August 22 2022

Sie haben ihm ein Denkmal gesetzt

left human hand Lesedauer 5 Minuten

„Ach, was? Den Elefanten gibt es noch?“, dachte ich gestern. Ich glaube, so geht es in letzter Zeit vielen. In Berlin gibt es ein paar alte Institutionen, die alle kennen. Und wenn man nicht gerade Stammgast ist, sondern nur ab und zu mal vorbeischaut, kann man nie wissen, wo das Kneipensterben zugeschlagen hat. Tönnchen, Blauer Affe, Drei Mädel Haus, Alter Schwede, Marianne 137, Barrikade, Goldene Henne, Turandot, sind einige davon. Na, und eben der Elefant am Heinrichplatz, der seit gestern Rio-Reiser-Platz heißt. Zu meiner Freude, saßen drinnen immer noch die Gestalten, welche man dort erwarten darf. Lauter alte Kreuzberger SO36 Kiezgestalten, jeder zweite ein Original für sich. Philosophen, Trinker, Lokalpolitiker, Literaten, Soziologen, Psychologen, Weltenversteher, in einer Person. „Arbeit ist scheiße!”, sagte der eine, als ich mein erstes Bier, ein Jever aus dem Henkel versteht sich, bestellte. Sein Kumpel, ich hatte mich zwischen die beiden gedrängt, raunte an mir vorbei: “Ja, aber wenn die hinter dem Tresen nicht ackern würde, wäre auch kacke!” Der andere schaute auf sein Bier und meinte dann im besten Berliner Dialekt: “Na, und? Dann zapfe ick halt alleene.” Damit war das dann auch geklärt.
Ich ging mit meinem Bier vor die Tür. Der Kiez wollte mit gebührenden Ehren einen der Helden aus den 70ern und 80ern feiern und ihm einen Platz widmen. Eine Stunde vor dem offiziellen Beginn der Veranstaltung fanden sich erstmal die ein, die ohnehin im Kiez wohnen. Die Scherben setzten zum Soundcheck auf der errichteten Bühne an. “Der Traum ist aus, doch ich werde alles geben …”, schallte es über den Platz. Kurz danach folgte der markante Refrain von „Keine Macht für Niemand!“ Das veranlasste ein paar Fans, die schon vor der Bühne standen, gleich mit einzustimmen. Der Slogan stand jahrzehntelang in großen weißen Buchstaben auf einer der Bahnüberführungen in der Yorckstr. Unweit davon steht das Haus, in dem die Scherben zeitweilig residierten. Die sich da heute über Airbnb einmieten, wissen nichts mehr davon. Ich erinnerte mich daran, wie ich als Jugendlicher eine Weile brauchte, den Spruch zu verstehen. Der Umstand, dass meine Großeltern mit Nachnamen Niemandt hießen, machte es nicht einfacher.
Ich fragte zwei Typen, ob ich mich an ihren Tisch hinzusetzen könnte. Beides Urgesteine um die 70. Schnell kamen wir ins Gespräch. Das Kneipensterben bedauerten sie, wie ich. Gemeinsam gingen wir die Liste durch. “Hier ist auch nicht mehr, wie es mal war.” Stellte der eine fest. “Du darfst drinnen nicht mal mehr einen durchziehen. So’n Blödsinn, hat früher auch keinen interessiert. Hinten in der Dresdner, da gibt es einen Laden, da kannst Du einen durchziehen und in Ruhe Dein Bier trinken. Die Spießer und Spekulanten haben den Kiez gekauft. Nur noch Touris hier.” Der Lauf der Zeit dachte ich mir. Bis auf wenige Ausnahmen ist das passiert, was zu erwarten war. Alles ist ein Produkt! Da macht die Rebellion, die Subkultur, keine Ausnahme. Passend dazu liefen an uns die ersten Vorgartenbesitzer mit Fan-Shirts vorbei. Ich glaube, Rio hätte dazu seine ganz eigene Meinung gehabt. Aber er war mehr. In ihm steckte auch ein Romantiker und ein Poet. Er fand die Worte für all das, was die Leute jenseits des Bürgertums dachten, aber nicht ausdrücken konnten. Als er zum Ende seines Lebens mit “König von Deutschland” in den Charts landete, war ich traurig. Ich spürte, wie etwas aufgekauft wurde, woran ich mich lange festhielt. Als ich letztens über die Platte “Radio für Millionen – Kai & Funky (Ton Steine Scherben) & Gymmik” stolperte, jubilierte ich. Man spürt, wie Rio bei anderen etwas anstieß und sie mit dem, was er ihnen gab, weiter arbeiteten.
Nach und nach zog die Prominenz an uns vorbei. “Da ist Claudia. Gewagtes Kleid! Weiß nicht!”, sagte der eine an meinem Tisch. Grinsend entgegnete ich: “Ach, komm. Die geht auch schon auf die 70 zu. Dafür hat sie sich gut gehalten. Vielleicht darf sie ja wieder auf der Bühne das Tambourine halten.” Am Nachbartisch lachte eine auch etwas in die Jahre gekommene Frau. “Vielleicht weiß sie ja jetzt, wo das ganze Geld geblieben ist.” Am Tisch kam nochmal das Thema auf, warum man den Heinrichplatz und nicht den Mariannenplatz, wo die alten Kämpfe tobten, gewählt hatte. Ich sagte dazu: “Hey, Leute. Die mussten schon die Rudi-Dutschke-Straße fressen, da kann man mal ein paar Meter entgegenkommen.”
Ich verabschiedete mich vom Tisch. Irgendwann ging es dann los.
Um einigermaßen etwas hören zu können, musste man sehr nah heran. Eine lästerte: “Vielleicht hat der Senat die Anlage gestellt.” Ein wenig hatte ich auf Marianne Rosenberg und eine Wiederholung ihrer Interpretation von “Der Traum ist aus” beim Abschiedskonzert von Rio gehofft. Aber gut, die alten Männer machten, was wohl am angemessensten war. Sie spielten ein paar Klassiker und überließen die Bühne den Rednern und Rednerinnen. Ich gebe zu, dass ich kaum zu hörte. Mitreißende Reden hört man ohnehin kaum noch. Diese Kunst scheint irgendwie untergegangen zu sein. Die Mischung der Menge war interessant. Junges angepasstes Volk, Familien mit Mutter, Vater und jugendlichen Ablegern, Hipster, die den Kiez angenehm erfrischend finden und sich als Teil von etwas fühlen wollen, wo sie niemals dran teilhaben werden und wenige nicht mehr ganz taufrische Gesellen, denen die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben stand. Genau wie ich spürten sie, dass die Schlachten vorläufig geschlagen sind oder zumindest nicht mehr von denen geführt werden, die dort standen. Dann wurde es peinlich. Nach der Enthüllung der Hinweistafel wurde die Bühne einer Band überlassen, die verdächtig nach Andreas Bourani klang. Belangloser Pop und die Scherben? Da half auch nicht die Information, dass sie demnächst im SO36 auftreten. Die müssen auch ziemlich verzweifelt sein. Unvermittelt ging mir ein Lied durch den Kopf, dessen tiefere Bedeutung ich plötzlich verstand. “Denkmal”, von Wir sind Helden.

