Kapitel 8 Gefährten

Gefährten

Laos

Traveller bekommen nach einer Weile irgendwie das Flair von Tramps oder Hobos. Mich faszinierten als Junge die Storys von Hemingway, London, später Miller und Kerouac. Auf Achse, abseits von den ganzen Konventionen, weg vom Nett sein, einfach leben. Eines Tag kommt dieser Gemütszustand, an dem wirklich alles hinter einem liegt und das Leben unterwegs stattfindet. Das Zurückgelassene wird zur gedanklichen Beschäftigung, so wie man an ein Buch zurückdenkt, das einem im Gedächtnis geblieben ist. Das drückt sich auch in einer gelassenen Haltung aus. Was soll schon passieren? Stress gibt es maximal an lästigen Grenzen. Irgendein Wichtigtuer könnte den Rucksack filzen oder einem das Visum verweigern. Aber sonst? Vielleicht verpasst man einen Bus, dann wird halt gewartet. Oder Schiffe legen ohne einen ab. Dann wird es am nächsten Tag ein anderes geben. Unterwegs lernte ich, dass die deutsche Redewendung „Der Zug ist abgefahren!“ im Englischen „The Ship is gone!“, heißt. Ich finde, das hat was. Den Deutschen fährt der Zug vor der Nase weg und den alten Beherrschern der Meere das Schiff. Wenn mich ab Laos noch etwas aus der Ruhe brachte, waren es Geldautomaten, die nicht mit mir sprechen wollten oder dass ich mein Telefon verlieren konnte. Dies wäre ärgerlich gewesen, obwohl es einen Teil der alten Bedrohlichkeit verloren hatte. Immer mal wieder dachte ich an die Zeit ohne Smartphones zurück. Über Wochen gab es keine Erreichbarkeit und dies war auch in Ordnung. Gut, die Digitalisierung hat ihre angenehmen Seiten. Jederzeit war ich über meinen Kontostand informiert. Bei einem begrenzten Budget eher ein Faktor, der eine innere Unruhe erzeugen kann. Im Notfall hätte ich jemanden benachrichtigen können. Doch in einem Ernstfall, wäre es entweder auf eine bedauerliche Mitteilung seitens der Botschaft hinausgelaufen oder ich hätte mich gemeldet, wenn ohnehin alles wieder gerade aus gegangen wäre.

Ich glaube, dies ist der Zeitpunkt, an dem sich entscheidet, ob der Weg noch lange andauert oder der Abbruch kommt. Manche sehnen sich nach ihrer Familie, bekommen Heimweh, nach den Kindern, Freunden, Freundin oder wen es sonst noch im Leben gibt. In meinem Leben gab es immer Phasen, in denen ich mir selbst genug war. Ich will nicht sagen, dass meine Haltung zu Beziehungen feindlich wäre oder ich sie von Grund auf ablehne. Im Gegenteil, ich hab es immer auf ein Neues redlich versucht. Doch bis ich über Fritz Perl mit seinem „Gestaltgebet“ stolperte, entwickelte sich vieles unbefriedigend. Bei Perl heisst es:

Ich lebe mein Leben und Du lebst Dein Leben,
Ich bin nicht auf dieser Welt, um Deinen Erwartungen zu entsprechen,
und Du bist nicht auf dieser Welt, um meinen Erwartungen zu entsprechen,
Ich bin ich und Du bist Du,
und wenn wir beide uns zufällig treffen und finden, dann ist das schön,
wenn nicht, dann ist auch das gut so.
Fritz Perl
Psychologe, Therapeut

Fritz Perls

*1893 – 1970, Begründer der Gestalttherapie.

https://psylex.de/psychotherapie/fritz-perls/fritz-perls.html

Würden vielmehr Menschen nach diesem Gebet leben, gäbe es viele Probleme nicht. Die Polizei müsste nicht zu sich prügelnden Eheleuten ausrücken, Männer prügelten sich nicht mehr um Frauen, keiner verpasste sich nicht mehr wegen Liebeskummer eine Kugel. Beim Thema Beziehungen passiert eine Menge Zeugs, welches niemand braucht. In der Welt treiben sich eine Menge seltsame Menschen herum. Die einen wollen ihre Störungen auf dem Rücken anderer ausleben, Frauen klären mit dem Lebenspartner, was sie besser beizeiten ihrem Vater gesagt hätten, Männer rennen irgendwelchen Idealen hinterher, die nächste sucht Bestätigungen, es ist ein Zirkus. Auch wenn ich es bisher noch nicht erwähnte, es gab da zu dieser Zeit noch jemanden. Spätestens in Laos wollten wir zusammentreffen. Ich wusste es noch nicht, doch es war bereits eine Phase des Lebens angebrochen, in der dieses einstmals mein Leben bestimmende, nicht unbedingt erfüllende, hinter mir lag. Kein Knall, kein Drama, es war plötzlich so und es war gut. Mir gefällt der Gedanke, dass dies ein wenig der von Hermann Hesse geschilderten Geschichte des Siddhartha entspricht. Der hatte eines Tages die Nase vom Fasten, Entsagungen und einer asketischen Lebensweise, voll. Als ich die Geschichte erstmals las, amüsierte mich die Vorstellung von ein paar abgemagerten Asketen, die monatelang wegen Siddhartha fasteten, nur damit der plötzlich eine Eingebung hat und aufsteht, um sich den Bauch vollzuschlagen. Eine Sache, die ich noch nie machte, also das Fasten. Was ich allerdings kenne, ist Selbstdisziplin. Über Stunden saß ich als Jugendlicher im Sattel und spulte meine Kilometer ab. Eines Tages wollte ich es nochmals wissen und fuhr von Berlin nach Hannover. Die letzte lange Tour und ich denke, es wird keine mehr folgen. Na ja, wochenlang unter einem Baum zu sitzen ist noch mal etwas anderes.

