn Worte wie Führungsrolle, militärische Stärke, Deutsche Leitkultur, Deutsche Tugenden, Marke Deutschland pp., fallen, schrillen bei mir die Alarmglocken. Ich kämpfe nicht dagegen an. Dafür fehlen mir schlicht die Mittel. Hierzu hätte ich bereits vor mindestens zwei Jahrzehnten andere Weichen stellen müssen. Was ich tun kann, ist ein anderes Leben zu führen und im absoluten Notfall die Sachen packen.

Fazit: Lasst den Mann auftreten. Wir werden das aushalten. Parallel lassen wir auch andere ihr Programm abziehen und schauen, wer mehr Zuspruch bekommt.

30 November 2019

Notizen zur OK in Berlin

Lesedauer 5 Minuten

Aus einem gegebenen Anlass heraus, grüble ich aktuell über Begriffe wie Kriminalität, Verbrechen, Schwerkriminalität, Organisierte Kriminalität und einige andere Kategorien. In der allgemeinen Diskussion geht dabei häufig unter, dass es da eklatante Unterschiede gibt. Die Organisierte Kriminalität (OK) ist prinzipiell eine Begleiterscheinung eines kapitalistisch organisierten Systems, deshalb funktioniert sie nahezu identisch und die Grauzonen zwischen der als legal und illegal definierten Wirtschaft sind riesig. Die OK orientiert sich an Standortbedingungen, Personal, Qualifikationen, Absatzmöglichkeiten und Zulieferer. Häufig haben Bekämpfungsstrategien Auswirkungen auf die scheinbar legalen Strukturen. Zum Beispiel führen Überlegungen zu effektiven Gesetzen zur Bekämpfung der Geldwäsche meist zu panikartigen Reaktionen bei «legalen» Wirtschaftsakteuren, weil ihre politisch geduldeten oder sogar gewollten Regelverstöße aufgedeckt werden könnten.

Zu den Standortbedingungen gehören auch die in der Gesellschaft dominierenden Werte -, Ethik -, und Moralvorstellungen. OK Täter scheren sich um diese Themen einen feuchten Kehricht und wenden sie eiskalt als taktisches Mittel an. Beispiele gibt es dafür reichlich. Eine beliebte Waschmaschine für illegale Gelder sind beispielsweise religiöse Einrichtungen, weil Ermittlungen in diese Richtung häufig tabuisiert sind. Oftmals ist die ethnische Abschottung ein unschätzbarer Vorteil, besonders wenn sie in der Vergangenheit Verfolgungen unterlagen. Niemand, der nicht öffentlich Prügel beziehen will, wird bei denen die Daumenschrauben anziehen. Wenn eine Religionsgemeinschaft in mehreren Ländern verfolgt wurde, erfährt sie einen besonderen, durchaus gerechtfertigten Schutzstatus. Die Kehrseite der Medaille ist die entstehende Lücke in der Verteidigungslinie. Wenn mir Religion egal ist, habe ich keinerlei Probleme damit zu konvertieren und damit einen besonderen Status zu erlangen. Von Vorteil ist es auch, eine Sprache zu sprechen, die weltweit wenige Menschen sprechen. Ein Umstand der im II. Weltkrieg von der US Army ausgenutzt wurde, als sie indigene Funker ausbildeten, deren Sprache von den Japanern nicht verstanden wurde. Nichts anderes machen Minderheiten, von denen sich manche kriminell organisieren. Hilfreich können archaische Sippenstrukturen sein, welche sich über Jahrhunderte, u.a. bei der Verfolgung in diktatorischen Systemen bewährten.
Hinter der OK steckt strategisches, taktisches, intelligentes und strukturiertes Denken. Die bekannten Unterstrukturen sind dabei qualitativ durchaus unterschiedlich zu bewerten. Manche agieren leise und wenden Sanktionen gezielt unauffällig an. Nur im äußersten Notfall wird es bei Ihnen laut. Asiatische Strukturen haben gelernt, dass es sinnvoller ist, die Familien im Heimatland anzugehen, denn Morde in Deutschland zu begehen. Osteuropäische Banden setzen kurze extrem brutale Zeichen mit einer langen Wirkung. Zumeist weichen sie bei Sanktionen auf Länder aus, in denen ihr Einfluss auf offizielle Stellen größer ist. Die italienischen OK Strukturen arbeiten in weiten Teilen mit einheimischen Statthaltern zusammen. Gut zu erkennen ist dies beim Handel mit Falschgeld. Gedruckt wird im sicheren Italien. Den Vertrieb im Ausland übernehmen andere Gruppierungen. Verhandlungsgespräche über größere Mengen erfolgen ausschließlich in Italien.

