TROELLE

Texte & Cartoons, für offene Menschen und Reisende est. 1999


Im Land des Lächelns

An der Einreisekontrolle in Thailand wurde ich von einer gut aufgelegten jungen Thailänderin mit einem echt wirkenden Lächeln begrüßt. Sie schaute kurz in den Pass und stempelte ihn. Ein echtes Lächeln hat bei jedem Menschen bis nach Feuerland die gleiche freundliche Bedeutung. In Asien gibt es noch eine zweite Form. Mitteleuropäer interpretieren es ein wenig falsch. Es besagt, dass man in der Masse als Individuum wahrgenommen wurde. Täglich treibt an uns ein Menschenstrom vorbei. Würde uns jemand nach einer Beschreibung für eine Frau oder einem Mann aus diesem Strom fragen müssten wir passen. Sehe ich das Lächeln, weiß ich, dass ich die volle Aufmerksamkeit habe und sei es nur, weil ich potenzieller Kunde bin.

Saigon, Mittagspause

Dort wo in Asien Millionen Menschen auf kleinstem Raum zusammenleben, gelten andere Regeln. Wer sich mitten im Getümmel hinsetzt, die Augen schließt oder sich zum Beispiel eine Kapuze über den Kopf zieht, wird in Ruhe gelassen. Ich habe mehrfach Männer gesehen, die sich für einen Mittagsschlaf auf die Sitzbank ihres Motorrades legten. Gesichtsausdruck kann es aber schnell dazu werden. Ich weiß, dass Thailand kein Musterland der Demokratie und Freiheit ist. Der thailändische König ist ein durchgeknallter Typ und alleine für die Aussage würde ich Thailand ins Gefängnis gehen. Thailändische Sicherheitskräfte sehen aus wie aus dem Ei gepellt und ihr Gesichtsausdruck ist beinahe immer förmlich bis autoritär. Doch irgendwie will das Auftreten nicht zum restlichen Teil der Bevölkerung passen. Ich erlaube mir mal Stereotype. Jenseits der Touristenmeilen erlebte ich die Thailänder meistens als freundliche, leise, spirituelle Leute mit einem ausgeprägten Geschäftssinn. Wobei einem der Geschäftssinn auf die Nerven gehen kann. In Mitteleuropa fühlt sich der Kunde des Ladendiebstahls verdächtigt, wenn ihn die ganze Zeit eine Begleitung zur Seite steht.

In Thailand ist das völlig normal. Hingegen sind die Laoten extrem entspannt. Setzt man sich zum Essen in eine der Straßenküchen, kann es eine Weile Dauern bis einen jemand fragt. Es macht aber auch nichts, wenn man nach dem Essen eine Stunde ohne Bestellung sitzen bleibt. Vietnamesen sind ständig in Bewegung. In Saigon erlebte ich das Aufstellen eines Nachtmarkts in der Größe eines Berliner Weihnachtsmarkts innerhalb von 5 Minuten. Anders beschrieben, innerhalb des Zeitraums, den ich für die Bestellung eines neuen Biers an der Bar benötigte. In Südostasien kursiert der Spruch: „Die Thailänder bezahlen den Reis, die Vietnamesen bauen ihn an und die Laoten essen alles auf.“

In Chiang Mai hatte ich ein Bett in einem extrem günstigen Hostel gemietet. Es kam weniger schlimm, als ich dachte. Das Hostel war eins dieser typischen modernen quadratischen dreistöckigen Gebäude, wie sie in allen asiatischen Städten mittlerer Größe zu finden sind. Ein großes verhangenes Schaufenster links vom Eingang deutete darauf hin, dass sich im Haus ursprünglich mal ein Geschäft befand. Auf einer Terrasse, die etwas höher als das Straßenniveau angelegt war, befanden sich einige Möbel aus Wurzelholz und zwei Hängematten. Die Straße selbst gehörte zu einem Viertel, welches unter Backpackern für seine vielen Hostels berühmt ist.

Auf der Terrasse lungerten Faroud, gebürtiger Inder, in Neuseeland aufgewachsen und nunmehr australischer Staatsbürger sowie sein und mein späterer Zimmergenosse ein Spanier mit dem Spitznamen „Ibiza“, der sich von seiner Herkunft ableitete, herum. Faroud ist jener Typ, der mir seine Einstellung zum Erdenbürger mit auf den Weg gab. Für zwei Wochen teilten wir uns zusammen mit einer Englischlehrerin aus Rumänien ein Zimmer, dessen Ausstattung sich auf vier Matratzen beschränkte. Geführt wurde das Hostel von einem hyperaktiven drahtigen Malaien, den es nach Thailand verschlagen hatte. Anfangs hielt ich ihn für den Besitzer. Erst später erfuhr ich von seiner Frau, die die eigentliche Herrscherin des Hauses war. Faroud arbeitete Online als Englischlehrer und außerdem schrieb er Kinderbücher. Eines Nachts wurde ich wach und hörte, wie er sagte: „Die Affen in den Bäumen wurden unruhig während die Wölfe um die Bäume schlichen!“ Ich brauchte einen Augenblick um zu verstehen, dass er nachts mit seiner Lektorin am anderen Ende der Welt sprach. Die hatte mit Sicherheit keine Vorstellung davon, wie er in Unterhosen auf dem Boden einer billigen Absteige saß. 