Jedenfalls zog Siddhartha in ein Dorf und schlug die Karriere eines Kaufmanns ein. Er ließ es ordentlich krachen. Dabei bändelte er sogar mit einer wunderschönen Frau an, die, ich will es als nicht ganz unerfahren galt, ausdrücken. Auch dies kommt mir nicht unbekannt vor. Doch dann kam der Moment, in dem ihm dieses Leben nicht mehr erfüllte. Zu flach, zu banal, zu wenig bedeutsam. Sein Weggang hatte nichts mit der Frau zu tun oder das es Streit mit den anderen gegeben hätte. Heute würde man sagen, er hatte dieses Level zu Ende gespielt. In diesen Tagen umtrieb mich ein ähnliches Gefühl.

Hobos, Tramps, Traveller, sitzen in der Gegend herum und warten geduldig etwas abseits bis sich eine Mitfahrgelegenheit bietet. Genau dieses Bild bot sich mir an der Ablegestelle der Long – Boats. In einer Art Imbiss hatte sich eine Gruppe laut daher redender Backpacker aus allen Nationen und mindestens drei verschiedenen Kontinenten versammelt. Vor den Booten waren Einheimische damit beschäftigt die ankommenden zu entladen und die Waren für Luang Prabang auf die zum Ablegen bereiten zu beladen. Trotzdem ich schon einiges auf Motor – Rollern geladenes Gut gesehen hatte, erstaunten mich die Balance – Kunststücke auf ein Neues. Auf einer Bank, wenige Meter abseits vom Ufer, saß ein kleinerer Mann mit einem australischen breitkrempigen Hut, unter dem seine grauen Haare hervorquollen. Linksseitig entdeckte ich einen großen athletischen Typen, der es sich an einem Hang unter einer Palme bequem gemacht hatte. Traveller! Da war ich mir sicher. Das Boot sollte um 09:00 Uhr ablegen. Eine Zahl, nicht mehr oder weniger, erst recht im wilden Norden. Belustigt beobachtete ich eine Blondine, die eine halbe Stunde nach angekündigter Abfahrtzeit aus dem Imbiss heraus tobte und ihrem missmutig hinterherlaufenden Begleiter zurief: „Ist mir egal, ob das der German Way ist, ich gehe jetzt auf das Boot, wenn es ohne uns ablegt, haben wir ein Problem. „.
Nicht übereilt, aber zügig folgten die anderen Backpacker. Dabei war klar, dass vorläufig nichts passieren würde. Weder waren alle Waren verladen, noch war weit und breit ein Bootsführer zu sehen. Der saß, wie ich beim Kauf von ein paar kalten Bieren in einem Market auf einem Hügel feststellte, mit seinen Freunden im Schatten und aß Sticky Rice.

Es vergingen mindestens nochmals eine halbe Stunde, oder in meiner Zeitrechnung, drei Beerlao, bis der Mann gemächlich den Hügel herunterkam. Freundlich gab er mir mit einem Nicken zu verstehen, dass es losgehen würde. Dies war auch das Signal für die anderen beiden sich zu erheben. Die Boote sind in Segmente geteilt. Vorn der Bootsführer hinter ihm sitzen sich einige Touristen gegenüber. Dahinter folgen ausrangierte Reisebusbänke, die lose hintereinander aufgereiht sind. Die Fahrt von Xhouaxai nach Luan Prabang erfolgt in zwei Etappen. Bei der ersten gelten noch die Sitzplatznummern. Der Zufall ergab es, dass der kleine Mann neben mir saß. Der Große hatte entweder keinen Sitzplatz bekommen oder von Anfang beschlossen, sich in den hinteren Bereich zu verdrücken. Hinter den Sitzreihen folgt der mit einer Holzwand abgeteilte Motor, ein Holzverschlag, der als eine Art Toilette dient, und der Ladebereich, welcher gleichzeitig der für die Einheimischen vorgesehene Platz ist.

Manchmal gibt es am Heck noch ein kleines Areal, in dem sich die ganz hartgesottenen Backpacker sammeln. Der kleine Mann stellte sich als Eddy aus Bangalore, ambitionierter Hobbyfotograf und auf Dauerreise vor. Entsprechend üppig fiel seine Kamera Ausrüstung aus. Wir brauchten nicht lange, um trotz des infernalisch lauten Motors hinter uns, in ein angeregtes Gespräch zu kommen. Ich erzählte ihm von meinen Erlebnissen in China. Eddy konnte darüber nur müde lächeln. Als Inder stand er stets unter Verdacht als illegaler Wanderarbeiter unterwegs zu sein. Da half ihm auch die sündhaft teure Fotoausrüstung nicht weiter. Durch Südostasien zog er bereits zwei Jahre, die Jahre zuvor war er in im Himalaya unterwegs gewesen. Wir mochten uns beide auf Anhieb. Mich wunderte, mit welcher Selbstverständlichkeit er Fotos von den Einheimischen schoss. Ich fragte ihn, ob er als Fotograf nicht fragen müsse. Er grinste mich breit an. „Du als gebräunte Langnase, Ja, ich kleiner alter Inder nicht.“ Damit war auch das geklärt. Du kannst selbst aufgeschlossen sein, wie Du willst. Selbst wenn Rassismus nicht einmal in Deinem Sprachschatz vorkommt, haben andere soviel Porzellan zerschlagen, dass Du aus der Nummer nicht heraus kommst. Hunderte Jahre Kolonialismus alter Machart und der Tourismus, nebst der Konzerne aus dem Westen, lassen sich nicht übergehen. Die Chinesen und Koreaner, deren Gebaren, letztere lernte ich in der Mongolei kennen, nicht weniger bedenklich ist, fahren grinsend im Fahrwasser. Und auch wenn sie als Ausbeuter in Laos bei der Bevölkerung nicht gelitten sind, die westlichen Touristen bleiben, was sie waren, Kolonialisten. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich ihre Meinung aufgrund von Beobachtungen teile. Es ist diese aufgesetzte Freundlichkeit, die niemals auf Augenhöhe stattfindet.

