Kapitel 3

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Alles ist ein Produkt, was entweder gekauft oder veräußert werden kann. Verfüge ich über ausreichend Geld, stehen mir die Surrogate der Freiheit, Identität, Anerkennung, Liebe, Autorität, sexueller Befriedigung, jederzeit auf dem Markt zur Verfügung. Habe ich keins, bleibt der Weg zur Bank. Fortan haben sie mich in der Zange. Ich zahle an die Händler für die flüchtigen Ersatzstoffe und Zinsen für das gekaufte Geld von der Bank. Aus der Nummer wieder herauszukommen ist schwierig.

Warum sind die Ersatzstoffe attraktiv? Ganz einfach, sie wurden aufpoliert und sind billiger zu bekommen. Lebensleistungen, natürliche Autorität, Charisma, Weisheit, Bildung, können mit all den Statussymbolen nicht konkurrieren. Sie müssen mit Arbeit, Mühsal, Anstrengungen bezahlt werden. Wenn in Berlin ein Krimineller mit einem Sportwagen durch die Straßen fährt, erzeugt er bei vielen Unmut. Warum? Die Karre könnte mir geschenkt werden und ich würde sie trotzdem nicht wollen. In meinem Falle sind dies praktische Erfahrungen. Ich bin solche Fahrzeuge oft genug gefahren, um zu wissen, dass ich sie nicht mag. Darüber hinaus sind die Dinger ohnehin nur für ein paar Tage geliehen. Wer über Geld und Status verfügt, kauft sich beinah zwangsweise eine Luxuslimousine oder einen teuren Sportwagen.

Im Fall des Kriminellen sitzt am Steuer menschlich gesehen eine arme Wurst. Was hat er denn? Nichts! Keine langfristigen Chancen auf Erfüllung und Zufriedenheit. Keine Lebensperspektiven, außer mindestens einem Jahr Haftstrafe mit Tendenz einer Wiederholung. Ein gealterter Zuhälter meinte mal zu mir: „Linke Hand kam das Geld rein, in der Mitte gab es erhebliche Kosten, mit der rechten bezahlte ich das Lebensnotwendige. Übrig geblieben sind Erinnerungen. Zwei Möglichkeiten. Ich arbeitete, bis ich krepiere oder nehme mir wie die anderen Jungs das Leben.“ Schaue ich mir die im Milieu aktiven an, sieht es nicht besser aus. Ich möchte kein Leben führen, in dem ich jeden Tag damit rechnen muss, entweder von der Konkurrenz maß genommen zu werden oder mich die Bullen abholen.

Meiner Meinung nach wird uns das früher oder später um die Ohren fliegen. Wir haben uns beim Denken und den Empfindungen nicht weiter entwickelt. Im Prinzip werden immer noch Schlösser gebaut, Prunkkutschen mit Angehörigen des Geldadels rollen die Straßen entlang, Raubritter und Vigilanten tun es ihnen gleich, während sich die Bauern abrackern, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen.

Doch im Gegensatz zu den alten Zeiten wurde alles perfektioniert. Die Mehrheit der Deutschen lebt auf Pump, der sie in eine Art Leibeigenschaft zwingt. Diejenigen, welche keine Erwerbsmöglichkeiten haben, werden mit Zuwendungen, die sie an der Grenze des Zumutbaren leben lassen, sediert. Davon wird es immer mehr geben. Hierfür sorgen die Digitalisierung, der Neoliberalismus und die Handlanger aus der Politik, die auf die Zuwendungen derer hoffen, die sie gestützt haben. Ein wenig erinnert das an Shakespeare. Meine Worte mögen nach Neid klingen. Vor einigen Jahren bin ich dazu übergegangen bei passenden oder weniger passenden Anlässen wichtige Männer zu fragen, ob sie über das Geld verdienen hinaus, andere Fähigkeiten besitzen. Mit der Frage macht man sich weder bei Empfängen noch bei den Treffen von Brüdern einer Freimaurerloge Freunde. Wobei letztere meiner Erfahrung nach deutlich überschätzt werden.

In meiner Lebenshaltung kam der Kauf von Status, Identität, Freiheit und Anerkennung nicht infrage. Dazu haftete ich zu sehr dem familiären Selbstverständnis der bodenständigen Arbeiterfamilie an. Ich war geschieden, die Kinder fast erwachsen und ich brauchte mir für ein bescheidenes Leben keine Sorgen zu machen.
Meiner Auffassung nach ist es schade, dass in unserer Zeit Lebensabschnitte wie Findungsphase, Midlife Crisis oder die Identitätssuche einen negativen Beigeschmack bekommen haben. Die mag an der geschichtlichen Entwicklung liegen. Die meisten der Kriegsgeneration hatten kaum eine Chance in so etwas wie eine Midlife Crisis, wenn dann zeitlich verschoben, zu kommen. Der Nachkriegsgeneration blieb keine Chance einer Findungsphase, wie sie heute 21 – jährige erleben. Ich weiß aus Gesprächen mit Psychologen, dass beide Generationen etwas Verlorenes an sich haben. Die einen schwer traumatisiert, und die anderen wurden die Opfer der Traumatisierten. Doch ist dies kein Grund, warum den nächst folgenden Generationen eine andere Entwicklung verwehrt werden sollte. Biografien sind nun einmal nicht linear.