Ibiza hatte gespart. Wie er das hinbekommen hatte, war mir schleierhaft. Erst hatte er als Kellner gearbeitet, dann war er nach Deutschland gegangen, wo er bei einem Online – Versandhandel arbeitete. Sie hatten ihn zusammen mit Polen, Rumänen und einigen Landsleuten in einem billigen Hotel untergebracht. Ich musste herzhaft lachen, als er den täglichen Kampf um das Frühstück und Mittagessen beschrieb. „Du musstest immer vor den Polen am Buffet sein, sonst gab es nichts mehr.“ Das passte zu meinen polnischen Bekanntschaften. Ein Pole ohne zwei tägliche warme Mahlzeiten ist ein misslauniger Pole. Aber vielmehr interessierten mich seine Erfahrungen als Kellner auf der Party – Insel Ibiza. Dachten die in den Lokalen über die Deutschen, wie ich es mir vorstellte? Tun sie! Aber der schlechte Ruf des klassischen „Man spricht Deutsch“ – Touristen ist wegen des schlechten Benehmens der Engländer, Franzosen und Russen in den Hintergrund geraten. Was ist rot und hat zwei Promille? Genau die genannten Kandidaten. Und die Behauptung stammt nicht von mir, sondern von einem Londoner. Ich werfe diesbezüglich nicht den ersten Stein. Mehrfach war ich mit meinem Team auf Mallorca. Wir haben einiges ohne Alkohol nicht zu erklärenden Blödsinn angestellt. Manchmal flogen auch die Fäuste. Maximal kann ich sagen, dem entwachsen zu sein. Wer allerdings mit über fünfzig Jahren an der Stelle des Lebens hängengeblieben ist, hat meiner Meinung nach ein Problem. Chiang Mai war einigen Schilderungen nach einst eine Hippie – Hochburg. Davon ist wenig übrig geblieben. Jetzt geben die Backpacker den Ton an. Selbst die Vorstellung von einem Hippie hat sich zu früher gewandelt. Meiner Vorstellung nach sind sie Menschen, die sich bewusst für einen Lebensstil entschieden. Die meisten, welche ich als Hippies bezeichnen würde, haben eine gutbürgerliche Karriere hinter sich gelassen. Nicht, weil sie scheiterten, sondern im Leben andere Schwerpunkte setzten. Einer, ein alter 68er, der bevor er in eine Wohnwagensiedlung umsiedelte, lange bei einer Bank arbeitete, sagte mal zu mir:

„Ich verstehe die alle nicht. OK, ich habe mich kaufen lassen, mein Problem. Aber erst nach dem Studium. Wenn die damals eine Studiengebühr erhoben hätten, hätte wochenlang die Straße gebrannt.“

Bernd R. – Lebenskünstler

Hippies sind für mich Menschen, die nachgedacht habt. Nach dem ersten Denken, welches sie in die Karriere trieb, ein zweites Mal, mit dem Ergebnis eines Wandels. Für meinen Geschmack wurden seitens der Boomer viel zu lange Vorgaben als Gegeben hingenommen. Boomer in Deutschland zu sein, bedeutet auch von der Erziehung der Nachkriegsgeneration geprägt zu sein. Durchhalteparolen, Negierung von Gefühlen, Funktionieren, waren Teil dieser Prägung. Wie oft heißt es: „Ich habe gedacht, ich müsste dieses und jenes machen.“ In der Arbeitswelt bilden die Jüngeren in den neu entstandenen Branchen im IT-Bereich eine Ausnahme. Kleidung, Auftreten, Aussehen ist vollkommen uninteressant. Wichtig ist die Fachkompetenz. Gleichzeitig fordern sie ein anderes Arbeitsumfeld bis hin zu anderen Arbeitsmodellen. 

Die Zeiten, in denen ein achtstündigen – Arbeitstag, der in aller Frühe beginnt, das Leben bestimmt, ist für die vorbei. Ergebnisse zählen und nicht die Anzahl der geleisteten Stunden. Ein Kicker, eine Tischtennisplatte und ein Raum, in dem ein Nickerchen gemacht werden kann, gehört zum Arbeitsplatz dazu. Aussehen, Kleidung, Etikette, haben sich weitestgehend erledigt. Nebenbei gibt es hierzu eine schöne alte asiatische Geschichte. 

Im alten China lebte zurückgezogen in einer Waldhütte der weit bekannte überaus weise Meister Wu. Der Kaiser hörte von ihm und wünschte eine Audienz. Deshalb entsandte er einen Boten. Meister Wu machte sich auf den beschwerlichen Weg zum Palast. Hier wurde er wegen seines Aussehens von den Palastwachen angehalten. Trotz seiner Vorstellung, konnte sie nicht glauben, dass der alte Mann in den abgerissenen Klamotten ein weiser Mann sein sollte. Meister Wu kehrte zurück und holte aus einer Kiste ein prächtiges Gewand aus seiner Vergangenheit heraus. Nun durfte er die Wachen passieren. Am Thron des Kaisers zog sich der Meister zu aller Überraschung nackt aus, faltete sorgfältig sein Gewand und legte es dem Kaiser zu Füßen. Der Kaiser fragte verständlicherweise nach, was das solle. Der Meister antwortete: „Ihr wolltet augenscheinlich keine Antworten von mir haben, sondern von meiner Kleidung!“ Danach drehte er sich um und ging zurück zu seiner Hütte.

Für meine alte Firma kann ich sagen, dass die am saloppsten gekleideten Frauen und Männer die mit der größten Kompetenz waren. Nun, Kleidung ist ja nicht alles, jedoch oftmals ein Fingerzeig. Kleidung war in unserer Kurzzeit – WG kein Thema. Wir sprachen viel über die Weltpolitik und wie sich die Menschen in den Industrieländern veränderten. Besonders die amerikanischen Backpacker kamen dabei nicht gut weg. Sie haben diese penetrante überzogene Art an sich. Alles ist bei ihnen „Amazing“, „Nice“, „Cute“. Faroud meinte, dass er die Zurückhaltung und das Bildungsniveau der Deutschen schätzte. Letzteres erstaunte mich ein wenig.

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