Mit Geld in der Tasche sieht das Leben immer anders aus. Desto weniger sich dort befindet, um so näher kommt man sich. Der überwiegende Teil der Menschen auf diesem Planeten hat kein Geld in der Tasche. Und wer welches braucht, kann sich dies nur in wenigen Regionen mit warmer Luft verdienen, sondern muss dafür etwas tun. Da liegt häufig der Unterschied. Menschen, die dies wissen, begegnen sich anders. Nicht immer freundlich, aber auf Augenhöhe. Rassismus wird in Deutschland in der Regel von Leuten zum Thema gemacht, die selbst einen privilegierten Status besitzen. Die wirklich Betroffenen haben niemand, der für sie spricht. Wer bei uns kein Geld in der Tasche hat, ist eine arme Sau. Kommen noch Hygieneproblem dazu, also wenn die Bahn abwärts richtig glitschig wird oder das Gehirn längst gnadenvoll abgeschaltet hat, wird es noch übler. Aber wenn Du aus einem fernen Land kommst, bist Du richtig gekniffen. In einem späteren Kapitel werde ich dazu noch einiges schreiben. Was will man machen? Hunger bleibt Hunger, Müdigkeit bleibt Müdigkeit, und Dein Kopf bleibt der eines Menschen. Ich möchte bereits hier betonen, dass ich alles, was ich vorher zu diesem Thema dachte, unterwegs gründlich veränderte.

Letztens stand ich in Berlin in einer Fußgängerzone. Dort trieb sich ein abgerissen aussehender Obdachloser herum, der sich auf einer Krücke stützte. Woher er kam, war schlecht erkennbar. Rumänien? Bulgarien? Jedenfalls versuchte er bettelnd das Obdachlosen – Magazin „Motz“ zu verkaufen. Dabei geriet er mit einem Blumenhändler aneinander, der ihn ansatzlos harsch anging. „Zwei Meter Abstand! Yallah, verpiss Dich!“ Immerhin hatte der arme Kerl eine Maske auf. Vermutlich seit Wochen Wochen die gleiche, aber dafür konnte er nichts. Während des Geschehens hatte ich Blickkontakt mit einem Mann, der es sich mit einigen Bieren auf einer Bank bequem gemacht hatte. Laut sagte ich zu ihm: “Menschen, warum machen sie, was sie machen? Weil sie es können!”

Der Mann auf der Bank nickte. “Ist doch eine arme Sau, sein Leben ist hart genug, da muss man dem doch keine Kante geben. Der läuft hier halt ein wenig herum, tut doch niemanden etwas. Hast Du Feuer?”
Ich suchte in meinen Taschen und fand eine Schachtel Streichhölzer. Eine alte Angewohnheit, weil Streichhölzer eben nicht ausschließlich für Feuer nützlich sind, sondern damit viele kleinere Probleme gelöst werden können. Eben aus jenem Grund packe ich die abgebrannten Hölzer wieder zurück in die Schachtel. Allerdings mit dem Nebeneffekt, dass ich den Überblick verliere, ob noch welche zum Anzünden übrig sind. In der Schachtel befand sich nur noch eins.
„Hier, aber es ist nur noch eins da.“
“Dann gib mir doch Deine Zigarette!“, sagte der Mann.

Die Pandemie bringt uns Menschen regelmäßig in Dilemma. Ähnliches erlebte ich schon in den 80ern. Damals kam Aids auf und manche Kollegen weigerten sich Beschuldigten oder in der Zelle sitzenden ohne Gummihandschuhe die Hand zu geben. Das Geschehen ist für alle Beteiligten eine psychologische Ausnahmesituation. Und für die Festgenommenen ist sie am unangenehmsten. Wenn mir dann auch noch jemand die Hand mit einem Gummihandschuh gibt, kam dies einer zusätzlichen Demütigung gleich. Heute ist das anders, weil es die Menschen gewohnt sind. Sicherlich kommt es auch darauf an, mit wem man es zu tun hat. Aber wenn das einzig Schlimme, was ein Mensch getan hat, der Konsum einer Droge ist. Aids war zu dieser Zeit ein Stigma und mit dem eher unsinnigen Handschuh wurde es nicht besser. Jedenfalls gab ich dem Mann die Zigarette, theoretisch mit der Gefahr mich einer Ansteckung auszusetzen. Und damit nicht genug, der Mann mit der “Motz” hob mir meinen heruntergefallenen Kopfhörer auf.

Ich kaufte einem Einheimischen, dem Herrscher der Kühltruhe, vier Beerlao ab und sah mich im hinteren Bereich des Boots um. Dort fand ich den „Großen“. Er saß lässig auf der Reling und rauchte eine Zigarette. Ich behielt ein Bier, bot ihm eins an und gab die beiden anderen zwei Wanderarbeitern, die in der Nähe saßen. Der „Große“ hieß Michael und kam aus einer Bergregion in Tschechien. Wir beantworteten uns die üblichen Fragen. Woher? Wie lange? Nächste Station? Michael, hatte den beinahe schon klassischen Fehler gemacht, zu früh nach Hause zu kommen. Nach gerade Mal einem Monat Ehe reagierte er aus Sicht seiner Frau kleinlich und zog los. Ich erwähnte das Gestaltgebet bereits. Michael, ohnehin von der Statur eines American – Football Spielers, wirkte unter den viel kleineren Laoten wie ein Riese. Mehr Fremdkörper als er konnte man in diesem Laderaum nicht sein. Er bot mir eine Zigarette an.
„Marlboro?“, fragte ich. Die meisten rauchten die günstigeren asiatischen Marken.
„Du doch auch!“, antwortete er grinsend. „Ist mir sofort aufgefallen. Womit klar war, dass Du entweder Ami oder Deutscher bist.“
„Aber Du bist Tscheche!“
„Tscheche, Pole, Deutscher, wo ist da der Unterschied? Wie lange bist Du unterwegs?“
Ich erzählte ihm von meinem Trip mit der Transsibirischen Eisenbahn, China und Thailand. Er selbst war erst in Australien, Indonesien und Bali gewesen.
„Kennst Du Luan Prabang?“, fragte er.
„Ein wenig, ich war vor drei Jahren drei Tage dort. Reicht nicht zum Kennen, aber immerhin weiß ich in etwa, wo ich hin will.“
„Das ist gut. Dann sollten wir dort nach der Ankunft ein Bier trinken.“

