TROELLE

Texte & Cartoons, für offene Menschen und Reisende est. 1999

Von Chiang Mai nach Chiang Rai

Erneut begann mein Abreisetag mit einem Lächeln. Allerdings diesmal mit dem von der anderen Sorte. Zwei alte Frauen schoben mich sanft und mit einem Lächeln im Gesicht beiseite und stellten sich in der Schlange vor dem Ticket Counter vor mich. Der Bus erschien mir nicht gerade groß zu sein. Darum war ich in Sorge nicht mehr mitfahren zu können. Doch sich deshalb mit zwei alten Thailänderinnen anlegen? Meine Zweifel waren unbegründet. Es ging den beiden um einen Sitzplatz. Selbst den bekam ich noch. Allerdings als Letzter, während die hinter mir in der Schlange, im Bus stehen mussten. Lange saß ich aber auch nicht. Neben mir machte sich eine dicke Thai breit, die darüber hinaus ihr Enkelkind auf den Knien hatte. Schon bald bekam ich einen Krampf. Ich war beinahe nicht undankbar, als ich eine Schwangere schräg hinter mir entdeckte, der ich meinen Platz anbot. Zwei Stunden in einem Reisebus stehen, ist eine meiner leichtesten Übungen.

Mein Ziel Tha Ton, ist eine übersichtliche Siedlung an einer viel befahrenen Straße im Norden. Nachdem ich ausgestiegen war, stand ich einen Moment etwas unschlüssig in der Gegend herum. Vorsorglich hatte ich einen Bungalow gebucht. Es hätte mich gewundert, wenn ich in diesem Nest ein Hostel oder wenigstens ein Zimmer gefunden hätte. Leider bestand die Reservierung erst für den Nachmittag. Normalerweise ist es im Norden ein wenig kühler. Doch an diesem Tag brannte die Sonne und das Thermometer war auf 35 Grad gestiegen. Ein paar Meter entfernt erspähte ich ein offenes Straßenlokal. Als einziger Gast saß an einem Tisch einer dieser klassischen älteren Männer aus Europa, der augenscheinlich mindestens ein Jahrzehnt in Thailand lebte. Aber ausgerechnet in Tha Ton? Ich bestellte ein Bier und einen Kaffee. Es dauerte nicht lange, da sprach er mich auf Deutsch an. „Deutscher oder Schweizer?“, fragte er. Bei der Kombination meiner Bestellung war meine Herkunft nicht schwer zu erraten.

Die nächsten drei Stunden wurden wider Erwarten amüsant. Zunächst stellte sich heraus, dass er wie ich angenommen hatte, dort bereits seit den 90ern lebte. Die Thailänderin hinter dem Tresen, welche mich sehr freundlich, ihn hingegen mehr als mürrisch bediente, war seine geschiedene Frau. Er selbst war ein Berner aus der Schweiz. Irgendwann hatte er sich in all den Jahren verkalkuliert. Sein Geld aus der Schweiz reichte für ein Leben in Thailand, aber nicht mehr für einen Hin – und Rückflug von und nach Europa. Ich durfte mir einen langen Vortrag über die Ungerechtigkeiten dieser Welt und vor allem bezüglich der Tricks und Kniffe für Visum Verlängerungen anhören. Begonnen hatte er mit Grenzübertritten nach Myanmar, bei denen er dort ein Bier trank und danach wieder in Thailand einreiste. Mittlerweile musste er sich für mindestens vier Tage ein Zimmer nehmen. Medikamente und ärztliche Behandlungen stellten kein Problem dar. Dafür gab es den Doktor, ein Niederländer, der in seinem ersten Leben Arzt war und nun auch in Tha Ton lebte. Wie es immer ist, nach einer Stunde gesellte sich dieser mit seiner jungen thailändischen Ehefrau zu uns. Noch eine halbe Stunde später fuhr ein weiterer Schweizer gleichen gesetzten Alters, wie die anderen beiden, mit seinem Scooter vor.

Ich glaube mein erster Gesprächspartner, war ein wenig ihr Sorgenkind. Alle zusammen machten sich Gedanken über einen Hubert. Eine Woche zuvor hatte die Polizei einen Deutschen mit 100.000 Pillen XTC im Kofferraum festgenommen. Hubert war dies wohl zuzutrauen. Jedenfalls hatte man seitdem nichts von ihm gehört. Möglich war aber auch, dass ihn seine Frau vergiftet hatte. Dies war nämlich ein Jahr davor einem Österreicher passiert. Der Doktor wusste zu berichten, dass wegen solcher Vorkommnisse alle Farangs, das ist die thailändische Bezeichnung für hellhäutige Ausländer, obduziert werden. Die Methode zur Verkürzung der Wartezeit auf die Auszahlung der versprochenen Lebensversicherung hatte wohl überhandgenommen. Eine hochinteressante Form der Prostitution. Belustigt registrierte ich die überschnelle Reaktion der Ehefrau vom Doktor, als er zu ihr meinte: „Du liebst mich doch? Oder?“ Warum sollte sie mit ihren 25 Lebensjahren nicht in die niederländische Version von Doc Holliday verliebt sein?

%d Bloggern gefällt das: