Kapitel 5

Lesedauer 27 Minuten

Betreffend des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik Deutschland habe ich den gleichen Eindruck.  Die Bundesdeutschen gingen von armen Ossis aus, die endlich die freie Welt, den unbegrenzten Konsum kennenlernen wollten und sich devot dem Way of Life in der alten Republik unterordnen würden. Wie sehr die „Ossis“ Einfluss auf die Struktur nehmen könnten und eine Menge DDR in die Republik einzubringen hatten, Stand bei den „Wessis“ die nicht auf dem Zettel. Seitens der LINKEN wird häufig kritisiert, dass beim Beitritt alles Gute aus der DDR fallengelassen wurde. Dem kann ich nicht widersprechen. Ich widerspreche auch nicht, wenn es um die Wirtschaft geht. Geschäftemacher aus der alten Republik fielen wie die Heuschrecken in das Gebiet der ehemaligen DDR ein. Was sich die nicht unter den Nagel rissen, wurde Opfer der Firmen, die die Konkurrenz aufkauften. Doch jenseits dessen gab es Strukturen, welche das Zusammenleben der Menschen prägten. Meiner Meinung nach, war die DDR die Diktatur einer Einheitspartei, die sich verselbstständigte und auf Kosten des Volks bereicherte. Mit Sozialismus hatte das nicht viel zu tun. Diktaturen bleiben für die Unterdrückten und Manipulierten niemals folgenlos, besonders wenn die Zeit niemals aufgearbeitet wird.

Vieles ist in Vergessenheit geraten. Ich unterhielt mich mit einer 28-jährigen Backpackerin aus Mecklenburg – Vorpommern. Im Verlauf des Gesprächs unterstellte sie meiner Generation ein Desinteresse an der Politik. Sofort schickte sie Verständnis hinterher. In den Achtzigern war es halt nicht möglich zu protestieren. Wackersdorf? Mutlangen? Brockdorf? Friedensbewegung? Republikaner? Das Aufkommen der Autonomen Szene? 1. Mai? Startbahn – West? Schlacht um die Gatower Heide? Dann verstand ich. Sie orientierte sich an ihren Eltern in der DDR. Und meiner Erfahrung nach, existieren neben einer oder einem mit einer Erfahrung, immer mindestens 100 weitere oder mehr. Wenn man ehemalige DDR – Bürger auf die mangelnde politische Kompetenz anspricht, verweisen sie reflexartig auf die „Friedliche Revolution“. Dabei waren da längst nicht alle auf der Straße und von denen, die demonstrierten, war nochmals ein Teil lediglich an einer Reisefreiheit und besseren Konsum interessiert, weniger an Meinungsfreiheit, Veränderung der Arbeitsbedingungen, Mitbestimmungsrecht und Demokratie.


Ich hatte im Flugzeug einen Fensterplatz. Die Sicht beim Anflug auf Peking war klar. Selbst aus dem Flugzeug heraus, waren die Stadtgrenzen nicht auszumachen. Peking! Eine Mega – Metropole, die die Bezeichnung verdient. Am Boden bestieg ich einen Bus. Berliner sind es gewohnt mit dem Bus weite Strecken durch die Stadt zu fahren. Es ist auch nicht so, dass ich noch nie eine große Metropole kennenlernte, aber die Länge der Fahrt übertraf alle meine bisherigen Erfahrungen. Der Bus fuhr und fuhr. Endlich an einem Gebäude angekommen, folgte eine Wegstrecke, die mich durch einen Bereich führte, welcher mich an ein Kongressgelände erinnerte. Endlich landete ich in einer riesigen Halle. Die chinesischen Sicherheitsbehörden besitzen jetzt alles von mir. Meine Konfektionsgröße, meine Fingerabdrücke, den CO2 – Gehalt meiner Atemluft, die durchschnittliche Körpertemperatur, mehrere Röntgenbilder, drei Sätze biometrische Passbilder, alles gespeichert in der staatlichen chinesischen Daten – Cloud. Die Prozedur dauerte ewig. Doch damit war ich noch nicht am Gepäcklaufband angekommen. Dafür musste ich in einen High – Tech Zug einsteigen. Wieder folgte eine Strecke, die gefühlt die Länge von 15 U – Bahnstationen hatte. Die Atmosphäre im Zug hatte Ähnlichkeiten mit der futuristischen Neonlicht – Atmosphäre im Film der „Blade Runner“. Ich saß da alleine mit einer regungslosen uniformierten Chinesin, die glatt als Android durchgegangen wäre.

Am Gepäcklaufband überkam mich Panik. Das Band war leer. Hektisch suchte ich die Halle ab. Im letzten Augenblick stoppte ich einen Angestellten, der sich anschickte meinen Rucksack zur Annahme für verlorenes Gepäck zu bringen. In jedem anderen Land und zu einer anderen Zeit wäre dies kein Grund zur Aufregung gewesen. In Peking befürchtete ich, mein Gepäck irgendwann nach Ablauf des Visums wiederzubekommen. Dann hätte ich von einem anderen Land aus alles regeln müssen. Zeit, bezieht sich auf mich selbst. Ich war einfach noch zu unentspannt. Heute würde ich mit den Schultern zucken und im Zweifelsfall den Rucksack aufgeben. Es ist ein Rucksack mit ein paar Klamotten. Die können nachgekauft werden. Doch an dem Punkt war ich noch lange nicht.

Nun galt es mit einem Taxi zum Hotel zu fahren. Ich hatte mir extra die Unterlagen für das Hotel mit chinesischen Schriftzeichen ausgedruckt. In Peking nimmt sich am Flughafen keiner einfach ein Taxi. Man stellt sich in einer Panik – Schlange an. Ist man an der Reihe, wird einem ein Taxi in einem der vielen Parkhäfen zugeteilt. Später erfuhr ich, dass die Taxifahrer den Flughafen anfahren müssen. Sie machen es nicht gern und entsprechend ist die Laune der Fahrer.
Nachdem ich meinen Zettel abgegeben hatte, bekam ich vom Fahrer ein Grunzen zu hören. Sein Blick ließ mich skeptisch werden. Die Länge der Fahrt machte es nicht besser. Der Beschreibung nach befand sich das Hotel in der Nähe des Flughafens. Nach 30 Minuten und zahlreichen Telefonaten bog er in eine dunkle Seitenstraße ein, an deren Ende sich ein großes Gelände mit Industriebauten und einem hell beleuchten Hochhaus befindet. Wild gestikulierend forderte er mich zum Aussteigen auf. Was sollte ich tun? Mit dem Kerl war keine Verständigung möglich. Aber immerhin entdeckte ich neben der Einfahrt zum Gelände ein beleuchtetes Wachhaus, in dem ich drei uniformierte Sicherheitsleute ausmachte. Demnach hatte er mich wenigstens nicht in einem verlassenen Industriepark abgesetzt. Taxifahrten kosten in Peking wenig Geld. Umgerechnet zahlte ich dem Fahrer 3 EURO, mit denen er im Dunkeln verschwand. Um Mitternacht allein in Peking herumzustehen ist kein schönes Gefühl. Meine Rettung erschien in Gestalt einer kanadischen Ingenieurin.

Nach und nach bekam ich heraus, wo ich mich befand. Ich war am Airbus – Test – Center Region China gestrandet. Airbus! Das war das einzige Wort, welches der Fahrer lesen konnte. Nachdem ich den Sicherheitsleuten mit Händen und Füßen meine Lage erklärt hatte, tauchte sie auf. Ein Engel in Gestalt einer blonden kanadischen Ingenieurin für Turbinen. Innerhalb weniger Minuten verstand sie meine Situation. Eine Viertelstunde später brachte sie mich zusammen mit ihrem Chauffeur zum Hotel. Dort angekommen schauten wir gemeinsam aus dem Fenster. „Ernsthaft? Willst Du hier bleiben?“, fragte sie mich. Einer dieser Augenblicke im Leben, bei denen man nicht wissen kann, was daraus geworden wäre, wenn man sich anders entschieden hätte. Allzu gern hätte ich Ihr einen Drink in einer Bar spendiert.

Das Hotel war innen wie außen eine üble Absteige, die wunderbar zu einem Set einer Raymond Chandler Verfilmung gepasst hätte. Die beiden Frauen an der Rezeption sprachen kein Wort Englisch. Es dauerte eine Weile, bis sie meinen kreativ veränderten Namen in ihrer Liste der Reservierungen fand. Dafür hatte ich Verständnis. An der Stelle ist Asien die Kehrseite der Medaille. Die können nichts mit unserem Namenssystem anfangen und wir steigen bei Ihnen nicht durch. Ausgerüstet mit vier kalten Bieren machte ich mich auf die Suche nach meinem Zimmer. Im Flur flackerten die schmutzigen Neonlampen. Bei jedem Schritt geriet der Teppich in Bewegung, weil sich die Kakerlaken in ihrer Nachtruhe gestört fühlten. Aus den Zimmern plärrten überdrehte Fernseher, die das aufgesetzte Gestöhne der Prostituierten übertönen sollten. Sollte es jemanden nach Peking verschlagen: Die Kategorie Business – Hotel hat dort eine dezent andere Bedeutung, als woanders. Das „Bad“ meines Zimmers war unbenutzbar. Beim Bett war ich mir unsicher. Ich zog es vor angekleidet zu bleiben und auf die Matratze meine Isoliermatte zu legen. Während ich mein Bier trank, dachte ich grinsend an TV – Formate, in denen eine verwöhnte „Influencerin“ mit weißen Baumwollhandschuhen die Sauberkeit eines Hotelzimmers testet. Was war schon eine Nacht?

„Zu argumentieren, dass Sie keine Privatsphäre brauchen, weil Sie nichts zu verbergen haben, ist so, als würden Sie sagen, dass Sie keine Freiheit der Meinungsäußerung brauchen, weil Sie nichts zu sagen haben.“

Edward Snowden

Ich war nur kurze 72 Stunden in China. Mir geht es in diesem Kapitel nicht so sehr um China, sondern die Gedanken, welche der Aufenthalt auslöste. Niemals zuvor hatte ich eine derart offensive Überwachung erlebt. Befremdlich fühlte sich auch die Blockade aller Sozialen Medien, die Unmöglichkeit meine E-Mails abzurufen und das komplizierte Prozedere einen WLAN-Zugang am Flughafen zu bekommen, an.

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