Kapitel 5

Lesedauer 27 Minuten

Wie erwähnt, arbeitete ich lange beim Mobilen Einsatzkommando. Die Hauptaufgabe besteht in der Observation von Personen und Sachen. Bei meinem Einstieg Anfang der 90er orteten wir Fahrzeuge mit Peilsendern und Anlagen, die ursprünglich mal für die Seefahrt entwickelt wurden. Man schaute auf einen im Handschuhfach eingebauten Bildschirm mit einem Oszillografen. Die Spitze einer grünlich schimmernden Parabel zuckte in einem regelmäßigen Takt auf dem runden Sichtfeld herum. Schlug sie mehrfach, zum Beispiel auf Drei Uhr aus, befand sich das gesuchte Fahrzeug irgendwo rechts von einem. Die Präzision der Entfernungseinschätzung hing entscheidend von der Erfahrung des Gerätebedieners ab. Das waren die 90er Jahre. Heute gibt es Kleinstgeräte mit GPS, die den Standort auf den Meter genau mitteilen. Jeder, insbesondere Ganoven, weiß um die verräterischen Signale eines Mobiltelefons. Auch hier wird die Technik immer mehr verfeinert. Alles, was es hierzu zu wissen gibt, kann bei Edward Snowden nachgelesen werden.

Wir begannen damals unter anderen mit Kameras, die bereits von der Staatssicherheit eingesetzt wurden. Heute befinden sich Hightech – Geräte im Einsatz, die wir uns nicht einmal ansatzweise vorstellen konnten. Aus Kameras mit der Größe eines halben Schuhkartons sind unauffällige kleine Computer mit künstlicher Intelligenz geworden. 2001 brachen weltweit alle Dämme. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es noch einen Rest Kultur, der an die Notwendigkeit einer Privatsphäre glaubte. Eine Betrachtung, die sich auf das Erlaubte beschränkt, bringt nichts. Entscheidend ist, was aktuell technisch möglich ist und was in Aussicht steht. Eine Kamera kann bereits heute ziemlich zuverlässig Gesichter identifizieren.
2012 wurden einige hellhörig. Unter der Bezeichnung INDECT (u.a. Wikileaks – Beschreibung des Projekts in einem internen PDF) betrieb die EU seit 2009 ein Forschungsprojekt für die Entwicklung von Kameras mit Gesichtserkennung und Verhaltensanalyse. Was die da ausarbeiteten, ging damals einigen zu weit. Doch damit stand im Raum, wo es hingeht. Mit jedem Terroranschlag wächst die Bereitschaft Gesetze zu ändern und die Überwachung auszuweiten.

Mittels KI ist es möglich die Bewegungsabläufe eines Menschen zu analysieren. Die Ergebnisse sollen Sicherheitskräften Vorwarnungen geben. Weltweit wird mit Hochdruck an der Antizipation und Predictive Policing gearbeitet. Immer begründet mit der Sicherheit. Kann mir irgendjemand mit Sicherheit etwas künftige Regierungen, Entwicklungen, sagen? Ich denke, dies kann keiner. Die Bürger haben keinen blassen Schimmer davon, wem sie Übermorgen die Werkzeuge überlassen. Die Frauen und Männer, welche diese Technik einsetzen, haben ihren konkreten Arbeitsbereich oder eventuell einen Fall vor Augen. Spätestens der erfolgreiche Einsatz erzeugt Begehrlichkeiten bei anderen. Schon bricht der Damm. Warum weiß ich das? Ich war einer von ihnen und dachte genau so. Ich schrieb sogenannte Beschaffungsanträge, mit ausgefeilten Formulierungen. Mein Chef musste mich bei der Vernetzung von Datenbanken bremsen. Ich war ein Jäger und das Erlegen des Täters sah ich sportlich. Ein Schachspiel! Intelligenz gegen Intelligenz! Und die Gejagten waren in der Regel keine kleinen Fische, insofern machte ich mir keine Gedanken. Ein Bewusstsein dafür, dass ich der Türöffner war, kam erst viel später.