Die Fahrt führte über Stunden durch die dramatische Landschaft des Nordens. Ab und zu tauchten Meilensteine auf, die die Franzosen in der Kolonialzeit aufstellen ließen. Sie taten es in der Hoffnung, die ergaunerten Waren über den Fluss in Richtung Delta transportieren zu können. Doch dabei mussten sie feststellen, dass der Mekong nicht tief genug ist. Neben den Longboats wird der Mekong im Norden von den Einheimischen mit ihren kleinen Holzbooten befahren. Hinzu kommen die Speed – Boats. Kleine lebensgefährliche Höllenmaschinen, die absolut nicht zu empfehlen sind. Die luxuriöseste, und damit kostspieligste Variante, sind die Hotelschiffe. Wer sich nochmals in die Kolonialzeit zurückversetzen lassen will, kann eine zweiwöchige Tour buchen. Die Holzschiffe verfügen über alles, was es für eine Flusskreuzfahrt braucht. Dachterrassen, uniformierte Kellner, die einem Cocktails und angepasstes Essen bringen und bequeme Schlafkojen. Wer Luxus benötigt, findet ihn in Laos überall. Nur ist es nicht das Laos der heutigen Zeit, sondern jenes aus der Kolonialzeit. Das sind die vier Themen die einem kritischen Reisenden in Laos beschäftigen. China, als die neue Kolonialmacht, die alte Kolonialgeschichte, Laos als Schwellenland, und wenn man Europäer ist, der Rassismus, ohne dem weder Kolonialismus, noch der Vietnam Krieg stattgefunden hätte.

Ich setzte mich wieder zu Eddy und setzte meine Unterhaltung mit ihm fort. Zu Indien gibt es den Spruch: „Entweder man hasst Indien oder man liebt das Land über alles, dazwischen gibt es nichts.“ Dabei existiert dieses eine Indien gar nicht. Immerhin ist die Rede von einem Subkontinent, auf dem unzählige Ethnien, mit unterschiedlichen Sprachen in unterschiedlichsten Lebensräumen mit ihren speziellen Anforderungen leben. Ich frage mich immer wieder, wie Herrscher, zum Beispiel der legendäre Ashoka die Kontrolle und Übersicht behielten. Mit unserem Verständnis des Regierens hatte dies bestimmt nichts zu tun. Staaten wie Indien sprengen die Vorstellungswelt eines Mitteleuropäers. Auch wenn Indien, China, Russland, die U.S.A. rein theoretisch Nationalstaaten sind, orientieren sich die Bewohner an Regionen. Wohlgemerkt ist mir dies auch in kleineren Staaten begegnet. Nämlich immer dann, wenn unterschiedliche Ethnien irgendwie innerhalb der künstlichen bunten Linien auf einer Landkarte zusammenleben müssen.
Es ist spannend sich mit Menschen aus diesen Ländern zu unterhalten und den Kontrast kennenzulernen. Staatsgrenzen, nationale Zugehörigkeit haben bei denen einen völlig anderen Stellenwert.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, an denen festzustellen ist, dass eins der größten Probleme unserer Zeit, in der Expansion der mitteleuropäischen Staaten während des 19.- 20. Jahrhunderts, liegt. Wenn ein oder eine Deutsche in ein indisches Restaurant geht, stellt kaum einer die Frage, aus welcher Region der Besitzer kommt. Es ist halt ein Inder. Das sich dieser, weil er aus dem Norden kommt, nicht mit einem aus dem Süden unterhalten kann und eine komplett andere Küche favorisiert, ist dem deutschen Gast vollkommen egal. Dabei hat er im übertragenen Sinne bei einem Hamburger eine spanische Paella bestellt. Hardcore sind diejenigen, welche beim Vietnamesen Sushi bestellen. Selbst bei Amerikanern wird es kompliziert. Was hat einer aus Philadelphia mit einem Texaner zu tun? Vielleicht noch so etwas wie eine Idee, was die Vereinigten Staaten ausmacht. Dies könnte eine richtungsweisende Betrachtung sein. Eddy sagte mir, dass es die zentrale Aufgabe jeder indischen Regierung sei, die vielen Religionen und Ethnien unter einen Hut zu bekommen. In diesem Zusammenhang erklärte er mir auch, dass Europäer seiner Meinung nach eine vollkommen falsche Sicht von Mahatma Gandhi hätten. Gandhi stand für die Unabhängigkeit, die seiner Kaste die Macht im Land verschaffte, jedoch war nicht der Heilsbringer bei der Überwindung des Kastenwesens bei den Hindus. Viele der Unberührbaren hatten unter der Kolonialherrschaft einen besseren Stand, als sie mit der Unabhängigkeit bekamen. Auch Mutter Theresa war nicht ohne. Wer sich dem Christentum und seiner Machtstruktur fügte, war willkommen, andere eher nicht. Ein Faktor der gern übersehen wird. Religionen sind häufig Machtstrukturen, in denen die Mächtigen achtsam sind, dass sich diese nicht verändern. Eddy erzählte mir die Geschichte einer Taxifahrt. Wie es in vielen Ländern nicht unüblich ist, lud er den Fahrer wegen der langen Tour zum Essen ein. Beim Gespräch stelle sich heraus, dass sich der Fahrer einen anderen Namen zugelegt hatte, weil sein anderer auf seine Kastenzugehörigkeit zu den Unberührbaren hingewiesen hätte. Wie auch immer er es geschafft hatte, aber der Mann hatte in England studiert, konnte aber trotzdem nur als Taxifahrer arbeiten.

Eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang landeten wir in Pakbeng. Ein wirklich übler Ort, der ein wenig etwas von einem Piratennest hat. Ich hatte dort schon einmal eine Nacht verbracht und konnte auf die Erlebnisse des ersten Besuchs verzichten. Damals war ich zusammen mit einem Freund in einer Art Restaurant gelandet. Mal abgesehen davon, dass wir kaum Bargeld dabei hatten, wirkten die allesamt mit Generatoren betriebenen Läden nicht gerade vertrauenswürdig. Am Ende der Sandpiste fanden wir später tatsächlich einen ebenfalls mit einem Generator versorgten ATM. Auf der Suche nach einer Toilette geriet ich auf eine Art Hinterhof mit zwei baufälligen Schuppen. Ich entschied mich für den linken der beiden. Im Schein meiner Kopflampe erkannte ich schnell, dass ich nicht in einer Toilette, sondern in einem Zwischendepot für Opium gelandet war. Die in der Ecke liegenden grau – grünen Pakete in der Größe von Backsteinen kannte ich nur zu gut. Schleunigst verdünnisierte ich wieder. Ich glaube nicht, dass der Besitzer über eine neugierige Langnase glücklich gewesen wäre.

