Kapitel 1

Lesedauer 27 Minuten
Und, wenn die Wirklichkeit dich überholt, Hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol Du stehst in der Fremde, deine Welt stürzt ein Das ist das Ende, Du bleibst allein Bild dir ein, Du bist Lotse und hältst das Steuer Mitten im Ozean spielst Du mit dem Feuer, Sprichst andere Sprachen im eigenen Land Zerstreu' alle Zweifel an deinem Verstand
Fehlfarben - Gottseidank nicht England

Tipping Point

Chest ließ seinen Blick über das Meer schweifen. „Wir sind Piraten. Piraten, die hier an meinem Strand sitzen und auf das Meer schauen. Du bist auch ein Pirat. Einer ohne Schiff und Strand. Mein Freund!“ Dann zog er nochmals am Joint und gab ihn mir ohne den Blick vom Meer abzuwenden. „Wann willst Du weiterziehen?“, fragte er nach einer Pause. Auch ich schaute auf das zurückkehrende Meer. „Weiß nicht. Irgendwann innerhalb der nächsten drei Tage. Mein Visum endet in vier Tagen.“
„Wo willst Du hin?“
Hustend stieß ich den beißenden Rauch aus. Ich presste hervor: „Malaysia, die geben mir drei Monate Aufenthalt.“
„In Malaysia mögen sie keine Thai – Hippies. Nichts für mich.“ „Na ja, ich bin Deutscher, glaube nicht, dass ich ein Problem bekomme.“
Chest grinste. Die lederne Haut spannte sich straff über seinen mageren Körper. Auf der rechten Brust zeichnete sich ein über die Jahrzehnte verblasstes Herz mit Verzierungen ab. Es hatte ihm den Namen eingebracht. Wenigstens hatte er mir dies so erzählt. Er legte seine Hand auf das alte Tattoo.
„Du hast einen deutschen Pass. Du wirst nie wieder nach Deutschland zurückkehren. Deine Seele bleibt ein Pirat, die immer wieder wegwill.“

Der Tag, an dem wir beide dort saßen, ist jetzt drei Jahre her. Im Moment sitze ich in Deutschland und denke an die Zeit auf der thailändischen Insel zurück. Es ist Winter. Einer der ersten Tage, die den Namen Wintertag verdienen. Vereinzelte Schneeflocken werden vom Wind durch die Luft gewirbelt. Nicht mein bevorzugtes Wetter. Würde die Welt nicht gerade von einer Pandemie heimgesucht werden, säße ich jetzt in einer Reggae-Bar an einem Strand oder würde in einer Hängematte ein Buch lesen.
Chest sollte recht behalten. Es gab kein Zurück. Mein Körper befindet sich zeitweilig in Berlin und ich arrangiere mich, aber meine Seele hat die Bindung verloren. Später sagte Faroud zu mir, ein Inder von dem noch die Rede sein wird:

„Manche Menschen leben in ihrer Wohnung. Andere in ihrem Viertel. Dann gibt es die, welche zu einer Stadt gehören. Die meisten leben innerhalb ihres Landes. Wir, Du und ich, wir kommen vom Planeten Erde.“

Faroud, Weltenbummler, Australier eingewandert aus Neuseeland mit Eltern aus Indien

Länder, Staaten, sind Kopfgeburten. Nach meinem Befinden kann es, wenn es überhaupt eine Heimat geben kann, die etwas mit der Geburt zu tun hat, nur eine Region sein, in der die Menschen einen gemeinsamen Dialekt sprechen, die Gegend kennen und sich miteinander verbunden fühlen. Kann das noch für Menschen aus einem Industrieland eine Bedeutung haben? Ich kann es verstehen, wenn ein Hmong in Laos, ein Angehöriger der Seenomaden, den Moken, oder die vielen Völker in den Regenwäldern Südamerikas ein Heimatgefühl entwickeln. Sie sind kulturell tief mit der sie umgebenden Natur verbunden. Aber welche Verbindung hat eine oder einer, der in einer Betonwüste, gestaltet von längst verstorbenen Architekten?

Ich habe lange über seine Worte nachgedacht. Es ist erstaunlich, wie viele Leute trotz Digitalisierung, diversen Sci – Fi Serien und Blockbustern sich immer noch über die Zugehörigkeit zu einem Land definieren. In einer Gesprächsrunde mit Indern, Australiern, Pakistanis und Nigerianern sagte einer: „Ist Euch aufgefallen, dass in unserem Gespräch keiner von Ländern gesprochen hat, sondern ausschließlich von Regionen?“

Welche Auskunft gäbe ich einem Außerirdischen über meine Herkunft? Südwesten von Berlin? Wohl kaum! Deutschland? Mitteleuropa? Nordhälfte des Planeten Erde? Erde? Ich stellte diese Frage mal bei Twitter ein. Prompt antwortete mir einer, dass doch vermutlich selbst Außerirdische irgendeine Einteilung ihres Heimatplaneten anzunehmen wäre. Ja, vielleicht! In Wüstenregionen, vegetative Zonen, Pole, doch mit Sicherheit nicht in Staaten, die von Politikern und Generälen willkürlich mit einem Stift auf einer Karte eingezeichnet wurden. Mit irren Folgen. Es gibt auf der Erde diverse Städte, in denen die Grenzen durch Häuser und Geschäfte gehen. Hierfür muss ich mich nicht einmal an mein eigenes ehemals geteiltes Berlin erinnern.
Das Haskell Free Library and Opera House befindet sich mittig auf der Grenze zwischen den USA und Kanada. Bücher werden in Kanada gelesen, zur Toilette geht es in die USA. Solche Kuriositäten dienten dem Comic Asterix und Obelix Ausgabe „Der große Graben“ als Vorlage.
Wobei Uderzo tatsächlich an die Berliner Mauer dachte, während viele Leser annahmen, er hätte die Trennung zwischen Flamen und Wallonen als Vorlage genommen. Dieser Irrsinn ist harmlos im Vergleich zu den anderen Auswirkungen. Wie könnte ich dem Außerirdischen den Zwang, in einer unbewohnbaren Region des Planeten leben zu müssen, erklären? „Bei uns Erdbewohnern ist das so. Da wo Du geboren wurdest, musst Du halt bleiben.“ Wie formulierte es der Vorsitzende der Freien Demokraten Christian Lindner in einem Interview? „Es gibt kein Menschenrecht, sich seinen Standort auf der Welt selbst auszusuchen.“

Vor einem Jahr kommentierte ein Leser meines BLOGS einen meiner Beiträge mit den Worten: „Ich verfolge interessiert, wie Du alles hinter Dir lässt.“ Darin stecken etwas Örtliches und Zeitliches. Gautama Siddhartha, der historische Buddha, soll seine Schüler gefragt haben, wie lange ein Leben andauert. Einer antwortete: „Ein Atemzug!“ Diese Antwort basiert auf der buddhistischen Annahme, dass Menschen in der Vergangenheit und Zukunft leben, statt im Augenblick. Dies ist nur einem Erleuchteten, einem Buddha, möglich. In diesem Buch schaue ich zurück. Doch der Blick nach hinten bedeutet für mich nicht mehr, in der Vergangenheit zu leben. Alexander Solschenizyn zitiert in seiner Schilderung des „Archipel Gulag“ ein russisches Sprichwort. „Wer beide Augen nach hinten richtet, sieht nicht den Weg vor sich.“ Er wandelt diese Weisheit ein wenig ab. „Wer nur den Weg vor sich sieht, riskiert beide Augen zu verlieren.“

The critical point in a situation, process, or system beyond which a significant and often unstoppable effect or change takes place.

