Kapitel 5

Lesedauer 27 Minuten

 

Trigger: Flughafen Peking

Zwischen der Mongolei und meinem eigentlichen Ziel, Südostasien, lag die riesige Landfläche Chinas. Bei der individuellen Reiseplanung gibt eine Hürde. Die Regierungen der beiden Riesenländer China und Russland schätzen es nicht, wenn Leute spontan und somit unkontrolliert unterwegs sind. Bei der Transsibirischen Eisenbahn hatte ich auf Zwischenstopps verzichtet, weil ich hierfür vorher jeden Halt und die Dauer hätte angeben müssen. Außerdem wurden Vorbestätigungen von allen Hotels eingefordert. Es gibt einen Trick. Man plant einfach einen fiktiven Verlauf und storniert die Hotels nach der Bewilligung des Visums. Doch das war mir nichts. Die Erde ist groß und ich muss mich nicht mit jedem Staat arrangieren. Recht spontan beschloss die russische Regierung drei Tage vor meiner Abreise noch eine Verdienstbescheinigung zu fordern. In meinem Fall alles ein wenig albern.

Bei der Beantragung des Visums stellte mir der zuständige Mann in der Botschaft jede Menge Fragen. Bis ich zu ihm meinte, ob er sich sicher wäre, dass nicht alles inklusive meiner Telefonnummer längst auf seinem Bildschirm erschien. Es gab in meinem ersten Leben Berührungspunkte mit dem FSB. Ich war nicht so naiv anzunehmen, dass sich ausgerechnet der FSB zum MfS der DDR verschlechtert hätte. Sein Grinsen reichte mir. Aus alter Gewohnheit erkundigte ich mich vor der Reise beim Geheimbeauftragten der Berliner Polizeibehörde nach einer Meldepflicht. Im Verhältnis zu früher ist alles entspannter geworden. In Zeiten des Kalten Krieges mussten Polizisten aus West – Berlin ein Formular für die „Einreise in den kommunistischen Machtbereich“ ausfüllen. Etwaige Vorkommnisse im Transit wurden nach glücklicher Ankunft in der Bundesrepublik Deutschland an die Dienststelle gemeldet. Für Geheimnisträger war der Transit und die Ein – und Durchreise untersagt, denen blieb nur ein Flug.

Heute sind sie nur noch an Einreisen nach Nordkorea interessiert. Aber welcher vernünftige Mensch will da hin? Als ich später von den Repressalien erfuhr, die Russen bei der Einreise nach Deutschland über sich ergehen lassen müssen, kam in mir sogar ein wenig Verständnis auf. Es ist nachvollziehbar, dass sich eine Weltmacht nicht von den Deutschen nicht veralbern lässt. Doch die von den chinesischen Verantwortlichen aufgestellten Regeln sind nochmals eine andere Hausnummer. Nach dem Lesen der ersten Informationen verzichtete ich auf meinen ersten Plan China mit dem Zug zu durchqueren. Touristen bekommen für das Stadtgebiet von Peking ein Visum für einen Tag. Das musste ausreichen. Ich beschloss in Peking zu übernachten, um dann am nächsten Tag über Kunming weiter nach Chiang Mai in Thailand zu fliegen.

Im Hinblick auf die Bedeutung als Metropole haben Berliner durch die ehemalige besondere Stellung als geteilte Stadt „Frontstadt“ mit direktem Blick über den Eisernen Vorhang einen etwas verklärten Blick. Sie sehen sich gern auf Augenhöhe mit London, Madrid, Paris, Marseille, New York. Dabei ist Berlin recht klein und in vielerlei Hinsicht zur Provinz geworden. Das meiste sind Reminiszenzen an das alte West – Berlin. Wer in den Achtzigern diesen Teil von Berlin erlebt hat, schüttelt über aktuelle politische Debatten den Kopf. Als das provinzielle Bonn nach Berlin zog, war die Frage, wer wen mehr beeinflussen würde. Bonn hat gesiegt. Lange bevor die Mauer verschwand, hatte ich eine Beziehung mit einer Rheinländerin, die mir stolz Bonn präsentierte. Das Bonner Milieu kannte ich vorher vornehmlich aus den Büchern von Heinrich Böll. Beim Betrachten des Dorfes „Bonn“ stellten sich mir über die Bundesdeutsche Politik der Siebziger keinerlei weitere Fragen.

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