Dieses Mal hatte ich mir ein etwas besseres Hotelzimmer gemietet. Aber mir war nicht nach Duschen. Ich wollte schnell und plötzlich ein kaltes Bier und etwas Stärkeres zu trinken haben. Unterhalb des Hotels befand sich eine Bar, die aus einem offenen Gelände, einem überdachten Bereich mit einem Billardtisch und einem viereckigen kleinen Bau mit Ausschank bestand. Der freie Bereich endete an der Böschung zum Mekong. Bereits vom Schiff aus hatte ich ein großes Schild mit der Aufschrift „Happy Bar“ gesehen. Anfangs war ich dort der einzige Gast. Die Backpacker hingen unter den Duschen. Auf dem Gelände sprang ein Laote mit einem Rolling Stones T – Shirt herum, der lauthals rief: „Happy, Happy, Bar, I love Amerika!“ Erst befremdete mich dies, doch dann verstand ich es. Der Kerl war irgendwie mit der Secret Army verbandelt und die Amis waren damit nicht die, welche sein Land in die Steinzeit bomben wollten, sondern seine Kumpels. Dazu passte die Konstruktion des Schilds. Die beiden Pfosten bestanden aus zusammengeschweißten Kartuschen, deren Stempel aus dem Jahr 1966, meinem Geburtsjahr, zu lesen waren. Der Besitzer traute den Backpackern nicht, und stellte als Opfergabe für die Flussgeister vorsorglich zwei Cocktails auf die Mauer zur Böschung. Aber nach und nach trudelten sie alle ein.

Der mit dem T – Shirt scharte schnell eine größere Gruppe um sich und rollte gegen Bezahlung Joints. „Happy“ ist in Laos das Code – Wort für Drogen. Man sollte dies wissen, bevor man sich eine Happy Pizza oder einen Happy Cocktail bestellt. Nach einer ganzen Weile trafen auch Mischa und Eddy ein. Gemeinsam setzten wir uns an einen langen Holztisch und bestellten zum Bier eine Flasche Johnny Walker, immerhin „Black Label“ dazu. Schnell lockten wir damit drei Französinnen an. Mischa begann schon kurze Zeit später, mit einer von ihnen heftig zu flirten. Eddy und ich wirkten wohl eher, was auch unser Plan war, abweisend. Mir fällt dazu immer die Berliner Band „Knorkator“ mit dem Song „Alter Mann“ ein. Aus der einen oder anderen Affäre kann man sich getrost heraushalten. „Freebird“, von Lynnyrd Skynnyrd passt auch gut. Wer sich entschieden hat, alles hinter sich zu lassen und von einem Ort zum anderen zu gehen, sollte von Frauen die Finger lassen.

Mischa’s Rechnung ging nicht auf. Die junge Dame entpuppte sich als echter Schluckspecht. Der Reiz ging mehr von der Flasche, denn von ihm aus. Zum Ende hin waren wir die letzten Gäste. Der Tscheche war unschlüssig, ob er die torkelnde Französin zum Hotel bringen sollte. Eddy schaute mich an, woraufhin ich die Initiative übernahm. „Du hast sie angelockt, abgefüllt und nun bring sie sicher nach Hause, hier ist ein heißes Pflaster.“ Knurrend zog er mit ihr von dannen. Morgens hatte sich seine Laune gebessert. Ich traf ihn beim Frühstück. Diesmal hatte er sich zwei Deutsche mit ihren gekauften Begleiterinnen aus dem Norden von Thailand angelacht. Wie die Beziehungsverhältnisse ausschauten, war mir schnell klar. Beide Frauen hatten diesen Blick, welcher sich aus Verachtung, Ekel, Hoffnungen und zur Schau gestellter Demut, zusammensetzt. Jeder, der wie ich lange Jahre das Rotlichtmilieu kennengelernt hat, weiß, dass nicht die Ehre der Prostituierten Schaden nimmt, sondern wenn schon, dann die des Freiers. Er ist es, der für etwas bezahlt, was er anders nicht bekommt, nicht sie. Solange sich alles unter Erwachsenen abspielt, auch wenn die Typen die Notlage ausnutzen, kann ich die Zähne zusammenbeißen. Wenn Kinder betroffen sind, die in vielen Ländern nicht lange Kind sein dürfen, werde ich ungehalten. Thailand schob dem Unwesen der Pädophilen unlängst einen Riegel vor, woraufhin die nach Kambodscha ausgewichen sind. Ein Umstand, der mich in der Hauptstadt noch wütender machte, als ohnehin schon. Die Jugend, welche den Horror der Roten Khmer überlebte, versucht ein Leben zu gestalten und prompt erscheinen diese Widerlinge auf der Bildfläche. Von alldem wollen die „Deutschtümler“ nichts wissen. Mischa entging nicht, wie sich über mein Gesicht eine Maske legte und fand eine Ausrede, die uns schnell von dem Tisch wegbrachte. Gemeinsam gingen wir zum Boot und sammelten unterwegs den Inder ein.