Der kritische Punkt in einer Situation, einem Prozess oder einem System, jenseits dessen eine signifikante und oft unaufhaltsame Wirkung oder Veränderung stattfindet

Wenn man gegen einen Stuhl tritt, gerät der ins Wackeln. Ist der Tritt nicht allzu heftig, stabilisiert er sich wieder. Bei einem kräftigeren Stoß kommt es zu einem Moment zwischen Stehen und Liegen. Er wird als Tipping – Point bezeichnet. Der Augenblick, an dem alles kippt und es zu einem neuen stabilen Zustand kommt. Diesem Buch ging ein solcher Moment voraus. Damit gibt es ein davor und ein danach.
Bevor ich begann über dieses Buch nachzudenken, hatte ich den Film „The Beach“ noch nicht gesehen. Jetzt, nachdem ich ihn kenne, weiß ich, dass ich an ähnlichen Plätzen war. Es passt zu meinem Buch, dass der Strand um dem es in diesem Film geht, mittlerweile gesperrt ist, weil die Korallen am Sterben sind. Nichtsdestotrotz habe ich ihn gesehen. Aber ich möchte in meine Geschichte einsteigen, bevor ich dort und einigen anderen Plätzen landete.

Heutzutage werden Menschen in Gruppen eingeteilt. Ich gehöre der Spezies: Bulle, genau genommen Ex – Bulle an. Für einige ist damit alles gesagt. So läuft das bei uns. Wer einer als Mensch ist, interessiert kaum noch. Bei uns denkt man in Kategorien und Gruppen. Das vereinfacht alles. Ich mochte die Klischees sogar. Jeden Tag wird einem erzählt, dass Flexibilität, Veränderung und Anpassung erstrebenswert sind. Was, wenn man es nicht ist? Wenn einem die Entwicklung nicht gefällt? Lange nach diesem Fixpunkt sagte einer zu mir: „Sie waren kein schlechter Bulle, sie passten nur nicht in die Behörde!“ Doch die Polizei ist kein neben der Gesellschaft existierender Fremdkörper, sie ist ein Teil von ihr.

Meinem Eindruck nach geht’s vielen in meiner Altersgruppe ähnlich. Wir erleben eine Zeitenwende. Eine die der industriellen Revolution gleich kommt. Und wie damals gibt es jene Generation, die eine Zeit davor und eine während dessen erlebt. Die Entwicklung ist geprägt von den Auswirkungen der Digitalisierung, dem Klimawandel, der fortschreitenden Zerstörung der Lebensgrundlagen und dem Niedergang der bisher den Ton angebenden Zivilisationen. Dies mitzuerleben ist eins, bei der Polizei ein aktiver Bestandteil dessen zu sein, etwas völlig anderes. Ich mag und kann mich den Veränderungen nicht anpassen. Eine Alternative ist es dagegen anzukämpfen. Ich hab’s versucht und es ist mir nicht bekommen.

Als ich dort mit Chest auf seinem Bambus – Turm saß, der zu einem wilden Ensemble verschiedener Konstruktionen gehört, das zusammen eine Mischung aus Bar, Altenheim für ehemalige thailändische Rocker, Freaks und Hippies, ergeben, lag das letzte Drittel einer langen Reise vor mir, während der ich mich neu positionierte. Anders gesagt befand ich mich auf dem Weg in ein neues Gleichgewicht.

Meinen Tippping – Point erreichte ich auf einer Berliner Straßenkreuzung. Ich wusste, wo ich war, aber ich konnte keine brauchbare Überlegung bezüglich meiner nächsten Handlungen anstellen. Hierzu gab es eine Vorgeschichte, die ich später erzähle. Es gibt diese Filme, in denen jemand auf einer Kreuzung steht und um ihn herum sich alles im Zeitraffer Modus bewegt. Das beschreibt mein Gefühl ziemlich gut. Ich stand da außerhalb der realen Zeit. In Gedanken spulte ich die Ereignisse von zwanzig Jahren ab. Hochzeit, Scheidung, Urlaube, Geburt der Kinder, Festnahmen, Krankenhaus, Unfälle.

Jede Richtungsentscheidung war nicht mehr einfach eine örtliche. Sie bekamen Bedeutungen für die nächsten Stunden meines Lebens. Im Rücken hatte ich einen großen Bahnhof und die Bushaltestelle, an der mein Bus nach Hause hielt. Vor mir eine Fußgängerzone, in der sich mein Stammlokal und meine Freunde befanden. Wäre ich immer weiter nach links gelaufen, hätte ich irgendwann im Wald gestanden. Nach rechts wäre eine große Straße gekommen, an der früher einmal ein Grenzübergang war. Wäre ich nochmals abgebogen, hätte mich der Weg direkt zur Wohnung meiner Ex – Frau geführt. Bahnhof? In irgendeinen Zug einsteigen? Oder zur Freundin fahren? Oder zu den Eltern? Zu den Freunden gehen? Mich betrinken? Nach Hause? In den Wald gehen und mir das Leben nehmen?
Ich war unfähig eine Entscheidung zu treffen. Innerhalb dieses Vakuums hatte nichts eine Bedeutung. Jeder Schritt hätte bedeutet, einer Richtung eine zu geben. Ich kenne mehrere, Lebende und leider auch Tote, die im Leben an diesem Punkt. Genau in jenem Moment kommt es zu Kurzschlusshandlungen.

Ein Veteran der Bundeswehr beschrieb mir seinen mit den Worten: „Ich hielt beim Laufen plötzlich auf einer Brücke an. Der Ort war purer Zufall. Sie lag einfach auf meinem Weg. Unvermittelt stellte ich alles infrage. Warum sollte ich noch einen einzigen Meter weiter laufen? Es war schlicht egal. Ob ich lief, stehenblieb, von der Brücke springe, in die Höhe sprang, es machte alles keinen Unterschied. Hätte mich in dem Moment nicht einer zufällig um Feuer gebeten, wäre ich wahrscheinlich von der Brücke gesprungen.“

Ich denke, diese Egalität ist ausschlaggebend. Die Entscheidungen vorher brachten einen an den Punkt, an dem man nicht hin wollte. Wohin würden weitere führen? Der Bundeswehr Veteran hatte ein Feuergefecht erlebt. Als seine Zeit in Afghanistan vorbei war, sprach kurz eine Psychologin mit ihm. Sie stellte keine Auffälligkeiten fest. Sollte er doch Probleme bekommen, könne er sich bei ihr melden. Wieder zu Hause entwickelte er so etwas wie einen übermäßigen Lebenshunger, der schnell seine finanziellen Möglichkeiten überstieg. Die Freundin hatte schon während des Einsatzes mit ihm Schluss gemacht. Mit den Gesprächsthemen der Freunde konnte er nichts mehr anfangen. Auch mit der Arbeitssuche lief es nicht sonderlich gut. Am Ende fühlte er sich von allen verraten. Seinem Empfinden nach, hatte er auf das Vaterland und die Bundeswehr gesetzt, und damit alles verloren. Bis zu diesem Augenblick auf der Brücke.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich auf der Kreuzung stand. Irgendetwas zwischen fünf Minuten und einer halben Stunde. Mein Zeitgefühl hatte ausgesetzt. Ein Passant fragte mich, ob ich Hilfe benötige. Wie auch immer, ich schaffte es irgendwann von ihr herunter. Seither hat sich das Bild einer Kreuzung, auf der man eine Richtungsentscheidung zu treffen hat, in meinem Kopf eingeprägt.

Als ich da stand, hasste ich die Situation. Später freundete ich mich mit dem Bild einer imaginären Kreuzung an. Ich sehe mich dort stehen. In meinem Rücken baut sich eine schwarze Wolkenfront auf. Wenn ich an die Zeit auf dem zurückgelegten Weg denke, ist es, als wenn ich vor langer Zeit in einem kleinen Dorf startete, durch viele Städte lief und auf den letzten Metern durch ein zerstörtes Krisengebiet kam. Es gibt dort keine Hinweisschilder. Ich weiß nicht einmal, ob geradeaus eine Fortsetzung des Zurückliegenden oder Neues geschieht. Mir fehlen Anhaltspunkte für die beiden anderen Wege. Umdrehen und Bleiben sind keine Optionen. In der Fantasie hat jeder seine eigene Vorstellung von einer Kreuzung. Manch einer mag vor dem geistigen Angesicht den Klassiker aus der Geschichte des Blues – Musikers haben. Vier staubige Straßen, die heiße Luft flirrt und abgerissene Sträucher werden von den Feldern herbei geweht. Andere sehen eine verlassene Straßenkreuzung in den Schluchten einer Großstadt. Ich persönlich bevorzuge die Crossroad – Version.

