Transsibirische Bahn

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Herbert ging es nicht anders. Er wollte die Strecke bis zum bitteren Ende nach Peking durchfahren und von dort aus weiter nach Sidney. Ihn plagten Schuldgefühle. Nach der langen Reise mit dem Vater schon wieder unterwegs zu sein, widersprach seinem schwäbischen Verantwortungsgefühl gegenüber den Kollegen.
«Du bist doch mit den Herzattacken dem schwarzen Mann nochmal entkommen. Du solltest besser als anderen wissen, wie schnell ein Leben zu Ende sein kann. Wenn dieser Besuch der Oper in Sidney Dein Ding ist, solltest Du es ohne Schuldgefühle tun. Sonst versaust Du Dir ein einmaliges Erlebnis, welches zum Bestandteil Deiner selbst wird. Ich finde, dass bist Du Deinem Alten schuldig, nachdem die Gemeinde sein Ansehen geschädigt hat.»
Er dachte kurz über meine Worte nach. «Eigentlich hast Recht!»
«Werde doch einfach mal sauer. Gönn es Dir! Die haben Dich verarscht. Warum? Weil sie es konnten! Gut, dass ist vorbei, jetzt bist Du dran.»
Wahrscheinlich sprach ich in diesem Moment mehr von mir, als ich wahrhaben wollte. Dennoch fühlte ich dazu berufen, diesem Mann den Kopf zurechtzurücken. Der Kerl war einer von den Guten und einiges in seinem Leben hatte er einfach nicht verdient. Half ich ihm, ohrfeigte ich indirekt die Leute, welche ihm mit ihrer Doppelmoral und Verlogenheit Probleme bereiteten.
Als wir am Baikal vorbeifuhren, war der See so unfassbar groß, dass ich beinahe ein wenig enttäuscht war. Aufgrund der gigantischen Ausmaße wähnte man sich am Ufer der Ostsee. Ein wenig Ufer und Wasser, soweit das Auge schauen kann. Die Beschreibung des Ufers ist untertrieben. Gefühlt rollte der Zug dort mindestens zwei Stunden entlang.

An der Station Nauschki kam Leben in den Zug. Auf dem Bahnsteig trieben sich eine Menge zwielichtige Gestalten herum. Schmuggler und windige Devisenhändler! Selbst die Schaffner, oder gerade sie, beteiligten sich an dem Geschäft. Neutral verpackte Flaschen wechselten den Besitzer und verschwanden in Hohlräumen. Ich schaute lieber nicht genauer hin.
Nachdem der Zug den Bahnhof verlassen hatte, mussten alle Fahrgäste in ihre eigenen Abteile. Das Geschehen beim nächsten Halt entwickelte sich zu einer Zeitreise in die Achtziger. Als West – Berliner, der die Mauer und den Transit als Erwachsener kennenlernte, kann ich mich gut an die Kontrollen der DDR Grenzposten erinnern. Es passte einfach alles. Die alte Ausstattung des Zugs, der dezente Geruch nach verbrannter Steinkohle und Karbol, die Farben, das Licht und das Aussehen der einsteigenden uniformierten russischen und mongolischen Kontrolleure. Von unten her war zu vernehmen, wie die Hohlräume im Bereich des Fahrwerks abgeklopft wurden.
Auf dem Bahnsteig bewachten Grenzposten mit Schäferhunden das Geschehen. Ich wurde von einer äußerst attraktiven Mongolin aufgefordert vor die Tür zu treten, damit ein Soldat suchend durch den kleinen Raum turnen konnte. Während dessen schaute sie mir mit einem aufreizend strengen Ausdruck ins Gesicht. Bei ihrem Aussehen verzieh ich ihr alles. Jeder kennt diesen Blick, der zwischen Passbild und dem Gesicht hin – und her wechselt. Nach langen 10 Minuten bekam ich meinen Stempel und durfte meinen zerlegten Rucksack wieder zusammenpacken.

Eine halbe Stunde später stand Herbert verstört vor mir. «Was war das denn?»
«Eine vollkommen normale Standardkontrolle im Ostblock Stile.», antwortete ich ungerührt. «So war das früher beim Transit durch die DDR immer. Willkommen im Leben eines West – Berliners.»
«Echt?»
«Du glaubst nicht, wie viele bewegliche Einzelteile ein Golf hat. Die DDR Penner haben uns regelmäßig auseinandergenommen.»
Als Schwabe hatte Herbert, wie nahezu alle Deutschen außerhalb Berlins, wenig Vorstellungen von der Zeit vor 1989. Schon in der Kindheit lernte ich, die Grenzposten nicht zu mögen. Finster schauende Frauen und Männer in Uniformen aus hässlichen grauen Stoff. Die Kalaschnikow geschultert und die Pistole in einem eigentümlich geformten Holster am Gürtel. Wenn wir als Familie verreisten, herrschte im Auto eine komische Stimmung, die sich erst wieder hinter dem Schlagbaum im Westen besserte.