TROELLE

Texte & Cartoons, für offene Menschen und Reisende est. 1999

Während ich mit der Gruppe am Tisch saß, tauchte ein Paar auf, die auf hundert Meter als deutsche Touristen zu erkennen waren. Beide trugen eine weiße Mütze aus Baumwolle, blaue Shirts, weiße knielange gebügelte Baumwollshorts, und dazu offene Sandalen einer renommierten deutschen Firma. Ich denke, die weißen Baumwollsocken muss ich nicht extra erwähnen. Womit ich es mit einem Grinsen zwischen den Zeilen getan habe. Bevor sich jemand auf den Schlips getreten fühlt: Sie sind schlicht unpraktisch. In Asien ist man ständig am Schuhe ausziehen. Schmutzige Füße lassen sich schnell waschen. Meine ganze Aufmerksamkeit hatten sie, als sie sich nach dem Landesteg für die Schiffe erkundigten. Bis zu diesem Zeitpunkt ging ich noch von der Notwendigkeit eines Mietens aus. Ich sprach die beiden gezielt an. Sachsen, auf großer Reise. Sie verbrachten ein paar Tage in Chiang Rai, weil ihnen der Reiseveranstalter das anstehende Lai Ruea Fai Fest (Ende der Regenzeit und Beendigung der Klausurzeit der Mönche) empfohlen hatte. Außerdem war ihnen die Bootstour auf dem Kok an Herz gelegt worden. Die beiden freuten sich. Ihrer Aussage nach, hatten sie sich informiert und ein Bootsführer hatte ihnen gesagt, dass er nur ab drei Passagieren fahren würde. Ich gab den beiden meine Telefonnummer. Allerdings blieb ich ein wenig skeptisch. Mir hatte der Blick des Sachsen nicht gefallen, mit dem er mich von oben bis unten gemustert hatte.

Für mich war es Zeit zu meinem Bungalow zu gehen. Irgendetwas muss in Tha Tong furchtbar schiefgelaufen sein. Mein gemieteter Holzbau gehörte zu einer kompletten leerstehenden Anlage. Alles deutete auf eine zwanzig Jahre zurückliegende Blütezeit hin. In meinem Bad fand ich eine verkalkte Regendusche. Der Boden war liebevoll mit Natursteinen gepflastert, doch dem Waschbecken sah man die Jahre an. Gleiches galt für den mit Holz getäfelten Innenraum und die üppige Veranda. Eben alles in die Jahre gekommen. In der Beschreibung wurde ein Pool angeboten. Der existierte wirklich, doch er war zum Schwimmbecken für tote Frösche geworden. Ich verzichtete auf den Pool und machte es mir auf der Veranda gemütlich.

In aller Frühe machte ich mich am nächsten Morgen auf die Suche nach dem Bootssteg. Die Sachsen waren nicht zu finden. Offensichtlich hatten sich die beiden nach Privatbooten erkundigt. Warum sie dabei einen unübersehbaren Ticket-Counter für die reguläre Verkehrsverbindung ignoriert hatten, erschloss sich mir nicht. Problemlos kaufte ich für umgerechnete 3 EUR ein Ticket und setzte mich in den Schatten des überdachten Wartebereichs. Zu mir stieß eine polnische Familie mit zwei Kindern im Alter von 4 und 6 Jahren. Zu meiner Verwunderung waschechte Backpacker. Mutter und Vater hatten beschlossen, vor der Einschulung des ersten Kindes nochmals auf Tour zu gehen. Da ich vor den Kindern nicht Rauchen wollte, stellte ich mich etwas abseits. Damit geriet ich in den Dunstkreis einiger Hmong, die an einem Beton – Tisch frühstückten. Freundlich winkten sie mir zu und luden mich ein. Es gab Klebereis mit einer ins Lila gehenden öligen Paste, die gefährlich wirkte. War sie auch! Zu jener Zeit war ich noch nicht ernstzunehmende Schärfe gewohnt. Grundsätzlich wird im Norden weniger scharf gegessen, als im Süden Thailands. Aber Hmong sind keine Thailänder im eigentlichen Sinne, sondern Angehörige eines indigenen Volks der Region. Sie sind klein, sehr dunkel, gelassen, extrem freundlich und lieben Chili. Mittlerweile kann ich sie verstehen. Hat man sich einmal daran gewöhnt, wird das Entdecken der Aromen hinter der Schärfe möglich.