Allerdings ohne den Teufel, der mir in Menschengestalt einen Deal anbietet. Es kommt darauf an, eine Wahl zwischen drei Optionen zu bekommen. Viele erhalten diese Chance niemals. Sie sind davon getrieben immer geradeaus weiterzumachen. Im Zweifel ins Verderben oder an einen Abgrund. Ich habe das schon einige Male erlebt. Ein ehemaliger Kollege bat den Pfarrer bei der Vorbesprechung zur Hochzeit um das Weglassen der Formel: Bis der Tod Euch scheidet. Seine Begründung: „Die hat zu vielen Kollegen das Leben gekostet!“ Manchmal war es die Unfähigkeit einen Fehler zu verzeihen. Wenn das Leben weiter gehen soll, muss es eine Möglichkeit geben, selbst mit schlimmen Fehltritten umgehen zu können.
Für das Stehen auf der Kreuzung gibt es nahezu immer eine Vorgeschichte. Unfälle, Herzattacken, Verlust des Jobs, Schicksalsschläge, bedeutsame Lebensereignisse, die einen anhalten lassen.
Wo kam ich her? Ich war ein Mensch, der glaubte im Leben alles richtig gemacht zu haben, aber von anderen gelinkt wurde. Außerdem sah ich mich als Spielball. Hin – und hergestoßen, ohne dass ich einen Einfluss darauf gehabt hätte. Die, welche mich meiner Auffassung nach zum Spielball gemacht hatten, verurteilte ich dafür. In meinem Denken hatten sie ihre Position ausgenutzt. Ich arbeitete für die Gesellschaft, stellte ihr mein Leben zur Verfügung und am Ende wurde mir in den Hintern getreten. Ich hatte geheiratet, zwei Kinder gezeugt, sie nach meinen Möglichkeiten kompatibel zur Gesellschaft geformt und im Staatsdienst einige Male das Leben riskiert. Alles, weil man dieses halt tut, wenn man richtig leben will. Das Richtige tun! In diesen Punkten unterschied ich mich nicht von dem Bundeswehrsoldaten. Diese Vorstellung hat unschätzbare Vorteile. Die da Oben, wer immer dies konkret sein mag, haben beschlossen, wo es hingehen soll. Damit ist schon einmal die eigene Verantwortung für vieles abgegeben.

Dazu gesellt sich die Suche nach Anerkennung durch die Gesellschaft. Im Wort stecken Geselle und Geselligkeit. Angeblich gibt es demnach diesen gemeinsamen gesellschaftlichen Kontext. Inklusive der Kernpunkte, mit denen sich alle Mitglieder der Gesellschaft einverstanden erklären. Die Starken stehen für die Schwachen ein. Wer zu den Starken und wer zu den Schwachen gehört, war für mich klar definiert. Ich gehörte nicht zu den Schwachen. Wobei ich mir niemals darüber Gedanken machte, dass das eine Frage des Standorts, der Kriterien und persönlichen Ansichten ist.
In Deutschland wird von sozial – schwachen Familien gesprochen, obwohl es um die finanziell angespannte Lage geht. Am Wahnsinn um einen herum, nicht kaputtzugehen, wird als stark interpretiert. Ist ein Mensch, der Belastungen aushält, für die die menschliche Psyche nicht geschaffen ist, ein Schwacher? Ab wann wird die Widerstandsfähigkeit zur Persönlichkeitsstörung? Eins weiß ich, es ist keine gute Idee, hierzu Traumatisierte zu befragen. Dazu ein wenig später mehr.
Gleichfalls arbeitete ich für die Gesellschaft, was nicht zwingend implizierte, dass ich mich als Teil betrachtete. Eher was das Gegenteil war der Fall. In meinem Umfeld wurde stets von einem innen und einem außen gesprochen. Eine etwas wacklige Logik. Einerseits wird außerhalb der eigenen Gemeinschaft eine homogene Gesellschaft mit gemeinsamen Wertvorstellungen angenommen, andererseits wird ihr etwas Separates gegenübergestellt. Ich setzte eins obendrauf. Aus unserer Sicht verteidigten wir die Werte der anderen und wussten genau, dass hierfür Dinge zu tun waren, die die offiziell niemals billigten.

Ferdinand Schirach greift diese Thematik immer mal wieder literarisch auf. Aktuell geht es bei ihm um eine Aufarbeitung des Entführungsfalles Jakob von Metzler. Der Entführer Gäfgen wollte nicht preisgeben, wo er sein Opfer eingesperrt hatte. Aus Sicht der Ermittler bestand eine minimale Chance, das Leben des entführten Kindes zu retten. Deshalb drohten sie Gäfgen Gewalt an. Ich weiß nicht, womit sie ihm konkret drohten, kann es mir aber gut vorstellen. Meine Ex – Frau fragte mich zu dieser Zeit, was ich Kriminalbeamter, der selbst bei einigen Entführungen eingesetzt war, davon hielte. Für mich gab es dabei zwei Aspekte.
Es macht zunächst einen Unterschied, ob ich mittels Gewalt den Täter als solchen identifiziere oder er hierzu geständig ist. Im zweiten Fall geht es um das Überleben des Opfers. Dann sehe ich das Schlagen, wegen meiner das Brechen der Finger, als Nothilfe. Ein anderer Aspekt ist die Rolle dessen, der darüber entscheidet. Im konkreten Fall war es der Einsatzleiter. Das wäre mir nicht passiert. Wenn ich den Typen vernehme, ist es meine einsame Entscheidung und nicht die eines anderen. Was daraus nicht entstehen darf, ist eine Grundsatzentscheidung. Der Richter kam zu einer abweichenden Auffassung und verurteilte den anordnenden Beamten. Auch Schirach unterscheidet beim Ausübenden, in dem er die Rolle eines Angehörigen anders betrachtet, als die eines Vertreters einer staatlichen Institution. Der Polizist befindet sich nach Schirach in einer Art Symbolhaftigkeit für das Handeln des Rechtsstaats. Ich finde, er übersieht dabei ein wenig die Situation des Beamten als Mensch. In juristischen Diskussionen wird hierbei der Begriff Feindstrafrecht eingebracht, bei dem früher von einem Angreifer auf die Gesellschaft ausgegangen wurde, der anders zu behandeln wäre, als ein Bürger innerhalb der Gesellschaft. Für mich eine grundfalsche Annahme, insbesondere wenn sie sich auf Terroristen bezieht. Die attackieren nicht die Gesellschaft, sondern die Ordnung. Das ist nochmals etwas anderes. Im Entführungsfall des Kindes greift der Täter ein grundlegendes Lebensprinzip aller sozial lebenden Lebewesen an. Selbst Affenhorden verteidigen im Kollektiv ihren Nachwuchs.

Doch die Rolle des Polizisten als Vertreter der Ordnung, der nicht nach menschlichen Vorgaben handelt, sondern denen einer Ordnung, ist ein interessanter Punkt. Exakt damit will ich heute nichts mehr zu tun haben.