Wie beschrieben, ist Mitgliedern der OK jedes Mittel recht, wenn es denn wirksam ist. In Deutschland ist eine berechtigte oder unberechtigte kritische Haltung gegenüber der Polizei entstanden. Dies ist den Taktikern der OK nicht entgangen. Gegen Ermittler Teile der Bevölkerung zu mobilisieren bzw. diese unliebsamen Gegner zu kriminalisieren, ist ein hochwirksames Mittel.
Vietnamesen zeigten zeitweilig reihenweise Polizisten wegen unzulässiger Übergriffe an, um den Verfolgungsdruck der Zigarettenhändler zu mildern. Rumänische Banden erkannten zeitweilig ein internes Konkurrenzverhalten bei der Berliner Polizei. In Vernehmungen boten sie deshalb Aussagen zu vermeintlich korrupten Beamten an. Das funktionierte zeitweilig, bis mittels Dienstanweisungen solche Aussagen anders behandelt wurden. Andere osteuropäische Banden setzten auf das Mitleid der Umstehenden bei Festnahmen und täuschten epileptische Anfälle vor oder fügten sich selbst massive Verletzungen zu. Russische Täter zeigten sich scheinbar kooperativ, lieferten Informationen zu internationalen Verfahren, bei denen sie wussten, dass sie das Problem unter Kontrolle bekommen und setzten auf das Erfolgsbestreben der deutschen Staatsanwaltschaft. Wie gesagt: Doof sind die alle nicht.

Der Kriminalbeamte im OK Bereich kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig. Gegen die zumeist recht naiv romantischen Vorstellungen des Bürgertums, ein politisches Establishment, welches in Teilen aus Unwissenheit verstrickt wird, den begrenzten Ressourcen im Innern der Polizei, Lobbyisten, die ein eigenes Süppchen kochen, machtpolitisch begründete Vorwürfe und Vorgaben, sowie ein bedauerliches Unwissen, welches oft auf Ignoranz beruht. Die Geschehnisse sind komplex. Hinzu kommen dann am Ende noch Vernetzungen mit Nachrichtendiensten aus allen Teilen der Welt, Terrorismus und halblegale Aktivitäten von Konzernen. Paradox ist dabei die Rolle des harmlosen Bürgers. Sie oder er mutiert zur Schachfigur auf einem riesigen Spielfeld. Politiker ziehen ihre Steine zum Zwecke einer Wiederwahl, die Kriminellen verwenden das Bürgertum als Opfer und Bollwerk zugleich, die Ermittler versuchen die Züge zu sabotieren.

