Transsibirische Bahn

Lesedauer 13 Minuten

«Ja, Gegensätze. Woher könntest Du wissen, was Glauben ist, wenn es niemanden gäbe, der nicht an Gott glaubt? Wie willst Du ermitteln was böse ist, wenn Du kein Gegenteil davon parat hast?»
Der Gottesgläubige Schwabe sah mich mit einer Mischung aus Zweifel, Überraschung und Widerspruchswillen an.
«Was ist für Dich böse?»
«Ich bin der Meinung, dass alles, was einem anderen Lebewesen Leid zufügt, böse ist.»
Er legte den Kopf zur Seite. «Aber Du isst die Wurst. Das Schwein war garantiert nicht sonderlich glücklich über seinen Tod. Oder?»
Genüsslich kaute ich auf der Wurst herum und spülte die Reste mit einem Schluck Tee herunter.
«Erstens habe ich nicht behauptet, dass ich gut bin und außerdem liegen zwischen Sterben und Leiden nochmals Welten. Sollte es gelitten haben, war das mit Sicherheit böse. Der Mensch muss lernen, irgendwie mit seiner Bösartigkeit umzugehen. Du hast dafür Deinen Glauben, der Dir die Absolution verschafft.»
«Und Du?»
«Ich denke, das Böse gehört einfach dazu, und ist letztlich immer eine Frage der Definition oder Standort. Schau Dir Deine Religion an. Du sollst nicht töten! Angefangen bei den Kreuzzügen bis heute, töten Christen jeden Tag. Christen entwickeln Bomben, Kanonen, Minen, lauter fieses Zeug. Haben sie ein Problem damit? Nein! Also lass mir meine Wurst. Aber lassen wir das. Du bist Lehrer an einer Waldorf? Und Versicherung?»
«Ja, jeder Lehrer muss zusätzlich einen anderen Beruf haben.»
«Interessant, wusste ich nicht. Und … Namen ..»
Ich kam nicht dazu, die Frage auszusprechen.
«Namen Tanzen? Ja, ich kann meinen Namen tanzen. Eurythmie! Letztlich ist das eine Form der Meditation.»
«Ach … ist das so?», fragte ich erstaunt nach. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich noch nie damit ernsthaft auseinandergesetzt hatte, da bei mir allein der Name, Rudolf Steiner, oder Waldorf reflexartig eine Abwehrreaktion auslösten.
«Kennst Du diese Meditation, die buddhistische Mönche im Gehen praktizieren?»
«Ja.»
«Viel anders ist das auch nicht. Es geht darum, Dich im Augenblick zu finden und Deiner Existenz bewusst zu sein.»