Hol den Vorschlaghammer!
Sie haben uns ein Denkmal gebaut
Und jeder Vollidiot weiß, dass das die Liebe versaut
Ich werd’ die schlechtesten Sprayer dieser Stadt engagier’n
Die soll’n nachts noch die Trümmer mit Parolen beschmier’n

Wir sind Helden, Denkmal

Vielleicht war es doch keine gute Idee, Rio einen Platz zu weihen. Denkmäler sollen an die Vergangenheit erinnern. Womit dann das, wofür Rio und die Scherben standen, ein abgeschlossenes Kapitel wäre. Wer weiß, vielleicht war das ein Schachzug von Leuten, die keiner auf dem Zettel hat. In mir kam das Bedürfnis auf, zum Ende nochmal das hoffentlich noch Lebendige mitzunehmen. Deshalb zog ich den Trinkteufel. Keine gute Idee! Wahrscheinlich hätte ich mich besser an den Tipp vom Tisch orientieren sollen. Die einstige Rückzugkneipe, wenn alle anderen Läden ins Visier der Staatsmacht geriet, hat der Banalität der Kaufhaus-Punkrocker nicht Stand halten können. Ich vermute ein klassisches Tripadvisor-Opfer. Man sollte dort niemals die Läden posten, die man wirklich mag. Es gibt noch einige Locations, aber ich halte mich an meine Regeln. Ich werde sie nicht verraten. Beim Elefanten kann man eine Ausnahme machen. Das Publikum ist stabil. Die meisten werden in den nächsten 20 Jahren gestorben sein, aber bis dahin sind die zäh.

Mein Highlight? Ich hatte zeitweilig eine Begleitung. Was kann es schöneres für einen Vater geben, wenn ein Mensch, dem man nach dem ersten Schrei leise ins Ohr flüsterte: “Ich werde alles tun, dass Du die Chance bekommst, ein freier Mensch zu sein.”, neben einem steht und textsicher lauthals “Keine Macht für Niemand!” mitsingt? Nein, es ist noch nicht vorbei. Vor gar nicht langer Zeit fuhren wir zu dritt mit dem 9-EURO Ticket durch die Gegend. Wer denkt dabei nicht an “Mensch Meier”?

“Halt mal an, Fritz!”, brüllt da der BVG Knecht
“Ick schmeiß den Meier raus und hol die Polizei”
Doch die Leute riefen: “Sag mal, bist Du blöd, Mensch?
Wir müssen arbeiten, wir haben keine Zeit
Und wenn die da oben X-Millionen Schulden haben
Solln’ses bei den Bonzen holen, die uns beklauen
Du kannst Deinem Chef bestellen, wir fahr’n jetzt alle schwarz
Und der Meier bleibt hier drin, sonst fliegst Du raus!”

Ton Steine Scherben

Nette Geste! Rio-Reiser-Platz! Aber Rio hat sich zusammen mit den Scherben selbst ein Denkmal gesetzt und solange es noch ist, wie er es kennenlernte und den Soundtrack für alle schrieb, die sich nicht damit abfinden wollen, wird ihn auch keiner von denen vergessen und die Lieder weitergeben.