In all den zurückliegenden Jahren erhoffte ich mir durch die fortwährende Berichterstattung in wirklich gut recherchierten Reportagen, Büchern, digitalen Medien, Whistleblowern, eine wachsendes Verständnis in der Bevölkerung, welches in einer höheren Effizienz mündet. Eingetreten ist es nicht. Im Gegenteil, vieles ehemals noch Mögliche, ist sabotiert worden.
In den 90ern zog sich ein Kriminaldirektor die Meldedaten aller in Berlin angemeldeten Italiener, inklusive derjenigen, welche durch Heirat die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen hatten. Außerdem ließ er sich Handelsregisterauszüge anliefern. Zusätzlich ließ er eine Recherche zu schweren Straftaten laufen. Weiterhin glich er die Namen mit den Erkenntnissen der passenden Dienststellen in Italien ab. Am Ende bot sich ein wenig erfreuliches Bild. Alle Strukturen waren anwesend, die Indikatoren sprachen für sich, doch es gab kaum rechtlich zulässige Ermittlungsansätze. Was will man machen, wenn ein international auffälliges Massensterben in einer Familie einsetzt, deren Vertreter u.a. friedlich und unauffällig in Berlin leben?
Ein einziger Mord, viel Geld und Besitz, angesehener sozialer Status … und nun? Allein schon der damalige Ansatz, ist heute unvorstellbar. Ich glaube, dass ich es bereits in einem anderen Beitrag notierte. Eins ist doch klar: In einer Stadt, wie Berlin, treten sich alle gegenseitig auf die Füße. Dienste, diverse politische Oppositionen, die nicht ins Heimatland können, Terrorvereinigungen, alle bekannten OK Strukturen, Geldwäscher u.s.w.. Natürlich sind Immobilien, Großgastronomien, Spielotheken, Bars mit schwer nachvollziehbaren Umsätzen, Blumenhändler, Imbissbuden, lohnende Objekte. Es wäre auch mehr als naiv, Schutzgeld, Zwangsbeteiligungen, Verbindungen zum internationalen Terrorismus als nicht existent zu betrachten. Und jeden Tag finden sie neue Lücken, bei denen sie von versierten Juristen, Banken, Steuerberatern, unterstützt werden.

Berlin hat sich derzeit auf die Clans eingeschossen. Die schmutzigen lauten Schmuddelkinder der OK. Ich höre das Lachen der Italiener, Russen, Osteuropäer, Asiaten. Die Nummer haben die in den ausgehenden Achtzigern und am Beginn der Neunziger hinter sich gebracht. Damals haben sie schnell gelernt, wie man mit der deutschen Gesellschaft richtig umgeht. Sie sind nicht gegangen. Sie haben ausschließlich ihre Vorgehensweise verändert. In Berlin sollen Wohnungen gebaut werden. Bauvorhaben werden ausgeschrieben, Grundstücke zur Bebauung frei gegeben, Hochhäuser geplant … in der OK, bei Steuervermeidern, Konzernen, knallen die Sektkorken. Wenn ich die Berichte über die Vergaben lese, wird mir ganz anders. Letztens las ich vom Jubelgeschrei bezüglich des Spielhallensterbens in Berlin. Die Politiker bildeten einen Kreis und klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Eine Woche später setzte ich mich in Aufwallung alter Erinnerungen in ein paar einschlägige Lokale meines Bezirks. Spielautomaten, die üblichen kleinen Gangster, welche Umsatz vortäuschen sollen, stündlich vorbei kommende Kontrolleure der passenden Familien und anderen OK Strukturen. Läuft!

Könnte man gegen all das etwas unternehmen? Vielleicht … aber auf keinen Fall mit den Leuten, die derzeit in Rang und Würden sind, einer Bevölkerung, die sich eine Nebelkerze nach den anderen verkaufen lässt und Senatsmitgliedern, die mit Sicherheit von vielem Ahnung haben, aber nicht von OK und Terror. Meiner persönlichen Auffassung nach, wäre innerhalb von Berlin ein wichtiger Schritt, in den Bezirken alle in ein Boot zu setzen. Vertreter vom Handwerk, Gewerbe, Bürger, Mitglieder der Kiez Büros, Schutzpolizei, Kripo, Ordnungsamt, Finanzamt, Bauamt, in eine beratende Kommission zusammensetzen. Das wird die OK nicht im Allgemeinen interessieren, aber ich kann ihnen die Bezirke wegnehmen.

In meinem Wohnbezirk Spandau sind die Würfel gefallen. Die Clans haben langsam die Nase von Neukölln und Wedding voll und entdecken die Randbezirke. Sie treffen auf Teilgebiete, die bereits besetzt sind. Tschetschenische Hoheitsgebiete oder die klassischen PKK Einzugsviertel (Spandau Neustadt) werden sie nicht besetzen können. Aber es bleibt noch genug übrig. Parallel tauchen auch die ersten Salafisten (Falkenhagener Feld), interessanterweise deutsche Konvertiten auf. Unter anderen ist das ein Ergebnis der Innenstadtpolitik des Senats.
Es war klar, worauf die Stärkung der Polizei in der polierten Innenstadt hinausläuft. Der arbeitende Teil der OK verzieht sich in die Außenbezirke und die Gewinne werden in der Innenstadt investiert.
Mir muss niemand mit der CDU, FDP oder der AfD kommen. Das ist genau, was die wollen. Ihre klassischen Wohlfühlzonen, in denen sie wohnen, Zehlendorf, Wannsee, die bewaldeten Teile von Reinickendorf, sollen unberührt bleiben. Die Innenstadt soll für Investoren attraktiv werden. Die hippen Zukunftsprojekte Kreuzberg Bereich Görlitzer Park, werden nach und nach bereinigt. Auch das verschiebt sich langsam. Die Drogenszene ist längst wieder auf Wanderschaft. Wahrscheinlich wird sie wieder ankommen, wo sie mal herkam … in den Hochhaussiedlungen. Für die Platte ist der Effekt allerdings neu.

Die Älteren in der SPD versucht in den BVV’s verzweifelt für die Bezirke Schadensbegrenzung zu betreiben. Die GRÜNEN sind mehrheitlich ein naiver Ausfall, weil sie aus ihrer Blase nicht herauskommen. Die junge LINKE ist verstrahlt und die Alten von denen trauen sich nicht mehr. Traurig … Puh … Ich denke mal weiter nach.

13 Mai 2017

:: Sag mal Emmes … ::

Lesedauer 8 MinutenLESEPROBE


Spandau

Berlin – Spandau, Montag Abend in einer Kneipe. Einem Berliner reichen diese Informationen. Sie sind kein Berliner? Dann brauchen Sie mehr Input. An einem Montag ist abends nahezu jeder Laden in Spandau leer. Und wenn Sie doch jemanden antreffen, ist derjenige ein Mann, irgendetwas zwischen 40–50 Jahre, unverheiratet und gelangweilt. Sie wissen nichts mit dem Bezirk – Spandau anzufangen? OK! Ich beschränke mich auf das Notwendige. Berliner bezeichnen sich meistens nur außerhalb des Stadtgebiets als Berliner.
Treffen sie sich untereinander, wird zumeist die Frage gestellt: «Wo kommste denn her?»
«Vom Wedding! Aus Prenzlberg! Ick bin Marzahner, aus Neukölln oder eben aus Spandau.»
Auf die Antwort Spandau folgt im Regelfall eine kurze Pause. Der «echte» Berliner entgegnet dann: «Ach so, Spandau, also nicht aus Berlin! Musste nicht bald nach Hause? Die Brücken werden bald hochgezogen?»