Wer unkritisch von der Existenz einer Gesellschaft als einem Ganzen spricht, kommt ins Schlingern. Dies war eine meiner ersten Erkenntnisse, die mir einen weiterführenden Anstoß für mein Leben gab. Gesellschaft ist eine zusammenfassende Bezeichnung für einen Teil, der sich auf einem mittels bunter Linien auf einer Karte begrenzten Territorium des Planeten Erde herumtreibt. Eine Vereinfachung, die der Lebensrealität der Spezies Mensch widerspricht. Evolutionär ist der Mensch auf ein Leben in einer Horde mit um die zwanzig Mitgliedern ausgerichtet. Hierzu passend stehe ich mit dieser Anzahl regelmäßig im engeren Kontakt. Unter dem Begriff subsumieren sich unzählige Gruppen, die sich zu Netzwerken verbinden, welche oftmals in Konkurrenz bzw. Konflikt zueinanderstehen
Eins dieser vielen Netzwerke hat die Deutungshoheit für die herrschenden Moralvorstellungen und die Macht über alle anderen. Aus diesem stammen jene, welche sich auf der obersten Ebene des Staats befinden. Staat ist ebenfalls einer dieser ständig missbräuchlich benutzten Begriffe. Per Definition ist die Gesamtheit aller Bürger auf einem international anerkannten Staatsgebiet. Dieses Staatsvolk hat eine Regierung, die mittels Institutionen Regeln umsetzt und die Belange der Bürger regelt. Wenn sich eine/r vor das Mikrofon stellt und fordert, dass sich der Staat aus etwas heraushalten soll, meint sie/er uns alle. Ansonsten müsste sie/er konkret darauf hinweisen, auf welche Institution sich die Forderung bezieht. Bei einigen ist es Unbedarftheit, aber den meisten unterstelle ich Vorsatz. Neoliberale von der FDP oder CDU/CSU fordern, dass sich der Staat nicht in die Wirtschaft einmischt. Wendet man die Definitionen korrekt an, läuft es auf einen Kontrollverzicht seitens aller Bürger hinaus. Dies klingt dezent anders und lässt sich schwerer verkaufen.
Vor der Digitalisierung, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, an Netzwerke zu denken. Diesbezüglich habe ich von Leuten gelernt, die sich damit auskennen. Dazu gehört zum Beispiel, dass sich Programmfehler niemals am verursachenden Gerät zeigen, sondern sich erst an einem der Endgeräte. In früherer Zeit wäre es mir nicht eingefallen, „Hacken“ auf die analoge Realität zu beziehen. Was aber praktisch ist. Hacker untersuchen Systeme auf Schwachstellen, Routinen, Seiteneingänge, um hierüber einzudringen und Veränderungen vorzunehmen. Jeder Steuervermeider, wie heutzutage euphemistisch Wirtschaftsstraftäter und Organisierte Kriminelle genannt werden, sind Hacker – Verbindungen. Im Gegensatz zu politischen Aktivisten, die oftmals nachvollziehbare Ziele verfolgen, haben sie die Regeln, Programme und Routinen verstanden.

In meinem Leben war es lange von großer Wichtigkeit Menschen und Situationen zu berechnen, Prognosen zu erstellen, zu analysieren und vorausschauend zu handeln. Von mir selbst dachte ich, dass mich dieses Wissen in die Lage versetzte, allen die versuchten mich zu manipulieren, einen Strich durch die Rechnung machen zu können. Dabei war ich lediglich ein programmierter Algorithmus, der damit selbst nach den Programmregeln funktionierte.
Nein, ich hatte bei weitem nicht alles richtig gemacht. Und ich war kein unfreiwilliger Spielball, sondern ich hatte mich bewusst und mit Vorsatz als solcher ins Spiel gebracht. Es war in jeder Sekunde des Lebens die eigene freie Entscheidung. Wenn ich einen Verantwortlichen für mein Elend suchte, benötigte ich einen Spiegel. Natürlich gibt es Puppenspieler, die einen als Marionette am Haken haben. Aber, wenn ich an einen Menschen Fäden binde, muss er bei jedem Zug einwilligen. Es sei denn er ist auf einer Droge unterwegs, die den freien Willen ausschaltet. Der Marionettenspieler wird dann zusätzlich zum Dealer. Rückwirkend betrachtet war ich auf Droge, süchtig, und ich hatte gleich mehrere Dealer. Dealer und Droge suchen nicht nach dem User, sondern es verhält sich genau anders herum. Das Süchtige herangezogen werden ist ein Märchen. Der User sucht sich seine Droge und im zweiten Zug eine oder einen, der sie ihm verschafft. Das der Dealer im weiteren Verlauf der Geschichte keinerlei Interesse daran hat, dass die Sucht endet, versteht sich von selbst.

Als 21 – jähriger stand ich wie alle meines Alters ratlos in der Weltgeschichte herum. Ich suchte den zu mir gehörenden Platz im großen Weltenplan, anders ausgedrückt, meine Identität. Wenn man jung ist, befindet man sich in einer schwierigen Situation. In der Kindheit ist alles vorbestimmt. Man wird irgendwo, bei irgendwelchen Eltern, innerhalb eines Milieus geboren. Auch wenn sich einige Deutsche benehmen, als wenn sie vor ihrer Zeugung vor die Wahl gestellt worden wären. Linke Reihe, Afrika, mittlere, Südamerika, rechte, Deutschland, sie haben die Wahl.

Darauf basierend landet man auf einer Schule, die einem im besten Fall einen Schulabschluss ermöglicht. Und nun? Bei der Suche nach der eigenen Identität trifft man auf jede Menge Anbieter. Berufsgruppen, religiöse Gemeinschaften, Subkulturen, politische Vereinigungen, Verbindungen und was es sonst alles gibt. Nach einigen Verzweiflungen landete ich bei meinem Anbieter: die Kriminalpolizei. Die verstanden ihr Handwerk. Seitens Polizeikritiker werden die wildesten Theorien aufgestellt, warum jemand zur Polizei geht. Die zahlten damals das höchste Einstiegsgehalt? „Die Polizei ist kein Job, sondern eine Berufung.“, sagten sie bei der Einstellung. Relevant für das System, ein Bollwerk gegen die Feinde der Demokratie, ein Lebensinhalt, etwas Besonderes!

Bei anderen Identitätshändlern läuft das ähnlich ab. Aber kennengelernt habe ich dies bei meinem – der Polizei. Später wurde ich sogar zeitweilig einer der Konstrukteure. Nach einigen Jahren landete ich bei einer Spezialeinheit. Dort machten wir uns darüber Gedanken, wie wir junge Leute für die Einheit ködern. Wir fanden eine simple Lösung. Mittels Testverfahren suggerierten wir, dass die erfolgreichen Absolventen eine besondere Identität bekommen. Das funktioniert immer wieder zuverlässig. Es gibt dabei allerdings einen Nachteil. Was passiert, nachdem dieser Mensch die Einheit verlässt? Tatsächlich haben sich hierüber mal einige Gedanken gemacht. Jedoch waren ihre Ergebnisse nicht gut gelitten. Die von ihnen aufgestellten Forderungskataloge hätten zu viele finanzielle Investitionen erfordert. Daran zeigt sich, dass es nicht um eine echte psychologisch tragfähige Identität für das Leben geht. Sie ist zweckgebunden und dient dem Geber, aber auf Dauer nicht dem Nehmer. Eine echte Identität, die über das Leben hinausgeht, sieht anders aus.
Bei mir ging einiges schief. Zeitweilig beschrieb ich mein persönliches „Stopp – Erlebnis“, welches mich dann letztlich auf die Kreuzung führte, als Blackout. Mittlerweile gehe ich da anders heran. Blackouts hatte ich einige. Sie waren Warnschilder mit Geschwindigkeitsbegrenzungen, die ich konsequent ignorierte. Was zu meinem realen Fahrstil passte. Nein, ich denke die Bezeichnung „Tippping Point“ beschreibt es besser. Der Tritt war der Entzug meiner Identität, der Anerkennung und der Zerstörung des Selbstverständnisses. Für einige Stunden sah ich das Ende meines Lebens. Kein Geld, kein Besitz, kein Status, keine Perspektive. Dem, der seiner Auffassung nach alles für das System gegeben hatte, wurde eben seitens des Systems alles weggenommen, und zwar wegen läppischer 75,98 EUR.

