TROELLE

Texte & Cartoons, für offene Menschen und Reisende est. 1999

Mit einem US – Amerikaner erlebten wir dann eine mehr oder weniger tragikomische Geschichte. Eines Tages stand der Typ unvermittelt an der Rezeption und fluchte lautstark. Nachdem er alles zusammen gebrüllt hatte, stand er vor uns auf der Terrasse. „Fuck!“, „Shithole!“, „Bastards!“, es wollte nicht enden. Faroud hatte ein unglaubliches Talent alles und jeden freundlich zu beruhigen. Ich glaube, selbst ein wütender Wasserbüffel würde seinem Charme erliegen. Nach und nach erfuhren wir, worum es ging. Angeblich hatte der Kerl für drei Monate im Voraus einen Raum gebucht und bezahlt. Doch davon wollte der hyperaktive Malaie nichts wissen. Für einen so langen Zeitraum im Voraus zu buchen ist bei einem Hostel absolut ungewöhnlich. 

Der Ami, wie sich herausstellte aus Chicago, entpuppte sich als ein absolut schräger Typ. Seiner Erzählung nach war er zwei Jahre zuvor auf die glorreiche Idee gekommen, von Myanmar nach Thailand XTC – Pillen zu schmuggeln. Thailand ist bei Marihuana sehr entspannt, bei Pillen verstehen die Behörden allerdings keinen Spaß. Nachdem er erwischt wurde, bekam er eine vierjährige Gefängnisstrafe. Eine Faustregel besagt, dass ein normaler Mitteleuropäer maximal zwei Jahre asiatischen Knast überlebt. Die Thailändischen Behörden haben keinerlei Interesse an toten US-Bürgern in ihren Gefängnissen, schon gar nicht, wenn es erlebnisorientierte Männer um die Dreißig sind. Deshalb boten sie der Familie an, den jungen Mann freizukaufen. Auf die Art kam er nach 1 ½ Jahren wieder raus. Doch anstatt wieder in die USA zurückzukehren, machte er munter weiter. Und damit ergab sich langsam ein Bild. Der Typ verdingte sich als Dealer. Wo sonst, wenn nicht in einem Viertel voller Backpacker?  Nach einigem Hin und Her, bekam er den Raum mit der Schaufensterscheibe. Vermutlich, weil der keine direkte Verbindung zum Hostel hatte. Jeden Tag spielten der Malaie und er Tom und Jerry. Im Verlauf des Katz und Maus Spiels hängte der Malaie ein Schild an die Tür, auf dem er alle Gäste aufforderte den Ami nicht ins Hostel zu lassen. Der fragte wiederum alle, was auf diesem Schild stände. Über die Antwort regte er sich auf und stand wieder brüllend auf der Terrasse. Bis zum Abend, an dem selbst der gemütliche Faroud die Nerven verlor. Es begann damit, dass der Ami eine drogensüchtige Thailänderin mit ihrem kleinen Sohn ins Hostel brachte. Vor dem Jungen und uns drängte er die Frau zu allen erdenklichen Sex – Praktiken, die er mit ihr in einem Tempel vollziehen wollte. Da platzte Faroud der Kragen. Davor hatte sein Englisch immer einen leichten Oxford Akzent. In dem Moment schaltete er auf Australier um.

