Transsibirische Bahn

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Die Art, wie er über seinen Vater sprach, wirkte ein wenig merkwürdig. Es war nicht die Ebene eines Erwachsenen, sondern die eines kleinen Jungen, der jetzt hilflos in der Gegend herum irrte.

Sibirische Weite

Der Zug zuckelte mit 80 Kilometern in der Stunde durch die russischen Weiten. Eine Schar Fotografen, versuchte Bilder von der malerischen russischen Landschaft, zu erhaschen. Dafür hatten sie eigens mit Fensterwischern die verdreckten Schreiben gesäubert. Das half aber nicht gegen die zahlreichen am Bahndamm stehenden Birken, die vor Schneeverwehungen schützen sollten.
In den ersten Tagen traf ich Herbert im Speisewagen. Auf dem Weg dort hin kam ich mit einem ungleichen Paar in einem Abteil ins Gespräch. Sie war eine frustrierte gebürtige Tschechin, die es nach Kanada verschlagen hatte. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, war sie viermal verheiratet gewesen. Das Abteil teilte sie sich mit einem typischen gealterten Junggesellen aus London. In diesen Tagen des Jahres 2018 kam niemand bei einem Treffen mit einem Engländer daran vorbei, ein paar Worte über den Brexit auszutauschen.

Einsame Häuser

Er war strikt dagegen. Seiner Meinung nach stand komplett Europa eine Katastrophe bevor. Die Tschechin, gemäß ihrer eigenen Behauptung nach selbst Jüdin, wähnte eine Weltverschwörung der amerikanischen Juden hinter dem ganzen Spuk.
Obwohl sich die beiden bewusst für eine Reise mit der berühmten Bahn entschieden hatten, wussten sie erstaunlich wenig über die Geschichte Russlands, die Zuglinie und die Landschaft, durch die wir fuhren.
Ich befand mich schnell in der Rolle eines Reiseführers, der ihnen wenigstens eine Grundlage verschaffte. Im Abteil lagen in den oberen Betten zwei junge Kerle aus Kanada. Die waren der Welt entrückt. Ich sah sie nur mit Kopfhörern und Telefon vor der Nase.
Wenn ich aus dem Fenster sah, fragte ich mich, wie Hitler und Napoleon auf die Idee gekommen waren, diese Weite siegreich durchqueren zu können. Ich musste auch an Solschenizyn denken. Irgendwo in dieser menschenleer erscheinenden Landschaft mussten die von ihm beschriebenen Gulags gewesen sein. Oder was war mit den entflohenen deutschen Kriegsgefangenen, die durch diese Landschaft tausende Kilometer gelaufen waren?

Deutschland, ganz Europa, kam mir mit einem Mal klein vor. Fünf Tage mit dem Zug in einer Tour durch Europa? Man musste schon in Skandinavien starten, um das hinzubekommen. Bereits beim Anflug auf Moskau überkam mich dieses Gefühl. Berlin? Großstadt? Metropole? Moskau hat 12 Millionen Einwohner, die sich auf einem Stadtgebiet von 2500 Quadratkilometern verteilen. Berlin hat 4 Mio Einwohner auf etwa 900 Quadratkilometern. Nicht gerade eine Kleinstadt, aber in Relationen zu anderen Städten, in deren Liga sich die Berliner wähnen, kein Vergleich. Zwar ist sie die zweitgrößte Stadt nach London, aber nur, wenn die Region ausgespart wird. Im Fall von Berlin ist dies Brandenburg, eine von 2,5 Millionen Menschen bevölkerte märkische Wüste. Dem steht eine Pariser Metropolregion von 12,5 Millionen gegenüber.