Eine Überwachungskamera ist in etwa einem Schwangerschaftstest gleichzusetzen. Auch der verhindert nicht die Empfängnis, sondern zeigt das Ergebnis des Treibens. Soll sie mehr bewirken, müssen entweder Eingreifer/innen bereitstehen oder ich setze Roboter ein. In Asien und in den USA wurden unlängst auf öffentlichen Plätzen Roboter getestet, die von der KI entsandt wurden und die festgestellten Störer (zu langes Sitzen in einem Sicherheitsbereich, unbedachte Entsorgung von Müll) ansprachen. Es ist ein Leichtes die Blechdosen mit Waffen auszustatten, damit sie beispielsweise an Grenzen eingesetzt werden können. Zählen Drohnen eigentlich zu Robotern? Hierzu ist auf der Seite „Bulletin of Atomic Scientists“ in einem Beitrag über Drohnen die in einem Schwarm eingesetzt werden zu lesen:

Der Schwarm kommt. Im Jahr 2017 startete das US-Verteidigungsministerium einen Schwarm von Mikrodrohnen über Kalifornien, bei dem mehr als 100 Objekte ohne menschliche Hilfe Entscheidungen trafen. Im Jahr zuvor hat eine chinesische akademische und unternehmerische Partnerschaft Berichten zufolge ein ähnliches Kunststück mit 67 Drohnen vollbracht. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Leute, die hinter dem Perdix-Drohnenschwarm des US Strategic Capabilities Office oder den Luftdrohnen der chinesischen Partnerschaft stehen, hoffen, vollwertige Schwärme zu entwickeln – aber sie sind noch nicht so weit.
Das Gleiche gilt für das britische Drohnenschwarmgeschwader, den russischen Flock 93, chinesische Marineschwärme und ein türkisches „Schwarmkonzept“.
Laut der Literatur zur Schwarmrobotik sind Schwärme eine Gruppe von Systemen, die als Kollektiv arbeiten. In einem Schwarm interagieren die einzelnen Einheiten miteinander und haben gemeinsame Ziele. Sie führen diese als Kollektiv aus und reagieren dabei auf ihre Umgebung. „Sie werden ihr eigenes Ding machen“, sagte ein Beamter der US-Luftwaffe, der das Perdix-Programm beaufsichtigte, gegenüber Reportern, wie das Air Force Magazine berichtet.

https://thebulletin.org/2021/02/drone-swarms-coming-sometime-to-a-war-near-you-just-not-today/

Ich weiß noch, wie ich das erste Mal ins Nachdenken kam. Die ausgebrochene Hysterie bezüglich möglicher Terroranschläge ließ die Anzahl der Observation – Teams zu gering werden. Berlin ist in Direktionen aufgeteilt, die jeweils der Größe einer mittleren bundesdeutschen Stadt entsprechen. Vorher waren die Oberservationseinheiten nur beim Landeskriminalamt (LKA) vorhanden. Die Quantität bürgte für die hohe zu überwindende Schwelle, um eine Observation durchzuführen. In einem ersten Schritt wurde der Ausbildungsstand sogenannter Fahndungseinheiten auf Direktionsebene angehoben. Beim zweiten Schritt bekamen sie Einsatztechnik in die Hand, die vormals ausschließlich dem LKA vorbehalten war.

Graffiti, Penang, Malaysia

Nach und nach wuchsen in jeder Direktion vollwertige Einheiten heran. Als bei den Untersuchungen zum Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz von einigen Linken und Grünen wutschnaubend behauptet wurde, dass sich zum Zeitpunkt des Anschlags angeblich alle Observationseinheiten in der Rigaer Straße an einem besetzten Haus herumtrieben, musste ich herzhaft lachen. In dem Falle wäre es in der Straße ziemlich voll gewesen. Die Wahrheit liegt in der Eigenart einer Observation. Jeder Berater wird einem Polizeiführer sagen: „Die Observation ist ein taktisches Mittel unter vielen, aber sie ist kein Allheilmittel und es wird immer Lücken geben.“