 

Wie alle Polizisten steckte ich im Dispo – Kredit und jonglierte mit den Zahlen. Irgendwann hatte der Gesetzgeber es der Gebühreneinzugszentrale ermöglicht, über das Finanzamt auf das Konto vermeintlich säumiger Bürger zuzugreifen. Trotz unberechtigter Forderungen wollten sie Geld abbuchen, bekamen aber keins. Also sperrten sie es zum Monatsanfang kurzerhand. Wer ins System eingebunden ist, steht in diesem Moment vor einem eklatanten Problem. An einem selbst hängen Unterhaltsnehmer, Arztrechnungen wollen bezahlt werden, Miete, Strom, Lebensunterhalt, einfach alles, was sich um das Leben eines berufstätigen Bürgers rankt. Selbst eine zerknirschte Zahlung zur vorläufigen Abwendung weiterer Unannehmlichkeiten brachte nichts. Die Bank strich mit Hinweis auf das Kleingedruckte den Dispo.

 

Aus meiner Sicht stand da in diesem Moment ein Typ, der für eine Ex – Frau und zwei Kinder zahlte. Der diverse eheliche Altlasten übernommen hatte, jeden Tag Überstunden schob, dessen Freizeit mal eben mit einem Telefonanruf beendet wurde, einer der versuchte alles irgendwie zu managen, während sich andere in die Hängematte fielen ließen. Eben mal aus einer Laune des Systems heraus von einer staatlichen Institution an die Wand gefahren. Mir wurde in diesem Augenblick meine Arroganz der vergangenen Jahre bewusst. Wie oft hatte ich mich über Menschen empört, die die Nerven verloren? Schlagartig begriff ich, wie schnell und unvermittelt es einen treffen kann. Selbstverständlich gibt es viele kleine Schritte, die einen an diesen Punkt bringen, aber das sieht man in diesem Moment nicht.

 

Nach Stunden der Handlungsunfähigkeit erklärte ich der restlichen Welt den Krieg. Plötzlich bekam ich eine andere Sichtweise über Amokläufer. Ich bin der festen Überzeugung, dass es jeden treffen kann. Nach dem Rausch kommt der Kater. Ich kam wieder halbwegs auf die Beine, doch der Schock steckte tief in den Knochen. Wie war ich an diesem Punkt meines Lebens gelangt? Jetzt beim Schreiben weiß ich, dass ich das volle Ausmaß der Lage, die Folgen aller Art und die Länge des Heilungsprozesses nicht einmal ansatzweise überblickte. Uns steht ein begrenztes Maß an Lebensenergie zur Verfügung. Einen Teil benötigen wir für uns selbst, weitere Anteile für das Umfeld, welches eine Rolle bei der Regeneration spielt, dann die Ressourcen die der soziale Umgang kostet und zuletzt die Energie, welche in die Arbeit gesteckt werden kann.

 

Beim letzten Punkt hat sich die Lebensrealität vieler im Verhältnis zu längst vergangenen Zeiten dramatisch verändert. Arbeit war einst Bestandteil der Regeneration. Menschen wollen ihre Welt gestalten Arbeit gehört zum Gestaltungsprozess dazu. Das hervorgehende Produkt war Teil der Identität. Heutzutage wird aus guten Gründen zwischen dem Arbeitsleben und dem Privatleben getrennt. Allerdings hat damit die Arbeit den Regenerationsfaktor eingebüßt. Sie taucht in der Bilanz als Verlust auf. Ich habe Gründe, dies hier niederzuschreiben.

Auf meiner Fahrt in die Klinik
Sah ich noch einmal die Lichter der Stadt.
Sie brannten wie Feuer in meinen Augen,
Ich fühlte mich einsam und unendlich schlaff.

Joachim Witt, „Der goldene Reiter“

Während meiner Orientierungsphase landete ich einer Klinik für psychosomatische Erkrankungen. Dort kam es zu einem Gespräch mit einer Lehrerin. Obwohl sie das Gespräch geplant hatte, fiel es ihr erkennbar schwer, über ihre Probleme zu sprechen. Zusammen mit ihrem Mann, ebenfalls Lehrer, war ihr alles über den Kopf gewachsen. Der immer schwieriger werdende Unterricht, das stetige Bemühen auf dem Stand der Dinge zu bleiben, die Querelen mit den Schulämtern, alles hatte Ressourcen gekostet, die am Ende bei der Bearbeitung der Arztrechnungen fehlten. Damit startete ein mir wohlbekannter Teufelskreis. Mahnungen, Briefe an die Beihilfe, die Krankenversicherung, Verzugsgebühren, Löcher an anderen Stellen, eines Tages rebellierte der Körper. Unter Tränen sagte sie zu mir: „Wie hätte ich denn um Hilfe bitten sollen? Ich bin Lehrerin. Wenn ich aus eigener Kraft da nicht hinauskomme, wie soll es den anderen gelingen?“
Eine gute Frage! Sie zeigt aber noch etwas. Wenn man vor einer objektiv schweren Kiste steht, fällt es einem leicht, jemanden um Hilfe zu bitten. Jeder wird verstehen, dass sie für einen zu schwer ist. Oder wenn eine/r wegen eines erkennbaren Handicaps etwas nicht kann, springen eine Menge Helfer sogar freiwillig hinzu. Mit einer gnadenlosen Selbstverständlichkeit wird bei uns angenommen, dass die Leute mit der Verwaltung, dem Papierkram, der Strukturierung dessen, alleine klarkommen. Zumindest, wenn sie einen gewissen gesellschaftlichen Status haben. Um Hilfe zu bitten, entspricht für sie der Frage, ob ihnen jemand eine Schachtel Zigaretten vom Boden aufhebt. Ich ahne, in dieser traurigen Lage sitzen abertausende Menschen fest.

Dieses spezielle Dilemma habe ich den „Leuchtenden Briefkasten“ getauft. Das Ding leuchtet im Dunkeln. Ein Leuchten, welches einen bis in die Träume verfolgt. Ein Aufbewahrungsort für Unangenehmes, quasi Dämonen, mit denen man überfordert ist. Den Kopf in den berühmten Sandhaufen zu stecken ist im System nicht vorgesehen, es wird alle nur noch schlimmer Als ich ihr sagte, dass ich als gelernter Hauptkommissar der Kriminalpolizei, durch einige Stürme gegangen, konfrontiert mit dem Elend dieser Welt, ihr Problem absolut nachvollziehen konnte, sah sie mich erstaunt an.

In diesem Moment wurde mir bewusst, wie hilfreich es sein kann, wenn mehr Leute aus dem von Scham verursachten Lügengebäude heraustreten. Ich bin mit dem System genauso überfordert wie Du! Es liegt nicht an Dir, sondern am System. Dies ist schon alles ein paar Jahre her. Die andauernde Pandemie wird Folgen haben. Um Hilfe zu bitten, muss ein Zeichen der Stärke werden und die eigenen Kulissen fallen zu lassen ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Überhaupt wird meiner Meinung nach die Belastung der Lehrer unterschätzt. Immer häufiger sind sie Feindseligkeiten ausgesetzt. Als meine Töchter in der Schule waren, taten mir die Lehrerinnen und Lehrer leid. Eltern, die ihre Kinder für Unschuldslämmer und hochintelligent halten, standen ständig mit Beschwerden auf der Matte. Clan – Anführer waren der Meinung auf dem Schulhof für Ordnung sorgen zu müssen. Mit Regelmäßigkeit eskalierten die Planungen von Klassenfahrten. Ich erinnere mich an einen Polizisten, der anlässlich einer Diskussion in der Elternschaft meinte, Kinder müssten heutzutage für eine Klassenfahrt motiviert werden. Am selben Abend schlug er vor, Kinder, die sich daneben benahmen, in einen Intervention-Kreis zu stellen. Alles, was er sagte, wirkte eigentümlich. Ich erkundigte mich intern nach ihm und stieß prompt auf eine komplette Seilschaft von Scientology.
In der Volkswirtschaftslehre ist der Verzögerungseffekt von Krisen bekannt. Betroffene versuchen, über einige Zeit die Fassaden aufrechtzuerhalten, aber irgendwann geht es nicht mehr und dann kommt es dick. Im System ist vorgesehen, dass die Konsumenten auf Kredit leben. Bereits in jungen Jahren binden sich viele mit Krediten, Ratenkäufen oder Leasing. Sie gaukeln einen Status vor, der ihnen als erstrebenswert oder gar lebensnotwendig in den Kopf gesetzt wurde. Beamte, Rentner und Pensionäre betrifft die Pandemie finanziell nicht. Doch was ist mit den Selbstständigen? Oder denen, die sich mit einem Zweitjob in der Gastronomie von einem Monat in den nächsten retteten? Einige Monate kann man Kreditkarten – Poker spielen, aber irgendwann schaukelt sich das hoch.

