Transsibirische Bahn

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Noch zwei Jahre vor der Fahrt hätte ich nichts mit seiner Erklärung anfangen können. Aber diverse Lebensereignisse hatten mich umdenken lassen. Plötzlich redeten um mich herum alle von Achtsamkeit. Anfangs verstand ich nicht, was die von mir wollten. Nach meinem Selbstverständnis war mir ein Misstrauen eigen, welches teilweise paranoide Züge hatte. Diese Charaktereigenschaften zwangen mich dazu, mein Umfeld aufmerksam zu beobachten. Menschen entdeckten nicht mich, sondern ich sah sie zuerst und entschied, ob ich ihnen eine Chance gebe, mich wahrzunehmen.
Schritt für Schritt lernte ich, dass Aufmerksamkeit nichts mit Achtsamkeit zu tun hat.

Ich war so sehr darauf konzentriert die anderen zu sehen, dass ich mich selbst außer Acht ließ. Genau bei dieser Formulierung erkannte ich das Problem. Sich selbst wahrnehmen, im Augenblick die eigene Rolle auf dem großen Bühnenspiel zu erkennen. Wie man das anstellte, war nicht wichtig. Hauptsache man tat es.

Die Zugfahrt war einer dieser Versuche der Achtsamkeit. Mit dem Besteigen des Zugs nahm ich mich aus dem alltäglichen Leben heraus. Es war wie ein sommerlicher Spaziergang an einem Bahndamm entlang. Um einen herum flirrt die Luft, die Grillen veranstalten ihr Konzert, der ausgetrocknete harte Boden unter einem, gibt einem das Gefühl von etwas Lebendigen, was auf der Erde wandelt. Alles wird eine Spur langsamer und friedlicher. Plötzlich rast ein Intercity an einem vorbei. Ein unwirklicher Kontrast. Selbst ist man ruhig und entspannt, während Menschen in einem Zug an einem vorbeirasen, die innerhalb der Abteile ebenfalls ruhig dasitzen. In der Transsib verliert man aufgrund der Zeitzonen jegliches Zeitgefühl. Das stählerne Ungetüm reißt einen mit. Mit jedem Tag entfernt man sich tausende Kilometer von einem Ort weg, der einst ein zu Hause war. Das Abteil, die Pritsche und ein Rucksack, sind für fünf Tage alles, was man hat. Eine eigene in sich abgeschlossene Welt.
Es gibt diese Variation des Dramas «Geschlossene Gesellschaft» von Sartre. Mehrere Leute erwachen in Abteilen einer Fähre. Nach und nach erinnern sie sich an ihre letzten Stunden. Alle sind in irgendeiner Form gestorben und die Fähre bringt sie ins Jenseits. Ein Selbstmörder muss am Ende damit büßen, dass er den bisherigen Fährmeister ablöst.
Die Geschichte passte in diesen Tagen zu mir. Ich war mit dem Vorsatz losgefahren, mein bisheriges Leben hinter mich zu lassen. Im Buddhismus heißt es, das Leben eines Menschen dauert einen Atemzug. Jener, welcher einatmet, wird geboren, er lebt so lange, wie die eingezogene Luft ausreicht, und er stirbt beim Ausatmen. Eigentlich ist die Zeitspanne noch viel kürzer, aber das Leben im absoluten Augenblick ist dem Erleuchteten vorbehalten.
Ich denke, für einen Mitteleuropäer reicht die Vorstellung, dass einer in Moskau einstieg, der mit dem nach 7000 km in der Mongolei aussteigenden Mann wenig gemein hatte. Ob ich mir dessen in Ulan Batoor bereits bewusst war, weiß ich nicht.