Kapitel 3

Lesedauer 11 Minuten

Ich musste mich von den alten Mustern lösen. Alles auf den Tisch und prüfen. Was hatte einen echten Nutzen? Wo war ich in sich ständig wiederholende Spiele eingebunden? Spiele mag merkwürdig klingen. Doch genau das passiert ständig. Wir alle sind in sie eingebunden. Es gibt Regeln, Spielflächen, Eröffnungen, Mitspieler/innen, Spielzüge, Taktiken. Der amerikanische Psychologe und Entwickler der Transaktionsanalyse Eric Berne hat hierzu ein Buch veröffentlicht. „Spiele der Erwachsenen“. Einiges was er schrieb, ist mittlerweile überholt. Geblieben sind die Spiele.

It is not selfish to think for oneself. A man who does not think for himself does not think at all.

Auf seine eigene Art zu denken ist nicht selbstsüchtig. Wer nicht auf seine eigene Art denkt, denkt überhaupt nicht.

Oscar wilde1907: Essays and stories, by Lady Wilde (Speranza), Seite 178, Verlag A. R. Keller & Company, Incorporated, Quelle

Als ich das Buch erstmalig las, überkam mich eine tiefe Frustration. Sollte es wirklich derart einfach sein? Leider ist dies oftmals der Fall. Immer wieder neu aufgelegte Verhaltensmuster führen zu identischen Ergebnissen. Ich kenne einen ganzen Haufen Frauen und Männer, die sich nach drei Jahren fragen, warum sie erneut in die gleiche Beziehungsmisere schlitterten, wie bei allen anderen zuvor. Meistens sind beim fünften Whisky die Ex – Partnerin oder Partner Schuld. Dabei war es einfach das Spiel, welches davor auch schon nicht gut ausging. Es ist so: Menschen sind bis zu einem gewissen Grad berechenbar und einige Prozesse lassen das Verhalten immer voraussehbarer werden. Was ein von einem Programmierer entwickelter Algorithmus kann, ist auch einem rational kalkulierenden Mensch möglich. Vielleicht ist das sogenannte „Targeting“ wegen einer geringeren Informationsmenge nicht ganz so präzise, aber oft braucht es gar nicht viel.

Wir befriedigen gegenseitig Bedürfnisse. Menschen hassen es, wenn sie mit ihrer Meinung alleine da stehen. Genauso benötigen wir unsere Streicheleinheiten, genannt „Strokes“. Niemand kann auf Dauer ohne auskommen. Es gibt keinen Altruismus. Wir helfen anderen Menschen, weil wir uns dann besser fühlen. Damit werden Bindungen geknüpft. Uns ist die Anerkennung durch die Gruppe wichtig. Das wusste schon Oscar Wilde als er schrieb: „Warum teilen wir anderen unsere Meinung mit? Wir haben Angst damit alleine zu sein.“ Die Leute hinter den Sozial Media wissen dies und verdienen Unsummen damit. Twitter und Facebook bedienen täglich den kleinen Narzissten. All dem zu entkommen ist weder möglich, noch ernsthaft erstrebenswert. Am Ende bleiben wir Menschen. Doch es schadet nicht, sich dessen ein wenig bewusst zu sein. Besonders in einer Zeit, in der jeder damit zum Opfer von Manipulationen wird. Die müssen nicht immer schlecht sein. Zum Problem werden sie erst, wenn sie einen in eine Richtung drängen, die bei klarem Verstand nicht eingeschlagen worden wäre.

Identität ist meiner Meinung nach im Leben eines Menschen eines der wichtigsten Bedürfnisse. Ich schrieb dazu im ersten Kapitel, wie problematisch sich die Identitätssuche entwickelt. Existenziell ist sie für junge Frauen und Männer. Haben sie keine Möglichkeit sich eine eigene aufzubauen, landen sie schnell in Gruppen, die ihnen eine kollektive Gruppenidentität anbieten, die sie sich aneignen dürfen. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich eine rechte Gruppierung „Identitäre Bewegung“ nennt. Der Name beschreibt, was sie sind: identitätsstiftend. Ich, ein/e aufrechte/r, den alten deutschen Werten verpflichtete/r, Deutsche/r. Immer wenn die nationale Identität zum Ersatz der persönlichen wird, wird es brenzlig. Dabei ist die Unterscheidung unkompliziert, national bezieht sich auf das Land in seiner Einzigartigkeit unter anderen Staaten und die persönliche auf einen Menschen. Beispielsweise bekam die DDR – Führung regelmäßig miese Laune, wenn bundesrepublikanische Politiker der DDR die autonome völkerrechtliche Identität absprachen. Das Thema gibt es nicht nur in Deutschland. Mit diesem Austausch finden Nationalisten weltweit immer mehr Zulauf. Unter Deutschen wird gern, meistens vor Fußballweltmeisterschaften diskutiert, wann Patriotismus endet und der Nationalismus beginnt. Dabei ist dieses Thema geklärt. Wenn jeder menschliche Aspekt auf das Wohl und Nutzen der Nation ausgerichtet ist, wird von Nationalismus gesprochen.

Islamistische Gruppen machen nichts anderes. Anfangs gibt es einen orientierungslosen jungen Mann ohne großartige Chancen in der Gesellschaft, der kaum Geld in der Tasche hat und vollkommen kulturell losgelöst unterwegs ist. Er weiß nahezu gar nichts. Es mangelt an sexueller Aufklärung, Bildung, Wissen über den Umgang mit anderen Menschen und wie man sich innerhalb der Gesellschaft bewegt. Der trifft auf eine religiöse Gemeinschaft, die ihm eine Identifikation und das weitere Notwendige vermittelt. Eine absolute, vor allem ewige, Einzigartigkeit, erreicht er dann mit einem Selbstmordanschlag. Der Psychologe Wolfgang Schmidbauer hat darüber Erkenntnisreiches in seinem Buch „Psychologie des Terrors“ – Warum junge Männer zu Attentätern werden, geschrieben. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass das System den Islamisten einen unablässigen Lieferstrom an Rohmaterial liefert. Die da in der Verantwortung sind, sollten sich statt eines populistischen Bashings mal Gedanken über die Entwicklungsmöglichkeiten von knapp über Zwanzigjährigen machen.

Vor allem darüber, was sie dieser Generation zumuten. Wenn ich zum Beispiel die Armut auf den Straßen sehe, dann von einem Urteil erfahre, in dem junge Engagierte wegen eines sogenannten „Containern“ bestraft werden, platzt mir der Kragen. Und ich bin ein über fünfzigjähriger ehemaliger Kriminalbeamter. Wie muss ich mir dann das Innere eines Heißspornes vorstellen? Dies ist eins von vielen Beispielen. Das politische Establishment der Bundesrepublik Deutschland glänzt mit Ignoranz kombiniert mit Arroganz der Machtvollkommenheit. Da braucht sich niemand wundern, wenn die sich immer mehr radikalisieren.

Ich habe die ursprünglich an mich gerichtete Frage: „Wer sind Sie, wenn Sie nicht Polizist sind?“, an diverse ehemalige Kollegen/innen weiter gegeben. Bisher habe ich keine/n getroffen, die/der sie mir spontan beantwortete.