Ich kann seitens einer staatlichen Institution einen Menschen außerhalb eines Gefängnisses nicht für immer und ewig unter Beobachtung stellen. Bei der Diskussion, wer, mit welcher politischer Grundhaltung in den Sicherheitsbehörden arbeitet, geht einiges am Thema vorbei. Ein befreundeter Historiker fragte mich einmal, wie ich die Polizei einschätzen würde. Wäre mit der aktuellen Polizei die Installation eines totalitären Sicherheitsstaats möglich? Die Frage zielt nicht darauf ab, ob jemand aus dem Inneren dies will, sondern ob es zu einem Widerstand käme. Hierbei ist zu berücksichtigen, welcher Zeitraum zu betrachten ist.

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich bei einem schleichenden Prozess, der sich über Stufen entwickelt, kein Widerstand aufkäme. Ebenfalls in den 90ern gab es einen Vorfall, der ein wenig Einblick in das Denken der Ermittler gibt. Observiert wurde der Mitherausgeber einer linksextremistischen Zeitung, in der u.a. der Bau von Molotow – Sprengsätzen beschrieben wurde. An sich ein alter Hut. Dafür standen Ende der 60er bereits spätere Mitglieder der RAF vor Gericht. Sie hatten es in einem Film vorgemacht. Heute kann sich im Internet jeder Bauanleitungen für alle möglichen Bomben anschauen. Bis in die 2000er argumentierten altbackene Ermittler, dass dies korrekt sei, aber halt nicht jeder wüsste, wie man auf die Seiten kommt.

Mittlerweile dürfte dies für keinen um die Dreißig noch ein Hindernis sein. Jedenfalls wendeten sie bei ihm alles an, was die damalige Technik hergab. In der Kopfstütze seines Fahrzeugs befand sich ein Mikro. Am Wagen befand sich ein Peilsender mit einer Aufzeichnungsfunktion. Sämtliche seiner Wohnräume waren verwanzt und verließ er das Haus, wurde er observiert. Bei einer nachträglichen Klage vor dem Bundesverfassungsgericht wurde ein klares Übermaß festgestellt. Egal, wie das Urteil lautet: Sie taten es und waren sich keinerlei Schuld bewusst. Immerhin war der Mann aus ihrer Sicht ein potenzieller Terrorist. An dieser Mentalität hat sich nichts verändert. Technisch ist über weite Strecken die Observation einer Person allein mittels vernetzter Kameras möglich und es ist zu erwarten, dass sich nach und nach die letzten Lücken schließen. Edward Snowden schreibt in seinem Buch „Permanent Rekord“, dass es zu spät ist, wenn man sich gegen eine Überwachung wehrt, wenn sie bereits da ist. Ich stimme ihm zu. 

Überwachung verändert jeden. Die digitale Überwachung geht weit über die visuelle hinaus. Jeder der online geht, erzeugt einen digitalen Schatten. Kein kleiner oder größerer Skandal deckt alles auf. Es sind Hinweise auf die Bestrebungen und die Psychologie derer, die in diesen Bereichen agieren. Als ich das Enthüllungsbuch zu den Panama Papers las, schockierte mich nicht das aufgedeckte Gebaren der Wirtschaftskriminellen. Etwas anderes bereitete mir viel mehr Kopfzerbrechen. Nämlich der Aufwand, der zur Geheimhaltung notwendig war, um an allen Geheimdiensten vorbeizukommen. Mit der Begründung eine sichere Welt zu schaffen, verfügen die Mächtigen über jede Menge Mittel, ihre eigenen Machenschaften vor neugierigen Augen zu schützen. Während dessen die Bevölkerungen immer mehr in ein unsichtbares  Gefängnis gesperrt werden, in der zur Wahrung der Privatsphäre erheblicher Aufwand nötig ist. Indes gibt es eine Gefahr, die über dieses Missverhältnis hinaus geht. Investigative Journalisten sind die vierte Gewalt einer Demokratie. Nahezu alle Skandale, in der alten Republik und im vereinten Deutschland, wurden von Journalisten aufgedeckt. Auch einer der Umstände den viele ehemalige DDR – Bürger nicht begreifen. In einer Diktatur gibt es keine Skandale. Wenn keiner darüber berichtet, oder diesbezügliche Nachrichten mittels Propaganda unterdrückt werden, wird auch nichts bekannt. Und wie kann Propaganda am gezieltesten angewendet werden? Dann, wenn ich alles über meine Zielgruppe weiß!

