Kapitel 6 Teil 2

Lesedauer 19 Minuten

Ich zog es vor, dazu keine Sekundärliteratur zu lesen, sondern ihm einfach zu folgen. Weiß entsteht, wenn alle Spektren des Lichts reflektiert werden. Jede andere Farbe hebt sich durch Unvollständigkeit ab. Ich finde dies eine gute Basis für die Darstellung buddhistischer Vorstellungen. Auf dem Gelände ist eine Vielzahl von Fantasiefiguren zu entdecken. Manche stammen aus Filmen. Der menschliche Geist, das Großhirn, kann alles erfinden und sich selbst visualisieren. Ebenso sind wir in der Lage, Abstraktes zu visualisieren. Dazu gehören u.a. die Hölle, das Leiden, die Verdammnis, die Glückseligkeit.

Figur auf dem Gelände

Der Besucher muss zum im Zentrum stehenden Tempel über eine Brücke gehen, unter der sich ein Graben befindet. Aus dem Graben recken dramatische Hände hervor, bei denen nicht klar ist, ob sie zu jemanden gehören der hinausgezogen werden möchte oder einen herunterziehen will. Wie im wahren Leben! Nicht jede/r will aus dem Schlamassel gezogen werden, manch eine/r möchte einen mit hineinziehen, um entweder zu beweisen, wie unvermeidbar die miese Lebenslage ist oder schlicht nicht alleine in ihr das Leben fristen will. Als Mitteleuropäer kommt man nicht umhin, an Nietzsche zu denken.

Nebenbei fällt mir dazu die wunderbare Fabel mit der Maus, der Kuh und der Katze ein. Eine Maus rennt vor einer Katze davon. Bei der Flucht kommt sie an einer Kuh vorbei und bittet sie um Hilfe. Die fordert die Maus, sich hinter sie zu kauern. Dann setzt sie einen großen Fladen auf die Maus. Die nacheilende Katze fragt die Kuh, ob sie die Maus gesehen hätte. Die schüttelt mit dem Kopf. Doch da sieht die Katze den aus dem Fladen heraushängenden Schwanz der Maus. Sie packt ihn und frisst sie.
Moral der Geschichte: Wenn Dich jemand „anscheißt“, muss nicht immer Schlechtes gemeint sein. Nicht jeder, der Dich aus der Scheiße herauszieht, will Dir immer etwas Gutes tun. Und wenn Du schon mal im Schlamassel sitzt, zieh den Schwanz ein.

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

(F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse)
Hände unter der Brücke

Im Tempel steht eine schwarze Buddhafigur. Warum schwarz? Der größte mögliche Kontrast zu weiß. Schwarz bedeutet die absolute vollständige Absorption von allem Licht. Alles, was rundherum vom Weiß reflektiert wird, sammelt sich beim Buddha. Aber auch die Darstellung von Ying und Yang. Alles Existierende hat einen Gegenpart, eine Reflexion. Ohne diesen Gegenpart ist menschliches Denken nicht möglich. Ich kann jemanden Kälte nicht erklären, wenn das Gefühl der Wärme unbekannt ist. Wie soll man Stille beschreiben, wenn nicht das Gegenteil bekannt ist?

Ein Besucher dieses Platzes muss eine gehörige Portion Ignoranz mitbringen, um nicht in den Bann und ins Nachdenken zu geraten. Der Künstler sah wahrscheinlich nicht die Realität voraus, dass eine Vielzahl genau darüber verfügt. Was ist aus der Menschheit geworden, wenn sie dieses Kunstwerk nur noch als ein weiteres Bild auf Instagram oder Facebook wahr nimmt? In der Vergangenheit errichteten Herrscher und Mächtige, beeindruckende Gebäude zum Ausdruck dessen, was sie den Unwürdigen zu sagen hatten. Welche Wirkung muss eine Kathedrale auf einen Bauern gehabt haben, den es einmal im Leben nach Paris verschlug? Etwas kleiner, aber nicht weniger wirkungsvoll fielen autoritäre Bauten in Deutschland aus. Die alten Gemäuer, in denen Teile der Berliner Kriminalpolizei untergebracht sind, äußern deutliche Botschaften. Hier hat der Bürger wenig zu sagen. Ab dem Eingang beginnt die Obrigkeit. Ich dachte eine Zeitlang, dass es sich um kaiserliche Bauten handelte, die umgewidmet wurden. Zu meiner Überraschung wurden sie ureigen als Polizeigebäude entworfen.

Schwarzer Buddha

White Temple ist kein sakraler Bau, aber er ist eine künstlerisch umgesetzte spirituelle Botschaft. Eine die bei vielen nicht ankommt. Wie auch, bei all den Störfrequenzen? Zum Gelände gehört eine Galerie, in der Gemälde des Künstlers und einige Plastiken, sowie Vorkonstruktionen für das gesamte Gelände zu sehen sind. Beim ersten Anblick dachte ich: „Wie viel LSD muss man genommen haben, um diese Bilder malen zu können?“ Dann erkannte ich die meiner Meinung nach unglaubliche Fähigkeit, Bilder aus meditativen Erlebnissen in der vermeintlichen Wirklichkeit für andere sichtbar zu machen. Ich gebe zu, dass ich den Mann um dieses Talent zutiefst beneide.

Wieder in der Stadt landete ich in der Menschenmenge, welche sich für die Prozession versammelt hatte. Ein wenig hatte es etwas von einem Karneval. Ohne eine Miene zu verziehen, nahmen die Mönche, meistens sehr junge Kerle, die Gaben der Gläubigen entgegen und verstauten sie auf der Ladefläche eines am Ende der Prozession fahrenden Pickups. Ich musste lachen, als ich vom mittlerweile grassierenden Übergewicht der Mönche hörte. Während sie früher Reis und selbst zubereitetes Essen bekamen, erhalten sie jetzt häufig Fastfood und Süßigkeiten. Das geht auf den Bauch.

Mein Hostel war eins der moderneren Sorte. Sauber und komfortabel, aber langweilig. Ich mag sie nicht, weil in ihnen keine Atmosphäre herrscht. Die Leute kommen einfach nicht zueinander. Oft kann dies bereits an den Bewertungen erkannt werden. Wenn die mit den Worten: „Wir waren in der Zeit von …“, beginnt, ist es nichts für mich. Dann treiben sich dort die Pärchen herum, die auf Honeymoon und Rucksack aus sind. Mit denen kommt keiner ins Gespräch. Deshalb beschloss ich, dass drei Tage Chiang Rai ausreichten und es zog mich weiter nach Laos.