Kapitel 6 Teil 2

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Von der Geschichte meiner Geburtsstadt kann viel gelernt werden. Ihr Wachstum beruhte auf den Zuzug von Arbeitssuchenden aus allen Teilen Europas. Als die deutsche Wirtschaft nach dem I. Weltkrieg strauchelte, lebten im für sie günstigen Berlin 300.000 Russen. Darunter namhafte Schriftsteller, wie Pasternak und Tolstoi. Mit dem Erstarken der Nationalsozialisten verschwanden sie wieder. Von Reichen ist noch nie etwas ernsthaft die Menschheit Voranbringendes ausgegangen. In Berlin wurde in der Novemberrevolution 1918/1919 die Monarchie von einem breiten Bündnis der Arbeiter, Matrosen, übergelaufenen Soldaten, Handwerkern, gestürzt. Und die waren es auch, welche Berlin nach dem Krieg wieder aufbauten. Das satte Bürgertum und die Industriellen stellten weder Künstler noch Intellektuelle. Seit dem Millennium macht sich in der Politik und an Schaltstellen des Stadtlebens erneut das engstirnige satte Bürgertum breit. Infolgedessen verliert die Stadt nach der Machtübernahme der Nazis, dem Untergang West – Berlins und dem Umzug der Bonner Republik nach Berlin, erneut an innovativer Bedeutung.
Sie ist auf dem besten Wege im Innern ein blankgeputzter Tempelbezirk des schnöden Mammons zu werden, dem einige langweilige vor Dekadenz triefenden Enklaven vorgelagert sind. Um alles herum wird der Rest als zur freien Verfügung stehenden biologischen Masse in Hochhaussiedlungen verwahrt.
Es gibt Vielvölkerstaaten, in denen die Ethnien nebeneinander leben, andere wurden unfreiwillig zu Kolonialstaaten, und dann gibt es die, welche aus der Verschmelzung unterschiedlicher Kulturen entstanden. Zu ihnen gehört für mich Deutschland. Bis diese unsägliche Völkische Bewegung mit den bekannten Folgen aufkam. Im Vergleich zu vielen anderen Staaten ist Deutschland mittlerweile zu einem piefigen Dorf verkommen, in dessen Gasthaus die Gespräche verstummen, wenn ein Fremder hineinkommt. Was sollte ausländische Studenten nach Deutschland ziehen? Welche Veranlassung haben junge Leute in einem Berlin zu bleiben, in dem sie sich die Miete nicht mehr leisten können? Ich bin es auch leid, ständig diesem Genöle zuzuhören, in dem die deutsche Sprache allem anderen vorangestellt wird. Nahezu alle Niederländer sprechen perfekt Englisch. In den nordischen Staaten sieht es ähnlich aus. Selbst junge Franzosen haben mächtig aufgeholt. An erster Stelle steht der beidseitige Wille miteinander zu kommunizieren. Danach beginnt die Suche nach einer gemeinsamen Sprache. Fremdsprachenkenntnisse sind einerseits ein Kennzeichen des Bildungsniveaus, andererseits auch ein Indikator für die Offenheit gegenüber dem Fremden. Wenn mit mir jemand von irgendwo her versucht auf Englisch zu kommunizieren, hat sie oder er immerhin meistens schon eine Fremdsprache gelernt. „Amtssprache ist Deutsch!“, hallt es zackig durch das Land. Viel Freude damit, wenn man selbst in einem fernen Land mit den Leuten sprechen will. Vor allem stellt sich dann auch noch die Frage, welches Deutsch denn gemeint ist. Amtsdeutsch? Das verstehen die wenigsten Deutschen. In die Rubrik fallen für mich ebenfalls die Sprachakrobaten, welche die Sprache politisch korrekt ausgestalten wollen. Für Leute, die nach Deutschland kommen, ist es ohnehin schon schwer, die Landessprache zu erlernen und dann sollen sie sich auch noch mit dem Kauderwelsch auseinandersetzen? Das Ziel, sprachlich alle mit ins Boot zu nehmen, wird damit konterkariert. Ich verstehe die Haltung diverser Zeitgenossen nicht. Letztens hörte ich wieder davon, dass es beim generischen maskulinum zu Verwechslungen kommen kann oder sich manche, vornehmlich Frauen, das liegt in der Natur der Sache, nicht angesprochen fühlen. Ja! Und? Dann eben nicht! Entweder mich interessiert, was die/der Autorin, Verfasserin oder Sprecher eines Textes zu sagen hat oder nicht. Weder ist die eine Seite geboren worden, um es allen gerecht zu machen, noch die andere dafür, jede/n zu lesen oder zuzuhören.