Hinzu kommen die ständigen neuen Vorstöße der EU. In diversen Staaten fallen Verschlüsselungsprogramme unter die Regelungen für den Umgang mit Waffen. Lange Jahre war dies ein Thema bei Verschlüsselungsprogrammen aus den USA. Die Idee dahinter ist nachvollziehbar. Eine brauchbare Verschlüsselung mit einem offenen Quellcode des Programms, anhand dessen jeder Programmierer nachvollziehen kann, ob nicht doch noch irgendeine Hintertür offengelassen wurde, sperrt zuverlässig staatliche Institutionen aus. Bei allem werden die bösen Terroristen und in neuerdings in Deutschland rechte Hetzer vorgeschoben. Gilles de Kerchove, Koordinator für Terrorbekämpfung bei der EU, fordert Gesetze gegen die Verschlüsselung oder wenigstens Umgehungsoptionen für die Sicherheitsbehörden.

Wer ein Terrorist ist, hängt von der Position des Betrachters ab. Die Bezeichnung auf einen islamistischen Attentäter oder einen politisch motivierten Bombenanschlag zu begrenzen, ist zu eng gefasst. Edward Snowden und Julian Assange wurden beide als Terroristen bezeichnet. Keine Bombe, keine Toten, nichts von allem. Bisher haben die nachfolgenden Generationen darüber entschieden, wer die wirklichen Bösewichte und Terroristen waren und dies wird sich nicht ändern. Schon in fünfzig Jahren werden die Taten vieler Zeitgenossen gerichtet werden. Wer heute noch als Gute/r gilt, kann dann zu den Bösen gehören und heute Geächtete, werden zu Helden. Jeder Journalist, Systemkritiker kann zum verfolgten Terroristen werden und gerade in einigen Mitgliedstaaten der EU dürfte die sehr leicht gehen. Nebenbei gibt es hierfür in der bundesdeutschen Geschichte ebenfalls ein Beispiel. Franz – Josef Strauß titulierte die Journalisten, welche ihm in der „Starfighter“ Affäre auf die Schliche kamen, auch als Terroristen. Was hätte der Mann heutzutage für Möglichkeiten? Immerhin ist er ein geliebtes Vorbild der Frauen und Männer in der Werteunion.

Die Werteunion ist ein Zusammenschluss innerhalb der deutschen konservativen Partei CDU. Ich selbst nahm sie erst wahr, als ich von ihr im Zusammenhang mit einer Polizeigewerkschaft las. In Deutschland gibt es mehrere Organisationen, die die Belange der Beschäftigten der Polizei vertreten. Zu meinem Bedauern zeigen sie sich in der Öffentlichkeit immer mehr als eine politische Lobby, statt sich auf die beruflichen Aspekte zu konzentrieren. Kritisch wird es, wenn sich ausgerechnet die nationalistische Law & Order – Fraktion in den Vordergrund des öffentlichen Diskurses schiebt. Manuel Ostermann, ein jüngerer Vertreter der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), jene die sich mit der genannten Werteunion identifiziert, äußerte in den Sozialen Medien:

Ich lebe nicht nur in Deutschland. Nein, ich liebe Deutschland. Wer sein Land nicht liebt, darf sein Land nicht führen und wer dieses Land verachtet, sollte dieses Land schleunigst verlassen!

Manuel Ostermann, Gewerkschaftler, Junge Union und scheinbarer Newcomer

An diesem Zitat ist alles irritierend. Es kommt nicht aus dem Mund eines alten Mannes, dem ich noch die Nachwirkungen einer Sozialisierung aus der deutschen Vergangenheit zugestehen würde. Die Emotion Liebe und den Vorgang des staatlichen Führens ausgerechnet in Deutschland in einen Kontext zu stellen, ist ziemlich gewagt. Deutsche Staatsbürger zum Verlassen aufzufordern, war bisher nationalsozialistischen Propagandisten Vorbehalten oder ganz praktisch der DDR – Regierung, in dem sie Bürger auswiesen. Ein Land zu verachten ist schwer möglich, es sei denn man erweitert den Begriff. Dann wird Deutschland wieder zum Symbol. Ich erwähne den jungen Polizisten, weil er exemplarisch zu der Altersgruppe gehört, die in 10 – 20 Jahren Technik in die Hände bekommt, deren Ausmaß noch keiner kennt.

Übrigens ist es in der Gelehrtenrepublik, wie in anderen Republiken: man liebt einen schlichten Mann, der still vor sich hin geht und nicht klüger sein will als die Anderen. Gegen die exzentrischen Köpfe, als welche Gefahr drohen, vereinigt man sich und hat, o welche! Majorität auf seiner Seite.

Arthur Schopenhauer

Die Intellektuellen der Neuen Rechten haben längst ihre Position nachjustiert. Der Holocaust war für sie eine bedauerliche Fehlentwicklung, die auf eine Clique und den Führer zurückzuführen ist. Sie haben auch verstanden, dass es nicht förderlich ist auf Antisemitismus und Hautpigmentierungen zu setzen. Die Rolle haben sie mittlerweile den geflüchteten Frauen, Männern und Kindern und den Muslimen übertragen. Sie sind keine anständigen Deutschen. Die Intelligenten unter ihnen haben kein Problem mit patriotischen christlichen dunkelhäutigen Deutschen. Sehr wohl aber mit Menschen, die alternative Lebensmodelle jenseits des deutschen Trotts suchen, oder Systemkritikern, die sich gegen die aktuelle Kapitalismusinterpretation, die zerstörerische Wachstums – und Profitorientierung stellen oder aber so wie ich die Basis des deutschen Denkens hinterfrage. Bei ihnen wird alles links, links versifft, grünes Unkraut, kommunistisch, sozialistisch diktatorisch, was nicht nah ihrer Position steht. Die neuen Rechten beziehen sich nicht auf den Vorabend des Nationalsozialismus. Sie gehen zu dem Tag zurück, als der Vorabend noch in der Planungsphase war. Im Netz gibt es ein aufschlussreiches Interview mit dem letzten Reichsführer der Hitler Jugend Axmann. Beim Zuhören erschütterten mich die geringen Unterschiede der von ihm beschriebenen Ideale der Anfangsphase zu den Äußerungen heutiger Ultra – Konservativer.

Warum reite ich in diesem Kapitel darauf herum? In Deutschland wächst das „Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität“ heran. Hetzer und Hass gab es bereits vor der Digitalisierung. Wer wusste dies besser, als die Mütter und Väter des Grundgesetzes? Beides fand sich deshalb im Grundgesetz wieder. Es geht beim Gesetz weniger um die Strafbarkeit, denn um die Beweiserhebung. Dafür müssen die Ermittler Zugang zur digitalen Kommunikation bekommen. Stellt sich nicht eine vollkommen andere Frage? Was umtreibt die Menschen in den digitalen Netzwerken? Steckt jemand dahinter oder unterliegt alles einer Eigendynamik? Natürlich ist es einfacher mit 1,6 Promille im Blut auf Senden zu drücken, als in der guten alten Zeit einen Drohbrief zu schreiben und ihn anonym in einen Briefkasten zu werfen. Es erforderte ein erhebliches Engagement Flugblätter zu drucken und diese unter die Leute zu bringen.