Überraschenderweise wurde der Ami ganz kleinlaut. Da standen wir nun. Ein erbärmlicher drogensüchtiger Dealer, eine zugedröhnte Thailänderin, ein heulender kleiner Junge und wir, die WG – Bewohner. Ich kam mir vor wie in einer Sitcom und außerdem triggerte mich die Geschichte über die Maßen. Egal wie weit ich ging, dem Milieu konnte ich nicht entkommen. Ich überließ das Problem den anderen und flüchtete zum ersten Mal in die Ruhe eines Tempels. Neben dem Umstand, dass Chiang Mai ein Pilgerort für Backpacker ist, gibt es in der historisch bedeutsamen Stadt 200 buddhistische Tempel. Faroud hatte mir Wat Chedi Luang, der Tempel mit der königlichen Stupa besonders empfohlen. Ich sollte ihn nach Einbruch der Dunkelheit besuchen. Stupa waren ursprünglich halbkugelförmige Grabhügel für herausragende Mönche oder Herrscher. Mit ziemlicher Sicherheit haben Archäologen in Indien einen Stupa gefunden, unter dem sich Teile der sterblichen Überreste Gautama Siddharthas befanden. Der Stupa steht in den Tempelanlagen symbolisch für den Buddha selbst und die seine Lehre (Dharma). Buddhisten umrunden den Stupa im Uhrzeigersinn mit einer „Lauf – Meditation“. Als ich die mit Scheinwerfern ausgeleuchtete Tempelanlage sah, begriff ich, was Faroud meinte. Mich fasziniert gezielt eingesetztes Licht. Mal erzeugt es Schatten und verbirgt dadurch, in dem es etwas anderes anstrahlt, während es in anderen Fällen den Blick auf etwas lenkt, was sonst eine andere Wirkung hätte. Im Wat Chedi Luang wird mit den Strahlern der Blick von den Statuen über eine Treppe nach oben zu den in den Nischen stehenden goldenen Buddha – Statuen gelenkt. Mir drängte sich das Bild des suchenden Siddhartha auf, der Stufe für Stufe den Weg zur Erleuchtung, dem Verstehen der Zusammenhänge, erklommen hatte. Erstmalig fielen mir beim Anblick die Parallelen zur Sokratischen Methode aus. Beide, Sokrates und Buddha, sagten nicht, was die Wahrheit ist, sondern sie gaben eine Methode zur Suche vor.

Konnte ich im Buddhismus und in der Lehre Siddharthas Antworten finden? Im Buddhismus gibt es kein Verzeihen. Alles bereinigt oder verschlechtert das eigene Karma. Ich erinnere mich daran etwas frustriert, vielleicht sogar höhnisch, Luft durch die Nase geblasen zu haben.

In einer Überlieferung fragten die Mönche Siddhartha, wie sie sich in Situationen verhalten sollten, in denen sie wegen einer Bedrohung oder Hunger nicht vorbeikämen, gegen die Lehre zu verstoßen. Er soll gesagt haben, dass sie sich dann an einen Krieger, Fleischer oder ähnlich wenden sollten. Die hätten im aktuellen Leben ohnehin nicht mehr die Chance mit einem guten Karma wegzukommen, welches die Erleuchtung ermöglicht. Ergo für jemanden wie mich, keine guten Aussichten. Aber ich konzentrierte mich wieder auf die Lehre. Jeder ist ein Teil des Ganzen, damit wird es auch ein Teil von Dir. Darin versteckt ist die Erkenntnis, dass Helligkeit nur begriffen werden kann, wenn man die Dunkelheit kennt. Keine Sorge, ich bin nicht bestrebt, eine Erleuchtung zu erlangen. Ganz glauben kann ich die Geschichte mit dem ohnehin beschädigten Karma nicht. 

Nur ein geschulter Elefant darf aufs Schlachtfeld, nur ein geschulter Elefant trägt den König. Unter den Menschen sind jene am besten, die ihren Geist geschult haben, harte Worte geduldig hinzunehmen.