Die drei Bootsführer lungerten die ganze Zeit an ihren Booten herum. Der Fahrplan hing am Counter, weil da halt einer hingehört. Irgendwann nach Mittag fährt ein Boot. Dann, wenn genug Fahrgäste da sind oder keine weiteren zu erwarten sind. Als es losging, wurde ich zusammen mit der polnischen Familie in eins gesetzt und ab ging die wilde Fahrt. Auf jedes passen mit Gepäck um die zehn Personen. Sie werden mit höllisch lauten beweglich aufgehängten Außenbordern mit einer Schiffsschraube am Ende einer langen Stange angetrieben. Volle fünf Stunden fuhr uns der Bootsführer durch eine atemberaubende Dschungellandschaft in den Karst Bergen.

Mitten im undurchdringlichen Wald öffneten sich Plantagen, bei denen ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie sie bestellt wurden. Später erfuhr ich von einem Einheimischen, dass in der Region neben Bananen, Kaffee und Kautschuk immer noch Opium angebaut wird. Da hat die Unzugänglichkeit ihre Vorteile. Keine 20 Kilometer weiter befindet sich die Grenze zu Myanmar. Dort werden die meisten Drogen, Opium, Heroin, Marihuana, Ketamin und Crystal Meth, innerhalb Südostasiens hergestellt. 2020 ließ die Regierung am Weltdrogentag Drogen für 750 Millionen US Dollar verbrennen. Ich befürchte, dass dies einer der Gründe für den aktuellen Putsch der Militärs ist, denn die haben daran gut verdient.

Zwischendurch gab es Untiefen und Stromschnellen, doch der Mann an der Schraube kannte die Strecke blind. Nach der Fahrt in Chiang Rai, einer Stadt, auszusteigen kam mir unwirklich vor. Hier hatte ich nichts gebucht. Mit der Familie landete ich auf der Ladefläche eines Pick-ups und ließ mich ins Zentrum fahren. Ich muss bei aller Kritik an der Digitalisierung zugeben, dass sie gleichzeitig tolle Möglichkeiten bietet. Mit einem Blick auf das Smartphone suchte ich mir ein Hostel in der Nähe aus, spazierte hin, checkte ein, fertig. Im Vergleich zu Chiang Mai ist Chiang Rai ein wenig traditioneller. Außerdem hat sie einen Künstler hervorgebracht, der der Stadt über die zahlreichen buddhistischen Tempel hinaus zwei Attraktionen geschenkt hat. Als Erstes traf ich auf den Clock Tower unweit meines Hostels. Ich muss dazu sagen, dass ich mich bis zum Tag meiner Ankunft nicht mit der Stadt beschäftigt hatte. Mir ist das schon einige Male passiert. Peinlich war eine Kurzreise nach Split. Eine Kollegin hatte mir dort für eine Woche günstig ein Haus überlassen. Prompt mietete ich mir mit meiner damaligen Freundin einen Wagen, um mal zu schauen, ob die so etwas wie eine Altstadt haben. Ich konnte ja nicht ahnen, dass da ein kompletter römischer Palast in der Gegend herumsteht. Ja, Ignoranz kann ihre Folgen haben. Mit dem Tower war es ähnlich. Ich stand genau zu richtigen Zeit vor ihm. Recht harmlos begann er zu leuchten und gab Töne von sich. Bis es dann richtig losging und ich staunend das Spektakel beobachtete.

Der Turm ist das Werk eines der kreativsten künstlerischen Multitalente, die ich bisher kennenlernen durfte. Chalermchai Kositpipat hat neben dem Tower Wat Rong Khun, besser bekannt unter der Bezeichnung „White Temple“, erschaffen. Doch zu ihm später. Erst einmal erkundete ich ein wenig die Stadt und die nähere Umgebung des Hostels. Nach einem kleinen Fußmarsch entdeckte ich ein Schild, auf dem in Deutsch stand: „Bücher Verleih & Verkauf“. Neugierig ging ich auf das Grundstück, in dessen hinterster Ecke ein Einfamilienhaus stand.

In einem kleineren Anbau sortierte ein Grauhaariger dürrer Mann Bücher in ein Regal. Ich schaute mich um. Die Bücher waren nach Sprachen sortiert. Einem ersten flüchtigen Blick nach war für mich nichts dabei. Aber in einer Ecke Lagen druckfrische Karten von Laos. Jedoch nicht eben günstig. Der Grauhaarige bemerkte mein Interesse. „Die sind ganz gut. Ausgelegt für Motorradfahrer. Aber Du siehst nicht nach Biker aus.“ Er hatte gar nicht erst versucht mich auf Englisch anzusprechen. „Mit einem deutschen Buchhändler hätte ich hier nicht gerechnet“, antwortete ich.
„Bin ich auch nicht. Reiner Zusatzverdienst. Man muss sehen, wie man über die Runden kommt. Kaffee?“