In der Klinik dachte ich erstmals ernsthaft über den Begriff „System“ nach und wie ich dazu stand. Dies führte zu etwas, was ich vorher noch nie getan hatte. Ich schnappte mir einen wasserfesten Stift. Mit dem Schrieb ich auf ein „Durchgang Verboten“ – Schild in großen Buchstaben „Fuck the System“. Danach setzte ich mich mit einem Bier und einer Zigarette davor hin. Ich hatte mich für eine der Abzweigungen entschieden. Ich gebe zu, dass das Statement nicht sonderlich originell ist. Ich sah mal einen US – Stand-up-Comedian, der in seinem Programm sagte „Ihr Deutschen seid so präzise. Wir Amerikaner sagen bei jeder Gelegenheit „Fuck You!“ Ihr sagt gleich noch wo. Fick Dich ins Knie!“

Ja, „Fuck“ ist im Englischen ein recht universeller Kraftausdruck. Mittlerweile würde ich etwas anderes wählen. Je nach Tageslaune in der Art von „Get out of the System“ oder „Hack the System“. Jeden Tag war ich in der Klinik von Leuten umgeben, die eigentlich das System stützen sollten: Lehrer, Richter, Staatsanwälte, Soldaten, Polizisten, Pflegekräfte, Justizangestellte, Beamte aus der Administration. Kaputt, ausgemergelt, ausgebrannt, alkoholkrank, psychosomatische Erkrankungen aller Art, depressiv, traumatisiert, ausgespuckt, am Ende. Hinzu kamen junge Frauen und Männer, die sich ritzten, von Drogen nicht mehr herunterkamen, an Persönlichkeitsstörungen litten. Eine andere kleinere Gruppe stellten Geschäftsleute, die die Kurve nicht bekommen hatten und sich im Business verloren. Die geringe Zahl lag an der Versicherung. Weil die Krankheit sie in eine höhere Stufe gebracht hätte, bezahlten sie den Aufenthalt komplett aus der eigenen Kasse.

Gemäß BROCKHAUS umfasst der Begriff System [griechisch] die Gesamtheit von Dingen, Vorgängen, Teilen, die sich gegenseitig beeinflussen oder steuern.(
https://brockhaus.de/ecs/permalink/DDE8C257028648CFDD914E8ADC35AE09.pdf) Unterschieden wird dann nochmals, in welcher Fakultät, Biologie, Philosophie, Wirtschaft, pp., die Anwendung stattfindet. Mir ist dabei wichtig, in welcher Art und Weise der gegenseitige Einfluss aussieht, welche Ziele dabei verfolgt werden und welche Steuerungsmittel zum Einsatz kommen. Im Grunde genommen ist jede Maschine ein System. Ich stelle mir jemanden vor, der ein Produkt vor Augen hat und dafür eine Maschine benötigt. Um den Bau zu bewerkstelligen, ruft er Ingenieure, Programmierer, technische Zeichner, Elektroniker zusammen. Die Entwerfen und Konstruieren die gewünschte Maschine. Eines Tages ist es so weit. Der Schalter wird umgelegt und alle stehen erwartungsvoll an dem Schacht, aus dem das fertige Produkt kommen soll. Ich muss keinerlei Kenntnisse über die Ablaufprozesse oder die Konstruktion der Maschine haben, wenn ich das fertige Produkt auf seine Funktionsfähigkeit prüfe. Schließlich kann ich ein Auto fahren, ohne jemals eine Werkstatthalle von innen gesehen zu haben.

 

Jeden Tag sah in der Klinik Leute, die entweder kaputte abgenutzte Teile aus dem Inneren der Maschine waren, weil sich die Zahnräder verkanteten, die Reibungshitze zu groß war, es ständig zu Kurzschlüssen kam und was sonst noch alles Konstruktionsfehler sein können. Oder es handelte sich um kaputte Produkte, die die Maschine ausgespuckt hatte. Und die da in der Klinik waren nur der kleine Bruchteil, der es bis dahin schaffte. Ich selbst kenne gerade mal einen kleinen Teil des inneren Aufbaus. Von diesen Erkenntnissen ausgehend, schließe ich auf mir unbekannte Bereiche. Im Ergebnis komme ich zum Urteil, dass die Maschine verschrottet werden sollte oder mindestens dringend einer Reparatur bedarf..

Ein Patient fiel mir besonders auf. Abends, sammelten sich die Patienten in einer Raucherecke, in die sich auch Nichtraucher verirrten. Er, ein athletischer Typ mit Kurzhaarschnitt, Armeejacke und Doc Martens – Stiefeln, sonderte sich jedes Mal ab, wenn politische Gesprächsthemen diskutiert wurden. Anfangs hielt ich ihn für einen Polizisten. Sah ich ihn tagsüber, war er meistens mit Eintragungen in ein kleines Notizbuch beschäftigt. Ich bekam heraus, dass er sich dort alle Kennzeichen der vor der Klinik parkenden Fahrzeuge notierte. Außerdem schrieb er sich Personen auf, die mehr als einmal an der Klinik vorbeiliefen. Eines Tages saß er auf einer kleinen Mauer.
Einen Meter entfernt hatte sich ein Schmetterling niedergelassen, den er interessiert betrachtete. Zunächst schweigend setzte ich mich zu ihm. Erst nach einer Weile traute ich mich, Fragen zu stellen. Er hatte international für einen großen Energiekonzern im Bereich Atomkraft gearbeitet. In Schwellenländern hatte er Unbeschreibliches beobachtet. Hierzu musste ich ihm versprechen, niemals darüber zu reden. Auch für ihn kam der Tag, als es nicht mehr ging. Von da an fühlte er sich verfolgt. Ich verkniff mir die Ansage, dass das unter Umständen gar nicht unberechtigt ist. Jedenfalls konnte ich ihn gut verstehen. Zumal ich kein Notizbuch benötigte. Was aber nicht hieß, dass ich mir keine Kennzeichen merkte. Am Ende unseres Gesprächs sagte er etwas, was ich niemals vergessen werde. In Richtung des Schmetterlings deutend sagte er:

„Weißt Du, wir beide sind Typen, die sich nur noch die schönen Dinge des Lebens ansehen sollten. Es gibt eine Zeit für den Dreck und es gibt eine für das Schöne. Lass uns nur noch Schmetterlinge ansehen!“

P. ehemaliger Mitpatient 

Bis heute habe ich dies nicht umgesetzt, dennoch habe ich die Worte nicht vergessen und denke immer mal wieder darüber nach. Sie erinnerten mich an meine ersten Gedanken, die ich beim Hören von Pink Floyd, „Welcome to the machine“, hatte. Ich hörte die Platte erstmals mit 15 Jahren. In einer grenzenlosen Selbstüberschätzung glaubte ich daran, dass dieses Lied für Leute geschrieben wurde, die den Fehler machen würden, in die Maschine hineinzugehen. Etwas, was mir selbst niemals passieren könnte.