Pali – Kanon, Vers. 321

Ich möchte sogar das Gegenteil behaupten. Erst wenn man einiges im Leben gesehen hat, entsteht der Nährboden für ein Verständnis dessen, was Siddhartha von sich gegeben hat. Die Legende vom Sohn eines indischen Herrschers, der in einem goldenen Käfig lebte, ist mehr als unwahrscheinlich. Historiker gehen beim Vater von einem Fürsten mit begrenzter regionaler Macht aus. Religiös orientierten sich die Menschen am Brahmanismus, welcher zum Hinduismus gehört und in den mündlich überlieferten Texten der Veda wurzelte. Die tatsächliche Existenz eines Siddhartha Gautama, der zum Wissenden wurde, gilt als gesichert. Ich stelle ihn mir als einen Mann vor, der in seiner Jugend den Luxus des Palastlebens kennenlernte. In seiner Zeit war es üblich, sich einen Lehrer zu suchen und sich eine Weile in die Einsamkeit zurückzuziehen. Die alten Texte wurden mit Inbrunst auswendig gelernt und mündlich übermittelt. Teilweise lehnen Brahmanen heute noch die aufgeschriebenen Texte ab. Er muss ein kluger charismatischer Mann gewesen sein. Die Dinge, über die er nachdachte, sind zeitlos und beschäftigen Menschen, seit sie so etwas wie eine Kultur entwickelten. Wie geht man miteinander um? Welche Auswirkungen hat das eigene Verhalten? Was führt dazu, dass Menschen aufeinander losgehen? In welchem Verhältnis steht der Mensch zu allen anderen Lebewesen? Selbst zu seiner Zeit kannten sie das Überstrapazieren der Ressourcen. Archäologen konnten weltweit für unterschiedliche Kulturen nachweisen, wie Siedlungen aufgegeben werden mussten, weil das Wasser oder das Holz in der Umgebung knapp wurde. Mich faszinierte die unabhängige Entwicklung von der mitteleuropäischen und vorderasiatischen Philosophie, die unser Denken bis heute bestimmt. Philosophen wie Nietzsche und Schopenhauer konnten der Denkweise Siddharthas eine Menge abgewinnen. 

Der Buddhismus ist die einzige eigentliche positivistische Religion, […] er sagt nicht mehr „ Kampf gegen die Sünde “ sondern, ganz der Wirklichkeit recht gebend, „ Kampf gegen das Leiden

Nietzsche (1999c), S.186

Wollte ich die Resultate meiner Philosophie zum Maßstabe der Wahrheit nehmen, so müsste ich dem Buddhismus den Vorzug vor den anderen zugestehen.

Schopenhauer (2006), S.195

Interessant ist auch die Geschichte über die Verbreitung des Buddhismus. Der indische Herrscher Ashoka, ein Enkel eines Dynastiegründers, der sich noch mit Alexander dem Großen auseinandersetzen musste, setzte sich nach damaliger Sitte mit äußerster Brutalität gegen seine Brüder durch und übernahm die Herrschaft über weite Teile des heutigen Indiens. 261 v. Christus kam es nach der Schlacht um Kalinga zu einer bedeutsamen Wende in seinem Leben. Die Nachwelt weiß davon, weil er selbst veranlasste, die Geschichte in Felsen schlagen zu lassen. Nach der Einnahme der Stadt wurde sie geplündert, gebrandschatzt, die noch lebenden Frauen vergewaltigt und danach gekillt. Den Überlieferungen nach war der Feldherr von seinem eigenen Werk schockiert. Heute würde man von einer hochgradigen Traumatisierung sprechen. Heute bemühen sich die Befehlshaber nicht mehr auf das Schlachtfeld. Besser noch, Generäle und unsere Politiker fordern mehr Drohnen, damit das blutige Schlachten mit dem Joystick zum Video – Game wird. Er erinnerte sich an ein Kloster, in dem von Mönchen seine Wunden einer anderen Waffengang versorgt wurden und wandte sich konsequent der buddhistischen Lehre zu. Den umliegenden Reichen garantierte er, sie nicht mehr anzugreifen. Innerhalb seines Herrschaftsbereichs stellte er alles auf den Kopf. Tiere sollten nur noch bedingt auf dem Speiseplan stehen, jeder Bewohner bekam das Recht auf eine Audienz, Ländereien wurden neu aufgeteilt. Im gesamten Gebiet ließ er Stehlen mit den Regeln und seiner Geschichte aufstellen. Gleichzeitig entsandte er Mönche in die angrenzenden Gebiete. 

Bei alledem muss er den zuvor Mächtigen seines Landes auf die Füße getreten sein, die nach seinem Tod schleunigst die alten Verhältnisse wieder herstellten. Doch der Buddhismus war nicht mehr aufzuhalten. Es war Ashoka, der Nachforschungen zum Grab Siddharthas anstellte. Nachdem seine Reste in einer einfachen Urne gefunden wurden, ließ er Reliquien verteilen. Über die alte Urne ließ er eine neue mit üppig dazu gegebenen Edelsteinen setzen. Die Reliquien fanden sich in den Stupas wieder. Insofern ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich in berühmten Tempeln wie dem Zahntempel in Sri Lanka, tatsächlich echte Überreste befinden.