Dies bezieht sich darauf, dass Spandau an der Havel liegt und von Berlin aus nur über eine der 11 Brücken erreicht werden kann. Es ist typisch für Berliner, dass sie diesen Umstand für eine Besonderheit halten. Jedenfalls leben jenseits dieser 11 Brücken, die Spandauer. Aber es wird noch verrückter. Treffen nämlich zwei Spandauer aufeinander, die sich nicht kennen, also ein fast nicht anzunehmender Fall, wird eine weitere Aufteilung vorgenommen. «Kommste von der Buber, Kant, Bartning oder Carossa?» Hinter dieser Frage verbergen sich die Namen von Spandauer Schulen. Irritierenderweise kommt es dann zu Auskünften wie: «Nee aus Staaken, Neustadt oder Hakenkreuzfelde.»
Mit diesem Dialog werden für den Ureinwohner wichtige versteckte Botschaften ausgetauscht. Stellen Sie sich folgende Szene vor. Sie sind Spandauer und baggern eine junge Frau an. Sie erhalten die Antwort: «Buber!». Ihre zukünftige Ex – Freundin war irgendwann in ihrem Leben auf der Martin – Buber – Oberschule. Vorsicht! Viele der Absolventen waren anfangs auf einer anderen Schule, landeten dann dort, um einen halbwegs brauchbaren Schulabschluss zu bekommen. Das bedeutet, sie hat unter Umständen Geschwister, die auf anderen Schulen waren. Als Mann und Einheimischer sollten jetzt die Alarmglocken läuten. Die junge attraktive Frau vor Ihnen hat möglicherweise einen Bruder, den Sie kennen! Je nach Alter hatten sie unter Umständen etwas mit der Mutter oder Sie hatten mal in der Vergangenheit  mit dem Vater zu tun.
Die Antwort «Carossa», bringt sie eventuell in juristische Schwierigkeiten, weil der Vater Rechtsanwalt sein könnte. «Kant» bedeutet: «Freundeskreis und Familienstammbaum sind ein Kreis!» Als Außenstehender können Sie das selbstverständlich alles vergessen. Entweder die Frau ist dankbar, endlich mal einen Typen von auswärts kennenzulernen, was sehr wahrscheinlich ist, oder sie hat ohnehin kein Interesse an Ihnen.

Nach dieser groben Sortierung kommt das Feintuning. «Wo bist Du denn abends immer?» In Spandau gibt es eine überschaubare Anzahl von zentralen Einrichtungen, die man als Einheimischer kennen muss. Ich finde am ehesten können diese Einrichtungen als Institutionen bezeichnet werden. Irgendwo las ich, dass eine Institution etwas darstellt, wo Leute zusammenkommen und einen festen sozialen Ablauf erwarten können. Wenn das nicht auf eine Spandauer Kneipe zutrifft, dann weiß ich nicht weiter. Outet sich ein Einheimischer als Stammgast dieser Institutionen, wissen Sie über diesen Menschen mehr als Google, Verfassungsschutz und Krankenversicherung zusammen.

Ausländische Sender

In einer dieser Institutionen sitzt an diesem Montag Emmes. Kennen Sie nicht? Macht nichts. Sie werden ihn kennenlernen. Er ist einer der gelangweilten vier Männer am Tresen. Der mit der Mütze auf dem Kopf. Zu seiner Rechten trinkt der ebenso an einem Montag stets anwesende arbeitslose Maler Thomas, wie alle Thomas einfach nur Tom genannt, sein Bier aus einem Einliterkrug.