Für den zweiten Tag hatten sie ein kleineres Boot bereitgestellt, wodurch nicht für jeden ein Platz vorhanden war. Wir drei bekamen noch zwei hintereinander stehende Bänke. Mischa hatte in sich wieder den Gentleman, oder besser den Optimisten entdeckt, der sich doch noch Hoffnungen machte, jedenfalls nahm er sich vor, den Platz neben sich freizuhalten. Nur war aber weit und breit nichts von der Französin zu sehen. Je mehr sich das Boot füllte, um so unruhiger wurde er. Mehrfach fragte er Eddy und mich, was wir tun würden. Womit er bei uns beiden zur Unterhaltung beitrug. Eddy meinte: „Tja, mein junger Freund, es ist die Frage wie hoch Du Deine Chance auf eine kleine Dankbarkeit einschätzt. Vielleicht bist Du aber auch einfach Mensch. Jedenfalls, passiert nichts Schlimmes. Das nächste Boot kommt mit Sicherheit.“ Ich war auch nicht hilfreich. Mein Kommentar lautete: „Sie ist erwachsen, als Backpackerin unterwegs und Eddy hat nicht Unrecht, wenn er meint, dass ein anderes Boot kommen wird. Du musst selbst wissen, ob Du auf Ihr Spiel einsteigst oder nicht. Entweder sie lernt, dass man unterwegs auf sich alleine gestellt ist oder auch hier immer einen Dummen findet.“ Der arme Kerl war hin – und hergerissen. Mit einer nicht gerade freundlichen Bezeichnung für Eddy und mich, irgendetwas mit alt und einem Tier, sprang er auf. Verzweifelt sah er mich an. „Passt Du darauf auf, dass die nicht ohne mich losfahren?“ Ich zeigte mich von meiner guten Seite. Dabei erkannte ich noch nicht das wirkliche Problem. Jetzt war die Bank vor uns frei. Dies entging nicht zwei Niederländerinnen und ihren drei Begleitern. Wütend und mit harschem Ton beanspruchten sie den Platz. Plötzlich war ich für Eddy in der Rolle des Entertainers. Ich hatte gegen die ungeschriebenen Gesetze verstoßen und musste nun zusehen, wie ich damit klarkomme. Kurz bevor alles eskalierte, tauchte Mischa mit der Französin auf. Mit seinem Körperformat wollten sich die drei Niederländer nicht anlegen und fügten sich in den Verlust der ersten Runde. Die zweite sollte noch kommen. Ihre Gruppe hatte eine klassische Zusammensetzung. Eine der jungen Frauen hatte das Kommando und hielt die drei Kerle gerade so auf Abstand, dass ihnen die letzte Hoffnung nicht genommen wurde. Ihre Freundin war die intelligentere, aber weniger attraktive Begleiterin. Zwei der Typen waren sehr jung und einer dominierte sie, in dem er sich besonders lässig, aber trotzdem die Initiative ergreifend gab. Nach zehn Minuten der Ruhe fauchte er mich an, dass ich doch wenigstens der stehenden jungen einheimischen Mutter mit ihrem Baby meinen Platz anbieten solle. Er selbst hatte es sich auf der Kühltruhe bequem gemacht.

Gern hätte ich der Frau den Platz überlassen, aber zu diesem Zeitpunkt wäre dies ein absoluter Affront gewesen. Neben ihr stand ihr Mann und es wäre ihr nicht möglich gewesen, mein Angebot anzunehmen. Nach einer Weile Fahrt sah das anders aus. Ich setzte auf die Karte, dass die meisten Niederländer ganz gut Deutsch verstehen und sprach mit dem Heißsporn ein ernstes Wort in Deutsch. Das klappte und es trat endlich Ruhe ein. Eine Stunde später standen Eddy und ich, die junge Mutter und ein sehr müder Wanderarbeiter bekamen unsere Plätze. In dieser Zeit schlief die Französin ihren restlichen Rausch aus. Danach verschwand sie ans Heck, wo sich zwei Kanadier eine Flasche Mekong – Whisky teilten. Mischa sah sie nie wieder. Ein Umstand, der ihm von Eddy und mir noch mehrfach unter die Nase gerieben wurde. Der Mekong wurde etwas breiter und am zuvor vereinsamten Ufer tauchten ab und zu Menschen, Dörfer, Fischerboote und Elefantentreiber mit ihren Tieren, auf. Erstmalig fragte ich mich, wie sehr die wilden Elefanten, Affen und anderen Kreaturen unter den Bombardierungen und dem Einsatz von Agent Orange gelitten haben mussten. Über das Schicksal der Flora und Fauna während eines Krieges unter Menschen redet seltsamerweise keiner. Allerdings weiß ich von Gebieten in Kroatien, die wegen der Minengebiete zu Naturparadiesen wurden, weil die Tiere das TNT riechen können.

Vermutlich kennt in meinem Alter jeder den Film Apokalypse Now. Meiner Meinung nach fehlt ihm das asiatische Pendant. Auch wenn es ein Anti – Kriegsfilm ist, erzählt er die Geschichte nur aus der Sicht der Amerikaner. Zugegeben in beeindruckender Art und Weise. Der Monolog des Colonel Kurtz hat sich bei mir eingebrannt. „Ich habe das Grauen gesehen!“ Er sagt noch etwas für mich Bedeutendes. Wie ein gefallener Buddha sitzt er in einer dunkeln Ecke der Ruinenstadt im Dschungel und erzählt dem Offizier, der ihn liquidieren soll, von der Verlogenheit der Leute in Amerika. Die jungen GI’s dürften und sollen mit Bomben töten, aber wenn sie „Fuck You Charly“ auf die Bomben schrieben, würden als unmoralisch verurteilt. Bis heute, hat sich das nicht geändert. Ich erinnere mich an den Aufschrei, als Bundeswehrsoldaten, fast noch Jugendliche, in Afghanistan mit alten im Sand gefundenen Schädeln Fußball spielten. Auch an all diese Geschichten und Erinnerungen dachte ich beim Anblick des Dschungels, der die linke und rechte Seite des Mekongs säumte. In einer mehrteiligen Reportage sagte ein amerikanischer Veteran des Vietnam – Kriegs: “ ‚Nam hat nicht gezeigt, wozu der Mensch fähig ist, ‚Nam hat gezeigt, was der Mensch ist. Ein intelligentes bösartiges Raubtier, welches sich mit diesen Eigenschaften an die Spitze gesetzt hat.“ Eine bedenkenswerte Aussage. In etwa, als wenn man sich einen großen Hund ansieht, der treu brav vor der Couch liegt. Wenn er will, wird er zum Raubtier, alle Anlagen sind da. Ich bin mit Neufundländern aufgewachsen. Die sehen aus wie gutmütige schwarze Schafe. Aber die können, wenn sie wollen ganz anders. Das ist der Mensch. Wenn er sein Gehirn nicht einschaltet und seinen Trieben freien Lauf lässt, wird er zur Bestie, gegen den nicht einmal 75 kg Hund eine Chance hat.

