Transsibirische Bahn

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2 – Bett Waggon

Über diesen hatte ich tolle Sachen gelesen. Sie sollten sich leider nicht bestätigen. Im Reiseführer stand, dass die Besatzung dreimal ausgetauscht wird und regionale Speisen angeboten werden. Vielleicht gilt dies für die Luxus Version, auf meiner Standardstrecke kochte eine Russin und die kannte sich ausschließlich mit Soljanka aus. Aber hierfür musste man sie wirklich loben.
Die ersten Halte in der Nähe von Moskau waren eher langweilig. Deshalb erkundete ich den Zug in seiner gesamten Länge. Um von einem Waggon zum nächsten zu kommen, muss man durch eine Art Schleuse, die von schweren Eisentüren gebildet wird. Zwischen den Wagons steht man dabei kurzfristig auf einer Eisenplatte über den Puffern. Auch das ist ein spannendes Erlebnis.
Die Russen unterscheiden ungern zwischen einer ersten und einer zweiten Klasse. Sie beziehen sich auf die Anzahl der Plätze. De facto sind die Zweibettabteile eine andere Ausstattungsklasse.
Dort herrschen Holztäfelungen vor und zwischen zwei Abteilen befindet sich eine Dusche. Reisende aus den Viererabteilen sind auf die Toiletten angewiesen. Sie sind klein, aber sauber. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass sich darin auch die Schaffner waschen.

Am zweiten Tag wurden die Bahnhöfe interessanter. Der Zug hält 15 Minuten an einer großen Zahl von Stationen (siehe Streckenverlauf) Im Landesinnern bieten fliegende Händler und Babuschkas Würste, Brote, Backwaren und Getränke an. Eine äußerst willkommene Ergänzung zur Soljanka. Manchmal findet man auch einen Imbiss. Auf dem Bahnhof Jekaterinburg traf ich auf einen Deutschen, der mit äußerst begrenzten Englischkenntnissen, einem furchtbaren schwäbischen Dialekt und wilden Gesten einkaufte. Das Sprechen hätte er sich in zweierlei Hinsicht sparen können. So weit entfernt von Moskau sprach niemand Englisch, und wenn doch, hätte keiner seinen speziellen Dialekt verstanden. Für einen Augenblick zögerte ich. Doch dann gab ich mich als Landsmann zu erkennen. Nach einem kurzen Wortwechsel lud er mich auf ein Bier im Speisewagen ein.
Herbert, ein Schwabe, der nahezu jedes Stereotyp erfüllte, wurde schnell persönlich. Mehr oder weniger ungefragt gab er mir einen Schnellhefter in die Hand. In ihm befand sich eine Sammlung aus Bildern, Postkarten, Quittungen, aus aller Welt. Auf allen Bildern war er zusammen mit einem älteren Herrn im Rollstuhl zu sehen. Wie sich herausstellte, handelte es sich beim Mann um den verstorbenen Vater, mit dem er die Welt bereist hatte. Der Schwabe war in meinem Alter.