Die Geschichte Ashokas sagte mir, wie richtig ich mit meiner Einschätzung lag. Erst, wenn man Elend, Not, Gewalt, gesehen und erlebt hat, besteht die Chance das Gegenteil wirklich zu verstehen und zu schätzen. Natürlich gibt es auf beiden Seiten der Medaille Leute, die nichts anderes kennenlernten. Häufig genug sah ich Menschen, die Gewalt als Normalität empfinden. Schlimmer noch, es ist die einzige Form Zuwendung, welche sie im Leben erfuhren. Dabei musste ich an den kleinen Jungen denken. Würde er jemals etwas anderes erleben? Anderseits gibt es in den westlichen Wohlstandsgesellschaften Träumer, die ihren Elfenbeinturm der Glückseligkeit für die Realität halten.

Meine Gedanken wanderten zu Graf von Dürckheim. In einem Interview hatte ich von ihm etwas über ein inneres Wesen gehört, welches tiefer als die zugängliche Persönlichkeit eines Menschen lag und vor allem jedes Lebewesen hat. Auch Graf von Dürckheim war alles andere als ein weltfremder verklärter  Esoteriker. Sollte das richtig sein? 

Das Wesen zu sehen, welches jenseits des Jetzt über diverse Leben hinweg seine Erfahrungen machte. In mir sträubte sich etwas gegen diese Herangehensweise. Mir kam es vor wie eine billige Entschuldigung für den Ami. Allerdings musste ich mir eingestehen, dass es Millionen dieser kleinen Jungen gab, für die sich niemand interessierte. Ging es nicht darum, den von Menschen veranstalteten Wahnsinn in irgendeiner Form zu ertragen?

7,8 Milliarden Menschen, davon 900 Millionen Unterernährte, denen 1,7 Milliarden Übergewichtige gegenüber stehen. Jetzt während ich diese Zeilen Mitte Januar schreibe, sind bereits fast 500.000 Menschen verhungert. 800 Millionen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und bis heute sind schon 36.000 an schmutzigen Wasser gestorben. Wenigstens hatte der Junge genug zu Essen, einen Schlafplatz und ausreichend Wasser.

Auf jeden Fall waren meine Tage in Chiang Mai vorbei. Am folgenden Tag zog ich ein letztes Mal mit der WG um die Häuser. Ibiza erzählte mir, dass er noch weiter im Norden einige Monate in einem Kloster verbringen wollte. Für mich eine gute Gelegenheit Ballast abzuwerfen. Ich überließ ihm alle meine warmen Sachen. Der Kontakt zu Faroud riss mit Ausbruch von Corona ab. Mit einem Mal mutierte er zum Verschwörungstheoretiker. Wahrscheinlich wurde er wie viele andere ein Opfer der Suche nach Antworten für das Unerklärliche.


An einem der Tage, an denen ich alleine Chiang Mai erkundete, zogen mich die Klänge einer Bluesband an. Vier weißhaarige Thailänder spielten in einem Lokal, welches wie fast alle, zur Straße hin offen war. Ich setzte mich an einen der Tische. Am Nachbartisch unterhielten sich Rentner aus England mit einem Mann, der mit einem unüberhörbaren bayrischen Akzent sprach. Ein über sechzigjähriger Münchner, den vor Jahrzehnten die Liebe nach Chiang Mail verschlagen hatte. Wir kamen miteinander ins Gespräch. Er fragte mich nach meinen Reiseplänen und gab mir dann einen guten Tipp. Zu meinem nächsten Ziel Chiang Rai gab es eine eher langweilige Busverbindung oder einen kleinen Umweg über die Nahe zur Grenze nach Myanmar gelegene Kleinstadt Tha Ton. Von dort aus gab es eine Schiffsverbindung auf dem Fluss Kok. Das klang verlockend.

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