Transsibirische Bahn

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Novosibirsk, Omsk, Jekaterinburg, Krasnojarsk, allein die Namen haben eine magische Wirkung und triefen vor Geschichte. Bei der Vorbereitung hatte ich überlegt, an der einen oder anderen Station auszusteigen und mir die Städte näher anzusehen. Doch dann verlor ich mich im Dschungel der russischen VISA Regelungen und begann abzuwägen. Im Vordergrund stand für mich die Fahrt mit dem legendären Zug und mein eigentliches Ziel hieß Südostasien.

Herbert bekam irgendwann mit, dass ich ein Abteil für mich alleine hatte. Da er sich wider Erwarten zu einem echten Organisationstalent in Sachen Essen entwickelte, hatte ich gegen seine regelmäßigen Besuche nichts einzuwenden. Während wir speisten, erzählte er mir seine Lebensgeschichte. Seine Mutter, eine Italienerin, war in die Heimat zurückgekehrt und hatte den Sohn einfach in Deutschland gelassen. Nach einem kurzen Heimaufenthalt hatte ihn sein Vater adoptiert. Jener war der Leiter einer freikirchlichen Gemeinschaft. Vier Jahre vor unserem Zusammentreffen wurde beim Vater Krebs diagnostiziert. Kurzentschlossen gingen die beiden gegen den Willen der Gemeinde auf eine Weltreise. Herbert war im Versicherungsgeschäft und außerdem Lehrer an einer Waldorf Schule. Dort gab es wohl keine Probleme. Nachdem sein Vater starb, prügelte sich die Gemeinde um den Nachlass. Der Umstand, dass bei der Beerdigung der ungeliebte Zögling unerwähnt blieb, verletzte ihn tief. Überhaupt machte ihm die Trauer arge Probleme. Mit zwei Herzattacken wäre er dem Vater beinahe ins Grab gefolgt.

«Glaubst Du an Gott?», fragte er mich.
«Nein, ich habe mich dagegen entschlossen.», antwortete ich.
Herbert, der optisch wie ein Koch aus einem Asterix und Obelix Heft wirkte, fragte verwundert nach: «Wie kann man sich gegen Gott entschließen?»
Ich schnitt mir ein Stück von der Wurst ab, die Herbert an der letzten Bahnstation einer Babuschka abgekauft hatte.
«Glaube ist eine Kopfsache. Wie Liebe und Hass, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Gut und Böse … Ergebnisse eines Gedankenprozesses. Lebenskonzepte, für die man sich bewusst oder dagegen entscheiden kann. Es ist OK, wenn sich jemand für das Konzept Glaube entscheidet. Es macht vieles einfacher. Aber meins ist es nicht.»
«Und was ist Dein Konzept?»
«Philosophie und Logik! Gegensätze begründen gegenseitig ihre Existenz. Noch Tee?»

Typischer Bahnsteig

Nachdem wir uns an einem Kiosk mit Teebeuteln und Fertigsuppen eingedeckt hatten, konnten wir ausgiebig den Samowar nutzen.
«Ja, ich hole Wasser. Aber ich komme nochmals auf Deine Worte zurück!»
Herbert schnappte sich meine Thermosflasche und machte sich auf den Weg zum Samowar. Ich schaute derweil aus dem Fenster. Wir näherten uns dem Baikal. Auf ihn freute ich mich besonders. Einmal den größten See der Erde zu sehen, kam mir wie eine dieser Aktionen vor, die man mal in seinem Leben gemacht haben sollte. Wer auch immer das festlegte. Mir blieb wenig Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen.
«Gegensätze! Da waren wir stehen geblieben.»