„Nichts aber kann dir für die Maßhaltung in allen Dingen so nützlich sein als ein häufiges Denken an die Kürze des Menschenlebens  und zugleich an seine Unsicherheit. Was du auch tun magst, bedenke das Ende!“

Senecea

Im Altertum gab es durchaus die Forderung innezuhalten, den Blick nach rückwärts zu richten, sich ein Bewusstsein für das Vergangene zu verschaffen und sich die Frage zu stellen, was noch kommen soll. Besonders beeindruckten mich die Betrachtungen von Seneca. Bis zum Lesen seiner Texte war mir nicht bewusst, wie überraschend ähnlich das Leben der Römer dem unsrigen gewesen sein muss. In seinen Überlegungen zur Lebenszeit, kritisierte er die gängige Praxis der Römer alles in den Ruhestand zu verschieben, von dem nicht sicher war, dass sie diesen überhaupt erreichen. Er setzte die zur Verfügung stehende Lebenszeit mit einer Kiste voll Goldmünzen gleich. Anfangs erscheint sie einem reichlich bestückt und das Geld ausgeben fällt einem leicht. Mit fortschreitendem Lebensalter werden die Münzen weniger und die Ausgaben überlegter. Seneca forderte sich dem Wert der Lebenszeit zu einem frühen Zeitpunkt bewusst zu werden, damit bei jeder Ausgabe deutlich ist, welchen Wert sie hat. Ich habe vorgerechnet, wie wenig einem übrig bleibt. Wohl dem, der dies rechtzeitig erkennt. Von Vorteil ist auch, wenn man erkennt, dass auch andere Menschen Zeit veräußern. Das Zauberwort heißt: Wertschätzung! An dieser Stelle sehe ich die Sozialen Medien besonders kritisch. Sie stehlen Zeit. Und nicht nur dies. Es kommt nicht zur Wertschätzung. Alles geschieht im Vorbeigehen.

Hatte ich überhaupt echte Fragen gestellt? Oder war es wie in der Geschichte von Edgar Allan Poe, in der ein junger verliebter Mann in einer einsamen Hütte sitzend einem sprechenden Raben Fragen stellt, die der mit dem einzigen von ihm beherrschten Wort „Nimmermehr“ beantwortet?

In meinem Abteil hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Ständig wurde in den vergangenen Jahren um mich herum von einer Welt gesprochen. Mal war es die Welt da draußen, ein anderer sprach davon, dass er die Welt kennen würde und der nächste behauptete, ich würde die Welt falsch sehen. Ist das, was wir als Welt bezeichnen eine gigantische Datenbank, aus der wir nach Belieben und Interesse Informationen herausziehen? Dann mit dem Abfrageergebnis bockig behaupten, dass es auf den einzig wichtigen Fragen beruht? Ich, der Ex – Polizist stellte andere Fragen, als ein junger Backpacker, und doch fuhren wir in diesem Zug durch ein und dieselbe Welt. Vielleicht stellte ich die entscheidenden Fragen. Unter Umständen waren sie aber auch auf Nebensächlichkeiten ausgerichtet. Im Film „Der Sinn des Lebens“ von Monty Python gibt es die Szene, in der die Banker kurz vor dem Entern durch die Senioren der „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ über den Sinn des Lebens sprechen. Vom Vorsitzenden werden zwei Feststellungen getroffen.

Eine lautet: „Die Leute tragen zu wenig Hüte!“, für die andere läge eine Präsentation bereit. Darin wird kurz angerissen, dass die Seelen gar keine Gelegenheit hätten, den Sinn zu erfassen, weil sie zu sehr abgelenkt werden. Mir kam es vor, als wenn ich mich zu lange mit den Hüten aufgehalten hatte. Aber im Abteil ein wenig Zeit fand, ohne Ablenkungen wenigstens einmal nachzudenken. Da war noch einiges bei mir offen. Fünf Tage in einem einsamen Abteil geben einem wahrlich viel Zeit. Für mich war dies der richtige Einstieg. Ich weiß nicht, ob mir ohne die Fahrt, der Wert aller nachfolgenden Begegnungen und Ereignisse bewusst gewesen wäre.

Wie beschrieben, hat die Transsibirische Eisenbahn für jeden eine andere Bedeutung. Oftmals wird es an den Mitreisenden liegen. Beim Schlendern durch den Zug traf ich in einem Abteil eine gebürtige Tschechin, die in Kanada lebt, welche sich das Abteil mit einem Engländer teilte. Sie war dreifach geschieden und hatte ihre besten Tage deutlich hinter sich. Er war die Verkörperung eines Junggesellen mit britischen Snobismus. Bei einer Unterhaltung meinte die Tschechin, dass die jüdische Weltverschwörung ohnehin an allem Schuld wäre. Sie, als Jüdin, müsse dies wissen. Der Brite meinte, es würde völlig ausreichen Oxford zu schließen, anhand von Boris Johnson könne man sehen, was da produziert wird. Im weiteren Verlauf stellte sich heraus, dass die beiden nahezu nichts über die Transsibirische Eisenbahn wussten. Man hätte meinen können, sie wären durch Moskau spaziert und rein zufällig auf die Idee gekommen, statt in die U – Bahn einzusteigen, die Transsib nach Peking zu nehmen. Beim Rauchen, was im abgeteilten hinteren Bereich der Waggons geduldet wird, traf ich einen Niederländer. Auf meine Frage hin, warum er mit dem Zug fahren würde, antwortete er trocken: „Scheidung!?“. Dann drückte er mir den Rest einer Wodka – Flasche in die Hand und verschwand. Ich habe den Mann nie wieder gesehen. Gut möglich, dass er einfach ausstieg.

Doch am faszinierendsten fand ich das japanische Mutter – Tochter – Gespann nebenan. Sie stiegen mit mir zusammen in Moskau ein und bis Ulanbataar verließen sie das Abteil ausschließlich nachts für Toilettengänge. Was die beiden fünf Tage lang im Abteil trieben, hätte mich wirklich interessiert.