Ich kann nicht wegsehen. Es gelingt mir trotz aller Mühen nicht. Jeder von uns wird in der Zukunft gerichtet. Meistens bekommen wir es nicht mit, weil wir zu Staub geworden sind. Was wird mich überdauern? Welche Anstöße gab ich für eine Zukunft, in der meine Kinder leben? Ist dies nicht ein wenig diese Überwindung der Sterblichkeit, die Menschen anstreben? Andersherum frage ich mich, woran ich konkret schuldig sein sollte. Eine meiner Verflossenen entwickelte hierzu eine ganz eigene Haltung. Ich erlebte sie als einen liebevollen Charakter, der niemanden etwas zuleide tat. Sie reduzierte ihren Fleischkonsum, rettete einen Wespenschwarm, den jeder andere vernichtet hätte und sie dachte viel darüber nach, wie sie andere glücklich machen könne. Gleichsam fuhr sie einen riesigen SUV, besaß eine dieser Kapsel – Kaffeemaschinen und flog in der Welt herum. Ihre drei Katzen fütterte sie mit den üblichen Produkten, die mit absoluter Sicherheit nicht mit dem Fleisch glücklicher Tiere zusammen gekocht wurden. Ich sprach sie auf diese Inkonsequenz an. Ihrer Auffassung nach war sie für die Existenz dieser schlechten Dinge nicht verantwortlich. Es sei auch nicht ihr Job darüber nachzudenken. Wenn es das alles gäbe, trafen andere Entscheidungen darüber. Nichts wäre einfacher, als die Herstellung einzustellen.

Meine Kritik am System richtet sich nicht gegen die Menschen, egal auf welcher gesellschaftlichen Ebene, sie sich befinden. Gleiches gilt für Konzerne oder unser Parteiensystem. Wenn sich etwas abstrus entwickelt, sollte die erste Betrachtung der Verfahrensweise bei Belohnungen und Anreizgebung gelten. 90 % aller Fragen lassen sich damit beantworten. 10 % sind Leidenschaft, Inkompetenz, Boshaftigkeit oder Persönlichkeitsstörungen.(siehe auch: Rolf Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens, dtv, S.71, Die Incentive – Superesponse – Tendenz) Wie ich mehrfach erwähnen werde, stehe ich eben genau mit der angesprochenen Verfahrensweise auf dem Kriegsfuß.

Terry Gilliam sagte in einem Interview zum Film „Brazil“:

“ Die Ängste von Brazil betreffen eigentlich nicht die Gefahr, die Welt könnte uns wegen des Systems aus den Fingern gleiten, denn wir sind ja das System …

Worum es in Brazil wirklich geht, ist, dass das System nicht aus großartigen Führern besteht, oder aus großartigen Maschinisten, die es kontrollieren. Es besteht aus einzelnen Menschen, die einfach ihren Job tun, als kleines Zahnrad, und Sam beschließt ein kleines Zahnrad zu bleiben und letztendlich zahlt er den Preis dafür. […] Auf der anderen Seite merkte ich, dass es ein Wunschbild gibt, das sagt, wenn wir alle unseren kleinen Beitrag leisten, würde die Welt eines Tages besser werden. Dann gibt es auch die Pessimisten, die meinen: ‚Genug von diesem Geschwätz, es macht sowieso keinen Unterschied, am Ende stürzen wir wie die Lemminge die Klippe runter‘. Daraus ergab sich die Frage: ‚Wie entkommst du denn dieser Welt?‘ und Sam entkommt ihr, indem er wahnsinnig wird.”

(Ausschnitte aus einem Interview während der South Bank Show am 29. Juni 1991)

Psychosomatische Kliniken sind ein fester Bestandteil des Systems. Das beginnt beim Aufbau. Kliniken sind auf Profit ausgerichtet. Die Kranken werden mit Funktionsstörungen eingeliefert oder sie kommen freiwillig. Im Idealfall verlassen die Patienten nach Monaten die Werkstatt als repariertes funktionsfähiges Rädchen der Maschine. Anderen Falls landen landen sie aus Sicht der Maschine in einem Lager für ausgesonderte Teile. Die Klinikleitung sind die Werkstattbesitzer, welche auf das Geschick und Eifer ihrer Mechaniker, den Psychologen und Therapeuten, setzen. Dabei stehen die unter den gleichen Kriterien, wie die Patienten: Funktionieren, Abliefern oder eines Tages ausgebrannt.

Bei Gruppensitzungen dachte ich anfangs, dass die strikte Einforderung von Pünktlichkeit einen therapeutischen Zweck verfolgt. Immerhin saßen da Leute, die über Jahrzehnte Termindruck ausgesetzt waren. Jeden Tag waren sie von einem Meeting zum nächsten gehetzt. Viele mussten Kinder, Arbeit und Privatleben, inklusive zusätzlicher abgeforderter ehrenamtlicher Tätigkeiten, gleichzeitig stemmen. Da war es an der Zeit Widerstand zu lernen. „Ich habe meine persönlichen Dinge für wichtiger ersehen und komme deshalb wenige Minuten zu spät!“ In Deutschland ist es nicht vorgesehen, wischen einer Verspätung von wenigen Minuten oder einer halben Stunde zu unterscheiden. Zu spät oder pünktlich! Tom Waits hat dies in Deutschland derart beeindruckt, dass er ein Lied dazu schrieb: „Komme nicht zu spät!“

Ohne die exakte Einhaltung ist eine enge Taktung der aufeinanderfolgenden Termine nicht möglich. Doch das erzeugt heutzutage unangenehme Gefühle oder könnte jemanden wach werden lassen. Deshalb wird die Verspätung als Respektlosigkeit verkauft. Die oder der Verspätende hat den Wartenden missachtet. Immerhin hat der sich möglicherweise abgehetzt, ist zum Bus gerannt oder suchte schweißgebadet einen Parkplatz. Damit schnappt die Falle zu. Missachtung liegt dem anderen fern. Dies gilt im Besonderen im Privatleben. Wenn mir der andere nicht wichtig wäre, würde ich mich nicht mit der Person treffen wollen. Ich habe mir zur Angewohnheit gemacht mich grundsätzlich nicht mit Leuten zu verabreden, die neben unserem noch ein weiteres im Anschluss arrangiert haben. Es zeigte sich schnell, dass es nicht um einen therapeutischen Trick ging, sondern die Taktung im Nacken saß. Eine Alternative wäre die Einlage einer kurzen Meditation mit den bereits Anwesenden gewesen. Ich höre in meinem Innern den Widerspruch. „Dann kommt jeder, wann er will!“ Tom Waits hätte seine Freude an diesen Worten. „Deutsche!“

Wenn sich alle bewusst sind, dass der Erfolg des gemeinsamen Vorhabens von der Pünktlichkeit aller abhängig ist, werden auch alle da sein. Kommt jeder wann sie oder er will, hapert es an der Einsicht oder es besteht ein Desinteresse am Erfolg.