Ich setzte mich auf einen der Stühle. Während er den Kaffee zubereitete mein Blick auf eine Wand mit Zeitungsartikeln. Die meisten der Artikel hatten Überschriften, in denen die Kanzlerin für das Offenhalten der Grenzen im Jahr 2015 gescholten wurde. Einige wenige waren aus Asien und beschrieben den Bildern nach ein Hotel. Mit zwei Tassen in der Hand kam mein Gastgeber zurück. Ihm entging nicht mein Blick. „Die Verräterin! Wahnsinn, was in Deutschland abgeht.“
„Und das Hotel?“
„War bis vor drei Jahren meins. Singapur! Aber ich musste raus.“
Ich hakte an der Stelle nicht nach. „Was interessieren einen so viele Kilometer fern der Heimat die Flüchtlinge?“ ,wollte ich wissen.
„Ich rede mit den Jungs in der Bar darüber. Von denen will keiner mehr nach Deutschland zurück. Da ist man seines Lebens nicht mehr sicher. Ich versuch, dies ständig meiner Schwester in Stuttgart zu erklären, aber die hört ja nur auf die Systempresse!“
Ich bemühte mich redlich nicht meine Gesichtszüge zu verziehen. Dennoch sagte ich leise, mehr zu mir selbst: „Sagt ein Flüchtling.“
„Bitte?“
„Nichts. Ich wundere mich nur, dass ausgerechnet ihr als quasi deutsche Flüchtlinge nicht die in Deutschland versteht.“
Er legte unmerklich den Kopf schräg. Wahrscheinlich bekam ich in seinen Gedanken das Antlitz der erwähnten Schwester.
„Der Unterschied ist der, dass wir Deutsche den Thailändern Geld bringen. Ich muss für alles zahlen, bekomme aber trotzdem kein verlängertes Visum. Würde ich nicht regelmäßig die Polizei beschenken, wäre ich längst nicht mehr hier.“

Damit sprach er etwas an, was ich nachvollziehen konnte. Ich bin dafür, dass sich jeder seinen Platz auf der Erde selbst aussuchen kann. Für mich ist es eins der stets bemühten unveräußerlichen Menschenrechte. Doch wenn ich an einem Platz bleibe, muss ich dort für mich alleine sorgen. Da sehe ich den Fehler im System. Diese beinahe pathologische deutsche Panik vor Fremden, führt zur Reglementierung, die einen Daueraufenthalt verhindern soll. Anders ist es nicht zu erklären, dass Flüchtlinge nicht arbeiten dürfen. Auch dieses ganze Gerede über Integration und Sprache ist meiner Auffassung nach unsinnig. Wenn eine oder einer ohne Sprachkenntnisse für sich sorgen kann, soll mir der Rest egal sein. Ich las in einem Artikel über einen US Migrationsökonomen. Der erklärte, wie sehr die USA über die in den 70ern angekommenen Flüchtlinge aus Vietnam dankbar sein können. An einer Universität sind in der Anfangszeit in den naturwissenschaftlichen Fakultäten Sprachkenntnisse sekundär. Die kommen mehr oder weniger nebenbei. Ich denke, wenn man sich verständigen will, funktioniert das irgendwie immer. Weltweit beweisen Einwanderer, wie unwichtig eine Integration ist. Im Zweifel bilden sie Enklaven, in dem sie ihr eigenes Leben führen. Die flüchtigen Größen der NSDAP bauten sich in Chile und Argentinien eigene Dörfer. In den USA benannten die deutschen Einwanderer Städte nach ihrer Herkunft. Exilchinesen verbreiten sich über den ganzen Planeten, ohne ein Wort der jeweiligen Landessprache zu sprechen. Franzosen und Engländer halten sich mit Sonderstatus in den alten Kolonien auf. Immer alles unter der Voraussetzung, dass sich die Leute selbst versorgen.

Problematisch an Typen wie den Grauhaarigen finde ich das Annehmen der Unfähigkeit anderer, für sich selbst sorgen zu können. Solche Typen unterstellen außerhalb Deutschlands jedem, dass sie zu faul wären und ausschließlich das deutsche Sozialsystem in Anspruch nehmen wollen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jeder durch das Leben kommen will und nimmt, was zu bekommen ist. Da ist es egal wo eine/r herkommt. In Berlin zahlen Flüchtlinge teilweise 500 EUR für einen Raum, den sie sich zu zweit teilen müssen. Obendrauf bekommen die Betreiber des Heims nochmals bis zu 2000 EUR. Für 30 – 40 qm! Wo liegt da der Fehler? Beim Flüchtling oder bei der Öffentlichen Verwaltung? Was wird ein aus Afghanistan geflüchteter junger Mann wohl für die 500 EUR tun, wenn er nicht arbeiten gehen kann?

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