«Sag mal Emmes, hast Du schon einen neuen Dekoder?»
Emmes hebt unmerklich den Kopf. «Nö! Wieso?»
«Habe mich den ganzen Abend mit diesem Mist herum geschlagen. Das ist vielleicht ein Dreck.»
«Warum?»
«Bis ich alle Sender drin hatte, hat es eine Ewigkeit gedauert. Und Du bekommst nur unsere Sender rein.»
«Wieso willst Du denn noch mehr haben? Den Rest kannst Du doch sowieso knicken. Ist entweder Werbung oder Ausland.»
Tom triumphiert. «Eben, Ausland!»
Emmes schaut skeptisch und greift nach einer Zigarette.
«Ach ja? Welche willst Du denn reinbekommen?»
«Österreich, Schweiz, BBC und so.»
«Warum willst Du die denn sehen?»
«Na zum Beispiel lese und höre ich jetzt täglich über den Skandal in der Bundeswehr. Der Skandal ist doch ein ganz anderer. Das Bundesamt für Flüchtlinge erkennt einen Deutschen als Flüchtling an und blecht auch noch dafür. Klarer Fall, jeder Terrorist kommt hier ganz einfach rein. Bekommt Asyl und Kohle für seine geplanten Taten in den Hintern geschoben.»
Emmes schaut immer noch skeptisch und zündet sich die Zigarette an.
«Was hat das jetzt mit Deinen Sendern zu tun?»
«Warum wohl werden deutschsprachige Sender z. B. aus der Schweiz oder Österreich nicht in unser Kabelnetz eingespeist? Nicht mal im Internet geht das einfach so. Ich habe mir extra über einen Server aus der Schweiz einen Account bei Zattoo TV eingerichtet.» Tom nimmt einen Schluck aus seinem Krug. «Wenn Du nur Sender aus Deinem Land empfangen kannst, bist Du Deutscher oder Koreaner! So siehts doch aus.»
«Hmmm? Koreaner?», brummt Emmes.
«Was?»
«Korea? Ernsthaft?»
«Oder Türkei, Demokratie gibt es hier schon lange nicht mehr!»
Emmes zieht aus seiner Jacke ein Notizbuch heraus und beginnt etwas hinein zu schreiben.
«Was schreibst Du da?»
«Ich mache mir Notizen!»
«Worüber?»
«Ich muss Morgen wieder über Dich berichten !»
«Hä?»
«Na bei meinem Führungsoffizier. Ich bin doch Beamter und muss Dich als Systemkritiker melden.»
Tom kräuselt die Stirn.
«Willst Du mich verarschen?»
«Würde ich nie tun. Ich kann Dich verstehen, aber ich habe das Problem nicht.»
«Du kannst natürlich alles empfangen, weil Du so schlau bist!», empört sich Tom.
«Einfach so nicht! Ich musste mich beim Kauf der Satelliten – Schüssel mit meinem Dienstausweis als Mitglied der Überwachungsbehörde ausweisen. Jetzt kann ich sogar japanische Sender empfangen.»
«Sehr witzig!», stellt Tom leicht aggressiv fest.
Emmes schaut Tom nicht an. «Stimmt, ich kann nämlich kein Wort Japanisch!»
«Du bist echt ein Spinner! Wirst schon sehen, was Du davon hast. Spätestens wenn Deine Töchter mit einer Burka herumrennen müssen, wirst auch Du kapieren, was hier abläuft.»
Emmes schaut Tom nun doch an. «Vorsicht! Ich bin gläubig. Bei Religion verstehe ich kein Spaß!»
Tom stutzt.
«Ernsthaft?»
«Ja, ich habe auch schon mal darüber nachgedacht zum Islam zu konvertieren!»
«Bist Du bescheuert?»
«Gar nicht! Denk Du doch mal nach. Du kannst mehrere Frauen haben, solange Du sie einiger Maßen versorgen kannst. Sie müssen jeden Tag mit Dir vögeln und Du bist der Bestimmer zu Hause. Zugegeben, die Sache mit dem Suff ist ein wenig problematisch, aber ein Muslim hat mir mal erklärt, aber in der Wohnung ist OK, da sieht es Allah nicht.»
«Ach so! Ich dachte schon, Du meinst das ernst.»
Emmes grinst und beginnt leise zu lachen. «Was genau hast Du nicht verstanden?»
«Ist doch alles Quatsch! Oder?», kameradschaftlich klopft Tom Emmes auf die Schulter.
«Du musst doch zugeben, dass mit den Flüchtlingen jede Menge Penner ins Land kommen. Wir zahlen und zahlen …»
Emmes unterbricht ihn.
«Und verdienen jede Menge Geld!»
«Na hör mal, wo verdienen wir denn Geld an denen?»
«Warum flüchten die denn?»
«Was weiß ich? Wenn es so schlimm ist in Syrien, sollen sie lieber kämpfen. Wir können nicht jeden aufnehmen.»
«OK, und wie sollen sie kämpfen?»
«Na mit der Knarre in der Hand!»
«Die bekommen sie woher?»
Tom zuckt mal wieder mit den Schultern.
«Keine Ahnung! Sind doch genug Knarren da.»
«Die wir ihnen verkauft haben! Anderes Thema, wo wohnen denn die Flüchtlinge?»
«Na in den Containern, Sporthallen, Schulen, was weiß denn ich?»
«Die Container stellt wer her? Wer vermietet dem Senat alte Hotels?»
«Ach? Und Du willst mir jetzt verklickern, dass wir daran Geld verdienen? Wer zahlt denn die Miete? Du! Ich! Wir Steuerzahler.»
«Ja, aber es verdient auch jemand. Genauso, wie einer an den Waffen verdient. So wie wir alle verdammt gut davon leben, dass die in Afrika nichts auf die Reihe bekommen. Was meinst Du wohl, was passiert, wenn die uns für die Rohstoffe richtige Rechnungen ausstellen, dann wird es aber ganz schön dunkel hier.»
Tom winkt ab.
«Bla, Bla! Fakt ist doch, dass die nichts hinbekommen. Mit Dir kann man nicht reden. Du bist so ein richtiger Möchtegern Gegenhalter. Ich bleibe dabei, Deutschland schafft sich ab.»
Emmes schüttelt mit den Kopf.
«Sinnlos!»
«Ja, weil Du Dich immer mehr zum Systemling entwickelst.»
«Ich denk, Du bist Wessi?»
«Ja und?», fragt Tom erstaunt nach.
«Ich dachte immer, das Wort wird nur von Ossis benutzt. Wessis  sagen so etwas wie: Mitläufer, Opportunist … oder so. Systemling? Ernsthaft? Machst Du demnächst auch durchs Gebiet?»
«Du hast auf alles eine Antwort, oder? Auf jeden Fall läßt Du Dich von diesen Volksschädlingen vor den Karren spannen!»
Emmes schlägt auf dem Barhocker sitzend die Hacken zusammen «Heil!»
«Ach kommt jetzt wieder die Nazikeule?»
«Wenn Du Naziwörter benutzt …»
«Bleib doch mal beim Inhalt! Da draußen herrscht dank unserer feigen Politiker ein Religionskrieg. Mit schlauen Gehirnwichsereien werden wir da nichts ausrichten.»
«Aber mit Dummheit?»
«Ach ich bin dumm?»
«Na klar, weil Du Dir den Scheiß einreden läßt.»
«Und Du hast die Wahrheit gepachtet?»
«Nö, aber ich kenne mich ein wenig mit Paranoiden aus!»
«Ach hat der Herr jetzt auch noch Psychologie studiert.»
«Nein, aber ich war mit genug paranoiden Weibern zusammen.»
«Und warum bin ich Deiner Auffassung nach paranoid?»
«Du hast vor etwas Angst, was Dir andere eingeredet haben. Es ist vollkommen bescheuert, aber Du glaubst dran. Dann versuchst Du jedem zu verklickern, dass es doch ganz normal ist, davor Angst zu haben. Ich hatte mal eine, die konnte sich nicht ins Gesicht fassen, weil Sie Angst hatte davon krank zu werden. Dann hat Sie mir versucht klar zu machen, dass ich das auch unterlassen sollte. Verrückt!»
«Und was haben die Flüchtlinge damit zu tun?»
«Das einer von denen ausgerechnet Dir Kackvogel etwas tut, ist extrem unwahrscheinlich. Genauso unwahrscheinlich, wie das die Tante sich Ebola oder sonst etwas einfängt. Da sollte sie sich eher einen Kopf um Chlamydien machen. Egal! Was soll das mit den Sendern?»
«Zensur!»
«Zensur?»
«Ja, ich hab keinen Bock mehr darauf, von diesen Einheitsmedien gesteuert zu werden.»
«Und die Ösis haben keine Zensur? Kauf Dir doch mal ein Buch oder eine brauchbare Zeitung.»
«Keine Zeit!»
«Aber ausländische Sender? Stundenlang vor dem Rechner sitzen und Fake Accounts einrichten, dafür hast Du Zeit?»
«Es geht um die Möglichkeit!»
Emmes läßt demonstrativ den Kopf sinken.
«Wieder so ein Tussi Ding!»
«Warum?»
«Nur Frauen wollen immer die Möglichkeit haben. Eigentlich wollen sie gerade nicht, aber die Möglichkeit muss bestehen. Ihr ganzer Kleiderschrank ist ein Einziges: Ich will die Möglichkeit haben!»
«Kann es sein, dass Du ein Chauvi bist?»
«Hab nie etwas anderes behauptet.»