Dieses Mal war es bei der Ankunft später Nachmittag. Ich hatte noch nichts gebucht und wollte mich umsehen. Eddy bot mir an, ihn in sein Hostel zu begleiten. Ein Zimmer gab es nicht, aber dafür eine Bambushütte im Garten. Mischa hatte wieder einmal Pech. Er hatte sich ein Hostel auf der zur gegenüberliegenden Seite der Altstadt ausgesucht, die normalerweise mit einer Bambusbrücke mit der anderen Seite verbunden. Doch war diese leider das Opfer eines Hochwassers geworden, sodass er eine lange Strecke bis zur nächsten Brücke zurücklegen musste. Und wie immer ist daran vermutlich der Klimawandel schuld. Südostasien erlebt seit längerem eine Verschiebung der Regenzeiten und vor allem werden sie immer heftiger. Die Wasserwege, das ursprüngliche laotische Verkehrsnetz, ist durch den Bau von Staudämmen überall unterbrochen worden, weil die laotische Regierung beschlossen hat, zur Batterie von Südostasien, also eigentlich von China, zu werden. Der Verkehr weicht auf die maroden Straßen aus. Wie ich später feststellen musste, werden die im Norden immer häufiger unterspült und sie kommen mit den Reparaturen nicht hinterher. Ein echtes Schienennetz existiert nicht und der Neubau der Chinesen, ist eine Einbahnstraße, auf der Holz nach China transportiert wird.

An den folgenden Tagen erkundeten wir den alten Teil von Luan Prabang, einem Weltkulturerbe. Er ist geprägt von alten Tempeln, der älteste ist Wat Xien Thon (1559 – 1560), der von den Zerstörungen einfallender chinesischer Banden im Jahr 1887 verschont blieb. Hinzu kommen die alten Kolonialbauten der Franzosen, die sich zusammen mit den Engländern Anfang des 19. Jahrhunderts in Südostasien breit machten und der alte Königspalast des 1975 abgesetzten Königs. Wenn man Luan Prabang kulturell verstehen will, muss man eine Menge lesen, und sich mit den vielen verschiedenen Völkern auseinandersetzen, die sich auf dem Gebiet Südostasiens Jahrhundertelang gegenseitig bekämpften, bis sie sich sortiert hatten. Im Prinzip, als wenn nach dem Fall von Byzanz, Thailänder, Chinesen, Japaner, gewaltsam in Mitteleuropa eingedrungen wären und nach eigenen Vorstellungen Grenzen gezogen hätten. Ein wenig holen sie dies jetzt ohne Gewalt nach. Heute lassen sich nicht mehr europäische Kolonialisten auf Elefanten fotografieren, sondern Japaner mit Rentnern vor Schwarzwalduhren und Chinesen mit Frauen im Dirndl beim Oktoberfest. Ich gebe zu, soweit reicht mein Interesse ans Altertum, also die Zeit weit vor der Kolonialisierung, nicht. Mir reichen die Wochen, in denen ich versuchte den Vietnamkrieg zu verstehen. Ich glaube verstanden zu haben, dass sich die Vietnamesen von den Franzosen befreien wollten, die Amerikaner erst dabei Hilfe zusagten, dann aber einen Rückzieher machten, weil die Franzosen, die ihre Volkswirtschaft in Gefahr sahen, intervenierten. Das bekamen die Kommunisten spitz und das Desaster nahm seinen Lauf. Unter dem Strich, dass was im 20. Jahrhundert eigentlich immer passierte. Einige beuteten ungerechtfertigt und arrogant andere aus, die wehrten sich, und dann knallte es. Verkauft wurde es stets als Kampf zwischen zwei Ideologien, dem Kapitalismus und dem Kommunismus. Ich gebe zu, dies ist eine sehr vereinfachte Version. Doch eins ist doch immer der Fall: Jeder der Beteiligten erzählt die Geschichte anders. Die glaubwürdigste stammt vom naiven Dorftrottel, der nicht verstand, warum ihm sein Dach über dem Kopf von unterschiedlichen Soldaten abgefackelt wurde. Nun, Fehler passieren, aber warum machen die immer weiter? Mir ist das vollkommen egal, wer da gerade mit wem und warum, wenn sie mein Feld, meine zwei Ochsen und meine Bude in Ruhe lassen. Aber um als „Westerner“ so denken zu dürfen, muss man schon einen sehr entlegenen Winkel der Erde finden. Aus Berichten heraus weiß ich, dass Nepal und Tibet ausscheiden.

Laotische Märkte sind ein Ereignis für sich. Doch richtig interessant wird es erst, wenn Touristen auftauchen. Was passiert da in den Köpfen? Frauen und Männer sitzen vor den angepriesenen Nahrungsmitteln. Neben einer Unmenge Kräuter und Gewürzen, auch Sachen, die eher weniger auf Märkten der „zivilisierten“ Welt auftauchen. Lebende Hühner in Käfigen, gerupfte Singvögel, tatsächlich auch Fledermäuse, Insekten, ganze Schweine – und Kalbsköpfe, lebende Fische aus dem Fluss, zuckende Flussgarnelen, schwer identifizierbare Tiere, befinden sich entweder auf Tischen oder dem nackten Boden. Jetzt läuft Erna Pachulke über den Markt, die bisher nur das sterile Angebot im Discounter kennt. Dort, wo Tier, Fleisch, töten, Lebewesen, sauber voneinander getrennt sind. Und nun? Setzt da jetzt ein Gedankenprozess ein oder ist es das wohlige Gefühl, entsprechend dem Schauen eines Horrorfilms? Ein deutscher Bauer wird damit die geringsten Probleme haben. Ich kenne einen, der einen tollen Plan hegte. Er kaufte günstig einige Heidschnucken, die er dann gewinnbringend an den Schlachter verkaufen wollte. Die Rechnung wäre aufgegangen, wenn nicht seine Kinder jedem Tier einen Namen gegeben hätten. Berta, Heidi, und ihre Schwestern werden eines Tages an Altersschwäche sterben. Wer Fleisch essen will, muss auch töten können. Dieses Fleisch konsumieren, aber es nur nett angerichtet beim Discounter zu kaufen, dabei alles was dazu gehört auszublenden, ist Teil vieler Probleme und signifikant für westliche Industriegesellschaften. Kaufen und wieder Wegwerfen, Fressen, Trinken, bis der Arzt kommt, aber niemand will Näheres über die Hintergründe wissen.