Sie waren immer da. Sie saßen in den Kneipen an der Ecke. Im Dorfgasthaus abseits der Landstraße. Dort wo alle Gespräche verstummten, wenn ein Fremder die Tür öffnete. In den Burschenschaften, Bürgerwehren, Kegelvereinen, an den Stammtischen, tönte immer der Funkverkehr der aufrichtigen Deutschen. Zwei Jahrzehnte war es mein Job mich unauffällig in Lokalen aller Art zu bewegen. Von Rostock bis Freiburg kenne ich unzählige nach abgestandenen Bier riechende Kaschemmen. Die digitale Überwachung kommt einem informellen Mitarbeiter einer Sicherheitsbehörde gleich, der vom Tresen aus zuhört. Bringt das etwas? Mir zeigen die Reaktionen auf die Kommentare in den Sozialen Medien, dass einige aus ihren Elfenbeintürmen stürzen. Diese hässliche Fratze war nie weg, aber jetzt wird sie sichtbar. Darin besteht das Problem. Vormals saßen die Linken in ihrer studentischen Stammkneipe, die Rechten in der „Runden Ecke“, die Politik beim edlen Italiener in der Innenstadt und die Queer – Gemeinde im Szenebezirk an der Bar. Jetzt prallen sie aufeinander. Und das ist gut so! Endlich wird es mal geklärt. All die Gesetze sind der Wunsch nach Rückkehr in die Verlogenheit eines geläuterten Deutschlands. Wer die Probleme unter den Sessel schiebt, wird sie nicht angehen. Es gärt, rumort und köchelt, besonders in den unteren Teilen, da erscheint es mir schlauer, die Herdplatte auszuschalten, statt das Ventil des Dampfkessels gegen ein stärkeres auszutauschen. Zum Hetzen gehören immer mehrere Parteien. Die, von der sie ausgeht, diejenigen welche sich aufhetzen lassen und jene, die den Nährboden für die Empfänglichen wissentlich oder unabsichtlich bestellten.

In der Ferne, losgelöst von meinem Umfeld, im regen Austausch mit Reisenden die mir bis dahin völlig fremde Denkstrukturen besitzen, bewirkten bei mir Anlässe wie der Flughafen Peking und das Drumherum neue Bewertungen, Analysen und Sichtweisen. Gleichsam wurden dieses Neues zu dem, was ich für mitteilenswert halte. Schreiben hilft ungemein bei der Strukturierung der Gedanken und gibt einem Halt. Ich kann jedem der reist, dazu raten. Ansonsten kann es schnell zum „Overflow“ kommen und man dreht durch. Von dieser Sorte Traveller traf ich einige. Sie hatten die vielen Erfahrungen nicht mehr im Griff. Doch dazu später mehr. Jedenfalls möchte ich nicht in einer Welt leben, in der mittels Überwachung und Verhinderung, die eigentlichen Probleme gedeckelt werden, bis alles mit einem Knall explodiert. Auch da habe ich mit Snowden etwas gemeinsam.

Lange genug war ich von Leuten umgeben, die nach dem Einsteigen ins Fahrzeug erst einmal den Rückspiegel ausrichten. Nicht, weil sie darin den rückwärtigen Verkehr vor einem Spurwechsel beobachten wollen. Ihr Augenmerk ist auf mögliche Verfolger ausgerichtet. Wenn man selbst lange observiert hat, ist man sich nie ganz sicher, dass man nicht selbst verfolgt wird. Dafür bedarf es nicht einmal eines schlechten Gewissens. Wie oft habe ich am Telefon die Worte gehört: „Lass uns darüber nicht hier am Telefon sprechen …“? Hinzu kommen jene, welche Schwierigkeiten beim Kennenlernen neuer Leute haben, weil ihnen das Misstrauen in den Knochen steckt. Für meinen Teil war ich dankbar China wieder zu verlassen. Dieses Staatssystem war und ist mir unheimlich. Das Land hat eine faszinierende Geschichte. Auf dem Gebiet Chinas lebten große Philosophen und weise Männer. Ich habe einiges von Laotze und Konfuzius gelesen. Doch nichts von ihnen, steht in Übereinstimmung mit dem, was die Verantwortlichen der chinesischen Regierung veranstalten. Mit viel Interesse studierte ich die Überlieferungen von Sun Zi „Kunst des Krieges“. In den 13 Kapiteln und 68 Thesen steht deutlich mehr über die Taktiken der Regierung. Gleiches gilt für die 500 n. Chr. von chinesischen Militärstrategen aufgeschriebenen 36 Kriegslisten, die man sich im Netz gut vom Professor für die „Spieletheorie“ Christian Rieck erläutern lassen kann. Was diesen Mann dazu bewogen hat, ausgerechnet auf einer bedenklichen Publikationsplattform wie Tichy’s Einblicke aufzutauchen, hat sich mir noch nicht ganz erschlossen. Jedoch hege ich einen Verdacht. Prof. Rieck beschäftigt sich umfassend mit Strategien, die in politischen und wirtschaftlichen Verhandlungen, also dem Spiel um die Macht, zur Anwendung. Ich kenne diesen Effekt, bei dem die eigene Durchtriebenheit jedem anderen ebenfalls zu unterstellt wird. Frei nach dem Motto: „Wenn ich es kann, dann die/der auch!“ Auch die belangloseste Bemerkung könnte eine geschickt platzierte Täuschung sein. Leute, die in der Gastronomie arbeiten, misstrauen einigen Speisen, weil sie genau wissen, was damit für ein Schindluder getrieben wird. Dabei ist Küche unter Umständen sehr auf Hygiene und Frische bedacht. In der Klinik fragte mich eine Frau, ob es nicht anstrengend ist, Menschen ständig zu lesen. Ich antwortete ihr, dass ich dies nicht mache. Solche Dinge tun Mentalisten oder Psychologen. Ich traue jedem alles zu und bemühe mich niemanden zu unterschätzen.