Mir kommt das vor wie folgender Dialog:
„Willst Du ein Stück Schokolade?“
„Erstens Sie und zweitens nicht in diesem Ton, ansonsten würde ich eins nehmen.“
„Dann hast DU halt Pech gehabt und ICH werde sie jetzt alleine aufessen!“

Warum sind alle der Meinung, dass sie ein Anrecht auf irgendetwas haben? Wenn jemand etwas kann oder zu sagen hat, hänge ich mich ins Fahrwasser und lerne, weil ich es will und es für mich sinnvoll erachte, etwas mitzunehmen. Ob die oder der, dabei unfreundlich ist, ist mir ziemlich egal. Im Prinzip klaue ich. Mein Motiv dreht sich, wenn ich missionarisch unterwegs bin. Dann werde ich meine Sprache und mein Verhalten auf die anderen abstimmen müssen. Es gäbe auch noch die Variante der Verpflichtung, die sich aus dem Generationsvertrag ergibt. Wenn mir die Möglichkeit des Lernens zuteil wurde, könnte ich daraus ableiten, dass diejenigen welche mir dies ermöglichten eine Hoffnung damit verbanden. Nämlich, dass ich mit dem Wissen alle ein wenig nach vorn bringe und ihnen davon berichte, was ich gelernt habe. Dann haben am Ende alle etwas davon. Jedoch wird dies nicht funktionieren, wenn ich mich einer ausschließlich auf Universitäten und in intellektuellen Kreisen gesprochenen Sprache, bediene. Damit verpufft deren Hoffnung.

Warum Englisch? Erstens warum nicht und zweitens ist es einfach praktisch, weil die Sprache weltweit viele sprechen und die Digitalisierung wird dies noch ausbauen. Ich persönlich halte die Idee der Plansprachen, wie zum Beispiel Esperanto, für gescheitert.

Ĉiuj homoj estas denaske liberaj kaj egalaj laŭ digno kaj rajtoj. Ili posedas racion kaj konsciencon, kaj devus konduti unu al la alia en spirito de frateco.

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.

Ganz Bockige wettern: „Dann können wir ja Deutsch abschaffen!“ Warum? Es ist eine schöne Sprache, in der man sich wunderbar und vor allem präzise ausdrücken kann. Wenn zwei aufeinandertreffen, die sie beherrschen, können sie sie nutzen. Dies befreit nicht davon, eine Alternative zur Verfügung zu haben, mit der ich mit Fremden in Kontakt treten kann. Jeder der interessiert und offen ist, wird sich dem nicht verwehren. Aber wer blockt, hat keinerlei Interesse an dem Fremden. Hier gilt das vorher geschriebene. Ich bin neugierig und will etwas lernen. In welcher Sprache, die oder der mir die Schokolade anbietet, ist mir ziemlich egal. Dumm, wenn ich davon ausgehe, dass die mir nichts beibringen können, weil ich der tolle Deutsche bin.

Was soll aus einer überalterten Bevölkerung ohne fremden Input werden? Einst fanden auf dem heutigen deutschen Territorium römisches Talent für Diplomatie und Verwaltung, griechische Neugierde und Philosophie, christlicher Schuldkult und knallhartes heidnisches Kriegertum zusammen. Und heute reden sie von einer kleinkarierten Leitkultur des christlichen Abendlandes? Nebenbei eine Bezeichnung, die aus einer Zeit stammt, in denen das Christentum Zugeständnisse machen musste und der Gewalt den Nimbus von etwas Ehrbaren gab. All das ging mir durch den Kopf.

Plötzlich waren die Haare nicht mehr grau, sondern hatten eine schmutzig gelbe Einfärbung. Die an den Beinen schlabbernde Shorts hatte lange keine Wäscherei mehr gesehen und seine Füße waren schmutzig. Der überragende Teutone in Asien. Von all dem sagte ich natürlich nichts. Ohne etwas zu kaufen, zog ich weiter.

Die Vorbereitungen für Lai Ruea Fai liefen auf Hochtouren. Drei Monate vorher ziehen sich die Mönche in die Klöster zurück und widmen sich der Meditation. Wenn ich es richtig verstanden habe, geht alles auf die Legende zurück, dass der Buddha während der Regenzeit in einer Region, die Christen als den Himmel bezeichnen würden, mit seiner Mutter meditierte. Ich habe aber auch schon gehört, dass alles einen ganz praktischen Hintergrund hatte. Die Mönche beschädigten bei ihrem morgendlichen Bettelgang den frischen Reis, weshalb sie für diese Zeit im Kloster blieben. Wie auch immer, es ist ein großes Fest, bei dem die Mönche durch die Straßen prozessieren und jede Menge Gaben bekommen. Am Mekong werden Papierboote zu Wasser gelassen und es steigen Papier – Laternen auf. Wie bereits im Kapitel über Ulan Bataar beschrieben ist die Spende in erster Linie eine Sache des Gebenden und nicht die des Nehmenden. Besitztümer sind vergänglich.

Auf den „sozialen“ Medien – Plattformen können gut die durch das Land getriebenen PR – Kampagnen nachvollzogen werden. Die Schalter mit denen gearbeitet wird, sind mit Verzicht, Verlust, Gleichmacherei, beschriftet. Eigentum, Besitz, Luxusgüter, sind bei uns genauso erstrebenswert, wie die Mehrung und allem, was damit in Verbindung steht. Auf dies zu verzichten, zu verlieren oder allen das Gleiche zukommen zu lassen, ist verpönt. Dabei verfügt der Mensch nach Erkenntnissen von Verhaltensforschern über einen natürlichen Instinkt für Gerechtigkeit, wie alle anderen Primaten. Selbst Bonobo – Schimpansen, die nächsten Verwandten, bekommen bei einer ungerechten Verteilung schlechte Laune.
Doch das Großhirn hat sich Gedanken über den Begriff Gerechtigkeit gemacht. Was ist das? Wer mehr arbeitet, soll mehr bekommen? Oder soll mehr bekommen, der einen höheren Status hat? Warum sollte ich auf das Mehr zugunsten eines anderen, der weniger hat, verzichten? Deshalb bekommen die Leute keinen gerechten Lohn, sondern einen der ihnen von Rechts wegen zusteht. Das ist ein Unterschied.
Die Antwort des Buddhas ist simpel. Wer nach mehr als das Notwendige strebt, sich an diese Dinge bindet, wird früher oder später leiden. Bei ihm geht es nicht um einen Verzicht. Diejenigen, welche verzichten oder abgeben müssen, waren bereits vorher töricht. Bei ihm ist das Ideal die Schädlichkeit des Strebens nach Mehr und dem Anhaften an dem Gerafften sowie auf Vergängliches zu setzen, zu erkennen. Hierzu gehören auch die Jugend, das Aussehen und flüchtige Beziehungen.

Wenn es auch schwer ist, danach zu leben, ist es hirnrissig, dieser Logik zu widersprechen. Völlig daneben ist es, das Gegenteil, nämlich das ständige Wachstum, die Maxime des dauerhaften Zugewinns als höchstes Lebensziel des Einzelnen und der Gemeinschaft zu definieren. Mit Sicherheit wird der Kapitalismus immer Leid und Probleme erzeugen, unsicher ist, ob es den Menschen gelingen wird, eines Tages, und vor allem rechtzeitig, diese Programmierung zu überwinden. Jeden Tag nachzudenken, wie er schrittweise überwunden werden kann, ist vernünftig, ihn zu fördern, die zur Verbesserung notwendigen Schritte zu sabotieren, ist mindestens irrational, wenn nicht sogar ein Zeichen von Primitivität. Das Großhirn machte es möglich, nicht mehr so viele Vorräte wie möglich in der Höhle ansammeln zu müssen. Aber leider ist die menschliche Programmierung wie das alte Windows, bei dem auf die alten Programmschritte Neues aufgesetzt wurde. Die Älteren kennen noch die Fehlermeldungen von Windows 3.1., die Jahre später, als diese Betriebssystemversion längst Geschichte war, auf dem Bildschirm auftauchten. Die Gier, das Streben nach mehr, ist im Prinzip nichts anderes. Ein altes simples Programm aus der Steinzeit.

In Chiang Mai kniete ich erstmals in einem Tempel vor dem Buddha nieder. Nicht vor dem, der einst als Gautama Siddhartha lebte. Sondern vor dem höheren Prinzip, welches von ihm erkannt wurde und das Leben aller Spezies auf der Erde möglich machte und es bestimmt. Mir wurde bewusst, dass ein entgegengesetztes Leben mit dem Kopf voran gegen eine massive Betonwand zu laufen entspricht. Gleichsam begann ich zu verstehen, dass das Großhirn in seinem Auslieferungszustand über fantastische Möglichkeiten verfügt. Dann wird es benutzt und in ihm entsteht eine Struktur, die weitere bedingt. Will man als Besitzer eines Großhirns eine optimale Nutzung, muss man wie bei der Wartung eines Computerbetriebssystems vorgehen. Um sich gegenseitig behindernde Programme zu finden, veraltete Bibliotheken oder längst überholte Treiber aufspüren, benötigt man in der Regel Optimierungsprogramme. Ich denke im Buddhismus ein taugliches gefunden zu haben.

Am folgenden Tag fuhr ich zum White Temple. Vorab, der Name ist irreführend. In Wirklichkeit ist es kein Buddhistischer Tempel, sondern ein als solches angelegtes Kunstwerk. Ich mag Kunst, mit der sich der Künstler der Außenwelt mitteilt. Das kann alles Mögliche sein. Manch einer macht sich Gedanken über die Wirkung einer Farbe. In der Klinik verbrachte ich eine halbe Nacht in einem Atelier mit einem Richter, der sich in den Kopf gesetzt hatte, das perfekte blaue Bild zu malen. Wie sehr er sich auch bemühte, das Blau war nicht perfekt. Irgendwann ging ihm auf, dass das mehr über ihn sagte, als er anfangs glauben wollte. Wenn jemand in eine Galerie ein einfarbiges Bild hängt, liegt dies nicht am Unvermögen etwas anderes zu malen. Dahinter steckt immer eine Überlegung. Andere denken über Formen nach. Beim Bildhauer Brancusi mündeten die Gedanken eines Tages in einem Ei. Er hatte überlegt, was die absolute natürliche Form wäre. Alles für uns in der Natur sichtbare Lebendige ist bei näherer Betrachtung rund. Dieser Überlegung folgend, ist das Ei bei einem Bildhauer nachvollziehbar. Der Künstler, Maler, Bildhauer, Architekt, Chalermchai Kositpipat wählte für sein Projekt die Farbe Weiß.