Trieben wir uns nicht in der Stadt herum, saßen wir in den Cafes und sinnierten über den Zustand der Welt, Musik, Filme und Literatur. Der arme Mischa hatte, schon weil er deutlich jünger war, diverse Lücken und notierte sich ständig Titel, die es für ihn noch abzuarbeiten galt. Eddy machte sich oft einen Spaß daraus. Dann sagte er Sachen wie: „Am Ende läuft es doch auf – Rosebud – hinaus!“ Ich grinste und buchstabierte für Mischa den Titel. „Citizen Kane“, mehrfach zum besten Film aller Zeiten gekürt.“ Die gemeinsamen Tage verstrichen recht kurzweilig. Ich musste in meiner Garten – Hütte feststellen, dass die Morgen in den Bergen frisch sein können. Deshalb suchte ich nach einer Alternative. Fündig wurde ich direkt am Mekong. Ein zum Hotel umgebautes altes Kolonialgebäude mit einer Terrasse, von der aus ich auf den Fluss schauen konnte. Betreut wurden die wenigen Zimmer von einem jungen Laoten mit dem Namen Yong, einer Frau, die täglich reinigte und einer, die ich für die Schwester des jungen Mannes hielt. Yong fasste schnell Vertrauen in mich. Mehrfach bat er mich, mit meinem Smartphone Papiere zu fotografieren und sie ihm zuzusenden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass dort und auch in diversen anderen Ländern, gefälschte Telefone im Umlauf sind, die gerade mal eine Telefonverbindung herstellen können. Häufig ist nicht drin, was es nach Außen zu sein scheint.

Zwei Tage nachdem ich mich einquartiert hatte, tauchten zwei schräge Typen auf. Ein mindestens 2 Meter messender Chinese mit seinem Kumpanen, auch Chinese, aber kleinwüchsig. Wenn die beiden vor dem Hotel saßen, wirkten sie wie zwei Mitglieder der Triaden, die auf einen Auftrag warteten. Und ich will nicht ausschließen, dass diese Vermutung genau ins Schwarze traf.

Eines Abends luden sie mich zum Bier ein. Ich merkte schnell, dass sie sich, warum auch immer, in den Kopf gesetzt hatten, mich abzufüllen. Zwei Asiaten gegen einen deutschen Ex – Kommissar. Das Ergebnis stand bereits mit dem ersten Bier fest. Zehn Bier später hatten die beiden die Idee, sich zwei Prostituierte kommen zu lassen. Prostitution ist in Laos strafbar, besonders bei Ausländern sind die Behörden ziemlich humorlos. Jeglicher Sex eines Ausländers mit einer Laotin, ohne Trauschein, führt auf dem direkten Weg zu Problemen, es sei denn, man kommt aus China. Zehn Minuten nach der Bestellung fuhr ein Typ mit einem Scooter, auf dem Sozius zwei blutjunge Frauen, vor. Yong erklärte mir, dass die beiden versuchten den Preis zu drücken, woraufhin der Zuhälter mit samt seinen Frauen wieder abfuhr. Ich beschloss das Desaster ein wenig abzukürzen und bestellte für uns alle Reis – Wodtka. Es dauerte ab da nicht mehr lange, bis der Riese die Straße heruntertorkelte und bis zum Morgen nicht mehr zu sehen war. Sein zwergenhafter Kumpel, landete erst im Mekong und legte sich dann in ein Boot, um seinen Rausch auszuschlafen. Ich sah beide erst am Mittag des folgenden Tages wieder. Die Gesichter sprachen Bände.

Mischa und Eddy waren weiter gezogen. Also spazierte ich alleine durch die Gegend. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als ich am Straßenrand einen grün – weißen VW Bus Baujahr 1972 mit Schweizer Kennzeichen stehen sah. Konnte es sein, dass die Besitzer von dort bis nach Laos gefahren waren? Kaum vorstellbar, aber wie sich herausstellte, hatten sie es tatsächlich getan. Marie und Urs, ein junges Paar aus Bern, befanden sich auf ihrem Traumtrip. Wie Urs zu sagen pflegte, waren sie durch alle bösen Länder mit „an“ am Ende des Landesnamen gefahren und befanden sich jetzt im letzten Drittel ihrer Tour.

Ab dem ersten Augenblick stimmte die Chemie zwischen uns. Die beiden hatten für Luan Prabang nicht viel Zeit eingeplant, deshalb übernahm ich für sie die Rolle des Fremdenführers. Nach drei Tagen stand für sie Abreise an. Meine Zeit war auch vorbei. Ich fragte die beiden, ob sie mich ein Stück mitnehmen könnten. Zu meiner Überraschung hatten wir das gleiche folgende Ziel. Unabhängig voneinander hatten wir von einem Campingplatz in der Mitte von Laos gehört. Camping und Südostasien sind zwei Dinge, die erst einmal nicht zusammen passen. Womit das Interesse geweckt war. In Laos gibt es nicht viele große Landstraßen. An der Stelle, wo sich der Campingplatz befinden sollte, treffen alle zusammen. Ich hatte längere Zeit darüber nachgedacht, wie ich dort hinkomme. Dabei war das Hinkommen noch das geringste Problem. Ich musste nur ein Ticket für irgendein Verkehrsmittel nach Vang Vieng kaufen und mich auf halber Strecke absetzen lassen. Aber wie dort wieder wegkommen? Urs hatte von den Rebellen auf der Strecke gelesen und meinte, es wäre mit Sicherheit nicht verkehrt einen Dritten dabei zu haben. Damit war unsere gemeinsame Weiterfahrt beschlossene Sache.