Im Rahmen der NSU Affäre wurden gesagt, dass ein Teil der Akten vernichtet wurde, weil sie in einem Raum auf der falschen Seite standen.

Im Gegensatz dazu weiß ich aber, welche Risiken das Überschätzen birgt. Wer als Ermittler versucht einen Täter zu überführen oder in meinem Fall observiert, versucht sich in seine Lage und Gedankenwelt zu versetzen. Dabei stellen einem die jahrelangen eigenen Erfahrungen ein Bein. Da einem bekannt ist, wie Ermittler ticken und Überwachung funktioniert, würde man bestimmte Maßnahmen ergreifen. Doch der Täter ist unter Umständen unerfahren oder hat etwas völlig Neues auf dem Kasten. Dies kann zu lustigen Fehleinschätzungen führen. Ich beobachtete einen Typen, der im Verdacht stand einen Terroranschlag vorzubereiten. Immer wenn er sein Haus verließ, lief er ein paar Meter, stoppte, drehte auf dem Absatz um und ging wieder ins Haus, um kurz danach wieder herauszukommen. Das machte er bis zu viermal. Jedes Mal kam es hinter ihm zu chaotischen Szenen. Alle dachten, er würde sie testen. Stellte er sein Fahrzeug irgendwo ab, ging das Spiel wieder los. Manchmal tauchte er im Innern ab. Dann kam der Kopf wieder zum Vorschein und er fuhr spontan los. Ich entwickelte eine Hochachtung vor seinem konspirativen Verhalten. Bis sich herausstellte, dass der Mann einfach hochgradig verpeilt war und alles, von der Zigarettenschachtel bis zum Autoschlüssel vergaß. Der hätte selbst bei einer Bombe vergessen den Zeitzünder einzustellen.

Mich würde nicht wundern, wenn Professor Rieck (ich betone die Spieltheorie erklärt er gut – beim Rest gehe ich keinesfalls mit) eine Verschwörung oder Taktik zu viel sieht. Das wiederum kenne ich von linksorientierten Systemkritikern. Wenn die wüssten, wie viele ihrer Annahmen auf schlichtes Unvermögen, Schludrigkeit oder simple temporäre Blödheit zurückzuführen sind, verständen sie gar nichts mehr. Bei uns hieß es oft: „Chef, blöde Sache passiert, Morgen lachen wir darüber!“ Leider nicht immer. Eins kann ich versichern. Wer an einen „Deep State“ glaubt, hat niemals eine Behörde von Innen gesehen. Was sich Verschwörungstheoretiker zusammenreimen ist beeindruckend und mit Sicherheit theoretisch machbar. Es wird aber am fehlenden geeigneten Personal scheitern.

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