Pause

«Ich bleibe dabei!»
«Wobei?»
«Na, dass wir hier nicht jeden aufnehmen können!»
«Von Können ist auch nicht die Rede!»
«Siehste, Du sagst es auch …!»
«Die kommen einfach! Das wirst Du nicht verhindern und ich auch nicht.»
«Aber wir können die Grenzen dichtmachen.»
«Könnten wir. Und dann?»
«Na, dann kommen die nicht mehr her.»
«Und wie verhinderst Du, dass sie Deine tolle Grenze nicht doch überwinden?»
«Keine Ahnung, was an Grenzen halt so gemacht wird. Kontrollen, nicht durchlassen, wieder nach Hause schicken.»
«Wenn die aber nicht wollen? Abknallen?»
«Du musst Sie ja nicht abknallen. Warnschüsse dürften reichen.»
Emmes dreht sich nun auf seinem Barhocker vollständig zu Tom um.
«Nicht so hastig mein Freund. Ein Typ, der nicht getroffen ist, rennt einfach weiter. Also wer schießt richtig? Denn das würde sich herumsprechen. An der deutschen Grenze wird scharf geschossen.»
«Dann müssen halt die Grenzer schießen.»
Emmes zieht die Augenbrauen hoch.
«Ach so? Und wer genau soll da an der Grenze stehen? Du?»
«Ich bin Maler und kein Grenzer. Augen auf bei der Berufswahl, kann ich nur sagen. Wer den Job macht, muss auch in der Lage sein zu schießen, so ist das nun einmal.»
«Und Du beschwerst Dich über unsere Politiker?»
«Wieso?»
«Weil die genauso eine Grütze quatschen. Pulle voll, Frau besoffen! Nach Krieg schreien, aber andere an die Front schicken.»
«Was soll denn Deiner Meinung nach passieren?»
«Wo?»
«Na, mit den Flüchtlingen?»
«Der Zug ist abgefahren.»
«Also Du nimmst das alles so hin?»
«Ich sehe keine Alternative. Wir können nur noch das Beste draus machen. Die Weichen haben ganz andere schon vor Jahrzehnten gestellt.»
«Das wäre?»
«Ich stehe auf südländische Frauen. Da wird sich doch vielleicht eine Dankbare finden.»
«Du Bock!»
«Ich sagte es bereits. Ich habe niemals etwas Anderes behauptet. Die wollen unsere dicken blonden Weiber, also hole ich mir ihre dunkelhaarigen Bräute.»
«Du bist ja noch schlimmer als ich!»
Emmes zuckt mit den Schultern.
«Ich hab nicht gesagt, dass ich ein guter Mensch bin, ich behaupte lediglich, Realist zu sein. Weder Du noch ich, werden etwas aufhalten, wir können uns nur damit arrangieren. Jägermeister?»
«Bin dabei.»

Amira, die arabisch stämmige junge Bedienung stellt den beiden Jägermeister hin.

«Mach Dir mal auch einen!», fordert Emmes.
«Danke!»
«Nicht dafür.»
Amira hebt ihr Glas. «Auf Euch alte Säcke! Prost!»
Emmes verzieht das Gesicht. «Wir sollten noch mal über die Grenze nachdenken.»
«Welche Grenze?», fragt Amira.
«Ach nichts, war nur so ein Spruch.»

Fortsetzung folgt …