Chest bot Tauchfahrten an. Eines Tages wollte bei ihm ein deutscher Familienvater eine Tour buchen. Aufgeregt stand er vor Chest und erfragte mindestens viermal die Uhrzeit des Ablegens. Immer wieder betonte er seine Sorge, niemanden mehr anzutreffen. Nachdem alles geregelt war, setzte sich der Thai wieder zu mir auf den Turm. Dann sagte er zu mir: „Was ihr immer mit den Uhrzeiten habt! Es ist doch ganz einfach. Er soll aus dem Fenster schauen. Wasser ist da oder nicht. Ist es da, laufen wir aus. Ich werde das Boot bei Ebbe nicht zum Schwimmen bringen.“
Am Beispiel von Chest zeigt sich, wie wichtig die bestimmende Komponente ist. In seinem Fall das Meer mit den Gezeiten. Im Dienst bestimmte das Verhalten der Straftäter meinen Lebensablauf. Wir konnten die schlecht anrufen und nachfragen, wann sie das nächste Ding drehen wollten. Waren es nicht die Täter, musste ich den Vorgaben von oben her folgen. Begleitet wurde dies von einer durch Smartphones ermöglichten ständigen Erreichbarkeit, die mittlerweile in vielen Berufen nahezu als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird. Nein, sie ist es nicht. Sie ist über die Maßen gesundheitsschädlich und hat deshalb vertraglich geregelt zu sein, sowie bezahlt zu werden. Es ist ein großer Unterschied, ob mir die unbeeinflussbare Natur eine Vorgabe macht oder ein Mensch, der seine Vorteile davon hat.

Wenn alle Hoffnung endet, beginnt die echte Freiheit.

Fight Club

Beim Beobachten der Patienten kam ich zu einer Erkenntnis. Fast ausnahmslos waren sie ehemals in Prozesse eingebunden, die sie überfordert hatten, woraufhin ihr Körper die Notbremse zog. Anders ausgedrückt, in ihnen hatte etwas funktioniert. Was war mit denen draußen, die keinerlei Probleme mit den Gegebenheiten hatten? Bei wem war wirklich etwas nicht in Ordnung? Bei denen, die eine menschliche Reaktion zeigten? Ich habe da meine Zweifel. Was passiert bei all den Therapien? Leute, die den ganzen Tag ich einer Kauerstellung vor einem Bildschirm sitzen oder Papier verwalten, landen mit Haltungsschäden beim Physiotherapeuten, der sie wieder befähigt, bis zum nächsten Termin vor einem Bildschirm zu sitzen und Papier zu verwalten. Man mag sich nicht genauer ansehen, was auf dem Paper, für das ein Mensch seinen Körper ruiniert, geschrieben steht. In einer Behörde sind es zu 90 % Rechtfertigungen und Verwaltungsvorschriften, die sich gegenseitig bedingen. Psychotherapeuten raten Patienten zur Meditation. An sich ein guter Schritt. Jedoch nicht, wenn damit der Geist optimiert werden soll, damit er sich mit noch mehr stupiden Arbeiten auseinandersetzen kann. Optimierung, Effizienz, Funktionalität, stammen aus der Maschinensprache.

Aber noch sind Lebewesen keine Maschinen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert kam der Traum auf, den Menschen von für ihn ungeeigneten Aufgaben durch Maschinen befreien zu lassen. Seltsamerweise stellte kaum jemand die Aufgaben an sich infrage. Die Notwendigkeit stand nicht zur Diskussion, nur wer sie leisten sollte. Mittlerweile gibt es eine Tendenz zur Verschmelzung von Maschine und Mensch. Über die Zeit bin ich ein Fan von Sci – Fi Serien geworden. Seit 1965 bieten die Star – Trek Verfilmungen kritischen Geistern eine Ebene, auf der sie gesellschaftliche Tendenzen, Missstände, kritisieren können und gleichzeitig philosophische Überlegungen in der Zukunft durchspielen. Bei Star – Trek treffen die menschlichen Entdecker des Universums auf die BORG. Oftmals werden sie als eine fremde Spezies betrachtet, die andere in ein Kollektiv assimilieren, welches von aus biologischen und maschinellen Teilen zusammengesetzten Wesen gebildet wird. Von der Logik her, muss es zuvor eine biologische Lebensform gegeben haben, die sich mit Maschinenteilen optimierte.

Dieser Schritt ist logisch. Die Therapien sind notwendig, weil der Mensch von seiner Grundkonzeption her nicht fähig ist, auf Dauer die von ihm selbst ersonnenen Aufgaben bzw. durch Schädigungen des Lebenssystems entstandenen feindlichen Bedingungen, zu bewältigen. Die ebenfalls von ihm erfunden Maschinen haben das Manko eines fehlenden Bewusstseins. Also muss beides zueinander finden.

Ob man selbst diesen nächsten Schritt der Entwicklung mitmachen will, obliegt der eigenen Entscheidung. Meiner Vorstellung von einem menschlichen Dasein entspricht dies nicht. Ich finde es immer wieder faszinierend mit welch einer Selbstverständlichkeit Politiker und junge Wissenschaftler darüber reden. Technischer Fortschritt scheint eine heilige Kuh zu sein, die niemand antasten darf. Gleichsam nicht den damit verbundenen Wachstum und Profit. Die Zerstörung der Lebensgrundlagen ist kein Problem, sondern eher ein Ansporn für die Wissenschaft technische Innovationen zu entwickeln, die den Menschen befähigen, die von ihm selbst geschaffenen lebensfeindlichen Bedingungen überleben zu können. Voller Begeisterung präsentieren junge Forscher/innen digitale und mechanische Implantate, ohne einmal darüber nachzudenken, wo das hinführen kann.
PR Strategen haben es über Jahrzehnte hinbekommen, dass alles gegen Profit und Wachstum gerichtete als „links“ tituliert wird. Dabei ist die Information wogegen ich bin, überhaupt keine Auskunft darüber wofür ich bin. Das bedeutet, wenn jemand als Grund für das Anzünden eines Fahrzeugs seinen Antikapitalismus anführt, ist dies eine extreme Handlung dagegen. Anders sähe es aus, wenn ein Bekennerschreiben auftauchen würde, in dem das Einstellen des Zündelns gegen die Erfüllung einer konkreten politischen Forderung aus dem Spektrum des kommunistischen Politikverständnisses in Aussicht gestellt wird. Was soll an einer Gruppe Aktivisten, die Hühner aus einer Legebatterie befreien politisch links, also sozialistisch oder kommunistisch sein? Gibt es im Kommunismus keine Legebatterien? Gleiches gilt für Menschen, die sich gegen die weitere Zerstörung der Lebensgrundlagen stellen. China, Russland beteiligen sich im großen Stil. Für die Kreuzung bedeutet dies dazustehen und dagegen zu sein, sich nach rechts zu wenden. Damit bin ich noch nicht einen Schritt gelaufen.

Was die überwiegende Zahl der als Linksextremisten bezeichneten Personen zeigt, ist eine extreme Wut und hierdurch motivierte Handlungen gegen das Bestehende, was sie alltäglich umgibt. Eine politische Richtungsbestimmung wird erst möglich, wenn sie bekunden, wohin die Reise gehen soll. Und fragt man an dieser Stelle konsequent nach, kommt das große Stottern.
Doch hier an dieser Stelle geht es mir weniger um Politik, sondern in erster Linie um Verhaltensmuster. Dazu muss ich anfügen, dass ich jegliche Ratgeber für Selbstoptimierungen hasse. Nicht umsonst lautet der Titel eines meiner Lieblingsbücher „Einen Scheiß muss ich!“ (Sean Brummel: Einen Scheiß muss ich: Das Manifest gegen das schlechte Gewissen – Aus dem Amerikanischen erfunden von Tommy Jaud). Ein wahrlich großartiges Buch, dass ich jedem empfehle. Damals hatte alles etwas Dramatisches und Tiefgründiges an sich. Mittlerweile habe ich begriffen wie sehr dies zu dem gehörte, in dem ich gefangen war.

Heute würde ich auf der Kreuzung stehen und eine simple Frage stellen: „Why not?“ Kaum ausgesprochen, säße ich mit ein paar durchgeknallten Typen in einem Mini – Van, dessen Bremsen jeden TÜV – Prüfer in den Selbstmord trieben.

„Wenn du nur das tun willst, was mit Sicherheit gut ausgehen wird und von dem du die Wahrheit erkannt hast, dann wirst du in deinem Leben auf alles Handeln verzichten müssen.“

Seneca